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Full text of "Sämtliche Werke;"

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GOETHES 

S/EMTUCHE  WERKE 

BAND:xvn 


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GOETHES 

NATUP^ 

WISSENSCHAFTLICHE 

SCHRIFTEN 

BANDn 


\'*- 


i?%^X 


LEIPZIG 
IM  INSEL-VERIAG 


ZUKFARBENLEHRE 


1 


ANZEIGE  UND  ÜBERSICHT 

DES  GOETHISCHEN  WERKES 

ZUR  FARBENLEHRE 

[Tübingen,  in  der  J.  G.  Cottaschen  Buchhandlung.  l8lo] 

EINEM  jeden  Autor  ist  vergönnt,  entweder  in  einer 
Vorrede  oder  in  einer  Rekapitulation,  von  seiner  Ar- 
beit, besonders  wenn  sie  einigermaßen  weitläuftig  ist, 
Rechenschaft  zu  geben.  Auch  hat  man  es  in  der  neuern 
Zeit  nicht  ungemäß  gefunden,  wenn  der  Verleger  dasjenige, 
was  der  Aufnahme  einer  Schrift  günstig  sein  könnte,  gegen 
das  Publikum  in  Gestalt  einer  Ankündigung  äußerte.  Nach- 
stehendes dürfte  wohl  in  diesem  doppelten  Sinne  gelten. 
Dieses,  Ihro  Durchlaucht  der  regierenden  Herzogin  von 
Weimar  gewidmete  Werk  beginnt  mit  einer  Einleitung,  in 
der  zuvörderst  die  Absicht  im  allgemeinen  dargelegt  wird. 
Sie  geht  kürzlich  dahin,  die  chromatischen  Erscheinungen 
in  Verbindung  mit  allen  übrigen  physischen  Phänomenen 
zu  betrachten,  sie  besonders  mit  dem,  was  uns  der  Magnet, 
der  Turmalin  gelehrt,  was  Elektrizität,  Galvanismus,  che- 
mischer Prozeß  uns  offenbart,  in  eine  Reihe  zu  stellen  und 
so  durch  Terminologie  und  Methode  eine  vollkommnere 
Einheit  des  physischen  Wissens  vorzubereiten.  Es  soll  ge- 
zeigt werden,  daß  bei  den  Farben,  wie  bei  den  übrigen 
genannten  Naturerscheinungen,  ein  Hüben  und  Drüben, 
eine  Verteilung,  eine  Vereinigung,  ein  Gegensatz,  eine  In- 
differenz, kurz  eine  Polarität  statthabe,  und  zwar  in  einem 
hohen,  mannigfaltigen,  entschiedenen,  belehrenden  und 
fördernden  Sinne.  Um  unmittelbar  zur  Sache  zu  gehen, 
so  werden  Licht  und  Auge  als  bekannt  und  anerkannt  an- 
genommen. 

Das  Werk  teilt  sich  in  drei  Teile,  den  didaktischen,  pole- 
mischen und  historischen,  deren  Veranlassung  und  Zu- 
sammenhang mit  wenigem  angezeigt  wird. 

Didaktischer  Teil 

Seit  Wiederherstellung  der  Wissenschalten  ergeht  an  ein- 
zelne Forscher  und  ganze  Sozietäten  immer  die  Forderung: 
man  solle  sich  treu  an  die  Phänomene  halten  und  eine 
Sammlung  derselben  naturgemäß  aufstellen.  Die  theore- 


lo  ZUR  FARBENLEHRE 

tische  und  praktische  Ungeduld  des  Menschen  aber  hin- 
dert gar  oft  die  Erreichung  eines  so  löblichen  Zwecks. 
Andere  Fächer  der  Naturwissenschaft  sind  glücklicher  ge- 
wesen als  die  Farbenlehre.  Der  einigemal  wiederholte  Ver- 
such, die  Phänomene  zusammenzustellen,  hat  aus  mehreren 
Ursachen  nicht  recht  glücken  wollen.  Was  wir  in  unserm 
Entwurf  zu  leisten  gesucht,  ist  Folgendes. 
Daß  die  Farben  auf  mancherlei  Art  und  unter  ganz  ver- 
schiedenen Bedingungen  erscheinen,  ist  jedermann  auf- 
fallend und  bekannt.  Wir  haben  die  Erfahrungsfälle  zu 
sichten  uns  bemüht,  sie,  insofern  es  möghch  war,  zu  Ver- 
suchen erhoben  und  unter  drei  Hauptrubriken  geordnet. 
Wir  betrachten  demnach  die  Farben,  unter  mehreren  Ab- 
teilungen, von  dQxphysiologischen,physischen  und  chemischen 
Seite. 

Die  erste  Abteilung  uTCÄdiQi  d\t  physiologischen,  welche  dem 
Organ  des  Auges  vorzüglich  angehören  und  durch  dessen 
Wirkung  und  Gegenwirkung  hervorgebracht  werden.  Man 
kann  sie  daher  auch  die  subjektiven  nennen.  Sie  sind  un- 
aufhaltsam flüchtig,  schnell  verschwindend.  Unsere  Vor- 
fahren schrieben  sie  dem  Zufall,  der  Phantasie,  ja  einer 
Krankheit  des  Auges  zu  und  benannten  sie  darnach.  Hier 
kommt  zuerst  das  Verhältnis  des  großen  Gegensatzes  von 
Licht  und  Finsternis  zum  Auge  in  Betrachtung;  sodann  die 
Wirkung  heller  und  dunkler  Bilder  aufs  Auge.  Dabei  zeigt 
sich  denn  das  erste,  den  Alten  schon  bekannte  Grundgesetz: 
durch  das  Finstere  werde  das  Auge  gesammlet,  zusammen- 
gezogen, durch  das  Helle  hingegen  entbunden,  ausgedehnt. 
Das  farbige  Abklingen  blendender  farbloser  Bilder  wird  so- 
dann mit  seinem  Gegensatze  vorgetragen;  hierauf  die  Wir- 
kung farbiger  Bilder,  welche  gleichfalls  ihren  Gegensatz 
hervorrufen,  gezeigt  und  dabei  die  Harmonie  und  Tota- 
lität der  Farbenerscheinung,  als  der  Angel,  auf  dem  die 
ganze  Lehre  sich  bewegt,  ein-  für  allemal  ausgesprochen. 
Die  farbigen  Schatten,  als  merkwürdige  Fälle  einer  solchen 
wechselseitigen  Forderung,  schließen  sich  an;  und  durch 
schwachwirkende  gemäßigte  Lichter  wird  der  Übergang 
zu  den  subjektiven  Höfen  gefunden.  Ein  Anhang  sondert 
die  nah  verwandten  pathologischen  Farben  von  den  phy- 


ANZEIGE  UND  ÜBERSICHT  ii 

siologischen;  wobei  der  merkwürdige  Fall  besonders  zur 
Sprache  kommt,  daß  einige  Menschen  gewisse  Farben  von- 
einander nicht  unterscheiden  können. 
Die  zweite  Abteilung  TCiz.chi  uns  nunmehr  mit  dtn physischen 
Farben  bekannt.  Wir  nannten  diejenigen  so,  zu  deren  Her- 
vorbringung gewisse  materielle  aber  farblose  Mittel  nötig 
sind,  die  sowohl  durchsichtig  und  durchscheinend  als  un- 
durchsichtig sein  können.  Diese  Farben  zeigen  sich  nun 
schon  objektiv  wie  subjektiv,  indem  wir  sie  sowohl  außer 
uns  hervorbringen  und  für  Gegenstände  ansprechen,  als 
auch  dem  Auge  zugehörig  und  in  demselben  hervorgebracht 
annehmen.  Sie  müssen  als  vorübergehend,  nicht  festzu- 
haltend angesehen  werden  und  heißen  deswegen  apparente, 
flüchtige,  falsche,  wechselnde  Farben.  Sie  schließen  sich 
unmittelbar  an  die  physiologischen  an  und  scheinen  nur 
um  einen  geringen  Grad  mehr  Realität  zu  haben. 
Hier  werden  nun  die  dioptrischen  Farben,  in  zwei  Klassen 
geteilt,  aufgeführt.  Die  erste  enthält  jene  höchst  wichtigen 
Phänomene,  wenn  das  Licht  durch  trübe  Mittel  fällt,  oder 
wenn  das  Auge  durch  solche  hindurchsieht.  Diese  weisen 
uns  auf  eine  der  großen  Naturmaximen  hin,  auf  ein  Ur- 
phänomen,  woraus  eine  Menge  von  Farbenerscheinungen, 
besonders  die  atmosphärischen,  abzuleiten  sind.  In  der 
zweiten  Klasse  werden  die  Refraktionsfälle  erst  subjektiv, 
dann  objektiv  durchgeführt  und  dabei  unwidersprechlich 
gezeigt:  daß  kein  farbloses  Licht,  von  welcher  Art  es  auch 
sei,  durch  Refraktion  eine  Farbenerscheinung  hervorbringe, 
wenn  dasselbe  nicht  begrenzt,  nicht  in  ein  Bild  verwan- 
delt worden.  So  bringt  die  Sonne  das  prismatische  Far- 
benbild nur  insofern  hervor,  als  sie  selbst  ein  begrenztes 
leuchtendes  und  wirksames  Bild  ist.  Jede  weiße  Scheibe 
auf  schwarzem  Grund  leistet  subjektiv  dieselbe  Wirkung. 
Hieraufwendet  man  sich  zw.  Atn  paroptischenY^x\tQ.n.  So 
heißen  diejenigen,  welche  entstehen,  wenn  das  Licht  an 
einem  undurchsichtigen  farblosen  Körper  herstrahlt;  sie 
wurden  bisher  einer  Beugung  desselben  zugeschrieben. 
Auch  in  diesem  Falle  finden  wir,  wie  bei  den  vorhergehen- 
den, eine  Randerscheinung,  und  sind  nicht  abgeneigt,  hier 
gleichfalls  farbige  Schatten  und  Doppelbilder  zu  erblicken. 


12  ZUR  FARBENLEHRE 

Doch  bleibt  dieses  Kapitel  weiterer  Unterst^chung  aus- 
gesetzt. 

Die  epoptischenYüxh^n  dagegen  sind  ausführlicher  und  be- 
friedigender behandelt.  Es  sind  solche,  die  auf  der  Ober- 
fläche eines  farblosen  Körpers  durch  verschiedenen  Anlaß 
erregt,  ohne  Mitteilung  von  außen,  für  sich  selbst  ent- 
springen. Sie  werden  von  ihrer  leisesten  Erscheinung  bis 
zu  ihrer  hartnäckigsten  Dauer  verfolgt,  und  so  gelangen 
wir  zu 

Der  dritten  Abteilung,  welche  die  chemischen  Farben  ent- 
hält. Der  chemische  Gegensatz  wird  unter  der  älteren 
Formel  von  Acidum  und  Alkali  ausgesprochen,  und  der 
dadurch  entspringende  chromatische  Gegensatz  an  Kör- 
pern eingeleitet.  Auf  die  Entstehung  des  Weißen  und 
Schwarzen  wird  hingedeutet;  dann  vonErregung  der  Farbe, 
Steigerung  und  Kulmination  derselben,  dann  von  ihrem 
Hin-  und  Wiederschwanken,  nicht  weniger  von  dem  Durch  - 
wandern  des  ganzen  Farbenkreises  gesprochen;  ihre  Um- 
kehrung und  endliche  Fixation,  ihre  Mischung  und  Mit- 
teilung, sowohl  die  wirkliche  als  scheinbare,  betrachtet, 
und  mit  ihrer  Entziehung  geschlossen.  Nach  einem  kurzen 
Bedenken  über  Farbennomenklatur  wird  angedeutet,  wie 
aus  diesen  gegebenen  Ansichten  sowohl  unorganische  als 
organi scheNaturkörper  zu  betrachten  und  nach  ihre nFarbe - 
äußerungen  zu  beurteilen  sein  möchten.  Physische  und 
chemische  Wirkung  farbiger  Beleuchtung,  ingleichen  die 
chemische  Wirkung  bei  der  dioptrischen  Achromasie,  zwei 
höchst  wichtige  Kapitel,  machen  den  Beschluß.  Die  che- 
mischen Farben  können  wir  uns  nun  objektiv  als  den  Gegen- 
ständen angehörig  denken.  Sie  heißen  sonst  Colores proprii, 
materiales,  veri,  permanentes,  und  verdienen  wohl  diesen 
Namen,  denn  sie  sind  bis  zur  spätesten  Dauer  festzu- 
halten. 

Nachdem  wir  dergestalt  zum  Behuf  unsers  didaktischen 
Vortrages  die  Erscheinungen  möglichst  auseinander  gehal- 
ten, gelang  es  uns  doch  durch  eine  solche  naturgemäße 
Ordnung  sie  zugleich  in  einer  stetigen  Reihe  darzustellen, 
die  flüchtigen  mit  den  verweilenden  und  diese  wieder  mit 
den  dauernden  zu  verknüpfen  und  so  die  erst  sorgfältig 


ANZEIGE  UND  ÜBERSICHT  13 

gezogenen  Abteilungen  für  ein  höheres  Anschaun  wieder 
aufzuheben. 

In  einer  vierten  Abteilung  haben  wir,  was  bis  dahin  von  den 
Farben  unter  mannigfaltigen  besondern  Bedingungen  be- 
merkt worden,  im  allgemeinen  ausgesprochen,  und  dadurch 
eigentlich  den  Abriß  einer  künftigen  Farbenlehre  ent- 
worfen. 

In  der  fünften  Abteilung  werden  die  nachbarlichen  Ver- 
hältnisse dargestellt,  in  welchen  unsere  Farbenlehre  mit 
dem  übrigen  Wissen,  Tun  und  Treiben  zu  stehen  wünschte. 
Den  Philosophen,  den  Arzt,  den  Physiker,  den  Chemiker, 
den  Mathematiker,  den  Techniker  laden  wir  ein,  an  un- 
serer Arbeit  teilzunehmen  und  unser  Bemühen,  die  Far- 
benlehre dem  Kreis  der  übrigen  Naturerscheinungen  ein- 
zuverleiben, von  ihrer  Seite  zu  begünstigen. 
Die  sechste  Abteilung  ist  der  sinnlich-sittlichen  Wirkung 
der  Farbe  gewidmet,  woraus  zuletzt  die  ästhetische  her- 
vorgeht. Hier  treffen  wir  auf  den  Maler,  dem  zuliebe 
eigenthch  wir  uns  in  diesesFeld  gewagt,  und  so  schließt  sich 
das  Farbenreich  in  sich  selbst  ab,  indem  wir  wieder  auf 
die  physiologischen  Farben  und  auf  die  naturgemäße  Har- 
monie der  sich  einander  fordernden,  der  sich  gegenseitig 
entsprechenden  Farben  gewiesen  werden. 

Polemischer  Teil 

Die  Naturforscher  der  altern  und  mittlem  Zeit  hatten,  un- 
geachtet ihrer  beschränkten  Erfahrung,  doch  einen  freien 
Blick  über  die  mannigfaltigenFarbenphänomene  und  waren 
auf  dem  Wege,  eine  vollständige  und  zulängliche  Samm- 
lung derselben  aufzustellen.  Die  seit  einem  Jahrhundert 
herrschende  Newtonische  Theorie  hingegen  gründete  sich 
auf  einen  beschränkten  Fall  und  bevorteilte  alle  die  übri- 
gen Erscheinungen  um  ihre  Rechte,  in  welche  wir  sie  durch 
unsern  Entwurf  wieder  einzusetzen  getrachtet.  Dieses  war 
nötig,  wenn  wir  die  hypothetische  Verzerrung  so  vieler 
herrlichen  und  erfreulichen  Naturphänomene  wieder  ins 
gleiche  bringen  wollten.  Wir  konnten  nunmehr  mit  desto 
größerer  Sicherheit  an  die  Kontrovers  gehn,  welche  wir, 
ob  sie  gleich  auf  verschiedene  Weise  hätte  eingeleitet 


14  ZUR  FARBENLEHRE 

werden  können,  nach  Maßgabe  der  Newtonischen  Optik 
führen,  indem  wir  diese  Schritt  vor  Schritt  polemisch  ver- 
folgen und  das  Irrtumsgespinst,  das  sie  enthält,  zu  ent- 
wirren und  aufzulösen  suchen. 

Wir  halten  es  rätlich,  mit  wenigem  anzugeben,  wie  sich 
unsere  Ansicht,  besonders  des  beschränkten  Refraktions- 
falles, von  derjenigen  unterscheide,  welche  Newton  ge- 
faßt und  die  sich  durch  ihn  über  die  gelehrte  und  unge- 
lehrte Welt  verbreitet  hat. 

Newton  behauptet,  in  dem  weißen  farblosen  Lichte  über- 
all, besonders  aber  in  dem  Sonnenlicht,  seien  mehrere 
verschiedenfarbige  Lichter  wirklich  enthalten,  deren  Zu- 
sammensetzung das  weiße  Licht  hervorbringe.  Damit  nun 
diese  bunten  Lichter  zum  Vorschein  kommen  sollen,  setzt 
er  dem  weißen  Licht  gar  mancherlei  Bedingungen  ent- 
gegen: vorzüglich  brechende  Mittel,  welche  das  Licht  von 
seiner  Bahn  ablenken;  aber  diese  nicht  in  einfacher  Vor- 
richtung. Er  gibt  den  brechenden  Mitteln  allerlei  Formen, 
den  Raum,  in  dem  er  operiert,  richtet  er  auf  mannigfaltige 
Weise  ein;  er  beschränkt  das  Licht  durch  kleine  Öffnungen, 
durch  winzige  Spalten,  und  nachdem  er  es  auf  hunderterlei 
Art  in  die  Enge  gebracht,  behauptet  er:  alle  diese  Be- 
dingungen hätten  keinen  andern  Einfluß,  als  die  Eigen- 
schaften, die  Fertigkeiten  des  Lichts  rege  zu  machen,  so 
daß  sein  Inneres  aufgeschlossen  und  sein  Inhalt  offenbart 
werde. 

Die  Lehre  dagegen,  die  wir  mit  Überzeugung  aufstellen, 
beginnt  zwar  auch  mit  dem  farblosen  Lichte,  sie  bedient 
sich  auch  äußerer  Bedingungen,  um  farbige  Erscheinungen 
hervorzubringen;  sie  gesteht  aber  diesen  Bedingungen 
Wert  und  Würde  zu.  Sie  maßt  sich  nicht  an,  Farben  aus 
dem  Licht  zu  entwickeln,  sie  sucht  vielmehr  durch  un- 
zählige Fälle  darzutun,  daß  die  Farbe  zugleich  von  dem 
Lichte  und  von  dem,  was  sich  ihm  entgegenstellt,  hervor- 
gebracht werde. 

Also,  um  bei  dem  Refraktionsfalle  zu  verweilen,  auf  wel- 
chem sich  die  Newtonische  Theorie  doch  eigentlich  gründet, 
so  ist  es  keineswegs  die  Brechung  allein,  welchedie  Farben- 
erscheinung verursacht;  vielmehr  bleibt  eine  zweite  Be- 


ANZEIGE  UND  ÜBERSICHT  1 5 

dingung  unerläßlich,  daß  nämlich  die  Brechung  auf  ein 
Bild  wirke  und  ein  solches  von  der  Stelle  wegrücke.  Ein 
Bild  entsteht  nur  durch  Grenzen;  und  diese  Grenzen  über- 
sieht Newton  ganz,  ja  er  leugnet  ihren  Einfluß.  Wir  aber 
schreiben  dem  Bilde  sowohl  als  seiner  Umgebung,  der 
Fläche  sowohl  als  der  Grenze,  der  Tätigkeit  sowohl  als 
der  Schranke,  vollkommen  gleichen  Einfluß  zu.  Es  ist 
nichts  anders  als  eine  Randerscheinung,  und  keines  Bildes 
Mitte  wird  farbig,  als  insofern  die  farbigen  Ränder  sich  be- 
rühren oder  übergreifen.  Alle  Versuche  stimmen  uns  bei. 
Je  mehr  wir  sie  vermannigfaltigen,  desto  mehr  wird  aus- 
gesprochen, was  wir  behaupten,  desto  planer  und  klarer 
wird  die  Sache,  desto  leichter  wird  es  uns,  mit  diesem 
Faden  an  der  Hand,  auch  durch  die  polemischen  Laby- 
rinthe mit  Heiterkeit  und  Bequemlichkeit  hindurchzukom- 
men. Ja  wir  wünschen  nichts  mehr,  als  daß  der  Menschen- 
verstand, von  den  wahren  Naturverhältnissen,  auf  die  wir 
immer  dringend  zurückkehren,  geschwind  überzeugt,  un- 
sern  polemischen  Teil,  an  welchem  freilich  noch  manches 
nachzuholen  und  schärfer  zu  bestimmen  wäre,  bald  für 
überflüssig  erklären  möge. 

Historischer  Teil 

War  es  uns  in  dem  didaktischen  Entwürfe  schwer  ge- 
worden, die  Farbenlehre  oder  Chromatik,  in  der  es  übri- 
gens wenig  oder  nichts  zu  messen  gibt,  von  der  Lehre 
des  natürlichen  und  künstlichen  Sehens,  der  eigentlichen 
Optik,  worin  die  Meßkunst  großen  Beistand  leistet,  mög- 
lichst zu  trennen  und  sie  für  sich  zu  betrachten,  so  be- 
gegnen wir  dieser  Schwierigkeit  abermals  in  dem  histori- 
schen Teile,  da  alles,  was  uns  aus  älterer  und  neuerer  Zeit 
über  die  Farben  berichtet  worden,  sich  durch  die  ganze 
Naturlehre  und  besonders  durch  die  Optik  gleichsam  nur 
gelegentlich  durchschmiegt  und  für  sich  beinahe  niemals 
Masse  bildet.  Was  wir  daher  auch  sammelten  und  zu- 
sammenstellten, blieb  allzusehr  Bruchwerk,  als  daß  es 
leicht  hätte  zu  einer  Geschichte  verarbeitet  werden  kön- 
nen, wozu  uns  überhaupt  in  der  letzten  Zeit  die  Ruhe 
nicht  gegönnt  war.  Wir  entschlossen  uns  daher,  das  Ge- 


i6  ■     ZUR  FARBENLEHRE 

sammelte  als  Materialien  hinzulegen  und  sie  nur  durch 
Stellung  und  durch  Zwischenbetrachtungen  einigermaßen 
zu  verknüpfen. 

In  diesem  dritten  Teile  also  macht  uns,  nach  einem  kurzen 
Überbhck  der  Urzeit,  die  erste  Abteilung  mit  dem  bekannt, 
was  die  Griechen,  von  Pythagoras  an  bis  Aristoteles^  über 
Farben  geäußert,  welches  auszugsweise  übersetzt  gegeben 
wird;  sodann  aber  Theophrasts  Büchlein  von  den  Farben  in 
vollständiger  Übersetzung.  Dieser  ist  eine  kurze  Abhand- 
lung über  die  Versatilität  der  griechischen  und  lateinischen 
Farbenbenennungen  beigefügt. 

Die  Z7veite  Abteilung  läßt  uns  einiges  von  den  Römern  er- 
fahren. Die  Hauptstelle  des  Lucretius  ist  nach  Herrn  von 
Knebels  Übersetzung  mitgeteilt,  und  anstatt  uns  bei  dem 
Texte  des  Plinius  aufzuhalten,  liefern  wir  eine  Geschichte 
des  Kolorits  der  alten  Maler,  verfaßt  von  Herrn  Hofrat 
Meyer.  Sie  wird  hypothetisch  genannt,  weil  sie  nicht  so- 
wohl auf  Denkmäler  als  auf  die  Natur  des  Menschen  und 
denKunstgang,  den  derselbebeifreier  Entwicklungnehmen 
muß,  gegründet  ist.  Betrachtungen  über  Farbenlehre  und 
Farbenbehandlungen  der  Alten  folgen  hierauf,  welche  zei- 
gen, daß  diese  mit  dem  Fundament  und  den  bedeutendsten 
Erscheinungen  derFarbenlehre  bekannt  und  auf  einemWege 
gewesen,  welcher,  von  den  Nachfolgern  betreten,  früher 
zum  Ziele  geführt  hätte.  Ein  kurzer  Nachtrag  enthält  einiges 
über  Seneca.  An  dieser  Stelle  ist  es  nun  Pflicht  des  Ver- 
fassers, dankbar  zu  bekennen,  wie  sehr  ihm  bei  Bearbei- 
tung dieser  Epochen  sowohl  als  überhaupt  des  ganzen 
Werkes  die  einsichtigeTeilnahme  eines  mehrjährigen  Haus- 
freundes und  Studiengenossen,  Herrn  Dr.  Riemers^  förder- 
hch  und  behülflich  gewesen. 

In  der  dritten  Abteilung  wird  von  jener  traurigen  Zwischen- 
zeit gesprochen,  in  welcher  die  Welt  der  Barbarei  unter- 
legen. Hier  tritt  vorzüglich  die  Betrachtung  ein,  daß,  nach 
Zerstörung  einer  großen  Vorwelt,  die  Trümmer,  welche 
sich  in  die  neue  Zeit  hinüber  retten,  nicht  als  ein  Leben- 
diges, Eignes,  sondern  als  ein  Fremdes,  Totes  wirken,  und 
daß  Buchstabe  und  Wort  mehr  als  Sinn  und  Geist  be- 
trachtet werden.  Die  drei  großen  Hauptmassen  der  Über- 


ANZEIGE  UND  ÜBERSICHT  17 

lieferung,  die  Werke  des  Aristoteles,  des  F/ato  und  die  Bidet, 
treten  heraus.  Wie  die  Autorität  sich  festsetzt,  wird  dar- 
getan. Doch  wie  das  Genie  immer  wieder  geboren  wird, 
wieder  hervordringt  und  bei  einigermaßen  günstigen  Um- 
ständen lebendig  wirkt,  so  erscheint  auch  sogleich  am  Rande 
einer  solchen  dunkeln  Zeit  Roger  Bacon,  eine  der  reinsten, 
liebenswürdigsten  Gestalten,  von  denen  uns  in  der  Ge- 
schichte der  Wissenschaften  Kunde  geworden.  Nur  weniges 
indessen,  was  sich  auf  Farbe  bezieht,  finden  wir  bei  ihm 
sowie  bei  einigen  Kirchenvätern,  und  die  Naturwissen- 
schaft wird,  wie  manches  andere,  durch  die  Lust  am  Ge- 
heimnis obskuriert. 

Dagegen  gewährt  uns  die  vierte  Abteilung  einen  heitern 
Blick  in  das  sechzehnte  Jahrhundert,  Durch  alte  Literatur 
und  Sprachkunde  sehen  wir  auch  die  Farbenlehre  beför- 
dert. Das  Büchlein  von  Thylesius  von  den  Farben  findet 
man  in  der  Ursprache  abgedruckt.  Portius  erscheint  als 
Herausgeber  und  Übersetzer  des  Theophrastischen  Aui- 
satzes.  Scaliger  bemüht  sich  auf  ebendiesem  Wege  um 
die  Farbenbenennungen.  Paracelsus  tritt  ein  und  gibt  den 
ersten  Wink  zur  Einsicht  in  die  chemischen  Farben.  Durch 
Alchymisten  wird  nichts  gefördert.  Nun  bietet  sich  die  Be- 
trachtung dar,  daß,  je  mehr  die  Menschen  selbsttätig  wer- 
den und  neue  Naturverhältnisse  entdecken,  das  Überheferte 
an  seiner  Gültigkeit  verliere  und  seine  Autorität  nach  und 
nach  unscheinbar  werde.  Die  theoretischen  und  prakti- 
schen Bemühungen  des  Telesius,  Cardanus,  Porta  für  die 
Naturlehre  werden  gerühmt.  Der  menschliche  Geist  wird 
immer  freier,  unduldsamer,  selbst  gegen  notwendiges  und 
nützliches  Lernen,  und  ein  solches  Bestreben  geht  so  weit, 
daß  Baco  von  Verulam  sich  erkühnt,  über  alles,  was  bis- 
her auf  der  Tafel  des  Wissens  verzeichnet  gestanden,  mit 
dem  Schwämme  hinzufahren. 

In  dtv  ßinften  Abteilung  zu  Anfang  des  siebzehnten  Jahr- 
hunderts trösten  uns  jedoch  über  ein  solches  Schrift-stür- 
mendes  Beginnen  Galilei  und  Kepler,  zwei  wahrhaft  auf- 
erbauende Männer.  Von  dieser  Zeit  an  wird  auch  unser  Feld 
mehr  angebaut.  Snellius  entdeckt  die  Gesetze  der  Brechung, 
und  Antonius  de  Dotninis  tut  einen  großen  Schritt  zur  Er- 

GOETHE  XVII  2. 


i8  ZUR  FARBENLEHRE 

klärung  des  Regenbogens.  Aguilonius  ist  der  erste,  der 
das  Kapitel  von  den  Farben  ausführlich  behandelt,  da  sie 
Cartesius  neben  den  übrigen  Naturerscheinungen  aus  Ma- 
terialitäten und  Rotationen  entstehen  läßt.  Kircher  liefert 
ein  Werk,  die  große  Kunst  des  Lichtes  und  Schattens, 
und  deutet  schon  durch  diesen  ausgesprochnen  Gegensatz 
auf  die  rechte  Weise,  die  Farben  abzuleiten.  Marcus  Marci 
dagegen  behandelt  diese  Materie  abstrus  und  ohne  Vor- 
teil für  die  Wissenschaft.  Eine  neue,  schon  früher  vorbe- 
reitete Epoche  tritt  nunmehr  ein.  Die  Vorstellungsart  von 
der  Materialität  des  Lichtes  nimmt  überhand.  Dela  Chambre 
und  Vossius  haben  schon  dunkle  Lichter  in  dem  hellen. 
Grimaldi  zerrt,  quetscht,  zerreißt,  zersplittert  das  Licht, 
um  ihm  Farben  abzugewinnen.  Boyk  läßt  es  von  den  ver- 
schiedenen Facetten  und  Rauhigkeiten  der  Oberfläche 
widerstrahlen  und  auf  diesem  Wege  die  Farben  erscheinen. 
Hooke  ist  geistreich,  aber  paradox.  Bei  Malebranche  wer- 
den die  Farben  dem  Schall  verglichen,  wie  immer  auf  dem 
Wege  der  Schwingungslehre.  Sturm  kompiliert  und  eklek- 
tisiert;  aber  Funccius,  durch  Betrachtung  der  atmosphäri- 
schen Erscheinungen  an  der  Natur  festgehalten,  kommt 
demRechten  ganz  nahe,  ohne  doch  durchzudringen.  Nuguet 
ist  der  erste,  der  die  prismatischen  Erscheinungen  richtig 
ableitet.  Sein  System  wird  mitgeteilt  und  seine  wahren 
Einsichten  von  den  falschen  und  unzulänglichen  geson- 
dert. Zum  Schluß  dieser  Abteilung  wird  die  Geschichte 
des  Kolorits  seit  Wiederherstellung  der  Kunst  bis  auf  unsere 
Zeit,  gleichfalls  von  Herrn  Hofrat  Meyer,  vorgetragen. 
Die  sechste  Abteilung  ist  dem  achtzehnten  Jahrhundert  ge- 
widmet, und  wir  treten  sogleich  in  die  merkwürdige  Epoche 
von  Newton  bis  auf  Dollond.  Die  Londoner  Sozietät,  als 
eine  bedeutende  Versammlung  von  Naturfreunden  des 
Augenblicks,  zieht  alle  unsere  Aufmerksamkeit  an  sich. 
Mit  ihrer  Geschichte  machen  uns  bekannt  Sprat,  Birch 
und  die  Transaktionen.  Diesen  Hülfsmitteln  zufolge  wird 
von  den  ungewissen  Anfängen  der  Sozietät,  von  den  frühern 
und  spätem  Zuständen  der  Naturwissenschaft  in  England, 
vonden  äußernVorteilen  derGesellschaft,  von  den  Mängeln, 
die  in  ihr  selbst,  in  der  Umgebung  und  in  der  Zeit  liegen, 


ANZEIGE  UND  ÜBERSICHT  19 

gehandelt.  Hooke  erscheint  als  geistreicher,  unterrichteter, 
geschäftiger,  aber  zugleich  eigen vvilhger,  unduldsamer,  un- 
ordentlicher Sekretär  und  Experimentator.  Neivton  tritt 
auf.  Dokumente  seiner  Theorie  der  Farben  sind  die  lec~ 
tiones  opticae,  ein  Brief  an  Oldenburg,  den  Sekretär  der 
Londoner  Sozietät;  femer  die  Optik.  Newtons  Verhältnis 
zur  Sozietät  wird  gezeigt.  Eigentlich  meldet  er  sich  zuerst 
durch  sein  katoptrisches  Teleskop  an.  Von  der  Theorie  ist 
nur  beiläufig  die  Rede,  um  die  Unmöghchkeit  der  Ver- 
besserung dioptrischer  Fernröhre  zu  zeigen  und  seiner  Vor- 
richtung einen  größern  Wert  beizulegen.  Obgedachter  Brief 
erregt  die  ersten  Gegner  Newtons,  denen  er  selbst  ant- 
wortet. Dieser  Brief  sowohl  als  die  ersten  Kontroversen 
sind  in  ihren  Hauptpunkten  ausgezogen  und  der  Grund- 
fehler Newtons  aufgedeckt,  daß  er  die  äußern  Bedingungen, 
welche  nicht  aus  dem  Licht,  sondern  an  dem  Licht  die 
Farben  hervorbringen,  übereilt  beseitigt  und  dadurch  so- 
wohl sich  als  andere  in  einen  beinah  unauflöslichen  Irr- 
tum verwickelt.  Mariotte  faßt  ein  ganz  richtiges  Apergu 
gegen  Newton,  worauf  wenig  geachtet  wird.  Desaguliers, 
Experimentator  von  Metier,  experimentiert  und  argumen- 
tiert gegen  den  schon  Verstorbenen.  Sogleich  tritt  Rizzetti 
mit  mehrerem  Aufwand  gegen  Newton  hervor;  aber  auch 
ihn  treibt  Desaguliers  aus  den  Schranken,  welchem  Gauger 
als  Schildknappe  beiläuft.  Newtons  Persönhchkeit  wird  ge- 
schildert und  eine  ethische  Auflösung  des  Problems  ver- 
sucht: wie  ein  so  außerordentlicher  Mann  sich  in  einem 
solchen  Grade  irren,  seinen  Irrtum  bis  an  sein  Ende  mit 
Neigung,  Fleiß,  Hartnäckigkeit,  trotz  aller  äußeren  und 
inneren  Warnungen,  bearbeiten  und  befestigen  und  so  viel 
vorzüghche  Menschen  mit  sich  fortreißen  können.  Die 
ersten  Schüler  und  Bekenner  Newtons  werden  genannt. 
Unter  den  Ausländern  sind  ^  Gravesande  und  Musschen- 
broek  bedeutend. 

Nun  wendet  man  den  Blick  zur  französischen  Akademie 
der  Wissenschaften.  In  ihren  Verhandlungen  wird  Mariottes 
mit  Ehren  gedacht.  De  la  Hire  erkennt  die  Entstehung  des 
Blauen  vollkommen,  des  Gelben  und  Roten  weniger.  Con- 
radi,  einDeutscher,  erkennt  den  Ursprung  desBlauen  eben- 


2  0  ZUR  FARBENLEHRE 

falls.  Die  Schwingungen  des  Malebranche  fördern  die  Far- 
benlehre nicht,  so  wenig  als  die  fleißigen  Arbeiten  Mairans, 
der  auf  Newtons  Wege  das  prismatische  Bild  mit  den  Ton- 
intervallen parallelisieren  will.  Folignac,  Gönner  und  Lieb- 
haber, beschäftigt  sich  mit  der  Sache  und  tritt  der  New- 
tonischen Lehre  bei.  Literatoren,  Lobredner,  Schöngeister, 
Auszügler  und  Gemeinmacher,  Fontenelle^  Voltaire,  Alga- 
rotti  und  andere,  geben  vor  der  Menge  den  Ausschlag  für 
die  Newtonische  Lehre,  wozu  die  Anglomanie  der  Fran- 
zosen und  übrigen  Völker  nicht  wenig  beiträgt. 
Indessen  gehn  die  Chemiker  und  Farbkünstler  immer  ihren 
Weg.  Sie  verwerfen  jene  größere  Anzahl  von  Grundfarben 
und  wollen  von  dem  Unterschiede  der  Grund-  und  Haupt- 
farben nichts  wissen.  Dufay  und  Castel  beharren  auf  der 
einfacheren  Ansicht;  letzterer  widersetzt  sich  mit  Gewalt 
der  Newtonischen  Lehre,  wird  aber  überschrieen  und  ver- 
schrieen. Der  farbige  Abdruck  von  Kupferplatten  wird  ge- 
übt. Le  Blond  und  Gauthier  machen  sich  hierdurch  be- 
kannt. Letzterer,  ein  heftiger  Gegner  Newtons,  trifft  den 
rechten  Punkt  der  Kontrovers  und  führt  sie  gründlich  durch. 
Gewisse  Mängel  seinesVortrags,  die  Ungunst  der  Akademie 
und  die  öflfentliche  Meinung  widersetzen  sich  ihm,  und  seine 
Bemühungen  bleiben  fruchtlos.  Nach  einem  Blicke  auf  die 
deutsche  große  und  tätige  Welt  wird  dasjenige,  was  in  der 
deutschen  gelehrten  Welt  vorgegangen,  aus  den  physikali- 
schen Kompendien  kürzlich  angemerkt,  und  die  Newtoni- 
sche Theorie  erscheint  zuletzt  als  allgemeine  Konfession. 
Von  Zeit  zu  Zeit  regt  sich  wieder  der  Menschenverstand. 
Tobias  Mayer  erklärt  sich  für  die  drei  Grund-  und  Haupt- 
farben, nimmt  gewisse  Pigmente  als  ihre  Repräsentanten 
an  und  berechnet  ihre  möglichen  unterscheidbaren  Mi- 
schungen. Zaw^<?r/gehtaufdemselben  Wege  weiter.  Außer 
diesen  begegnet  uns  noch  eine  freundhche  Erscheinung. 
Scherffer  beobachtet  die  sogenannten  Scheinfarben,  sam- 
melt und  rezensiert  die  Bemühungen  seiner  Vorgänger. 
Franklin  wird  gleichfalls  aufmerksam  auf  diese  Farben,  die 
wir  unter  die  physiologischen  zählen. 
Die  zweite  Epoche  des  achtzehnten  Jahrhunderts  von  Dol- 
lond  bis  auf  unsere  Zeit  hat  einen  eigenen  Charakter.  Sie 


ANZEIGE  UND  ÜBERSICHT  2 1 

trennt  sich  in  zwei  Hauptmassen.  Die  erste  ist  um  die  Ent- 
deckung der  Achromasie,  teils  theoretisch  teils  praktisch, 
beschäftigt,  jene  Erfahrung  nämlich,  daß  man  die  prisma- 
tische Farbenerscheinung  aufheben  und  die  Brechung  bei- 
behalten, die  Brechung  aufheben  und  die  Farbenerschei- 
nung behalten  könne.  Die  dioptrischen  Fernröhre  werden 
gegen  das  bisherige  Vorurteil  verbessert,  und  die  New- 
tonische Lehre  periklitiert  in  ihrem  Innersten.  Erst  leugnet 
man  die  Möglichkeit  der  Entdeckung,  weil  sie  der  her- 
gebrachtenTheorie  unmittelbar  widerspreche;  dann  schließt 
man  sie  durch  das  Wort  Zerstreuung  an  die  bisherige  Lehre, 
die  auch  nur  aus  Worten  bestand.  Priestleys  Geschichte  der 
Optik,  durch  Wiederholung  des  Alten,  durch  Akkomodation 
des  Neuen,  trägt  sehr  viel  zur  Aufrechterhaltung  der  Lehre 
bei.  Frisi^  ein  geschickter  Lobredner,  spricht  von  der  New- 
tonischen Lehre,  als  wenn  sie  nicht  erschüttert  worden 
wäre.  Klügelj  der  Übersetzer  Priestleys,  durch  mancher- 
lei Warnung  und  Hindeutung  aufs  Rechte,  macht  sich  bei 
den  Nachkommen  Ehre;  allein  weil  er  die  Sache  läßlich 
nimmt  und,  seiner  Natur,  auch  wohl  den  Umständen  nach, 
nicht  derb  auftreten  will,  so  bleiben  seine  Überzeugungen 
für  die  Gegenwart  verloren. 

Wenden  wir  uns  zur  andern  Masse.  Die  Newtonische  Lehre, 
wie  früher  die  Dialektik,  hatte  die  Geister  unterdrückt.  Zu 
einer  Zeit,  da  man  alle  frühere  Autorität  weggeworfen, 
hatte  sich  diese  neue  Autorität  abermals  der  Schulen  be- 
mächtigt. Jetzt  aber  ward  sie  durch  Entdeckung  der  Achro- 
masie erschüttert.  Einzelne  Menschen  fingen  an  den  Natur- 
weg einzuschlagen,  und  es  bereitete  sich,  da  jeder  aus 
einseitigem  Standpunkte  das  Ganze  übersehen,  sich  von 
Newton  losmachen  oder  wenigstens  mit  ihm  einen  Ver- 
gleich eingehen  wollte,  eine  Art  von  Anarchie,  in  welcher 
sich  jeder  selbst  konstituierte  und,  so  eng  oder  so  weit  als 
es  gehen  mochte,  mit  seinen  Bemühungen  zu  wirken  trach- 
tete. Westfeld  hofi"te  die  Farben  durch  eine  gradative  Wär- 
mewirkung auf  die  Netzhaut  zu  erklären.  Guyot  sprach,  bei 
Gelegenheit  eines  physikalischen  Spielwerks,  die  Unhalt- 
barkeit  der  Newtonischen  Theorie  aus.  Mauclerc  kam  auf 
die  Betrachtung,  inwiefern  Pigmente  einander  an  Ergiebig- 


2  2  ZUR  FARBENLEHRE 

keit  balancieren.  Marat,  der  gewahr  wurde,  daß  die  prisma- 
tische Erscheinung  nur  eine  Randerscheinung  sei,  verband 
die  paroptischen  Fälle  mit  dem  Refraktionsfalle.  Weil  er 
aber  bei  dem  Newtonischen  Resultat  blieb  und  zugab,  daß 
die  Farben  aus  dem  Licht  hervorgelockt  würden,  so  hatten 
seine  Bemühungen  keine  Wirkung.  Ein  französischer  Un- 
genatinter  beschäftigte  sich  emsig  und  treulich  mit  den 
farbigenSchatten,  gelangte  aber  nicht  zumWort  des  Rätsels. 
Carvalho,  ein  Maltheserritter,  wird  gleichfalls  zufällig  far- 
bige Schatten  gewahr  und  baut  auf  wenige  Erfahrungen 
eine  wunderhche  Theorie  auf.  Darwhi  beobachtet  die 
Scheinfarben  mit  Aufmerksamkeit  und  Treue;  da  er  aber 
alles  durch  mehr  und  mindern  Reiz  abtun  und  die  Phä- 
nomene zuletzt,  wie  Scherffer,  auf  die  Newtonische  Theorie 
reduzieren  will,  so  kann  er  nicht  zum  Ziel  gelangen.  Mengs 
spricht  mit  zartem  Künstlersinn  von  den  harmonischen 
Farben,  welches  eben  die,  nach  unserer  Lehre,  physio- 
logisch geforderten  sind.  Gülich,  ein  Färbekünstler,  sieht 
ein,  was  in  seiner  Technik  durch  den  chemischen  Gegen- 
satz von  Acidum  und  Alkali  zu  leisten  ist;  allein  bei  dem 
Mangel  an  gelehrter  und  philosophischer  Kultur  kann  er 
weder  den  Widerspruch,  in  dem  er  sich  mit  der  Newtoni- 
schen Lehre  befindet,  lösen,  noch  mit  seinen  eigenen 
theoretischen  Ansichten  ins  reine  kommen.  D e laval  rasichl 
auf  die  dunkle  schattenhafte  Natur  der  Farbe  aufmerksam, 
vermag  aber  weder  durch  Versuche,  noch  Methode,  noch 
Vortrag,  an  denen  freilich  manches  auszusetzen  ist,  keine 
Wirkung  hervorzubringen.  Hoffmann  möchte  die  malerische 
Harmonie  durch  die  musikalische  deutlich  machen  und 
einer  durch  die  andere  aufhelfen.  Natürlich  gelingt  es  ihm 
nicht,  und  bei  manchen  schönen  Verdiensten  ist  er  wie  sein 
Buch  verschollen.  Blair  erneuert  die  Zweifel  gegen  Achro- 
masie, welche  wenigstens  nicht  durch  Verbindung  zweier 
Mittel  soll  hervorgebracht  werden  können;  er  verlangt 
mehrere  dazu.  Seine  Versuche  an  verschiedenen,  die  Farbe 
sehr  erhöhenden  Flüssigkeiten  sind  aller  Aufmerksamkeit 
wert;  da  er  aber  zu  Erläuterungen  derselben  die  detestable 
Newtonische  Theorie  kümmerlich  modifiziert  anwendet,  so 
wird  seine  Darstellung  höchst  verworren,  und  seine  Be- 


ANZEIGE  UND  ÜBERSICHT  23 

mühungen  scheinen  keine  praktischen  Folgen  gehabt  zu 
haben. 

Zuletzt  nun  glaubte  der  Verfasser  des  Werks,  nachdem  er 
so  viel  über  andere  gesprochen,  auch  eine  Konfession  über 
sich  selbst  schuldig  zu  sein;  und  er  gesteht,  auf  welchem 
Wege  er  in  dieses  Feld  gekommen,  wie  er  erst  zu  einzelnen 
Wahrnehmungen  und  nach  und  nach  zu  einem  vollstän- 
digem Wissen  gelangt,  wie  er  sich  das  Anschauen  der  Ver- 
suche selbst  zuwege  gebracht  und  gewisse  theoretische 
Überzeugungen  darauf  gegründet;  wie  diese  Beschäftigung 
sich  zu  seinem  übrigen  Lebensgange,  besonders  aber  zu 
seinem  Anteil  an  bildender  Kunst  verhalte,  wird  dadurch 
begreiflich.  Eine  Erklärung  über  das  in  den  letzten  Jahr- 
zehnten für  die  Farbenlehre  Geschehene  lehnt  er  ab,  lie- 
fert aber  zum  Ersatz  eine  Abhandlung  über  den  von  Her- 
schein wieder  angeregten  Punkt,  die  Wirkung  farbiger  Be- 
leuchtung betrefifend,  in  welcher  Herr  Dr.  Seebeck  zu  Jena 
aus  seinem  unschätzbaren  Vorrat  chromatischer  Erfah- 
rungen das  Zuverlässigste  und  Bewährteste  zusammen- 
gestellt hat.  Sie  mag  zugleich  als  ein  Beispiel  dienen,  wie 
durch  Verbindung  von  Übereindenkenden,  in  gleichem 
SinneFortarbeitendendashieunddaSkizzen-undLücken- 
hafte  unseres  Entwurfs  ausgeführt  und  ergänzt  werden  kön- 
ne, um  die  Farbenlehre  einer  gewünschten  Vollständigkeit 
und  endlichem  Abschluß  immer  näher  zu  bringen. 
Anstatt  des  letzten  supplementären  Teils  folgt  voritzt  eine 
Entschuldigung,  sowie  Zusage,  denselben  baldmöglichst 
nachzuliefern:  wie  denn  vorläufig  das  darin  zu  Ejrwartende 
angedeutet  wird. 

Übrigens  findet  man  bei  jedem  Teile  ein  Inhaltsverzeich- 
nis und  am  Ende  des  letzten,  zu  bequemerem  Gebrauch 
eines  so  komplizierten  Ganzen,  Namen-  und  Sachregister. 
Gegenwärtige  Anzeige  kann  als  Rekapitulation  des  ganzen 
Werks  sowohl  Freunden  als  Widersachern  zum  Leitfaden 
dienen. 

Ein  Heft  mit  sechzehn  Kupfertafeln  und  deren  Erklärung 
ist  dem  Ganzen  beigegeben. 


[WIDMUNG  DER  FARBENLEHRE] 

[Zur  Farbenlehre.  Erster  Band.  1810] 

DER  DURCHLAUCHTIGSTEN  HERZOGIN 
UND  FRAUEN 

LUISEN 

REGIERENDEN  HERZOGIN  VON  SACHSEN-WEIMAR 
UND  EISENACH 

Durchlauchtigste  Herzogin^ 
Gnädigste  Frau! 

WÄRE  der  Inhalt  des  gegenwärtigen  Werkes 
auch  nicht  durchaus  geeignet,  Ew.  Durchlaucht 
vorgelegt  zu  werden,  könnte  die  Behandlung 
des'  Gegebenen  bei  schärferer  Prüfung  kaum  genugtun, 
so  gehören  doch  diese  Bände  Ew.  Durchlaucht  ganz  eigent- 
lich an  und  sind  seit  ihrer  früheren  Entstehung  Höchst- 
denenselben  gewidmet  geblieben. 

Denn  hätten  Ew.  Durchlaucht  nicht  die  Gnade  gehabt, 
über  die  Farbenlehre  sowie  über  verwandte  Naturerschei- 
nungen einem  mündlichen  Vortrag  Ihre  Aufmerksamkeit 
zu  schenken,  so  hätte  ich  mich  wohl  schwerlich  imstande 
gefunden,  mir  selbst  manches  klarzumachen,  manches  Aus- 
einanderliegende zusammenzufassen  und  meine  Arbeit,  wo 
nicht  zu  vollenden,  doch  wenigstens  abzuschließen. 
Wenn  es  bei  einem  mündlichen  Vortrage  möglich  wird, 
die  Phänomene  sogleich  vor  Augen  zu  bringen,  manches 
in  verschiedenen  Rücksichten  wiederkehrend  darzustellen, 
so  ist  dieses  freilich  ein  großer  Vorteil,  welchen  das  ge- 
schriebene, das  gedruckte  Blatt  vermißt.  Möge  jedoch 
dasjenige,  was  auf  dem  Papier  mitgeteilt  werden  konnte, 
Höchstdieselben  zu  einigem  Wohlgefallen  an  jene  Stunden 
erinnern,  die  mir  unvergeßlich  bleiben,  so  wie  mir  un- 
unterbrochen alles  das  mannigfaltige  Gute  vorschwebt, 
das  ich  seit  längerer  Zeit  und  in  den  bedeutendsten  Augen- 
blicken meines  Lebens  mit  und  vor  vielen  andern  Ew. 
Durchlaucht  verdanke! 
Mit  innigster  Verehrung  mich  unterzeichnend 

Ew.  Durchlaucht 

untertänigster 

Weimar,  den  30.  Januar  1808.  J-  W.  v.  Goethe. 


VORWORT 

[ZUR  FARBENLEHRE] 

OB  man  nicht,  indem  von  den  Farben  gesprochen 
werden  soll,  vor  allen  Dingen  des  Lichtes  zu  er- 
wähnen habe,  ist  eine  ganz  natürliche  Frage,  auf 
die  wir  jedoch  nur  kurz  und  aufrichtig  erwidern:  es  scheine 
bedenklich,  da  bisher  schon  so  viel  und  mancherlei  von 
dem  Lichte  gesagt  worden,  das  Gesagte  zu  wiederholen 
oder  das  oft  Wiederholte  zu  vermehren. 
Denn  eigentlich  unternehmen  wir  umsonst,  das  Wesen 
eines  Dinges  auszudrücken.  Wirkungen  werden  wir  ge- 
wahr, und  eine  vollständige  Geschichte  dieser  Wirkungen 
umfaßte  wohl  allenfalls  das  Wesen  jenes  Dinges.  Ver- 
gebens bemühen  wir  uns,  den  Charakter  eines  Menschen 
zu  schildern;  man  stelle  dagegen  seine  Handlungen,  seine 
Taten  zusammen,  und  ein  Bild  des  Charakters  wird  uns 
entgegentreten. 

Die  Farben  sind  Taten  des  Lichts,  Taten  und  Leiden.  In 
diesem  Sinne  können  wir  von  denselben  Aufschlüsse  über 
das  Licht  erwarten.  Farben  und  Licht  stehen  zwar  unter- 
einander in  dem  genausten  Verhältnis,  aber  wir  müssen 
uns  beide  als  der  ganzen  Natur  angehörig  denken:  denn 
sie  ist  es  ganz,  die  sich  dadurch  dem  Sinne  des  Auges 
besonders  ofifenbaren  will. 

Ebenso  entdeckt  sich  die  ganze  Natur  einem  anderen 
Sinne.  Man  schließe  das  Auge,  man  öffne,  man  schärfe 
das  Ohr,  und  vom  leisesten  Hauch  bis  zum  wildesten  Ge- 
räusch, vom  einfachsten  Klang  bis  zur  höchsten  Zusammen- 
stimmung, von  dem  heftigsten  leidenschaftlichen  Schrei 
bis  zum  sanftesten  Worte  der  Vernunft  ist  es  nur  die  Natur, 
die  spricht,  ihr  Dasein,  ihre  Kraft,  ihr  Leben  und  ihre 
Verhältnisse  offenbart,  so  daß  ein  Blinder,  dem  das  un- 
endlich Sichtbare  versagt  ist,  im  Hörbaren  ein  unendlich 
Lebendiges  fassen  kann. 

So  spricht  die  Natur  hinabwärts  zu  andern  Sinnen,  zu 
bekannten,  verkannten,  unbekannten  Sinnen;  so  spricht 
sie  mit  sich  selbst  und  zu  uns  durch  tausend  Erscheinungen. 
Dem  Aufmerksamen  ist  sie  nirgends  tot  noch  stumm;  ja 
dem  starren  Erdkörper  hat  sie  einen  Vertrauten  zugegeben, 


2  6  ZUR  FARBENLEHRE 

ein  Metall,  an  dessen  kleinsten  Teilen  wir  dasjenige,  was 
in  der  ganzen  Masse  vorgeht,  gewahr  werden  sollten. 
So  mannigfaltig,  so  verwickelt  und  unverständHch  uns  oft 
diese  Sprache  scheinen  mag,  so  bleiben  doch  ihre  Ele- 
mente immer  dieselbigen.  Mit  leisem  Gewicht  und  Gegen- 
gewicht wägt  sich  die  Natur  hin  und  her,  und  so  entsteht  ein 
Hüben  und  Drüben,  ein  Oben  und  Unten,  ein  Zuvor  und 
Hernach,  wodurch  alle  die  Erscheinungen  bedingt  werden, 
die  uns  im  Raum  und  in  der  Zeit  entgegentreten. 
Diese  allgemeinenBewegungenundBestimmungen  werden 
wir  auf  die  verschiedenste  Weise  gewahr,  bald  als  ein  ein- 
faches Abstoßen  und  Anziehen,  bald  als  ein  aufblickendes 
und  verschwindendes  Licht,  als  Bewegung  der  Luft,  als 
Erschütterung  des  Körpers,  als  Säurung  und  Entsäurung, 
jedoch  immer  als  verbindend  oder  trennend,  das  Dasein 
bewegend  und  irgendeine  Art  von  Leben  befördernd. 
Indem  man  aber  jenes  Gewicht  und  Gegengewicht  von 
ungleicher  Wirkung  zu  finden  glaubt,  so  hat  man  auch 
dieses  Verhältnis  zu  bezeichnen  versucht.  Man  hat  ein 
Mehr  oder  Weniger,  ein  Wirken,  ein  Widerstreben,  ein 
Tun,  ein  Leiden,  ein  Vordringendes,  ein  Zurückhaltendes, 
ein  Heftiges,  ein  Mäßigendes,  ein  Männliches,  ein  Weib- 
liches überall  bemerkt  und  genannt,  und  so  entsteht  eine 
Sprache,  eine  Symbolik,  die  man  auf  ähnliche  Fälle  als 
Gleichnis,  als  nahverwandten  Ausdruck,  als  unmittelbar 
passendes  Wort  anwenden  und  benutzen  mag. 
Diese  universellen  Bezeichnungen,  diese  Natursprache 
auch  auf  die  Farbenlehre  anzuwenden,  diese  Sprache 
durch  die  Farbenlehre,  durch  die  Mannigfaltigkeit  ihrer 
Erscheinungen  zu  bereichern,  zu  erweitern  und  so  die 
Mitteilung  höherer  Anschauungen  unter  den  Freunden  der 
Natur  zu  erleichtern,  war  die  Hauptabsicht  des  gegen- 
wärtigen Werkes. 

Die  Arbeit  selbst  zerlegt  sich  in  drei  Teile.  Der  erste 
gibt  den  Entwurf  einer  Farbenlehre.  In  demselben  sind 
die  unzähligen  Fälle  der  Erscheinungen  unter  gewisse 
Hauptphänomene  zusammengefaßt,  welche  nach  einer 
Ordnung  aufgeführt  werden,  die  zu  rechtfertigen  der 
Einleitung  überlassen  bleibt.  Hier  aber  ist  zu  bemerken, 


VORWORT  27 

daß,  ob  man  sich  gleich  überall  an  die  Erfahrungen  ge- 
halten, sie  überall  zum  Grunde  gelegt,  doch  die  theo- 
retische Ansicht  nicht  verschwiegen  werden  konnte, 
welche  den  Anlaß  zu  jener  Aufstellung  und  Anordnung 
gegeben. 

Ist  es  doch  eine  höchst  wunderliche  Forderung,  die  wohl 
manchmal  gemacht,  aber  auch  selbst  von  denen,  die  sie 
machen,  nicht  erfüllt  wird:  Erfahrungen  solle  man  ohne 
irgendein  theoretisches  Band  vortragen  und  dem  Leser, 
dem  Schüler  überlassen,  sich  selbst  nach  Belieben  irgend- 
eine Überzeugung  zu  bilden.  Denn  das  bloße  Anblicken 
einer  Sache  kann  uns  nicht  fördern.  Jedes  Ansehen  geht 
über  in  ein  Betrachten,  jedes  Betrachten  in  ein  Sinnen, 
jedes  Sinnen  in  ein  Verknüpfen,  und  so  kann  man  sagen, 
daß  wir  schon  bei  jedem  aufmerksamen  Blick  in  die  Welt 
theoretisieren.  Dieses  aber  mit  Bewußtsein,  mit  Selbst- 
kenntnis, mit  Freiheit  und,  um  uns  eines  gewagten  Wortes 
zu  bedienen,  mit  Ironie  zu  tun  und  vorzunehmen,  eine 
solche  Gewandtheit  ist  nötig,  wenn  die  Abstraktion,  vor 
der  wir  uns  fürchten,  unschädlich  und  das  Erfahrungs- 
resultat, das  wir  hoffen,  recht  lebendig  und  nützlich  wer- 
den soll. 

Im  zweiten  Teil  beschäftigen  wir  uns  mit  Enthüllung  der 
Newtonischen  Theorie,  welche  einer  freien  Ansicht  der 
Farbenerscheinungen  bisher  mit  Gewalt  und  Ansehen  ent- 
gegengestanden; wir  bestreiten  eine  Hypothese,  die,  ob 
sie  gleich  nicht  mehr  brauchbar  gefunden  wird,  doch  noch 
immer  eine  herkömmliche  Achtung  unter  den  Menschen 
behält.  Ihr  eigentliches  Verhältnis  muß  deutlich  werden, 
die  alten  Irrtümer  sind  wegzuräumen,  wenn  die  Farben- 
lehre nicht,  wie  bisher,  hinter  so  manchem  anderen, 
besser  bearbeiteten  Teile  der  Naturlehre  zurückbleiben 
soll. 

Da  aber  der  zweite  Teil  unsres  Werkes  seinem  Inhalte 
nach  trocken,  der  Ausführung  nach  vielleicht  zu  heftig 
und  leidenschaftlich  scheinen  möchte,  so  erlaube  man 
uns  hier  ein  heiteres  Gleichnis,  um  jenen  ernsteren  Stoff 
vorzubereiten  und  jene  lebhafte  Behandlung  einigermaßen 
zu  entschuldigen. 


28  ZUR  FARBENLEHRE 

Wir  vergleichen  die  Newtonische  Farbentheorie  mit  einer 
alten  Burg,  welche  von  dem  Erbauer  anfangs  mit  jugend- 
licher Übereilung  angelegt,  nach  dem  Bedürfnis  der  Zeit 
und  Umstände  jedoch  nach  und  nach  von  ihm  erweitert 
und  ausgestattet,  nicht  weniger  bei  Anlaß  von  Fehden 
und  Feindseligkeiten  immer  mehr  befestigt  und  gesichert 
worden. 

So  verfuhren  auch  seine  Nachfolger  und  Erben.  Man  war 
genötigt,  das  Gebäude  zu  vergrößern,  hier  daneben,  hier 
daran,  dort  hinaus  zu  bauen,  genötigt  durch  die  Vermeh- 
rung innerer  Bedürfnisse,  durch  die  Zudringlichkeit  äuße- 
rer Widersacher  und  durch  manche  Zufälligkeiten. 
Alle  diese  fremdartigen  Teile  und  Zutaten  mußten  wieder 
in  Verbindung  gebracht  werden  durch  die  seltsamsten 
Galerien,  Hallen  und  Gänge.  Alle  Beschädigungen,  es 
sei  von  Feindes  Hand  oder  durch  die  Gewalt  der  Zeit, 
wurden  gleich  wieder  hergestellt.  Man  zog,  wie  es  nötig 
ward,  tiefere  Gräben,  erhöhte  die  Mauern  und  ließ  es 
nicht  an  Türmen,  Erkern  und  Schießscharten  fehlen. 
Diese  Sorgfalt,  diese  Bemühungen  brachten  ein  Vorurteil 
von  dem  hohen  Werte  der  Festung  hervor  und  erhieltens, 
obgleich  Bau-  und  Befestigungskunst  die  Zeit  über  sehr 
gestiegen  waren  und  man  sich  in  andern  Fällen  viel  bes- 
sere Wohnungen  und  Waffenplätze  einzurichten  gelernt 
hatte.  Vorzüglich  aber  hielt  man  die  alte  Burg  in  Ehren, 
weil  sie  niemals  eingenommen  worden,  weil  sie  so  man- 
chen Angriff  abgeschlagen,  manche  Befehdung  vereitelt 
und  sich  immer  als  Jungfrau  gehalten  hatte.  Dieser  Name, 
dieser  Ruf  dauert  noch  bis  jetzt.  Niemanden  fällt  es  auf, 
daß  der  alte  Bau  unbewohnbar  geworden.  Immer  wird 
von  seiner  vortrefflichen  Dauer,  von  seiner  köstlichen 
Einrichtung  gesprochen.  Pilger  wallfahrten  dahin;  flüch- 
tige Abrisse  zeigt  man  in  allen  Schulen  herum  imd  emp- 
fiehlt sie  der  empfänglichen  Jugend  zur  Verehrung,  in- 
dessen das  Gebäude  bereits  leer  steht,  nur  von  einigen 
Invaliden  bewacht,  die  sich  ganz  ernsthaft  für  gerüstet 
halten. 

Es  ist  also  hiei  die  Rede  nicht  von  einer  langwierigen 
Belagerung  oder  einer  zweifelhaften  Fehde.   Wir  finden 


VORWORT  29 

vielmehr  jenes  achte  Wunder  der  Welt  schon  als  ein  ver- 
lassenes, Einsturz  drohendes  Altertum  und  beginnen  so- 
gleich von  Giebel  und  Dach  herab  es  ohne  weitere  Um- 
stände abzutragen,  damit  die  Sonne  doch  endlich  einmal 
in  das  alte  Ratten-  und  Eulennest  hineinscheine  und  dem 
Auge  des  verwunderten  Wanderers  offenbare  jene  laby- 
rinthisch unzusammenhängende  Bauart,  das  enge  Not- 
dürftige, das  zufällig  Aufgedrungene,  das  absichtlich  Ge- 
künstelte, das  kümmerlich  Geflickte.  Ein  solcher  Einblick 
ist  aber  alsdann  nur  möglich,  wenn  eine  Mauer  nach  der 
andern,  ein  Gewölbenach  dem  andern  fällt  und  der  Schutt, 
so  viel  sich  tun  läßt,  auf  der  Stelle  hinweggeräumt  wird. 
Dieses  zu  leisten  und  womöglich  den  Platz  zu  ebnen,  die 
gewonnenen  Materialien  aber  so  zu  ordnen,  daß  sie  bei 
einem  neuen  Gebäude  wieder  benutzt  werden  können, 
ist  die  beschwerliche  Pflicht,  die  wir  uns  in  diesem  zweiten 
Teile  auferlegt  haben.  Gelingt  es  uns  nun,  mit  froher  An- 
wendung möglichster  Kraft  und  Geschickes,  jene  Bastille 
zu  schleifen  und  einen  freien  Raum  zu  gewinnen,  so  ist 
keinesweges  die  Absicht,  ihn  etwa  sogleich  wieder  mit 
einem  neuen  Gebäude  zu  überbauen  und  zu  belästigen; 
wir  wollen  uns  vielmehr  desselben  bedienen,  um  eine 
schöne  Reihe  mannigfaltiger  Gestalten  vorzuführen. 
Der  dritte  Teil  bleibt  daher  historischen  Untersuchungen 
und  Vorarbeiten  gewidmet.  Äußerten  wir  oben,  daß  die 
Geschichte  des  Menschen  den  Menschen  darstelle,  so  läßt 
sich  hier  auch  wohl  behaupten,  daß  die  Geschichte 
der  Wissenschaft  die  Wissenschaft  selbst  sei.  Man  kann 
dasjenige,  was  man  besitzt,  nicht  rein  erkennen,  bis  man 
das,  was  andre  vor  uns  besessen,  zu  erkennen  weiß.  Man 
wird  sich  an  den  Vorzügen  seiner  Zeit  nicht  wahrhaft  und 
redlich  freuen,  wenn  man  die  Vorzüge  der  Vergangenheit 
nicht  zu  würdigen  versteht.  Aber  eine  Geschichte  der 
Farbenlehre  zu  schreiben  oder  auch  nur  vorzubereiten, 
war  unmöglich,  solange  die  Newtonische  Lehre  bestand. 
Denn  kein  aristokratischer  Dünkel  hat  jemals  mit  solchem 
unerträglichen  Übermute  auf  diejenigen  herabgesehen, 
die  nicht  zu  seiner  Gilde  gehörten,  als  die  Newtonische 
Schule  von  jeher  über  alles  abgesprochen  hat,  was  vor 


30  ZUR  FARBENLEHRE 

ihr  geleistet  war  und  neben  ihr  geleistet  ward.  Mit  Ver- 
druß und  Unwillen  sieht  man,  wie  Priestley  in  seiner  "Ge- 
schichte der  Optik",  und  so  manche  vor  und  nach  ihm,  das 
Heil  der  Farbenwelt  von  der  Epoche  eines  gespalten  sein 
sollenden  Lichtes  herdatieren  imd  mit  hohem  Augbraun 
auf  die  Altern  und  Mittleren  herabsehen,  die  auf  dem 
rechten  Wege  ruhig  hingingen  imd  im  einzelnen  Beobach- 
tungen und  Gedanken  überliefert  haben,  die  wir  nicht 
besser  anstellen  können,  nicht  richtiger  fassen  werden. 
Von  demjenigen  nun,  der  die  Geschichte  irgendeines 
Wissens  überliefern  will,  können  wir  mit  Recht  verlangen, 
daß  er  uns  Nachricht  gebe,  wie  die  Phänomene  nach  und 
nach  bekannt  geworden,  was  man  darüber  phantasiert, 
gewähnt,  gemeint  und  gedacht  habe.  Dieses  alles  im  Zu- 
sammenhange vorzutragen,  hat  große  Schwierigkeiten, 
und  eine  Geschichte  zu  schreiben,  ist  immer  eine  bedenk- 
liche Sache.  Denn  bei  dem  redlichsten  Vorsatz  kommt 
man  in  Gefahr,  unredlich  zu  sein;  ja,  wer  eine  solche  Dar- 
stellung unternimmt,  erklärt  zum  voraus,  daß  er  manche? 
ins  Licht,  manches  in  Schatten  setzen  werde. 
Und  doch  hat  sich  der  Verfasser  auf  eine  solche  Arbeit 
lange  gefreut.  Da  aber  meist  nur  der  Vorsatz  als  ein 
Ganzes  vor  unserer  Seele  steht,  das  Vollbringen  aber  ge- 
wöhnlich nur  stückweise  geleistet  wird,  so  ergeben  wir 
uns  darein,  statt  der  Geschichte  Materialien  zu  derselben 
zu  liefern.  Sie  bestehen  in  Übersetzungen,  Auszügen, 
eigenen  und  fremden  Urteilen,  Winken  und  Andeutungen, 
in  einer  Sammlung,  der,  wenn  sie  nicht  allen  Forderungen 
entspricht,  doch  das  Lob  nicht  mangeln  wird,  daß  sie 
mit  Ernst  und  Liebe  gemacht  sei.  Übrigens  mögen  viel- 
leicht solche  Materialien,  zwar  nicht  ganz  unbearbeitet, 
aber  doch  unverarbeitet,  dem  denkenden  Leser  um  desto 
angenehmer  sein,  als  er  selbst  sich  nach  eigener  Art  und 
Weise  ein  Ganzes  daraus  zu  bilden  die  Bequemlichkeit 
findet. 

Mit  gedachtem  dritten  historischen  Teil  ist  jedoch  noch 
nicht  alles  getan.  Wir  haben  daher  noch  einen  vierten 
supplementären  hinzugefügt.  Dieser  enthält  die  Revision, 
um  derentwillen  vorzüglich  die  Paragraphen  mit  Nummern 


VORWORT  31 

versehen  worden.  Denn  indem  bei  der  Redaktion  einer 
solchen  Arbeit  einiges  vergessen  werden  kann,  einiges 
beseitigt  werden  muß,  um  die  Aufmerksamkeit  nicht  ab- 
zuleiten, anderes  erst  hinterdrein  erfahren  wird,  auch  an- 
deres einer  Bestimmung  und  Berichtigung  bedarf,  so  sind 
Nachträge,  Zusätze  und  Verbesserungen  unerläßlich.  Bei 
dieser  Gelegenheit  haben  wir  denn  auch  die  Zitate  nach- 
gebracht. Sodann  enthält  dieser  Band  noch  einige  ein- 
zelne Aufsätze,  z.  B.  über  die  atmosphärischen  Farben, 
welche,  indem  sie  in  dem  Entwurf  zerstreut  vorkommen, 
hier  zusammen  und  auf  einmal  vor  die  Phantasie  gebracht 
werden. 

Führt  nun  dieser  Aufsatz  den  Leser  in  das  freie  Leben, 
so  sucht  ein  anderer  das  künstliche  Wissen  zu  befördern, 
indem  er  den  zur  Farbenlehre  künftig  nötigen  Apparat 
umständlich  beschreibt. 

Schließlich  bleibt  uns  nur  noch  übrig,  der  Tafeln  zu  ge- 
denken, welche  wir  dem  Ganzen  beigefügt.  Und  hier 
werden  wir  freilich  an  jene  Un Vollständigkeit  und  Unvoll- 
kommenheit  erinnert,  welche  unser  Werk  mit  allen  Wer- 
ken dieser  Art  gemein  hat. 

Denn  wie  ein  gutes  Theaterstück  eigentlich  kaum  zur 
Hälfte  zu  Papier  gebracht  werden  kann,  vielmehr  der 
größere  Teil  desselben  dem  Glanz  der  Bühne,  der  Per- 
sönlichkeit des  Schauspielers,  der  Kraft  seiner  Stimme, 
der  Eigentümlichkeit  seiner  Bewegungen,  ja  dem  Geiste 
und  der  guten  Laune  des  Zuschauers  anheimgegeben 
bleibt,  so  ist  es  noch  viel  mehr  der  Fall  mit  einem  Buche, 
das  von  natürlichen  Erscheinungen  handelt.  Wenn  es  ge- 
nossen, wenn  es  genutzt  werden  soll,  so  muß  dem  Leser 
die  Natur  entweder  wirklich  oder  in  lebhafter  Phantasie 
gegenwärtig  sein.  Denn  eigentlich  sollte  der  Schreibende 
sprechen  und  seinen  Zuhörern  die  Phänomene,  teils  wie 
sie  uns  ungesucht  entgegenkommen,  teils  wie  sie  durch 
absichtliche  Vorrichtungen  nach  Zweck  und  Willen  dar- 
gestellt werden  können,  als  Text  erst  anschaulich  machen; 
alsdann  würde  jedes  Erläutern,  Erklären,  Auslegen  einer 
lebendigen  Wirkung  nicht  ermangeln. 
Ein  höchst  unzulängliches  Surrogat  sind  hiezu  die  Tafeln, 


32  ZUR  FARBENLEHRE 

die  man  dergleichen  Schriften  beizulegen  pHegt.  Ein 
freies  physisches  Phänomen,  das  nach  allen  Seiten  wirkt, 
ist  nicht  in  Linien  zu  fassen  und  im  Durchschnitt  anzu- 
deuten. Niemand  fällt  es  ein,  chemische  Versuche  mit 
Figuren  zu  erläutern;  bei  den  physischen,  nah  verwandten 
ist  es  jedoch  hergebracht,  weil  sich  eins  und  das  andre 
dadurch  leisten  läßt.  Aber  sehr  oft  stellen  diese  Figuren 
nur  Begriffe  dar;  es  sind  symbolische  Hülfsmittel,  hiero- 
glyphische Überlieferungsweisen,  welche  sich  nach  und 
nach  an  die  Stelle  des  Phänomens,  an  die  Stelle  der  Na- 
tur setzen  und  die  wahre  Erkenntnis  hindern,  anstatt  sie 
zu  befördern.  Entbehren  konnten  auch  wir  der  Tafeln 
nicht;  doch  haben  wir  sie  so  einzurichten  gesucht,  daß 
man  sie  zum  didaktischen  und  polemischen  Gebrauch  ge- 
trost zur  Hand  nehmen,  ja  gewisse  derselben  als  einen 
Teil  des  nötigen  Apparats  ansehen  kann. 
Und  so  bleibt  uns  denn  nichts  weiter  übrig,  als  auf  die 
Arbeit  selbst  hinzuweisen  und  nur  vorher  noch  eine  Bitte 
zu  wiederholen,  die  schon  so  mancher  Autor  vergebens 
getan  hat  und  die  besonders  der  deutsche  Leser  neuerer 
Zeit  so  selten  gewährt: 

Si  quid  novisti  recthis  istis, 
Candidus  imperti;  si  non,  his  utere  mecum. 


DER  FARBENLEHRE 
DIDAKTISCHER  TEIL 


GOETHE  XVII  3. 


Si  Vera  nostra  sunt  aut  falsa,  erunt 
ta/ia,  licet  nostra  per  vitam  defen- 
dimus.  Post  fata  nostra  pueri,  gut 
nunc  ludunt,   nostri  judices  erunt. 


EINLEITUNG 

DIE  Lust  zum  Wissen  wird  bei  dem  Menschen  zu- 
erst dadurch  angeregt,  daß  er  bedeutende  Phäno- 
mene gewahr  wird,  die  seine  Aufmerksamkeit  an 
sich  ziehen.  Damit  nun  diese  dauernd  bleibe,  so  muß 
sich  eine  innigere  Teilnahme  finden,  die  uns  nach  und 
nach  mit  den  Gegenständen  bekannter  macht.  Alsdann 
bemerken  wir  erst  eine  große  Mannigfaltigkeit,  die  uns 
als  Menge  entgegendringt.  Wir  sind  genötigt  zu  sondern, 
zu  unterscheiden  und  wieder  zusammenzustellen,  wodurch 
zuletzt  eine  Ordnung  entsteht,  die  sich  mit  mehr  oder 
weniger  Zufriedenheit  übersehen  läßt. 
Dieses  in  irgendeinem  Fache  nur  einigermaßen  zu  leisten, 
wird  eine  anhaltende  strenge  Beschäftigung  nötig.  Des- 
wegen finden  wir,  daß  die  Menschen  lieber  durch  eine 
allgemeine  theoretische  Ansicht,  durch  irgendeine  Erklä- 
rungsart die  Phänomene  beiseite  bringen,  anstatt  sich  die 
Mühe  zu  geben,  das  Einzelne  kennen  zu  lernen  und  ein 
Ganzes  zu  erbauen. 

Der  Versuch,  die  Farbenerscheinungen  auf-  und  zu- 
sammenzustellen, ist  nur  zweimal  gemacht  worden,  das 
erstemal  von  Theophrast,  sodann  von  Boyle.  Dem 
gegenwärtigen  wird  man  die  dritte  Stelle  nicht  streitig 
machen. 

Das  nähere  Verhältnis  erzählt  uns  die  Geschichte.  Hier 
sagen  wir  nur  so  viel,  daß  in  dem  verflossenen  Jahr- 
hundert an  eine  solche  Zusammenstellung  nicht  gedacht 
werden  konnte,  weil  Newton  seiner  Hypothese  einen  ver- 
wickelten und  abgeleiteten  Versuch  zum  Grund  gelegt 
hatte,  aufweichen  man  die  übrigen  zudringenden  Erschei- 
nungen, wenn  man  sie  nicht  verschweigen  und  beseitigen 
konnte,  künstlich  bezog  und  sie  in  ängstlichen  Verhält- 
nissen umherstellte,  wie  etwa  ein  Astronom  verfahren 
müßte,  der  aus  Grille  den  Mond  in  die  Mitte  unseres 
Systems  setzen  möchte.  Er  wäre  genötigt,  die  Erde,  die 
Sonne  mit  allen  übrigen  Planeten  um  den  subalternen 
Körper  herumzubewegen  und  durch  künstliche  Berech- 
nungen und  Vorstellungsweisen  das  Irrige  seines  ersten 
Annehmens  zu  verstecken  und  zu  beschönigen. 


36    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

Schreiten  wir  nun  in  Erinnerung  dessen,  was  wir  oben 
vorwortlich  beigebracht,  weiter  vor.  Dort  setzten  wir  das 
Licht  als  anerkannt  voraus,  hier  tun  wir  ein  gleiches  mit 
dem  Auge.  Wir  sagten,  die  ganze  Natur  offenbare  sich 
durch  die  Farbe  dem  Sinne  des  Auges.  Nunmehr  behaupten 
wir,  wenn  es  auch  einigermaßen  sonderbar  klingen  mag, 
daß  das  Auge  keine  Form  sehe,  indem  Hell,  Dunkel  und 
Farbe  zusammen  allein  dasjenige  ausmachen,  was  den 
Gegenstand  vom  Gegenstand,  die  Teile  des  Gegenstandes 
voneinander  fürs  Auge  unterscheidet.  Und  so  erbauen 
wir  aus  diesen  dreien  die  sichtbare  Welt  und  machen  da- 
durch zugleich  die  Malerei  möglich,  welche  auf  der  Tafel 
eine  weit  vollkommner  sichtbare  Welt,  als  die  wirkliche 
sein  kann,  hervorzubringen  vermag. 
Das  Auge  hat  sein  Dasein  dem  Licht  zu  danken.  Aus 
gleichgültigen  tierischen  Hülfsorganen  ruft  sich  das  Licht 
ein  Organ  hervor,  das  seinesgleichen  werde,  und  so  bildet 
sich  das  Auge  am  Lichte  fürs  Licht,  damit  das  innere 
Licht  dem  äußeren  entgegentrete. 

Hierbei  erinnern  wir  uns  der  alten  ionischen  Schule,  wel- 
che mit  so  großer  Bedeutsamkeit  immer  wiederholte,  nur 
von  Gleichem  werde  Gleiches  erkannt,  wie  auch  der  Worte 
eines  alten  Mystikers,  die  wir  in  deutschen  Reimen  fol- 
gendermaßen ausdrücken  möchten: 

War  nicht  das  Auge  sonnenhaft. 
Wie  könnten  wir  das  Licht  erblicken? 
Lebt  nicht  in  uns  des  Gottes  eigne  Kraft, 
Wie  könnt  uns  Göttliches  entzücken? 

Jene  unmittelbare  Verwandtschaft  des  Lichtes  und  des 
Auges  wird  niemand  leugnen;  aber  sich  beide  zugleich 
als  eins  und  dasselbe  zu  denken,  hat  mehr  Schwierigkeit. 
Indessen  wird  es  faßhcher,  wenn  man  behauptet,  im  Auge 
wohne  ein  ruhendes  Licht,  das  bei  der  mindesten  Ver- 
anlassung von  innen  oder  von  außen  erregt  werde.  Wir 
können  in  der  Finsternis  durch  Forderungen  der  Ein- 
bildungskraft uns  die  hellsten  Bilder  hervorrufen.  Im 
Traume  erscheinen  uns  die  Gegenstände  wie  am  vollen 
Tage.  In  wachenden  Zustande  wird  uns  die  leiseste  äußere 


EINLEITUNG  37 

Lichteinwirkung  bemerkbar;  ja,  wenn  das  Organ  einen 
mechanischen  Anstoß  erleidet,  so  springen  Licht  und 
Farben  hervor. 

Vielleicht  aber  machen  hier  diejenigen,  welche  nach  einer 
gewissen  Ordnung  zu  verfahren  pflegen,  bemerklich,  daß 
wir  ja  noch  nicht  einmal  entschieden  erklärt,  was  denn 
Farbe  sei.  Dieser  Frage  möchten  wir  gar  gern  hier  aber- 
mals ausweichen  und  uns  auf  unsere  Ausführung  berufen, 
wo  wir  umständlich  gezeigt,  wie  sie  erscheine.  Denn  es 
bleibt  uns  auch  hier  nichts  übrig,  als  zu  wiederholen,  die 
Farbe  sei  die  gesetzmäßige  Natur  in  bezug  auf  den  Sinn 
des  Auges.  Auch  hier  müssen  wir  annehmen,  daß  jemand 
diesen  Sinn  habe,  daß  jemand  die  Einwirkung  der  Natur 
auf  diesen  Sinn  kenne;  denn  mit  dem  Bhnden  läßt  sich 
nicht  von  der  Farbe  reden. 

Damit  wir  aber  nicht  gar  zu  ängstlich  eine  Erklärung  zu 
vermeiden  scheinen,  so  möchten  wir  das  Erstgesagte  fol- 
gendermaßen umschreiben:  die  Farbe  sei  ein  elementares 
Naturphänomen  für  den  Sinn  des  Auges,  das  sich,  wie 
die  übrigen  alle,  durch  Trennung  und  Gegensatz,  durch 
Mischung  und  Vereinigung,  durch  Erhöhung  und  Neutra- 
lisation, durch  Mitteilung  und  Verteilung  usw.  manifestiert 
und  unter  diesen  allgemeinen  Naturformeln  am  besten 
angeschaut  und  begriffen  werden  kann. 
Diese  Art,  sich  die  Sache  vorzustellen,  können  wir  nie- 
mand aufdringen.  Wer  sich  bequem  findet,  wie  wir,  wird 
sie  gern  in  sich  aufnehmen.  Ebensowenig  haben  wir 
Lust,  sie  künftig  durch  Kampf  und  Streit  zu  verteidigen. 
Denn  es  hatte  von  jeher  etwas  Gefährliches,  von  der 
Farbe  zu  handeln,  dergestalt  daß  einer  unserer  Vor- 
gänger gelegentlich  gar  zu  äußern  wagt:  "Hält  man  dem 
Stier  ein  rotes  Tuch  vor,  so  wird  er  wütend;  aber  der 
Philosoph,  wenn  man  nur  überhaupt  von  Farbe  spricht, 
fängt  an  zu  rasen." 

Sollen  wir  jedoch  nunmehr  von  unserem  Vortrag,  auf  den 
wir  uns  berufen,  einige  Rechenschaft  geben,  so  müssen 
wir  vor  allen  Dingen  anzeigen,  wie  wir  die  verschiede- 
nen Bedingungen,  unter  welchen  die  Farbe  sich  zeigen 
mag,  gesondert.  Wir  fanden  dreierlei  Erscheinungsweisen, 


38    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

dreierlei  Arten  von  Farben  oder,  wenn  man  lieber  will, 
dreierlei  Ansichten  derselben,  deren  Unterschied  sich 
aussprechen  läßt. 

Wir  betrachteten  also  die  Farben  zuerst,  insofern  sie  dem 
Auge  angehören  und  auf  einer  Wirkung  und  Gegenwir- 
kung desselben  beruhen;  ferner  zogen  sie  unsere  Auf- 
merksamkeit an  sich,  indem  wir  sie  an  farblosen  Mitteln 
oder  durch  deren  Beihülfe  gewahrten;  zuletzt  aber  wurden 
sie  uns  merkwürdig,  indem  wir  sie  als  den  Gegenständen 
angehörig  denken  konnten.  Die  ersten  nannten  wix  phy- 
siologische, die  zweiten  physische,  die  dritten  chemische 
Farben.  Jene  sind  unaufhaltsam  flüchtig,  die  andern  vor- 
übergehend, aber  allenfalls  verweilend,  die  letzten  fest- 
zuhalten bis  zur  spätesten  Dauer. 

Indem  wir  sie  nun  in  solcher  naturgemäßen  Ordnung 
zum  Behuf  eines  didaktischen  Vortrags  möglichst  son- 
derten und  auseinander  hielten,  gelang  es  uns  zugleich, 
sie  in  einer  stetigen  Reihe  darzustellen,  die  flüchtigen 
mit  den  verweilenden  und  diese  wieder  mit  den  dauern- 
den zu  verknüpfen  und  so  die  erst  sorgfältig  gezogenen 
Abteilungen  für  ein  höheres  Anschauen  wieder  aufzu- 
heben. 

Hierauf  haben  wir  in  einer  vierten  Abteilung  unserer  Ar- 
beit, was  bis  dahin  von  den  Farben  unter  mannigfaltigen 
besondern  Bedingungen  bemerkt  worden,  im  allgemeinen 
ausgesprochen  und  dadurch  eigentlich  den  Abriß  einer 
künftigen  Farbenlehre  entworfen.  Gegenwärtig  sagen  wir 
nur  so  viel  voraus,  daß  zur  Erzeugung  der  Farbe  Licht 
und  Finsternis,  Helles  und  Dunkles  oder,  wenn  man  sich 
einer  allgemeineren  Formel  bedienen  will,  Licht  und 
Nichtlicht  gefordert  werde.  Zunächst  am  Licht  entsteht 
uns  eine  Farbe,  die  wir  Gelb  nennen,  eine  andere  zu- 
nächst an  der  Finsternis,  die  wir  mit  dem  Worte  Blau 
bezeichnen.  Diese  beiden,  wenn  wir  sie  in  ihrem  reinsten 
Zustand  dergestalt  vermischen,  daß  sie  sich  völlig  das 
Gleichgewicht  halten,  bringen  eine  dritte  hervor,  welche 
wir  Grün  heißen.  Jene  beiden  ersten  Farben  können  aber 
auch  jede  an  sich  selbst  eine  neue  Erscheinung  hervor- 
bringen, indem  sie  sich  verdichten  oder  verdunkeln.  Sie 


EINLEITUNG  39 

erhalten  ein  rötliches  Ansehen,  welches  sich*bis  auf  einen 
so  hohen  Grad  steigern  kann,  daß  man  das  ursprüngliche 
Blau  und  Gelb  kaum  darin  mehr  erkennen  mag.  Doch 
läßt  sich  das  höchste  und  reine  Rot,  vorzüglich  in  phy- 
sischen Fällen,  dadurch  hervorbringen,  daß  man  die  bei- 
den Enden  des  Gelbroten  und  Blauroten  vereinigt.  Dieses 
ist  die  lebendige  Ansicht  der  Farbenerscheinung  und  -er- 
zeugung.  Man  kann  aber  auch  zu  dem  spezifiziert  fertigen 
Blauen  und  Gelben  ein  fertiges  Rot  annehmen  und  rück- 
wärts durch  Mischung  hervorbringen,  was  wir  vorwärts 
durch  Intensieren  bewirkt  haben.  Mit  diesen  drei  oder  sechs 
Farben,  welche  sich  bequem  in  einen  Kreis  einschließen 
lassen,  hat  die  elementare  Farbenlehre  allein  zu  tun.  Alle 
übrigen  ins  Unendliche  gehenden  Abänderungen  gehören 
mehr  in  das  Angewandte,  gehören  zur  Technik  des  Malers, 
des  Färbers,  überhaupt  ins  Leben, 

Sollen  wir  sodann  noch  eine  allgemeine  Eigenschaft  aus- 
sprechen, so  sind  die  Farben  durchaus  als  Halblichter, 
als  Halbschatten  anzusehen,  weshalb  sie  denn  auch,  wenn 
sie  zusammengemischt  ihre  spezifischen  Eigenschaften 
wechselseitig  aufheben,  ein  Schattiges,  ein  Graues  her- 
vorbringen. 

In  unserer  fünften  Abteilung  sollten  sodann  jene  nach- 
barlichen Verhältnisse  dargestellt  werden,  in  welchen 
unsere  Farbenlehre  mit  dem  übrigen  Wissen,  Tun  und 
Treiben  zu  stehen  wünschte.  So  wichtig  diese  Abteilung 
ist,  so  mag  sie  vielleicht  gerade  ebendeswegen  nicht 
zum  besten  gelungen  sein.  Doch  wenn  man  bedenkt,  daß. 
eigentlich  nachbarhche  Verhältnisse  sich  nicht  eher  aus- 
sprechen lassen,  als  bis  sie  sich  gemacht  haben,  so  kann 
man  sich  über  das  Mißlingen  eines  solchen  ersten  Ver- 
suches wohl  trösten.  Denn  freihch  ist  erst  abzuwarten, 
wie  diejenigen,  denen  wir  zu'dienen  suchten,  denen  wir 
etwas  Gefälliges  und  Nützliches  zu  erzeigen  dachten,  das 
von  uns  möglichst  Geleistete  aufnehmen  werden,  ob  sie 
sich  es  zueignen,  ob  sie  es  benutzen  und  weiterführen, 
oder  ob  sie  es  ablehnen,  wegdrängen  und  notdürftig  für 
sich  bestehen  lassen.  Indessen  dürfen  wir  sagen,  was  wir 
glauben  und  was  wir  hoffen. 


40    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

Vom  Philosophen  glauben  wir  Dank  zu  verdienen,  daß 
wir  gesucht,  die  Phänomene  bis  zu  ihren  Urquellen  zu 
verfolgen,  bis  dorthin,  wo  sie  bloß  erscheinen  und  sind 
und  wo  sich  nichts  weiter  an  ihnen  erklären  läßt.  Ferner 
wird  ihm  willkommen  sein,  daß  wir  die  Erscheinungen 
in  eine  leicht  übersehbare  Ordnung  gestellt,  wenn  er  disse 
Ordnung  selbst  auch  nicht  ganz  billigen  sollte. 
Den  Arzt,  besonders  denjenigen,  der  das  Organ  des  Auges 
zu  beobachten,  es  zu  erhalten,  dessen  Mängeln  abzuhelfen 
und  dessen  Übel  zu  heilen  berufen  ist,  glauben  wir  uns 
vorzüglich  zum  Freunde  zu  machen.  In  der  Abteilung 
von  den  physiologischen  Farben,  in  dem  Anhange,  der 
die  pathologischen  andeutet,  findet  er  sich  ganz  zu  Hause. 
Und  wir  werden  gewiß  durch  die  Bemühungen  jener 
Männer,  die  zu  unserer  Zeit  dieses  Fach  mit  Glück  be- 
handeln, jene  erste,  bisher  vernachlässigte  und,  man  kann 
wohl  sagen,  wichtigste  Abteilung  der  Farbenlehre  ausführ- 
lich bearbeitet  sehen. 

Am  freundlichsten  sollte  der  Physiker  uns  entgegenkom- 
men, da  wir  ihm  die  Bequemlichkeit  verschaffen,  die 
Lehre  von  den  Farben  in  der  Reihe  aller  übrigen  elemen- 
taren Erscheinungen  vorzutragen  und  sich  dabei  einer 
übereinstimmenden  Sprache,  ja  fast  derselbigen  Worte 
und  Zeichen  wie  unter  den  übrigen  Rubriken  zu  bedie- 
nen. Freilich  machen  wir  ihm,  insofern  er  Lehrer  ist, 
etwas  mehr  Mühe:  denn  das  Kapitel  von  den  Farben  läßt 
sich  künftig  nicht  wie  bisher  mit  wenig  Paragraphen  und 
Versuchen  abtun;  auch  wird  sich  der  Schüler  nicht  leicht 
so  frugal,  als  man  ihn  sonst  bedienen  mögen,  ohne  Mur- 
ren abspeisen  lassen.  Dagegen  findet  sich  späterhin  ein 
anderer  Vorteil.  Denn  wenn  die  Newtonische  Lehre  leicht 
zu  lernen  war,  so  zeigten  sich  bei  ihrer  Anwendung  un- 
überwindliche Schwierigkeiten.  Unsere  Lehre  ist  viel- 
leicht schwerer  zu  fassen,  aber  alsdann  ist  auch  alles  ge- 
tan, denn  sie  führt  ihre  Anwendung  mit  sich. 
Der  Chemiker,  welcher  auf  die  Farben  als  Kriterien  achtet, 
um  die  geheimem  Eigenschaften  körperlicher  Wesen  zu 
entdecken,  hat  bisher  bei  Benennung  und  Bezeichnung 
der  Farben  manches  Hindernis  gefunden;  ja  man  ist  nach 


EINLEITUNG  41 

einer  näheren  und  feineren  Betrachtung  bewogen  worden, 
die  Farbe  als  ein  unsicheres  und  trügliches  Kennzeichen 
bei  chemischen  Operationen  anzusehen.  Doch  hoffen  wir, 
sie  durch  unsere  Darstellung  und  durch  die  vorgeschla- 
gene Nomenklatur  wieder  zu  Ehren  zu  bringen  und  die 
Überzeugung  zu  erwecken,  daß  ein  Werdendes,  Wach- 
sendes, ein  Bewegliches,  deren  Umwendung  Fähiges  nicht 
betrüglich  sei,  vielmehr  geschickt,  die  zartesten  Wir- 
kungen der  Natur  zu  offenbaren. 

Blicken  wir  jedoch  weiter  umher,  so  wandelt  uns  eine 
Furcht  an,  dem  Mathematiker  zu  mißfallen.  Durch  eine 
sonderbare  Verknüpfung  von  Umständen  ist  die  Farben- 
lehre in  das  Reich,  vor  den  Gerichtsstuhl  des  Mathema- 
tikers gezogen  worden,  wohin  sie  nicht  gehört.  Dies  ge- 
schah wegen  ihrer  Verwandtschaft  mit  den  übrigen  Gesetzen 
des  Sehens,  welche  der  Mathematiker  zu  behandeln  eigent- 
lich berufen  war.  Es  geschah  ferner  dadurch,  daß  ein 
großer  Mathematiker  die  Farbenlehre  bearbeitete  und,  da 
er  sich  als  Physiker  geirrt  hatte,  die  ganze  Kraft  seines 
Talents  aufbot,  um  diesem  Irrtum  Konsistenz  zu  ver- 
schaffen. Wird  beides  eingesehen,  so  muß  jedes  Mißver- 
ständnis bald  gehoben  sein,  und  der  Mathematiker  wird 
gern  besonders  die  physische  Abteilung  der  Farbenlehre 
mit  bearbeiten  helfen. 

Dem  Techniker,  dem  Färber  hingegen  muß  unsre  Arbeit 
durchaus  willkommen  sein.  Denn  gerade  diejenigen,  welche 
über  die  Phänomene  der  Färberei  nachdachten,  waren  am 
wenigsten  durch  die  bisherige  Theorie  befriedigt.  Sie 
waren  die  ersten,  welche  die  Unzulänglichkeit  der  New- 
tonischen Lehre  gewahr  wurden.  Denn  es  ist  ein  großer 
Unterschied,  von  welcher  Seite  man  sich  einem  Wissen, 
einer  Wissenschaft  nähert,  durch  welche  Pforte  man  her- 
einkommt. Der  echte  Praktiker,  der  Fabrikant,  dem  sich 
die  Phänomene  täglich  mit  Gewalt  aufdringen,  welcher 
Nutzen  oder  Schaden  von  der  Ausübung  seiner  Über- 
zeugungen empfindet,  dem  Geld-  und  Zeitverlust  nicht 
gleichgültig  ist,  der  vorwärts  will,  von  anderen  Geleistetes 
erreichen,  übertreffen  soll:  er  empfindet  viel  geschwinder 
das  Hohle,  das  Falsche  einer  Theorie  als  der  Gelehrte, 


42    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

dem  zuletzt  die  hergebrachten  Worte  für  bare  Münze 
gelten,  als  der  Mathematiker,  dessen  Formel  immer  noch 
richtig  bleibt,  wenn  auch  die  Unterlage  nicht  zu  ihr  paßt, 
auf  die  sie  angewendet  worden.  Und  so  werden  auch  wir, 
da  wir  von  der  Seite  der  Malerei,  von  der  Seite  ästheti- 
scher Färbung  der  Oberflächen  in  die  Farbenlehre  her- 
eingekommen, für  den  Maler  das  Dankenswerteste  ge- 
leistet haben,  wenn  wir  in  der  sechsten  Abteilung  die 
sinnlichen  und  sittlichen  Wirkungen  der  Farbe  zu  be- 
stimmen gesucht  und  sie  dadurch  dem  Kunstgebrauch 
annähern  wollen.  Ist  auch  hierbei,  wie  durchaus,  man- 
ches nur  Skizze  geblieben,  so  soll  ja  alles  Theoretische 
eigentlich  nur  die  Grundzüge  andeuten,  auf  welchen  sich 
hernach  die  Tat  lebendig  ergehen  und  zu  gesetzlichem 
Hervorbringen  gelangen  mag. 


ERSTE  ABTEILUNG.     PHySIOLOGISCHE 
FARBEN 

I  1  V  lESE  Farben,  welche  wir  billig  obenan  setzen, 
I  jweil  sie  dem  Subjekt,  weil  sie  dem  Auge  teils 
X_^ völlig,  teils  größtens  zugehören,  diese  Farben, 
welche  das  Fundament  der  ganzen  Lehre  machen  und  uns 
die  chromatische  Harmonie,  worüber  so  viel  gestritten 
wird,  offenbaren,  wurden  bisher  als  außerwesentlich,  zu- 
fallig, als  Täuschung  und  Gebrechen  betrachtet.  Die  Er- 
scheinungen derselben  sind  von  frühern  Zeiten  her  bekannt, 
aber  weil  man  ihre  Flüchtigkeit  nicht  haschen  konnte,  so 
verbannte  man  sie  in  das  Reich  der  schädlichen  Gespenster 
und  bezeichnete  sie  in  diesem  Sinne  gar  verschiedentlich. 

2.  Also  heißen  sie  colores  adventicii  n2i.c]\  Boyle,  imaginarii 
und  phantastici  nach  Rizzetti,  nach  Bufifon  couleurs  acci- 
dentelles,  nach  ScherfFer  Scheinfarben;  Augentäuschungen 
und  Gesichtsbetrug  nach  mehreren,  nach  Hamberger  vitia 
ßigitiva,  nach  Darwin  ocular  spectra. 

3.  Wir  haben  sie  physiologische  genannt,  weil  sie  dem 
gesunden  Auge  angehören,  weil  wir  sie  als  die  notwendigen 
Bedingungen  des  Sehens  betrachten,  auf  dessen  lebendiges 
Wechselwirken  in  sich  selbst  und  nach  außen  sie  hin- 
deuten. 

4.  Wir  fügen  ihnen  sogleich  die  pathologischen  hinzu, 
welche,  wie  jeder  abnorme  Zustand  auf  den  gesetzlichen, 
so  auch  hier  auf  die  physiologischen  Farben  eine  voll- 
kommenere Einsicht  verbreiten. 

I.  Licht  und  Finsternis  zum  Auge 

5.  Die  Retina  befindet  sich,  je  nachdem  Licht  oder  Fin- 
sternis auf  sie  wirken,  in  zwei  verschiedenen  Zuständen, 
die  einander  völlig  entgegenstehen. 

6.  Wenn  wir  die  Augen  innerhalb  eines  ganz  finstern 
Raums  oflfen  halten,  so  wird  uns  ein  gewisser  Mangel 
empfindbar.  Das  Organ  ist  sich  selbst  überlassen,  es  zieht 
sich  in  sich  selbst  zurück,  ihm  fehlt  jene  reizende  befrie- 
digende Berührung,  durch  die  es  mit  der  äußern  Welt  ver- 
bunden und  zum  Ganzen  wird. 


44     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

7.  Wenden  wir  das  Auge  gegen  eine  stark  beleuchtete 
weiße  Fläche,  so  wird  es  geblendet  und  für  eine  Zeitlang 
unfähig,  mäßig  beleuchtete  Gegenstände  zu  unterschei- 
den. 

8.  Jeder  dieser  äußersten  Zustände  nimmt  auf  die  ange- 
gebene Weise  die  ganze  Netzhaut  ein,  imd  insofern  wer- 
den wir  nur  einen  derselben  auf  einmal  gewahr.  Dort  (6) 
fanden  wir  das  Organ  in  der  höchsten  Abspannung  und 
Empfänglichkeit,  hier  (7)  in  der  äußersten  Überspannung 
vmd  Unempfindlichkeit. 

9.  Gehen  wir  schnell  aus  einem  dieser  Zustände  in  den 
andern  über,  wenn  auch  nicht  von  einer  äußersten  Grenze 
zur  andern,  sondern  etwa  nur  aus  dem  Hellen  ins  Däm- 
mernde, so  ist  der  Unterschied  bedeutend,  und  wir  können 
bemerken,  daß  die  Zustände  eine  Zeitlang  dauern. 

10.  Wer  aus  der  Tageshelle  in  einen  dämmrigen  Ort 
übergeht,  imterscheidet  nichts  in  der  ersten  Zeit;  nach  und 
nach  stellen  sich  die  Augen  zur  Empfänglichkeit  wieder 
her,  starke  früher  als  schwache:  jene  schon  in  einer  Minute, 
wenn  diese  sieben  bis  acht  Minuten  brauchen. 

1 1 .  Bei  wissenschaftlichen  Beobachtungen  kann  die  Un- 
empfänglichkeit  des  Auges  für  schwache  Lichteindrücke, 
wenn  man  aus  dem  Hellen  ins  Dunkle  geht,  zu  sonder- 
baren Irrtümern  Gelegenheit  geben.  So  glaubte  ein  Be- 
obachter, dessen  Auge  sich  langsam  herstellte,  eine  ganze 
Zeit,  das  faule  Holz  leuchte  nicht  um  Mittag,  selbst  in 
der  dunkeln  Kammer.  Er  sah  nämlich  das  schwache  Leuch- 
ten nicht,  weil  er  aus  dem  hellen  Sonnenschein  in  die 
dunkle  Kammer  zu  gehen  pflegte  und  erst  später  einmal 
so  lange  darin  verweilte,  bis  sich  das  Auge  wieder  her- 
gestellt hatte. 

Ebenso  mag  es  dem  Doktor  Wall  mit  dem  elektrischen 
Scheine  des  Bernsteins  gegangen  sein,  den  er  bei  Tage, 
selbst  im  dunkeln  Zimmer,  kaum  gewahr  werden  konnte. 
Das  Nichtsehen  der  Sterne  bei  Tage,  das  Bessersehen 
der  Gemälde  durch  eine  doppelte  Röhre  ist  auch  hieher 
zu  rechnen. 

12.  Wer  einen  völlig  dunkeln  Ort  mit  einem,  den  die 
Sonne  bescheint,  verwechselt,  wird  geblendet.  Wer  aus 


I.  PHYSIOLOGISCHE  FARBEN  45 

derDämmrung  ins  nicht  blendende  Helle  kommt,  bemerkt 
alle  Gegenstände  frischer  und  besser;  daher  ein  ausge- 
ruhtes Auge  durchaus  für  mäßige  Erscheinungen  empfäng- 
licher ist. 

Bei  Gefangenen,  welche  lange  im  Finstern  gesessen,  ist 
die  Empfänglichkeit  der  Retina  so  groß,  daß  sie  im  Fin- 
stern (wahrscheinlich  in  einem  wenig  erhellten  Dunkel) 
schon  Gegenstände  unterscheiden. 

13.  Die  Netzhaut  befindet  sich  bei  dem,  was  wir  sehen 
heißen,  zu  gleicher  Zeit  in  verschiedenen,  ja  in  entgegen- 
gesetzten Zuständen.  Das  höchste,  nicht  blendende  Helle 
wirkt  neben  dem  völlig  Dunkeln.  Zugleich  werden  wir 
alle  Mittelstufen  des  Helldunkeln  und  alle  Farbenbestim- 
mungen gewahr. 

14.  Wir  wollen  gedachte  Elemente  der  sichtbaren  Welt 
nach  und  nach  betrachten  und  bemerken,  wie  sich  das 
Organ  gegen  dieselben  verhalte,  und  zu  diesem  Zweck  die 
einfachsten  Bilder  vornehmen. 

IL  Schwarze  und  lueiße  Bilder  zum  Auge 

15.  Wie  sich  die  Netzhaut  gegen  Hell  und  Dunkel  über- 
haupt verhält,  so  verhält  sie  sich  auch  gegen  dunkle  und 
helle  einzelne  Gegenstände.  Wenn  Licht  und  Finsternis 
ihr  im  ganzen  verschiedene  Stimmungen  geben,  so  wer- 
den schwarze  und  weiße  Bilder,  die  zu  gleicher  Zeit  ins 
Auge  fallen,  diejenigen  Zustände  nebeneinander  bewirken, 
welche  durch  Licht  und  Finsternis  in  einer  Folge  hervor- 
gebracht wurden. 

16.  Ein  dunkler  Gegenstand  erscheint  kleiner  als  ein 
heller  von  derselben  Größe.  Man  sehe  zugleich  eine 
weiße  Rundung  auf  schwarzem,  eine  schwarze  auf  weißem 
Grande,  welche  nach  einerlei  Zirkelschlag  ausgeschnitten 
sind,  in  einiger  Entfernung  an,  und  wir  werden  die  letztere 
etwa  um  ein  Fünftel  kleiner  als  die  erste  halten.  Man 
mache  das  schwarze  Bild  um  soviel  größer,  und  sie  wer- 
den gleich  erscheinen. 

17.  So  bemerkte  Tycho  de  Brahe,  daß  der  Mond  in  der 
Konjunktion  (der  finstere)  um  den  fünften  Teil  kleiner  er- 


46     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHP:R  TEIL 

scheine  als  in  der  Opposition  (der  volle  helle).  Die  erste 
Mondsichel  scheint  einer  großem  Scheibe  anzugehören 
als  der  an  sie  grenzenden  dunkeln,  die  man  zur  Zeit  des 
Neulichtes  manchmal  unterscheiden  kann.  Schwarze  Klei- 
der machen  die  Personen  viel  schmäler  aussehen  als  helle. 
Hinter  einem  Rand  gesehene  Lichter  machen  in  den  Rand 
einen  scheinbaren  Einschnitt.  Ein  Lineal,  hinter  welchem 
ein  Kerzenlicht  hervorblickt,  hat  für  uns  eine  Scharte. 
Die  auf-  und  untergehende  Sonne  scheint  einen  Einschnitt 
in  den  Horizont  zu  machen. 

i8.  Das  Schwarze,  als  Repräsentant  der  Finsternis,  läßt 
das  Organ  im  Zustande  der  Ruhe,  das  Weiße,  als  Stell- 
vertreter des  Lichts,  versetzt  es  in  Tätigkeit.  Man  schlösse 
vielleicht  aus  gedachtem  Phänomen  (i6),  daß  die  ruhige 
Netzhaut,  wenn  sie  sich  selbst  überlassen  ist,  in  sich  selbst 
zusammengezogen  sei  und  einen  kleinem  Raum  ein- 
nehme als  in  dem  Zustande  der  Tätigkeit,  in  den  sie  durch 
den  Reiz  des  Lichtes  versetzt  wird. 
Kepler  sagt  daher  sehr  schön:  Certum  est,velin  retina  causa 
picturae  vel  in  spiritibus  causa  impressionis  exsistere  dila- 
tationem  lucidorum  {Paralip.in  Vitellionem,  p.  220).  Pater 
Scherffer  hat  eine  ähnliche  Mutmaßung. 

19.  Wie  dem  auch  sei,  beide  Zustände,  zu  welchen  das 
Organ  durch  ein  solches  Bild  bestimmt  wird,  bestehen 
auf  demselben  örtlich  und  dauem  eine  Zeitlang  fort,  wenn 
auch  schon  der  äußre  Anlaß  entfernt  ist.  Im  gemeinen 
Leben  bemerken  wir  es  kaum;  denn  selten  kommen  Bilder 
vor,  die  sehr  stark  voneinander  abstechen.  Wir  vermei- 
den diejenigen  anzusehn,  die  uns  blenden.  Wir  blicken 
von  einem  Gegenstand  auf  den  andern,  die  Sukzession 
der  Bilder  scheint  uns  rein,  wir  werden  nicht  gewahr,  daß 
sich  von  dem  vorhergehenden  etwas  ins  nachfolgende  hin- 
überschleicht. 

20.  Wer  auf  ein  Fensterkreuz,  das  einen  dämmernden 
Himmel  zum  Hintergrunde  hat,  morgens  beim  Erwachen, 
wenn  das  Auge  besonders  empfänglich  ist,  scharf  hinblickt 
und  sodann  die  Augen  schließt  oder  gegen  einen  ganz 
dunkeln  Ort  hinsieht,  wird  ein  schwarzes  Kreuz  auf  hellem 
Grunde  noch  eine  Weile  vor  sich  sehen. 


I.  PHYSIOLOGISCHE  FARBEN  47 

21.  Jedes  Bild  nimmt  seinen  bestimmten  Platz  auf  der 
Netzhaut  ein,  und  zwar  einen  großem  oder  kleinem,  nach 
dem  Maße,  in  welchem  es  nahe  oder  fern  gesehen  wird. 
Schließen  wir  das  Auge  sogleich,  wenn  wir  in  die  Sonne 
gesehen  haben,  so  werden  wir  uns  wundern,  wie  klein  das 
zurückgebliebene  Bild  erscheint. 

22.  Kehren  wir  dagegen  das  geöffnete  Auge  nach  einer 
Wand  und  betrachten  das  uns  vorschwebende  Gespenst 
in  bezug  auf  andre  Gegenstände,  so  werden  wir  es  immer 
größer  erblicken,  je  weiter  von  uns  es  durch  irgendeine 
Fläche  aufgefangen  wird.  Dieses  Phänomen  erklärt  sich 
wohl  aus  dem  perspektivischen  Gesetz,  daß  uns  der  kleine 
nähere  Gegenstand  den  großem  entfernten  zudeckt. 

23.  Nach  Beschaffenheit  der  Augen  ist  die  Dauer  dieses 
Eindrucks  verschieden.  Sie  verhält  sich  wie  die  Herstel- 
Itmg  der  Netzhaut  bei  dem  Übergang  aus  dem  Hellen  ins 
Dunkle  (10)  und  kann  also  nach  Minuten  und  Sekunden 
abgemessen  werden,  und  zwar  viel  genauer,  als  es  bisher 
durch  eine  geschwungene  brennende  Lunte,  die  dem 
hinblickenden  Auge  als  ein  Zirkel  erscheint,  geschehen 
konnte. 

24.  Besonders  auch  kommt  die  Energie  in  Betracht,  wo- 
mit eine  Lichtwirkung  das  Auge  trifft.  Am  längsten  bleibt 
das  Bild  der  Sonne,  andre  mehr  oder  weniger  leuchtende 
Körper  lassen  ihre  Spur  länger  oder  kürzer  zurück. 

25.  Diese  Bilder  verschwinden  nach  und  nach,  und  zwar 
indem  sie  sowohl  an  Deutlichkeit  als  an  Größe  verlieren. 

26.  Sie  nehmen  von  der  Peripherie  herein  ab,  und  man 
glaubt  bemerkt  zu  haben,  daß  bei  viereckten  Bildern  sich 
nach  und  nach  die  Ecken  abstumpfen  und  zuletzt  ein 
immer  kleineres  rundes  Bild  vorschwebt. 

27.  Ein  solches  Bild,  dessen  Eindruck  nicht  mehr  bemerk- 
lich ist,  läßt  sich  auf  der  Retina  gleichsam  wieder  beleben, 
wenn  wir  die  Augen  öffnen  und  schließen  und  mit  Erre- 
gung und  Schonung  abwechseln. 

28.  Daß  Bilder  sich  bei  Augenkrankheiten  vierzehn  bis 
siebzehn  Minuten,  ja  länger  auf  der  Retina  erhielten,  deutet 
auf  äußerste  Schwäche  des  Organs,  auf  dessen  Unfähig- 
keit, sich  wieder  herzustellen,  so  wie  das  Vorschweben 


4  8     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

leidenschaftlich  geliebter  oder  verhaßter  Gegenstände  aus 
dem  Sinnlichen  ins  Geistige  deutet. 

29.  Blickt  man,  indessen  der  Eindruck  obgedachten  Fen- 
sterbildes noch  dauert,  nach  einer  hellgrauen  Fläche,  so 
erscheint  das  Kreuz  hell  und  der  Scheibenraum  dunkel. 
In  jenem  Falle  (20)  blieb  der  Zustand  sich  selbst  gleich, 
so  daß  auch  der  Eindruck  identisch  verharren  konnte; 
hier  aber  wird  eine  Umkehrung  bewirkt,  die  unsere  Auf- 
merksamkeit aufregt  und  von  der  uns  die  Beobachter 
mehrere  Fälle  überliefert  haben. 

30.  Die  Gelehrten,  welche  auf  den  Cordilleras  ihre  Be- 
obachtungen anstellten,  sahen  um  den  Schatten  ihrer 
Köpfe,  der  auf  Wolken  fiel,  einen  hellen  Schein.  Dieser 
Fall  gehört  wohl  hieher:  denn  indem  sie  das  dunkle  Bild 
des  Schattens  fixierten  und  sich  zugleich  von  der  Stelle 
bewegten,  so  schien  ihnen  das  geforderte  helle  Bild  um 
das  dunkle  zu  schweben.  Man  betrachte  ein  schwarzes 
Rund  auf  einer  hellgrauen  Fläche,  so  wird  man  bald, 
wenn  man  die  Richtung  des  Blicks  im  geringsten  ver- 
ändert, einen  hellen  Schein  um  das  dunkle  Rund  schwe- 
ben sehen. 

Auch  mir  ist  ein  Ähnliches  begegnet.  Indem  ich  nämlich, 
auf  dem  Felde  sitzend,  mit  einem  Manne  sprach,  der,  in 
einiger  Entfernung  vor  mir  stehend,  einen  grauen  Him- 
mel zum  Hintergrund  hatte,  so  erschien  mir,  nachdem 
ich  ihn  lange  scharf  und  unverwandt  angesehen,  als  ich 
den  Blick  ein  wenig  gewendet,  sein  Kopf  von  einem  blen- 
denden Schein  umgeben. 

Wahrscheinlich  gehört  hieher  auch  das  Phänomen,  daß 
Personen,  die  bei  Aufgang  der  Sonne  an  feuchten  Wiesen 
hergehen,  einen  Schein  um  ihr  Haupt  erblicken,  der  zu- 
gleich farbig  sein  mag,  weil  sich  von  den  Phänomenen 
der  Refraktion  etwas  einmischt. 

So  hat  man  auch  um  die  Schatten  der  Luftballone,  welche 
auf  Wolken  fielen,  helle  und  einigermaßen  gefärbte  Kreise 
bemerken  wollen. 

Pater  Beccaria  stellte  einige  Versuche  an  über  die  Wetter- 
elektrizität, wobei  er  den  papiernen  Drachen  in  die  Höhe 
steigen  ließ.  Es  zeigte  sich  um  diese  Maschine  ein  kleines 


I.  PHYSIOLOGISCHE  FARBEN  49 

glänzendes  Wölkchen  von  abwechselnder  Größe,  ja  auch 
um  einen  Teil  der  Schnur.  Es  verschwand  zuweilen,  und 
wenn  der  Drache  sich  schneller  bewegte,  schien  es  auf 
dem  vorigen  Platze  einige  Augenblicke  hin  und  wieder 
zu  schweben.  Diese  Erscheinung,  welche  die  damaligen 
Beobachter  nicht  erklären  konnten,  war  das  im  Auge  zu- 
rückgebliebene, gegen  den  hellen  Himmel  in  ein  helles 
verwandelte  Bild  des  dunklen  Drachen. 
Bei  optischen,  besonders  chromatischen  Versuchen,  wo 
man  oft  mit  blendenden  Lichtern,  sie  seien  farblos  oder 
farbig,  zu  tun  hat,  muß  man  sich  sehr  vorsehen,  daß  nicht 
das  zurückgebliebene  Spektrum  einer  vorhergehenden  Be- 
obachtung sich  mit  in  eine  folgende  Beobachtung  mische 
und  dieselbe  verwirrt  und  unrein  mache. 

31.  Diese  Erscheinungen  hat  man  sich  folgendermaßen 
zu  erklären  gesucht.  Der  Ort  der  Retina,  auf  welchen 
das  Bild  des  dunklen  Kreuzes  fiel,  ist  als  ausgeruht  und 
empfänglich  anzusehen.  Auf  ihn  wirkt  die  mäßig  erhellte 
Fläche  lebhafter  als  auf  die  übrigen  Teile  der  Netzhaut, 
welche  durch  die  Fensterscheiben  das  Licht  empfingen 
und,  nachdem  sie  durch  einen  so  viel  stärkern  Reiz  in 
Tätigkeit  gesetzt  worden,  die  graue  Fläche  nur  als  dunkel 
gewahr  werden. 

32.  Diese  Erklärungsart  scheint  für  den  gegenwärtigen 
Fall  ziemlich  hinreichend;  in  Betrachtung  künftiger  Er- 
scheinungen aber  sind  wir  genötigt,  das  Phänomen  aus 
hohem  Quellen  abzuleiten. 

33.  Das  Auge  eines  Wachenden  äußert  seine  Lebendigkeit 
besonders  darin,  daß  es  durchaus  in  seinen  Zuständen  ab- 
zuwechseln verlangt,  die  sich  am  einfachsten  vom  Dunkeln 
zum  Hellen  und  umgekehrt  bewegen.  Das  Auge  kann 
und  mag  nicht  einen  Moment  in  einem  besondern,  in 
einem  durch  das  Objekt  spezifizierten  Zustande  identisch 
verharren.  Es  ist  vielmehr  zu  einer  Art  von  Opposition 
genötigt,  die,  indem  sie  das  Extrem  dem  Extreme,  das 
Mittlere  dem  Mittleren  entgegensetzt,  sogleich  das  Ent- 
gegengesetzte verbindet  und  in  der  Sukzession  sowohl 
als  in  der  Gleichzeitigkeit  und  Gleichörtlichkeitnach  einem 
Ganzen  strebt. 

GOETHE  XVII  4. 


5  o     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

34.  Vielleicht  entsteht  das  außerordentliche  Behagen,  das 
wir  bei  dem  wohlbehandelten  Helldunkel  farbloser  Ge- 
mälde und  ähnlicher  Kunstwerke  empfinden,  vorzüglich 
aus  dem  gleichzeitigen  Gewahrwerden  eines  Ganzen,  das 
von  dem  Organ  sonst  nur  in  einer  Folge  mehr  gesucht 
als  hervorgebracht  wird  und,  wie  es  auch  gelingen  möge, 
niemals  festgehalten  werden  kann. 

III.   Graue  Flächen  und  Bilder 

35.  Ein  großer  Teil  chromatischer  Versuche  verlangt 
ein  mäßiges  Licht.  Dieses  können  wir  sogleich  durch 
mehr  oder  minder  graue  Flächen  bewirken,  und  wir  haben 
uns  daher  mit  dem  Grauen  zeitig  bekannt  zu  machen,  wobei 
wir  kaum  zu  bemerken  brauchen,  daß  in  manchen  Fällen 
eine  im  Schatten  oder  in  der  Dämmerung  stehende  weiße 
Fläche  für  eine  graue  gelten  kann, 

36.  Da  eine  graue  Fläche  zwischen  Hell  und  Dunkel  innen 
steht,  so  läßt  sich  das,  was  wir  oben  (29)  als  Phänomen 
vorgetragen,  zum  bequemen  Versuch  erheben. 

37.  Man  halte  ein  schwarzes  Bild  vor  eine  graue  Fläche 
und  sehe  unverwandt,  indem  es  weggenommen  wird,  auf 
denselben  Fleck;  der  Raum,  den  es  einnahm,  erscheint 
um  vieles  heller.  Man  halte  auf  eben  diese  Art  ein 
weißes  Bild  hin,  und  der  Raum  wird  nachher  dunk- 
ler als  die  übrige  Fläche  erscheinen.  Man  verwende 
das  Auge  auf  der  Tafel  hin  und  wieder,  so  werden  in 
beiden  Fällen  die  Bilder  sich  gleichfalls  hin  und  her  be- 
wegen. 

38.  Ein  graues  Bild  auf  schwarzem  Grunde  erscheint  viel 
heller  als  dasselbe  Bild  auf  weißem.  Stellt  man  beide 
Fälle  nebeneinander,  so  kann  man  sich  kaum  überzeugen, 
daß  beide  Bilder  aus  einem  Topf  gefärbt  seien.  Wir 
glauben  hier  abermals  die  große  Regsamkeit  der  Netzhaut 
zu  bemerken  und  den  stillen  Widerspruch,  den  jedes  Leben- 
dige zu  äußern  gedrungen  ist,  wenn  ihm  irgendein  be- 
stimmter Zustand  dargeboten  wird.  So  setzt  das  Einatmen 
schon  das  Ausatmen  voraus  und  umgekehrt,  so  jede  Systole 
ihre  Diastole.    Es  ist  die  ewige  Formel  des  Lebens,  die 


I.  PHYSIOLOGISCHE  FARBEN  5 1 

sich  auch  hier  äußert.  Wie  dem  Auge  das  Dunkle  geboten 
wird,  so  fordert  es  das  Helle;  es  fordert  Dunkel,  wenn  man 
ihm  Hell  entgegenbringt,  und  zeigt  eben  dadurch  seine 
Lebendigkeit,  sein  Recht,  das  Objekt  zu  fassen,  indem 
es  etwas,  das  dem  Objekt  entgegengesetzt  ist,  aus  sich 
selbst  hervorbringt. 

IV.  Blendendes  farbloses  Bild 

39.  Wenn  man  ein  blendendes,  völlig  farbloses  Bild 
ansieht,  so  macht  solches  einen  starken  dauernden  Ein- 
druck, und  das  Abklingen  desselben  ist  von  einer  Farben- 
erscheinung begleitet. 

40.  In  einem  Zimmer,  das  möglichst  verdunkelt  worden, 
habe  man  im  Laden  eine  runde  Öffnung,  etwa  drei  Zoll 
im  Durchmesser,  die  man  nach  Belieben  auf-  und  zudecken 
kann;  durch  selbige  lasse  man  die  Sonne  auf  ein  weißes 
Papier  scheinen  und  sehe  in  einiger  Entfernung  starr  das 
erleuchtete  Rund  an;  man  schließe  darauf  die  Öffnung 
und  blicke  nach  dem  dunkelsten  Orte  des  Zimmers,  so 
wird  man  eine  runde  Erscheinung  vor  sich  schweben  sehen. 
Die  Mitte  des  Kreises  wird  man  hell,  farblos,  einigermaßen 
gelb  sehen,  der  Rand  aber  wird  sogleich  purpurfarben 
erscheinen. 

Es  dauert  eine  Zeitlang,  bis  diese  Purpurfarbe  von  außen 
herein  den  ganzen  Kreis  zudeckt  und  endlich  den  hellen 
Mittelpunkt  völlig  vertreibt.  Kaum  erscheint  aber  das 
ganze  Rund  purpurfarben,  so  fängt  der  Rand  an,  blau  zu 
werden,  das  Blaue  verdrängt  nach  und  nach  hereinwärts 
den  Purpur,  Ist  die  Erscheinung  vollkommen  blau,  so 
wird  der  Rand  dunkel  und  unfärbig.  Es  währet  lange, 
bis  der  unfärbige  Rand  völlig  das  Blaue  vertreibt  und  der 
ganze  Raum  unfärbig  wird.  Das  Bild  nimmt  sodann  nach 
und  nach  ab,  und  zwar  dergestalt,  daß  es  zugleich  schwächer 
und  kleiner  wird.  Hier  sehen  wir  abermals,  wie  sich  die 
Netzhaut  durch  eine  Sukzession  von  Schwingungen  gegen 
den  gewaltsamen  äußern  Eindruck  nach  und  nach  wieder 
herstellt.    (25.  26.) 

41.  Die  Verhältnisse  des  Zeitmaßes  dieser  Erscheinunsr 


5  2      DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHF:R  TEIL 

habe  ich  an  meinem  Auge,  bei  mehrem  Versuchen  über- 
einstimmend, folgendermaßen  gefunden. 
Auf  das  blendende  Bild  hatte  ich  fünf  Sekunden  gesehen, 
darauf  den  Schieber  geschlossen;  da  erblickt  ich  das  farbige 
Scheinbild  schwebend,  und  nach  dreizehn  Sekunden  er- 
schien es  ganz  purpurfarben.  Nun  vergingen  wieder 
neunundzwanzig  Sekunden,  bis  das  Ganze  blau  erschien, 
und  achtundvierzig,  bis  es  mir  farblos  vorschwebte.  Durch 
Schließen  und  Öffnen  des  Auges  belebte  ich  das  Bild 
immer  wieder  (27),  so  daß  es  sich  erst  nach  Verlauf  von 
sieben  Minuten  ganz  verlor. 

Künftige  Beobachter  werden  diese  Zeiten  kürzer  oder 
länger  finden,  je  nachdem  sie  stärkere  oder  schwächere 
Augen  haben  (23).  Sehr  merkwürdig  aber  wäre  es,  wenn 
man  demungeachtet  durchaus  ein  gewisses  Zahlenverhält- 
nis dabei  entdecken  könnte. 

42.  Aber  dieses  sonderbare  Phänomen  erregt  nicht  sobald 
unsre  Aufmerksamkeit,  als  wir  schon  eine  neue  Modifika- 
tion desselben  gewahr  werden. 

Haben  wir,  wie  oben  gedacht,  den  Lichteindruck  im  Auge 
aufgenommen  und  sehen  in  einem  mäßig  erleuchteten 
Zimmer  auf  einen  hellgrauen  Gegenstand,  so  schwebt  aber- 
mals ein  Phänomen  vor  uns,  aber  ein  dunkles,  das  sich 
nach  und  nach  von  außen  mit  einem  grünen  Rande  ein- 
faßt, welcher  ebenso  wie  vorher  der  purpurne  Rand  sich 
über  das  ganze  Rund  hineinwärts  verbreitet.  Ist  dieses 
geschehen,  so  sieht  man  nunmehr  ein  schmutziges  Gelb, 
das,  wie  in  dem  vorigen  Versuche  das  Blau,  die  Scheibe 
ausfüllt  und  zuletzt  von  einer  Unfarbe  verschlungen  wird. 

43.  Diese  beiden  Versuche  lassen  sich  kombinieren,  wenn 
man  in  einem  mäßig  heilen  Zimmer  eine  schwarze  und 
weiße  Tafel  nebeneinander  hinsetzt  und,  solange  das  Auge 
den  Lichteindruck  behält,  bald  auf  die  weiße,  bald  auf 
die  schwarze  Tafel  scharf  hinblickt.  Man  wird  alsdann 
im  Anfange  bald  ein  purpurnes,  bald  ein  grünes  Phäno- 
men und  so  weiter  das  übrige  gewahr  werden.  Ja,  wenn 
man  sich  geübt  hat,  so  lassen  sich,  indem  man  das  schwe- 
bende Phänomen  dahin  bringt,  wo  die  zwei  Tafeln  an- 
einander stoßen,   die  beiden  entgegengesetzten  Farben 


I.  PHYSIOLOGISCHE  FARBEN  53 

zugleich  erblicken,  welches  um  so  bequemer  geschehen 
kann,  als  die  Tafeln  entfernter  stehen,  indem  das  Spek- 
trum alsdann  größer  erscheint. 

44.  Ich  befand  mich  gegen  Abend  in  einer  Eisenschmiede, 
als  eben  die  glühende  Masse  unter  den  Hammer  gebracht 
wurde.  Ich  hatte  scharf  darauf  gesehen,  wendete  mich 
um  und  blickte  zufällig  in  einen  offenstehenden  Kohlen- 
schoppen. Ein  ungeheures  purpurfarbnes  Bild  schwebte 
nun  vor  meinen  Augen,  und  als  ich  den  Blick  von  der 
dunkeln  Öffnung  weg  nach  dem  hellen  Bretterverschlag 
wendete,  so  erschien  mir  das  Phänomen  halb  grün,  halb 
purpurfarben,  je  nachdem  es  einen  dunklern  oder  hel- 
lem Grund  hinter  sich  hatte.  Auf  das  Abklingen  dieser 
Erscheinung  merkte  ich  damals  nicht. 

45.  Wie  das  Abklingen  eines  umschriebenen  Glanzbildes 
verhält  sich  auch  das  Abklingen  einer  totalen  Blendung 
der  Retina.  Die  Purpurfarbe,  welche  die  vom  Schnee  Ge- 
blendeten erblicken,  gehört  hieher  so  wie  die  ungemein 
schöne  grüne  Farbe  dunkler  Gegenstände,  nachdem  man 
auf  ein  weißes  Papier  in  der  Sonne  lange  hingesehen. 
Wie  es  sich  näher  damit  verhalte,  werden  diejenigen  künf- 
tig untersuchen,  deren  jugendliche  Augen  um  der  Wissen- 
schaft willen  noch  etwas  auszustehen  fähig  sind. 

46.  Hieher  gehören  gleichfalls  die  schwarzen  Buchstaben, 
die  im  Abendlichte  rot  erscheinen.  Vielleicht  gehört  auch 
die  Geschichte  hieher,  daß  sich  Blutstropfen  auf  dem 
Tische  zeigten,  an  den  sich  Heinrich  der  Vierte  von 
Frankreich  mit  dem  Herzog  von  Guise,  um  Würfel  zu 
spielen,  gesetzt  hatte. 

V.  Farbige  Bilder 

47.  Wir  wurden  die  physiologischen  Farben  zuerst  beim 
Abklingen  farbloser  blendender  Bilder  sowie  auch  bei 
abklingenden  allgemeinen  farblosen  Blendungen  gewahr. 
Nun  finden  wir  analoge  Erscheinungen,  wenn  dem  Auge 
eine  schon  spezifizierte  Farbe  geboten  wird,  wobei  uns 
alles,  was  wir  bisher  erfahren  haben,  immer  gegenwärtig 
bleiben  muß. 


54     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

48.  Wie  von  den  farblosen  Bildern,  so  bleibt  auch  von 
den  farbigen  der  Eindruck  im  Auge,  nur  daß  uns  die  zur 
Opposition  aufgeforderte  und  durch  den  Gegensatz  eine 
Totalität  hervorbringende  Lebendigkeit  der  Netzhaut  an- 
schaulicher wird. 

49.  Man  halte  ein  kleines  Stück  lebhaft  farbigen  Papiers 
oder  seidnen  Zeuges  vor  eine  mäßig  erleuchtete  weiße 
Tafel,  schaue  unverwandt  auf  die  kleine  farbige  Fläche 
und  hebe  sie,  ohne  das  Auge  zu  verrücken,  nach  einiger 
Zeit  hinweg,  so  wird  das  Spektrum  einer  andern  Farbe 
auf  der  weißen  Tafel  zu  sehen  sein.  Man  kann  auch  das 
farbige  Papier  an  seinem  Orte  lassen  und  mit  dem  Auge 
auf  einen  andern  Fleck  der  weißen  Tafel  hinblicken,  so 
wird  jene  farbige  Erscheinung  sich  auch  dort  sehen  lassen: 
denn  sie  entspringt  aus  einem  Bilde,  das  nunmehr  dem 
Auge  angehört, 

50.  Um  in  der  Kürze  zu  bemerken,  welche  Farben  denn 
eigentlich  durch  diesen  Gegensatz  hervorgerufen  werden, 
bediene  man  sich  des  illuminierten  Farbenkreises  unserer 
Taieln,  der  überhaupt  naturgemäß  eingerichtet  ist  und 
auch  hier  seine  guten  Dienste  leistet,  indem  die  in  dem- 
selben diametral  einander  entgegengesetzten  Farben  die- 
jenigen sind,  welche  sich  im  Auge  wechselsweise  fordern. 
So  fordert  Gelb  das  Violette,  Orange  das  Blaue,  Purpur 
das  Grüne  und  umgekehrt.  So  fordern  sich  alle  Abstu- 
fungen wechselsweise,  die  einfachere  Farbe  fordert  die 
zusammengesetztere  und  umgekehrt. 

51.  Öfter,  als  wir  denken,  kommen  uns  die  hieher  gehö- 
rigen Fälle  im  gemeinen  Leben  vor,  ja  der  Aufmerksame 
sieht  diese  Erscheinungen  überall,  da  sie  hingegen  von 
dem  ununterrichteten  Teil  der  Menschen  wie  von  unsem 
Vorfahren  als  flüchtige  Fehler  angesehen  werden,  ja  manch- 
mal gar,  als  wären  es  Vorbedeutungen  von  Augenkrank- 
heiten, sorgliches  Nachdenken  erregen.  Einige  bedeu- 
tende Fälle  mögen  hier  Platz  nehmen. 

52.  Als  ich  gegen  Abend  in  ein  Wirtshaus  eintrat  und 
ein  wohlgewachsenes  Mädchen  mit  blendend  weißem  Ge- 
sicht, schwarzen  Haaren  und  einem  scharlachroten  Mieder 
zu  mir  ins  Zimmer  trat,  blickte  ich  sie,  die  in  einiger  Ent- 


I.  PHYSIOLOGISCHE  FARBEN  55 

femung  vor  mir  stand,  in  der  Halbdämmerung  scharf  an. 
Indem  sie  sich  nun  darauf  hinwegbewegte,  sah  ich  auf 
der  mir  entgegenstehenden  weißen  Wand  ein  schwarzes 
Gesicht,  mit  einem  hellen  Schein  umgeben,  und  die  übrige 
Bekleidung  der  völlig  deutlichen  Figiu:  erschien  von  einem 
schönen  Meergrün. 

53.  Unter  dem  optischen  Apparat  befinden  sich  Brust- 
bilder von  Farben  und  Schattierungen,  denen  entgegen- 
gesetzt, welche  die  Natur  zeigt,  und  man  will,  wenn  man 
sie  eine  Zeitlang  angeschaut,  die  Scheingestalt  alsdann 
ziemlich  natürlich  gesehen  haben.  Die  Sache  ist  an  sich 
selbst  richtig  und  der  Erfahrung  gemäß:  denn  in  obigem 
Falle  hätte  mir  eine  Mohrin  mit  weißer  Binde  ein  weißes 
Gesicht  schwarz  umgeben  hervorgebracht;  nur  will  es 
bei  jenen  gewöhnlich  klein  gemalten  Bildern  nicht  jeder- 
mann glücken,  die  Teile  der  Scheinfigur  gewahr  zu  wer- 
den. 

54.  Ein  Phänomen,  das  schon  früher  bei  den  Naturfor- 
schem Aufmerksamkeit  erregt,  läßt  sich,  wie  ich  über- 
zeugt bin,  auch  aus  diesen  Erscheinungen  ableiten. 
Man  erzählt,  daß  gewisse  Blumen  im  Sommer  bei  Abend- 
zeit gleichsam  blitzen,  phosphoreszieren  oder  ein  augen- 
blickliches Licht  ausströmen.  Einige  Beobachter  geben 
diese  Erfahrungen  genauer  an. 

Dieses  Phänomen  selbst  zu  sehen,  hatte  ich  mich  oft  be- 
müht, ja  sogar,  um  es  hervorzubringen,  künstliche  Versuche 
angestellt. 

Am  19.  Juni  1799,  ^^^  ich  zu  später  Abendzeit  bei  der 
in  eine  klare  Nacht  übergehenden  Dämmerung  mit  einem 
Freunde  im  Garten  auf  und  ab  ging,  bemerkten  wir  sehr 
deutlich  an  den  Blumen  des  orientalischen  Mohns,  die 
vor  allen  andern  eine  sehr  mächtig  rote  Farbe  haben, 
etwas  Flammenähnliches,  das  sich  in  ihrer  Nähe  zeigte. 
Wir  stellten  uns  vor  die  Stauden  hin,  sahen  aufmerksam 
darauf,  konnten  aber  nichts  weiter  bemerken,  bis  uns  end- 
lich bei  abermaligem  Hin-  und  Wiedergehen  gelang,  in- 
dem wir  seitwärts  darauf  blickten,  die  Erscheinung  so  oft 
zu  wiederholen,  als  uns  beliebte.  Es  zeigte  sich,  daß  es 
ein  physiologisches  Farbenphänomen  und  der  scheinbare 


5  6     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 
Blitz  eig:entHch  das  Scheinbild  der  Blume  in  der  gefor- 
derten blaugrünen  Farbe  sei. 

Wenn  man  eine  Blume  gerad  ansieht,  so  kommt  die  Er- 
scheinung nicht  hervor;  doch  müßte  es  auch  geschehen, 
sobald  man  mit  dem  Blick  wankte.  Schielt  man  aber  mit 
dem  Augenwinkel  hin,  so  entsteht  eine  momentane  Dop- 
pelerscheinung, bei  welcher  das  Scheinbild  gleich  neben 
und  an  dem  wahren  Bilde  erblickt  wird. 
Die  Dämmerung  ist  Ursache,  daß  das  Auge  völlig  ausge- 
ruht und  empfänglich  ist,  und  die  Farbe  des  Mohns  ist ' 
mächtig  genug,  bei  einer  Sommerdämmerung  der  läng- 
sten Tage  noch  vollkommen  zu  wirken  und  ein  gefordertes 
Bild  hervorzurufen. 

Ich  bin  überzeugt,  daß  man  diese  Erscheinung  zum  Ver- 
suche erheben  und  den  gleichen  Eflfekt  durch  Papierblumen 
hervorbringen  könnte. 

Will  man  indessen  sich  auf  die  Erfahrung  in  der  Natur 
vorbereiten,  so  gewöhne  man  sich,  indem  man  durch  den 
Garten  geht,  die  farbigen  Blumen  scharf  anzusehen  und 
sogleich  auf  den  Sandweg  hinzublicken;  man  wird  diesen 
alsdann  mit  Flecken  der  entgegengesetzten  Farbe  bestreut 
sehen.  Diese  Erfahrung  glückt  bei  bedecktem  Himmel, 
aber  auch  selbst  beim  hellsten  Sonnenschein,  der,  indem 
er  die  Farbe  der  Blume  erhöht,  sie  fähig  macht,  die  ge- 
forderte Farbe  mächtig  genug  hervorzubringen,  daß  sie 
selbst  bei  einem  blendenden  Lichte  noch  bemerkt  werden 
kann.  So  bringen  die  Päonien  schön  grüne,  die  Calendeln 
lebhaft  blaue  Spektra  hervor. 

55.  So  wie  bei  den  Versuchen  mit  farbigen  Bildern  auf 
einzelnen  Teilen  der  Retina  ein  Farbenwechsel  gesetz- 
mäßig entsteht,  so  geschieht  dasselbe,  wenn  die  ganze 
Netzhaut  von  einer  Farbe  affiziert  wird.  Hievon  können 
wir  uns  überzeugen,  wenn  wir  farbige  Glasscheiben  vors 
Auge  nehmen.  Man  blicke  eine  Zeitlang  durch  eine  blaue 
Scheibe,  so  wird  die  Welt  nachher  dem  befreiten  Auge 
wie  von  der  Sonne  erleuchtet  erscheinen,  wenn  auch 
gleich  der  Tag  grau  und  die  Gegend  herbstlich  farblos 
wäre.  Ebenso  sehen  wir,  indem  wir  eine  grüne  Brille 
weglegen,  die  Gegenstände  mit  einem  rötlichen  Schein 


I.  PHYSIOLOGISCHE  FARBEN  57 

überglänzt.  Ich  sollte  daher  glauben,  daß  es  nicht  wohl- 
getan sei,  zu  Schonung  der  Augen  sich  grüner  Gläser 
oder  grünen  Papiers  zu  bedienen,  weil  jede  Farbspezifi- 
kation dem  Auge  Gewalt  antut  und  das  Organ  zur  Oppo- 
sition nötigt. 

56.  Haben  wir  bisher  die  entgegengesetzten  Farben  sich 
einander  sukzessiv  auf  der  Retina  fordern  sehen,  so  bleibt 
uns  noch  übrig  zu  erfahren,  daß  diese  gesetzliche  Forde- 
rung auch  simultan  bestehen  könne.  Malt  sich  auf  einem 
Teile  der  Netzhaut  ein  farbiges  Bild,  so  findet  sich  der 
übrige  Teil  sogleich  in  einer  Disposition,  die  bemerkten 
korrespondierenden  Farben  hervorzubringen.  Setzt  man 
obige  Versuche  fort  und  blickt  z.  B.  vor  einer  weißen 
Fläche  auf  ein  gelbes  Stück  Papier,  so  ist  der  übrige  Teil 
des  Auges  schon  disponiert,  auf  gedachter  farbloser  Fläche 
das  Violette  hervorzubringen.  Allein  das  wenige  Gelbe 
ist  nicht  mächtig  genug,  jene  Wirkung  deutlich  zu  leisten. 
Bringt  man  aber  auf  eine  gelbe  Wand  weiße  Papiere, 
so  wird  man  sie  mit  einem  violetten  Ton  überzogen 
sehen. 

57.  Ob  man  gleich  mit  allen  Farben  diese  Versuche  an- 
stellen kann,  so  sind  doch  besonders  dazu  Grün  und  Pur- 
pur zu  empfehlen,  weil  diese  Farben  einander  auffallend 
hervorrufen.  Auch  im  Leben  begegnen  uns  diese  Fälle 
häufig.  Blickt  ein  grünes  Papier  durch  gestreiften  oder 
geblümten  Musselin  hindurch,  so  werden  die  Streifen  oder 
Blumen  rötlich  erscheinen.  Durch  grüne  Schaltern  ein 
graues  Haus  gesehen,  erscheint  gleichfalls  rötlich.  Die 
Purpurfarbe  an  dem  bewegten  Meer  ist  auch  eine  gefor- 
derte Farbe.  Der  beleuchtete  Teil  der  Wellen  erscfieint 
grün  in  seiner  eigenen  Farbe  imd  der  beschattete  in  der 
entgegengesetzten  purpurnen.  Die  verschiedene  Richtung 
der  Wellen  gegen  das  Auge  bringt  ebendie  Wirkung  her- 
vor. Durch  eine  Öffnung  roter  oder  grüner  Vorhänge  er- 
scheinen die  Gegenstände  draußen  mit  der  geforderten 
Farbe.  Übrigens  werden  sich  diese  Erscheinungen  dem 
Aufmerksamen  überall,  ja  bis  zur  Unbequemlichkeit 
zeigen. 

58.  Haben  wir  das  Simultane  dieser  Wirkungen  bisher 


5  8  DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 
in  den  direkten  Fällen  kennen  gelernt,  so  können  wir 
solche  auch  in  den  umgekehrten  bemerken.  Nimmt  man 
ein  sehr  lebhaft  orange  gefärbtes  Stückchen  Papier  vor 
die  weiße  Fläche,  so  wird  man,  wenn  man  es  scharf  an- 
sieht, das  auf  der  übrigen  Fläche  geforderte  Blau  schwer- 
lich gewahr  werden.  Nimmt  man  aber  das  orange  Papier 
weg  und  erscheint  an  dessen  Platz  das  blaue  Scheinbild, 
so  wird  sich  in  dem  Augenblick,  da  dieses  völlig  wirk- 
sam ist,  die  übrige  Fläche  wie  in  einer  Art  von  AVetter- 
leuchten  mit  einem  rötlichgelben  Schein  überziehen  und 
wird  dem  Beobachter  die  produktive  Forderung  dieser 
Gesetzlichkeit  zum  lebhaften  Anschauen  bringen. 

59.  Wie  die  geforderten  Farben  da,  wo  sie  nicht  sind, 
neben  und  nach  der  fordernden  leicht  erscheinen,  so  wer- 
den sie  erhöht  da,  wo  sie  sind.  In  einem  Hofe,  der  mit 
grauen  Kalksteinen  gepflastert  und  mit  Gras  durchwachsen 
war,  erschien  das  Gras  von  einer  unendlich  schönen 
Grüne,  als  Abendwolken  einen  rötHchen,  kaum  bemerk- 
lichen Schein  auf  das  Pflaster  warfen.  Im  umgekehrten 
Falle  sieht  derjenige,  der  bei  einer  mittleren  Helle  des 
Himmels  auf  Wiesen  wandelt  und  nichts  als  Grün  vor 
sich  sieht,  öfters  die  Baumstämme  und  Wege  mit  einem 
rötlichen  Scheine  leuchten.  Bei  Landschaftmalern,  be- 
sonders denjenigen,  die  mit  Aquarellfarben  arbeiten, 
kommt  dieser  Ton  öfters  vor.  Wahrscheinlich  sehen  sie 
ihn  in  der  Natur,  ahmen  ihn  unbewußt  nach,  und  ihre 
Arbeit  wird  als  unnatürlich  getadelt. 

60.  Diese  Phänomene  sind  von  der  größten  Wichtigkeit, 
indem  sie  uns  auf  die  Gesetze  des  Sehens  hindeuten 
und  zu  künftiger  Betrachtung  der  Farben  eine  notwen- 
dige Vorbereitung  sind.  Das  Auge  verlangt  dabei  ganz 
eigentlich  Totalität  und  schließt  in  sich  selbst  den  Farben- 
kreis ab.  In  dem  vom  Gelben  geforderten  Violetten  liegt 
das  Rote  und  Blaue,  im  Orange  das  Gelbe  und  Rote,  dem 
das  Blaue  entspricht;  das  Grüne  vereinigt  Blau  und  Gelb 
und  fordert  das  Rote,  und  so  in  allen  Abstufungen  dei 
verschiedensten  Mischungen.  Daß  man  in  diesem  Falle 
genötigt  werde,  drei  Hauptfarben  anzunehmen,  ist  schon 
früher  von  den  Beobachtern  bemerkt  worden. 


I.  PHYSIOLOGISCHE  FARBEN  59 

61.  Wenn  in  der  Totalität  die  Elemente,  woraus  sie  zu- 
sammenwächst, noch  bemerklich  sind,  nennen  wir  sie 
billig  Harmonie,  und  wie  die  Lehre  von  der  Harmonie 
der  Farben  sich  aus  diesen  Phänomenen  herleite,  wie  nur 
durch  diese  Eigenschaften  die  Farbe  fähig  sei,  zu  ästhe- 
tischem Gebrauch  angewendet  zu  werden,  muß  sich  in 
der  Folge  zeigen,  wenn  wir  den  ganzen  Kreis  der  Be- 
obachtungen durchlaufen  haben  und  auf  den  Punkt,  wo- 
von wir  ausgegangen  sind,  zurückkehren. 

VI.  Farbige  Schatten 

62.  Ehe  wir  jedoch  weiter  schreiten,  haben  wir  noch 
höchst  merkwürdige  Fälle  dieser  lebendig  geforderten, 
nebeneinander  bestehenden  Farben  zu  beobachten,  und 
zwar  indem  wir  unsre  Aufmerksamkeit  auf  die  farbi- 
gen Schatten  richten.  Um  zu  diesen  überzugehen, 
wenden  wir  uns  vorerst  zur  Betrachtung  der  farblosen 
Schatten. 

63.  Ein  Schatten,  von  der  Sonne  auf  eine  weiße  Fläche 
geworfen,  gibt  uns  keine  Empfindung  von  Farbe,  solange 
die  Sonne  in  ihrer  völligen  Kraft  wirkt.  Er  scheint  schwarz 
oder,  wenn  ein  Gegenlicht  hinzudringen  kann,  schwächer, 
halberhellt,  grau. 

64.  Zu  den  farbigen  Schatten  gehören  zwei  Bedingungen: 
erstlich,  daß  das  wirksame  Licht  auf  irgendeine  Art  die 
weiße  Fläche  färbe,  zweitens,  daß  ein  Gegenlicht  den 
geworfenen  Schatten  auf  einen  gewissen  Grad  er- 
leuchte. 

65.  Man  setze  bei  der  Dämmerung  auf  ein  weißes  Papier 
eine  niedrig  brennende  Kerze;  zwischen  sie  und  das  ab- 
nehmende Tageslicht  stelle  man  einen  Bleistift  aufrecht, 
so  daß  der  Schatten,  welchen  die  Kerze  wirft,  von  dem 
schwachen  Tageslicht  erhellt,  aber  nicht  aufgehoben  wer- 
den kann,  und  der  Schatten  wird  von  dem  schönsten  Blau 
erscheinen. 

66.  Daß  dieser  Schatten  blau  sei,  bemerkt  man  also- 
bald;  aber  man  überzeugt  sich  nur  durch  Aufmerksam- 
keit, daß  das  weiße  Papier  als  eine  rötlichgelbe  Fläche 


6  o     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

wirkt,  durch  welchen  Schein  jene  blaue  Farbe  im  Auge 
gefordert  wird. 

67.  Bei  allen  farbigen  Schatten  daher  muß  man  auf  der 
Fläche,  auf  welche  er  geworfen  wird,  eine  erregte  Farbe 
vermuten,  welche  sich  auch  bei  aufmerksamerer  Betrach- 
tung wohl  erkennen  läßt.  Doch  überzeuge  man  sich  vor- 
her durch  folgenden  Versuch. 

68.  Man  nehme  zur  Nachtzeit  zwei  brennende  Kerzen 
und  stelle  sie  gegeneinander  auf  eine  weiße  Fläche;  man 
halte  einen  dünnen  Stab  zwischen  beiden  aufrecht,  so 
daß  zwei  Schatten  entstehen;  man  nehme  ein  farbiges 
Glas  und  halte  es  vor  das  eine  Licht,  also  daß  die  weiße 
Fläche  gefärbt  erscheine,  und  in  demselben  Augenblick 
wird  der  von  dem  nunmehr  färbenden  Lichte  geworfene 
und  von  dem  farblosen  Lichte  beleuchtete  Schatten  die 
geforderte  Farbe  anzeigen. 

69.  Es  tritt  hier  eine  wichtige  Betrachtung  ein,  auf  die 
wir  noch  öfters  zurückkommen  werden.  Die  Farbe  selbst 
ist  ein  Schattiges  (p-ueqöv),  deswegen  Kircher  vollkom- 
men recht  hat,  sie  lumen  opacatum  zu  nennen,  und  wie 
sie  mit  dem  Schatten  verwandt  ist,  so  verbindet  sie  sich 
auch  gern  mit  ihm,  sie  erscheint  uns  gern  in  ihm  und 
durch  ihn,  sobald  der  Anlaß  nur  gegeben  ist,  und  so 
müssen  wir  bei  Gelegenheit  der  farbigen  Schatten  zu- 
gleich eines  Phänomens  erwähnen,  dessen  Ableitung  und 
Entwickelung  erst  später  vorgenommen  werden  kann. 

70.  Man  wähle  in  der  Dämmerung  den  Zeitpunkt,  wo 
das  einfallende  Himmelslicht  noch  einen  Schatten  zu  wer- 
fen imstande  ist,  der  von  dem  Kerzenlichte  nicht  ganz  auf- 
gehoben werden  kann,  so  daß  vielmehr  ein  doppelter  fällt, 
einmal  vom  Kerzenlicht  gegen  das  Himmelslicht  und  so- 
dann vom  Himmelslicht  gegen  das  Kerzenlicht.  Wenn 
der  erstere  blau  ist,  so  wird  der  letztere  hochgelb  er- 
scheinen. Dieses  hohe  Gelb  ist  aber  eigentlich  nur  der 
über  das  ganze  Papier  von  dem  Kerzenlicht  verbreitete 
gelbrötUche  Schein,  der  im  Schatten  sichtbar  wird. 

71.  Hieven  kann  man  sich  bei  dem  obigen  Versuche 
mit  zwei  Kerzen  und  farbigen  Gläsern  am  besten  über- 
zeugen, so  wie  die  unglaubliche  Leichtigkeit,  womit  der 


I.  PHYSIOLOGISCHE  FARBEN  61 

Schatten  eine  Farbe  annimmt,  bei  der  nähern  Betrach- 
tung der  Widerscheine  und  sonst  mehrmals  zur  Sprache 
kommt. 

7  2 .  Und  so  wäre  denn  auch  die  Erscheinung  der  farbigen 
Schatten,  welche  den  Beobachtern  bisher  so  viel  zu  schaf- 
fen gemacht,  bequem  abgeleitet.  Ein  jeder,  der  künftig- 
hin farbige  Schatten  bemerkt,  beobachte  nur,  mit  welcher 
Farbe  die  helle  Fläche,  worauf  sie  erscheinen,  etwa  tin- 
giert  sein  möchte.  Ja,  man  kann  die  Farbe  des  Schattens 
als  ein  Chromatoskop  der  beleuchteten  Flächen  ansehen, 
indem  man  die  der  Farbe  des  Schattens  entgegenstehende 
Farbe  auf  der  Fläche  vermuten  und  bei  näherer  Aufmerk- 
samkeit in  jedem  Falle  gewahr  werden  kann. 

73.  Wegen  dieser  nunmehr  bequem  abzuleitenden  far- 
bigen Schatten  hat  man  sich  bisher  viel  gequält  und  sie, 
weil  sie  meistenteils  unter  freiem  Himmel  beobachtet 
wurden  und  vorzüglich  blau  erschienen,  einer  gewissen 
heimlich  blauen  und  blau  färbenden  Eigenschaft  der  Luft 
zugeschrieben.  Man  kann  sich  aber  bei  jenem  Versuche 
mit  dem  Kerzenlicht  im  Zimmer  überzeugen,  daß  keine 
Art  von  blauem  Schein  oder  Widerschein  dazu  nötig  ist, 
indem  man  den  Versuch  an  einem  grauen  trüben  Tag, 
ja  hinter  zugezogenen  weißen  Vorhängen  anstellen  kann, 
in  einem  Zimmer,  wo  sich  auch  nicht  das  mindeste  Blaue 
befindet,  und  der  blaue  Schatten  wird  sich  nur  um  desto 
schöner  zeigen. 

74.  Saussure  sagt  in  der  Beschreibung  seiner  Reise  auf 
den  Montblanc: 

"Eine  zweite  nicht  uninteressante  Bemerkung  betrifift  die 
Farben  der  Schatten,  die  wir  trotz  der  genausten  Beob- 
achtung nie  dunkelblau  fanden,  ob  es  gleich  in  der  Ebene 
häufig  der  Fall  gewesen  war.  Wir  sahen  sie  im  Gegenteil 
von  neunundfunfzigmal  einmal  gelblich,  sechsmal  blaß- 
bläulich, achtzehnmal  farbenlos  oder  schwarz  und  vier- 
unddreißigmal  blaßviolett. 

Wenn  also  einige  Physiker  annehmen,  daß  diese  Farben 
mehr  von  zufälligen,  in  der  Luft  zerstreuten,  den  Schatten 
ihre  eigentümlichen  Nuancen  mitteilenden  Dünsten  her- 
rühren nicht  aber  durch  eine  bestimmte  Luft-  oder  reflek- 


6  2     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

tierte  Himmelsfarbe  verursacht  werden,  so  scheinen  jene 
Beobachtungen  ihrer  Meinung  günstig  zu  sein." 
Die  von  de  Saussure  angezeigten  Erfahrungen  werden  wir 
nun  bequem  einrangieren  können. 

Auf  der  großen  Höhe  war  der  Himmel  meistenteils  rein 
von  Dünsten,  Die  Sonne  wirkte  in  ihrer  ganzen  Kraft 
auf  den  weißen  Schnee,  so  daß  er  dem  Auge  völlig  weiß 
erschien,  und  sie  sahen  bei  dieser  Gelegenheit  die  Schat- 
ten völlig  farbenlos.  War  die  Luft  mit  wenigen  Dünsten 
geschwängert  und  entstand  dadurch  ein  gelblicher  Ton 
des  Schnees,  so  folgten  violette  Schatten,  und  zwar  waren 
diese  die  meisten.  Auch  sahen  sie  bläuliche  Schatten,  je- 
doch seltener,  und  daß  die  blauen  und  violetten  nur  blaß 
waren,  kam  von  der  hellen  und  heiteren  Umgebung,  wo- 
durch die  Schattenstärke  gemindert  wurde.  Nur  einmal 
sahen  sie  den  Schatten  gelblich,  welches,  wie  wir  oben 
(70.)  gesehen  haben,  ein  Schatten  ist,  der  von  einem  farb- 
losen Gegenlichte  geworfen  und  von  dem  färbenden  Haupt- 
lichte erleuchtet  worden. 

75.  Auf  einer  Harzreise  im  Winter  stieg  ich  gegen  Abend 
vom  Brocken  herunter;  die  weiten  Flächen  auf-  und  ab- 
wärts waren  beschneit,  die  Heide  von  Schnee  bedeckt, 
alle  zerstreut  stehenden  Bäume  und  vorragenden  Klip- 
pen, auch  alle  Baum-  imd  Felsenmassen  völlig  bereift,  die 
Sonne  senkte  sich  eben  gegen  die  Oderteiche  hinunter. 
Waren  den  Tag  über  bei  dem  gelblichen  Ton  des  Schnees 
schon  leise  violette  Schatten  bemerklich  gewesen,  so 
mußte  man  sie  nun  für  hochblau  ansprechen,  als  ein  ge- 
steigertes Gelb  von  den  beleuchteten  Teilen  wider- 
schien. 

Als  aber  die  Sonne  sich  endlich  ihrem  Niedergang  näherte 
und  ihr  durch  die  stärkeren  Dünste  höchst  gemäßigter 
Strahl  die  ganze  mich  umgebende  Welt  mit  der  schön- 
sten Purpurfarbe  überzog,  da  verwandelte  sich  die  Schat- 
tenfarbe in  ein  Grün,  das  nach  seiner  Klarheit  einem 
Meergrün,  nach  seiner  Schönheit  einem  Smaragdgrün 
verglichen  werden  konnte.  Die  Erscheinung  ward  immer 
lebhafter,  man  glaubte  sich  in  einer  Feenwelt  /.u  befinden, 
denn  alles  hatte  sich  in  die  zwei  lebhalten  und  so  schön 


I.  PHYSIOLOGISCHE  FARBEN  63 

tibereinstimmenden  Farben  gekleidet,  bis  endlich  mit  dem 
Sonnenuntergang  die  Prachterscheinung  sich  in  eine  graue 
Dämmerung  und  nach  und  nach  in  eine  mond-  und  stern- 
helle Nacht  verlor. 

76.  Einer  der  schönsten  Fälle  farbiger  Schatten  kann  bei 
dem  Vollmonde  beobachtet  werden.  Der  Kerzen-  und 
Mondenschein  lassen  sich  völlig  ins  Gleichgewicht  brin- 
gen. Beide  Schatten  können  gleich  stark  und  deutlich 
dargestellt  werden,  so  daß  beide  Farben  sich  vollkommen 
balancieren.  Man  setzt  die  Tafel  dem  Scheine  des  Voll- 
mondes entgegen,  das  Kerzenlicht  ein  wenig  an  die  Seite^ 
in  gehöriger  Entfernung,  vor  die  Tafel  hält  man  einen 
undurchsichtigen  Körper;  alsdann  entsteht  ein  doppelter 
Schatten,  und  zwar  wird  derjenige,  den  der  Mond  wirft 
und  das  Kerzenlicht  bescheint,  gewaltig  rotgelb,  und  um- 
gekehrt der,  den  das  Licht  wirft  und  der  Mond  bescheint, 
vom  schönsten  Blau  gesehen  werden.  Wo  beide  Schatten 
zusammentreffen  und  sich  zu  einem  vereinigen,  ist  er 
schwarz.  Der  gelbe  Schatten  läßt  sich  vielleicht  auf  keine 
Weise  auffallender  darstellen.  Die  unmittelbare  Nähe  des 
blauen,  der  dazwischentretende  schwarze  Schatten  machen 
die  Erscheinung  desto  angenehmer.  Ja,  wenn  der  Blick 
lange  auf  der  Tafel  verweilt,  so  wird  das  geforderte  Blau 
das  fordernde  Gelb  wieder  gegenseitig  fordernd  steigern 
und  ins  Gelbrote  treiben,  welches  denn  wieder  seinen 
Gegensatz,  eine  Art  von  Meergrün,  hervorbringt. 

77.  Hier  ist  der  Ort  zu  bemerken,  daß  es  wahrscheinlich 
eines  Zeitmomentes  bedarf,  um  die  geforderte  Farbe  her- 
vorzubringen. Die  Retina  muß  von  der  fordernden  Farbe 
erst  recht  affiziert  sein,  ehe  die  geforderte  lebhaft  be- 
merklich wird. 

78.  Wenn  Taucher  sich  unter  dem  Meere  befinden  und 
das  Sonnenlicht  in  ihre  Gloclce  scheint,  so  ist  alles  Be- 
leuchtete, was  sie  umgibt,  purpurfarbig  (wovon  künftig 
die  Ursache  anzugeben  ist),  die  Schatten  dagegen  sehen 
grün  aus.  Eben  dasselbe  Phänomen,  was  ich  auf  einem 
hohen  Berge  gewahr  wurde  (75),  bemerken  sie  in  der 
Tiefe  des  Meers,  und  so  ist  die  Natur  mit  sich  selbst 
durchaus  übereinstimmend. 


64     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

79.  Einige  Erfahrungen  und  Versuche,  welche  sich  zwi- 
schen die  Kapitel  von  farbigen  Bildern  und  von  farbigen 
Schatten  gleichsam  einschieben,  werden  hier  nachge- 
bracht. 

Man  habe  an  einem  Winterabende  einen  weißen  Papier- 
laden inwendig  vor  dem  Fenster  eines  Zimmers;  in  die- 
sem Laden  sei  eine  Öffnung,  wodurch  man  den  Schnee 
eines  etwa  benachbarten  Daches  sehen  könne;  es  sei 
draußen  noch  einigermaßen  dämmrig  imd  ein  Licht 
komme  in  das  Zimmer,  so  wird  der  Schnee  durch  die 
Öffnung  vollkommen  blau  erscheinen,  weil  nämlich  das 
Papier  durch  das  Kerzenlicht  gelb  gefärbt  wird.  Der 
Schnee,  welchen  man  durch  die  Öffnung  sieht,  tritt  hier 
an  die  Stelle  eines  durch  ein  Gegenlicht  erhellten  Schat- 
tens oder,  wenn  man  will,  eines  grauen  Bildes  auf  gelber 
Fläche. 

80.  Ein  andrer  sehr  interessanter  Versuch  mache  den 
Schluß. 

Nimmt  man  eine  Tafel  grünen  Glases  von  einiger  Stärke 
und  läßt  darin  die  Fensterstäbe  sich  spiegeln,  so  wird 
man  sie  doppelt  sehen,  und  zwar  wird  das  Bild,  das  von 
der  untern  Fläche  des  Glases  kommt,  grün  sein,  das  Bild 
hingegen,  das  sich  von  der  obern  Fläche  herleitet  und 
eigentlich  farblos  sein  sollte,  wird  purpurfarben  er- 
scheinen. 

An  einem  Gefäß,  dessen  Boden  spiegelartig  ist,  welches 
man  mit  Wasser  füllen  kann,  läßt  sich  der  Versuch  sehr 
artig  anstellen,  indem  man  bei  reinem  Wasser  erst  die 
farblosen  Bilder  zeigen  und  durch  Färbung  desselben  so- 
dann die  farbigen  Bilder  produzieren  kann. 

VII.  Schwachwirkende  Lichter 

81.  Das  energische  Licht  erscheint  rein  weiß,  und  diesen 
Eindruck  macht  es  auch  im  höchsten  Grade  der  Blen- 
dung. Das  nicht  in  seiner  ganzen  Gewalt  wirkende  Licht 
kann  auch  noch  unter  verschiedenen  Bedingungen  farb- 
los bleiben.  Mehrere  Naturforscher  und  Mathematiker 
haben  die  Stufen  desselben  zu  messen  gesucht  (Lambert, 
Bouguer,  Rumford). 


I.  PHYSIOLOGISCHE  FARBEN  65 

82.  Jedoch  findet  sich  bei  schwächer  wirkenden  Lichtern 
bald  eine  Farbenerscheinung,  indem  sie  sich  wie  abklin- 
gende Bilder  verhalten  (39). 

83.  Irgendein  Licht  wirkt  schwächer,  entweder  wenn 
seine  Energie,  es  geschehe,  wie  es  wolle,  gemindert  wird 
oder  wenn  das  Auge  in  eine  Disposition  gerät,  die  Wir- 
kung nicht  genugsam  erfahren  zu  können.  Jene  Erschei- 
nungen, welche  objektiv  genannt  werden  können,  finden 
ihren  Platz  bei  den  physischen  Farben.  Wir  erwähnen 
hier  nur  des  Übergangs  vom  Weißgliihen  bis  zum  Rot- 
glühen des  erhitzten  Eisens.  Nicht  weniger  bemerken  wir, 
daß  Kerzen  auch  bei  Nachtzeit,  nach  Maßgabe,  wie  man 
sie  vom  Auge  entfernt,  röter  scheinen. 

84.  Der  Kerzenschein  bei  Nacht  wirkt  in  der  Nähe  als 
ein  gelbes  Licht;  wir  können  es  an  der  Wirkung  bemer- 
ken, welche  auf  die  übrigen  Farben  hervorgebracht  wird. 
Ein  Blaßgelb  ist  bei  Nacht  wenig  von  dem  Weißen  zu 
unterscheiden;  das  Blaue  nähert  sich  dem  Grünen  und 
ein  Rosenfarb  dem  Orangen. 

85.  Der  Schein  des  Kerzenlichts  bei  der  Dämmrung 
wirkt  lebhaft  als  ein  gelbes  Licht,  welches  die  blauen 
Schatten  am  besten  beweisen,  die  bei  dieser  Gelegenheit 
im  Auge  hervorgerufen  werden. 

86.  Die  Retina  kann  durch  ein  starkes  Licht  dergestalt 
gereizt  werden,  daß  sie  schwächere  Lichter  nicht  erken- 
nen kann  (11).  Erkennt  sie  solche,  so  erscheinen  sie  far- 
big; daher  sieht  ein  Kerzenlicht  bei  Tage  rötlich  aus,  es 
verhält  sich  wie  ein  abklingendes;  ja  ein  Kerzenlicht,  das 
man  bei  Nacht  länger  und  schärfer  ansieht,  erscheint 
immer  röter. 

87.  Es  gibt  schwach  wirkende  Lichter,  welche  demunge- 
achtet  eine  weiße,  höchstens  hellgelbliche  Erscheinung 
auf  der  Retina  machen,  wie  -der  Mond  in  seiner  vollen 
Klarheit.  Das  faule  Holz  hat  sogar  eine  Art  von  bläu- 
lichem Schein.  Dieses  alles  wird  künftig  wieder  zur 
Sprache  kommen. 

88.  Wenn  man  nahe  an  eine  weiße  oder  grauliche  Wand 
nachts  ein  Licht  stellt,  so  wird  sie  von  diesem  Mittel- 
punkt aus  auf  eine  ziemliche  Weite  erleuchtet  sein.  Be- 

GOETHE  XVII  5. 


6  6     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

trachtet  man  den  daher  entstehenden  Kreis  aus  einiger 
Ferne,  so  erscheint  uns  der  Rand  der  erleuchteten  Fläche 
mit  einem  gelben,  nach  außen  rotgelben  Kreise  umgeben, 
und  wir  werden  aufmerksam  gemacht,  daß  das  Licht, 
wenn  es  scheinend  oder  widerscheinend  nicht  in  seiner 
größten  Energie  auf  uns  wirkt,  unserm  Auge  den  Eindruck 
vom  Gelben,  Rötlichen  und  zuletzt  sogar  vom  Roten  gebe. 
Hier  finden  wir  den  Übergang  zu  den  Höfen,  die  wir  um 
leuchtende  Punkte  auf  eine  oder  die  andre  Weise  zu  sehen 
pflegen. 

VIII.  Subjektive  Höfe 

89.  Man  kann  die  Höfe  in  subjektive  und  objektive  ein- 
teilen. Die  letzten  werden  unter  den  physischen  Farben 
abgehandelt,  nur  die  ersten  gehören  hieher.  Sie  unter- 
scheiden sich  von  den  objektiven  darin,  daß  sie  verschwin- 
den, wenn  man  den  leuchtenden  Gegenstand,  der  sie  auf 
der  Netzhaut  hervorbringt,  zudeckt. 

90.  Wir  haben  oben  den  Eindruck  des  leuchtenden  Bil- 
des auf  die  Retina  gesehen  und  wie  es  sich  auf  derselben 
vergrößert;  aber  damit  ist  die  Wirkung  noch  nicht  voll- 
endet. Es  wirkt  nicht  allein  als  Bild,  sondern  auch  als 
Energie  über  sich  hinaus;  es  verbreitet  sich  vom  Mittel- 
punkte aus  nach  der  Peripherie. 

91.  Daß  ein  solcher  Nimbus  um  das  leuchtende  Bild  in 
unserm  Auge  bewirket  werde,  kann  man  am  besten  in  der 
dunkeln  Kammer  sehen,  wenn  man  gegen  eine  mäßig 
große  Öffnung  im  Fensterladen  hinblickt.  Hier  ist  das 
helle  Bild  von  einem  runden  Nebelschein  umgeben. 
Einen  solchen  Nebelschein  sah  ich  mit  einem  gelben  und 
gelbroten  Kreise  umgeben,  als  ich  mehrere  Nächte  in 
einem  Schlafwagen  zubrachte  und  morgens  bei  dämmern- 
dem Tageslichte  die  Augen  aufschlug. 

92.  Die  Höfe  erscheinen  am  lebhaftesten,  wenn  das  Auge 
ausgeruht  und  empfänglich  ist.  Nicht  weniger  vor  einem 
dunklen  Hintergrund.  Beides  ist  die  Ursache,  daß  wir  sie 
so  stark  sehen,  wenn  wir  nachts  aufwachen  und  uns  ein 
Licht  entgegengebracht  wird.  Diese  Bedingungen  fanden 
sich  auch  zusammen,  als  Descartes  im  Schiff  sitzend  ge- 


I.  PHYSIOLOGISCHE  FARBEN  67 

schlafen  hatte  und  so  lebhafte  farbige  Scheine  um  das 
Licht  bemerkte. 

93.  Ein  Licht  muß  mäßig  leuchten,  nicht  blenden,  wenn 
es  einen  Hof  im  Auge  erregen  soll,  wenigstens  würden  die 
Höfe  eines  blendenden  Lichtes  nicht  bemerkt  werden 
können.  Wir  sehen  einen  solchen  Glanzhof  um  die  Sonne, 
welche  von  einer  Wasserfläche  ins  Auge  fällt. 

94.  Genau  beobachtet,  ist  ein  solcher  Hof  an  seinem 
Rande  mit  einem  gelben  Saume  eingefaßt.  Aber  auch 
hier  ist  jene  energische  Wirkung  noch  nicht  geendigt, 
sondern  sie  scheint  sich  in  abwechselnden  Kreisen  weiter 
fortzubewegen. 

95.  Es  gibt  viele  Fälle,  die  auf  eine  kreisartige  Wirkung 
der  Retina  deuten,  es  sei  nun,  daß  sie  durch  die  runde 
Form  des  Auges  selbst  und  seiner  verschiedenen  Teile 
oder  sonst  hervorgebracht  werde. 

96.  Wenn  man  das  Auge  von  dem  innern  Augenwinkel 
her  nur  ein  wenig  drückt,  so  entstehen  dunklere  oder  hel- 
lere Kreise.  Man  kann  bei  Nachtzeit  manchmal  auch  ohne 
Druck  eine  Sukzession  solcher  Kreise  gewahr  werden, 
von  denen  sich  einer  aus  dem  andern  entwickelt,  einer 
vom  andern  verschlungen  wird. 

97.  Wir  haben  schon  einen  gelben  Rand  um  den  von 
einem  nah  gestellten  Licht  erleuchteten  weißen  Raum 
gesehen.  Dies  wäre  eine  Art  von  objektivem  Hof  (88). 

98.  Die  subjektiven  Höfe  können  wir  uns  als  den  Kon- 
flikt des  Lichtes  mit  einem  lebendigen  Räume  denken. 
Aus  dem  Konflikt  des  Bewegenden  mit  dem  Bewegten 
entsteht   eine  undulierende  Bewegung.    Man  kann  das 

,  Gleichnis  von  den  Ringen  im  Wasser  hernehmen.  Der 
!  hineingeworfene  Stein  treibt  das  Wasser  nach  allen  Sei- 
\  ten,  die  Wirkung  erreicht  eine  höchste  Stufe,  sie  klingt 
ab  und  gelangt  im  Gegensatz  zur  Tiefe.  Die  Wirkimg 
geht  fort,  kulminiert  aufs  neue^  und  so  wiederholen  sich 
die  Kreise.  Erinnert  man  sich  der  konzentrischen  Ringe, 
die  in  einem  mit  Wasser  gefüllten  Trinkglase  entstehen, 
wenn  man  versucht,  einen  Ton  durch  Reiben  des  Ran- 
des hervorzubringen,  gedenkt  man  der  intermittierenden 
Schwingungen  beim  Abklingen  der  Glocken,  so  nähert 


68     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

man  sich  wohl  in  der  Vorstelhing  demjenigen,  was  auf 
der  Retina  vorgehen  mag,  wenn  sie  von  einem  leuchten- 
den Gegenstand  getroffen  wird,  nur  daß  sie  als  lebendig 
schon  eine  gewisse  kreisartige  Disposition  in  ihrer  Orga- 
nisation hat. 

99.  Die  um  das  leuchtende  Bild  sich  zeigende  helle  Kreis- 
fläche ist  gelb  mit  Rot  geendigt.  Darauf  folgt  ein  grün- 
licher Kreis,  der  mit  einem  roten  Rande  geschlossen  ist. 
Dies  scheint  das  gewöhnliche  Phänomen  zu  sein  bei  einer 
gewissen  Größe  des  leuchtenden  Körpers.  Diese  Höfe 
werden  größer,  je  weiter  man  sich  von  dem  leuchtenden 
Bilde  entfernt. 

100.  Die  Höfe  können  aber  auch  im  Auge  unendlich 
klein  und  vielfach  erscheinen,  wenn  der  erste  Anstoß 
klein  und  mächtig  ist.  Der  Versuch  macht  sich  am  besten 
mit  einer  auf  der  Erde  liegenden,  von  der  Sonne  beschie- 
nenen Goldflinter.  In  diesen  Fällen  erscheinen  die  Höfe 
in  bunten  Strahlen.  Jene  farbige  Erscheinung,  welche  die 
Sonne  im  Auge  macht,  indem  sie  durch  Baiunblätter  dringt, 
scheint  auch  hiebet  zu  gehören. 

PATHOLOGISCHE  FARBEN 

Anhang 

loi.  Die  physiologischen  Farben  kennen  wir  nunmehr 
hinreichend,  um  sie  von  den  pathologischen  zu  unter- 
scheiden. Wir  wissen,  welche  Erscheinungen  dem  ge- 
sunden Auge  zugehören  und  nötig  sind,  damit  sich  das 
Organ  vollkommen  lebendig  und  tätig  erzeige. 

102.  Die  krankhaften  Phänomene  deuten  gleichfalls  auf 
organische  und  physische  Gesetze:  denn  wenn  ein  beson- 
deres lebendiges  Wesen  von  derjenigen  Regel  abweicht, 
durch  die  es  gebildet  ist,  so  strebt  es  ins  allgemeine  Leben 
hin,  immer  auf  einem  gesetzlichen  Wege,  und  macht  uns 
auf  seiner  ganzen  Bahn  jene  Maximen  anschaulich,  aus 
welchen  die  Welt  entsprungen  ist  und  durch  welche  sie 
zusammengehalten  wird. 

103.  Wir  sprechen  hier  zuerst  von  einem  sehr  merkwür- 


I.  PATHOLOGISCHE  FARBEN  69 

digen  Zustande,  in  welchem  sich  die  Augen  mancher  Per- 
sonen befinden.  Indem  er  eine  Abweichung  von  der  ge- 
wöhnlichen Art,  die  Farben  zu  sehen,  anzeigt,  so  gehört  er 
wohl  zu  den  krankhaften;  da  er  aber  regelmäßig  ist,  öfter 
vorkommt,  sich  auf  mehrere  Familienglieder  erstreckt  und 
sich  wahrscheinlich  nicht  heilen  läßt,  so  stellen  wir  ihn 
billig  auf  die  Grenze. 

104.  Ich  kannte  zwei  Subjekte,  die  damit  behaftet  waren, 
nicht  über  zwanzig  Jahr  alt;  beide  hatten  blaugraue  Augen, 
ein  scharfes  Gesicht  in  der  Nähe  und  Ferne,  bei  Tages- 
und Kerzenlicht,  und  ihre  Art,  die  Farben  zu  sehen,  war 
in  der  Hauptsache  völlig  übereinstimmend. 

1 05.  Mit  uns  treffen  sie  zusammen,  daß  sie  Weiß,  Schwarz 
und  Grau  nach  unsrer  Weise  benennen;  Weiß  sahen  sie 
beide  ohne  Beimischung.  Der  eine  wollte  bei  Schwarz 
etwas  Bräunliches  und  bei  Grau  etwas  Rötliches  bemer- 
ken. Überhaupt  scheinen  sie  die  Abstufung  von  Hell  und 
Dunkel  sehr  zart  zu  empfinden. 

106.  Mit  uns  scheinen  sie  Gelb,  Rotgelb  und  Gelbrot 
zu  sehen;  bei  dem  letzten  sagen  sie,  sie  sähen  das  Gelbe 
gleichsam  über  dem  Rot  schweben,  wie  lasiert.  Karmin, 
in  der  Mitte  einer  Untertasse  dicht  aufgetrocknet,  nannten 
sie  Rot. 

107.  Nun  aber  tritt  eine  auffallende  Differenz  ein.  Man 
streiche  mit  einem  genetzten  Pinsel  den  Karmin  leicht 
über  die  weiße  Schale,  so  werden  sie  diese  entstehende 
helle  Farbe  der  Farbe  des  Himmels  vergleichen  und  solche 
Blau  nennen.  Zeigt  man  ihnen  daneben  eine  Rose,  so 
nennen  sie  diese  auch  blau  und  können  bei  allen  Proben, 
die  man  anstellt,  das  Hellblau  nicht  von  dem  Rosenfarb 
unterscheiden.  Sie  verwechseln  Rosenfarb,  Blau  imd  Vio- 
lett durchaus;  nur  durch  kleine  Schattierungen  des  Helle- 
ren, Dunkleren,  Lebhafteren,  Schwächeren  scheinen  sich 
diese  Farben  für  sie  voneinander  abzusondern. 

108.  Ferner  können  sie  Grün  von  einem  Dunkelorange, 
besonders  aber  von  einem  Rotbraun  nicht  unterschei- 
den. 

109.  Wenn  man  die  Unterhaltung  mit  ihnen  dem  Zufall 
überläßt  und  sie  bloß  über  vorliegende  Gegenstände  be- 


7  o     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

fragt,  so  gerät  man  in  die  größte  Verwirrung  und  fürchtet, 
wahnsinnig  zu  werden.  Mit  einiger  Methode  hingegen 
kommt  man  dem  Gesetz  dieser  Gesetzwidrigkeit  schon 
um  vieles  näher. 

HO.  Sie  haben,  wie  man  aus  dem  Obigen  sehen  kann, 
weniger  Farben  als  wir;  daher  denn  die  Verwechselung 
von  verschiedenen  Farben  entsteht.  Sie  nennen  den  Him- 
mel rosenfarb  und  die  Rose  blau  oder  umgekehrt.  Nun 
fragt  sich:  sehen  sie  beides  blau  oder  beides  rosenfarb: 
sehen  sie  das  Grün  orange  oder  das  Orange  grün? 

111.  Diese  seltsamen  Rätsel  scheinen  sich  zu  lösen, 
wenn  man  annimmt,  daß  sie  kein  Blau,  sondern  an  des- 
sen Statt  einen  diluierten  Purpur,  ein  Rosenfarb,  ein  hel- 
les reines  Rot  sehen.  Symbolisch  kann  man  sich  diese 
Lösung  einstweilen  folgendermaßen  vorstellen. 

112.  Nehmen  wir  aus  unserm  Farbenkreise  das  Blaue 
heraus,  so  fehlt  uns  Blau,  Violett  und  Grün.  Das  reine 
Rot  verbreitet  sich  an  der  Stelle  der  beiden  ersten,  und 
wenn  es  wieder  das  Gelbe  berührt,  bringt  es  anstatt  des 
Grünen  abermals  ein  Orange  hervor. 

113.  Indem  wir  uns  von  dieser  Erklärungsart  überzeugt 
halten,  haben  wir  diese  merkwürdige  Abweichung  vom 
gewöhnlichen  Sehen  Akyanohlepsie  genannt  und  zu  besse- 
rer Einsicht  mehrere  Figuren  gezeichnet  und  illuminiert, 
bei  deren  Erklärung  wir  künftig  das  Weitre  beizubringen 
gedenken.  Auch  findet  man  daselbst  eine  Landschaft,  ge- 
färbt nach  der  Weise,  wie  diese  Menschen  wahrscheinlich 
die  Natur  sehen,  den  Himmel  rosenfarb  und  alles  Grüne 
in  Tönen  vom  Gelben  bis  zum  Braunroten,  ungefähr  wie 
es  uns  im  Herbst  erscheint. 

114.  Wir  sprechen  nunmehr  von  krankhaften  sowohl  als 
allen  widernatürlichen,  außernatürlichen,  seltenen  Afifek- 
tionen  der  Retina,  wobei  ohne  äußres  Licht  das  Auge 
zu  einer  Lichterscheinung  disponiert  werden  kann,  und 
behalten  uns  vor,  des  galvanischen  Lichtes  künftig  zu  er- 
wähnen. 

115.  Bei  einem  Schlag  aufs  Auge  scheinen  Funken  um- 
her zu  sprühen.  Femer,  wenn  man  in  gewissen  körper- 
lichen Dispositionen,  besonders  bei  erhitztem  Blute  und 


I.  PATHOLOGISCHE  FARBEN  71 

reger  Empfindlichkeit,  das  Auge  erst  sachte,  dann  immer 
stärker  drückt,  so  kann  man  ein  blendendes  unerträgliches 
Licht  erregen. 

116.  Operierte  Starkranke,  wenn  sie  Schmerz  und  Hitze 
im  Auge  haben,  sehen  häufig  feurige  Blitze  und  Funken, 
welche  zuweilen  acht  bis  vierzehn  Tage  bleiben  oder  doch 
so  lange,  bis  Schmerz  und  Hitze  weicht. 

117.  Ein  Kranker,  wenn  er  Ohrenschmerz  bekam,  sah 
jederzeit  Lichtfunken  und  Kugeln  im  Auge,  solange  der 
Schmerz  dauerte. 

118.  Wurmkranke  haben  oft  sonderbare  Erscheinungen 
im  Auge,  bald  Feuerfunken,  bald  Lichtgespenster,  bald 
schreckhafte  Figuren,  die  sie  nicht  entfernen  können, 
bald  sehen  sie  doppelt. 

119.  Hypochondristen  sehen  häufig  schwarze  Figuren,  als 
Fäden,  Haare,  Spinnen,  Fliegen,  Wespen.  Diese  Erschei- 
mmgen  zeigen  sich  auch  bei  anfangendem  schwarzen 
Star.  Manche  sehen  halbdurchsichtige  kleine  Röhren,  wie 
Flügel  von  Insekten,  Wasserbläschen  von  verschiedener 
Größe,  welche  beim  Heben  des  Auges  niedersinken,  zu- 
weilen geradeso  in  Verbindung  hängen  wie  Froschlaich 
und  bald  als  völlige  Sphären,  bald  als  Linsen  bemerkt 
werden. 

1  20.  Wie  dort  das  Licht  ohne  äußeres  Licht,  so  ent- 
springen auch  diese  Bilder  ohne  äußre  Bilder.  Sie  sind 
teils  vorübergehend,  teils  lebenslänglich  dauernd.  Hiebei 
tritt  auch  manchmal  eine  Farbe  ein:  denn  Hypochon- 
dristen sehen  auch  häufig  gelbrote  schmale  Bänder  im 
Auge,  oft  heftiger  und  häufiger  am  Morgen  oder  bei  lee- 
rem Magen. 

121.  Daß  der  Eindruck  irgendeines  Bildes  im  Auge  ei- 
nige Zeit  verharre,  kennen  wir  als  ein  physiologisches 
Phänomen  (23),  die  allzulange  Dauer  eines  solchen  Ein- 
drucks hingegen  kann  als  krankhaft  angesehen  werden. 

122.  Je  schwächer  das  Auge  ist,  desto  länger  bleibt  das 
Bild  in  demselben.  Die  Retina  stellt  sich  nicht  sobald 
wieder  her,  und  man  kann  die  Wirkung  als  eine  Art  von 
Paralyse  ansehen  (28). 

12-1.  Von  blendenden  Bildern  ist  es  nicht  zu  verwundern. 


7  2     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

Wenn  man  in  die  Sonne  sieht,  so  kann  man  das  Bild 
mehrere  Tage  mit  sich  herumtragen.  Boyle  erzählt  einen 
Fall  von  zehn  Jahren. 

124.  Das  gleiche  findet  auch  verhältnismäßig  von  Bil- 
dern, welche  nicht  blendend  sind,  statt.  Busch  erzählt 
von  sich  selbst,  daß  ihm  ein  Kupferstich  vollkommen  mit 
allen  seinen  Teilen  bei  siebzehn  Minuten  im  Auge  ge- 
blieben. 

125.  Mehrere  Personen,  welche  zu  Krampf  und  Voll- 
blütigkeit geneigt  waren,  behielten  das  Bild  eines  hoch- 
roten Kattuns  mit  weißen  Muscheln  viele  Minuten  lang 
im  Auge  und  sahen  es  wie  einen  Flor  vor  allem  schwe- 
ben. Nur  nach  langem  Reiben  des  Auges  verlor  sichs. 

126.  Scherffer  bemerkt,  daß  die  Purpurfarbe  eines  ab- 
klingenden starken  Lichteindrucks  einige  Stmiden  dauern 
könne. 

127.  Wie  wir  durch  Druck  auf  den  Augapfel  eine  Licht- 
erscheinung auf  der  Retina  hervorbringen  können,  so  ent- 
steht bei  schwachem  Druck  eine  rote  Farbe  imd  wird 
gleichsam  ein  abklingendes  Licht  hervorgebracht. 

128.  Viele  Kranke,  wenn  sie  erwachen,  sehen  alles  in 
der  Farbe  des  Morgenrots  wie  durch  einen  roten  Flor; 
auch  wenn  sie  am  Abend  lesen  und  zwischendurch  ein- 
nicken und  wieder  aufwachen,  pflegt  es  zu  geschehen. 
Dieses  bleibt  minutenlang  und  vergeht  allenfalls,  wenn 
das  Auge  etwas  gerieben  wird.  Dabei  sind  zuweilen  rote 
Sterne  und  Kugeln.  Dieses  Rotsehen  dauert  auch  wohl 
eine  lange  Zeit. 

129.  Die  Luftfahrer,  besonders  Zambeccari  und  seine  Ge- 
fährten, wollen  in  ihrer  höchsten  Erhebung  den  Mond 
blutrot  gesehen  haben.  Da  sie  sich  über  die  irdischen 
Dünste  emporgeschwungen  hatten,  dvirch  welche  wir  den 
Mond  und  die  Sonne  wohl  in  einer  solchen  Farbe  sehen, 
so  läßt  sich  vermuten,  daß  diese  Erscheinung  zu  den 
pathologischen  Farben  gehöre.  Es  mögen  nämlich  die 
Sinne  durch  den  ungewohnten  Zustand  dergestalt  affiziert 
sein,  daß  der  ganze  Körper  und  besonders  auch  die  Re- 
tina in  eine  Art  von  Unrührbarkeit  und  Unreizbarkeit  ver- 
fällt. Es  ist  daher  nicht  unmöglich,  daß  der  Mond  als  ein 


I.  PATHOLOGISCHE  FARBEN  73 

höchst  abgestumpftes  Licht  wirke  und  also  das  Gefühl  der 
roten  Farbe  hervorbringe.  Den  Hamburger  Luftfahrern 
erschien  auch  die  Sonne  blutrot. 

Wenn  die  Luftfahrenden  zusammen  sprechen  imd  sich 
kaum  hören,  sollte  nicht  auch  dieses  der  Unreizbarkeit 
der  Nerven  ebensogut  als  der  Dünne  der  Luft  zugeschrie- 
ben werden  können? 

130.  Die  Gegenstände  werden  von  Kranken  auch  manch- 
mal vielfarbig  gesehen.  Boyle  erzählt  von  einer  Dame, 
daß  sie  nach  einem  Sturze,  wobei  ein  Auge  gequetscht 
worden,  die  Gegenstände,  besonders  aber  die  weißen, 
lebhaft  bis  zum  Unerträglichen  schimmern  gesehen. 

131.  Die  Ärzte  nennen  Chrupsie,  wenn  in  typhischen 
Krankheiten,  besonders  der  Augen,  die  Patienten  an  den 
Rändern  der  Bilder,  wo  Hell  und  Dunkel  aneinander 
grenzen,  farbige  Umgebungen  zu  sehen  versichern.  Wahr- 
scheinlich entsteht  in  den  Liquoren  eine  Veränderung, 
wodurch  ihre  Achromasie  aufgehoben  wird. 

132.  Beim  grauen  Star  läßt  eine  starkgetrübte  Kristall- 
linse den  Kranken  einen  roten  Schein  sehen.  In  einem 
solchen  Falle,  der  durch  Elektrizität  behandelt  wurde, 
veränderte  sich  der  rote  Schein  nach  und  nach  in  einen 
gelben,  zuletzt  in  einen  weißen,  und  der  Kranke  fing  an, 
wieder  Gegenstände  gewahr  zu  werden,  woraus  man 
schließen  konnte,  daß  der  trübe  Zustand  der  Linse  sich 
nach  und  nach  der  Durchsichtigkeit  nähere.  Diese  Er- 
scheinung wird  sich,  sobald  wir  mit  den  physischen  Far- 
ben nähere  Bekanntschaft  gemacht,  bequem  ableiten 
lassen. 

133.  Kann  man  nun  annehmen,  daß  ein  gelbsüchtiger 
Kranker  durch  einen  wirklich  gelbgefärbten  Liquor  hin- 
durchsehe, so  werden  wir  schon  in  die  Abteilung  der 
chemischen  Farben  verwiesen,  und  wir  sehen  leicht  ein, 
daß  wir  das  Kapitel  von  den  pathologischen  Farben  nur 
dann  erst  vollkommen  ausarbeiten  können,  wenn  wir 
uns  mit  der  Farbenlehre  in  ihrem  ganzen  Umfang  be- 
kannt gemacht;  deshalb  sei  es  an  dem  Gegenwärtigen  ge- 
nug, bis  wir  später  das  Angedeutete  weiter  ausführen 
können. 


7 4     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

134.  Nur  möchte  hier  zum  Schlüsse  noch  einiger  beson- 
dern Dispositionen  des  Auges  vorläufig  zu  erwähnen 
sein. 

Es  gibt  Maler,  welche,  anstatt  daß  sie  die  natürliche 
Farbe  wiedergeben  sollten,  einen  allgemeinen  Ton,  einen 
warmen  oder  kalten,  über  das  Bild  verbreiten.  So  zeigt 
sicli  auch  bei  manchen  eine  Vorliebe  für  gewisse  Farben, 
bei  andern  ein  Ungefühl  für  Harmonie. 

135.  Endlich  ist  noch  bemerkenswert,  daß  wilde  Natio- 
nen, ungebildete  Menschen,  Kinder  eine  große  Vorliebe 
für  lebhafte  Farben  empfinden,  daß  Tiere  bei  gewissen 
Farben  in  Zorn  geraten,  daß  gebildete  Menschen  in 
Kleidung  und  sonstiger  Umgebung  die  lebhaften  Farben 
vermeiden  und  sie  durchgängig  von  sich  zu  entfernen 
suchen. 


ZWEITE  ABTEILUNG.  PHYSISCHE 
FARBEN 

ö.TAHYSISCHE  Farben  nennen  wir  diejenigen,  zu  de- 
K^ren  Hervorbringung  gewisse  materielle  Mittel  nötig 
i  sind,  welche  aber  selbst  keine  Farbe  haben  und  teils 
durchsichtig,  teils  trüb  und  durchscheinend,  teils  völlig 
undurchsichtig  sein  können.  Dergleichen  Farben  werden 
also  in  unserm  Auge  durch  solche  äußere  bestimmte 
Anlässe  erzengt  oder,  wenn  sie  schon  auf  irgendeine 
Weise  außer  uns  erzeugt  sind,  in  unser  Auge  zurück- 
geworfen. Ob  wir  nun  schon  hiedurch  denselben  eine 
Art  von  Objektivität  zuschreiben,  so  bleibt  doch  das  Vor- 
übergehende, Nichtfestzuh  alt  ende  meistens  ihr  Kenn- 
zeichen. 

137.  Sie  heißen  daher  auch  bei  den  frühern  Naturfor- 
schern colores  apparenfes,  fluxi,  fiigitivi,  p/iantasiici,  falsi, 
variantes.  Zugleich  werden  sie  speciosi  und  emphatici  we- 
gen ihrer  auffallenden  Herrlichkeit  genannt,  Sie  schHeßen 
sich  unmittelbar  an  die  physiologischen  an  und  scheinen 
nur  um  einen  geringen  Grad  mehr  Realität  zu  haben. 
Denn  wenn  bei  jenen  vorzüglich  das  Auge  wirksam  war 
und  wir  die  Phänomene  derselben  nur  in  uns,  nicht  aber 
außer  uns  darzustellen  vermochten,  so  tritt  nun  hier  der 

I  Fall  ein,  daß  zwar  Farben  im  Auge  durch  farblose  Gegen- 
stände erregt  werden,  daß  wir  aber  auch  eine  farblose 
Fläche  an  die  Stelle  unserer  Retina  setzen  und  auf  der- 

I  selben  die  Erscheinung  außer  uns  gewahr  werden  können; 
wobei  ims  jedoch  alle  Erfahrungen  auf  das  bestimmteste 
überzeugen,  daß  hier  nicht  von  fertigen,  sondern  von 
werdenden  und  wechselnden  Farben  die  Rede  sei, 

138.  Wir  sehen  uns  deshalb  bei  diesen  physischen  Far- 
ben durchaus  imstande,  einem  subjektiven  Phänomen 
ein  objektives  an  die  Seite  zu  setzen  und  öfters  durch  die 
Verbindung  beider  mit  Glück  tiefer  in  die  Natur  der  Er- 
scheinung einzudringen, 

139.  Bei  den  Erfahrungen  also,  wobei  wir  die  physischen 
Farben  gewahr  werden,  wird  das  Auge  nicht  für  sich  als 
wirkend,  das  Licht  niemals  in  unmittelbarem  Bezüge  auf 
das  Au2:e   betrachtet,  sondern  wir  richten   unsere  Auf- 


7  6     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

merksamkeit  besonders  darauf,  wie  durch  Mittel,  und 
zwar  farblose  Mittel,  verschiedene  Bedingungen  ent- 
stehen. 

140.  Das  Licht  kann  auf  dreierlei  Weise  unter  diesen 
Umständen  bedingt  werden.  Erstlich,  wenn  es  von  der 
Oberfläche  eines  Mittels  zurückstrahlt,  da  denn  die  kat- 
optrischenYQrs\ic\\Q  zur  Sprache  kommen.  Zweitens,  wenn 
es  an  dem  Rande  eines  Mittels  her  strahlt.  Die  dabei  ein- 
tretenden Erscheinungen  wurden  ehmals  perioptische  ge- 
nannt, wir  nennen  sieparoptische.  Drittens,  wenn  es  durch 
einen  durchscheinenden  oder  durchsichtigen  Körper  durch- 
geht, welches  die  dioptrischen  Versuche  sind.  Eine  vierte 
Art  physischer  Farben  haben  wir  epoptische  genannt,  in- 
dem sich  die  Erscheinung  ohne  vorgängige  Mitteilung 
[ßacprj)  auf  einer  farblosen  Oberfläche  der  Körper  unter 
verschiedenen  Bedingungen  sehen  läßt. 

141.  Beurteilen  wir  diese  Rubriken  in  bezug  auf  die  von 
uns  beliebten  Hauptabteilungen,  nach  welchen  wir  die 
Farben  in  physiologischer,  physischer  und  chemischer 
Rücksicht  betrachten,  so  finden  wir,  daß  die  katoptrischen 
Farben  sich  nahe  an  die  physiologischen  anschließen,  die 
paroptischen  sich  schon  etwas  mehr  ablösen  und  gewisser- 
maßen selbständig  werden,  die  dioptrischen  sich  ganz 
eigentlich  physisch  erweisen  und  eine  entschieden  objek- 
tive Seite  haben;  die  epoptischen,  obgleich  in  ihren  An- 
fängen auch  nur  apparent,  machen  den  Übergang  zu  den 
chemischen  Farben. 

142.  Wenn  wir  also  unsern  Vortrag  stetig  nach  Anlei- 
tung der  Natur  fortführen  wollten,  so  dürften  wir  nur  in 
der  jetzt  eben  bezeichneten  Ordnung  auch  fernerhin  ver- 
fahren; weil  aber  bei  didaktischen  Vorträgen  es  nicht  so- 
wohl darauf  ankommt,  dasjenige,  wovon  die  Rede  ist, 
aneinander  zu  knüpfen,  vielmehr  solches  wohl  auseinan- 
der zu  sondern,  damit  erst  zuletzt,  wenn  alles  einzelne 
vor  die  Seele  gebracht  ist,  eine  große  Einheit  das  Be- 
sondere verschlinge,  so  wollen  wir  ims  gleich  zu  den  di- 
optrischen Farben  wenden,  um  den  Leser  alsbald  in  die 
Mitte  der  physischen  Farben  zu  versetzen  und  ihm  ihre 
Eigenschaften  auffallender  zu  machen. 


IL  PHYSISCHE  FARBEN  77 

IX.  Diop irische  Farben 

143.  Man  nennt  dioptrische  Farben  diejenigen,  zu  deren 
Entstehung  ein  farbloses  Mittel  gefordert  wird,  dergestalt, 
daß  Licht  und  Finsternis  hindurchwirken,  entweder  aufs 
Auge  oder  auf  entgegenstehende  Flächen.  Es  wird  also 
gefordert,  daß  das  Mittel  durchsichtig  oder  wenigstens  bis 
auf  einen  gewissen  Grad  durchscheinend  sei. 

144.  Nach  diesen  Bedingungen  teilen  wir  die  dioptri- 
schen  Erscheinungen  in  zwei  Klassen  und  setzen  in  die 
erste  diejenigen,  welche  bei  durchscheinenden  trüben 
Mitteln  entstehen,  in  die  zweite  aber  solche,  die  sich  als- 
dann zeigen,  wenn  das  Mittel  in  dem  höchst  möglichen 
Grade  durchsichtig  ist. 

X.  Dioptrische  Farben 
der  ersten  Klasse 

145.  Der  Raum,  den  wir  uns  leer  denken,  hätte  durch- 
aus für  uns  die  Eigenschaft  der  Durchsichtigkeit.  Wenn 
sich  nun  derselbe  dergestalt  füllt,  daß  unser  Auge  die 
Ausfüllung  nicht  gewahr  wird,  so  entsteht  ein  mate- 
rielles, mehr  oder  weniger  körperliches,  durchsichtiges 
Mittel,  das  luft-  und  gasartig,  flüssig  oder  auch  fest  sein 
kann. 

146.  Die  reine  durchscheinende  Trübe  leitet  sich  aus 
dem  Durchsichtigen  her.  Sie  kann  sich  uns  also  auch  auf 
gedachte  dreifache  Weise  darstellen. 

147.  Die  vollendete  Trübe  ist  das  Weiße,  die  gleichgül- 
tigste, hellste,  erste  undurchsichtige  Raumerfüllung. 

148.  Das  Durchsichtige  selbst,  empirisch  betrachtet,  ist 
schon  der  erste  Grad  des  Trüben.  Die  ferneren  Grade 
des  Trüben  bis  zum  undurchsichtigen  Weißen  sind  un- 
endlich. 

149.  Auf  welcher  Stufe  wir  auch  das  Trübe  vor  seiner 
Undurchsichtigkeit  festhalten,  gewährt  es  uns,  wenn  wir 
es  in  Verhältnis  zum  Hellen  und  Dunkeln  setzen,  ein- 
fache und  bedeutende  Phänomene. 


7  8     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

150.  Das  höchstenergische  Licht,  wie  das  der  Sonne, 
des  Phosphors  in  Lebensluft  verbrennend,  ist  blendend 
und  farblos.  So  kommt  auch  das  Licht  der  Fixsterne  mei- 
stens farblos  zu  uns.  Dieses  Licht  aber  durch  ein  auch 
nur  wenig  trübes  Mittel  gesehen,  erscheint  uns  gelb. 
Nimmt  die  Trübe  eines  solchen  Mittels  zu  oder  wird  seine 
Tiefe  vermehrt,  so  sehen  wir  das  Licht  nach  und  nach 
eine  gelbrote  Farbe  annehmen,  die  sich  endlich  bis  zum 
Rubinroten  steigert. 

151.  Wird  hingegen  durch  ein  trübes,  von  einem  dar- 
auffallenden Lichte  erleuchtetes  Mittel  die  Finsternis  ge- 
sehen, so  erscheint  uns  eine  blaue  Farbe,  welche  immer 
heller  und  blässer  wird,  je  mehr  sich  die  Trübe  des  Mit- 
tels vermehrt,  hingegen  immer  dtmkler  und  satter  sich 
zeigt,  je  durchsichtiger  das  Trübe  werden  kann,  ja  bei 
dem  mindesten  Grad  der  reinsten  Trübe  als  das  schönste 
Violett  dem  Auge  fühlbar  wird. 

152.  Wenn  diese  Wirkung  auf  die  beschriebene  Weise 
in  unserm  Auge  vorgeht  und  also  subjektiv  genannt  wer- 
den kann,  so  haben  wir  uns  auch  durch  objektive  Er- 
scheinungen von  derselben  noch  mehr  zu  vergewissern. 
Denn  ein  so  gemäßigtes  und  getrübtes  Licht  wirft  auch 
auf  die  Gegenstände  einen  gelben,  gelbroten  oder  pur- 
purnen Schein,  und  ob  sich  gleich  die  Wirkung  der  Fin- 
sternis durch  das  Trübe  nicht  ebenso  mächtig  äußert,  so 
zeigt  sich  doch  der  blaue  Himmel  in  der  Camera  obscura 
ganz  deutlich  auf  dem  weißen  Papier  neben  jeder  andern 
körperlichen  Farbe. 

153.  Wenn  wir  die  Fälle  durchgehn,  unter  welchen  uns 
dieses  wichtige  Grundphänomen  erscheint,  so  erwähnen 
wir  billig  zuerst  der  atmosphärischen  Farben,  deren  meiste 
hieher  geordnet  werden  können. 

154.  Die  Sonne,  durch  einen  gewissen  Grad  von  Dün- 
.sten  gesehen,  zeigt  sich  mit  einer  gelblichen  Scheibe. 
Oft  ist  die  Mitte  noch  blendend  gelb,  wenn  sich  die  Rän- 
der schon  rot  zeigen.  Beim  Heerrauch  (wie  1794  auch 
im  Norden  der  Fall  war)  und  noch  mehr  bei  der  Dispo- 
sition der  Atmosphäre,  wenn  in  südlichen  Gegenden  der 
Scirocco  herrscht,  erscheint  die  Sonne  mbinrot  mit  allen 


II.  PHYSISCHE  FARBEN  79 

sie  im  letzten  Falle  gewöhnlich  umgebenden  Wolken,  die 
alsdann  jene  Farbe  im  Widerschein  zurückwerfen. 
Morgen-  und  Abendröte  entsteht  aus  derselben  Ursache. 
Die  Sonne  wird  durch  eine  Röte  verkündigt,  indem  sie 
durch  eine  größere  Masse  von  Dünsten  zu  ims  strahlt.  Je 
weiter  sie  heraufkommt,  desto  heller  und  gelber  wird  der 
Schein. 

155.  Wird  die  Finsternis  des  unendlichen  Raums  durch 
atmosphärische,  vom  Tageslicht  erleuchtete  Dünste  hin- 
durch angesehen,  so  erscheint  die  blaue  Farbe.  Auf  hohen 
Gebirgen  sieht  man  am  Tage  den  Himm.el  königsblau, 
weil  nur  wenig  feine  Dünste  vor  dem  unendlichen  finstern 
Raum  schweben;  sobald  man  in  die  Täler  herabsteigt, 
wird  das  Blaue  heller,  bis  es  endlich  in  gewissen  Regio- 
nen und  bei  zunehmenden  Dünsten  ganz  in  ein  Weißblau 
übergeht. 

156.  Ebenso  scheinen  uns  auch  die  Berge  blau:  denn  in- 
dem wir  sie  in  einer  solchen  Ferne  erblicken,  daß  wir  die 
Lokalfarben  nicht  mehr  sehen  und  kein  Licht  von  ihrer 
Oberfläche  mehr  auf  unser  Auge  wirkt,  so  gelten  sie  als 
ein  reiner  finsterer  Gegenstand,  der  nun  durch  die  da- 
zwischen tretenden  trüben  Dünste  blau  erscheint. 

157.  Auch  sprechen  wir  die  Schattenteile  näherer  Gegen- 
stände für  blau  an,  wenn  die  Luft  mit  feinen  Dünsten  ge- 
sättigt ist. 

158.  Die  Eisberge  hingegen  erscheinen  in  großer  Ent- 
fernung noch  immer  weiß  und  eher  gelblich,  weil  sie  im- 
mer noch  als  hell  durch  den  Dunstkreis  auf  unser  Auge 
wirken. 

159.  Die  blaue  Erscheinimg  an  dem  untern  Teil  des 
Kerzenlichtes  gehört  auch  Iiieher.  Man  halte  die  Flamme 
vor  einen  weißen  Grund,  und  man  wird  nichts  Blaues 
sehen,  welche  Farbe  hingegen  sogleich  erscheinen  wird, 
wenn  man  die  Flamme  gegen  einen  schwarzen  Grund 
hält.  Dieses  Phänomen  erscheint  am  lebhaftesten  bei  ei- 
nem angezündeten  Löffel  Weingeist.  Wir  können  also 
den  untern  Teil  der  Flamme  für  einen  Dunst  ansprechen, 
welcher,  obgleich  unendlich  fein,  doch  vor  der  dunklen 
Fläche  sichtbar  wird:  er  ist  so  fein,  daß  man  bequem 


8o     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

durch  ihn  lesen  kann;  dahingegen  die  Spitze  der  Flamme, 
welche  uns  die  Gegenstände  verdeckt,  als  ein  selbst- 
leuchtender Körper  anzusehen  ist. 

i6o.  Übrigens  ist  der  Rauch  gleichfalls  als  ein  trübes 
Mittel  anzusehen,  das  uns  vor  einem  hellen  Grunde  gelb 
oder  rötlich,  vor  einem  dunklen  aber  blau  erscheint. 
i6i.  Wenden  wir  uns  nun  zu  den  flüssigen  Mitteln,  so 
finden  wir,  daß  ein  jedes  Wasser,  auf  eine  zarte  Weise 
getrübt,  denselben  Eflfekt  hervorbringe. 

162.  Die  Infusion  des  nephritischen  Holzes  (der  Guilan- 
dina Linnaei),  welche  früher  so  großes  Aufsehen  machte, 
ist  nur  ein  trüber  Liquor,  der  im  dunklen  hölzernen  Becher 
blau  aussehen,  in  einem  durchsichtigen  Glase  aber,  gegen 
die  Sonne  gehalten,  eine  gelbe  Erscheinung  hervorbringen 
muß. 

163.  Einige  Tropfen  wohlriechender  Wasser,  eines  Wein- 
geistfirnisses, mancher  metallischen  Solutionen  können 
das  Wasser  zu  solchen  Versuchen  in  allen  Graden  trübe 
machen.  Seifenspiritus  tut  fast  die  beste  Wirkung. 

164.  Der  Grund  des  Meeres  erscheint  den  Tauchern  bei 
hellem  Sonnenschein  purpurfarb,  wobei  das  Meerwasser 
als  ein  trübes  und  tiefes  Mittel  wirkt.  Sie  bemerken  bei 
dieser  Gelegenheit  die  Schatten  grün,  welches  die  ge- 
forderte Farbe  ist.  (78.) 

165.  Unter  den  festen  Mitteln  begegnet  uns  in  der  Na- 
tur zuerst  der  Opal,  dessen  Farben  wenigstens  zum  Teil 
daraus  zu  erklären  sind,  daß  er  eigentlich  ein  trübes  Mittel 
sei,  wodurch  bald  helle,  bald  dunkle  Unterlagen  sichtbar 
werden. 

166.  Zu  allen  Versuchen  aber  ist  das  Opalglas  [vitrum 
astroides,  girasole)  der  erwünschteste  Körper.  Es  wird  auf 
verschiedene  Weise  verfertigt  und  seine  Trübe  durch  Me- 
tallkalke hervorgebracht.  Auch  trübt  man  das  Glas  da- 
durch, daß  man  gepulverte  und  kalzinierte  Knochen  mit 
ihm  zusammenschmelzt,  deswegen  man  es  auch  Beinglas 
nennt;  doch  geht  dieses  gar  zu  leicht  ins  Undurchsichtige 
über. 

167.  Man  kann  dieses  Glas  zu  Versuchen  auf  vielerlei 
Weise  zurichten:  denn  entweder  man  macht  es  nur  wenig 


II.  PHYSISCHE  FARBEN  8i 

trüb,  da  man  denn  durch  mehrere  Schichten  übereinan- 
der das  Licht  vom  hellsten  Gelb  bis  zum  tiefsten  Purpur 
führen  kann,  oder  man  kann  auch  stark  getrübtes  Glas  in 
dünnem  und  stärkeren  Scheiben  anwenden.  Auf  beide 
Arten  lassen  sich  die  Versuche  anstellen;  besonders  darf 
man  aber,  um  die  hohe  blaue  Farbe  zu  sehen,  das  Glas 
weder  allzu  trüb  noch  allzu  stark  nehmen.  Denn  da  es  na- 
türlich ist,  daß  das  Finstere  nur  schwach  durch  die  Trübe 
hindurch  wirke,  so  geht  die  Trübe,  wenn  sie  zu  dicht 
wird,  gar  schnell  in  das  Weiße  hinüber. 
i68.  Fensterscheiben  durch  die  Stellen,  an  welchen  sie 
blind  geworden  sind,  werfen  einen  gelben  Schein  auf 
die  Gegenstände,  imd  eben  diese  Stellen  sehen  blau  aus, 
wenn  wir  durch  sie  nach  einem  dunklen  Gegenstande 
blicken. 

169.  Das  angerauchte  Glas  gehört  auch  hieher  und  ist 
gleichfalls  als  ein  trübes  Mittel  anzusehen.  Es  zeigt  uns 
die  Sonne  mehr  oder  weniger  rubinrot,  und  ob  man  gleich 
diese  Erscheinung  der  schwarzbraunen  Farbe  des  Rußes 
zuschreiben  könnte,  so  kann  man  sich  doch  überzeugen, 
daß  hier  ein  trübes  Mittel  wirke,  wenn  man  ein  solches 
mäßig  angerauchtes  Glas,  auf  der  vordem  Seite  dturch 
die  Sonne  erleuchtet,  vor  einen  dunklen  Gegenstand  hält, 
da  wir  denn  einen  blaulichen  Schein  gewahr  werden. 

170.  Mit  Pergamentblättern  läßt  sich  in  der  dunkeln 
Kammer  ein  auffallender  Versuch  anstellen.  Wenn  man 
vor  die  Öffnung  des  eben  von  der  Sonne  beschienenen 
Fensterladens  ein  Stück  Pergament  befestigt,  so  wird  es 
weißlich  erscheinen;  fügt  man  ein  zweites  hinzu,  so  ent- 
steht eine  gelbliche  Farbe,  die  immer  zunimmt  und  end- 
lich bis  ins  Rote  übergeht,  je  mehr  man  Blätter  nach  und 
nach  hinzufügt. 

171.  Einer  solchen  Wirkung  der  getrübten  Kristallinse 
beim  grauen  Star  ist  schon  oben  gedacht.  (132.) 

172.  Sind  wir  nun  auf  diesem  Wege  schon  bis  zu  der 
Wirkung  eines  kaum  noch  durchscheinenden  Trüben  ge- 
langt, so  bleibt  uns  noch  übrig,  einer  wunderbaren  Er- 
scheinung augenblicklicher  Trübe  zu  gedenken. 

Das  Porträt  eines  angesehenen  Theologen  war  von  einem 

GOETHE  XVII  6. 


8  2     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

Künstler,  welcher  praktisch  besonders  gut  mit  der  Farbe 
umzugehen  wußte,  vor  mehrern  Jahren  gemalt  worden.  Der 
hochwürdige  Mann  stand  in  einem  glänzenden  Samtrocke 
da,  welcher  fast  mehr  als  das  Gesicht  die  Augen  der  An- 
schauer auf  sich  zog  und  Bewunderung  erregte.  Indessen 
hatte  das  Bild  nach  und  nach  durch  Lichterdampf  und 
Staub  von  seiner  ersten  Lebhaftigkeit  vieles  verloren. 
Man  übergab  es  daher  einem  Maler,  der  es  reinigen  und 
mit  einem  neuen  Firnis  überziehen  sollte.  Dieser  fängt 
nun  sorgfältig  an,  zuerst  das  Bild  mit  einem  feuchten 
Schwamm  abzuwaschen;  kaum  aber  hat  er  es  einigemal 
überfahren  und  den  stärksten  Schmutz  weggewischt,  als 
zu  seinem  Erstaunen  der  schwarze  Samtrock  sich  plötz- 
lich in  einen  hellblauen  Plüschrock  verwandelt,  wodurch 
der  geistliche  Herr  ein  sehr  weltliches,  obgleich  altmo- 
disches Ansehn  gewinnt.  Der  Maler  getraut  sich  nicht 
weiter  zu  waschen,  begreift  nicht,  wie  ein  Hellblau  zum 
Grunde  des  tiefsten  Schwarzen  liegen,  noch  weniger,  wie 
er  eine  Lasur  so  schnell  könne  weggescheuert  haben, 
welche  ein  solches  Blau,  wie  er  vor  sich  sah,  in  Schwarz 
zu  verwandeln  imstande  gewesen  wäre. 
Genug,  er  fühlte  sich  sehr  bestürzt,  das  Bild  auf  diesen 
Grad  verdorben  zu  haben:  es  war  nichts  Geistliches  mehr 
daran  zu  sehen  als  nur  die  vielgelockte  runde  Perücke, 
wobei  der  Tausch  eines  verschossenen  Plüschrocks  gegen 
einen  trefflichen  neuen  Samtrock  durchaus  unerwünscht 
blieb.  Das  Übel  schien  indessen  unheilbar,  und  unser 
guter  Künstler  lehnte  mißmutig  das  Bild  gegen  die  Wand 
und  legte  sich  nicht  ohne  Sorgen  zu  Bette. 
Wie  erfreut  aber  war  er  den  andern  Morgen,  als  er  das 
Gemälde  wieder  vornahm  und  den  schwarzen  Samtrock 
in  vöUigem  Glänze  wieder  erblickte.  Er  konnte  sich  nicht 
enthalten,  den  Rock  an  einem  Ende  abermals  zu  benetzen, 
da  denn  die  blaue  Farbe  wieder  erschien  und  nach  einiger 
Zeit  verschwand. 

Als  ich  Nachricht  von  diesem  Phänomen  erhielt,  begab 
ich  mich  sogleich  zu  dem  Wunderbilde.  Es  ward  in  mei- 
ner Gegenwart  mit  einem  feuchten  Schwämme  überfahren, 
und  die  Veränderung  zeigte  sich  sehr  schnell.    Ich  sah 


IL  PHYSISCHE  FARBEN  83 

einen  zwar  etwas  verschossenen,  aber  völlig  hellblauen 
Plüschrock,  auf  welchem  an  dem  Ärmel  einige  braune 
Striche  die  Falten  andeuteten. 

Ich  erklärte  mir  dieses  Phänomen  aus  der  Lehre  von  den 
trüben  Mitteln.  Der  Künstler  mochte  seine  schon  gemalte 
schwarze  Farbe,  um  sie  recht  tief  zu  machen,  mit  einem 
besondern  Firnis  lasieren,  welcher  beim  Waschen  einige 
Feuchtigkeit  in  sich  sog  und  dadurch  trübe  ward,  wodurch 
das  unterliegende  Schwarz  sogleich  als  Blau  erschien. 
Vielleicht  kommen  diejenigen,  welche  viel  mit  Firnissen 
umgehen,  durch  Zufall  oder  Nachdenken  auf  den  Weg, 
diese  sonderbare  Erscheinung  den  Freunden  der  Natur- 
forschung als  Experiment  darzustellen.  Mir  hat  es  nach 
mancherlei  Proben  nicht  gelingen  wollen. 

173.  Haben  wir  nun  die  herrlichsten  Fälle  atmosphäri- 
scher Erscheinungen  sowie  andre  geringere,  aber  doch 
immer  genugsam  bedeutende  aus  der  Haupterfahrung  mit 
trüben  Mitteln  hergeleitet,  so  zweifeln  wir  nicht,  daß  auf- 
merksame Naturfreunde  immer  weitergehen  und  sich 
üben  werden,  die  im  Leben  mannigfaltig  vorkommenden 
Erscheinungen  auf  ebendiesem  Wege  abzuleiten  und  zu 
erklären,  so  wie  wir  hofifen  können,  daß  die  Naturforscher 
sich  nach  einem  hinlänglichen  Apparat  umsehen  werden, 
um  so  bedeutende  Erfahrungen  den  Wißbegierigen  vor 
Augen  zu  bringen. 

174.  Ja  wir  möchten  jene  im  allgemeinen  ausgesprochene 
Haupterscheinung  ein  Grund-  und  Urphänomen  nennen, 
und  es  sei  uns  erlaubt,  hier,  was  wir  darunter  verstehen, 
sogleich  beizubringen. 

175.  Das,  was  wir  in  der  Erfahrung  gewahr  werden,  sind 
meistens  nur  Fälle,  welche  sich  mit  einiger  Aufmerksam- 
keit unter  allgemeine  empirische  Rubriken  bringen  lassen. 
Diese  subordinieren  sich  aber-mals  unter  wissenschaftliche 
Rubriken,  welche  weiter  hinaufdeuten,  wobei  uns  gewisse 
unerläßliche  Bedingungen  des  Erscheinenden  näher  be- 
kannt werden.  Von  nun  an  fügt  sich  alles  nach  und  nach 
unter  höhere  Regeln  und  Gesetze,  die  sich  aber  nicht 
durch  Worte  und  Hypothesen  dem  Verstände,  sondern 
i/leichfalls  durch  Phänomene  dem  Anschauen  offenbaren. 


84     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

Wir  nennen  sie  Urphänomene,  weil  nichts  in  der  Erschei- 
nung über  ihnen  liegt,  sie  aber  dagegen  völlig  geeignet 
sind,  daß  man  stufenweise,  wie  wir  vorhin  hinaufgestie- 
gen, von  ihnen  herab  bis  zu  dem  gemeinsten  Falle  der 
täglichen  Erfahrung  niedersteigen  kann.  Ein  solches  Ur- 
phänomen  ist  dasjenige,  das  wir  bisher  dargestellt  haben. 
Wir  sehen  auf  der  einen  Seite  das  Licht,  das  Helle,  auf 
der  andern  die  Finsternis,  das  Dunkle;  wir  bringen  die 
Trübe  zwischen  beide,  und  aus  diesen  Gegensätzen,  mit 
Hülfe  gedachter  Vermittlung,  entwickeln  sich,  gleichfalls 
in  einem  Gegensatz,  die  Farben,  deuten  aber  alsbald 
durch  einen  Wechselbezug  unmittelbar  auf  ein  Gemein- 
sames wieder  zurück. 

176.  In  diesem  Sinne  halten  wir  den  in  der  Naturfor- 
schung begangenen  Fehler  für  sehr  groß,  daß  man  ein 
abgeleitetes  Phänomen  an  die  obere  Stelle,  das  Urphäno- 
men  an  die  niedere  Stelle  setzte,  ja  sogar  das  abgeleitete 
Phänomen  wieder  auf  den  Kopf  stellte  und  an  ihm  das 
Zusammengesetzte  für  ein  Einfaches,  das  Einfache  für  ein 
Zusammengesetztes  gelten  ließ,  durch  welches  Hinterst- 
zuvörderst  die  wunderlichsten  Verwicklungen  und  Ver- 
wirrungen in  die  Naturlehre  gekommen  sind,  an  welchen 
sie  noch  leidet. 

177.  Wäre  denn  aber  auch  ein  solches  Urphänomen  ge- 
funden, so  bleibt  immer  noch  das  Übel,  daß  man  es  nicht 
als  ein  solches  anerkennen  will,  daß  wir  hinter  ihm  und 
über  ihm  noch  etwas  Weiteres  aufsuchen,  da  wir  doch  hier 
die  Grenze  des  Schauens  eingestehen  sollten.  Der  Natur- 
forscher lasse  die  Urphänomene  in  ihrer  ewigen  Ruhe 
und  Herrlichkeit  dastehen,  der  Philosoph  nehme  sie  in 
seine  Region  auf,  und  er  wird  finden,  daß  ihm  nicht  in 
einzelnen  Fällen,  allgemeinen  Rubriken,  Meinungen  und 
Hypothesen,  sondern  im  Grund-  und  Urphänomen  ein 
würdiger  Stofif  zu  weiterer  Behandltmg  und  Bearbeitung 
überliefert  werde. 


IL  PHYSISCHE  FARBEN  85 

XI.  Dioptrische  Farben 
der  zweiten  Klasse 
Refraktion 

178.  Die  dioptrischen  Farben  der  beiden  Klassen  schlie- 
ßen sich  genau  aneinander  an,  wie  sich  bei  einiger 
Betrachtung  sogleich  finden  läßt.  Die  der  ersten  Klasse 
erschienen  in  dem  Felde  der  trüben  Mittel,  die  der 
zweiten  sollen  uns  nun  in  durchsichtigen  Mitteln  er- 
scheinen. Da  aber  jedes  empirisch  Durchsichtige  an  sich 
schon  als  trüb  angesehen  werden  kann,  wie  uns  jede  ver- 
mehrte Masse  eines  durchsichtig  genannten  Mittels  zeigt, 
so  ist  die  nahe  Verwandtschaft  beider  Arten  genugsam 
einleuchtend. 

179.  Doch  wir  abstrahieren  vorerst,  indem  wir  uns  zu 
den  durchsichtigen  Mitteln  wenden,  von  aller  ihnen  ei- 
nigermaßen beiwohnenden  Trübe  und  richten  unsre 
ganze  Aufmerksamkeit  auf  das  hier  eintretende  Phäno- 
men, das  unter  dem  Kunstnamen  der  Refraktion  be- 
kannt ist. 

180.  Wir  haben  schon  bei  Gelegenheit  der  physiologi- 
schen Farben  dasjenige,  was  man  sonst  Augentäuschungen 
zu  nennen  pflegte,  als  Tätigkeiten  des  gesunden  und  rich- 
tig wirkenden  Auges  gerettet  (2),  und  wir  kommen  hier 
abermals  in  den  Fall,  zu  Ehren  unserer  Sinne  und  zu  Be- 
stätigung ihrer  Zuverlässigkeit  einiges  auszuführen. 

181.  In  der  ganzen  sinnlichen  Welt  kommt  alles  über- 
haupt auf  das  Verhältnis  der  Gegenstände  untereinander 
an,  vorzüglich  aber  auf  das  Verhältnis  des  bedeutendsten 
irdischen  Gegenstandes,  des  Menschen,  zu  den  übrigen. 
Hierdurch  trennt  sich  die  Welt  in  zwei  Teile,  und  der 
Mensch  stellt  sich  als  ein  Subjekt  dem  Objekt  entgegen. 
Hier  ist  es,  wo  sich  der  Praktiker  in  der  Erfahrung,  der 
Denker  in  der  Spekulation  abmüdet  und  einen  Kampf  zu 
bestehen  aufgefordert  ist,  der  durch  keinen  Frieden  und 
durch  keine  Entscheidung  geschlossen  werden  kann. 

182.  Immer  bleibt  es  aber  auch  hier  die  Hauptsache, 
daß  die  Beziehungen  wahrhaft  eingesehen  werden.  Da 
nun  unsre  Sinne,  insofern  sie  gesund  sind,  die  äußern 


8  6     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

Beziehungen  am  wahrhaftesten  aussprechen,  so  können 
wir  uns  überzeugen,  daß  sie  überall,  wo  sie  dem  Wirk- 
lichen zu  widersprechen  scheinen,  das  wahre  Verhältnis 
desto  sichrer  bezeichnen.  So  erscheint  uns  das  Entfernte 
kleiner,  und  eben  dadurch  werden  wir  die  Entfernung  ge- 
wahr. An  farblosen  Gegenständen  brachten  wir  durch 
farblose  Mittel  farbige  Erscheinungen  hervor  und  wurden 
zugleich  auf  die  Grade  des  Trüben  solcher  Mittel  auf- 
merksam. 

183.  Ebenso  werden  unserm  Auge  die  verschiedenen 
Grade  der  Dichtigkeit  durchsichtiger  Mittel,  ja  sogar  noch 
andre  physische  imd  chemische  Eigenschaften  derselben 
bei  Gelegenheit  der  Refraktion  bekannt  und  fordern  uns 
auf,  andre  Prüfungen  anzustellen,  um  in  die  von  einer 
Seite  schon  eröffneten  Geheimnisse  auf  physischem  und 
chemischem  Wege  völlig  einzudringen. 

184.  Gegenstände,  durch  mehr  oder  weniger  dichte  Mit- 
tel gesehen,  erscheinen  uns  nicht  an  der  Stelle,  an  der 
sie  sich  nach  den  Gesetzen  der  Perspektive  befinden  soll- 
ten. Hierauf  beruhen  die  dioptrischen  Erscheinungen  der 
zweiten  Klasse. 

185.  Diejenigen  Gesetze  des  Sehens,  welche  sich  durch 
mathematische  Formeln  ausdrücken  lassen,  haben  zum 
Grunde,  daß,  so  wie  das  Licht  sich  in  gerader  Linie  be- 
wegt, auch  eine  gerade  Linie  zwischen  dem  sehenden 
Organ  und  dem  gesehenen  Gegenstand  müsse  zu  ziehen 
sein.  Kommt  also  der  Fall,  daß  das  Licht  zu  ims  in  einer 
gebogenen  oder  gebrochenen  Linie  anlangt,  daß  wir  die 
Gegenstände  in  einer  gebogenen  oder  gebrochenen  Linie 
sehen,  so  werden  wir  alsbald  erinnert,  daß  die  dazwischen 
liegenden  Mittel  sich  verdichtet,  daß  sie  diese  oder  jene 
fremde  Natur  angenommen  haben. 

186.  Diese  Abweichung  vom  Gesetz  des  geradlinigen 
Sehens  wird  im  allgemeinen  die  Refraktion  genannt,  und 
ob  wir  gleich  voraussetzen  können,  daß  unsre  Leser  da- 
mit bekannt  sind,  so  wollen  wir  sie  doch  kürzlich  von 
ihrer  objektiven  und  subjektiven  Seite  hier  nochmals  dar- 
stellen. 

187.  Man  lasse  in  ein  leeres  kubisches  Gefäß  das  Son- 


II.  PHYSISCHE  FARBEN  87 

7ienlicht  schräg  in  der  Diagonale  hineinscheinen,  derge- 
stalt, daß  nur  die  dem  Licht  entgegengesetzte  Wand,  nicht 
aber  der  Boden  erleuchtet  sei;  man  gieße  sodann  Wasser 
in  dieses  Gefäß,  und  der  Bezug  des  Lichtes  zu  demselben 
wird  sogleich  verändert  sein.  Das  Licht  zieht  sich  gegen 
die  Seite,  wo  es  herkommt,  zurück,  und  ein  Teil  des  Bo- 
dens wird  gleichfalls  erleuchtet.  An  dem  Punkte,  wo  nun- 
mehr das  Licht  in  das  dichtere  Mittel  tritt,  weicht  es  von 
seiner  geradlinigen  Richtimg  ab  und  scheint  gebrochen, 
deswegen  man  auch  dieses  Phänomen  die  Brechung  ge- 
nannt hat.  So  viel  von  dem  objektiven  Versuche. 

188.  Zu  der  subjektiven  Erfahrung  gelangen  wir  aber 
folgendermaßen.  Man  setze  das  Auge  an  die  Stelle  der 
Sonne,  das  Auge  schaue  gleichfalls  in  der  Diagonale  über 
die  eine  Wand,  so  daß  es  die  ihm  entgegenstehende  jen- 
seitige innre  Wandfiäche  vollkommen,  nichts  aber  vom 
Boden  sehen  könne.  Man  gieße  Wasser  in  das  Gefäß,  und 
das  Auge  wird  nun  einen  Teil  des  Bodens  gleichfalls  er- 
blicken, und  zwar  geschieht  es  auf  eine  Weise,  daß  wir 
glauben,  wir  sehen  noch  immer  in  gerader  Linie:  denn 
der  Boden  scheint  uns  heraufgehoben,  daher  wir  das  sub- 
jektive Phänomen  mit  dem  Namen  der  Hebung  bezeich- 
nen. Einiges,  was  noch  besonders  merkwürdig  hiebei  ist, 
wird  künftig  vorgetragen  werden. 

189.  Sprechen  wir  dieses  Phänomen  nunmehr  im  allge- 
meinen aus,  so  können  wir,  was  wir  oben  angedeutet, 
hier  wiederholen:  daß  nämlich  der  Bezug  der  Gegen- 
stände verändert,  verrückt  werde. 

190.  Da  wir  aber  bei  unserer  gegenwärtigen  Darstellung 
die  objektiven  Erscheinungen  von  den  subjektiven  zu 
trennen  gemeint  sind,  so  sprechen  wir  das  Phänomen  vor- 
erst subjektiv  aus  und  sagen:  es  zeige  sich  eine  Verrük- 
kung  des  Gesehenen  oder  des  zu  Sehenden. 

191.  Es  kann  nun  aber  das  unbegrenzt  Gesehene  ver- 
rückt werden,  ohne  daß  uns  die  Wirkung  bemerklich  wird. 
Verrückt  sich  hingegen  das  begrenzt  Gesehene,  so  haben 
wir  Merkzeichen,  daß  eine  Verrückung  geschieht.  Wollen 
wir  ims  also  von  einer  solchen  Veränderung  des  Bezuges 
unterrichten,  so  werden  wir  uns  vorzüglich  an  die  Ver- 


8  8     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

rückung  des  begrenzt  Gesehenen,  an  die  Verriickung  des 
Bildes  zu  halten  haben. 

192.  Diese  Wirkung  überhaupt  kann  aber  geschehen  durch 
parallele  Mittel:  denn  jedes  parallele  Mittel  verrückt  den 
Gegenstand  und  bringt  ihn  sogar  im  Perpendikel  dem 
Auge  entgegen.  Merklicher  aber  wird  dieses  Verrücken 
durch  nicht  parallele  Mittel. 

193.  Diese  können  eine  völlig  sphärische  Gestalt  haben, 
auch  als  konvexe  oder  als  konkave  Linsen  angewandt 
werden.  Wir  bedienen  uns  derselben  gleichfalls  bei  un- 
sern  Erfahrungen.  Weil  sie  aber  nicht  allein  das  Bild  von 
der  Stelle  verrücken,  sondern  dasselbe  auch  auf  mancher- 
lei Weise  verändern,  so  gebrauchen  wir  lieber  solche 
Mittel,  deren  Flächen  zwar  nicht  parallel  gegeneinander, 
aber  doch  sämtlich  eben  sind,  nämlich  Prismen,  die  einen 
Triangel  zur  Base  haben,  die  man  zwar  auch  als  Teile 
einer  Linse  betrachten  kann,  die  aber  zu  unsern  Erfah- 
rungen deshalb  besonders  tauglich  sind,  weil  sie  das  Bild 
sehr  stark  von  der  Stelle  verrücken,  ohne  jedoch  an 
seiner  Gestalt  eine  bedeutende  Veränderung  hervorzu- 
bringen. 

194.  Nunmehr,  um  unsre  Erfahrungen  mit  möglichster 
Genauigkeit  anzustellen  und  alle  Verwechslung  abzuleh- 
nen, halten  wir  uns  zuerst  an 

Subjektive  Versuche^ 

bei  welchen  nämlich  der  Gegenstand  durch  ein  brechen- 
des Mittel  von  dem  Beobachter  gesehen  wird.  Sobald 
wir  diese  der  Reihe  nach  abgehandelt,  sollen  die  objek- 
tiven Versuche  in  gleicher  Ordnung  folgen. 

XII.  Refraktion  ohne  Farbenerscheinung 

195.  Die  Refraktion  kann  ihre  Wirktmg  äußern,  ohne, 
daß  man  eine  Farbenerscheinung  gewahr  werde.  So  sehr 
auch  durch  Refraktion  das  unbegrenzt  Gesehene,  eine 
farblose  oder  einfach  gefärbte  Fläche  verrückt  werde,  so 
entsteht  innerhalb  derselben  doch  keine  Farbe.  Man  kann 
sich  hieven  auf  mancherlei  Weise  überzeugen. 


IL  PHYSISCHE  FARBEN  89 

196.  Man  setze  einen  gläsernen  Kubus  auf  irgendeine 
Fläche  und  schaue  im  Perpendikel  oder  im  Winkel  dar- 
auf, so  wird  die  reine  Fläche  dem  Auge  völlig  entgegen- 
gehoben, aber  es  zeigt  sich  keine  Farbe.  Wenn  man 
durchs  Prisma  einen  rein  grauen  oder  blauen  Himmel, 
eine  rein  weiße  oder  farbige  Wand  betrachtet,  so  wird  der 
Teil  der  Fläche,  den  wir  eben  ins  Auge  gefaßt  haben, 
völlig  von  seiner  Stelle  gerückt  sein,  ohne  daß  wir  des- 
halb die  mindeste  Farbenerscheinung  darauf  bemerken. 

XIII.  Bedingungen  der  Farbenerscheinung 

197.  Haben  wir  bei  den  vorigen  Versuchen  und  Beob- 
achtimgen  alle  reinen  Flächen,  groß  oder  klein,  farblos  ge- 
funden, so  bemerken  wir  an  den  Rändern  da,  wo  sich 
eine  solche  Fläche  gegen  einen  heilern  oder  dunklern 
Gegenstand  abschneidet,  eine  farbige  Erscheinung. 

198.  Durch  Verbindung  von  Rand  und  Fläche  entstehen 
Bilder.  Wir  sprechen  daher  die  Haupterfahrung  derge- 
stalt aus:  es  müssen  Bilder  verrückt  werden,  wenn  eine 
Farbenerscheinung  sich  zeigen  soll. 

199.  Wir  nehmen  das  einfachste  Bild  vor  uns,  ein  helles 
Rund  auf  dunklem  Grunde  A.  An  diesem  findet  eine  Ver- 
rückvmg  statt,  wenn  wir  seine  Ränder  von  dem  Mittel- 
punkte aus  scheinbar  nach  außen  dehnen,  indem  wir  es 
vergrößern.  Dieses  geschieht  durch  jedes  konvexe  Glas, 
und  wir  erblicken  in  diesem  Falle  einen  blauen  Rand  B. 

200.  Den  Umkreis  ebendesselben  Bildes  können  wir 
nach  dem  Mittelpunkte  zu  scheinbar  hineinbewegen,  in- 
dem wir  das  Rund  zusammenziehen,  da  alsdann  die  Rän- 
der gelb  erscheinen  C.  Dieses  geschieht  durch  ein  kon- 
kaves Glas,  das  aber  nicht,  wie  die  gewöhnlichen  Lor- 
gnetten, dünn  geschliffen  sein  darf,  sondern  einige  Masse 
haben  muß.  Damit  man  aber  diesen  Versuch  auf  einmal 
mit  dem  konvexen  Glas  machen  könne,  so  bringe  man  in 
das  helle  Rund  auf  schwarzem  Grunde  eine  kleinere 
schwarze  Scheibe.  Denn  vergrößert  man  durch  ein  kon- 
vexes Glas  die  schwarze  Scheibe  auf  weißem  Grund,  so 
geschieht  dieselbe  Operation,  als  wenn  man  ein  weißes 


90     DER  FARBENLEHRE  DIDAKllSCHER  TEIL 

Rund  verkleinerte:  denn  wir  führen  den  schwarzen  Rand 
nach  dem  weißen  zu,  und  wir  erblicken  also  den  gelb- 
lichen Farbenrand  zugleich  mit  dem  blauen  D. 

201.  Diese  beiden  Erscheinungen,  die  blaue  und  gelbe, 
zeigen  sich  an  und  über  dem  Weißen.  Sie  nehmen,  in- 
sofern sie  über  das  Schwarze  reichen,  einen  rötlichen 
Schein  an. 

202.  Und  hiermit  sind  die  Grundphänomene  aller  Farben- 
erscheinung bei  Gelegenheit  der  Refraktion  ausgespro- 
chen, welche  denn  freilich  auf  mancherlei  Weise  wieder- 
holt, variiert,  erhöht,  verringert,  verbunden,  verwickelt, 
verwirrt,  zuletzt  aber  immer  wieder  auf  ihre  ursprüng- 
liche Einfalt  zurückgeführt  werden  können. 

203.  Untersuchen  wir  nun  die  Operation,  welche  wir 
vorgenommen,  so  finden  wir,  daß  wir  in  dem  einen  Falle 
den  hellen  Rand  gegen  die  dunkle,  in  dem  andern  den 
dunkeln  Rand  gegen  die  helle  Fläche  scheinbar  geführt, 
eins  durch  das  andre  verdrängt,  eins  über  das  andre  weg- 
geschoben haben.  Wir  wollen  nunmehr  sämtliche  Erfah- 
rungen schrittweise  zu  entwickeln  suchen. 

204.  Rückt  man  die  helle  Scheibe,  wie  es  besonders 
durch  Prismen  geschehen  kann,  im  Ganzen  von  ihrer  Stelle, 
so  wird  sie  in  der  Richtung  gefärbt,  in  der  sie  scheinbar 
bewegt  wird,  und  zwar  nach  jenen  Gesetzen.  Man  be- 
trachte durch  ein  Prisma  die  in  a  befindliche  Scheibe  der- 
gestalt, daß  sie  nach  b  verrückt  erscheine,  so  wird  der 
obere  Rand  nach  dem  Gesetz  der  Figur  B  blau  und  blau- 
rot erscheinen,  der  untere  nach  dem  Gesetz  der  Scheibe 
C  gelb  und  gelbrot.  Denn  im  ersten  Fall  wird  das  helle 
Bild  in  den  dimklen  Rand  hinüber-  und  in  dem  andern 
der  dunkle  Rand  über  das  helle  Bild  gleichsam  hinein- 
geführt. Ein  gleiches  gilt,  wenn  man  die  Scheibe  von  a 
nach  ^,  von  a  nach  d  und  so  im  ganzen  Kreise  scheinbar 
herumführt. 

205.  Wie  sich  nun  die  einfache  Wirkung  verhält,  so  ver- 
hält sich  auch  die  zusammengesetzte.  Man  sehe  durch 
das  horizontale  Prisma  a  b  nach  einer  hinter  demselben 
in  einiger  Entfernung  befindlichen  weißen  Scheibe  in  ^, 
so  wird  die  Scheibe  nach /erhoben  und  nach  dem  obigen 


II.  PHYSISCHE  FARBEN  9 1 

Gesetz  gefärbt  sein.  Man  hebe  dies  Prisma  weg  und 
schaue  durch  ein  vertikales  cd  nach  ebendem  Bilde,  so 
wird  es  in  h  erscheinen  und  nach  ebendemselben  Ge- 
setze gefärbt.  Man  bringe  nun  beide  Prismen  überein- 
ander, so  erscheint  die  Scheibe  nach  einem  allgemeinen 
Naturgesetz  in  der  Diagonale  verrückt  und  gefärbt,  wie 
es  die  Richtung  eg  mit  sich  bringt. 

206.  Geben  wir  auf  diese  entgegengesetzten  Farbenrän- 
der der  Scheibe  wohl  acht,  so  finden  wir,  daß  sie  nur  in 
der  Richtung  ihrer  scheinbaren  Bewegung  entstehen.  Ein 
rundes  Bild  läßt  ims  über  dieses  Verhältnis  einigermaßen 
ungewiß,  ein  vierecktes  hingegen  belehrt  uns  klärlich 
darüber. 

207.  Das  viereckte  Bild  ä,  in  der  Richtung  a  b  oder 
ad  verrückt,  zeigt  uns  an  den  Seiten,  die  mit  der  Rich- 
tung parallel  gehen,  keine  Farben;  in  der  Richtung  a  c 
hingegen,  da  sich  das  Quadrat  in  seiner  eignen  Dia- 
gonale bewegt,  erscheinen  alle  Grenzen  des  Bildes  ge- 
färbt. 

208.  Hier  bestätigt  sich  also  jener  Ausspruch  (203  f.), 
ein  Bild  müsse  dergestalt  verrückt  werden,  daß  seine  helle 
Grenze  über  die  dunkle,  die  dunkle  Grenze  aber  über  die 
helle,  das  Bild  über  seine  Begrenzung,  die  Begrenzung 
über  das  Bild  scheinbar  hingeführt  werde.  Bewegen  sich 
aber  die  geradhnigen  Grenzen  eines  Bildes  durch  Re- 
fraktion immerfort,  daß  sie  nur  nebeneinander,  nicht 
aber  übereinander  ihren  Weg  zurücklegen,  so  entstehen 
keine  Farben,  und  wenn  sie  auch  bis  ins  Unendliche  fort- 
geführt würden. 

XrV.  Bedingungen,   unter  welchen  die  Farbenerscheinung 
zunimmi 

zog.  Wir  haben  in  dem  vorigen  gesehen,  daß  alle  Far- 
benerscheimmg  bei  Gelegenheit  der  Refraktion  darauf 
beruht,  daß  der  Rand  eines  Bildes  gegen  das  Bild  selbst 
oder  über  den  Grund  gerückt,  daß  das  Bild  gleichsam 
über  sich  selbst  oder  über  den  Grund  hingeführt  werde. 
Und  nun  zeigt  sich  auch  bei  vermehrter  Verrückung  des 


9  2     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

Bildes  die  Farbenerscheinung  in  einem  breitern  Maße, 
und  zwar  bei  subjektiven  Versuchen,  bei  denen  wir  im- 
mer noch  verweilen,  unter  folgenden  Bedingungen: 
2IO.  Erstlich,  wenn  das  Auge  gegen  parallele  Mittel  eine 
schiefere  Richtung  annimmt; 

Zweitens,  wenn  das  Mittel  aufhört,  parallel  zu  sein,  und 
einen  mehr  oder  weniger  spitzen  Winkel  bildet; 
Drittens  durch  das  verstärkte  Maß  des  Mittels,  es  sei 
nun,  daß  parallele  Mittel  am  Volumen  zunehmen  oder 
die  Grade  des  spitzen  Winkels  verstärkt  werden,  doch  so, 
daß  sie  keinen  rechten  Winkel  erreichen; 
Viertens  durch  Entfernung  des  mit  brechenden  Mitteln 
bewaffneten  Auges  von  dem  zu  verrückenden  Bilde; 
Fünftens    durch    eine    chemische    Eigenschaft,    welche 
dem  Glase  mitgeteilt,  auch  in  demselben  erhöht  werden 
kann. 

2  11.  Die  größte  Verrückung  des  Bildes,  ohne  daß  des- 
selben Gestalt  bedeutend  verändert  werde,  bringen  wir 
durch  Prismen  hervor,  und  dies  ist  die  Ursache,  warum 
durch  so  gestaltete  Gläser  die  Farbenerscheinung  höchst 
mächtig  werden  kann.  Wir  wollen  uns  jedoch  bei  dem 
Gebrauch  derselben  von  jenen  glänzenden  Erscheinungen 
nicht  blenden  lassen,  vielmehr  die  oben  festgesetzten  ein- 
fachen Anfänge  ruhig  im  Sinne  behalten. 

212.  Diejenige  Farbe,  welche  bei  Verrückung  eines  Bil- 
des vorausgeht,  ist  immer  die  breitere,  und  wir  nennen 
sie  einen  Saum;  diejenige  Farbe,  welche  an  der  Grenze 
zurückbleibt,  ist  die  schmälere,  und  wir  nennen  sie  einen 
Rand. 

213.  Bewegen  wir  eine  dunkle  Grenze  gegen  das  Helle, 
so  geht  der  gelbe  breitere  Saum  voran,  und  der  schmä- 
lere gelbrote  Rand  folgt  mit  der  Grenze.  Rücken  wir 
eine  helle  Grenze  gegen  das  Dunkle,  so  geht  der  brei- 
tere violette  Saum  voraus,  und  der  schmälere  blaue  Rand 
folgt. 

214.  Ist  das  Bild  groß,  so  bleibt  dessen  Mitte  ungefärbt. 
Sie  ist  als  eine  unbegrenzte  Fläche  anzusehen,  die  ver- 
rückt, aber  nicht  verändert  wird,  Ist  es  aber  so  schmal, 
daß  unter  obgedachten  vier  Bedingungen  der  gelbe  Saum 


IL  PHYSISCHE  FARBEN  93 

den  blauen  Rand  erreichen  kann,  so  wird  die  Mitte  völ- 
lig durch  Farben  zugedeckt.  Man  mache  diesen  Versuch 
mit  einem  weißen  Streifen  auf  schwarzem  Grunde;  über 
einem  solchen  werden  sich  die  beiden  Extreme  bald  ver- 
einigen und  das  Grün  erzeugen.  Man  erblickt  alsdann 
folgende  Reihe  von  Farben: 

Gelbrot 

Gelb 

Grün 

Blau 
Blaiurot. 

215.  Bringt  man  auf  weiß  Papier  einen  schwarzen  Strei- 
fen, so  wird  sich  der  violette  Saum  darüber  hinbrei- 
ten und  den  gelbroten  Rand  erreichen.  Hier  wird  das 
dazwischen  liegende  Schwarz  so  wie  vorher  das  da- 
zwischen liegende  Weiß  aufgehoben  und  an  seiner  Stelle 
ein  prächtig  reines  Rot  erscheinen,  das  wir  oft  mit  dem 
Namen  Purpur  bezeichnet  haben.  Nunmehr  ist  die  Far- 
benfolge nachstehende: 

Blau 

Blaurot 
Purpur 
Gelbrot 
Gelb. 

216.  Nach  und  nach  können  in  dem  ersten  Falle  (214) 
Gelb  und  Blau  dergestalt  übereinander  greifen,  daß  diese 
beiden  Farben  sich  völlig  zu  Grün  verbinden  und  das 
farbige  Bild  folgendermaßen  erscheint: 

Gelbrot 

Grün 

Blaurot. 

Im  zweiten  Falle  (215)  sieht  man  unter  ähnlichen  Um- 
ständen nur: 

Blau 

Purpur 

Gelb, 

welche  Erscheinung   am   schönsten  sich  an  Fensterstä- 


94     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

ben  zeigt,  die  einen  grauen  Himmel  zum  Hintergrunde 
haben. 

217.  Bei  allem  diesem  lassen  wir  niemals  aus  dem  Sinne, 
daß  diese  Erscheinung  nie  als  eine  fertige,  vollendete, 
sondern  immer  als  eine  werdende,  zunehmende  und  in 
manchem  Sinn  bestimmbare  Erscheinung  anzusehen  sei. 
Deswegen  sie  auch  bei  Negation  obiger  fünf  Bedingungen 
(210)  wieder  nach  und  nach  abnimmt  und  zuletzt  völlig 
verschwindet. 

XV.  Ableitung  der  angezeigten  Phänomene 

218.  Ehe  wir.  nun  weitergehen,  haben  wir  die  erstge- 
dachten ziemlich  einfachen  Phänomene  aus  dem  Vorher- 
gehenden abzuleiten  oder,  wenn  man  will,  zu  erklären, 
damit  eine  deutliche  Einsicht  in  die  folgenden,  mehr  zu- 
sammengesetzten Erscheinungen  dem  Liebhaber  der  Na- 
tur werden  könne. 

219.  Vor  allen  Dingen  erinnern  wir  uns,  daß  wir  im 
Reiche  der  Bilder  wandeln.  Beim  Sehen  überhaupt  ist 
das  begrenzt  Gesehene  immer  das,  worauf  wir  vorzüglich 
merken,  imd  in  dem  gegenwärtigen  Falle,  da  wir  von 
Farbenerscheinung  bei  Gelegenheit  der  Refraktion  spre- 
chen, kommt  nur  das  begrenzt  Gesehene,  kommt  nur  das 
Bild  in  Betrachtung. 

220.  Wir  können  aber  die  Bilder  überhaupt  zu  unsern 
chromatischen  Darstellungen  in  primäre  tmd  sekundäre 
Bilder  einteilen.  Die  Ausdrücke  selbst  bezeichnen,  was 
wir  darunter  verstehen,  und  Nachfolgendes  wird  unsern 
Sinn  noch  deutlicher  machen. 

221.  Man  kann  die  primären  Bilder  ansehen  erstUch  als 
ursp?-üng liehe,  als  Bilder,  die  von  dem  anwesenden  Gegen- 
stande in  unserm  Auge  erregt  werden,  und  die  xms  von 
seinem  wirklichen  Dasein  versichern.  Diesen  kann  man 
die  sekundären  Bilder  entgegensetzen  als  abgeleitete  Bil- 
der, die,  wenn  der  Gegenstand  weggenommen  ist,  im 
Auge  zurückbleiben,  jene  Schein- und  Gegenbilder,  welche 
wir  in  der  Lehre  von  [den]  physiologischen  Farben  um- 
ständlich abgehandelt  haben. 


II.  PHYSISCHE  FARBEN  95 

222.  Man  kann  die  primären  Bilder  zweitens  auch  als 
direkte  Bilder  ansehen,  welche  wie  jene  ursprünglichen 
unmittelbar  von  dem  Gegenstande  zu  unserm  Auge  ge- 
langen. Diesen  kann  man  die  sekundären  als  indirekte 
Bilder  entgegensetzen,  welche  erst  von  einer  spiegelnden 
Fläche  aus  der  zweiten  Hand  uns  überliefert  werden.  Es 
sind  dieses  die  katoptrischen  Bilder,  welche  auch  in  ge- 
wissen Fällen  zu  Doppelbildern  werden  können. 

223.  Wenn  nämlich  der  spiegelnde  Körper  durchsichtig 
ist  und  zwei  hintereinander  liegende  parallele  Flächen 
hat,  so  kann  von  jeder  Fläche  ein  Bild  ins  Auge  kommen, 
und  so  entstehen  Doppelbilder,  insofern  das  obere  Bild 
das  untere  nicht  ganz  deckt,  welches  auf  mehr  als  eine 
Weise  der  Fall  ist. 

Man  halte  eine  Spielkarte  nahe  vor  einen  Spiegel.  Man 
wird  alsdann  zuerst  das  starke  lebhafte  Bild  der  Karte 
erscheinen  sehen,  allein  den  Rand  des  ganzen  sowohl  als 
jedes  einzelnen  darauf  befindlichen  Bildes  mit  einem 
Saume  verbrämt,  welcher  der  Anfang  des  zweiten  Bildes 
ist.  Diese  Wirkung  ist  bei  verschiedenen  Spiegeln,  nach 
Verschiedenheit  der  Stärke  des  Glases  und  nach  vorge- 
kommenen Zufälligkeiten  beim  Schleifen,  gleichfalls  ver- 
schieden. Tritt  man  mit  einer  weißen  Weste  auf  schwar- 
zen Unterkleidern  vor  manchen  Spiegel,  so  erscheint  der 
Saum  sehr  stark,  wobei  man  auch  sehr  deutlich  die  Dop- 
pelbilder der  Metallknöpfe  auf  dunklem  Tuche  erkennen 
kann. 

224.  Wer  sich  mit  andern,  von  uns  früher  angedeuteten 
Versuchen  (80)  schon  bekannt  gemacht  hat,  der  wird  sich 
auch  hier  eher  zurechtfinden.  Die  Fensterstäbe,  von  Glas- 
tafeln zurückgeworfen,  zeigen  sich  doppelt  und  lassen  sich 
bei  mehrerer  Stärke  der  Tafel  und  vergrößertem  Zurück- 
werfungswinkel  gegen  das  Auge  völlig  trennen.  So  zeigt 
auch  ein  Gefäß  voll  Wasser  mit  flachem  spiegelndem  Bo- 
den die  ihm  vorgehaltnen  Gegenstände  doppelt  und  nach 
Verhältnis  mehr  oder  weniger  voneinander  getrennt;  wo- 
bei zu  bemerken  ist,  daß  da,  wo  beide  Bilder  einander 
decken,  eigentlich  das  vollkommen  lebhafte  Bild  ent- 
steht, wo  es  aber  auseinander  tritt  und  doppelt  wird,  sich 


9  6     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

nun  mehr  schwache,  durchscheinende  und  gespenster- 
hafte Bilder  zeigen. 

225.  Will  man  wissen,  welches  das  untere  und  welches 
das  obere  Bild  sei,  so  nehme  man  gefärbte  Mittel,  da 
denn  ein  helles  Bild,  das  von  der  untern  Fläche  zurück- 
geworfen wird,  die  Farbe  des  Mittels,  das  aber  von  der 
obem  zurückgeworfen  wird,  die  geforderte  Farbe  hat. 
Umgekehrt  ist  es  mit  dunklen  Bildern,  weswegen  man  auch 
hier  schwarze  und  weiße  Tafeln  sehr  wohl  brauchen 
kann.  Wie  leicht  die  Doppelbilder  sich  Farbe  mitteilen 
lassen,  Farbe  hervorrufen,  wird  auch  hier  wieder  auffal- 
lend sein. 

226.  Drittens  kann  man  die  primären  Bilder  auch  als 
Hauptbilder  ansehen  und  ihnen  die  sekundären  als  Neben- 
bilder gleichsam  anfügen.  Ein  solches  Nebenbild  ist  eine 
Art  von  Doppelbild,  nur  daß  es  sich  von  dem  Hauptbilde 
nicht  trennen  läßt,  ob  es  sich  gleich  immer  von  demsel- 
ben zu  entfernen  strebt.  Von  solchen  ist  nun  bei  den 
prismatischen  Erscheinungen  die  Rede. 

227.  Das  unbegrenzt  durch  Refraktion  Gesehene  zeigt 
keine  Farbenerscheinung  (195).  Das  Gesehene  muß  be- 
grenzt sein.  Es  wird  daher  ein  Bild  gefordert;  dieses  Bild 
wird  durch  Refraktion  verrückt,  aber  nicht  vollkommen, 
nicht  rein,  nicht  scharf  verrückt,  sondern  unvollkommen, 
dergestalt,  daß  ein  Nebenbild  entstehet. 

228.  Bei  einer  jeden  Erscheinung  der  Natur,  besonders 
aber  bei  einer  bedeutenden,  auffallenden,  muß  man  nicht 
stehen  bleiben,  man  muß  sich  nicht  an  sie  heften,  nicht 
an  ihr  kleben,  sie  nicht  isoliert  betrachten,  sondern  in 
der  ganzen  Natur  umhersehen,  wo  sich  etwas  Ähnliches, 
etwas  Verwandtes  zeigt:  denn  nur  durch  Zusammenstellen 
des  Verwandten  entsteht  nach  und  nach  eine  Totalität,  die 
sich  selbst  ausspricht  und  keiner  weitern  Erklärung  bedarf. 

229.  Wir  erinnern  uns  also  hier,  daß  bei  gewissen  Fäl- 
len Refraktion  unleugbare  Doppelbilder  hervorbringt, 
wie  es  bei  dem  sogenannten  Isländischen  Kristalle  der 
Fall  ist.  Dergleichen  Doppelbilder  entstehen  aber  auch 
bei  Refraktion  durch  große  Bergkristalle  imd  sonst,  Phä- 
nomene, die  noch  nicht  genugsam  beobachtet  sind. 


II.  PHYSISCHE  FARBEN  97 

230.  Da  nun  aber  in  gedachtem  Falle  (227)  nicht  von 
Doppel-,  sondern  von  Nebenbildern  die  Rede  ist,  so  ge- 
denken wir  einer  von  uns  schon  dargelegten,  aber  noch 
nicht  vollkommen  ausgeführten  Erscheinung.  Man  er- 
innere sich  jener  frühern  Erfahrung,  daß  ein  helles  Bild 
mit  einem  dunklen  Grunde,  ein  dunkles  mit  einem  hellen 
Grunde  schon  in  Absicht  auf  unsre  Retina  in  einer  Art 
von  Konflikt  stehe  (16).  Das  Helle  erscheint  in  diesem 
Falle  größer,  das  Dunkle  kleiner. 

231.  Bei  genauer  Beobachtung  dieses  Phänomens  läßt 
sich  bemerken,  daß  die  Bilder  nicht  scharf  vom  Grunde 
abgeschnitten,  sondern  mit  einer  Art  von  grauem,  einiger- 
maßen gefärbtem  Rande,  mit  einem  Nebenbild  erschei- 
nen. Bringen  nun  Bilder  schon  in  dem  nackten  Auge 
solche  Wirkungen  hervor,  was  wird  erst  geschehen,  wenn 
ein  dichtes  Mittel  dazwischen  tritt!  Nicht  das  allein,  was 
uns  im  höchsten  Sinne  lebendig  erscheint,  übt  Wirkungen 
aus  und  erleidet  sie,  sondern  auch  alles,  was  nur  irgend- 
einen Bezug  aufeinander  hat,  ist  wirksam  aufeinander,  und 
zwar  oft  in  sehr  hohem  Maße. 

232.  Es  entstehet  also,  wenn  die  Refraktion  auf  ein  Bild 
wirkt,  an  dem  Hauptbilde  ein  Nebenbild,  und  zwar  scheint 
es,  daß  das  wahre  Bild  einigermaßen  zurückbleibe  und 
sich  dem  Verrücken  gleichsam  widersetze.  Ein  Neben- 
bild aber  in  der  Richtung,  wie  das  Bild  durch  Refraktion 
über  sich  selbst  und  über  den  Grund  hin  bewegt  wird, 
eilt  vor,  und  zwar  schmäler  oder  breiter,  wie  oben  schon 
ausgeführt  worden  (212 — 216). 

233.  Auch  haben  wir  bemerkt  (224),  daß  Doppelbilder 
als  halbierte  Bilder,  als  eine  Art  von  durchsichtigem  Ge- 
spenst erscheinen,  so  wie  sich  die  Doppelschatten  jedes- 
mal als  Halbschatten  zeigen  müssen.  Diese  nehmen  die 
Farbe  leicht  an  und  bringen  sie  schnell  hervor  (69),  jene 
gleichfalls  (80).  Und  eben  der  Fall  tritt  auch  bei  den 
Nebenbildern  ein,  welche  zwar  von  dem  Hauptbilde  nicht 
ab-,  aber  auch  als  halbierte  Bilder  aus  demselben  hervor- 
treten und  daher  so  schnell,  so  leicht  und  so  energisch 
gefärbt  erscheinen  können. 

234.  Daß  nun  die  prismatische  Farbenerscheinung  ein 
GOETHE  xvn  7. 


9  8  DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 
Nebenbild  sei,  davon  kann  man  sich  auf  mehr  als  eine 
Weise  überzeugen.  Es  entsteht  genau  nach  der  Form  des 
Hauptbildes.  Dieses  sei  nun  gerade  oder  im  Bogen  be- 
grenzt, gezackt  oder  wellenförmig:  durchaus  hält  sich  das 
Nebenbild  genau  an  den  Umriß  des  Hauptbildes. 

235.  Aber  nicht  allein  die  Form  des  wahren  Bildes,  son- 
dern auch  andre  Bestimmungen  desselben  teilen  sich  dem 
Nebenbilde  mit.  Schneidet  sich  das  Hauptbild  scharf 
vom  Grunde  ab,  wie  Weiß  auf  Schwarz,  so  erscheint  das 
farbige  Nebenbild  gleichfalls  in  seiner  höchsten  Energie. 
Es  ist  lebhaft,  deutlich  und  gewaltig.  Am  allermächtig- 
sten  aber  ist  es,  wenn  ein  leuchtendes  Bild  sich  auf  einem 
dunkeln  Grunde  zeigt,  wozu  man  verschiedene  Vorrich- 
tungen machen  kann. 

236.  Stuft  sich  aber  das  Hauptbild  schwach  von  dem 
Grunde  ab,  wie  sich  graue  Bilder  gegen  Schwarz  und 
Weiß  oder  gar  gegeneinander  verhalten,  so  ist  auch  das 
Nebenbild  schwach  und  kann  bei  einer  geringen  Diffe- 
renz von  Tinten  beinahe  unmerkHch  werden. 

237.  So  ist  es  ferner  höchst  merkwürdig,  was  an  farbigen 
Bildern  auf  hellem,  dunklem  oder  farbigem  Grunde  be- 
obachtet wird.  Hier  entsteht  ein  Zusammentritt  der  Farbe 
des  Nebenbildes  mit  der  realen  Farbe  des  Hauptbildes, 
und  es  erscheint  daher  eine  zusammengesetzte,  entweder 
durch  Übereinstimmung  begünstigte  oder  durch  Wider- 
wärtigkeit verkümmerte  Farbe. 

238.  Überhaupt  aber  ist  das  Kennzeichen  des  Doppel- 
und  Nebenbildes  die  Halbdurchsichtigkeit.  Man  denke 
sich  daher  innerhalb  eines  durchsichtigen  Mittels,  dessen 
innre  Anlage,  nur  halbdurchsichtig,  nur  durchscheinend 
zu  werden,  schon  oben  ausgeführt  ist  (147),  man  denke 
sich  innerhalb  desselben  ein  halbdurchsichtiges  Schein- 
bild, so  wird  man  dieses  sogleich  für  ein  trübes  Bild  an- 
sprechen. 

239.  Und  so  lassen  sich  die  Farben  bei  Gelegenheit  der 
Refraktion  aus  der  Lehre  von  den  trüben  Mitteln  gar 
bequem  ableiten.  Denn  wo  der  voreilende  Saum  des 
trüben  Nebenbildes  sich  vom  Dunklen  über  das  Helle 
zieht,  erscheint  das  Gelbe;   umgekehrt,   wo  eine   helle ' 


IL  PHYSISCHE  FARBEN  99 

Grenze  über  die  dunkle  Umgebung  hinaustritt,  erscheint 
das  Blaue  (150.  151). 

240.  Die  voreilende  Farbe  ist  immer  die  breitere.  So 
greift  die  gelbe  über  das  Licht  mit  einem  breiten  Saume; 
da,  wo  sie  aber  an  das  Dunkle  gi-enzt,  entsteht,  nach  der 
Lehre  der  Steigerung  und  Beschattung,  das  Gelbrote  als 
ein  schmälerer  Rand. 

241.  An  der  entgegengesetzten  Seite  hält  sich  das  ge- 
drängte Blau  an  der  Grenze,  der  vorstrebende  Saum 
aber,  als  ein  leichtes  Trübes  über  das  Schwarze  verbrei- 
tet, läßt  uns  die  violette  Farbe  sehen,  nach  ebenden- 
selben Bedingungen,  welche  oben  bei  der  Lehre  von  den 
trüben  Mitteln  angegeben  worden,  und  welche  sich  künf- 
tig in  mehreren  andern  Fällen  gleichmäßig  wirksam  zeigen 
werden. 

242.  Da  eine  Ableitung  wie  die  gegenwärtige  sich  eigent- 
lich vor  dem  Anschauen  des  Forschers  legitimieren  muß, 
so  verlangen  wir  von  jedem,  daß  er  sich  nicht  auf  eine 
flüchtige,  sondern  gründhche  Weise  mit  dem  bisher  Vor- 
geführten bekannt  mache.  Hier  werden  nicht  willkürliche 
Zeichen,  Buchstaben,  und  was  man  sonst  belieben  möchte, 
statt  der  Erscheinungen  hingestellt;  hier  werden  nicht 
Redensarten  überliefert,  die  man  hundertmal  wiederholen 
kann,  ohne  etwas  dabei  zu  denken  noch  jemanden  etwas 
dadurch  denken  zu  machen,  sondern  es  ist  von  Erschei- 
nungen die  Rede,  die  man  vor  den  Augen  des  Leibes 
und  des  Geistes  gegenwärtig  haben  muß,  um  ihre  Ab- 
kunft, ihre  Herleitung  sich  und  andern  mit  Klarheit  ent- 
wickeln zu  können. 

XVI.  Abnahme  der  farbigen  Erscheinmig 

243.  Da  man  jene  vorschreitenden  fünf  Bedingungen 
(210),  unter  welchen  die  Farbenerscheinung  zunimmt, 
nur  rückgängig  annehmen  darf,  um  die  Abnahme  des 
Phänomens  leicht  einzusehen  und  zu  bewirken,  so  wäre 
nur  noch  dasjenige,  was  dabei  das  Auge  gewahr  wird, 
kürzlich  zu  beschreiben  und  durchzuführen. 

244.  Auf  dem  höchsten  Punkte  wechselseitiger  Deckung 


I  o  o    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

der  entgegengesetzten  Ränder  erscheinen  die  Farben  fol- 
gendermaßen (216): 

Gelbrot  Blau 

Grün  Purpur 

Blaurot  Gelb. 

245.  Bei  minderer  Deckung  zeigt  sich  das  Phänomen 
folgendermaßen  (214.  215): 

Gelbrot  Blau 

Gelb  Blaurot 

Grün  Purpur 

Blau  Gelbrot 

Blaurot  Gelb. 

Hier  erscheinen  also  die  Bilder  noch  völlig  gefärbt;  aber 
diese  Reihen  sind  nicht  als  ursprüngliche,  stetig  sich  aus- 
einander entwickelnde,  stufen-  und  skalenartige  Reihen 
anzusehen;  sie  können  und  müssen  vielmehr  in  ihre  Ele- 
mente zerlegt  werden,  wobei  man  denn  ihre  Natur  und 
Eigenschaft  besser  kennen  lernt. 

246.  Diese  Elemente  aber  sind  (199.  200.  201): 

Gelbrot  Blau 

Gelb  Blaurot 

Weißes  Schwarzes 

Blau  Gelbrot 

Blaurot  Gelb. 

Hier  tritt  nun  das  Hauptbild,  das  bisher  ganz  zugedeckt 
und  gleichsam  verloren  gewesen,  in  der  Mitte  der  Er- 
scheinung wieder  hervor,  behauptet  sein  Recht  und  läßt 
uns  die  sekundäre  Natur  der  Nebenbilder,  die  sich  als 
Ränder  und  Säume  zeigen,  völlig  erkennen. 

247.  Es  hängt  von  uns  ab,  diese  Ränder  und  Säume  so 
schmal  werden  zu  lassen,  als  es  uns  beliebt,  ja  noch  Re- 
fraktion übrig  zu  behalten,  ohne  daß  uns  deswegen  eine 
Farbe  an  der  Grenze  erschiene. 

Dieses  nunmehr  genugsam  entwickelte  farbige  Phänomen 
lassen  wir  denn  nicht  als  ein  ursprüngliches  gelten,  son- 
dern wir  haben  es  auf  ein  früheres  und  einfacheres  zu- 
rückgeführt und  solches  aus  dem  Urphänomen  des  Lichtes 


IL  PHYSISCHE  FARHEN  loi 

und  der  Finsternis,  durch  die  Trübe  vermittelt,  in  Ver- 
bindung mit  der  Lehre  von  den  sekundären  Bildern  ab- 
geleitet, und  so  gerüstet  werden  wir  die  Erscheinungen, 
welche  graue  und  farbige  Bilder,  durch  Brechung  ver- 
rückt, hervorbringen,  zuletzt  umständlich  vortragen  und 
damit  den  Abschnitt  subjektiver  Erscheinungen  völlig  ab- 
schheßen. 

XVII.    Graue  Bilder  durch  Brechung  verrückt 

248.  Wir  haben  bisher  nur  schwarze  und  weiße  Bilder 
auf  entgegengesetztem  Grunde  durchs  Prisma  betrachtet, 
weil  sich  an  denselben  die  farbigen  Ränder  und  Säume 
am  deutlichsten  ausnehmen.  Gegenwärtig  wiederholen  wir 
jene  Versuche  mit  grauen  Bildern  und  finden  abermals 
die  bekannten  Wirkungen. 

249.  Nannten  wir  das  Schwarze  den  Repräsentanten  der 
Finsternis,  das  Weiße  den  Stellvertreter  des  Lichts  (18), 
so  können  wir  sagen,  daß  das  Graue  den  Halbschatten 
repräsentiere,  welcher  mehr  oder  weniger  an  Licht  tmd 
Finsternis  teilnimmt  und  also  zwischen  beiden  innesteht 
(36).  Zu  unserm  gegenwärtigen  Zwecke  rufen  wir  fol- 
gende Phänomene  ins  Gedächtnis. 

250.  Graue  Bilder  erscheinen  heller  auf  schwarzem  als 
auf  weißem  Grunde  (33)  und  erscheinen  in  solchen  Fäl- 
len als  ein  Helles  auf  dem  Schwarzen  größer,  als  ein 
Dunkles  auf  dem  Weißen  kleiner  (i  6), 

251.  Je  dunkler  das  Grau  ist,  desto  mehr  erscheint  es 
als  ein  schwaches  Bild  auf  Schwarz,  als  ein  starkes  Bild 
auf  Weiß,  und  umgekehrt;  daher  gibt  Dunkelgrau  auf 
Schwarz  nur  schwache,  dasselbe  auf  Weiß  starke,  Hellgrau 
auf  Weiß  schwache,  auf  Schwarz  starke  Nebenbilder. 

252.  Grau  auf  Schwarz  wird  uns  durchs  Prisma  jene 
Phänomene  zeigen,  die  wir  bisher  mit  Weiß  auf  Schwarz 
hervorgebracht  haben;  die  Ränder  werden  nach  eben- 
der  Regel  gefärbt,  die  Säume  zeigen  sich  nur  schwächer. 
Bringen  wir  Grau  auf  Weiß,  so  erbhcken  wir  ebendie 
Ränder  und  Säume,  welche  hervorgebracht  wurden,  wenn 
wir  Schwarz  auf  Weiß  durchs  Prisma  betrachteten. 


I  o  2     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

253.  Verschiedene  Schattierungen  von  Grau,  stufenweise 
aneinander  gesetzt,  werden,  je  nachdem  man  das  Dunk- 
lere oben-  oder  untenhin  bringt,  entweder  nur  Blau  und 
Violett  oder  nur  Rot  und  Gelb  an  den  Rändern  zeigen, 

254.  Eine  Reihe  grauer  Schattierungen,  horizontal  an- 
einander gestellt,  wird,  wie  sie  oben  oder  unten  an  eine 
schwarze  oder  weiße  Fläche  stößt,  nach  den  bekannten 
Regeln  gefärbt. 

255.  Auf  der  zu  diesem  Abschnitt  bestimmten,  von  jedem 
Naturfreund  für  seinen  Apparat  zu  vergrößernden  Tafel 
kann  man  diese  Phänomene  durchs  Prisma  mit  einem 
Blicke  gewahr  werden. 

256.  Höchst  wichtig  aber  ist  die  Beobachtung  und  Be- 
trachtung eines  grauen  Bildes,  welches  zwischen  einer 
schwarzen  und  einer  weißen  Fläche  dergestalt  angebcacht 
ist,  daß  die  TeilungsHnie  vertikal  durch  das  Bild  durch- 
geht. 

257.  An  diesem  grauen  Bilde  werden  die  Farben  nach 
der  bekannten  Regel,  aber  nach  dem  verschiedenen  Ver- 
hältnisse des  Hellen  zum  Dunklen  auf  einer  Linie  entgegen- 
gesetzt erscheinen.  Denn  indem  das  Graue  zum  Schwar- 
zen sich  als  hell  zeigt,  so  hat  es  oben  das  Rote  und  Gelbe, 
unten  das  Blaue  imd  Violette.  Indem  es  sich  zum  Weißen 
als  dunkel  verhält,  so  sieht  man  oben  den  blauen  und 
violetten,  unten  hingegen  den  roten  und  gelben  Rand. 
Diese  Beobachtung  wird  für  die  nächste  Abteilung  höchst 
wichtig. 

XVIII.  Farbige  Bilder  durch  Brechung  verrückt 

258.  Eine  farbige  große  Fläche  zeigt  innerhalb  ihrer 
selbst,  so  wenig  als  eine  schwarze,  weiße  oder  graue, 
irgendeine  prismatische  Farbe,  es  müßte  denn  zufällig 
oder  vorsätzlich  auf  ihr  Hell  und  Dunkel  abwechseln.  Es 
sind  also  auch  nvu:  Beobachtungen  durchs  Prisma  an  far- 
bigen Flächen  anzustellen,  insofern  sie  durch  einen  Rand 
von  einer  andern  verschieden  tingierten  Fläche  abgeson- 
dert werden,  also  auch  nur  an  farbigen  Bildern. 

259.  Es  kommen  alle  Farben,  welcher  Art  sie  auch  sein 


IL  PHYSISCHE  FARBEN  103 

mögen,  darin  mit  dem  Grauen  iiberein,  daß  sie  dunkler 
als  Weiß  und  heller  als  Schwarz  erscheinen.  Dieses  Schat- 
tenhafte der  Farbe  (o'/.UQ6i')  ist  schon  früher  angedeutet 
worden  (69)  und  wird  uns  immer  bedeutender  werden. 
Wenn  wir  also  vorerst  farbige  Bilder  auf  schwarze  und 
weiße  Flächen  bringen  und  sie  durchs  Prisma  betrachten, 
so  werden  wir  alles,  was  wir  bei  grauen  Flächen  bemerkt 
haben,  hier  abermals  finden. 

260.  Verrücken  wir  ein  farbiges  Bild,  so  entsteht  wie 
bei  farblosen  Bildern,  nach  ebenden  Gesetzen,  ein  Neben- 
bild. Dieses  Nebenbild  behält,  was  die  Farbe  betrifft, 
seine  ursprüngliche  Natur  bei  und  wirkt  auf  der  einen 
Seite  als  ein  Blaues  und  Blaurotes,  auf  der  entgegenge- 
setzten als  ein  Gelbes  und  Gelbrotes.  Daher  muß  der 
Fall  eintreten,  daß  die  Scheinfarbe  des  Randes  und  des 
Saumes  mit  der  realen  Farbe  eines  farbigen  Bildes  homo- 
gen sei;  es  kann  aber  auch  im  andern  Falle  das  mit  einem 
Pigment  gefärbte  Bild  mit  dem  erscheinenden  Rand  und 
Saum  sich  heterogen  finden.  In  dem  ersten  Falle  identi- 
fiziert sich  das  Scheinbild  mit  dem  wahren  und  scheint 
dasselbe  zu  vergrößern,  dahingegen  in  dem  zweiten  Falle 
das  wahre  Bild  durch  das  Scheinbild  verunreinigt,  un- 
deutlich gemacht  und  verkleinert  werden  kann.  Wir  wol- 
len die  Fälle  durchgehen,  wo  diese  Wirkungen  sich  am 
sonderbarsten  zeigen. 

261.  Man  nehme  die  zu  diesen  Versuchen  vorbereitete 
Tafel  vor  sich  und  betrachte  das  rote  und  blaue  Viereck 
auf  schwarzem  Grunde  nebeneinander  nach  der  gewöhn- 
lichen Weise  durchs  Prisma,  so  werden,  da  beide  Farben 
heller  sind  als  der  Grund,  an  beiden  sowohl  oben  als 
unten  gleiche  farbige  Ränder  und  Säume  entstehen,  nur 
werden  sie  dem  Auge  des  Beobachters  nicht  gleich  deut- 
hch  erscheinen. 

262.  Das  Rote  ist  verhältnismäßig  gegen  das  Schwarze 
viel  heller  als  das  Blaue.  Die  Farben  der  Ränder  werden 
also  an  dem  Roten  stärker  als  an  dem  Blauen  erscheinen, 
welches  hier  wie  ein  Dunkelgraues  wirkt,  das  wenig  von 
dem  Schwarzen  unterschieden  ist  (251). 

263.  Der  obere  rote  Rand  wird  sich  mit  der  Zinnober- 


1 04     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

färbe  des  Vierecks  identifizieren,  und  so  wird  das  rote 
Viereck  hinaufwärts  ein  wenig  vergrößert  erscheinen;  der 
gelbe  herabwärtsstrebende  Saum  aber  gibt  der  roten  Fläche 
nur  einen  höhern  Glanz  und  wird  erst  bei  genauerer  Auf- 
merksamkeit bemerkbar. 

264.  Dagegen  ist  der  rote  Rand  und  der  gelbe  Saum  mit 
dem  blauen  Viereck  heterogen;  es  wird  also  an  dem  Rande 
eine  schmutzigrote  und  hereinwärts  in  das  Viereck  eine 
schmutziggrüne  Farbe  entstehen,  und  so  wird  beim  flüch- 
tigen Anblick  das  blaue  Viereck  von  dieser  Seite  zu  ver- 
lieren scheinen. 

265.  An  der  untern  Grenze  der  beiden  Vierecke  wird 
ein  blauer  Rand  und  ein  violetter  Saum  entstehen  und 
die  entgegengesetzte  Wirkung  hervorbringen.  Denn  der 
blaue  Rand,  der  mit  der  Zinnoberfläche  heterogen  ist, 
wird  das  Gelbrote  beschmutzen  und  eine  Art  von  Grün 
hervorbringen,  so  daß  das  Rote  von  dieser  Seite  verkürzt 
und  hinaufgerückt  erscheint  und  der  violette  Saum  nach 
dem  Schwarzen  zu  kaum  bemerkt  wird. 

266.  Dagegen  wird  der  blaue  Scheinrand  sich  mit  der 
blauen  Fläche  identifizieren,  ihr  nicht  allein  nichts  neh- 
men, sondern  vielmehr  noch  geben,  und  dieselbe  wird 
also  dadurch  und  durch  den  violetten  benachbarten  Saum 
dem  Anscheine  nach  vergrößert  und  scheinbar  herunter- 
gerückt werden. 

267.  Die  Wirkung  der  homogenen  und  heterogenen  Rän- 
der, wie  ich  sie  gegenwärtig  genau  beschrieben  habe,  ist 
so  mächtig  und  so  sonderbar,  daß  einem  flüchtigen  Be- 
schauer beim  ersten  Anblicke  die  beiden  Vierecke  aus  ihrer 
wechselseitig  horizontalen  Lage  geschoben  und  im  ent- 
gegengesetzten Sinne  verrückt  scheinen,  das  Rote  hin- 
aufwärts, das  Blaue  herabwärts.  Doch  niemand,  der  in 
einer  gewissen  Folge  zu  beobachten.  Versuche  aneinan- 
der zu  knüpfen,  auseinander  herzuleiten  versteht,  wird 
sich  von  einer  solchen  Schein  Wirkung  täuschen  lassen. 

268.  Eine  richtige  Einsicht  in  dieses  bedeutende  Phäno- 
men wird  aber  dadurch  erleichtert,  daß  gewisse  scharfe, 
ja  ängstliche  Bedingungen  nötig  sind,  wenn  diese  Täu- 
schung stattfinden  soll.  Man  muß  nämlich  zu  dem  roten 


IL  PHYSISCHE  FARBEN  105 

Viereck  ein  mit  Zinnober  oder  dem  besten  Mennig,  zu 
dem  blauen  ein  mit  Indig  recht  satt  gefärbtes  Papier  be- 
sorgen. Alsdann  verbindet  sich  der  blaue  und  rote  pris- 
matische Rand  da,  wo  er  homogen  ist,  unmerklich  mit 
dem  Bilde;  da,  wo  er  heterogen  ist,  beschmutzt  er  die 
Farbe  des  Vierecks,  ohne  eine  sehr  deutliche  Mittelfarbe 
hervorzubringen.  Das  Rot  des  Vierecks  darf  nicht  zu  sehr 
ins  Gelbe  fallen,  sonst  wird  oben  der  dunkelrote  Schein- 
rand zu  sehr  bemerklich;  es  muß  aber  von  der  andern 
Seite  genug  vom  Gelben  haben,  sonst  wird  die  Verände- 
rung durch  den  gelben  Saum  zu  deutlich.  Das  Blaue  darf 
nicht  hell  sein,  sonst  wird  der  rote  Rand  sichtbar  und 
der  gelbe  Saum  bringt  zu  offenbar  ein  Grün  hervor,  und 
man  kann  den  imtern  violetten  Saum  nicht  mehr  für  die 
verrückte  Gestalt  eines  hellblauen  Vierecks  ansehen  oder 
ausgeben. 

269.  Von  allem  diesem  wird  künftig  umständlicher  die 
Rede  sein,  wenn  wir  vom  Apparate  zu  dieser  Abteilung 
handeln  werden.  Jeder  Naturforscher  bereite  sich  die  Ta- 
feln selbst,  um  dieses  Taschenspielerstückchen  hervor- 
bringen zu  können  und  sich  dabei  zu  überzeugen,  daß  die 
farbigen  Ränder  selbst  in  diesem  Falle  einer  geschärften 
Aufmerksamkeit  nicht  entgehen  können. 

270.  Indessen  sind  andere  mannigfaltige  Zusammenstel- 
lungen, wie  sie  unsre  Tafel  zeigt,  völlig  geeignet,  allen 
Zweifel  über  diesen  Punkt  jedem  Aufmerksamen  zu  be- 
nehmen, 

271.  Man  betrachte  dagegen  ein  weißes,  neben  dem 
blauen  stehendes  Viereck  auf  schwarzem  Grunde,  so  wer- 
den an  dem  weißen,  welches  hier  an  der  Stelle  des  roten 
steht,  die  entgegengesetzten  Ränder  in  ihrer  höchsten 
Energie  sich  zeigen.  Es  erstreckt  sich  an  demselben  der 
rote  Rand  fast  noch  mehr  als  oben  am  roten  selbst  über 
die  Horizontallinie  des  blauen  hinauf;  der  untere  blaue 
Rand  aber  ist  an  dem  weißen  in  seiner  ganzen  Schöne 
sichtbar;  dagegen  verliert  er  sich  in  dem  blauen  Viereck 
durch  Identifikation.  Der  violette  Saum  hinabwärts  ist 
viel  deutlicher  an  dem  weißen  als  an  dem  blauen. 

272.  Man  vergleiche  nvm  die  mit  Fleiß  übereinander  ge- 


I  o6    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

stellten  Paare  gedachter  Vierecke,  das  rote  mit  dem  wei- 
ßen, die  beiden  blauen  Vierecke  miteinander,  das  blaue 
mit  dem  roten,  das  blaue  mit  dem  weißen,  und  man  wird 
die  Verhältnisse  dieser  Flächen  zu  ihren  farbigen  Rän- 
dern und  Säumen  deutlich  einsehen. 

273.  Noch  auffallender  erscheinen  die  Ränder  und  ihre 
Verhältnisse  zu  den  farbigen  Bildern,  wenn  man  die  far- 
bigen Vierecke  und  das  schwarze  auf  weißem  Grunde  be- 
trachtet. Denn  hier  fällt  jene  Täuschung  völlig  weg,  und 
die  Wirkungen  der  Ränder  sind  so  sichtbar,  als  wir  sie 
nur  in  irgendeinem  andern  Falle  bemerkt  haben.  Man  be- 
trachte zuerst  das  blaue  und  rote  Viereck  durchs  Prisma. 
An  beiden  entsteht  der  blaue  Rand  nunmehr  oben.  Die- 
ser, homogen  mit  dem  blauen  Bilde,  verbindet  sich  dem- 
selben und  scheint  es  in  die  Höhe  zu  heben,  nur  daß  der 
hellblaue  Rand  oberwärts  zu  sehr  absticht.  Der  violette 
Saum  ist  auch  herabwärts  ins  Blaue  deutlich  genug.  Eben- 
dieser  obere  blaue  Scheinrand  ist  nun  mit  dem  roten 
Viereck  heterogen,  er  ist  in  der  Gegenwirkung  begrififen 
und  kamn  sichtbar.  Der  violette  Saum  indessen  bringt, 
verbunden  mit  dem  Gelbroten  des  Bildes,  eine  Pfirsich- 
blütfarbe  zuwege. 

274.  Wenn  nun  aus  der  angegebenen  Ursache  die  oberen 
Ränder  dieser  Vierecke  nicht  horizontal  erscheinen,  so 
erscheinen  die  untern  desto  gleicher:  denn  indem  beide 
Farben,  die  rote  und  die  blaue,  gegen  das  Weiße  gerech- 
net, dunkler  sind,  als  sie  gegen  das  Schwarze  hell  waren, 
welches  besonders  von  der  letztern  gilt,  so  entsteht  unter 
beiden  der  rote  Rand  mit  seinem  gelben  Saume  sehr 
deutlich.  Er  zeigt  sich  unter  dem  gelbroten  Bilde  in  sei- 
ner ganzen  Schönheit  und  unter  dem  dunkelblauen  bei- 
nahe, wie  er  unter  dem  schwarzen  erschien;  wie  man  be- 
merken kann,  wenn  man  abermals  die  übereinander  ge- 
setzten Bilder  und  ihre  Ränder  und  Säume  vergleicht. 

275.  Um  nun  diesen  Versuchen  die  größte  Mannigfaltig- 
keit und  Deutlichkeit  zu  geben,  sind  Vierecke  von  ver- 
schiedenen Farben  in  der  Mitte  der  Tafel  dergestalt  an- 
gebracht, daß  die  Grenze  des  Schwarzen  und  Weißen 
vertikal  durch  sie  durchgeht.    Man  wird  sie,  nach  jenen 


IL  PHYSISCHE  FARBEN  107 

uns  überhaupt  und  besonders  bei  farbigen  Bildern  genug- 
sam bekannt  gewordenen  Regeln,  an  jedem  Rand  zwie- 
fach gefärbt  finden,  und  die  Vierecke  werden  in  sich 
selbst  entzwei  gerissen  und  hinauf-  oder  herunterwärts  ge- 
rückt erscheinen.  Wir  erinnern  uns  hiebei  jenes  grauen, 
gleichfalls  auf  der  Grenzscheidung  des  Schwarzen  und 
Weißen  beobachteten  Bildes  (257). 

276.  Da  nun  das  Phänomen,  das  wir  vorhin  an  einem 
roten  und  blauen  Viereck  auf  schwarzem  Grunde  bis  zur 
Täuschung  gesehen  haben,  das  Hinauf-  und  Hinabrücken 
zweier  verschieden  gefärbten  Bilder  uns  hier  an  zwei 
Hälften  eines  und  desselben  Bildes  von  einer  und  der- 
selben Farbe  sichtbar  wird,  so  werden  wir  dadurch  aber- 
mals auf  die  farbigen  Ränder,  ihre  Säume  und  auf  die 
Wirkungen  ihrer  homogenen  und  heterogenen  Natur  hin- 
gewiesen, wie  sie  sich  zu  den  Bildern  verhält,  an  denen 
die  Erscheinung  vorgeht. 

Ich  überlasse  den  Beobachtern,  die  mannigfaltigen  Schat- 
tierungen der  halb  auf  Schwarz,  halb  auf  Weiß  ange- 
brachten farbigen  Vierecke  selbst  zu  vergleichen,  und  be- 
merke nur  noch  die  widersinnige  scheinbare  Verzerrung, 
da  Rot  und  Gelb  auf  Schwarz  hinaufwärts,  auf  Weiß  her- 
unterwärts, Blau  auf  Schwarz  herunterwärts  und  auf  Weiß 
hinaufwärts  gezogen  scheinen,  welches  doch  alles  dem 
bisher  weitläuftig  Abgehandelten  gemäß  ist. 

277.  Nun  stelle  der  Beobachter  die  Tafel  dergestalt  vor 
sich,  daß  die  vorgedachten,  auf  der  Grenze  des  Schwar- 
zen und  Weißen  stehenden  Vierecke  sich  vor  ihm  in  einer 
horizontalen  Reihe  befinden  und  daß  zugleich  der  schwarze 
Teil  oben,  der  weiße  aber  unten  sei.  Er  betrachte  durchs 
Prisma  jene  Vierecke,  und  er  wird  bemerken,  daß  das  rote 
Viereck  durch  den  Ansatz  zweier  roten  Ränder  gewinnt; 
er  wird  bei  genauer  Aufmerksamkeit  den  gelben  Saum 
auf  dem  roten  Bilde  bemerken,  und  der  untere  gelbe  Saum 
nach  dem  Weißen  zu  wird  völlig  deutlich  sein, 

278.  Oben  an  dem  gelben  Viereck  ist  der  rote  Rand  sehr 
merklich,  weil  das  Gelbe  als  hell  gegen  das  Sch^warz  ge- 
nugsam absticht.  Der  gelbe  Saum  identifiziert  sich  mit 
der  gelben  Fläche,  nur  wird  solche  etwas  schöner  da- 


I  o  8     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEII . 

durch;  der  untere  Rand  zeigt  nur  wenig  Rot,  weil  das 
helle  Gelb  gegen  das  Weiße  nicht  genugsam  absticht. 
Der  untere  gelbe  Saum  aber  ist  deutlich  genug. 

279.  An  dem  blauen  Viereck  hingegen  ist  der  obere  rote 
Rand  kaum  sichtbar;  der  gelbe  Saum  bringt  henmterwärts 
ein  schmutziges  Grün  im  Bilde  hervor;  der  untere  rote 
Rand  und  der  gelbe  Saum  zeigen  sich  in  lebhaften  Far- 
ben. 

280.  Bemerkt  man  nun  in  diesen  Fällen,  daß  das  rote 
Bild  durch  einen  Ansatz  auf  beiden  Seiten  zu  gewinnen, 
das  dunkelblaue  von  einer  Seite  wenigstens  zu  verlieren 
scheint,  so  wird  man,  wenn  man  die  Pappe  umkehrt,  so 
daß  der  weiße  Teil  sich  oben,  der  schwarze  sich  unten 
befindet,  das  umgekehrte  Phänomen  erblicken. 

281.  Denn  da  nunmehr  die  homogenen  Ränder  und  Säume 
an  den  blauen  Vierecken  oben  und  unten  entstehen,  so 
scheinen  diese  vergrößert,  ja  ein  Teil  der  Bilder  selbst 
schöner  gefärbt,  und  nur  eine  genaue  Beobachtung  wird 
die  Ränder  und  Säume  von  der  Farbe  der  Fläche  selbst 
unterscheiden  lehren. 

282.  Das  gelbe  und  rote  dagegen  werden  in  dieser 
Stellung  der  Tafel  von  den  heterogenen  Rändern  einge- 
schränkt und  die  Wirkung  der  Lokalfarbe  verkümmert. 
Der  obere  blaue  Rand  ist  an  beiden  fast  gar  nicht  sicht- 
bar. Der  violette  Saum  zeigt  sich  als  ein  schönes  Pfir- 
sichblüt  auf  dem  roten,  als  ein  sehr  blasses  auf  dem  gel- 
ben; die  beiden  imtern  Ränder  sind  grün,  an  dem  roten 
schmutzig,  lebhaft  an  dem  gelben;  den  violetten  Saum 
bemerkt  man  unter  dem  roten  wenig,  mehr  unter  dem 
gelben. 

283.  Ein  jeder  Naturfreund  mache  sich  zur  Pflicht,  mit 
allen  den  vorgetragenen  Erscheinungen  genau  bekannt 
zu  werden,  und  halte  es  nicht  für  lästig,  ein  einziges 
Phänomen  durch  so  manche  bedingende  Umstände  durch- 
zuführen. Ja,  diese  Erfahrungen  lassen  sich  noch  ins  Un- 
endliche durch  Bilder  von  verschiedenen  Farben  auf  imd 
zwischen  verschiedenfarbigen  Flächen  vervielfältigen.  Un- 
ter allen  Umständen  aber  wird  jedem  Aufmerksamen  deut- 
lich werden,  daß  farbige  Vierecke  nebeneinander  nur  des- 


II.  PHYSISCHE  FARBEN  109 

wegen  durch  das  Prisma  verschoben  erscheinen,  weil  ein 
Ansatz  von  homogenen  und  heterogenen  Rändern  eine 
Täuschung  hervorbringt.  Diese  ist  man  nur  alsdann  zu 
verbannen  fähig,  wenn  man  eine  Reihe  von  Versuchen 
nebeneinander  zu  stellen  und  ihre  Übereinstimmung  dar- 
zutun genügsame  Geduld  hat. 

Warum  wir  aber  vorstehende  Versuche  mit  farbigen  Bil- 
dern, welche  auf  mehr  als  eine  Weise  vorgetragen  wer- 
den konnten,  gerade  so  und  so  umständlich  dargestellt, 
wird  in  der  Folge  deutlicher  werden.  Gedachte  Phäno- 
mene waren  früher  zwar  nicht  unbekannt,  aber  sehr  ver- 
kannt, deswegen  wir  sie  zu  Erleichterung  eines  künftigen 
historischen  Vortrags  genau  entwickeln  mußten. 
284.  Wir  wollen  nunmehr  zum  Schlüsse  den  Freunden 
der  Natur  eine  Vorrichtung  anzeigen,  durch  welche  diese 
Erscheinungen  auf  einmal  deutlich,  ja  in  ihrem  größten 
Glänze  gesehen  werden  können. 

Man  schneide  aus  einer  Pappe  fünf  ungefähr  einen  Zoll 
große,  völlig  gleiche  Vierecke  nebeneinander  aus,  genau 
in  horizontaler  Linie.  Man  bringe  dahinter  fünf  farbige 
Gläser  in  der  bekannten  Ordnung:  Orange,  Gelb,  Grün, 
Blau,  Violett.  Man  befestige  diese  Tafel  in  einer  Öffnung 
der  Camera  obscura,  so  daß  der  helle  Himmel  durch  sie 
gesehen  wird  oder  daß  die  Sonne  darauf  scheint,  und 
man  wird  höchst  energische  Bilder  vor  sich  haben.  Man 
betrachte  sie  nun  durchs  Prisma  und  beobachte  die  durch 
jene  Versuche  an  gemalten  Bildern  schon  bekannten  Phä- 
nomene, nämlich  die  teils  begünstigenden,  teils  verküm- 
mernden Ränder  und  Säume  und  die  dadurch  bewirkte 
scheinbare  Verrückimg  der  spezifisch  gefärbten  Bilder  aus 
der  horizontalen  Linie. 

Das,  was  der  Beobachter  hier  sehen  wird,  folgt  genugsam 
aus  dem  früher  Abgeleiteten,  daher  wir  es  auch  nicht 
einzeln  abermals  durchführen,  um  so  weniger,  als  wir  auf 
diese  Erscheinungen  zurückzukehren  noch  öfteren  Anlaß 
finden  werden. 


1 1  o    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

XIX.  Achromasie  und  Hyperchromasie 

285.  In  der  frühern  Zeit,  da  man  noch  manches,  was  in 
der  Natur  regelmäßig  und  konstant  war,  für  ein  bloßes 
Abirren,  für  zufällig  hielt,  gab  man  auf  die  Farben  weniger 
acht,  welche  bei  Gelegenheit  der  Refraktion  entstehen, 
und  hielt  sie  für  eine  Erscheinung,  die  sich  von  beson- 
dern Nebenumständen  herschreiben  möchte. 

286.  Nachdem  man  sich  aber  überzeugt  hatte,  daß  diese 
Farbenerscheinung  die  Refraktion  jederzeit  begleite,  so 
war  es  natürlich,  daß  man  sie  auch  als  innig  und  einzig 
mit  der  Refraktion  verwandt  ansah  und  nicht  anders 
glaubte,  als  daß  das  Maß  der  Farbenerscheinung  sich  nach 
dem  Maße  der  Brechung  richten  und  beide  gleichen  Schritt 
miteinander  halten  müßten. 

287.  Wenn  man  also  nicht  gänzlich,  doch  einigermaßen 
das  Phänomen  einer  stärkeren  oder  schwächeren  Brechung 
der  verschiedenen  Dichtigkeit  der  Mittel  zuschrieb,  wie 
denn  auch  reinere  atmosphärische  Luft,  mit  Dünsten  an- 
gefüllte, Wasser,  Glas  nach  ihren  steigenden  Dichtig- 
keiten die  sogenannte  Brechung,  die  Verrückung  des 
Bildes  vermehren,  so  mußte  man  kaum  zweifeln,  daß 
auch  in  selbiger  Maße  die  Farbenerscheinung  sich  stei- 
gern müsse,  und  man  glaubte  völlig  gewiß  zu  sein,  daß 
bei  verschiedenen  Mitteln,  welche  man  im  Gegensinne 
der  Brechung  zueinander  brachte,  sich,  solange  Bre- 
chung vorhanden  sei,  die  Farbe  zeigen,  sobald  aber  die 
Farbe  verschwände,  auch  die  Brechung  aufgehoben  sein 
müsse. 

288.  In  späterer  Zeit  hingegen  ward  entdeckt,  daß  dieses 
als  gleich  angenommene  Verhältnis  ungleich  sei,  daß  zwei 
Mittel  das  Bild  gleich  weit  verrücken  und  doch  sehr  un- 
gleiche Farbensäume  hervorbringen  können. 

289.  Man  fand,  daß  man  zu  jener  physischen  Eigenschaft, 
welcher  man  die  Refraktion  zuschrieb,  noch  eine  che- 
mische hinzuzudenken  habe  (210),  wie  wir  solches  künf- 
tig, wenn  wir  uns  chemischen  Rücksichten  nähern,  weiter 
auszuführen  denken,  so  wie  wir  die  nähern  Umstände  die- 
ser wichtigen  Entdeckung  in  der  Geschichte  der  Farben- 


IL  PHYSISCHE  FARBEN  t  i  i 

lehre  aufzuzeichnen  haben.  Gegenwärtig  sei  folgendes 
genug: 

290.  Es  zeigt  sich  bei  Mitteln  von  gleicher  oder  wenig- 
stens nahezu  gleicher  Brechungskraft  der  merkwürdige 
Umstand,  daß  ein  Mehr  und  Weniger  der  Farbenerschei- 
nung durch  eine  chemische  Behandlung  hervorgebracht 
werden  kann;  das  Mehr  wird  nämlich  durch  Säuren,  das 
Weniger  durch  Alkalien  bestimmt.  Bringt  man  unter  eine 
gemeine  Glasmasse  Metalloxyde,  so  wird  die  Farbener- 
scheinung solcher  Gläser,  ohne  daß  die  Refraktion  merk- 
lich verändert  werde,  sehr  erhöht.  Daß  das  Mindere  hin- 
gegen auf  der  alkalischen  Seite  liege,  kann  leicht  vermutet 
werden. 

291.  Diejenigen  Glasarten,  welche  nach  der  Entdeckung 
zuerst  angewendet  worden,  nennen  die  Engländer  Flint- 
und  Crownglas,  und  zwar  gehört  jenem  ersten  die  stärkere, 
diesem  zweiten  die  geringere  Farbenerscheinung  an. 

292.  Zu  unserer  gegenwärtigen  Darstellung  bedienen  wir 
uns  dieser  beiden  Ausdrücke  als  Kunstwörter  und  neh- 
men an,  daß  in  beiden  die  Refraktion  gleich  sei,  das 
Flintglas  aber  die  Farbenerscheinung  um  ein  Drittel  stär- 
ker als  das  Crownglas  hervorbringe,  wobei  wir  unserm 
Leser  eine  gewissermaßen  symbolische  Zeichnung  zur 
Hand  geben. 

293.  Man  denke  sich  auf  einer  schwarzen  Tafel,  welche 
hier  des  bequemeren  Vortrags  wegen  in  Käsen  geteilt  ist, 
zwischen  den  Parallellinien  ab  und  cd  fünf  weiße  Vier- 
ecke. Das  Viereck  Nr.  i  stehe  vor  dem  nackten  Auge 
unverrückt  auf  seinem  Platz. 

294.  Das  Viereck  Nr.  2  aber  sei  durch  ein  vor  das  Auge 
gehaltenes  Prisma  von  Crownglas  g  um  drei  Käsen  ver- 
rückt und  zeige  die  Farbensäume  in  einer  gewissen  Breite; 
ferner  sei  das  Viereck  Nr.  3  ^urch  ein  Prisma  von  Flint- 
glas \}i\  gleichfalls  um  drei  Käsen  heruntergerückt,  derge- 
stalt, daß  es  die  farbigen  Säume  nunmehr  um  ein  Drittel 
breiter  als  Nr.  2  zeige. 

295.  Ferner  stelle  man  sich  vor,  das  Viereck  Nr.  4  sei 
eben  wie  das  Nr.  2  durch  ein  Prisma  von  Crownglas  erst 
drei  Käsen  verrückt  gewesen,  dann  sei  es  aber  durch  ein 


1 1 2     DER  FARBENJ.EHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 
entgegengestelltes   Prisma  h   von   Flintglas   wieder  auf 
seinen  vorigen  Fleck,   wo  man   es  nun  sieht,   gehoben 
worden. 

296.  Hier  hebt  sich  nun  die  Refraktion  zwar  gegenein- 
ander auf;  allein  da  das  Prisma  h  bei  der  Verrückung 
durch  drei  Käsen  um  ein  Drittel  breitere  Farbensäume, 
als  dem  Prisma  g  eigen  sind,  hervorbringt,  so  muß  bei 
aufgehobener  Refraktion  noch  ein  Überschuß  von  Farben- 
saum übrigbleiben,  und  zwar  im  Sinne  der  scheinbaren 
Bewegung,  welche  das  Prisma  h  dem  Bilde  erteilt,  imd 
folglich  umgekehrt,  wie  wir  die  Farben  an  den  herabge- 
rückten Nummern  2  und  3  erblicken.  Dieses  Überschie- 
ßende der  Farbe  haben  wir  Hyperchromasie  genannt, 
woraus  sich  denn  die  Achromasie  unmittelbar  folgern 
läßt. 

297.  Denn  gesetzt,  es  wäre  das  Viereck  Nr.  5  von  seinem 
ersten  supponierten  Platze  wie  Nr.  2  durch  ein  Prisma 
von  Crownglas  g  um  drei  Käsen  heruntergerückt  worden, 
so  dürfte  man  nur  den  Winkel  eines  Prismas  von  Flint- 
glas h  verkleinern,  solches  im  umgekehrten  Sinne  an  das 
Prisma  g  anschließen,  um  das  Viereck  Nr.  5  zwei  Käsen 
scheinbar  hinauf  zu  heben,  wobei  die  Hyperchromasie 
des  vorigen  Falles  wegfiele,  das  Bild  nicht  ganz  an  seine 
erste  Stelle  gelangte  und  doch  schon  farblos  erschiene. 
Man  sieht  auch  an  den  fortpunktierten  Linien  der  zu- 
sammengesetzten Prismen  unter  Nr.  5,  daß  ein  wirkliches 
Prisma  übrigbleibt  und  also  auch  auf  diesem  Wege,  so- 
bald man  sich  die  Linien  krumm  denkt,  ein  Okularglas 
entstehen  kann,  wodurch  denn  die  achromatischen  Fern- 
gläser abgeleitet  sind. 

298.  Zu  diesen  Versuchen,  wie  wir  sie  hier  vortragen, 
ist  ein  kleines,  aus  drei  verschiedenen  Prismen  zusammen- 
gesetztes Prisma,  wie  solche  in  England  verfertigt  wer- 
den, höchst  geschickt.  Hoffentlich  werden  künftig  unsre 
inländischen  Künstler  mit  diesem  notwendigen  Instrumente 
jeden  Naturfreund  versehen. 


IL  PHYSISCHE  FARBEN  113 

XX.  Vorzüge  der  subjektiven  Versuche.    Übergang  zu  den 
objektiven 

299.  Wir  haben  die  Farbenerscheinungen,  welche  sich 
bei  Gelegenheit  der  Refraktion  sehen  lassen,  zuerst  durch 
subjektive  Versuche  dargestellt  und  das  Ganze  in  sich 
dergestalt  abgeschlossen,  daß  wir  auch  schon  jene  Phäno- 
mene aus  der  Lehre  von  den  trüben  Mitteln  und  Doppel- 
bildern ableiteten. 

300.  Da  bei  Vorträgen,  die  sich  auf  die  Natur  beziehen, 
doch  alles  auf  Sehen  und  Schauen  ankommt,  so  sind  diese 
Versuche  um  desto  erwünschter,  als  sie  sich  leicht  imd 
bequem  anstellen  lassen.  Jeder  Liebhaber  kann  sich  den 
Apparat  ohne  große  Umstände  und  Kosten  anschaffen, 
ja,  wer  mit  Papparbeiten  einigermaßen  umzugehen  weiß, 
einen  großen  Teil  selbst  verfertigen.  Wenige  Tafeln,  auf 
welchen  schwarze,  weiße,  graue  und  farbige  Bilder  auf 
hellem  und  dunkelm  Grunde  abwechseln,  sind  dazu  hin- 
reichend. Man  stellt  sie  unverrückt  vor  sich  hin,  be- 
trachtet bequem  und  anhaltend  die  Erscheinungen  an 
dem  Rande  der  Bilder;  man  entfernt  sich,  man  nähert 
sich  wieder  und  beobachtet  genau  den  Stufengang  des 
Phänomens. 

301.  Ferner  lassen  sich  auch  durch  geringe  Prismen,  die 
nicht  von  dem  reinsten  Glase  sind,  die  Erscheinungen 
noch  deutlich  genug  beobachten.  Was  jedoch  wegen  die- 
ser Glasgerätschaften  noch  zu  wünschen  sein  möchte,  wird 
in  dem  Abschnitt,  der  den  Apparat  abhandelt,  umständ- 
lich zu  finden  sein. 

302.  Ein  Hauptvorteil  dieser  Versuche  ist  sodann,  daß 
man  sie  zu  jeder  Tageszeit  anstellen  kann,  in  jedem  Zim- 
mer, es  sei  nach  einer  Weltgegend  gerichtet,  nach  wel- 
cher es  wolle;  man  braucht  nicht  auf  Sonnenschein  zu 
warten,  der  einem  nordischen  Beobachter  überhaupt  nicht 
reichlich  gewogen  ist. 

Die  objektiven  Versuche 

303.  verlangen  hingegen  notwendig  den  Sonnenschein, 
der,  wenn  er  sich  auch  einstellt,  nicht  immer  den  wün- 

GOETHE  XVII  8. 


1 1 4    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

sehenswerten  Bezug  auf  den  ihm  entgegengestellten  Ap- 
parat haben  kann.  Bald  steht  die  Sonne  zu  hoch,  bald 
zu  tief,  und  doch  auch  nur  kurze  Zeit  in  dem  Meridian 
des  am  besten  gelegenen  Zimmers.  Unter  dem  Beobachten 
weicht  sie;  man  muß  mit  dem  Apparat  nachrücken,  wo- 
durch in  manchen  Fällen  die  Versuche  unsicher  werden. 
Wenn  die  Sonne  durchs  Prisma  scheint,  so  offenbart  sie 
alle  Ungleichheiten,  innere  Fäden  und  Bläschen  des  Gla- 
ses, wodurch  die  Erscheinung  verwirrt,  getrübt  und  miß- 
färbig  gemacht  wird, 

304.  Doch  müssen  die  Versuche  beider  Arten  gleich  ge- 
nau bekannt  sein.  Sie  scheinen  einander  entgegengesetzt 
und  gehen  immer  miteinander  parallel;  was  die  einen 
zeigen,  zeigen  die  andern  auch,  und  doch  hat  jede  Art 
wieder  ihre  Eigenheiten,  wodurch  gewisse  Wirkungen  der 
Natur  auf  mehr  als  eine  Weise  oifenbar  werden. 

305.  Sodann  gibt  es  bedeutende  Phänomene,  welche 
man  durch  Verbindung  der  subjektiven  und  objektiven 
Versuche  hervorbringt.  Nicht  weniger  gewähren  uns  die 
objektiven  den  Vorteil,  daß  wir  sie  meist  durch  Linear- 
zeichnungen darstellen  und  die  innern  Verhältnisse  des 
Phänomens  auf  unsern  Tafeln  vor  Augen  legen  können. 
Wir  säumen  daher  nicht,  die  objektiven  Versuche  sogleich 
dergestalt  vorzutragen,  daß  die  Phänomene  mit  den  sub- 
jektiv vorgestellten  durchaus  gleichen  Schritt  halten;  des- 
wegen wir  auch  neben  der  Zahl  eines  jeden  Paragraphen 
die  Zahl  der  früheren  in  Parenthese  unmittelbar  anfügen. 
Doch  setzen  wir  im  ganzen  voraus,  daß  der  Leser  sich 
mit  den  Tafeln,  der  Forscher  mit  dem  Apparat  bekannt 
mache,  damit  die  Zwillingsphänomene,  von  denen  die 
Rede  ist,  auf  eine  oder  die  andere  Weise  dem  Liebhaber 
vor  Augen  seien. 

XXI.  Refraktion  ohne  Farbenerscheinung 

306  (195.  196).  Daß  die  Refraktion  ihre  Wirkung  äußre, 
ohne  eine  Farbenerscheinung  hervorzubringen,  ist  bei  ob- 
jektiven Versuchen  nicht  so  vollkommen  als  bei  subjek- 
tiven darzutun.  Wir  haben  zwar  unbegrenzte  Räume,  nach 


IL  PHYSISCHE  FARBEN  1 1 5 

welchen  wir  durchs  Prisma  schauen  und  uns  überzeugen 
können,  daß  ohne  Grenze  keine  Farbe  entstehe;  aber  wir 
haben  kein  unbegrenzt  Leuchtendes,  welches  wir  könnten 
aufs  Prisma  wirken  lassen.  Unser  Licht  kommt  uns  von 
begrenzten  Körpern,  und  die  Sonne,  welche  unsre  mei- 
sten objektiven  prismatischen  Erscheinungen  hervorbringt, 
ist  ja  selbst  nur  ein  kleines  begrenzt  leuchtendes  Bild. 
307.  Indessen  können  wir  jede  größere  Öffnung,  durch 
welche  die  Sonne  durchscheint,  jedes  größere  Mittel,  wo- 
durch das  Sonnenlicht  aufgefangen  und  aus  seiner  Rich- 
tung gebracht  wird,  schon  insofern  als  unbegrenzt  an- 
sehen, indem  wir  bloß  die  Mitte  der  Flächen,  nicht  aber 
ihre  Grenzen  betrachten. 

308  (197).  Man  stelle  ein  großes  Wasserprisma  in  die 
Sonne,  und  ein  heller  Raum  wird  sich  in  die  Höhe  ge- 
brochen an  einer  entgegengesetzten  Tafel  zeigen  und  die 
Mitte  dieses  erleuchteten  Raumes  farblos  sein.  Ebendas- 
selbe erreicht  man,  wenn  man  mit  Glasprismen,  welche 
Winkel  von  wenigen  Graden  haben,  den  Versuch  anstellt. 
Ja,  diese  Erscheinung  zeigt  sich  selbst  bei  Glasprismen, 
deren  brechender  Winkel  sechzig  Grad  ist,  wenn  man  nur 
die  Tafel  nahe  genug  heranbringt. 

XXII.  Bedingungen  der  Farbenerscheinung 

309  (198).  Wenn  nun  gedachter  erleuchteter  Raum  zwar 
gebrochen,  von  der  Stelle  gerückt,  aber  nicht  gefärbt  er- 
scheint, so  sieht  man  jedoch  an  den  horizontalen  Grenzen 
desselben  eine  farbige  Erscheinung.  Daß  auch  hier  die 
Farbe  bloß  durch  Verrückung  eines  Bildes  entstehe,  ist 
umständlicher  darzutun. 

Das  Leuchtende,  welches  hier  wirkt,  ist  ein  Begrenztes, 
und  die  Sonne  wirkt  hier,  indem  sie  scheint  und  strahlt, 
als  ein  Bild.  Man  mache  die  Öffnung  in  dem  Laden  der 
Camera  obscura  so  klein,  als  man  kann,  immer  wird  das 
ganze  Bild  der  Sonne  hereindringen.  Das  von  ihrer  Scheibe 
herströmende  Licht  wird  sich  in  der  kleinsten  Öffnung 
kreuzen  und  den  Winkel  machen,  der  ihrem  scheinbaren 
Diameter  gemäß  ist.  Hier  kommt  ein  Konus  mit  der  Spitze 


1 1 6    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

außen  an,  und  inwendig  verbreitert  sich  diese  Spitze  wie- 
der, bringt  ein  durch  eine  Tafel  aufzufassendes  rundes, 
sich  durch  die  Entfernung  der  Tafel  auf  immer  vergrö- 
ßerndes Bild  hervor,  welches  Bild  nebst  allen  übrigen 
Bildern  der  äußeren  Landschaft  auf  einer  weißen  gegen- 
gehaltenen Fläche  im  dunklen  Zimmer  umgekehrt  er- 
scheint. 

310.  Wie  wenig  also  hier  von  einzelnen  Sonnenstrahlen 
oder  Strahlenbündeln  und  -büscheln,  von  Strahlenzylin- 
dem,  -Stäben,  und  wie  man  sich  das  alles  vorstellen  mag, 
die  Rede  sein  kann,  ist  auffallend.  Zu  Bequemlichkeit 
gewisser  Lineardarstellungen  nehme  man  das  Sonnenlicht 
als  parallel  einfallend  an;  aber  man  wisse,  daß  dieses  nur 
eine  Fiktion  ist,  welche  man  sich  gar  wohl  erlauben  kann 
da,  wo  der  zwischen  die  Fiktion  und  die  wahre  Erschei- 
nung fallende  Bruch  unbedeutend  ist.  Man  hüte  sich 
aber,  diese  Fiktion  wieder  zum  Phänomen  zu  machen  und 
mit  einem  solchen  fingierten  Phänomen  weiter  fort  zu 
operieren. 

311.  Man  vergrößre  nunmehr  die  Öffnung  in  dem  Fenster- 
laden, so  weit  man  will,  man  mache  sie  rund  oder  vier- 
eckt, ja  man  öffne  den  Laden  ganz  und  lasse  die  Sonne 
durch  den  völligen  Fensterraum  in  das  Zimmer  scheinen: 
der  Raum,  den  sie  erleuchtet,  wird  immer  so  viel  größer 
sein,  als  der  Winkel,  den  ihr  Durchmesser  macht,  ver- 
langt, und  also  ist  auch  selbst  der  ganze  durch  das  größte 
Fenster  von  der  Sonne  erleuchtete  Raum  nur  das  Sonnen- 
bild plus  der  Weite  der  Öffnung.  Wir  werden  hierauf 
zurückzukehren  künftig  Gelegenheit  finden. 

312  (199).  Fangen  wir  nun  das  Sonnenbild  durch  kon- 
vexe Gläser  auf,  so  ziehen  wir  es  gegen  den  Fokus  zu- 
sammen. Hier  muß  nach  den  oben  ausgeführten  Regeln 
ein  gelber  Saum  und  ein  gelbroter  Rand  entstehen,  wenn 
das  Bild  auf  einem  weißen  Papiere  aufgefangen  wird.  Weil 
aber  dieser  Versuch  blendend  und  unbequem  ist,  so  macht 
er  sich  am  schönsten  mit  dem  Bilde  des  Vollmonds.  Wenn 
man  dieses  durch  ein  konvexes  Glas  zusammenzieht,  so 
erscheint  der  farbige  Rand  in  der  größten  Schönheit:  denn 
der  Mond  sendet  an  sich  schon  ein  gemäßigtes  Licht,  und 


II.  PHYSISCHE  FARBEN  1 1 7 

er  kann  also  um  desto  eher  die  Farbe,  welche  aus  Mäßi- 
gung des  Lichts  entsteht,  hervorbringen,  wobei  zugleich 
das  Auge  des  Beobachters  nur  leise  und  angenehm  be- 
rührt wird. 

313  (200).  Wenn  man  ein  leuchtendes  Bild  durch  kon- 
kave Gläser  auffaßt,  so  wird  es  vergrößert  und  also  aus- 
gedehnt. Hier  erscheint  das  Bild  blau  begrenzt. 
314.  Beide  entgegengesetzte  P>scheinungen  kann  man 
durch  ein  konvexes  Glas  sowohl  simultan  als  sukzessiv 
hervorbringen,  und  zwar  simultan,  wenn  man  auf  das 
konvexe  Glas  in  der  Mitte  eine  undurchsichtige  Scheibe 
klebt  und  nun  das  Sonnenbild  auffängt.  Hier  wird  nun 
sowohl  das  leuchtende  Bild  als  der  in  ihm  befindliche 
schwarze  Kern  zusammengezogen,  und  so  müssen  auch 
die  entgegengesetzten  Farberscheinungen  entstehen.  Fer- 
ner kann  man  diesen  Gegensatz  sukzessiv  gewahr  werden, 
wenn  man  das  leuchtende  Bild  erst  bis  gegen  den  Fokus 
zusammenzieht,  da  man  denn  Gelb  und  Gelbrot  gewahr 
wird,  dann  aber  hinter  dem  Fokus  dasselbe  sich  ausdeh- 
nen läßt,  da  es  denn  sogleich  eine  blaue  Grenze  zeigt. 

315  (201).  Auch  hier  gilt,  was  bei  den  subjektiven  Er- 
fahrungen gesagt  worden,  daß  das  Blaue  und  Gelbe  sich 
an  und  über  dem  Weißen  zeige  und  daß  beide  Farben 
einen  rötlichen  Schein  annehmen,  insofern  sie  über  das 
Schwarze  reichen. 

316  (202.  203).  Diese  Grunderscheinungen  wiederholen 
sich  bei  allen  folgenden  objektiven  Erfahrungen,  so  wie 
sie  die  Grundlage  der  subjektiven  ausmachten.  Auch  die 
Operation,  welche  vorgenommen  wird,  ist  ebendieselbe: 
ein  heller  Rand  wird  gegen  eine  dunkle  Fläche,  eine 
dunkle  Fläche  gegen  eine  helle  Grenze  geführt.  Die 
Grenzen  müssen  einen  Weg  machen  und  sich  gleichsam 
übereinander  drängen,  bei  diesen  Versuchen  wie  bei 
jenen. 

317  (204).  Lassen  wir  also  das  Sonnenbild  durch  eine 
größere  oder  kleinere  Öffnung  in  die  dunkle  Kammer, 
fangen  wir  es  durch  ein  Prisma  auf,  dessen  brechender 
Winkel  hier  wie  gewöhnlich  unten  sein  mag,  so  kommt 
das  leuchtende  Bild  nicht  in  gerader  Linie  nach  dem 


1 1 8     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

Fußboden,  sondern  es  wird  an  eine  vertikal  gesetzte  Tafel 
hinaufgebrochen.  Hier  ist  es  Zeit,  des  Gegensatzes  zu 
gedenken,  in  welchem  sich  die  subjektive  und  objektive 
Verrückung  des  Bildes  befindet. 

318.  Sehen  wir  durch  ein  Prisma,  dessen  brechender 
Winkel  sich  unten  befindet,  nach  einem  in  der  Höhe  be- 
findlichen Bilde,  so  wird  dieses  Bild  heruntergerückt,  an- 
statt daß  ein  einfallendes  leuchtendes  Bild  von  demselben 
Prisma  in  die  Höhe  geschoben  wird.  Was  wir  hier  der 
Kürze  wegen  nur  historisch  angeben,  läßt  sich  aus  den 
Regeln  der  Brechimg  und  Hebung  ohne  Schwierigkeit  ab- 
leiten. 

319.  Indem  nun  also  auf  diese  Weise  das  leuchtende 
Bild  von  seiner  Stelle  gerückt  wird,  so  gehen  auch  die 
Farbensäume  nach  den  früher  ausgeführten  Regeln  ihren 
Weg.  Der  violette  Saum  geht  jederzeit  voraus  und  also 
bei  objektiven  hinaufwärts,  wenn  er  bei  subjektiven  her- 
unterwärts  geht. 

320  (205).  Ebenso  überzeuge  sich  der  Beobachter  von 
der  Färbung  in  der  Diagonale,  wenn  die  Verrückung 
durch  zwei  Prismen  in  dieser  Richtung  geschieht,  wie  bei 
dem  subjektiven  Falle  deutlich  genug  angegeben;  man 
schaffe  sich  aber  hiezu  Prismen  mit  Winkeln  von  wenigen, 
etwa  fünfzehn  Graden. 

321  (206.  207).  Daß  die  Färbung  des  Bildes  auch  hier 
nach  der  Richtung  seiner  Bewegung  geschehe,  wird  man 
einsehen,  wenn  man  eine  Öffnung  im  Laden  von  mäßiger 
Größe  viereckt  macht  und  das  leuchtende  Bild  durch 
das  Wasserprisma  gehen  läßt,  erst  die  Ränder  in  hori- 
zontaler und  vertikaler  Richtung,  sodann  in  der  diago- 
nalen. 

322  (208).  Wobei  sich  denn  abermals  zeigen  wird,  daß 
die  Grenzen  nicht  nebeneinander  weg,  sondern  überein- 
ander geführt  werden  müssen. 

XXIII.  Bedingungen  des  Zunehmens  der  Erscheinung 

323  (209).  Auch  hier  bringt  eine  vermehrte  Verrückung 
des  Bildes  eine  stärkere  Farbenerscheinung  zuwege. 


II.  PHYSISCHE  FARBEN  1 1 9 

324  (210).  Diese  vermehrte  Verrückung  aber  hat 
statt: 

i)  durch  schiefere  Richtung  des  auffallenden  leuchtenden 
Bildes  auf  parallele  Mittel; 

2)  durch  Veränderung  der  parallelen  Form  in  eine  mehr 
oder  weniger  spitzwinklige; 

3)  durch  verstärktes  Maß  des  Mittels,  des  parallelen  oder 
winkelhaften,  teils  weil  das  Bild  auf  diesem  Wege  stärker 
verrückt  wird,  teils  weil  eine  der  Masse  angehörige  Eigen- 
schaft mit  zur  Wirkung  gelangt; 

4)  durch  die  Entfernung  der  Tafel  von  dem  brechenden 
Mittel,  so  daß  das  heraustretende  gefärbte  Bild  einen 
längeren  Weg  zurücklegt. 

5)  Zeigt  sich  eine  chemische  Eigenschaft  unter  allen  die- 
sen Umständen  wirksam,  welche  wir  schon  unter  den  Ru- 
briken der  Achromasie  und  Hyperchromasie  näher  ange- 
deutet haben. 

325  (211).  Die  objektiven  Versuche  geben  uns  den  Vor- 
teil, daß  wir  das  Werdende  des  Phänomens,  seine  suk- 
zessive Genese  außer  uns  darstellen  und  zugleich  mit 
Linearzeichnungen  deutlich  machen  können,  welches  bei 
subjektiven  der  Fall  nicht  ist. 

326.  Wenn  man  das  aus  dem  Prisma  heraustretende  leuch- 
tende Bild  und  seine  wachsende  Farbenerscheinung  auf 
einer  entgegengehaltenen  Tafel  stufenweise  beobachten 
und  sich  Durchschnitte  von  diesem  Konus  mit  elliptischer 
Base  vor  Augen  stellen  kann,  so  läßt  sich  auch  das  Phä- 
nomen auf  seinem  ganzen  Wege  zum  schönsten  folgender- 
maßen sichtbar  machen.  Man  errege  nämlich  in  der  Linie, 
in  welcher  das  Bild  durch  den  dunklen  Raum  geht,  eine 
weiße  feine  Staubwolke,  welche  durch  feinen,  recht  trock- 
nen Haarpuder  am  besten  hervorgebracht  wird.  Die  mehr 
oder  weniger  gefärbte  Erscheinung  wird  nun  durch  die 
weißen  Atomen  aufgefangen  und  dem  Auge  in  ihrer  gan- 
zen Breite  und  Länge  dargestellt. 

327.  Ebenso  haben  wir  Linearzeichnungen  bereitet  und 
solche  imter  unsre  Tafeln  aufgenommen,  wo  die  Erschei- 
nung von  ihrem  ersten  Ursprünge  an  dargestellt  ist  und 
an  welchen  man  sich  deutlich  machen  kann,  warum  das 


1 2  o     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

leuchtende  Bild  durch  Prismen  so  viel  stärker  als  durch 
parallele  Mittel  gefärbt  wird. 

328  (212).  An  den  beiden  entgegengesetzten  Grenzen 
steht  eine  entgegengesetzte  Erscheinung  in  einem  spitzen 
Winkel  auf,  die  sich,  wie  sie  weiter  in  dem  Räume  vor- 
wärtsgeht, nach  Maßgabe  dieses  Winkels  verbreitert.  So 
strebt  in  der  Richtung,  in  welcher  das  leuchtende  Bild 
verrückt  worden,  ein  violetter  Saum  in  das  Dunkle  hin- 
aus, ein  blauer  schmalerer  Rand  bleibt  an  der  Grenze. 
Von  der  andern  Seite  strebt  ein  gelber  Saum  in  das  Helle 
hinein,  und  ein  gelbroter  Rand  bleibt  an  der  Grenze. 

329  (213).  Hier  ist  also  die  Bewegung  des  Dunklen 
gegen  das  Helle,  des  Hellen  gegen  das  Dunkle  wohl  zu 
beachten. 

330  (214).  Eines  großen  Bildes  Mitte  bleibt  lange  un- 
gefärbt, besonders  bei  Mitteln  von  minderer  Dichtigkeit 
und  geringerem  Maße,  bis  endlich  die  entgegengesetzten 
Säume  und  Ränder  einander  erreichen,  da  alsdann  bei 
dem  leuchtenden  Bild  in  der  Mitte  ein  Grün  entsteht. 

331  (215).  Wenn  nun  die  objektiven  Versuche  gewöhn- 
lich nur  mit  dem  leuchtenden  Sonnenbilde  gemacht  wur- 
den, so  ist  ein  objektiver  Versuch  mit  einem  dunklen 
Bilde  bisher  fast  gar  nicht  vorgekommen.  Wir  haben 
hierzu  aber  auch  eine  bequeme  Vorrichtung  angegeben. 
Jenes  große  Wasserprisma  nämlich  stelle  man  in  die  Sonne 
und  klebe  auf  die  äußere  oder  innere  Seite  eine  runde  Pap- 
penscheibe, so  wird  die  farbige  Erscheinung  abermals 
an  den  Rändern  vorgehen,  nach  jenem  bekannten  Gesetz 
entspringen:  die  Ränder  werden  erscheinen,  sich  in  jener 
Maße  verbreitern  und  in  der  Mitte  der  Purpur  entstehen. 
Man  kann  neben  das  Rund  ein  Viereck  in  beliebiger  Rich- 
tung hinzufügen  und  sich  von  dem  oben  mehrmals  Ange- 
gebenen und  Ausgesprochenen  von  neuem  überzeugen. 

332  (216).  Nimmt  man  von  dem  gedachten  Prisma  diese 
dunklen  Bilder  wieder  hinweg,  wobei  jedoch  die  Glas- 
tafeln jedesmal  sorgfältig  zu  reinigen  sind,  und  hält  einen 
schwachen  Stab,  etwa  einen  starken  Bleistift,  vor  die 
Mitte  des  horizontalen  Prismas,  so  wird  man  das  völlige 
Übereinandergreifen  des  violetten  Saums  und  des  roten 


II.  PHYSISCHE  FARBEN  1 2 1 

Randes  bewirken  und  nur  die  drei  Farben,  die  zwei  äußern 
und  die  mittlere,  sehen. 

333.  Schneidet  man  eine  vor  das  Prisma  zu  schiebende 
Pappe  dergestalt  aus,  daß  in  der  Mitte  derselben  eine 
horizontale  längliche  Öffnung  gebildet  wird,  und  läßt  als- 
dann das  Sonnenlicht  hindurchfallen,  so  wird  man  die 
völlige  Vereinigung  des  gelben  Saumes  und  des  blauen 
Randes  nunmehr  über  das  Helle  bewirken  und  nur  Gelb- 
rot,  Grün  und  Violett  sehen:  auf  welche  Art  und  Weise, 
ist  bei  Erklärung  der  Tafeln  weiter  auseinandergesetzt. 

334  (217).  Die  prismatische  Erscheinung  ist  also  keines- 
weges  fertig  und  vollendet,  indem  das  leuchtende  Bild  aus 
dem  Prisma  hervortritt.  Man  wird  alsdann  nur  erst  ihre 
Anfänge  im  Gegensatz  gewahr;  dann  wächst  sie,  das  Ent- 
gegengesetzte vereinigt  sich  und  verschränkt  sich  zuletzt 
aufs  innigste.  Der  von  einer  Tafel  aufgefangene  Durch- 
schnitt dieses  Phänomens  ist  in  jeder  Entfernung  vom 
Prisma  anders,  so  daß  weder  von  einer  stetigen  Folge 
der  Farben  noch  von  einem  durchaus  gleichen  Maß  der- 
selben die  Rede  sein  kann,  weshalb  der  Liebhaber  und 
Beobachter  sich  an  die  Natur  und  unsre  naturgemäßen 
Tafeln  wenden  wird,  welchen  zum  Überfluß  eine  aber- 
malige Erklärung  sowie  eine  genügsame  Anweisung  und 
Anleitung  zu  allen  Versuchen  hinzugefügt  ist. 

XXIV.  Ableitung  der  angezeigten  Phänomene 

335  (218).  Wenn  wir  diese  Ableitung  schon  bei  Gelegen- 
heit der  subjektiven  Versuche  umständlich  vorgetragen, 
wenn  alles,  was  dort  gegolten  hat,  auch  hier  gilt,  so  be- 
darf es  keiner  weitläufigen  Ausführung  mehr,  um  zu  zei- 
gen, daß  dasjenige,  was  in  der  Erscheinung  völlig  par- 
allel geht,  sich  auch  aus  ebendenselben  Quellen  ableiten 
lasse. 

336  (219).  Daß  wir  auch  bei  objektiven  Versuchen  mit 
Bildern  zu  tun  haben,  ist  oben  umständlich  dargetan  wor- 
den. Die  Sonne  mag  durch  die  kleinste  Ötfnung  herein- 
scheinen, so  dringt  doch  immer  das  Bild  ihrer  ganzen 
Scheibe  hindurch.    Man  mng  das  größte  Prisma  in  das 


1 2  2     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

freie  Sonnenlicht  stellen,  so  ist  es  doch  immer  wieder 
das  Sonnenbild,  das  sich  an  den  Rändern  der  brechenden 
Flächen  selbst  begrenzt  und  die  Nebenbilder  dieser  Be- 
grenzung hervorbringt.  Man  mag  eine  vielfach  ausge- 
schnittene Pappe  vor  das  Wasserprisma  schieben,  so  sind 
es  doch  nur  die  Bilder  aller  Art,  welche,  nachdem  sie 
durch  Brechung  von  ihrer  Stelle  gerückt  worden,  farbige 
Ränder  und  Säume  und  in  denselben  durchaus  vollkom- 
mene Nebenbilder  zeigen. 

337  (235).  Haben  uns  bei  subjektiven  Versuchen  stark 
voneinander  abstechende  Bilder  eine  höchst  lebhafte  Far- 
benerscheinung zuwege  gebracht,  so  wird  diese  bei  ob- 
jektiven Versuchen  noch  viel  lebhafter  und  herrlicher  sein, 
weil  das  Sonnenbild  von  der  höchsten  Energie  ist,  die 
wir  kennen,  daher  auch  dessen  Nebenbild  mächtig  und, 
ungeachtet  seines  sekundären  getrübten  und  verdunkelten 
Zustandes,  noch  immer  herrlich  und  glänzend  sein  muß. 
Die  vom  Sonnenlicht  durchs  Prisma  auf  irgendeinen  Gegen- 
stand geworfenen  Farben  bringen  ein  gewaltiges  Licht  mit 
sich,  indem  sie  das  höchst  energische  Urlicht  gleichsam 
im  Hintergrunde  haben. 

338  (238).  Inwiefern  wir  auch  diese  Nebenbilder  trüb 
nennen  und  sie  aus  der  Lehre  von  den  trüben  Mitteln 
ableiten  dürfen,  wird  jedem,  der  uns  bis  hieher  aufmerk- 
sam gefolgt,  klar  sein,  besonders  aber  dem,  der  sich  den 
nötigen  Apparat  verschafft,  um  die  Bestimmtheit  und 
Lebhaftigkeit,  womit  trübe  Mittel  wirken,  sich  jederzeit 
vergegenwärtigen  zu  können. 

XXV.  Abnahme  der  farbigen  Erscheinung 

339  (243).  Haben  wir  uns  bei  Darstellung  der  Abnahme 
unserer  farbigen  Erscheinung  in  subjektiven  Fällen  kurz 
fassen  können,  so  wird  es  uns  erlaubt  sein,  hier  noch 
kürzer  zu  verfahren,  indem  wir  uns  auf  jene  deutliche 
Darstellung  berufen.  Nur  eines  mag  wegen  seiner  großen 
Bedeutung  als  ein  Hauptmoment  des  ganzen  Vortrags 
hier  dem  Leser  zu  besonderer  Auftnerksamkeit  empfohlen 
werden. 


IL  PHYSISCHE  FARBEN  123 

340  (244—247).  Der  Abnahme  der  prismatischen  Er- 
scheinung muß  erst  eine  Entfaltung  derselben  voran- 
gehen. Aus  dem  gefärbten  Sonnenbilde  verschwinden  in 
gehöriger  Entfernung  der  Tafel  vom  Prisma  zuletzt  die 
blaue  und  gelbe  Farbe,  indem  beide  übereinander  grei- 
fen, völlig,  und  man  sieht  nur  Gelbrot,  Grün  und  Blau- 
rot. Nähert  man  die  Tafel  dem  brechenden  Mittel,  so 
erscheinen  Gelb  und  Blau  schon  wieder,  und  man  er- 
blickt die  fünf  Farben  mit  ihren  Schattierungen.  Rückt 
man  mit  der  Tafel  noch  näher,  so  treten  Gelb  und  Blau 
völlig  auseinander,  das  Grüne  verschwindet,  und  zwi- 
schen den  gefärbten  Rändern  und  Säumen  zeigt  sich  das 
Bild  farblos.  Je  näher  man  mit  der  Tafel  gegen  das 
Prisma  zurückt,  desto  schmäler  werden  gedachte  Ränder 
und  Säume,  bis  sie  endlich  an  und  auf  dem  Prisma  Null 
werden. 

XXVI.  Graue  Bilder 

341  (248).  Wir  haben  die  grauen  Bilder  als  höchst  wich- 
tig bei  subjektiven  Versuchen  dargestellt.  Sie  zeigen  uns 
durch  die  Schwäche  der  Nebenbilder,  daß  ebendiese  Ne- 
benbilder sich  jederzeit  von  dem  Hauptbilde  herschrei- 
ben. Will  man  nun  die  objektiven  Versuche  auch  hier 
parallel  durchführen,  so  könnte  dieses  auf  eine  bequeme 
Weise  geschehen,  wenn  man  ein  mehr  oder  weniger  matt 
geschliffenes  Glas  vor  die  Öffnung  hielte,  durch  welche 
das  Sonnenbild  hereinfällt.  Es  würde  dadurch  ein  ge- 
dämpftes Bild  hervorgebracht  werden,  welches  nach  der 
Refraktion  viel  mattere  Farben  als  das  von  der  Sonnen- 
scheibe unmittelbar  abgeleitete  auf  der  Tafel  zeigen  würde, 
und  so  würde  auch  von  dem  höchst  energischen  Sonnen- 
bilde nur  ein  schwaches,  der  Dämpfung  gemäßes  Neben- 
bild entstehen;  wie  denn  freilich  durch  diesen  Versuch 
dasjenige,  was  uns  schon  genugsam  bekannt  ist,  nur  noch 
aber-  und  abermal  bekräftigt  wird. 


1 2  4   DER  farbenlehrp:  didaktischer  teil 

XXVII.  Farbige  Bilder 

342  (260).  Es  gibt  mancherlei  Arten,  farbige  Bilder  zum 
Behuf  objektiver  Versuche  hervorzubringen.  Erstlich  kann 
man  farbiges  Glas  vor  die  Öffnung  halten,  wodurch  so- 
gleich ein  farbiges  Bild  hervorgebracht  wird.  Zweitens 
kann  man  das  Wasserprisma  mit  farbigen  Liquoren  füllen. 
Drittens  kann  man  die  von  einem  Prisma  schon  hervor- 
gebrachten emphatischen  Farben  durch  proportionierte 
kleine  Öffnungen  eines  Bleches  durchlassen  und  also 
kleine  Bilder  zu  einer  zweiten  Refraktion  vorbereiten. 
Diese  letzte  Art  ist  die  beschwerlichste,  indem  bei  dem 
beständigen  Fortrücken  der  Sonne  ein  solches  Bild  nicht 
festgehalten  noch  in  beliebiger  Richtung  bestätigt  wer- 
den kann.  Die  zweite  Art  hat  auch  ihre  Unbequemlich- 
keiten, weil  nicht  alle  farbige  Liquoren  schön  hell  und 
klar  zu  bereiten  sind.  Daher  die  erste  um  so  mehr  den 
Vorzug  verdient,  als  die  Physiker  schon  bisher  die  von 
dem  Sonnenlicht  durchs  Prisma  hervorgebrachten  Far- 
ben, diejenigen,  welche  durch  Liquoren  und  Gläser  er- 
zeugt werden,  und  die,  welche  schon  auf  Papier  oder 
Tuch  fixiert  sind,  bei  der  Demonstration  als  gleichwirkend 
gelten  lassen. 

343.  Da  es  nun  also  bloß  darauf  ankommt,  daß  das  Bild 
gefärbt  werde,  so  gewährt  uns  das  schon  eingeführte  große 
Wasserprisma  hierzu  die  beste  Gelegenheit;  denn  indem 
man  vor  seine  großen  Flächen,  welche  das  Licht  unge- 
färbt durchlassen,  eine  Pappe  vorschieben  kann,  in  welche 
man  Öffnungen  von  verschiedener  Figur  geschnitten,  um 
unterschiedene  Bilder  und  also  auch  unterschiedene  Ne- 
benbilder hervorzubringen,  so  darf  man  nur  vor  die  Öff- 
nungen der  Pappe  farbige  Gläser  befestigen,  um  zu  be- 
obachten, welche  Wirkung  die  Refraktion  im  objektiven 
Sinne  auf  farbige  Bilder  hervorbringt. 

344.  Man  bediene  sich  nämlich  jener  schon  beschriebe- 
nen Tafel  (284)  mit  farbigen  Gläsern,  welche  man  genau 
in  der  Größe  eingerichtet,  daß  sie  in  die  Falzen  des 
großen  Wasserprismas  eingeschoben  werden  kann.  Man 
lasse  nunmehr  die  Sonne  hindurchscheinen,  so  wird  man 


[T.  PHYSISCHE  FARBEN  125 

die  hinaufwärts  gebrochenen  farbigen  Bilder  jedes  nach 
seiner  Art  gesäumt  und  gerändert  sehen,  indem  sich  diese 
Säume  und  Ränder  an  einigen  Bildern  ganz  deutlich  zei- 
gen, an  andern  sich  mit  der  spezifischen  Farbe  des  Glases 
vermischen,  sie  erhöhen  oder  verkümmern,  und  jeder- 
mann wird  sich  überzeugen  können,  daß  hier  abermals 
nur  von  diesem  von  uns  subjektiv  und  objektiv  so  um- 
ständlichvorgetragenen einfachen  Phänomen  die  Rede  sei. 

XXVIII.  Achromasie  und  Hyperchrotnask 

345  (285—290).  Wie  man  die  hyperchromatischen  und 
achromatischen  Versuche  auch  objektiv  anstellen  könne, 
dazu  brauchen  wir  nur  nach  allem,  was  oben  weitläuftig 
ausgeführt  worden,  eine  kurze  Anleitung  zu  geben,  be- 
sonders da  wir  voraussetzen  können,  daß  jenes  erwähnte 
zusammengesetzte  Prisma  sich  in  den  Händen  des  Natur- 
freundes befinde. 

346.  Man  lasse  durch  ein  spitzwinkliges  Prisma  von  we- 
nigen Graden,  aus  Crownglas  geschliffen,  das  Sonnen- 
bild dergestalt  durchgehen,  daß  es  auf  der  entgegenge- 
setzten Tafel  in  die  Höhe  gebrochen  werde;  die  Ränder 
werden  nach  dem  bekannten  Gesetz  gefärbt  erscheinen, 
das  Violette  und  Blaue  nämlich  oben  und  außen,  das 
Gelbe  und  Gelbrote  unten  imd  innen.  Da  nun  der  bre- 
chende Winkel  dieses  Prismas  sich  imten  befindet,  so 
setze  man  ihm  ein  andres  proportioniertes  von  Flintglas 
entgegen,  dessen  brechender  Winkel  nach  oben  gerichtet 
sei.  Das  Sonnenbild  werde  dadurch  wieder  an  seinen 
Platz  geführt,  wo  es  denn  durch  den  Überschuß  der  farb- 
erregenden Kraft  des  herabführenden  Prismas  von  Flint- 
glas nach  dem  Gesetze  dieser  Herabführung  wenig  gefärbt 
sein,  das  Blaue  und  Violette  unten  und  außen,  das  Gelbe 
und  Gelbrote  oben  und  innen  zeigen  wird. 

347.  Man  rücke  nun  durch  ein  proportioniertes  Prisma 
von  Crownglas  das  ganze  Bild  wieder  um  weniges  in 
die  Höhe,  so  wird  die  Hyperchromasie  aufgehoben,  das 
Sonnenbild  vom  Platze  gerückt  und  doch  farblos  er- 
scheinen. 


1 2  6     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

348.  Mit  einem  aus  drei  Gläsern  zusammengesetzten 
achromatischen  Objektivglase  kann  man  ebendiese  Ver- 
suche stufenweise  machen,  wenn  man  es  sich  nicht  reuen 
läßt,  solches  aus  der  Hülse,  worein  es  der  Künstler  ein- 
genietet hat,  herauszubrechen.  Die  beiden  konvexen  Glä- 
ser von  Crownglas,  indem  sie  das  Bild  nach  dem  Fokus 
zusammenziehen,  das  konkave  Glas  von  FHntglas,  indem 
es  das  Sonnenbild  hinter  sich  ausdehnt,  zeigen  an  dem 
Rande  die  hergebrachten  Farben.  Ein  Konvexglas  mit 
dem  Konkavglase  zusammengenommen,  zeigt  die  Farben 
nach  dem  Gesetz  des  letztern.  Sind  alle  drei  Gläser  zu- 
sammengelegt, so  mag  man  das  Sonnenbild  nach  dem 
Fokus  zusammenziehen  oder  sich  dasselbe  hinter  dem 
Brennpunkte  ausdehnen  lassen,  niemals  zeigen  sich  far- 
bige Ränder,  und  die  von  dem  Künstler  intendierte  Achro- 
masie bewährt  sich  hier  abermals, 

349.  Da  jedoch  das  Crownglas  durchaus  eine  grünliche 
Farbe  hat,  so  daß  besonders  bei  großen  und  starken  Ob- 
jektiven etwas  von  einem  grünlichen  Schein  mit  unter- 
laufen und  sich  daneben  die  geforderte  Purpurfarbe  unter 
gewissen  Umständen  einstellen  mag,  welches  uns  jedoch 
bei  wiederholten  Versuchen  mit  mehreren  Objektiven  nicht 
vorgekommen,  so  hat  man  hierzu  die  wunderbarsten  Er- 
klärungen ersonnen  und  sich,  da  man  theoretisch  die  Un- 
möglichkeit achromatischer  Ferngläser  zu  beweisen  ge- 
nötigt war,  gewissermaßen  gefreut,  eine  solche  radikale 
Verbesserung  leugnen  zu  können,  wovon  jedoch  nur  in 
der  Geschichte  dieser  Erfindungen  umständlich  gehandelt 
werden  kann. 

XXIX.  Verbindung  objektiver  und  subjektiver  Versuche 

350.  Wenn  wir  oben  angezeigt  haben,  daß  die  objektiv 
und  subjektiv  betrachtete  Refraktion  im  Gegensinne  wir- 
ken müsse  (318),  so  wird  daraus  folgen,  daß,  wenn  man 
die  Versuche  verbindet,  entgegengesetzte  und  einander 
aufhebende  Erscheinungen  sich  zeigen  werden. 

351.  Durch  ein  horizontal  gestelltes  Prisma  werde  das 
Sonnenbild  an  eine  Wand  hinaufgeworfen.  Ist  das  Prisma 


II.  PHYSISCHE  FARBEN  127 

lang  genug,  daß  der  Beobachter  zugleich  hindurchsehen 
kann,  so  wird  er  das  durch  die  objektive  Refraktion  hin- 
aufgerückte Bild  wieder  heruntergerückt  und  solches  an 
der  Stelle  sehen,  wo  es  ohne  Refraktion  erschienen 
wäre. 

352.  Hierbei  zeigt  sich  ein  bedeutendes,  aber  gleichfalls 
aus  der  Natur  der  Sache  herfließendes  Phänomen.  Da 
nämlich,  wie  schon  so  oft  erinnert  worden,  das  objektiv 
an  die  Wand  geworfene  gefärbte  Sonnenbild  keine  fer- 
tige noch  unveränderliche  Erscheinung  ist,  so  wird  bei 
obgedachter  Operation  das  Bild  nicht  allein  für  das  Auge 
heruntergezogen,  sondern  auch  seiner  Ränder  und  Säume 
völlig  beraubt  und  in  eine  farblose  Kreisgestalt  zurück- 
gebracht. 

353.  Bedient  man  sich  zu  diesem  Versuche  zweier  völHg 
gleichen  Prismen,  so  kann  man  sie  erst  nebeneinander 
stellen,  durch  das  eine  das  Sonnenbild  durchfallen  lassen, 
durch  das  andre  aber  hindurchsehen. 

354.  Geht  der  Beschauer  mit  dem  zweiten  Prisma  nun- 
mehr weiter  vorwärts,  so  zieht  sich  das  Bild  wieder  hin- 
auf und  wird  stufenweise  nach  dem  Gesetz  des  ersten 
Prismas  gefärbt.  Tritt  der  Beschauer  nun  wieder  zurück, 
bis  er  das  Bild  wieder  auf  den  Nullpunkt  gebracht  hat, 
und  geht  sodann  immer  weiter  von  dem  Bilde  weg,  so 
bewegt  sich  das  für  ihn  rund  und  farblos  gewordene  Bild 
immer  weiter  herab  und  färbt  sich  im  entgegengesetzten 
Sinne,  so  daß  wir  dasselbe  Bild,  wenn  wir  zugleich  durch 
das  Prisma  hindurch  und  daran  hersehen,  nach  objektiven 
und  subjektiven  Gesetzen  gefärbt  erblicken. 

355.  Wie  dieser  Versuch  zu  vermannigfaltigen  sei,  er- 
gibt sich  von  selbst.  Ist  der  brechende  Winkel  des  Pris- 
mas, wodurch  das  Sonnenbild  objektiv  in  die  Höhe  ge- 
hoben wird,  größer  als  der  des  Prismas,  wodurch  der 
Beobachter  blickt,  so  muß  der  Beobachter  viel  weiter  zu- 
rücktreten, lun  das  farbige  Bild  an  der  Wand  so  weit  her- 
unterzuführen, daß  es  farblos  werde,  und  umgekehrt. 

356.  Daß  man  auf  diesem  Wege  die  Achromasie  und 
Hyperchromasie  gleichfalls  darstellen  könne,  fällt  in  die 
Augen,  welches  wir  weiter  auseinanderzusetzen  und  aus- 


1 2  8    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

zuführen  dem  Liebhaber  wohl  selbst  überlassen  können, 
so  wie  wir  auch  andere  komplizierte  Versuche,  wobei  man 
Prismen  und  Linsen  zugleich  anwendet,  auch  die  objek- 
tiven und  subjektiven  Erfahrungen  auf  mancherlei  Weise 
durcheinander  mischt,  erst  späterhin  darlegen  und  auf 
die  einfachen,  tms  nunmehr  genugsam  bekannten  Phäno- 
mene zurückführen  werden. 

XXX.  Übergang 

357.  Wenn  wir  auf  die  bisherige  Darstellung  und  Ab- 
leitung der  dioptrischen  Farben  zurücksehen,  können  wir 
keine  Reue  empfinden,  weder  daß  wir  sie  so  umständ- 
lich abgehandelt,  noch  daß  wir  sie  vor  den  übrigen  phy- 
sischen Farben  außer  der  von  uns  selbst  angegebenen 
Ordnung  vorgetragen  haben.  Doch  gedenken  wir  hier  an 
der  Stelle  des  Übergangs  unsern  Lesern  und  Mitarbeitern 
deshalb  einige  Rechenschaft  zu  geben. 

358.  Sollten  wir  uns  verantworten,  daß  wir  die  Lehre 
von  den  dioptrischen  Farben,  besonders  der  zweiten 
Klasse,  vielleicht  zu  weitläuftig  ausgeführt,  so  hätten  wir 
Folgendes  zu  bemerken.  Der  Vortrag  irgendeines  Gegen- 
standes unsres  Wissens  kann  sich  teils  auf  die  innre  Not- 
wendigkeit der  abzuhandelnden  Materie,  teils  aber  auch 
auf  das  Bedürfnis  der  Zeit,  in  welcher  der  Vortrag  ge- 
schieht, beziehen.  Bei  dem  unsrigen  waren  wir  genötigt, 
beide  Rücksichten  immer  vor  Augen  zu  haben.  Einmai 
war  es  die  Absicht,  unsre  sämtlichen  Erfahrungen  sowie 
unsre  Überzeugungen  nach  einer  lange  geprüften  Methode 
vorzulegen;  sodann  aber  mußten  wir  unser  Augenmerk 
darauf  richten,  manche  zwar  bekannte,  aber  doch  ver- 
kannte, besonders  auch  in  falschen  Verknüpfungen  auf- 
gestellte Phänomene  in  ihrer  natürlichen  Entwicklung 
und  wahrhaft-erfahrungsmäßigen  Ordnung  darzustellen, 
damit  wir  künftig  bei  polemischer  und  historischer  Be- 
handlimg  schon  eine  vollständige  Vorarbeit  zu  leichterer 
Übersicht  ins  Mittel  bringen  könnten.  Daher  ist  denn 
freilich  eine  größere  Umständlichkeit  nötig  geworden, 
welche  eigentlich  nur  dem  gegenwärtigen  Bedürfnis  zum 


IL  PHYSISCHE  FARBEN  129 

Opfer  gebracht  wird.  Künftig,  wenn  man  erst  das  Ein- 
fache als  einfach,  das  Zusammengesetzte  als  zusammen- 
gesetzt, das  Erste  und  Obere  als  ein  solches,  das  Zweite, 
Abgeleitete  auch  als  ein  solches  anerkennen  und  schauen 
wird,  dann  läßt  sich  dieser  ganze  Vortrag  ins  Engere  zu- 
sammenziehen, welches,  wenn  es  uns  nicht  selbst  noch 
glücken  sollte,  wir  einer  heiter-tätigen  Mit-  und  Nach- 
welt überlassen. 

359.  Was  ferner  die  Ordnung  der  Kapitel  überhaupt  be- 
trifft, so  mag  man  bedenken,  daß  selbst  verwandte  Natur- 
phänomene in  keiner  eigentlichen  Folge  oder  stetigen 
Reihe  sich  aneinander  schließen,  sondern  daß  sie  durch 
Tätigkeiten  hervorgebracht  werden,  welche  verschränkt 
wirken,  so  daß  es  gewissermaßen  gleichgültig  ist,  was  für 
eine  Erscheinimg  man  zuerst  und  was  für  eine  man  zu- 
letzt betrachtet,  weil  es  doch  nur  darauf  ankommt,  daß 
man  sich  alle  möglichst  vergegenwärtige,  um  sie  zuletzt 
unter  einem  Gesichtspunkt  teils  nach  ihrer  Natur,  teils 
nach  Menschenweise  und  Bequemlichkeit  zusammenzu- 
fassen. 

360.  Doch  kann  man  im  gegenwärtigen  besondern  Falle 
behaupten,  daß  die  dioptrischen  Farben  billig  an  die 
Spitze  der  physischen  gestellt  werden,  sowohl  wegen 
ihres  auffallenden  Glanzes  und  übrigen  Bedeutsamkeit 
als  auch,  weil,  um  dieselben  abzuleiten,  manches  zur 
Sprache  kommen  mußte,  welches  uns  zunächst  große  Er- 
leichterung gewähren  wird. 

361.  Denn  man  hat  bisher  das  Licht  als  eine  Art  von 
Abstraktum,  als  ein  für  sich  bestehendes  und  wirkendes, 
gewissermaßen  sich  selbst  bedingendes,  bei  geringen  An- 
lässen aus  sich  selbst  die  Farben  hervorbringendes  Wesen 
angesehen.  Von  dieser  Vorstellungsart  jedoch  die  Natur- 
freunde abzulenken,  sie  aufmerksam  zu  machen,  daß  bei 
prismatischen  und  andern  Erscheinungen  nicht  von  einem 
unbegrenzten  bedingenden,  sondern  von  einem  begrenz- 
ten bedingten  Lichte,  von  einem  Lichtbilde,  ja  von  Bil- 
dern überhaupt,  hellen  oder  dunklen,  die  Rede  sei:  dies 
ist  die  Aufgabe,  welche  zu  lösen,  das  Ziel,  welches  zu 
erreichen  wäre. 

GOETHE  XVII  9. 


1 3 o   DER  farbb:nlehre  didaktischer  teil 

362.  Was  bei  dioptrischen  Fällen,  besonders  der  zweiten 
Klasse,  nämlich  bei  Refraktionsfällen  vorgeht,  ist  uns 
nunmehr  genugsam  bekannt  und  dient  uns  zur  Einleitung 
ins  Künftige. 

363.  Die  katoptrischen  Fälle  erinnern  uns  an  die  phy- 
siologischen, nur  daß  wir  jenen  mehr  Objektivität  zu- 
schreiben und  sie  deshalb  unter  die  physischen  zu  zählen 
uns  berechtigt  glauben.  Wichtig  aber  ist  es,  daß  wir  hier 
abermals  nicht  ein  abstraktes  Licht,  sondern  ein  Licht- 
bild zu  beachten  finden. 

364.  Gehen  wir  zu  den  paroptischen  über,  so  werden 
wir,  wenn  das  Frühere  gut  gefaßt  worden,  uns  mit  Ver- 
wundrung  und  Zufriedenheit  abermals  im  Reiche  der  Bil- 
der finden.  Besonders  wird  uns  der  Schatten  eines  Kör- 
pers als  ein  sekundäres,  den  Körper  so  genau  begleitendes 
Bild  manchen  Aufschluß  geben. 

365.  Doch  greifen  wir  diesen  fernem  Darstellungen  nicht 
vor,  um,  wie  bisher  geschehen,  nach  unserer  Überzeugung 
regelmäßigen  Schritt  zu  halten. 

XXXI.  Katoptrische  Farben 

366.  Wenn  wir  von  katoptrischen  Farben  sprechen,  so 
deuten  wir  damit  an,  daß  uns  Farben  bekannt  sind,  welche 
bei  Gelegenheit  einer  Spiegelung  erscheinen.  Wir  setzen 
voraus,  daß  das  Licht  sowohl  als  die  Fläche,  wovon  es 
zurückstrahlt,  sich  in  einem  völlig  farblosen  Zustand  be- 
finde. In  diesem  Sinne  gehören  diese  Erscheinungen 
unter  die  physischen  Farben.  Sie  entstehen  bei  Gelegen- 
heit der  Reflexion,  wie  wir  oben  die  dioptrischen  der 
zweiten  Klasse  bei  Gelegenheit  der  Refraktion  hervor- 
treten sahen.  Ohne  jedoch  weiter  im  allgemeinen  zu  ver- 
weilen, wenden  wir  uns  gleich  zu  den  besondern  Fällen 
und  zu  den  Bedingungen,  welche  nötig  sind,  daß  ge- 
dachte Phänomene  sich  zeigen. 

367.  Wenn  man  eine  feine  Stahlsaite  vom  Röllchen  ab- 
nimmt, sie  ihrer  Elastizität  gemäß  verworren  durchein- 
ander laufen  läßt  und  sie  an  ein  Fenster  in  die  Tages- 
helle legt,  so  wird  man  die  Höhen  der  Kreise  und  Win- 


II.  PHYSISCHE  FARBEN  131 

düngen  erhellt,  aber  weder  glänzend  noch  farbig  sehen. 
Tritt  die  Sonne  hingegen  hervor,  so  zieht  sich  diese  Hel- 
lung auf  einen  Punkt  zusammen,  und  das  Auge  erblickt 
ein  kleines  glänzendes  Sonnenbild,  das,  wenn  man  es 
nahe  betrachtet,  keine  Farbe  zeigt.  Geht  man  aber  zu- 
rück und  faßt  den  Abglanz  in  einiger  Entfernung  mit  den 
Augen  auf,  so  sieht  man  viele  kleine,  auf  die  mannigfal- 
tigste Weise  gefärbte  Sonnenbilder,  und  ob  man  gleich 
Grün  und  Purpur  am  meisten  zu  sehen  glaubt,  so  zeigen 
sich  doch  auch  bei  genauerer  Aufmerksamkeit  die  übrigen 
Farben. 

368.  Nimmt  man  eine  Lorgnette  und  sieht  dadurch  auf 
die  Erscheinung,  so  sind  die  Farben  verschwunden  so- 
wie der  ausgedehntere  Glanz,  in  dem  sie  erscheinen,  und 
man  erblickt  nur  die  kleinen  leuchtenden  Punkte,  die 
wiederholten  Sonnenbilder.  Hieraus  erkennt  man,  daß 
die  Erfahrung  subjektiver  Natur  ist  und  daß  sich  die  Er- 
scheinung an  jene  anschließt,  die  wir  unter  dem  Namen 
der  strahlenden  Höfe  eingeführt  haben  (100). 

369.  Allein  wir  können  dieses  Phänomen  auch  von  der 
objektiven  Seite  zeigen.  Man  befestige  unter  eine  mäßige 
Öffnung  in  dem  Laden  der  Camera  obscura  ein  weißes 
Papier  und  halte,  wenn  die  Sonne  durch  die  Öffnung 
scheint,  die  verworrene  Drahtsaite  in  das  Licht,  so  daß 
sie  dem  Papiere  gegenübersteht.  Das  Sonnenlicht  wird 
auf  und  in  die  Ringe  der  Drahtsaite  fallen,  sich  aber 
nicht,  wie  im  konzentrierenden  menschlichen  Auge,  auf 
einem  Punkte  zeigen,  sondern  weil  das  Papier  auf  jedem 
Teile  seiner  Fläche  den  Abglanz  des  Lichtes  aufnehmen 
kann,  in  haarförmigen  Streifen,  welche  zugleich  bunt  sind, 
sehen  lassen. 

370.  Dieser  Versuch  ist  rein  katoptrisch:  denn  da  man 
sich  nicht  denken  kann,  daß  das  Licht  in  die  Oberfläche 
des  Stahls  hineindringe  und  etwa  darin  verändert  werde, 
so  überzeugen  wir  uns  leicht,  daß  hier  bloß  von  einer 
reinen  Spiegelung  die  Rede  sei,  die  sich,  insofern  sie 
subjektiv  ist,  an  die  Lehre  von  den  schwach  wirkenden 
und  abklingenden  Lichtern  anschließt  und,  insofern  sie 
objektiv  gemacht  werden  kann,  auf  ein  außer  dem  Men- 


£  3  2     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

sehen  Reales,  sogar  in  den  leisesten  Erscheinungen  hin- 
deutet. 

371.  Wir  haben  gesehen,  daß  hier  nicht  allein  ein  Licht, 
sondern  ein  energisches  Licht,  und  selbst  dieses  nicht  im 
Abstrakten  und  allgemeinen,  sondern  ein  begrenztes  Licht, 
ein  Lichtbild  nötig  sei,  um  diese  Wirkung  hervorzubrin- 
gen. Wir  werden  uns  hiervon  bei  verwandten  Fällen  noch 
mehr  überzeugen. 

372.  Eine  polierte  Silberplatte  gibt  in  der  Sonne  einen 
blendenden  Schein  von  sich,  aber  es  wird  bei  dieser  Ge- 
legenheit keine  Farbe  gesehen.  Ritzt  man  hingegen  die 
Oberfläche  leicht,  so  erscheinen  bunte,  besonders  grüne 
und  purpurne  Farben  unter  einem  gewissen  Winkel  dem 
Auge.  Bei  ziselierten  und  guillochierten  Metallen  tritt 
auch  dieses  Phänomen  auffallend  hervor;  doch  läßt  sich 
durchaus  bemerken,  daß,  wenn  es  erscheinen  soll,  irgend- 
ein Bild,  eine  Abwechselung  des  Dunklen  und  Hellen  bei 
der  Abspiegelung  mitwirken  müsse,  so  daß  ein  Fenster- 
stab, der  Ast  eines  Baumes,  ein  zufälliges  oder  mit  Vor- 
satz aufgestelltes  Hindernis  eine  merkliche  Wirkung  her- 
vorbringt. Auch  diese  Erscheinung  läßt  sich  in  der  Camera 
obscura  objektivieren. 

373.  Läßt  man  ein  poliertes  Silber  durch  Scheide wasser 
dergestalt  anfressen,  daß  das  darin  befindliche  Kupfer 
aufgelöst  und  die  Oberfläche  gewissermaßen  rauh  werde, 
und  läßt  alsdann  das  Sonnenbild  sich  auf  der  Platte  spie- 
geln, so  wird  es  von  jedem  unendlich  kleinen  erhöhten 
Pimkte  einzeln  zurückglänzen  und  die  Oberfläche  der  Platte 
in  bunten  Farben  erscheinen.  Ebenso  wenn  man  ein  schwar- 
zes ungeglättetes  Papier  in  die  Sonne  hält  imd  aufmerk- 
sam darauf  blickt,  sieht  man  es  in  seinen  kleinsten  Teilen 
bunt  in  den  lebhaftesten  Farben  glänzen. 

374.  Diese  sämtlichen  Erfahrungen  deuten  auf  ebendie- 
selben Bedingungen  hin.  In  dem  ersten  Falle  scheint  das 
Lichtbild  von  einer  schmalen  Linie  zurück,  in  dem  zwei- 
ten wahrscheinhch  von  scharfen  Kanten,  in  dem  dritten 
von  sehr  kleinen  Punkten.  Bei  allen  wird  ein  lebhaftes 
Licht  und  eine  Begrenzung  desselben  verlangt.  Nicht 
weniger  wird  zu  diesen  sämtlichen  Farberscheinungen  er- 


II.  PHYSISCHE  FARBEN  133 

fordert,  daß  sich  das  Auge  in  einer  proportionierten  Ferne 
von  den  reflektierenden  Punkten  befinde. 

375.  Stellt  man  diese  Beobachtungen  unter  dem  Mikro- 
skop an,  so  wird  die  Erscheinung  an  Kraft  und  Glanz  im- 
endlich  wachsen:  denn  man  sieht  alsdann  die  kleinsten 
Teile  der  Körper,  von  der  Sonne  beschienen,  in  diesen 
Reflexionsfarben  schimmern,  die,  mit  den  Refraktions- 
farben verwandt,  sich  nun  auf  die  höchste  Stufe  ihrer 
Herrlichkeit  erheben.  Man  bemerkt  in  solchem  Falle 
ein  wurmförmig  Buntes  auf  der  Oberfläche  organischer 
Körper,  wovon  das  Nähere  künftig  vorgelegt  werden 
soll. 

376.  Übrigens  sind  die  Farben,  welche  bei  der  Reflexion 
sich  zeigen,  vorzüglich  Purpur  und  Grün,  woraus  sich 
vermuten  läßt,  daß  besonders  die  streifige  Erscheinung 
aus  einer  zarten  Purpurlinie  bestehe,  welche  an  ihren  bei- 
den Seiten  teils  mit  Blau,  teils  mit  Gelb  eingefaßt  ist. 
Treten  die  Linien  sehr  nahe  zusammen,  so  muß  der  Zwi- 
schenraum grün  erscheinen,  ein  Phänomen,  das  uns  noch 
oft  vorkommen  wird. 

377.  In  der  Natur  begegnen  uns  dergleichen  Farben  öf- 
ters. Die  Farben  der  Spinneweben  setzen  wir  denen,  die 
von  Stahlsaiten  Widerscheinen,  völlig  gleich,  ob  sich 
schon  daran  nicht  so  gut  als  an  dem  Stahl  die  Undurch- 
dringlichkeit beglaubigen  läßt,  weswegen  man  auch  diese 
Farben  mit  zu  den  Refraktionserscheinungen  hat  ziehen 
wollen. 

378.  Beim  Perlemutter  werden  wir  unendlich  feine,  neben- 
einanderliegende organische  Fibern  und  Lamellen  gewahr, 
von  welchen,  wie  oben  beim  geritzten  Silber,  mannigfal- 
tige Farben,  vorzüglich  aber  Purpur  und  Grün  entspringen 
mögen. 

379.  Die  changeanten  Farben  der  Vogelfedern  werden 
hier  gleichfalls  erwähnt,  obgleich  bei  allem  Organischen 
eine  chemische  Vorbereitung  und  eine  Aneignung  der 
Farbe  an  den  Körper  gedacht  werden  kann,  wovon  bei 
Gelegenheit  der  chemischen  Farben  weiter  die  Rede  sein 
wird. 

380.  Daß  die  Erscheinungen  der  objektiven  Höfe  auch 


1 3  4    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

in  der  Nähe  katoptrischer  Phänomene  liegen,  wird  leicht 
zugegeben  werden,  ob  wir  gleich  nicht  leugnen,  daß  auch 
Refraktion  mit  im  Spiele  sei.  Wir  wollen  hier  nur  einiges 
bemerken,  bis  wir  nach  völlig  durchlaufenem  theoreti- 
schen Kreise  eine  vollkommnere  Anwendung  des  uns  als- 
dann im  allgemeinen  Bekannten  auf  die  einzelnen  Natur- 
erscheinungen zu  machen  imstande  sein  werden. 

381.  Wir  gedenken  zuerst  jenes  gelben  und  roten  Kreises 
an  einer  weißen  oder  graulichen  W^and,  den  wir  durch 
ein  nah  gestelltes  Licht  hervorgebracht  (88).  Das  Licht, 
indem  es  von  einem  Körper  zurückscheint,  wird  gemäßigt, 
das  gemäßigte  Licht  erregt  die  Empfindung  der  gelben 
und  ferner  der  roten  Farbe. 

382.  Eine  solche  Kerze  erleuchte  die  Wand  lebhaft  in 
unmittelbarer  Nähe.  Je  weiter  der  Schein  sich  verbreitet, 
desto  schwächer  wird  er;  allein  er  ist  doch  immer  die 
Wirkung  der  Flamme,  die  Fortsetzung  ihrer  Energie,  die 
ausgedehnte  Wirkung  ihres  Bildes.  Man  könnte  diese 
Kreise  daher  gar  wohl  Grenzbilder  nennen,  weil  sie  die 
Grenze  der  Tätigkeit  ausmachen  und  doch  auch  nur  ein 
erweitertes  Bild  der  Flamme  darstellen. 

383.  Wenn  der  Himmel  um  die  Sonne  weiß  tmd  leuch- 
tend ist,  indem  leichte  Dünste  die  Atmosphäre  erfüllen, 
wenn  Dünste  oder  Wolken  um  den  Mond  schweben,  so 
spiegelt  sich  der  Abglanz  der  Scheibe  in  denselben.  Die 
Höfe,  die  wir  alsdann  erblicken,  sind  einfach  oder  dop- 
pelt, kleiner  oder  größer,  zuweilen  sehr  groß,  oft  farblos, 
manchmal  farbig. 

384.  Einen  sehr  schönen  Hof  um  den  Mond  sah  ich  den 
15.  November  1799  bei  hohem  Barometerstande  und 
dennoch  wolkigem  und  dunstigem  Himmel.  Der  Hof  war 
völlig  farbig,  und  die  Kreise  folgten  sich  wie  bei  subjek- 
tiven Höfen  ums  Licht.  Daß  er  objektiv  war,  konnte  ich 
bald  einsehen,  indem  ich  das  Bild  des  Mondes  zuhielt 
und  der  Hof  dennoch  vollkommen  gesehen  wurde. 

385.  Die  verschiedene  Größe  der  Höfe  scheint  auf  die 
Nähe  oder  Ferne  des  Dunstes  von  dem  Auge  des  Beob- 
achters einen  Bezug  zu  haben. 

386.  Da  leicht  angehauchte  Fensterscheiben  die  Leb- 


II.  PHYSISCHE  FARBEN  135 

haftigkeit  dei  subjektiven  Höfe  vermehren  und  sie  ge- 
wissermaßen zu  objektiven  machen,  so  ließe  sich  vielleicht 
mit  einer  einfachen  Vorrichtung  bei  recht  rasch  kalter  Win- 
terzeit hiervon  die  nähere  Bestimmung  auffinden. 

387.  Wie  sehr  wir  Ursache  haben,  auch  bei  diesen  Krei- 
sen auf  das  Bild  und  dessen  Wirkung  zu  dringen,  zeigt 
sich  bei  dem  Phänomen  der  sogenannten  Nebensonnen. 
Dergleichen  Nachbarbilder  finden  sich  immer  auf  gewis- 
sen Punkten  der  Höfe  und  Kreise  und  stellen  das  wieder 
nur  begrenzter  dar,  was  in  dem  ganzen  Kreise  immer- 
fort allgemeiner  vorgeht.  An  die  Erscheinung  des  Regen- 
bogens  wird  sich  dieses  alles  bequemer  anschließen. 

388.  Zum  Schlüsse  bleibt  uns  nichts  weiter  übrig,  als 
daß  wir  die  Verwandtschaft  der  katoptrischen  Farben  mit 
den  paroptischen  einleiten. 

Die  paroptischen  Farben  werden  wir  diejenigen  nennen, 
welche  entstehen,  wenn  das  Licht  an  einem  undurchsich- 
tigen farblosen  Körper  herstrahlt.  Wie  nahe  sie  mit  den 
dioptrischen  der  zweiten  Klasse  verwandt  sind,  wird  jeder- 
mann leicht  einsehen,  der  mit  uns  überzeugt  ist,  daß  die 
Farben  der  Refraktion  bloß  an  den  Rändern  entstehen. 
Die  Verwandtschaft  der  katoptrischen  und  paroptischen 
aber  wird  uns  in  dem  folgenden  Kapitel  klar  werden. 

XXXII.  Paroptische  Farben 

389.  Die  paroptischen  Farben  wurden  bisher  periopti- 
sche genannt,  weil  man  sich  eine  Wirkung  des  Lichts 
gleichsam  um  den  Körper  herum  dachte,  die  man  einer 
gewissen  Biegbarkeit  des  Lichtes  nach  dem  Körper  hin 
und  vom  Körper  ab  zuschrieb. 

390.  Auch  diese  Farben  kann  man  in  objektive  und  sub- 
jektive einteilen,  weil  auch  sie  teils  außer  uns,  gleichsam 
wie  auf  der  Fläche  gemalt,  teils  in  uns  unmittelbar  auf  der 
Retina  erscheinen.  Wir  finden  bei  diesem  Kapitel  das 
vorteilhafteste,  die  objektiven  zuerst  zu  nehmen,  weil  die 
subjektiven  sich  so  nah  an  andre,  uns  schon  bekannte  Er- 
scheinungen anschließen,  daß  man  sie  kaum  davon  zu 
trennen  vermag. 


1 3  6    DP:R  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

391.  Die  paroptischen  Farben  werden  also  genannt,  weil, 
um  sie  hervorzubringen,  das  Licht  an  einem  Rande  her- 
strahlen muß.  Allein  nicht  immer,  wenn  das  Licht  an 
einem  Rande  herstrahlt,  erscheinen  sie;  es  sind  dazu  noch 
ganz  besondre  Nebenbedingungen  nötig. 

392.  Ferner  ist  zu  bemerken,  daß  hier  abermals  das  Licht 
keines weges  in  abstracto  wirke  (361),  sondern  die  Sonne 
scheint  an  einem  Rande  her.  Das  ganze  von  dem  Son- 
nenbild ausströmende  Licht  wirkt  an  einer  Körpergrenze 
vorbei  und  verursacht  Schatten.  An  diesen  Schatten,  in- 
nerhalb derselben  werden  wir  künftig  die  Farbe  gewahr 
werden. 

393.  Vor  allen  Dingen  aber  betrachten  wir  die  hieher 
gehörigen  Erfahrungen  in  vollem  Lichte.  Wir  setzen  den 
Beobachter  ins  Freie,  ehe  wir  ihn  in  die  Beschränkung 
der  dunklen  Kammer  führen. 

394.  Wer  im  Sonnenschein  in  einem  Garten  oder  sonst 
auf  glatten  Wegen  wandelt,  wird  leicht  bemerken,  daß 
sein  Schatten  nur  unten  am  Fuß,  der  die  Erde  betritt, 
scharf  begrenzt  erscheint;  weiter  hinauf,  besonders  um 
das  Haupt,  verfließt  er  sanft  in  die  helle  Fläche.  Denn 
indem  das  Sonnenlicht  nicht  allein  aus  der  Mitte  der 
Sonne  herströmt,  sondern  auch  von  den  beiden  Enden 
dieses  leuchtenden  Gestirnes  übers  Kreuz  wirkt,  so  ent- 
steht eine  objektive  Parallaxe,  die  an  beiden  Seiten  des 
Körpers  einen  Halbschatten  hervorbringt. 

395.  Wenn  der  Spaziergänger  seine  Hand  erhebt,  so  sieht 
er  an  den  Fingern  deutlich  das  Auseinanderweichen  der 
beiden  Halbschatten  nach  außen,  die  Verschmälerung  des 
Hauptschattens  nach  innen,  beides  Wirkungen  des  sich 
kreuzenden  Lichtes. 

396.  Man  kann  vor  einer  glatten  Wand  diese  Versuche 
mit  Stäben  von  verschiedener  Stärke  sowie  auch  mit 
Kugeln  wiederholen  und  vervielfältigen:  immer  wird  man 
finden,  daß,  je  weiter  der  Körper  von  der  Tafel  entfernt 
wird,  desto  mehr  verbreitet  sich  der  schwache  Doppel- 
schatten, desto  mehr  verschmälert  sich  der  starke  Haupt- 
schatten, bis  dieser  zuletzt  ganz  aufgehoben  scheint,  ja_ 
die  Doppelschatten  endlich  so  schwach  werden,  daß  sie 


IL  PHYSISCHE  FARBEN  137 

beinahe  verschwinden,  wie  sie  denn  in  mehrerer  Entfer- 
nung unbemerkhch  sind. 

397.  Daß  dieses  von  dem  sich  kreuzenden  Lichte  her- 
rühre, davon  kann  man  sich  leicht  überzeugen,  so  wie 
denn  auch  der  Schatten  eines  zugespitzten  Körpers  zwei 
Spitzen  deutlich  zeigt.  Wir  dürfen  also  niemals  außer 
Augen  lassen,  daß  in  diesem  Falle  das  ganze  Sonnenbild 
wirke,  Schatten  hervorbringe,  sie  in  Doppelschatten  ver- 
wandle und  endlich  sogar  aufhebe. 

398.  Man  nehme  nunmehr  statt  der  festen  Körper  aus- 
geschnittene Öffnungen  von  verschiedener  bestimmter 
Größe  nebeneinander  und  lasse  das  SonnenHcht  auf  eine 
etwas  entfernte  Tafel  hindurchfallen,  so  wird  man  finden, 
daß  das  helle  Bild,  welches  auf  der  Tafel  von  der  Sonne 
hervorgebracht  wird,  größer  sei  als  die  Öffnung,  welches 
daher  kommt,  daß  der  eine  Rand  der  Sonne  durch  die 
entgegengesetzte  Seite  der  Öffnung  noch  hindurchscheint, 
wenn  der  andre  durch  sie  schon  verdeckt  ist.  Daher 
ist  das  helle  Bild  an  seinen  Rändern  schwächer  be- 
leuchtet. 

399.  Nimmt  man  viereckte  Öffnungen,  von  welcher  Größe 
man  wolle,  so  wird  das  helle  Bild  auf  einer  Tafel,  die 
neun  Fuß  von  den  Öffnungen  steht,  um  einen  Zoll  an 
jeder  Seite  größer  sein  als  die  Öffnung,  welches  mit  dem 
Winkel  des  scheinbaren  Sonnendiameters  ziemlich  über- 
einkommt. 

400.  Daß  ebendiese  Rand  er  leuchtung  nach  und  nach  ab- 
nehme, ist  ganz  natürlich,  weil  zuletzt  nur  ein  Minimum 
des  Sonnenlichtes  vom  Sonnenrande  übers  Kreuz  durch 
den  Rand  der  Öffnung  einwirken  kann. 

401.  Wir  sehen  also  hier  abermals,  wie  sehr  wir  Ursache 
haben,  uns  in  der  Erfahrung  vor  der  Annahme  von  par- 
allelen Strahlen,  Strahlenbüscheln  und  -bündeln  und  der- 
gleichen hypothetischen  Wesen  zu  hüten  (309.  310). 

402.  Wir  können  uns  vielmehr  das  Scheinen  der  Sonne 
oder  irgendeines  Lichtes  als  eine  unendliche  Abspiegelung 
des  beschränkten  Lichtbildes  vorstellen,  woraus  sich  denn 
wohl  ableiten  läßt,  wie  alle  viereckte  Öffnungen,  durch 
welche  die  Sonne  scheint,  in  gewissen  Entfernungen,  je 


1 3  8    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

nachdem  sie  größer  oder  kleiner  sind,  ein  rundes  Bild 
geben  müssen. 

403.  Obige  Versuche  kann  man  durch  Öffnungen  von 
mancherlei  Form  und  Größe  wiederholen,  und  es  wird 
sich  immer  dasselbe  in  verschiedenen  Abweichungen  zei- 
gen; wobei  man  jedoch  immer  bemerken  wird,  daß  im 
vollen  Lichte  und  bei  der  einfachen  Operation  des  Her- 
scheinens  der  Sonne  an  einem  Rand  keine  Farbe  sich 
sehen  lasse. 

404.  Wir  wenden  uns  daher  zu  den  Versuchen  mit  dem 
gedämpften  Lichte,  welches  nötig  ist,  damit  die  Farben- 
erscheinung eintrete.  Man  mache  eine  kleine  Öffnung  in 
den  Laden  der  dunklen  Kammer,  man  fange  das  übers 
Kreuz  eindringende  Sonnenbild  mit  einem  weißen  Papiere 
auf,  und  man  wird,  je  kleiner  die  Öflfntmg  ist,  ein  desto 
matteres  Licht  erblicken,  und  zwar  ganz  natürlich,  weil 
die  Erleuchtung  nicht  von  der  ganzen  Sonne,  sondern 
nur  von  einzelnen  Punkten,  nur  teilweise  gewirkt  wird. 

405.  Betrachtet  man  dieses  matte  Sonnenbild  genau,  so 
findet  man  es  gegen  seine  Ränder  zu  immer  matter  und 
mit  einem  gelben  Saume  begrenzt,  der  sich  deutlich  zeigt, 
am  deutlichsten  aber,  wenn  sich  ein  Nebel  oder  eine 
durchscheinende  Wolke  vor  die  Sonne  zieht,  ihr  Licht 
mäßiget  und  dämpft.  Sollten  wir  uns  nicht  gleich  hiebei 
jenes  Hofes  an  der  Wand  und  des  Scheins  eines  nahe 
davorstehenden  Lichtes  erinnern  (88)? 

406.  Betrachtet  man  jenes  oben  beschriebene  Sonnen- 
bild genauer,  so  sieht  man,  daß  es  mit  diesem  gelben 
Saume  noch  nicht  abgetan  ist,  sondern  man  bemerkt 
noch  einen  zweiten  blaulichen  Kreis,  wo  nicht  gar  eine 
hofartige  Wiederholung  des  Farbensaums.  Ist  das  Zim- 
mer recht  dunkel,  so  sieht  man,  daß  der  zunächst  um  die 
Sonne  erhellte  Himmel  gleichfalls  einwirkt,  man  sieht 
den  blauen  Himmel,  ja  sogar  die  ganze  Landschaft  auf 
dem  Papiere  und  überzeugt  sich  abermals,  daß  hier  nur 
von  dem  Sonnenbilde  die  Rede  sei. 

407.  Nimmt  man  eine  etwas  größere  viereckte  Öffnung, 
welche  durch  das  Hineinstrahlen  der  Sonne  nicht  gleich 
rund  wird,  so  kann  man  die  Halbschatten  von  jedem 


IL  PHYSISCHE  FARBEN  139 

Rande,  das  Zusammentreffen  derselben  in  den  Ecken,  die 
Färbung  derselben  nach  Maßgabe  obgeiiieldeter  Erschei- 
nung der  nmden  Öffnung  genau  bemerken. 

408.  Wir  haben  nunmehr  ein  parallaktisch  scheinendes 
Licht  gedämpft,  indem  wir  es  durch  kleine  Öffnungen 
scheinen  ließen,  wir  haben  ihm  aber  seine  parallaktische 
Eigenschaft  nicht  genommen,  so  daß  es  abermals  Doppel- 
schatten der  Körper,  wenngleich  mit  gedämpfter  Wirkung, 
hervorbringen  kann.  Diese  sind  nunmehr  diejenigen,  auf 
welche  man  bisher  aufmerksam  gewesen,  welche  in  ver- 
schiedenen hellen  und  dunkeln,  farbigen  und  farblosen 
Kreisen  aufeinander  folgen  und  vermehrte,  ja  gewisser- 
maßen unzählige  Höfe  hervorbringen.  Sie  sind  oft  ge- 
zeichnet und  in  Kupfer  gestochen  worden,  indem  man 
Nadeln,  Haare  und  andre  schmale  Körper  in  das  ge- 
dämpfte Licht  brachte,  die  vielfachen  hofartigen  Doppel- 
schatten bemerkte  und  sie  einer  Aus-  und  Einbiegung 
des  Lichtes  zuschrieb  und  dadurch  erklären  wollte,  wie 
der  Kernschatten  aufgehoben  und  wie  ein  Helles  an  der 
Stelle  des  Dunkeln  erscheinen  könne. 

409.  Wir  aber  halten  vorerst  daran  fest,  daß  es  abermals 
parallaktische  Doppelschatten  sind,  welche  mit  farbigen 
Säumen  und  Höfen  begrenzt  erscheinen. 

410.  Wenn  man  alles  dieses  nun  gesehen,  untersucht 
und  sich  deutlich  gemacht  hat,  so  kann  man  zu  dem  Ver- 
suche mit  den  Messerklingen  schreiten,  welches  nur  ein 
Aneinanderrücken  und  parallaktisches  Übereinandergrei- 
fen  der  uns  schon  bekannten  Halbschatten  und  Höfe  ge- 
nannt werden  kann. 

41 1.  Zuletzt  hat  man  jene  Versuche  mit  Haaren,  Nadeln 
und  Drähten  in  jenem  Halblichte,  das  die  Sonne  wirkt,  so- 
wie im  Halblichte,  das  sich  vom  blauen  Himmel  herschreibt 
und  auf  dem  Papiere  zeigt,  anzustellen  und  zu  betrachten, 
wodurch  man  der  wahren  Ansicht  dieser  Phänomene  sich 
immer  mehr  bemeistern  wird. 

412.  Da  nun  aber  bei  diesen  Versuchen  alles  darauf  an- 
kommt, daß  man  sich  von  der  parallaktisch en  Wirkung 
des  scheinenden  Lichtes  überzeuge,  so  kann  man  sich  das, 
worauf  es  ankommt,  durch  zwei  Lichter  deutlicher  machen, 


1 40    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

wodurch  sich  die  zwei  Schatten  übereinander  führen  und 
völlig  sondern  lassen.  Bei  Tage  kann  es  durch  zwei  Öff- 
nungen am  Fensterladen  geschehen,  bei  Nacht  durch  zwei 
Kerzen;  ja  es  gibt  manche  Zufälligkeiten  in  Gebäuden 
beim  Auf-  und  Zuschlagen  von  Läden,  wo  man  diese  Er- 
scheinungen besser  beobachten  kann  als  bei  dem  sorg- 
fältigsten Apparate.  Jedoch  lassen  sich  alle  und  jede  zum 
Versuch  erheben,  wenn  man  einen  Kasten  einrichtet,  in 
den  man  oben  hineinsehen  kann  und  dessen  Türe  man 
sachte  zulehnt,  nachdem  man  vorher  ein  Doppellicht  ein- 
fallen lassen.  Daß  hierbei  die  von  uns  unter  den  physio- 
logischen Farben  abgehandelten  farbigen  Schatten  sehr 
leicht  eintreten,  läßt  sich  erwarten. 

413.  Überhaupt  erinnre  man  sich,  was  wir  über  die 
Natur  der  Doppelschatten,  Halblichter  und  dergleichen 
früher  ausgeführt  haben,  besonders  aber  mache  man  Ver- 
suche mit  verschiedenen  nebeneinander  gestellten  Schat- 
tierungen von  Grau,  wo  jeder  Streif  an  seinem  dunklen 
Nachbar  hell,  am  hellen  dunkel  erscheinen  wird.  Bringt 
man  abends  mit  drei  oder  mehreren  Lichtern  Schatten 
hervor,  die  sich  stufenweise  decken,  so  kann  man  dieses 
Phänomen  sehr  deutlich  gewahr  werden,  und  man  wird 
sich  überzeugen,  daß  hier  der  physiologische  Fall  eintritt, 
den  wir  oben  weiter  ausgeführt  haben  (38). 

414.  Inwiefern  nun  aber  alles,  was  von  Erscheinungen 
die  paroptischen  Farben  begleitet,  aus  der  Lehre  vom 
gemäßigten  Lichte,  von  Halbschatten  und  von  physiolo- 
gischer Bestimmung  der  Retina  sich  ableiten  lasse,  oder 
ob  wir  genötigt  sein  werden,  zu  gewissen  innern  Eigen- 
schaften des  Lichts  unsere  Zuflucht  zu  nehmen,  wie  man 
es  bisher  getan,  mag  die  Zeit  lehren.  Hier  sei  es  genug, 
die  Bedingungen  angezeigt  zu  haben,  unter  welchen  die 
paroptischen  Farben  entstehen,  so  wie  wir  denn  auch 
hoffen  können,  daß  unsre  Winke  auf  den  Zusammenhang 
mit  dem  bisherigen  Vortrag  von  Freunden  der  Natur  nicht 
unbeachtet  bleiben  werden. 

415.  Die  Verwandtschaft  der  paroptischen  Farben  mit 
den  dioptrischen  der  zweiten  Klasse  wird  sich  auch  jeder 
Denkende  gern  ausbilden.  Hier  wie  dort  ist  von  Rändern 


IL  PHYSISCHE  FARBEN  141 

die  Rede,  hier  wie  dort  von  einem  Lichte,  das  an  dem 
Rande  herscheint.  Wie  natürlich  ist  es  also,  daß  die  par- 
optischen  Wirkmigen  durch  die  dioptrischen  erhöht,  ver- 
stärkt und  verherrlicht  werden  können.  Doch  kann  hier 
mu-  von  den  objektiven  Refraktionsfällen  die  Rede  sein, 
da  das  leuchtende  Bild  wirklich  durch  das  Mittel  durch- 
scheint: denn  diese  sind  eigentlich  mit  den  paroptischen 
verwandt.  Die  subjektiven  Refraktionsfälle,  da  wir  die 
Bilder  durchs  Mittel  sehen,  stehen  aber  von  den  paropti- 
schen völlig  ab  und  sind  auch  schon  wegen  ihrer  Rein- 
heit von  uns  gepriesen  worden. 

416.  Wie  die  paroptischen  Farben  mit  den  katoptrischen 
zusammenhängen,  läßt  sich  aus  dem  Gesagten  schon  ver- 
muten: denn  da  die  katoptrischen  Farben  nur  an  Ritzen, 
Punkten,  Stahlsaiten,  zarten  Fäden  sich  zeigen,  so  ist  es 
ungefähr  derselbe  Fall,  als  wenn  das  Licht  an  einem 
Rande  herschiene.  Es  muß  jederzeit  von  einem  Rande 
zurückscheinen,  damit  unser  Auge  eine  Farbe  gewahr 
werde.  Wie  auch  hier  die  Beschränkung  des  leuchtenden 
Bildes  sowie  die  Mäßigung  des  Lichtes  zu  betrachten  sei, 
ist  oben  schon  angezeigt  worden. 

417.  Von  den  subjektiven  paroptischen  Farben  führen 
wir  nur  noch  weniges  an,  weil  sie  sich  teils  mit  den  phy- 
siologischen, teils  mit  den  dioptrischen  der  zweiten  Klasse 
in  Verbindung  setzen  lassen  und  sie  größtenteils  kaum 
hieher  zu  gehören  scheinen,  ob  sie  gleich,  wenn  man  ge- 
nau aufmerkt,  über  die  ganze  Lehre  und  ihre  Verknüp- 
fung ein  erfreuliches  Licht  verbreiten. 

418.  Wenn  man  ein  Lineal  dergestalt  vor  die  Augen 
hält,  daß  die  Flamme  des  Lichts  über  dasselbe  hervor- 
scheint, so  sieht  man  das  Lineal  gleichsam  eingeschnitten 
und  schartig  an  der  Stelle,  wo  das  Licht  hervorragt.  Es 
scheint  sich  dieses  aus  der  ausdehnenden  Kraft  des  Lichtes 
auf  der  Retina  ableiten  zu  lassen  (18). 

419.  Dasselbige  Phänomen  im  Großen  zeigt  sich  beim 
Aufgang  der  Sonne,  welche,  wenn  sie  rein,  aber  nicht 
allzu  mächtig  aufgeht,  also  daß  man  sie  noch  anblicken 
kann,  jederzeit  einen  scharfen  Einschnitt  in  den  Horizont 
macht. 


1 4  2    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

420.  Wenn  man  bei  grauem  Himmel  gegen  ein  Fenster 
tritt,  so  daß  das  dunkle  Kreuz  sich  gegen  denselben  ab- 
schneidet, wenn  man  die  Augen  alsdann  auf  das  horizon- 
tale Holz  richtet,  ferner  den  Kopf  etwas  vorzubiegen,  zu 
blinzen  und  aufwärts  zu  sehen  anfängt,  so  wird  man  bald 
unten  an  dem  Holze  einen  schönen  gelbroten  Saum,  oben 
über  demselben  einen  schönen  hellblauen  entdecken.  Je 
dunkelgrauer  imd  gleicher  der  Himmel,  je  dämmernder 
das  Zimmer  und  folglich  je  ruhiger  das  Auge,  desto  leb- 
hafter wird  sich  die  Erscheinung  zeigen,  ob  sie  sich  gleich 
einem  aufmerksamen  Beobachter  auch  bei  hellem  Tage 
darstellen  wird. 

421.  Man  biege  nunmehr  den  Kopf  zurück  und  blinzle 
mit  den  Augen  dergestalt,  daß  man  den  horizontalen 
Fensterstab  unter  sich  sehe,  so  wird  auch  das  Phänomen 
umgekehrt  erscheinen.  Man  wird  nämlich  die  obere  Kante 
gelb  und  die  untre  blau  sehen. 

422.  In  einer  dunkeln  Kammer  stellen  sich  die  Beob- 
achtungen am  besten  an.  Wenn  man  vor  die  Öffnung, 
vorweiche  man  gewöhnlich  das  Sonnenmikroskop  schraubt, 
ein  weißes  Papier  heftet,  wird  man  den  untern  Rand  des 
Kreises  blau,  den  obern  gelb  erblicken,  selbst  indem  man 
die  Augen  ganz  offen  hat  oder  sie  nur  insofern  zublinzt, 
daß  kein  Hof  sich  mehr  um  das  Weiße  herum  zeigt. 
Biegt  man  den  Kopf  zurück,  so  sieht  man  die  Farben 
umgekehrt. 

423.  Diese  Phänomene  scheinen  daher  zu  entstehen,  daß 
die  Feuchtigkeiten  unsres  Auges  eigentlich  nur  in  der 
Mitte,  wo  das  Sehen  vorgeht,  wirklich  achromatisch  sind, 
daß  aber  gegen  die  Peripherie  zu  und  in  unnatürlichen 
Stellungen,  als  Auf-  und  Niederbiegen  des  Kopfes,  wirk- 
lich eine  chromatische  Eigenschaft,  besonders  wenn  scharf 
absetzende  Bilder  betrachtet  werden,  übrigbleibe.  Daher 
diese  Phänomene  zu  jenen  gehören  mögen,  welche  mit 
den  dioptrischen  der  zweiten  Klasse  verwandt  sind. 

424.  Ähnliche  Farben  erscheinen,  wenn  man  gegen 
schwarze  und  weiße  Bilder  durch  den  Nadelstich  einer 
Karte  sieht.  Statt  des  weißen  Bildes  kann  man  auch 
den  lichten  Punkt  im  Bleche  des  Ladens  der  Camera  ob- 


IL  PHYSISCHE  FARBEN  143 

scura  wählen,  wenn  die  Vorrichtung  zu  den  paroptischen 
Farben  gemacht  ist. 

425.  Wenn  man  durch  eine  Röhre  durchsieht,  deren  un- 
tre Öffnung  verengt  oder  durch  verschiedene  Ausschnitte 
bedingt  ist,  erscheinen  die  Farben  gleichfalls. 

426.  An  die  paroptischen  Erscheinungen  aber  schließen 
sich  meines  Bedünkens  folgende  Phänomene  näher  an. 
Wenn  man  eine  Nadelspitze  nah  voi  das  Auge  hält,  so 
entsteht  in  demselben  ein  Doppelbild.  Besonders  merk- 
würdig ist  aber,  wenn  man  durch  die  zu  paroptischen 
Versuchen  eingerichteten  Messerklingen  hindurch  und 
gegen  einen  grauen  Himmel  sieht.  Man  blickt  nämlich 
wie  durch  einen  Flor,  und  es  zeigen  sich  im  Auge  sehr 
viele  Fäden,  welches  eigentlich  nur  die  wiederholten  Bil- 
der der  Klingenschärfen  sind,  davon  das  eine  immer  von 
dem  folgenden  sukzessiv  oder  wohl  auch  von  dem  gegen- 
über wirkenden  parallaktisch  bedingt  und  in  eine  Faden- 
gestalt verwandelt  wird, 

427.  So  ist  denn  auch  noch  schließlich  zu  bemerken, 
daß,  wenn  man  durch  die  Klingen  nach  einem  lichten 
Punkt  im  Fensterladen  hinsieht,  auf  der  Retina  dieselben 
farbigen  Streifen  und  Höfe  wie  auf  dem  Papiere  ent- 
stehen. 

428.  Und  so  sei  dieses  Kapitel  gegenwärtig  um  so  mehr 
geschlossen,  als  ein  Freund  übernommen  hat,  dasselbe 
nochmals  genau  durchzuexperimentieren,  von  dessen  Be- 
merkungen wir  bei  Gelegenheit  der  Revision  der  Tafeln 
und  des  Apparats  in  der  Folge  weitere  Rechenschaft  zu 
geben  hoffen. 

XXXIII.  Epoptische  Farben 

429.  Haben  wir  bisher  uns- mit  solchen  Farben  abge- 
geben, welche  zwar  sehr  lebhaft  erscheinen,  aber  auch 
bei  aufgehobener  Bedingung  sogleich  wieder  verschwin- 
den, so  machen  wir  nun  die  Erfahrung  von  solchen, 
welche  zwar  auch  als  vorübergehend  beobachtet  werden, 
aber  unter  gewissen  Umständen  sich  dergestalt  fixieren, 
daß  sie  auch  nach  aufgehobenen  Bedingungen,  welche 


1 44    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

ihre  Erscheinung  hervorbrachten,  bestehen  bleiben  und 
also  den  Übergang  von  den  physischen  zu  den  chemi- 
schen Farben  ausmachen. 

430.  Sie  entspringen  durch  verschiedene  Veranlassungen 
auf  der  Oberfläche  eines  farblosen  Körpers,  ursprüng- 
lich, ohne  Mitteilung,  Färbe,  Taufe  {ßmpif),  und  wir  wer- 
den sie  nun  von  ihrer  leisesten  Erscheinung  bis  zu  ihrer 
hartnäckigsten  Dauer  durch  die  verschiedenen  Bedin- 
gungen ihres  Entstehens  hindurch  verfolgen,  welche  wir  zu 
leichterer  Übersicht  hier  sogleich  summarisch  anführen. 

43 1 .  Erste  Bedingung:  Berührung  zweier  glatten  Flächen 
harter  durchsichtiger  Körper. 

Erster  Fall:  wenn  Glasmassen,  Glastafeln,  Linsen  anein- 
ander gedrückt  werden. 

Zweiter  Fall:  wenn  in  einer  soliden  Glas-,  Kristall-  oder 
Eismasse  ein  Sprung  entsteht. 

Dritter  Fall:  indem  sich  Lamellen  durchsichtiger  Steine 
voneinander  trennen. 

Zweite  Bedingung:  wenn  eine  Glasfläche  oder  ein  ge- 
schliffner Stein  angehaucht  wird. 

Dritte  Bedingung:  Verbindung  von  beiden  obigen,  daß 
man  nämlich  die  Glastafel  anhaucht,  eine  andre  drauf 
legt,  die  Farben  durch  den  Druck  erregt,  dann  das  Glas 
abschiebt,  da  sich  denn  die  Farben  nachziehen  und  mit 
dem  Hauche  verfliegen. 

Vierte  Bedingung:    Blasen  verschiedener  Flüssigkeiten, 
Seife,  Schokolade,  Bier,  Wein,  feine  Glasblasen. 
Fünfte  Bedingung:    Sehr  feine  Häutchen  und  Lamellen 
mineralischer  und  metallischer  Auflösungen;  das  Kalk- 
häutchen,  die  Oberfläche  stehender  Wasser,  besonders 
eisenschüssiger;  ingleichen  Häutchen  von  Öl  auf  dem 
Wasser,  besonders  von  Firnis  auf  Scheidewasser. 
Sechste  Bedingung:  wenn  Metalle  erhitzt  werden.   An- 
laufen des  Stahls  und  andrer  Metalle. 
Siebente  Bedingung:    wenn   die  Oberfläche   des  Glases 
angegriffen  wird. 

432.  Erste  Bedingung,  erster  Fall.  Wenn  zwei  konvexe 
Gläser  oder  ein  Konvex-  und  Planglas,  am  besten  ein 
Konvex-  imd  Hohlglas  sich  einander  berühren,  so  ent- 


II.  PHYSISCHE  FARBEN  145 

stehn  konzentrische  farbige  Kreise.  Bei  dem  gelindesten 
Druck  zeigt  sich  sogleich  das  Phänomen,  welches  nach 
und  nach  durch  verschiedene  Stufen  geführt  werden  kann. 
Wir  beschreiben  sogleich  die  vollendete  Erscheinung, 
weil  wir  die  verschiedenen  Grade,  durch  welche  sie  durch- 
geht, rückwärts  alsdann  desto  besser  werden  einsehen 
lernen. 

433.  Die  Mitte  ist  farblos;  daselbst,  wo  die  Gläser  durch 
den  stärksten  Druck  gleichsam  zu  einem  vereinigt  sind, 
zeigt  sich  ein  dunkelgrauer  Punkt,  um  denselben  ein 
silberweißer  Raum,  alsdann  folgen  in  abnehmenden  Ent- 
fernungen verschiedene  isolierte  Ringe,  welche  sämtlich 
aus  drei  Farben,  die  unmittelbar  miteinander  verbunden 
sind,  bestehen.  Jeder  dieser  Ringe,  deren  etwa  drei  bis 
vier  gezählt  werden  können,  ist  inwendig  gelb,  in  der 
Mitte  purpurfarben  und  auswendig  blau.  Zwischen  zwei 
Ringen  findet  sich  ein  silberweißer  Zwischenraum.  Die 
letzten  Ringe  gegen  die  Peripherie  des  Phänomens  stehen 
immer  enger  zusammen.  Sie  wechseln  mit  Purpur  und 
Grün,  ohne  einen  dazwischen  bemerklichen  silberweißen 
Raum. 

434.  Wir  wollen  nunmehr  die  sukzessive  Entstehung  des 
Phänomens  vom  gelindesten  Druck  an  beobachten. 

435.  Beim  gelindesten  Druck  erscheint  die  Mitte  selbst 
grün  gefärbt.  Darauf  folgen  bis  an  die  Peripherie  sämt- 
licher konzentrischen  Kreise  purpurne  und  grüne  Ringe. 
Sie  sind  verhältnismäßig  breit,  und  man  sieht  keine  Spur 
eines  silberweißen  Raums  zwischen  ihnen.  Die  grüne 
Mitte  entsteht  durch  das  Blau  eines  unentwickelten  Zir- 
kels, das  sich  mit  dem  Gelb  des  ersten  Kreises  vermischt. 
Alle  übrigen  Kreise  sind  bei  dieser  gelinden  Berührung 
breit,  ihre  gelben  und  blauen  Ränder  vermischen  sich 
und  bringen  das  schöne  Grün  hervor.  Der  Purpur  aber 
eines  jeden  Ringes  bleibt  rein  und  unberührt;  daher  zei- 
gen sich  sämtliche  Kreise  von  diesen  beiden  Farben. 

436.  Ein  etwas  stärkerer  Druck  entfernt  den  ersten  Kreis 
von  dem  unentwickelten  um  etwas  weniges  und  isoliert 
ihn,  so  daß  er  sich  nun  ganz  vollkommen  zeigt.  Die 
Mitte  erscheint  nun  als  ein  blauer  Punkt:  denn  das  Gelbe 

GOETHE  XVIl  »9. 


146  DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 
des  ersten  Kreises  ist  nun  durch  einen  silberweißen  Raum 
von  ihr  getrennt.  Aus  dem  Blauen  entwickelt  sich  in  dei 
Mitte  ein  Purpur,  welcher  jederzeit  nach  außen  seinen 
zugehörigen  blauen  Rand  behält.  Der  zweite,  dritte  Ring, 
von  innen  gerechnet,  ist  nun  schon  völlig  isoliert.  Kom- 
men abweichende  Fälle  vor,  so  wird  man  sie  aus  dem 
Gesagten  und  noch  zu  Sagenden  zu  beurteilen  wissen. 

437.  Bei  einem  stärkern  Druck  wird  die  Mitte  gelb,  sie 
ist  mit  einem  purpurfarbenen  und  blauen  Rand  um- 
geben. Endlich  zieht  sich  auch  dieses  Gelb  völlig  aus  der 
Mitte.  Der  innerste  Kreis  ist  gebildet,  und  die  gelbe  Farbe 
umgibt  dessen  Rand.  Nun  erscheint  die  ganze  Mitte  sil- 
berweiß, bis  zuletzt  bei  dem  stärksten  Druck  sich  der 
dunkle  Punkt  zeigt  und  das  Phänomen,  wie  es  zu  Anfang 
beschrieben  wurde,  vollendet  ist. 

438.  Das  Maß  der  konzentrischen  Ringe  und  ihrer  Ent- 
fernungen bezieht  sich  auf  die  Form  der  Gläser,  welche 
zusammengedrückt  werden. 

439.  Wir  haben  oben  bemerkt,  daß  die  farbige  Mitte  aus 
einem  unentwickelten  Kreise  bestehe.  Es  findet  sich  aber 
oft  bei  dem  gelindesten  Druck,  daß  mehrere  unentwickelte 
Kreise  daselbst  gleichsam  im  Keime  liegen,  welche  nach 
und  nach  vor  dem  Auge  des  Beobachters  entwickelt  wer- 
den können. 

440.  Die  Regelmäßigkeit  dieser  Ringe  entspringt  aus 
der  Form  des  Konvexglases,  und  der  Durchmesser  des 
Phänomens  richtet  sich  nach  dem  größern  oder  kleinern 
Kugelschnitt,  wornach  eine  Linse  geschlifien  ist.  Man 
schließt  daher  leicht,  daß  man  durch  das  Aneinander- 
drücken  von  Plangläsern  nur  unregelmäßige  Erschei- 
nungen sehen  werde,  welche  wellenförmig  nach  Art  der 
gewässerten  Seidenzeuge  erscheinen  und  sich  von  dem 
Punkte  des  Drucks  aus  nach  allen  Enden  verbreiten. 
Doch  ist  auf  diesem  Wege  das  Phänomen  viel  herrlicher 
als  auf  jenem  und  für  einen  jeden  auffallend  und  reizend. 
Stellt  man  nun  den  Versuch  auf  diese  Weise  an,  so  wird 
man  völlig  wie  bei  dem  oben  beschriebenen  bemerken, 
daß  bei  gelindem  Druck  die  grünen  und  purpurnen  Wellen 
zum  Vorschein  kommen,  beim  stärkeren  aber  Streifen, 


IL  PHYSISCHE  FARBEN  147 

welche  blau,  purpurn  und  gelb  sind,  sich  isolieren.  In 
dem  ersten  Falle  berühren  sich  ihre  Außenseiten,  in 
dem  zweiten  sind  sie  durch  einen  silberweißen  Raum  ge- 
trennt. 

441.  Ehe  wir  nun  zur  fernem  Bestimmung  dieses  Phä- 
nomens übergehen,  wollen  wir  die  bequemste  Art,  dasselbe 
hervorzubringen,  mitteilen. 

Man  lege  ein  großes  Konvexglas  vor  sich  auf  den  Tisch 
gegen  ein  Fenster  und  auf  dasselbe  eine  Tafel  wohlge- 
schliflfenen  Spiegelglases,  ungefähr  von  der  Größe  einer 
Spielkarte,  so  wird  die  bloße  Schwere  der  Tafel  sie  schon 
dergestalt  andrücken,  daß  eins  oder  das  andre  der  be- 
schriebenen Phänomene  entsteht,  und  man  wird  schon 
durch  die  verschiedene  Schwere  der  Glastafel,  durch  an- 
dre Zufälligkeiten,  wie  z.  B.  wenn  man  die  Glastafel  auf 
die  abhängende  Seite  des  Konvexglases  führt,  wo  sie 
nicht  so  stark  aufdrückt  als  in  der  Mitte,  alle  von  uns 
beschriebenen  Grade  nach  und  nach  hervorbringen  kön- 
nen. 

442.  Um  das  Phänomen  zu  bemerken,  muß  man  schief 
auf  die  Fläche  sehen,  auf  welcher  uns  dasselbe  erscheint. 
Äußerst  merkwürdig  ist  aber,  daß,  wenn  man  sich  immer 
mehr  neigt  und  unter  einem  spitzeren  Winkel  nach  dem 
Phänomen  sieht,  die  Kreise  sich  nicht  allein  erweitern, 
sondern  aus  der  Mitte  sich  noch  andre  Kreise  entwickeln, 
von  denen  sich,  wenn  man  perpendikulär  auch  durch  das 
stärkste  Vergrößerungsglas  darauf  sah,  keine  Spur  ent- 
decken ließ. 

443.  Wenn  das  Phänomen  gleich  in  seiner  größten  Schön- 
heit erscheinen  soll,  so  hat  man  sich  der  äußersten  Rein- 
lichkeit zubefleißigen.  Macht  man  den  Versuch  mit  Spiegel- 
glasplatten, so  tut  man  wohl,  lederne  Handschuh  anzu- 
ziehen. Man  kann  bequem  die  innern  Flächen,  welche 
sich  auf  das  genaueste  berühren  müssen,  vor  dem  Ver- 
suche reinigen  und  die  äußern  bei  dem  Versuche  selbst 
unter  dem  Drücken  rein  erhalten. 

444.  Man  sieht  aus  obigem,  daß  eine  genaue  Berührung 
zweier  glatten  Flächen  nötig  ist.  GeschHffene  Gläser  tun 
den  besten  Dienst.  Glasplatten  zeigen  die  schönsten  Far- 


148    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

ben,  wenn  sie  aneinander  festhängen,  und  aus  ebendieser 
Ursache  soll  das  Phänomen  an  Schönheit  wachsen,  wenn 
sie  unter  die  Luftpumpe  gelegt  werden  und  man  die  Luft 
auspumpt. 

445.  Die  Erscheinung  der  farbigen  Ringe  kann  am  schön- 
sten hervorgebracht  werden,  wenn  man  ein  konvexes  und 
konkaves  Glas,  die  nach  einerlei  Kugelschnitt  geschliffen 
sind,  zusammenbringt.  Ich  habe  die  Erscheinung  nie- 
mals glänzender  gesehen  als  bei  dem  Objektivglase  ei- 
nes achromatischen  Femrohrs,  bei  welchem  das  Crown - 
glas  mit  dem  Flintglase  sich  allzugenau  berühren 
mochte. 

446.  Merkwürdig  ist  die  Erscheinung,  wenn  ungleich- 
artige Flächen,  z.  B.  ein  geschliffner  Kristall  an  eine 
Glasplatte  gedrückt  wird.  Die  Erscheinung  zeigt  sich 
keinesweges  in  großen  fließenden  Wellen,  wie  bei  der 
Verbindung  des  Glases  mit  dem  Glase,  sondern  sie  ist 
klein  und  zackig  und  gleichsam  unterbrochen,  so  daß  es 
scheint,  die  Fläche  des  geschliffenen  Kristalls,  die  aus 
unendlich  kleinen  Durchschnitten  der  Lamellen  besteht, 
berühre  das  Glas  nicht  in  einer  solchen  Kontinuität,  als 
es  von  einem  andern  Glase  geschieht. 

447.  Die  Farbenerscheinung  verschwindet  durch  den 
stärksten  Druck,  der  die  beiden  Flächen  so  innig  verbin- 
det, daß  sie  nur  einen  Körper  auszumachen  scheinen. 
Daher  entsteht  der  dunkle  Punkt  in  der  Mitte,  weil  die 
gedrückte  Linse  auf  diesem  Punkte  kein  Licht  mehr  zu- 
rückwirft, sowie  ebenderselbe  Punkt,  wenn  man  ihn  gegen 
das  Licht  sieht,  völlig  hell  und  durchsichtig  ist.  Bei 
Nachlassung  des  Drucks  verschwinden  die  Farben  all- 
mählich, und  völlig,  wenn  man  die  Flächen  voneinander 
schiebt. 

448.  Ebendiese  Erscheinungen  kommen  noch  in  zwei 
ähnlichen  Fällen  vor.  Wenn  ganze  durchsichtige  Massen 
sich  voneinander  in  dem  Grade  trennen,  daß  die  Flächen 
ihrer  Teile  sich  noch  hinreichend  berühren,  so  sieht  man 
dieselben  Kreise  und  Wellen  mehr  oder  weniger.  Man 
kann  sie  sehr  schön  hervorbringen,  wenn  man  eine  er- 
hitzte Glasmasse  ins  Wasser  taucht,  in  deren  verschie- 


IL  PHYSISCHE  FARBEN  149 

denen  Rissen  und  Sprüngen  man  die  Farben  in  mannig- 
faltigen Zeichnungen  bequem  beobachten  kann.  Die  Na- 
tur zeigt  uns  oft  dasselbe  Phänomen  an  gesprungenem 
Bergkristall. 

449.  Häufig  aber  zeigt  sich  diese  Erscheinung  in  der 
mineralischen  Welt  an  solchen  Steinarten,  welche  ihrer 
Natur  nach  blättrig  sind.  Diese  ursprünglichen  Lamellen 
sind  zwar  so  innig  verbunden,  daß  Steine  dieser  Art  auch 
völlig  durchsichtig  und  farblos  erscheinen  können;  doch 
werden  die  innerlichen  Blätter  durch  manche  Zufälle  ge- 
trennt, ohne  daß  die  Berührung  aufgehoben  werde,  imd 
so  wird  die  uns  nun  genugsam  bekannte  Erscheinung  öf- 
ters hervorgebracht,  besonders  bei  Kalkspäten, bei  Frauen- 
eis, bei  der  Adularia  und  mehrem  ähnlich  gebildeten  Mi- 
neralien. Es  zeigt  also  eine  Unkenntnis  der  nächsten 
Ursachen  einer  Erscheinung,  welche  zufällig  so  oft  her- 
vorgebracht wird,  wenn  man  sie  in  der  Mineralogie  für 
so  bedeutend  hielt  und  den  Exemplaren,  welche  sie  zeig- 
ten, einen  besondern  Wert  beilegte. 

450.  Es  bleibt  uns  nur  noch  übrig,  von  der  höchst  merk- 
würdigen Umwendung  dieses  Phänomens  zu  sprechen, 
wie  sie  uns  von  den  Naturforschern  überliefert  worden. 
Wenn  man  nämlich,  anstatt  die  Farben  bei  reflektiertem 
Lichte  zu  betrachten,  sie  bei  durchfallendem  Licht  beob- 
achtet, so  sollen  an  derselben  Stelle  die  entgegengesetz- 
ten, und  zwar  auf  ebendie  Weise,  wie  wir  solche  oben 
physiologisch  als  Farben,  die  einander  fordern,  angegeben 
haben,  erscheinen.  An  der  Stelle  des  Blauen  soll  man 
das  Gelbe  und  umgekehrt,  an  der  Stelle  des  Roten  das 
Grüne  usw.  sehen.  Die  näheren  Versuche  sollen  künftig 
angegeben  werden,  um  so  mehr,  als  bei  uns  über  diesen 
Punkt  noch  einige  Zweifel  obwalten. 

451.  Verlangte  man  nun  von  uns,  daß  wir  über  diese 
bisher  vorgetragenen  epoptischen  Farben,  die  unter  der 
ersten  Bedingung  erscheinen,  etwas  Allgemeines  aus- 
sprechen und  diese  Phänomene  an  die  frühern  physi- 
schen Erscheinungen  anknüpfen  sollten,  so  würden  wir 
folgendermaßen  zu  Werke  gehen. 

452.  Die  Gläser,  welche  zu  den  Versuchen  gebraucht 


1 5  o    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

werden,  sind  als  ein  empirisch  möglichst  Durchsichtiges 
anzusehen.  Sie  werden  aber  nach  unsrer  Überzeugimg 
durch  eine  innige  Berührung,  wie  sie  der  Druck  verur- 
sacht, sogleich  auf  ihren  Oberflächen,  jedoch  nur  auf  das 
leiseste  getrübt.  Innerhalb  dieser  Trübe  entstehn  so- 
gleich die  Farben,  und  zwar  enthält  jeder  Ring  das  ganze 
System:  denn  indem  die  beiden  entgegengesetzten,  das 
Gelb  und  Blau,  mit  ihren  roten  Enden  verbunden  sind, 
zeigt  sich  der  Purpur,  das  Grüne  hingegen,  wie  bei  dem 
prismatischen  Versuch,  wenn  Gelb  und  Blau  sich  er- 
reichen. 

453.  Wie  durchaus  bei  Entstehung  der  Farbe  das  ganze 
System  gefordert  wird,  haben  wir  schon  früher  mehrmals 
erfahren,  und  es  hegt  auch  in  der  Natur  jeder  physischen 
Erscheinung,  es  liegt  schon  in  dem  Begriff  von  polari- 
scher Entgegensetzung,  wodurch  eine  elementare  Einheit 
zur  Erscheinung  kommt. 

454.  Daß  bei  durchscheinendem  Licht  eine  andre  Farbe 
sich  zeigt  als  bei  reflektiertem,  erinnert  uns  an  jene  di- 
optrischen  Farben  der  ersten  Klasse,  die  wir  auf  eben- 
diese  Weise  aus  dem  Trüben  entspringen  sahen.  Daß 
aber  auch  hier  ein  Trübes  obwalte,  daran  kann  fast  kein 
Zweifel  sein:  denn  das  Ineinandergreifen  der  glättesten 
Glasplatten,  welches  so  stark  ist,  daß  sie  fest  aneinander 
hängen,  bringt  eine  Halbvereinigung  hervor,  die  jeder 
von  beiden  Flächen  etwas  an  Glätte  imd  Durchsichtig- 
keit entzieht.  Den  völligen  Ausschlag  aber  möchte  die 
Betrachtung  geben,  daß  in  der  Mitte,  wo  die  Linse  am 
festesten  auf  das  andre  Glas  aufgedrückt  und  eine  voll- 
kommene Vereinigung  hergestellt  wird,  eine  völlige  Durch- 
sichtigkeit entstehe,  wobei  man  keine  Farbe  mehr  ge- 
wahr wird.  Jedoch  mag  alles  dieses  seine  Bestätigung 
erst  nach  vollendeter  allgemeiner  Übersicht  des  Ganzen 
erhalten. 

455.  Zweite  Bedingung.  Wenn  man  eine  angehauchte 
Glasplatte  mit  dem  Finger  abwischt  und  sogleich  wieder 
anhaucht,  sieht  man  sehr  lebhaft  durcheinander  schwe- 
bende Farben,  welche,  indem  der  Hauch  abläuft,  ihren 
Ort  verändern  und  zuletzt  mit  dem  Hauche  verschwinden. 


II.  PHYSISCHE  FARBB:N  151 

Wiederholt  man  diese  Operation,  so  werden  die  Farben 
lebhafter  und  schöner  und  scheinen  auch  länger  als  die 
ersten  Male  zu  bestehen, 

456.  So  schnell  auch  dieses  Phänomen  vorübergeht  und 
so  konfus  es  zu  sein  scheint,  so  glaub  ich  doch  Folgendes 
bemerkt  zu  haben.  Im  Anfange  erscheinen  alle  Gnind- 
farben  und  ihre  Zusammensetzungen.  Haucht  man  stär- 
ker, so  kann  man  die  Erscheinung  in  einer  Folge  ge- 
wahr werden.  Dabei  läßt  sich  bemerken,  daß,  wenn  der 
Hauch  im  Ablaufen  sich  von  allen  Seiten  gegen  die 
Mitte  des  Glases  zieht,  die  blaue  Farbe  zuletzt  ver- 
schwindet. 

457.  Das  Phänomen  entsteht  am  leichtesten  zwischen 
den  zarten  Streifen,  welche  der  Strich  des  Fingers  auf 
der  klaren  Fläche  zurückläßt,  oder  es  erfordert  eine  son- 
stige, gewissermaßen  rauhe  Disposition  der  Oberfläche 
des  Körpers.  Auf  manchen  Gläsern  kann  man  durch  den 
bloßen  Hauch  schon  die  Farbenerscheinung  hervorbrin- 
gen, auf  andern  hingegen  ist  das  Reiben  mit  dem  Finger 
nötig;  ja  ich  habe  geschliffene  Spiegelgläser  gefunden, 
von  welchen  die  eine  Seite,  angehaucht,  sogleich  die  Far- 
ben lebhaft  zeigte,  die  andre  aber  nicht.  Nach  den  über- 
bliebenen  Facetten  zu  urteilen,  war  jene  ehmals  die  freie 
Seite  des  Spiegels,  diese  aber  die  innere,  durch  das  Queck- 
silber bedeckte  gewesen. 

458.  Wie  nun  diese  Versuche  sich  am  besten  in  der 
Kälte  anstellen  lassen,  weil  sich  die  Platte  schneller  und 
reiner  anhauchen  läßt  und  der  Hauch  schneller  wieder 
abläuft,  so  kann  man  auch  bei  starkem  Frost,  in  der 
Kutsche  fahrend,  das  Phänomen  im  Großen  gewahr  wer- 
den, wenn  die  Kutschfenster  sehr  rein  geputzt  und  sämt- 
lich aufgezogen  sind.  Der  Hauch  der  in  der  Kutsche 
sitzenden  Personen  schlägt  auf  das  zarteste  an  die  Schei- 
ben und  erregt  sogleich  das  lebhafteste  Farbenspiel.  In- 
wiefern eine  regelmäßige  Sukzession  darin  sei,  habe  ich 
nicht  bemerken  können.  Besonders  lebhaft  aber  erschei- 
nen die  Farben,  wenn  sie  einen  dunklen  Gegenstand  zum 
Hintergrunde  haben.  Dieser  Farbenwechsel  dauert  aber 
nicht  lange:   denn  sobald  sich  der  Hauch   in   stärkere 


1 5  2     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

Tropfen  sammelt  oder  zu  Eisnadeln  gefriert,  so  ist  die 
Erscheinung  alsbald  aufgehoben. 

459.  Dritte  Bedingung.  Man  kann  die  beiden  vorher- 
gehenden Versuche  des  Druckes  und  Hauches  verbinden, 
indem  man  nämlich  eine  Glasplatte  anhaucht  und  die  an- 
dre sogleich  darauf  drückt.  Es  entstehen  alsdann  die 
Farben  wie  beim  Drucke  zweier  unangehauchten,  nur  mit 
dem  Unterschiede,  daß  die  Feuchtigkeit  hie  und  da  einige 
Unterbrechung  der  Wellen  verursacht.  Schiebt  man  eine 
Glasplatte  von  der  andern  weg,  so  läuft  der  Hauch  far- 
big ab. 

460.  Man  könnte  jedoch  behaupten,  daß  dieser  verbun- 
dene Versuch  nichts  mehr  als  die  einzelnen  sage:  denn 
wie  es  scheint,  so  verschwinden  die  durch  den  Druck 
erregten  Farben  in  dem  Maße,  wie  man  die  Gläser  von- 
einander abschiebt,  und  die  behauchten  Stellen  laufen 
alsdann  mit  ihren  eignen  Farben  ab. 

461.  Vierte  Bedingufig.  Farbige  Erscheinungen  lassen  sich 
fast  an  allen  Blasen  beobachten.  Die  Seifenblasen  sind 
die  bekanntesten,  und  ihre  Schönheit  ist  am  leichtesten 
darzustellen.  Doch  findet  man  sie  auch  beim  Weine,  Bier, 
bei  geistigen  reinen  Liquoren,  besonders  auch  im  Schaume 
der  Schokolade. 

462.  Wie  wir  oben  einen  unendlich  schmalen  Raum  zwi- 
schen zwei  Flächen,  welche  sich  berühren,  erforderten, 
so  kann  man  das  Häutchen  der  Seifenblase  als  ein  un- 
endlich dünnes  Blättchen  zwischen  zwei  elastischen  Kör- 
pern ansehen:  denn  die  Erscheinung  zeigt  sich  doch  ei- 
sentlich  zwischen  der  innern,  die  Blase  auftreibenden 
Luft  und  zwischen  der  atmosphärischen. 

463.  Die  Blase,  indem  man  sie  hervorbringt,  ist  farblos; 
dann  fangen  farbige  Züge  wie  des  Marmorpapieres  an, 
sich  sehen  zu  lassen,  die  sich  endlich  über  die  ganze 
Blase  verbreiten  oder  vielmehr  um  sie  herumgetrieben 
werden,  indem  man  sie  aufbläst. 

464.  Es  gibt  verschiedene  Arten,  die  Blase  zu  machen: 
frei,  indem  man  den  Strohhalm  nur  in  die  Auflösung 
taucht  und  die  hängende  Blase  durch  den  Atem  auftreibt. 
Hier  ist  die  Entstehung  der  Farbenerscheinung  schwer 


II.  PHYSISCHE  FARBEN  153 

zu  beobachten,  weil  die  schnelle  Rotation  keine  genaue 
Bemerkung  zuläßt  und  alle  Farben  durcheinander  gehen. 
Doch  läßt  sich  bemerken,  daß  die  Farben  am  Strohhalm 
anfangen.  Ferner  kann  man  in  die  Auflösung  selbst  bla- 
sen, jedoch  vorsichtig,  damit  nur  eine  Blase  entstehe. 
Sie  bleibt,  wenn  man  sie  nicht  sehr  auftreibt,  weiß;  wenn 
aber  die  Auflösung  nicht  allzu  wäßrig  ist,  so  setzen  sich 
Kreise  um  die  perpendikulare  Achse  der  Blase,  die  ge- 
wöhnlich grün  und  purpurn  abwechseln,  indem  sie  nah 
aneinander  stoßen.  Zuletzt  kann  man  auch  mehrere  Bla- 
sen nebeneinander  hervorbringen,  die  noch  mit  der  Auf- 
lösung zusammenhangen.  In  diesem  Falle  entstehen  die 
Farben  an  den  Wänden,  wo  zwei  Blasen  einander  platt- 
gedrückt haben. 

465.  An  den  Blasen  des  Schokoladenschaums  sind  die 
Farben  fast  bequemer  zu  beobachten  als  an  den  Seifen- 
blasen. Sie  sind  beständiger,  obgleich  kleiner.  In  ihnen 
wird  durch  die  Wärme  ein  Treiben,  eine  Bewegung  her- 
vorgebracht und  unterhalten,  die  zur  Entwicklung,  Suk- 
zession und  endlich  zum  Ordnen  des  Phänomens  nötig 
zu  sein  scheinen. 

466.  Ist  die  Blase  klein  oder  zwischen  andern  einge- 
schlossen, so  treiben  sich  farbige  Züge  auf  der  Ober- 
fläche herum,  dem  marmorierten  Papiere  ähnlich;  man 
sieht  alle  Farben  unsres  Schemas  durcheinander  ziehen, 
die  reinen,  gesteigerten,  gemischten,  alle  deutlich  hell 
und  schön.  Bei  kleinen  Blasen  dauert  das  Phänomen 
immer  fort. 

467.  Ist  die  Blase  größer  oder  wird  sie  nach  und  nach 
isoliert  dadurch,  daß  die  andern  neben  ihr  zerspringen, 
so  bemerkt  man  bald,  daß  dieses  Treiben  und  Ziehen 
der  Farben  auf  etwas  abzwecke.  Wir  sehen  nämlich  auf 
dem  höchsten  Punkte  der  Blase  einen  kleinen  Kreis  ent- 
stehen, der  in  der  Mitte  gelb  ist;  die  übrigen  farbigen 
Züge  bewegen  sich  noch  immer  wurmförmig  um  ihn  her. 

468.  Es  dauert  nicht  lange,  so  vergrößert  sich  der  Kreis 
und  sinkt  nach  allen  Seiten  hinab.  In  der  Mitte  behält 
er  sein  Gelb,  nach  unten  und  außen  wird  er  purpurfarben 
und  bald  blau.    Unter  diesem  entsteht  wieder  ein  neuer 


1 5 4    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 
Kreis  von  ebendieser  Farbenfolge.    Stehen  sie  nahe  ge- 
nug beisammen,  so  entsteht  aus  Vermischung  der  End- 
farben ein  Grün. 

469.  Wenn  ich  drei  solcher  Hauptkreise  zählen  konnte, 
so  war  die  Mitte  farblos,  und  dieser  Raum  wurde  nach 
und  nach  größer,  indem  die  Kreise  mehr  niedersanken, 
bis  zuletzt  die  Blase  zerplatzte. 

470.  Fünfte  Bedingung.  Es  können  auf  verschiedene 
Weise  sehr  zarte  Häutchen  entstehen,  an  welchen  man 
ein  sehr  lebhaftes  Farbenspiel  entdeckt,  indem  nämlich 
sämtliche  Farben  entweder  in  der  bekannten  Ordnung 
oder  mehr  verworren  durcheinander  laufend  gesehen  wer- 
den. Das  Wasser,  in  welchem  ungelöschter  Kalk  aufge- 
löst worden,  überzieht  sich  bald  mit  einem  farbigen  Häut- 
chen. Ein  gleiches  geschieht  auf  der  Oberfläche  stehen- 
der Wasser,  vorzüglich  solcher,  welche  Eisen  enthalten. 
Die  Lamellen  des  feinen  Weinsteins,  die  sich,  besonders 
von  rotem  französischen  Weine,  in  den  Bouteillen  an- 
legen, glänzen  von  den  schönsten  Farben,  wenn  sie  auf 
sorgfältige  Weise  losgeweicht  und  an  das  Tageslicht  ge- 
bracht werden.  Öltropfen  auf  Wasser,  Branntwein  imd 
andern  Flüssigkeiten  bringen  auch  dergleichen  Ringe  und 
Flämmchen  hervor.  Der  schönste  Versuch  aber,  den  man 
machen  kann,  ist  folgender.  Man  gieße  nicht  allzu  star- 
kes Scheidewasser  in  eine  flache  Schale  tmd  tropfe  mit 
einem  Pinsel  von  jenem  Firnis  darauf,  welchen  die  Kupfer- 
stecher brauchen,  um  während  des  Ätzens  gewisse  Stellen 
ihrer  Platten  zu  decken.  Sogleich  entsteht  unter  lebhafter 
Bewegung  ein  Häutchen,  das  sich  in  Kreise  ausbreitet 
und  zugleich  die  lebhaftesten  Farbenerscheinungen  her- 
vorbringt. 

471.  Sechste  Bedingung.  Wenn  Metalle  erhitzt  werden, 
so  entstehen  auf  ihrer  Oberfläche  flüchtig  aufeinander- 
folgende Farben,  welche  jedoch  nach  Belieben  festge- 
halten werden  können. 

472.  Man  erhitze  einen  polierten  Stahl,  und  er  wird  in 
einem  gewissen  Grad  der  Wärme  gelb  überlaufen.  Nimmt 
man  ihn  schnell  von  den  Kohlen  weg,  so  bleibt  ihm  diese 
Farbe. 


II.  PHYSISCHE  FARBEN  155 

473.  Sobald  der  Stahl  heißer  wird,  erscheint  das  Gelbe 
dunkler,  höher  und  geht  bald  in  den  Purpur  hinüber. 
Dieser  ist  schwer  festzuhalten,  denn  er  eilt  sehr  schnell 
ins  Hochblaue. 

474.  Dieses  schöne  Blau  ist  festzuhalten,  wenn  man 
schnell  den  Stahl  aus  der  Hitze  nimmt  und  ihn  in  Asche 
steckt.  Die  blau  angelaufnen  Stahlarbeiten  werden  auf 
diesem  Wege  hervorgebracht.  Fährt  man  aber  fort,  den 
Stahl  frei  über  dem  Feuer  zu  halten,  so  wird  er  in  kur- 
zem hellblau,  und  so  bleibt  er. 

475.  Diese  Farben  ziehen  wie  ein  Hauch  über  die  Stahl- 
platte, eine  scheint  vor  der  andern  zu  fliehen;  aber  ei- 
gentlich entwickelt  sich  immer  die  folgende  aus  der  vor- 
hergehenden. 

476.  Wenn  man  ein  Federmesser  ins  Licht  hält,  so  wird 
ein  farbiger  Streif  quer  über  die  Klinge  entstehen.  Der 
Teil  des  Streifes,  der  am  tiefsten  in  der  Flamme  war,  ist 
hellblau,  das  sich  ins  Blaurote  verliert.  Der  Purpur  steht 
in  der  Mitte,  dann  folgt  Gelbrot  und  Gelb. 

477.  Dieses  Phänomen  leitet  sich  aus  dem  vorhergehen- 
den ab;  denn  die  Klinge  nach  dem  Stiele  zu  ist  weniger 
erhitzt  als  an  der  Spitze,  welche  sich  in  der  Flamme  be- 
findet, und  so  müssen  alle  Farben,  die  sonst  nacheinan- 
der entstehen,  auf  einmal  erscheinen,  und  man  kann  sie 
auf  das  beste  figiert  aufbewahren. 

478.  Robert  Boyle  gibt  diese  Farbensukzession  folgen- 
dermaßen an:  a  florido  flavo  ad  flavwn  saturuni  et  rube- 
scentem  i^uem  artifices  sanguineum  vocani)^  inde  ad  langui- 
dum,  postea  ad  saturioreni  cyanetim.  Dieses  wäre  ganz  gut, 
wenn  man  die  Worte  languidus  und  saturior  ihre  Stellen 
verwechseln  ließe.  Inwiefern  die  Bemerkung  richtig  ist, 
daß  die  verschiedenen  Farben  auf  die  Grade  der  folgen- 
den Härtung  Einfluß  haben,  lassen  wir  dahingestellt  sein. 
Die  Farben  sind  hier  nur  Anzeichen  der  verschiedenen 
Grade  der  Hitze. 

479.  Wenn  man  Blei  kalziniert,  wird  die  Oberfläche  erst 
i^raulich.  Dieses  grauliche  Pulver  wird  durch  größere 
Hitze  gelb  und  sodann  orange.  Auch  das  Silber  zeigt 
bei  der  Erhitzung  Farben.    Der  Blick  des  Silbers  beim 


1 5 6     DER  FARBENLEHRE  DU )AKTISCHER  TEIL 

Abtreiben  gehört  auch  hieher.  Wenn  metallische  Gläser 
schmelzen,  entstehen  gleichfalls  Farben  auf  der  Ober- 
fläche. 

480.  Siebente  Bedingung:  wenn  die  Oberfläche  des  Gla- 
ses angegriffen  wird.  Das  Blindwerden  des  Glases  ist 
uns  oben  schon  merkwürdig  gewesen.  Man  bezeichnet 
durch  diesen  Ausdruck,  wenn  die  Oberfläche  des  Glases 
dergestalt  angegriffen  wird,  daß  es  uns  trüb  erscheint. 

481.  Das  weiße  Glas  wird  am  ersten  bhnd,  desgleichen 
gegossenes  und  nachher  geschliffenes  Glas,  das  blauliche 
weniger,  das  grüne  am  wenigsten. 

482.  Eine  Glastafel  hat  zweierlei  Seiten,  davon  man  die 
eine  die  Spiegelseite  nennt.  Es  ist  die,  welche  im  Ofen 
oben  liegt,  an  der  man  rundliche  Erhöhungen  bemerken 
kann.  Sie  ist  glätter  als  die  andere,  die  im  Ofen  unten 
liegt  und  an  welcher  man  manchmal  Kritzen  bemerkt. 
Man  nimmt  deswegen  gern  die  Spiegelseite  in  die  Zim- 
mer, weil  sie  durch  die  von  innen  anschlagende  Feuchtig- 
keit weniger  als  die  andre  angegriffen  und  das  Glas  da- 
her weniger  bhnd  wird. 

483.  Dieses  Blindwerden  oder  Trüben  des  Glases  geht 
nach  und  nach  in  eine  Farbenerscheinung  über,  die  sehr 
lebhaft  werden  kann  und  bei  welcher  vielleicht  auch  eine 
gewisse  Sukzession  oder  sonst  etwas  Ordnungsgemäßes 
zu  entdecken  wäre. 

484.  Und  so  hätten  wir  denn  auch  die  physischen  Far- 
ben von  ihrer  leisesten  Wirkung  an  bis  dahin  geführt, 
wo  sich  diese  flüchtigen  Erscheinungen  an  die  Körper 
festsetzen,  und  wir  wären  auf  diese  Weise  an  die  Grenze 
gelangt,  wo  die  chemischen  Farben  eintreten,  ja  gewisser- 
maßen haben  wir  diese  Grenze  schon  überschritten;  wel- 
ches für  die  Stetigkeit  unsres  Vortrags  ein  gutes  Vor- 
urteil erregen  mag.  Sollen  wir  aber  noch  zu  Ende  die- 
ser Abteilung  etwas  Allgemeines  aussprechen  und  auf 
ihren  innern  Zusammenhang  hindeuten,  so  fügen  wir  zu 
dem,  was  wir  oben  (451 — 454)  gesagt  haben,  noch  Fol- 
gendes hinzu. 

485.  Das  Anlaufen  des  Stahls  und  die  verwandten  Er- 
fahrungen könnte  man  vielleicht  ganz  bequem  aus  der 


II.  PHYSISCHE  FARBEN  157 

Lehre  von  den  trüben  Mitteln  herleiten.  Polierter  Stahl 
wirft  mächtig  das  Licht  zurück.  Man  denke  sich  das  durch 
die  Hitze  bewirkte  Anlaufen  als  eine  gelinde  Trübe;  so- 
gleich müßte  daher  ein  Hellgelb  erscheinen,  welches  bei 
zunehmender  Trübe  immer  verdichteter,  gedrängter  und 
röter,  ja  zuletzt  purpur-  und  rubinrot  erscheinen  muß. 
Wäre  nun  zuletzt  diese  Farbe  auf  den  höchsten  Punkt  des 
Dunkelwerdens  gesteigert  und  man  dächte  sich  die  im- 
mer fortwaltende  Trübe,  so  würde  diese  nunmehr  sich 
über  ein  Finsteres  verbreiten  und  zuerst  ein  Violett,  dann 
ein  Dunkelblau  und  endlich  ein  Hellblau  hervorbringen 
und  so  die  Reihe  der  Erscheinungen  beschließen. 
Wir  wollen  nicht  behaupten,  daß  man  mit  dieser  Erklä- 
rungsart völlig  auslange,  unsre  Absicht  ist  vielmehr,  nur 
auf  den  Weg  zu  deuten,  auf  welchem  zuletzt  die  alles 
umfassende  Formel,  das  eigentliche  Wort  des  Rätsels  ge- 
funden werden  kann. 


DRITTE  ABTEILUNG.   CHEMISCHE 
FARBEN 


S. 


486.  C^O  nennen   wir  diejenigen,   welche  wir  an  ge- 
wissen Körpern   erregen,   mehr  oder  weniger 

'fixieren,  an  ihnen  steigern,  von  ihnen  wieder 
wegnehmen  und  andern  Körpern  mitteilen  können,  denen 
wir  denn  auch  deshalb  eine  gewisse  immanente  Eigen- 
schaft zuschreiben.  Die  Dauer  ist  meist  ihr  Kenn- 
zeichen. 

487.  In  diesen  Rücksichten  bezeichnete  man  früher  die 
chemischen  Farben  mit  verschiedenen  Beiwörtern.  Sie 
hießen  colores  proprü,  corporei^  materiales,  veri,  perma- 
nentes, fixi. 

488.  Wie  sich  das  Bewegliche  und  Vorübergehende  der 
physischen  Farben  nach  und  nach  an  den  Körpern  fixiere, 
haben  wir  in  dem  Vorhergehenden  bemerkt  und  den  Über- 
gang eingeleitet. 

489.  Die  Farbe  fixiert  sich  an  den  Körpern  mehr  oder 
weniger  dauerhaft,  oberflächlich  oder  durchdringend. 

490.  Alle  Körper  sind  der  Farbe  fähig,  entweder  daß  sie 
an  ihnen  erregt,  gesteigert,  stufenweise  fixiert  oder  wenig- 
stens ihnen  mitgeteilt  werden  kann. 

XXXIV.  Chemischer  Gegensatz 

491.  Indem  wir  bei  Darstellung  der  farbigen  Erschei- 
nung auf  einen  Gegensatz  durchaus  aufmerksam  zu  machen 
Ursache  hatten,  so  finden  wir,  indem  wir  den  Boden  der 
Chemie  betreten,  die  chemischen  Gegensätze  uns  auf 
eine  bedeutende  Weise  begegnend.  Wir  sprechen  hier 
zu  unsern  Zwecken  nur  von  demjenigen,  den  man  unter 
dem  allgemeinen  Namen  von  Säure  und  Alkali  zu  be- 
greifen pflegt, 

492.  Wenn  wir  den  chromatischen  Gegensatz  nach  An- 
leitung aller  übrigen  physischen  Gegensätze  durch  ein 
Mehr  oder  Weniger  bezeichnen,  der  gelben  Seite  das 
Mehr,  der  blauen  das  Weniger  zuschreiben,  so  schließen 
sich  diese  beiden  Seiten  nun  auch  in  chemischen  Fällen 
an  die  Seiten  des  chemisch  Entgegengesetzten  an.  Das 
Gelb  und  Gelbrote  widmet  sich  den  Säuren,  das  Blau 


III.  CHEMISCHE  FARBEN  159 

und  Blaurote  den  Alkalien,  und  so  lassen  sich  die  Er- 
scheinungen der  chemischen  Farben,  freilich  mit  noch 
manchen  andern  eintretenden  Betrachtungen,  auf  eine 
ziemlich  einfache  Weise  durchführen, 

493.  Da  übrigens  die  Hauptphänomene  der  chemischen 
Farben  bei  Säuerungen  der  Metalle  vorkommen,  so  sieht 
man,  wie  wichtig  diese  Betrachtung  hier  an  der  Spitze 
sei.  Was  übrigens  noch  weiter  zu  bedenken  eintritt,  wer- 
den wir  unter  einzelnen  Rubriken  näher  bemerken,  wo- 
bei wir  jedoch  ausdrücklich  erklären,  daß  wir  dem  Che- 
miker nur  im  allgemeinsten  vorzuarbeiten  gedenken,  ohne 
uns  in  irgendein  Besondres,  ohne  uns  in  die  zartem  che- 
mischen Aufgaben  und  Fragen  mischen  oder  sie  beant- 
worten zu  wollen.  Unsre  Absicht  kann  nur  sein,  eine 
Skizze  zu  geben,  wie  sich  allenfalls  nach  unserer  Über- 
zeugung die  chemische  Farbenlehre  an  die  allgemeine 
physische  anschließen  könnte. 

XXXV.  Ableitung  des  Weißen 

494.  Wir  haben  hiezu  schon  oben  bei  Gelegenheit  der 
dioptrischen  Farben  der  ersten  Klasse  (155  ff.)  einige 
Schritte  getan.  Durchsichtige  Körper  stehen  auf  der 
höchsten  Stufe  unorganischer  Materialität.  Zunächst  daran 
fügt  sich  die  reine  Trübe,  und  das  Weiße  kann  als  die 
vollendete  reine  Trübe  angesehen  werden. 

495.  Reines  Wasser  zu  Schnee  kristallisiert  erscheint 
weiß,  indem  die  Durchsichtigkeit  der  einzelnen  Teile 
kein  durchsichtiges  Ganzes  macht.  Verschiedene  Salz- 
kristalle, denen  das  Kristallisationswasser  entweicht,  er- 
scheinen als  ein  weißes  Pulver.  Man  könnte  den  zu- 
fällig undurchsichtigen  Zustand  des  rein  Durchsichtigen 
Weiß  nennen,  so  wie  ein  zermalmtes  Glas  als  ein  weißes 
Pulver  erscheint.  Man  kann  dabei  die  Aufhebung  einer 
dynamischen  Verbindung  und  die  Darstellung  der  ato- 
mistischen  Eigenschaft  der  Materie  in  Betracht  ziehn. 

496.  Die  bekannten  unzerlegten  Erden  sind  in  ihrem 
reinen  Zustand  alle  weiß.  Sie  gehen  durch  natürliche 
Kristallisation  in  Durchsichtigkeit  über:  Kieselerde  in  den 


1 6o    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

Bergkristall,  Tonerde  in  den  Glimmer,  ßittererde  in  den 
Talk;  Kalkerde  und  Schwererde  erscheinen  in  so  man- 
cherlei Späten  durchsichtig. 

497.  Da  uns  bei  Färbung  mineralischer  Körper  die  Me- 
tallkalke vorzüglich  begegnen  werden,  so  bemerken  wir 
noch  zum  Schlüsse,  daß  angehende  gelinde  Säurungen 
weiße  Kalke  darstellen,  wie  das  Blei  durch  die  Essig- 
säure in  Bleiweiß  verwandelt  wird. 


XXXVI.  Ableihmg  des  Schwarzen 

498.  Das  Schwarze  entspringt  uns  nicht  so  uranfänglich 
wie  das  Weiße,  Wir  treffen  es  im  vegetabilischen  Reiche 
bei  Halbverbrennungen  an,  und  die  Kohle,  der  auch  übri- 
gens höchst  merkwürdige  Körper,  zeigt  uns  die  schwarze 
Farbe.  Auch  wenn  Holz,  z.  B.  Bretter,  durch  Licht,  Luft 
und  Feuchtigkeit  seines  Brennlichen  zum  Teil  beraubt 
wird,  so  erscheint  erst  die  graue,  dann  die  schwarze 
Farbe;  wie  wir  denn  auch  animalische  Teile  durch  eine 
Halbverbrennung  in  Kohle  verwandeln  können. 

499.  Ebenso  finden  wir  auch  bei  den  Metallen,  daß  oft 
eine  Halboxydation  stattfindet,  wenn  die  schwarze  Farbe 
erregt  werden  soll.  So  werden  durch  schwache  Säuerung 
mehrere  Metalle,  besonders  das  Eisen,  schwarz,  durch 
Essig,  durch  gelinde  saure  Gärungen,  z.  B,  eines  Reis- 
dekokts  usw. 

500.  Nicht  weniger  läßt  sich  vermuten,  daß  eine  Ab- 
oder  Rücksäuerung  die  schwarze  Farbe  hervorbringe. 
Dieser  Fall  ist  bei  der  Entstehung  der  Tinte,  da  das  in 
der  starken  Schwefelsäure  aufgelöste  Eisen  gelblich  wird, 
durch  die  Gallusinfusion  aber  zum  Teil  entsäuert,  nun- 
mehr schwarz  erscheint. 

XXXVII.  Erregung  der  Farbe 

501.  Als  wir  oben  in  der  Abteilung  von  physischen  Far- 
ben trübe  Mittel  behandelten,  sahen  wir  die  Farbe  eher 
als  das  Weiße  und  Schwarze.  Nun  setzen  wir  ein  ge- 
wordnes  Weißes,  ein  gewordnes  Schwarzes  fixiert  vor- 


III.  CHEMISCHE  FARBEN  i6i 

aus  und  fragen,  wie  sich  an  ihm  die  Farbe  erregen 
lasse. 

502.  Auch  hier  können  wir  sagen:  ein  Weißes,  das  sich 
verdunkelt,  das  sich  trübt,  wird  gelb;  das  Schwarze,  das 
sich  erhellt,  wird  blau. 

503.  Auf  der  aktiven  Seite,  unmittelbar  am  Lichte,  am 
Hellen,  am  Weißen,  entsteht  das  Gelbe.  Wie  leicht  ver- 
gilbt alles,  was  weiße  Oberflächen  hat:  das  Papier,  die 
Leinwand,  Baumwolle,  Seide,  Wachs;  besonders  auch 
durchsichtige  Liquoren,  welche  zum  Brennen  geneigt 
sind,  werden  leicht  gelb,  d.  h.  mit  andern  Worten,  sie 
gehen  leicht  in  eine  gelinde  Trübung  über. 

504.  So  ist  die  Erregung  auf  der  passiven  Seite  amFin- 
stern.  Dunkeln,  Schwarzen  sogleich  mit  der  blauen  oder 
vielmehr  mit  einer  rötlichblauen  Erscheinung  begleitet. 
Eisen,  in  Schwefelsäure  aufgelöst  und  sehr  mit  Wasser 
diluiert,  bringt  in  einem  gegen  das  Licht  gehaltnen  Glase, 
sobald  nur  einige  Tropfen  Gallus  dazu  kommen,  eine 
schöne  violette  Farbe  hervor,  welche  die  Eigenschaften 
des  Rauchtopases,  das  Orphninon  eines  verbrannten  Pur- 
purs, wie  sich  die  Alten  ausdrücken,  dem  Auge  dar- 
stellt. 

505.  Ob  an  den  reinen  Erden  durch  chemische  Opera- 
tionen der  Natur  und  Kunst  ohne  Beimischung  von  Me- 
tallkalken eine  Farbe  erregt  werden  könne,  ist  eine  wich- 
tige Frage,  die  gewöhnlich  mit  Nein  beantwortet  wird. 
Sie  hängt  vielleicht  mit  der  Frage  zusammen,  inwie- 
fern sich  durch  Oxydation  den  Erden  etwas  abgewinnen 
lasse. 

506.  Für  die  Verneinung  der  Frage  spricht  allerdings  der 
Umstand,  daß  überall,  wo  man  mineralische  Farben  fin- 
det, sich  eine  Spur  von  Metall,  besonders  von  Eisen  zeigt, 
wobei  man  freilich  in  Betracht  zieht,  wie  leicht  sich  das 
Eisen  oxydiere,  wie  leicht  der  Eisenkalk  verschiedene 
Farben  annehme,  wie  unendlich  teilbar  derselbe  sei  und 
wie  geschwind  er  seine  Farbe  mitteile.  Demungeachtet 
wäre  zu  wünschen,  daß  neue  Versuche  hierüber  ange- 
stellt und  die  Zweifel  entweder  bestärkt  oder  beseitigt 
würden. 

GOETHE  XVIl  II. 


1 6 2     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

507.  Wie  dem  auch  sein  mag,  so  ist  die  Rezeptivität  der 
F>den  gegen  schon  vorhandne  Farben  sehr  groß,  wor- 
unter sich  die  Alaunerde  besonders  auszeichnet. 

508.  Wenn  wir  nun  zu  den  Metallen  übergehen,  welche 
sich  im  unorganischen  Reiche  beinahe  privativ  das  Recht, 
farbig  zu  erscheinen,  zugeeignet  haben,  so  finden  wir, 
daß  sie  sich  in  ihrem  reinen,  selbsändigen,  regulinischen 
Zustande  schon  dadurch  von  den  reinen  Erden  unter- 
scheiden, daß  sie  sich  zu  irgendeiner  Farbe  hinneigen. 

509.  Wenn  das  Silber  sich  dem  reinen  Weißen  am  mei- 
sten nähert,  ja  das  reine  Weiß,  erhöht  durch  metallischen 
Glanz,  wirklich  darstellt,  so  ziehen  Stahl,  Zinn,  Blei  usw. 
ins  bleiche  Blaugraue  hinüber,  dagegen  das  Gold  sich 
zum  reinen  Gelben  erhöht,  das  Kupfer  zum  Roten  hinan- 
rückt, welches  unter  gewissen  Umständen  sich  fast  bis 
zum  Purpur  steigert,  durch  Zink  hingegen  wieder  zur 
gelben  Goldfarbe  hinabgezogen  wird. 

510.  Zeigen  Metalle  nun  im  gediegenen  Zustande  solche 
spezifische  Determinationen  zu  diesem  oder  jenem  Far- 
benausdruck, so  werden  sie  durch  die  Wirkung  der  Oxy- 
dation gewissermaßen  in  eine  gemeinsame  Lage  versetzt. 
Denn  die  Elementarfarben  treten  nun  rein  hervor,  und 
obgleich  dieses  und  jenes  Metall  zu  dieser  oder  jener 
Farbe  eine  besondre  Bestimmbarkeit  zu  haben  scheint, 
so  wissen  wir  doch  von  einigen,  daß  sie  den  ganzen  Far- 
benkreis durchlaufen  können,  von  andern,  daß  sie  mehr 
als  eine  Farbe  darzustellen  fähig  sind,  wobei  sich  jedoch 
das  Zinn  durch  seine  Unfärblichkeit  auszeichnet.  Wir 
geben  künftig  eine  Tabelle,  inwiefern  die  verschiedenen 
Metalle  mehr  oder  weniger  durch  die  verschiedenen  Far- 
ben durchgeführt  werden  können. 

511.  Daß  die  reine  glatte  Oberfläche  eines  gediegenen 
Metalles  bei  Erhitzung  von  einem  Farbenhauch  über- 
zogen wird,  welcher  mit  steigender  Wärme  eine  Reihe 
von  Erscheinungen  durchläuft,  deutet  nach  unserer  Über- 
zeugung auf  die  Fähigkeit  der  Metalle,  den  ganzen  Far- 
benkreis zu  durchlaufen.  Am  schönsten  werden  wir  dieses 
Phänomen  am  polierten  Stahl  gewahr,  aber  Silber,  Kupfer, 
Messing,  Blei,  Zinn  lassen  uns  leicht  ähnhche  Erschei- 


III.  CHEMISCHE  FARBEN  163 

nungen  sehen.  Wahrscheinlich  ist  hier  eine  oberfläch- 
liche Säurung  im  Spiele,  wie  man  aus  der  fortgesetzten 
Operation,  besonders  bei  den  leichter  verkalklichen  Me- 
tallen schließen  kann. 

512.  Daß  ein  geglühtes  Eisen  leichter  eine  Säurung 
durch  saure  Liquoren  erleidet,  scheint  auch  dahin  zu 
deuten,  indem  eine  Wirkung  der  andern  entgegenkommt. 
Noch  bemerken  wir,  daß  der  Stahl,  je  nachdem  er  in 
verschiedenen  Epochen  seiner  Farbenerscheinung  ge- 
härtet wird,  einigen  Unterschied  der  Elastizität  zeigen 
soll,  welches  ganz  naturgemäß  ist,  indem  die  verschie- 
denen Farbenerscheinungen  die  verschiedenen  Grade  der 
Hitze  andeuten. 

513.  Geht  man  über  diesen  oberflächhchen  Hauch,  über 
dieses  Häutchen  hinweg,  beobachtet  man,  wie  Metalle 
in  Massen  penetrativ  gesäuert  werden,  so  erscheint  mit 
dem  ersten  Grade  Weiß  oder  Schwarz,  wie  man  beim 
Bleiweiß,  Eisen  und  Quecksilber  bemerken  kann. 

514.  Fragen  wir  nun  weiter  nach  eigentlicher  Erregung 
der  Farbe,  so  finden  wir  sie  auf  der  Plusseite  am  häufig- 
sten. Das  oft  erwähnte  Anlaufen  glatter  metallischer 
Flächen  geht  von  dem  Gelben  aus.  Das  Eisen  geht  bald 
in  den  gelben  Ocker,  das  Blei  aus  dem  Bleiweiß  in  den 
Massikot,  das  Quecksilber  aus  dem  Äthiops  in  den  gel- 
ben Turbit  hinüber.  Die  Auflösungen  des  Goldes  und 
der  Piatina  in  Säuren  sind  gelb, 

515.  Die  Erregungen  auf  der  Minusseite  sind  seltner. 
Ein  wenig  gesäuertes  Kupfer  erscheint  blau.  Bei  Berei- 
tung des  ßerlinerblau  sind  Alkalien  im  Spiele. 

516.  Überhaupt  aber  sind  diese  Farbenerscheinungen  von 
so  beweglicher  Art,  daß  die  Chemiker  selbst,  sobald  sie 
ins  Feinere  gehen,  sie  als  trügliche  Kennzeichen  be- 
trachten. Wir  aber  können  zu  unsern  Zwecken  diese  Ma- 
terie nur  im  Durchschnitt  behandeln  und  wollen  nur  so 
viel  bemerken,  daß  man  vielleicht  die  metallischen  Far- 
benerscheinungen, wenigstens  zum  didaktischen  Behuf, 
einstweilen  ordnen  könne,  wie  sie  durch  Säurung,  Auf- 
säurung,  Absäurung  und  Entsäurung  entstehen,  sich  auf 
mannigfaltige  Weise  zeigen  und  verschwinden. 


1 64     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

XXXVIII.  Steigerung 

517.  Die  Steigerung  erscheint  uns  als  eine  In-sich-selbst- 
Drängung,  Sättigung,  Beschattung  der  Farben.  So  haben 
wir  schon  oben  bei  farblosen  Mitteln  gesehen,  daß  wir 
durch  Vermehrung  der  Trübe  einen  leuchtenden  Gegen- 
stand vom  leisesten  Gelb  bis  zum  höchsten  Rubinrot 
steigern  können.  Umgekehrt  steigert  sich  das  Blau  in 
das  schönste  Violett,  wenn  wir  eine  erleuchtete  Trübe 
vor   der  Finsternis   verdünnen    und  vermindern    (150. 

518.  Ist  die  Farbe  spezifiziert,  so  tritt  ein  Ähnliches  her- 
vor. Man  lasse  nämlich  Stufengefäße  aus  weißem  Por- 
zellan machen  und  fülle  das  eine  mit  einer  reinen  gelben 
Feuchtigkeit,  so  wird  diese  von  oben  herunter  bis  auf 
den  Boden  stufenweise  immer  röter  und  zuletzt  orange 
erscheinen.  In  das  andre  Gefäß  gieße  man  eine  blaue 
reine  Solution:  die  obersten  Stufen  werden  ein  Himmel- 
blau, der  Grund  des  Gefäßes  ein  schönes  Violett  zeigen. 
Stellt  man  das  Gefäß  in  die  Sonne,  so  ist  die  Schatten- 
seite der  obern  Stufen  auch  schon  violett.  Wirft  man  mit 
der  Hand  oder  einem  andern  Gegenstande  Schatten  über 
den  erleuchteten  Teil  des  Gefäßes,  so  erscheint  dieser 
Schatten  gleichfalls  rötlich. 

519.  Es  ist  dieses  eine  der  wichtigsten  Erscheinungen  in 
der  Farbenlehre,  indem  wir  ganz  greiflich  erfahren,  daß 
ein  quantitatives  Verhältnis  einen  qualitativen  Eindruck 
auf  unsre  Sinne  hervorbringe.  Und  indem  wir  schon 
früher,  bei  Gelegenheit  der  letzten  epoptischen  Farben 
(485),  unsre  Vermutungen  eröffnet,  wie  man  das  Anlaufen 
des  Stahls  vielleicht  aus  der  Lehre  von  trüben  Mitteln 
herleiten  könnte,  so  bringen  wir  dieses  hier  abermals  ins 
Gedächtnis. 

520.  Übrigens  folgt  alle  chemische  Steigerung  unmittel- 
bar auf  die  Erregung.  Sie  geht  unaufhaltsam  und  stetig 
fort,  wobei  man  zu  bemerken  hat,  daß  die  Steigerung  auf 
der  Plusseite  die  gewöhnlichste  ist.  Der  gelbe  Eisenocker 
steigert  sich  sowohl  durchs  Feuer  als  durch  andre  Ope- 
rationen zu  einer  sehr  hohen  Röte.     Massikot  wird  in 


III.  CHEMISCHE  FARBEN  165 

Mennige,  Turbit  in  Zinnober  gesteigert,  welcher  letz- 
tere schon  auf  eine  sehr  hohe  Stufe  des  Gelbroten  ge- 
langt. Eine  innige  Durchdringung  des  Metalls  durch  die 
Säure,  eine  Teilung  desselben  ins  empirisch  Unendliche 
geht  hierbei  vor. 

521.  Die  Steigerung  auf  der  Minusseite  ist  seltner,  ob 
wir  gleich  bemerken,  daß,  je  reiner  und  gedrängter  das 
Berlinerblau  oder  das  Kobaltglas  bereitet  wird,  es  immer 
einen  rötlichen  Schein  annimmt  und  mehr  ins  Violette 
spielt. 

522.  Für  diese  unmerkliche  Steigerung  des  Gelben  und 
Blauen  ins  Rote  haben  die  Franzosen  einen  artigen  Aus- 
druck, indem  sie  sagen,  die  Farbe  habe  einen  (kü de  rouge^ 
welches  wir  durch  "einen  rötlichen  Blick"  ausdrücken 
könnten. 


XXXIX.  Kulmination 

523.  Sie  erfolgt  bei  fortschreitender  Steigerung.  Das 
Rote,  worin  weder  Gelb  noch  Blau  zu  entdecken  ist, 
macht  hier  den  Zenit. 

524.  Suchen  wir  ein  auffallendes  Beispiel  einer  Kulmi- 
nation von  der  Plusseite  her,  so  finden  wir  es  abermals 
beim  anlaufenden  Stahl,  welcher  bis  in  den  Purpur- 
zenit gelangt  und  auf  diesem  Punkte  festgehalten  werden 
kann. 

525.  Sollen  wir  die  vorhin  (516)  angegebene  Termino- 
logie hier  anwenden,  so  würden  wir  sagen:  die  erste 
Säuerung  bringe  das  Gelbe  hervor,  die  Aufsäurung  das 
Gelbrote;  hier  entstehe  ein  gewisses  Summwn^  da  denn 
eine  Absäurung  und  endlich  eine  Entsäurung  eintrete. 

526.  Hohe  Punkte  von  Säuerung  bringen  eine  Purpur- 
farbe hervor,  Gold,  aus  seiner  Auflösung  durch  Zinnauf- 
lösung gefällt,  erscheint  purpurfarben.  Das  Oxyd  des 
Arseniks,  mit  Schwefel  verbunden,  bringt  eine  Rubinfarbe 
hervor. 

527.  Wiefern  aber  eine  Art  von  Absäurung  bei  mancher 
Kulmination  mitwirke,  wäre  zu  untersuchen:  denn  eine 


1 6  6    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

Einwirkung  der  Alkalien  auf  das  Gelbrote  scheint  auch 
die  Kulmination  hervorzubringen,  indem  die  Farbe  gegen 
das  Minus  zu  in  den  Zenit  genötigt  wird. 

528.  Aus  dem  besten  ungarischen  Zinnober,  welcher  das 
höchste  Gelbrot  zeigt,  bereiten  die  Holländer  eine  Farbe, 
die  man  Vermillon  nennt.  Es  ist  auch  nur  ein  Zinnober, 
der  sich  aber  der  Purpurfarbe  nähert,  und  es  läßt  sich 
vermuten,  daß  man  durch  Alkalien  ihn  der  Kulmination 
näherzubringen  sucht. 

529.  Vegetabilische  Säfte  sind,  auf  diese  Weise  behan- 
delt, ein  in  die  Augen  fallendes  Beispiel.  Kurkuma,  Or- 
kan, Saflor  und  andre,  deren  färbendes  Wesen  man  mit 
Weingeist  ausgezogen  und  nun  Tinkturen  von  gelber, 
gelb-  und  hyazinthroter  Farbe  vor  sich  hat,  gehen  durch 
Beimischung  von  Alkalien  in  den  Zenit,  ja  drüber  hin- 
aus nach  dem  Blauroten  zu. 

530.  Kein  Fall  einer  Kulmination  von  der  Minusseite 
ist  mir  im  mineralischen  und  vegetabilischen  Reiche  be- 
kannt. In  dem  animalischen  ist  der  Saft  der  Purpur- 
schnecke merkwürdig,  von  dessen  Steigerung  und  Kul- 
mination von  der  Minusseite  her  wir  künftig  sprechen 
werden. 

XL.  Balancieren 

531.  Die  Beweglichkeit  der  Farbe  ist  so  groß,  daß  selbst 
diejenigen  Pigmente,  welche  man  glaubt  spezifiziert  zu 
haben,  sich  wieder  hin  und  her  wenden  lassen.  Sie  ist 
in  der  Nähe  des  Kulminationspunktes  am  merkwürdig- 
sten und  wird  durch  wechselsweise  Anwendung  der  Säu- 
ren und  Alkalien  am  auffallendsten  bewirkt. 

532.  Die  Franzosen  bedienen  sich,  um  diese  Erscheinung 
bei  der  Färberei  auszudrücken,  des  Wortes  virer ^  welches 
"von  einer  Seite  nach  der  andern  wenden"  heißt,  und 
drücken  dadurch  auf  eine  sehr  geschickte  Weise  dasjenige 
aus,  was  man  sonst  durch  Mischungsverhältnisse  zu  be- 
zeichnen und  anzuheben  versucht. 

533.  Hievon  ist  diejenige  Operation,  die  wir  mit  dem 
Lackmus  zu  machen  pflegen,  eine  der  bekanntesten  und 
auffallendsten.  Lackmus  ist  ein  Farbematerial,  das  durch' 


III.  CHEMISCHE  FARBEN  167 

Alkalien  zum  Rotblauen  spezifiziert  worden.  Es  wird 
dieses  sehr  leicht  durch  Säuren  ins  Rotgelbe  hinüber- 
und  durch  Alkalien  wieder  herübergezogen.  Inwiefern  in 
diesem  Fall  durch  zarte  Versuche  ein  Kulminationspunkt 
zu  entdecken  und  festzuhalten  sei,  wird  denen,  die  in 
dieser  Kunst  geübt  sind,  überlassen,  so  wie  die  Färbekunst, 
besonders  die  Scharlachfärberei,  von  diesem  Hin-  und 
Herwenden  mannigfaltige  Beispiele  zu  liefern  imstande  ist. 

XU.  Durchwandern  des  Kreises 

534.  Die  Erregung  und  Steigerung  kommt  mehr  auf  der 
Plus-  als  auf  der  Minusseite  vor.  So  geht  auch  die  Farbe 
bei  Durch  Wanderung  des  ganzen  Wegs  meist  von  der 
Plusseite  aus. 

535.  Eine  stetige,  in  die  Augen  fallende  Durchwande- 
rung des  Wegs  vom  Gelben  durchs  Rote  zum  Blauen  zeigt 
sich  beim  Anlaufen  des  Stahls. 

536.  Die  Metalle  lassen  sich  durch  verschiedene  Stufen 
und  Arten  der  Oxydation  auf  verschiedenen  Punkten  des 
Farbenkreises  spezifizieren. 

537.  Da  sie  auch  grün  erscheinen,  so  ist  die  Frage,  ob 
man  eine  stetige  Durchwanderung  aus  dem  Gelben  durchs 
Grüne  ins  Blaue  und  umgekehrt  in  dem  Mineralreiche 
kennt.  Eisenkalk,  mit  Glas  zusammengeschmolzen,  bringt 
erst  eine  grüne,  bei  verstärktem  Feuer  eine  blaue  Farbe 
hervor. 

538.  Es  ist  wohl  hier  am  Platz,  von  dem  Grünen  über- 
haupt zu  sprechen.  Es  entsteht  vor  uns  vorzüglich  im 
atomistischen  Sinne,  und  zwar  völlig  rein,  wenn  wir  Gelb 
und  Blau  zusammenbringen;  allein  auch  schon  ein  un- 
reines beschmutztes  Gelb  bringt  uns  den  Eindruck  des 
Grünlichen  hervor.  Gelb  mit  Schwarz  macht  schon  Grün; 
aber  auch  dieses  leitet  sich  davon  ab,  daß  Schwarz  mit 
dem  Blauen  verwandt  ist.  Ein  unvoUkommnes  Gelb  wie 
das  Schwefelgelb  gibt  uns  den  Eindruck  von  einem  Grün- 
lichen. Ebenso  werden  wir  ein  unvollkommenes  Blau  als 
Grün  gewahr.  Das  Grüne  der  Weinflaschen  entsteht,  so 
scheint  es,  durch  eine  unvollkommene  Verbindung  des 


1 6  8     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

Eisenkalks  mit  dem  Glase.  Bringt  man  durch  größere 
Hitze  eine  vollkommenere  Verbindung  hervor,  so  ent- 
steht ein  schönes  blaues  Glas. 

539.  Aus  allem  diesem  scheint  so  viel  hervorzugehen, 
daß  eine  gewisse  Kluft  zwischen  Gelb  und  Blau  in  der 
Natur  sich  findet,  welche  zwar  durch  Verschränkung  und 
Vermischung  atomistisch  gehoben  und  zum  Grünen  ver- 
knüpft werden  kann,  daß  aber  eigentlich  die  wahre  Ver- 
mittlung vom  Gelben  und  Blauen  nur  durch  das  Rote 
geschieht. 

540.  Was  jedoch  dem  Unorganischen  nicht  gemäß  zu  sein 
scheint,  das  werden  wir,  wenn  von  organischen  Naturen 
die  Rede  ist,  möglich  finden,  indem  in  diesem  letzten 
Reiche  eine  solche  Durchwandrung  des  Kreises  vom 
Gelben  durchs  Grüne  und  Blaue  bis  zum  Purpur  wirk- 
lich vorkommt. 


XLH.  Umkehrung 

541.  Auch  eine  unmittelbare  Umkehrung  in  den  gefor- 
derten Gegensatz  zeigt  sich  als  eine  sehr  merkwürdige 
Erscheinung,  wovon  wir  gegenwärtig  nur  Folgendes  an- 
zugeben wissen. 

542.  Das  mineralische  Chamäleon,  welches  eigentlich 
ein  Braunsteinoxyd  enthält,  kann  man  in  seinem  ganz 
trocknen  Zustande  als  ein  grünes  Pulver  ansehen.  Streut 
man  es  in  Wasser,  so  zeigt  sich  in  dem  ersten  Augen- 
blick der  Auflösung  die  grüne  Farbe  sehr  schön;  aber  sie 
verwandelt  sich  sogleich  in  die  dem  Grünen  entgegen- 
gesetzte Purpurfarbe,  ohne  daß  irgendeine  Zwischenstufe 
bemerklich  wäre. 

543.  Derselbe  Fall  ist  mit  der  sympathetischen  Tinte, 
welche  auch  als  ein  rötlicher  Liquor  angesehen  werden 
kann,  dessen  Austrocknung  durch  Wärme  die  grüne  Farbe 
auf  dem  Papiere  zeigt. 

544.  Eigentlich  scheint  hier  der  Konflikt  zwischen  Trockne 
und  Feuchtigkeit  dieses  Phänomen  hervorzubringen,  wie, 
wenn  wir  uns  nicht  irren,  auch  schon  von  den  Scheide- 
künstlern angegeben  worden.     Was  sich  weiter  daraus 


III.  CHEMISCHE  FARBEN  169 

ableiten,  woran  sich  diese  Phänomene  anknüpfen  lassen, 
darüber  können  wir  von  der  Zeit  hinlänghche  Belehrung 
erwarten. 

XLIII,  Fixation 

545.  So  beweglich  wir  bisher  die  Farbe,  selbst  bei  ihrer 
körperlichen  Erscheinung  gesehen  haben,  so  fixiert  sie 
sich  doch  zuletzt  unter  gewissen  Umständen. 

546.  Es  gibt  Körper,  welche  fähig  sind,  ganz  in  Farbestoff 
verwandelt  zu  werden,  und  hier  kann  man  sagen,  die 
Farbe  fixiere  sich  in  sich  selbst,  beharre  auf  einer  ge- 
wissen Stufe  und  spezifiziere  sich.  So  entstehen  Färbe- 
materialien aus  allen  Reichen,  deren  besonders  das  vege- 
tabilische eine  große  Menge  darbietet,  worunter  doch 
einige  sich  besonders  auszeichnen  und  als  die  Stellver- 
treter der  andern  angesehen  werden  können,  wie  auf  der 
aktiven  Seite  der  Krapp,  auf  der  passiven  der  Indig. 

547.  Um  diese  Materialien  bedeutend  und  zum  Gebrauch 
vorteilhaft  zu  machen,  gehört,  daß  die  färbende  Eigen- 
schaft in  ihnen  innig  zusammengedrängt  und  der  färbende 
Stoff  zu  einer  unendlichen  empirischen  Teilbarkeit  er- 
hoben werde,  welches  auf  allerlei  Weise  und  besonders 
bei  den  genannten  durch  Gärung  und  Fäulnis  hervorge- 
bracht wird. 

548.  Diese  materiellen  Farbenstoffe  fixieren  sich  nun 
wieder  an  andern  Körpern.  So  werfen  sie  sich  im  Mine- 
ralreich an  Erden  und  Metallkalke,  sie  verbinden  sich 
durch  Schmelzung  mit  Gläsern  und  erhalten  hier  bei 
durchscheinendem  Licht  die  höchste  Schönheit,  so  wie 
man  ihnen  eine  ewige  Dauer  zuschreiben  kann. 

549.  Vegetabilische  und  animalische  Körper  ergreifen  sie 
mit  mehr  oder  weniger  Gewalt  und  halten  daran  mehr 
oder  weniger  fest,  teils  ihrer-Natur  nach,  wie  denn  Gelb 
vergänglicher  ist  als  Blau,  oder  nach  der  Natur  der  Un- 
terlagen. An  vegetabilischen  dauern  sie  weniger  als  an 
animalischen,  und  selbst  innerhalb  dieser  Reiche  gibt  es 
abermals  Verschiedenheit.  Flachs-  oderbaumwoUnes  Garn, 
Seide  oder  Wolle  zeigen  gar  verschiedene  Verhältnisse  zu 
den  Färbestoffen. 


1 7  o    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

550.  Hier  tritt  nun  die  wichtige  Lehre  von  den  Beizen 
hervor,  welche  als  Vermittler  zwischen  der  Farbe  und 
dem  Körper  angesehen  werden  können.  Die  Färbebücher 
sprechen  hievon  umständlich.  Uns  sei  genug,  dahin  ge- 
deutet zu  haben,  daß  durch  diese  Operationen  die  Farbe 
eine  nur  mit  dem  Körper  zu  verwüstende  Dauer  erhält, 
ja  sogar  durch  den  Gebrauch  an  Klarheit  und  Schönheit 
wachsen  kann. 

XLIV.  Mischung.  Reale 

551.  Eine  jede  Mischung  setzt  eine  Spezifikation  voraus, 
und  wir  sind  daher,  wenn  wir  von  Mischung  reden,  im 
atomistischen  Felde.  Man  muß  erst  gewisse  Körper  auf 
irgendeinem  Punkte  des  Farbenkreises  spezifiziert  vor  sich 
sehen,  ehe  man  durch  Mischung  derselben  neue  Schat- 
tierungen hervorbringen  will. 

552.  Man  nehme  im  allgemeinen  Gelb,  Blau  und  Rot 
als  reine,  als  Grundfarben  fertig  an.  Rot  und  Blau  wird 
Violett,  Rot  und  Gelb  Orange,  Gelb  und  Blau  Grün  her- 
vorbringen. 

553.  Man  hat  sich  sehr  bemüht,  durch  Zahl-,  Maß-  und 
Gewichtsverhältnisse  diese  Mischungen  näher  zu  be- 
stimmen, hat  aber  dadurch  wenig  Ersprießliches  ge- 
leistet. 

554.  Die  Malerei  beruht  eigentlich  auf  der  Mischimg 
solcher  spezifizierten,  ja  individualisierten  Farbenkörper 
und  ihrer  unendlichen  möglichen  Verbindungen,  welche 
allein  durch  das  zarteste,  geübteste  Auge  empfunden  und 
unter  dessen  Urteil  bewirkt  werden  können. 

555.  Die  innige  Verbindung  dieser  Mischungen  geschieht 
durch  die  reinste  Teilung  der  Kör;)er  durch  Reiben, 
Schlemmen  usw.,  nicht  weniger  durch  Säfte,  welche  das 
Staubartige  zusammenhalten  und  das  Unorganische  gleich- 
sam organisch  verbinden;  dergleichen  sind  die  Öle,  Harze 
usw. 

556.  Sämtliche  Farben  zusammengemischt  behalten  ihren 
allgemeinen  Charakter  als  a/ueQÖr,  und  da  sie  nicht  mehr 
nebeneinander  gesehen  werden,  wird  keine  Totalität,  keine 


III.  CHEMISCHE  FARBEN  1 7 1 

Harmonie  empfanden,  und  so  entsteht  das  Grau,  das,  wie 
die  sichtbare  Farbe,  immer  etwas  dunkler  als  Weiß  und 
immer  etwas  heller  als  Schwarz  erscheint. 

557.  Dieses  Grau  kann  auf  verschiedene  Weise  hervor- 
gebracht werden.  Einmal,  wenn  man  aus  Gelb  und  Blau 
ein  Smaragdgrün  mischt  und  alsdann  so  viel  reines  Rot 
hinzubringt,  bis  sich  alle  drei  gleichsam  neutralisiert  ha- 
ben. Ferner  entsteht  gleichfalls  ein  Grau,  wenn  man 
eine  Skala  der  ursprünglichen  und  abgeleiteten  Farben 
in  einer  gewissen  Proportion  zusammenstellt  und  hernach 
vermischt. 

558.  Daß  alle  Farben  zusammengemischt  Weiß  machen, 
ist  eine  Absurdität,  die  man  nebst  andern  Absurditäten 
schon  ein  Jahrhundert  gläubig  und  dem  Augenschein  ent- 
gegen zu  wiederholen  gewohnt  ist. 

559.  Die  zusammengemischten  Farben  tragen  ihr  Dunk- 
les in  die  Mischung  über.  Je  dunkler  die  Farben  sind, 
desto  dunkler  wird  das  entstehende  Grau,  welches  zu- 
letzt sich  dem  Schwarzen  nähert.  Je  heller  die  Farben 
sind,  desto  heller  wird  das  Grau,  welches  zuletzt  sich 
dem  Weißen  nähert. 

XLV.  Mischung.   Schembare 

560.  Die  scheinbare  Mischung  wird  hier  um  so  mehr 
gleich  mit  abgehandelt,  als  sie  in  manchem  Sinne  von 
großer  Bedeutung  ist  und  man  sogar  die  von  uns  als  real 
angegebene  Mischung  für  scheinbar  halten  könnte.  Denn 
die  Elemente,  woraus  die  zusammengesetzte  Farbe  ent- 
sprungen ist,  sind  nur  zu  klein,  um  einzeln  gesehen  zu 
werden.  Gelbes  und  blaues  Pulver  zusammengerieben 
erscheint  dem  nackten  Auge  grün,  wenn  man  durch  ein 
Vergrößerungsglas  noch  Gelb -und  Blau  voneinander  ab- 
gesondert bemerken  kann.  So  machen  auch  gelbe  und 
blaue  Streifen  in  der  Entfernung  eine  grüne  Fläche,  wel- 
ches alles  auch  von  der  Vermischung  der  übrigen  spezi- 
fizierten Farben  gilt. 

561.  Unter  dem  Apparat  wird  künftig  auch  das  Schwung- 
rad abgehandelt  werden,   auf  welchem   die   scheinbare 


1 7  2  DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 
Mischung  durch  Schnelligkeit  hervorgebracht  wird.  Auf 
einer  Scheibe  bringt  man  verschiedene  Farben  im  Kreise 
nebeneinander  an,  dreht  dieselben  durch  die  Gewalt  des 
Schwunges  mit  größter  Schnelligkeit  herum  und  kann  so, 
wenn  man  mehrere  Scheiben  zubereitet,  alle  möghchen 
Mischungen  vor  Augen  stellen,  so  wie  zuletzt  auch  die 
Mischung  aller  Farben  zum  Grau  naturgemäß  auf  oben 
angezeigte  Weise. 

562.  Physiologische  Farben  nehmen  gleichfalls  Mischung 
an.  Wenn  man  z.  B.  den  blauen  Schatten  (65)  auf  einem 
leicht  gelben  Papiere  hervorbringt,  so  erscheint  derselbe 
grün.  Ein  gleiches  gilt  von  den  übrigen  Farben,  wenn 
man  die  Vorrichtung  darnach  zu  machen  weiß. 

563.  Wenn  man  die  im  Auge  verweilenden  farbigen 
Scheinbilder  (39  ff.)  auf  farbige  Flächen  führt,  so  ent- 
steht auch  eine  Mischung  und  Determination  des  Bil- 
des zu  einer  andern  Farbe,  die  sich  aus  beiden  her- 
schreibt, 

564.  Physische  Farben  stellen  gleichfalls  eine  Mischung 
dar,  Hieher  gehören  die  Versuche,  wenn  man  bunte  Bil- 
der durchs  Prisma  sieht,  wie  wir  solches  oben  (258 — 284) 
umständlich  angegeben  haben. 

565.  Am  meisten  aber  machten  sich  die  Physiker  mit 
jenen  Erscheinungen  zu  tun,  welche  entstehen,  wenn  man 
die  prismatischen  Farben  auf  gefärbte  Flächen  wirft. 

566.  Das,  was  man  dabei  gewahr  wird,  ist  sehr  einfach. 
Erstlich  muß  man  bedenken,  daß  die  prismatischen  Far- 
ben viel  lebhafter  sind  als  die  Farben  der  Fläche,  wor- 
auf man  sie  fallen  läßt.  Zweitens  kommt  in  Betracht,  daß 
die  prismatische  Farbe  entweder  homogen  mit  der  Fläche 
oder  heterogen  sein  kann.  Im  ersten  Fall  erhöht  und 
verherrlicht  sie  solche  und  wird  dadurch  verherrlicht,  wie 
der  farbige  Stein  durch  eine  gleichgefärbte  Folie.  Im 
entgegengesetzten  Falle  beschmutzt,  stört  und  zerstört 
eine  die  andere. 

567.  Man  kann  diese  Versuche  durch  farbige  Gläser  wie- 
derholen und  das  Sonnenlicht  durch  dieselben  auf  far- 
bige Flächen  fallen  lassen,  und  durchaus  werden  ähnliche 
Resultate  erscheinea 


III.  CHEMISCHE  FARBEN  173 

568.  Ein  gleiches  wird  bewirkt,  wenn  der  Beobachter 
durch  farbige  Gläser  nach  gefärbten  Gegenständen  hin- 
sieht, deren  Farben  sodann  nach  Beschaffenheit  erhöht; 
erniedrigt  oder  aufgehoben  werden. 

569.  Läßt  man  die  prismatischen  Farben  durch  farbige 
Gläser  durchgehen,  so  treten  die  Erscheinungen  völlig 
analog  hervor,  wobei  mehr  oder  weniger  Energie,  mehr 
oder  weniger  Helle  und  Dunkle,  Klarheit  und  Reinheit 
des  Glases  in  Betracht  kommt  und  manchen  zarten  Un- 
terschied hervorbringt,  wie  jeder  genaue  Beobachter  wird 
bemerken  können,  der  diese  Phänomene  durchzuarbeiten 
Lust  und  Geduld  hat. 

570.  So  ist  es  auch  wohl  kaum  nötig  zu  erwähnen,  daß 
mehrere  farbige  Gläser  übereinander,  nicht  weniger  öl- 
getränkte, durchscheinende  Papiere  alle  und  jede  Arten 
von  Mischung  hervorbringen  und  dem  Auge  nach  Be- 
lieben des  Experimentierenden  darstellen. 

571.  Schließlich  gehören  hieher  die  Lasuren  der  Maler, 
wodurch  eine  viel  geistigere  Mischimg  entsteht,  als  durch 
die  mechanisch- atomistische,  deren  sie  sich  gewöhnlich 
bedienen,  hervotgebracht  werden  kann. 

XLVL  Mitteilung^  wirkliche 

572.  Wenn  wir  nunmehr  auf  gedachte  Weise  uns  Farbe- 
materialien verschafft  haben,  so  entsteht  ferner  die  Frage, 
wie  wir  solche  farblosen  Körpern  mitteilen  können,  deren 
Beantwortung  für  das  Leben,  den  Gebrauch,  die  Be- 
nutzung, die  Technik  von  der  größten  Bedeutung  ist. 

573.  Hier  kommt  abermals  die  dunkle  Eigenschaft  einer 
jeden  Farbe  zur  Sprache.  Von  dem  Gelben,  das  ganz 
nah  am  Weißen  liegt,  durchs  Orange  und  Mennigfarbe 
zum  Reinroten  und  Karmin,  durch  alle  Abstufungen  des 
Violetten  bis  in  das  satteste  Blau,  das  ganz  am  Schwar- 
zen liegt,  nimmt  die  Farbe  immer  an  Dunkelheit  zu.  Das 
Blaue,  einmal  spezifiziert,  läßt  sich  verdünnen,  erhellen, 
mit  dem  Gelben  verbinden,  wodurch  es  Grün  wird  und 
sich  nach  der  Lichtseite  hinzieht.  Keinesweges  geschieht 
dies  aber  seiner  Natur  nach. 


1 7  4    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

574.  Bei  den  physiologischen  Farben  haben  wir  schon 
gesehen,  daß  sie  ein  Minus  sind  als  das  Licht,  indem  sie 
beim  Abklingen  des  Lichteindrucks  entstehen,  ja  zuletzt 
diesen  Eindruck  ganz  als  ein  Dunkles  zurücklassen.  Bei 
physischen  Versuchen  belehrt  uns  schon  der  Gebrauch 
trüber  Mittel,  die  Wirkung  trüber  Nebenbilder,  daß  hier 
von  einem  gedämpften  Lichte,  von  einem  Übergang  ins 
Dunkle  die  Rede  sei. 

575.  Bei  der  chemischen  Entstehung  der  Pigmente  wer- 
den wir  dasselbe  bei  der  ersten  Erregung  gewahr.  Der 
gelbe  Hauch,  der  sich  über  den  Stahl  zieht,  verdunkelt 
schon  die  glänzende  Oberfläche.  Bei  der  Verwandlung 
des  Bleiweißes  in  Massikot  ist  es  deutlich,  daß  das  Gelbe 
dunkler  als  Weiß  sei. 

576.  Diese  Operation  ist  von  der  größten  Zartheit  und 
so  auch  die  Steigerung,  welche  immer  fortwächst,  die 
Körper,  welche  bearbeitet  werden,  immer  inniger  und 
kräftiger  färbt  und  so  auf  die  größte  Feinheit  der  beban- 
delten Teile,  auf  imendliche  Teilbarkeit  hinweist. 

577.  Mit  den  Farben,  welche  sich  gegen  das  Dunkle  hin- 
begeben und  folglich  besonders  mit  dem  Blauen  können 
wir  ganz  an  das  Schwarze  hinanrücken;  wie  uns  denn  ein 
recht  vollkommnes  Berlinerblau,  ein  durch  Vitriolsäure 
behandelter  Indig  fast  als  Schwarz  erscheint. 

578.  Hier  ist  es  nun  der  Ort,  einer  merkwürdigen  Er- 
scheinung zu  gedenken,  daß  nämlich  Pigmente  in  ihrem 
höchst  gesättigten  und  gedrängten  Zustande,  besonders 
aus  dem  Pflanzenreiche,  als  erstgedachter  Indig  oder  auf 
seine  höchste  Stufe  geführter  Krapp,  ihre  Farbe  nicht  mehr 
zeigen;  vielmehr  erscheint  auf  ihrer  Oberfläche  ein  ent- 
schiedener Metallglanz,  in  welchem  die  physiologisch  ge- 
forderte Farbe  spielt. 

579.  Schon  jeder  gute  Indig  zeigt  eine  Kupferfarbe  auf 
dem  Bruch,  welches  im  Handel  ein  Kennzeichen  aus- 
macht. Der  durch  Schwefelsäure  bearbeitete  aber,  wenn 
man  ihn  dick  aufstreicht  oder  eintrocknet,  so  daß  weder 
das  weiße  Papier  noch  die  Porzellanschale  durchwirken 
kann,  läßt  eine  Farbe  sehen,  die  dem  Orange  nah  kommt. 

580.  Die  hochpurpurfarbne  spanische  Schminke,  wahr- 


III.  CHEMISCHE  FARBEN  1 7  5 

scheinlich  aus  Krapp  bereitet,  zeigt  auf  der  Oberfläche 
einen  voUkommnen  grünen  Metallglanz.  Streicht  man 
beide  Farben,  die  blaue  und  rote,  mit  einem  Pinsel  auf 
Porzellan  oder  Papier  auseinander,  so  hat  man  sie  wie- 
der in  ihrer  Natur,  indem  das  Helle  der  Unterlage  durch 
sie  hindurchscheint. 

581.  Farbige  Liquoren  erscheinen  schwarz,  wenn  kein 
Licht  durch  sie  hindurchfällt,  wie  man  sich  in  parallel- 
epipedischen  Blechgefäßen  mit  Glasboden  sehr  leicht  über- 
zeugen kann.  In  einem  solchen  wird  jede  durchsichtige 
farbige  Infusion,  wenn  man  einen  schwarzen  Grund  unter- 
legt, schwarz  und  farblos  erscheinen. 

582.  Macht  man  die  Vorrichtung,  daß  das  Bild  einer 
Flamme  von  der  untern  Fläche  zurückstrahlen  kann,  so 
erscheint  diese  gefärbt.  Hebt  man  das  Gefäß  in  die  Höhe 
und  läßt  das  Licht  auf  druntergehaltenes  weißes  Papier 
fallen,  so  erscheint  die  Farbe  auf  diesem.  Jede  helle  Un- 
terlage, durch  ein  solches  gefärbtes  Mittel  gesehen,  zeigt 
die  Farbe  desselben. 

583.  Jede  Farbe  also,  um  gesehen  zu  werden,  muß  ein 
Licht  im  Hinterhalte  haben.  Daher  kommt  es,  daß,  je 
heller  und  glänzender  die  Unterlagen  sind,  desto  schöner 
erscheinen  die  Farben.  Zieht  man  Lackfarben  auf  einen 
metallisch  glänzenden  weißen  Grund,  wie  unsre  soge- 
nannten Folien  verfertigt  werden,  so  zeigt  sich  die  Herr- 
lichkeit der  Farbe  bei  diesem  zurückwirkenden  Licht  so 
sehr  als  bei  irgendeinem  prismatischen  Versuche.  Ja  die 
Energie  der  physischen  Farben  beruht  hauptsächlich  dar- 
auf, daß  mit  und  hinter  ihnen  das  Licht  immerfort  wirk- 
sam ist. 

584.  Lichtenberg,  der  zwar  seiner  Zeit  und  Lage  nach 
der  hergebrachten  Vorstellung  folgen  mußte,  war  doch 
ein  zu  guter  Beobachter  und  zu  geistreich,  als  daß  er  das, 
was  ihm  vor  Augen  erschien,  nicht  hätte  bemerken  und 
nach  seiner  Weise  erklären  und  zurechtlegen  sollen.  Er 
sagt  in  der  Vorrede  zu  Delaval:  "Auch  scheint  es  mir 
aus  andern  Gründen . . .  wahrscheinlich,  daß  unser  Organ, 
um  eine  Farbe  zu  empfinden,  etwas  von  allem  Licht 
(weißes)  zugleich  mit  empfinden  müsse." 


1 7  6    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

585.  Sich  weiße  Unterlagen  zu  verschaffen,  ist  das 
Hauptgeschäft  des  Färbers.  Farblosen  Erden,  besonders 
dem  Alaun,  kann  jede  spezifizierte  Farbe  leicht  mitge- 
teilt werden.  Besonders  aber  hat  der  Färber  mit  Pro- 
dukten der  animalischen  und  der  Pflanzenorganisation  zu 
schaffen. 

586.  Alles  Lebendige  strebt  zur  Farbe,  zum  Besondern, 
zur  Spezifikation,  zum  Effekt,  zur  Undurchsichtigkeit  bis 
ins  Unendlichfeine.  Alles  Abgelebte  zieht  sich  nach  dem 
Weißen,  zur  Abstraktion,  zur  Allgemeinheit,  zur  Verklä- 
rung, zur  Durchsichtigkeit. 

587.  Wie  dieses  durch  Technik  bewirkt  werde,  ist  in 
dem  Kapitel  von  Entziehung  der  Farbe  anzudeuten.  Hier 
bei  der  Mitteilung  haben  wir  vorzüglich  zu  bedenken, 
daß  Tiere  und  Vegetabilien  im  lebendigen  Zustande  Farbe 
an  ihnen  hervorbringen  und  solche  daher,  wenn  sie  ihnen 
völlig  entzogen  ist,  um  desto  leichter  wieder  in  sich  auf- 
nehmen. 

XLVII.  Mitteilung^  scheinbare 

588.  Die  Mitteilung  trifft,  wie  man  leicht  sehen  kann, 
mit  der  Mischung  zusammen,  sowohl  die  wahre  als  die 
scheinbare.  Wir  wiederholen  deswegen  nicht,  was  oben 
so  viel  als  nötig  ausgeführt  worden. 

589.  Doch  bemerken  wir  gegenwärtig  umständlicher  die 
Wichtigkeit  einer  scheinbaren  Mitteilung,  welche  durch 
den  Widerschein  geschieht.  Es  ist  dieses  zwar  sehr  be- 
kannte, doch  immer  ahndungsvolle  Phänomen  dem  Phy- 
siker wie  dem  Maler  von  der  größten  Bedeutung. 

590.  Man  nehme  eine  jede  spezifizierte  farbige  Fläche, 
man  stelle  sie  in  die  Sonne  und  lasse  den  Widerschein 
auf  andre,  farblose  Gegenstände  fallen.  Dieser  Widerschein 
ist  eine  Art  gemäßigten  Lichts,  ein  Halblicht,  ein  Halb- 
schatten, der  außer  seiner  gedämpften  Natur  die  spezi- 
fische Farbe  der  Fläche  mit  abspiegelt. 

591.  Wirkt  dieser  Widerschein  auf  lichte  Flächen,  so 
wird  er  aufgehoben,  und  man  bemerkt  die  Farbe  wenig, 
die  er  mit  sich  bringt.  Wirkt  er  aber  auf  Schattenstellen, 
so  zeigt  sich  eine  gleichsam  magische  Verbindung  mit 


III.  CHEMISCHE  FARBEN  177 

dem  a/uEQ([i.  Der  Schatten  ist  das  eigentliche  Element 
der  Farbe,  und  hier  tritt  zu  demselben  eine  schattige 
Farbe  beleuchtend,  färbend  und  belebend,  und  so  ent- 
steht eine  ebenso  mächtige  als  angenehme  Erscheinung, 
welche  dem  Maler,  der  sie  zu  benutzen  weiß,  die  herr- 
lichsten Dienste  leistet.  Hier  sind  die  Vorbilder  der  so- 
genannten Reflexe,  die  in  der  Geschichte  der  Kunst  erst 
später  bemerkt  werden,  und  die  man  seltner  als  billig 
in  ihrer  ganzen  Mannigfaltigkeit  anzuwenden  gewußt 
hat. 

592.  Die  Scholastiker  nannten  diese  Farben  colores  no- 
tionales  und  intentionales;  wie  uns  denn  überhaupt  die 
Geschichte  zeigen  wird,  daß  jene  Schule  die  Phänomene 
schon  gut  genug  beachtete,  auch  sie  gehörig  zu  sondern 
wußte,  wennschon  die  ganze  Behandlungsart  solcher 
Gegenstände  von  der  imsrigen  sehr  verschieden  ist. 

XLVIII.  Entziehung 

593.  Den  Körpern  werden  auf  mancherlei  Weise  die 
Farben  entzogen,  sie  mögen  dieselben  von  Natur  be- 
sitzen oder  wir  mögen  ihnen  solche  mitgeteilt  haben.  Wir 
sind  daher  imstande,  ihnen  zu  unserm  Vorteil  zweck- 
mäßig die  Farbe  zu  nehmen,  aber  sie  entflieht  auch  oft 
zu  unserm  Nachteil  gegen  unsern  Willen. 

594.  Nicht  allein  die  Grunderden  sind  in  ihrem  natür- 
lichen Zustande  weiß,  sondern  auch  vegetabilische  und 
animalische  Stoffe  können,  ohne  daß  ihr  Gewebe  zerstört 
wird,  in  einen  weißen  Zustand  versetzt  werden.  Da  uns 
nun  zu  mancherlei  Gebrauch  ein  reinliches  Weiß  höchst 
nötig  und  angenehm  ist,  wie  wir  uns  besonders  gern  der 
leinenen  und  baumwollenen  Zeuge  ungefärbt  bedienen, 
auch  seidene  Zeuge,  das  Papier  und  anderes  uns  desto 
angenehmer  sind,  je  weißer  sie  gefunden  werden,  weil 
auch  ferner,  wie  wir  oben  gesehen,  das  Hauptfundament 
der  ganzen  Färberei  weiße  Unterlagen  sind:  so  hat  sich 
die  Technik,  teils  zufällig,  teils  mit  Nachdenken,  auf  das 
Entziehen  der  Farbe  aus  diesen  Stoffen  so  emsig  gewor- 
fen, daß  man  hierüber  unzählige  Versuche  gemacht  und 
gar  manches  Bedeutende  entdeckt  hat. 

GOETHE  XVII  12. 


1 7  8    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

595.  In  dieser  völligen  Entziehung  der  Farbe  Hegt  ei- 
gentlich die  Beschäftigung  der  Bleichkunst,  welche  von 
mehreren  empirischer  oder  methodischer  abgehandelt 
worden.  Wir  geben  die  Hauptmomente  hier  nur  kürz- 
lich an. 

596.  Das  Licht  wird  als  eines  der  ersten  Mittel,  die 
Farbe  den  Körpern  zu  entziehen,  angesehen,  und  zwar 
nicht  allein  das  Sonnenlicht,  sondern  das  bloße  gewalt- 
lose Tageslicht.  Denn  wie  beide  Lichter,  sowohl  das  di- 
rekte von  der  Sonne  als  auch  das  abgeleitete  Himmels- 
licht, die  Bononischen  Phosphoren  entzünden,  so  wirken 
auch  beide  Lichter  auf  gefärbte  Flächen.  Es  sei  nun,  daß 
das  Licht  die  ihm  verwandte  Farbe  ergreife,  sie,  die  so- 
viel Flammenartiges  hat,  gleichsam  entzünde,  verbrenne 
und  das  an  ihr  Spezifizierte  wieder  in  ein  Allgemeines 
auflöse  oder  daß  eine  andre,  uns  unbekannte  Operation 
geschehe:  genug,  das  Licht  übt  eine  große  Gewalt  gegen 
farbige  Flächen  aus  und  bleicht  sie  mehr  oder  weniger. 
Doch  zeigen  auch  hier  die  verschiedenen  Farben  eine 
verschiedene  Zerstörlichkeit  und  Dauer,  wie  denn  das 
Gelbe,  besonders  das  aus  gewissen  Stoffen  bereitete,  hier 
zuerst  davonfliegt. 

597.  Aber  nicht  allein  das  Licht,  sondern  auch  die  Luft 
und  besonders  das  Wasser  wirken  gewaltig  auf  die  Ent- 
ziehung der  Farbe.  Man  will  sogar  bemerkt  haben,  daß 
wohlbefeuchtete,  bei  Nacht  auf  dem  Rasen  ausgebreitete 
Garne  besser  bleichen  als  solche,  welche,  gleichfalls  wohl- 
befeuchtet, dem  Sonnenlicht  ausgesetzt  werden.  Und  so 
mag  sich  denn  freilich  das  Wasser  auch  hier  als  ein  Auf- 
lösendes, Vermittlendes,  das  Zufällige  Aufhebendes  und 
das  Besondre  insAllgeraeineZurückführendes  beweisen. 

598.  Durch  Reagenzien  wird  auch  eine  solche  Entziehung 
bewirkt.  Der  Weingeist  hat  eine  besondre  Neigung,  das- 
jenige, was  die  Pflanzen  färbt,  an  sich  zu  ziehen  und  sich 
damit,  oft  auf  eine  sehr  beständige  Weise,  zu  färben.  Die 
Schwefelsäure  zeigt  sich,  besonders  gegen  Wolle  und  Seide, 
als  farbentziehend  sehr  wirksam,  und  wem  ist  nicht  der 
Gebrauch  des  Schwefeldampfes  da  bekannt,  wo  man  etwas 
vergilbtes  oder  beflecktes  Weiß  herzustellen  gedenkt! 


111.  CHEMISCHE  FARBEN  179 

599.  Die  stärksten  Säuren  sind  in  der  neuren  Zeit  als 
kürzere  Bleichmittel  angeraten  worden. 

600.  Ebenso  wirken  im  Gegensinne  die  alkalischen  Rea- 
genzien, die  Laugen  an  sich,  die  zu  Seife  mit  Lauge  ver- 
bundenen Öle  und  Fettigkeiten  usw.,  wie  dieses  alles  in 
den  ausdrücklich  zu  diesem  Zwecke  verfaßten  Schriften 
umständlich  gefunden  wird. 

601.  Übrigens  möchte  es  wohl  der  Mühe  wert  sein,  ge- 
wisse zarte  Versuche  zu  machen,  inwiefern  Licht  und 
Luft  auf  das  Entziehen  der  Farbe  ihre  Tätigkeit  äußern. 
Man  könnte  vielleicht  unter  luftleeren,  mit  gemeiner  Luft 
oder  besondern  Luftarten  gefüllten  Glocken  solche  Farb- 
stoffe dem  Licht  aussetzen,  deren  Flüchtigkeit  man  kennt, 
und  beobachten,  ob  sich  nicht  an  das  Glas  wieder  etwas 
von  der  verflüchtigten  Farbe  ansetzte  oder  sonst  ein  Nie- 
derschlag sich  zeigte  und  ob  alsdann  dieses  Wiederer- 
scheinende dem  Unsichtbargewordnen  völlig  gleich  sei 
oder  ob  es  eine  Veränderung  erlitten  habe.  Geschickte 
Experimentatoren  ersinnen  sich  hierzu  wohl  mancherlei 
Vorrichtungen. 

602.  Wenn  wir  nun  also  zuerst  die  Naturwirkungen  be- 
trachtet haben,  wie  wir  sie  zu  unsern  Absichten  anwen- 
den, so  ist  noch  einiges  zu  sagen  von  dem,  wie  sie  feind- 
lich gegen  uns  wirken. 

603.  Die  Malerei  ist  in  dem  Falle,  daß  sie  die  schönsten 
Arbeiten  des  Geistes  und  der  Mühe  durch  die  Zeit  auf 
mancherlei  Weise  zerstört  sieht. — Man  hat  daher  sich  im- 
mer viel  Mühe  gegeben,  dauernde  Pigmente  zu  finden 
und  sie  auf  eine  Weise  unter  sich  sowie  mit  der  Unter- 
lage zu  vereinigen,  daß  ihre  Dauer  dadurch  noch  mehr 
gesichert  werde,  wie  uns  hiervon  die  Technik  der  Maler- 
schulen genugsam  unterrichten  kann. 

604.  Auch  ist  hier  der  Platz,  einer  Halbkunst  zu  ge- 
denken, welcher  wir  in  Absicht  auf  Färberei  sehr  vieles 
schuldig  sind:  ich  meine  die  Tapetenwirkerei.  Indem  man 
nämhch  in  den  Fall  kam,  die  zartesten  Schattierungen 
der  Gemälde  nachzuahmen  und  daher  die  verschiedenst 
gefärbten  Stoffe  oft  nebeneinander  zu  bringen,  so  be- 
merkte man  bald,  daß  die  Farben  nicht  alle  gleich  dauer- 


1 8o    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

haft  waren,  sondern  die  eine  eher  als  die  andre  dem  ge- 
wobenen Bilde  entzogen  wurde.  Es  entsprang  daher  das 
eifrigste  Bestreben,  den  sämtlichen  Farben  imd  Schattie- 
rungen eine  gleiche  Dauer  zu  versichern,  welches  beson- 
ders in  Frankreich  unter  Colbert  geschah,  dessen  Ver- 
fügungen über  diesen  Punkt  in  der  Geschichte  der  Färbe- 
kunst Epoche  machen.  Die  sogenannte  Schönfärberei, 
welche  sich  nur  zu  einer  vergänglichen  Anmut  verpflich- 
tete, ward  eine  besondre  Gilde;  mit  desto  größerm  Ernst 
hingegen  suchte  man  diejenige  Technik,  welche  für  die 
Dauer  stehn  sollte,  zu  begründen. 

So  wären  wir  bei  Betrachtung  des  Entziehens,  der  Flüch- 
tigkeit und  Vergänglichkeit  glänzender  Farbenerschei- 
nungen wieder  auf  die  Forderung  der  Dauer  zurückge- 
kehrt und  hätten  auch  in  diesem  Sinne  unsern  Kreis 
abermals  abgeschlossen. 

XLIX.  Nomenklatur 

605.  Nach  dem,  was  wir  bisher  von  dem  Entstehen,  dem 
Fortschreiten  und  der  Verwandtschaft  der  Farben  ausge- 
führt, wird  sich  besser  übersehen  lassen,  welche  Nomen- 
klatur künftig  wünschenswert  wäre  und  was  von  der  bis- 
herigen zu  halten  sei. 

606.  Die  Nomenklatur  der  Farben  ging  wie  alle  Nomen- 
klaturen, besonders  aber  diejenigen,  welche  sinnliche 
Gegenstände  bezeichnen,  vom  Besondem  aus  ins  Allge- 
meine und  vom  Allgemeinen  wieder  zurück  ins  Besondre. 
Der  Name  der  Spezies  ward  ein  Geschlechtsname,  dem 
sich  wieder  das  Einzelne  unterordnete. 

607.  Dieser  Weg  konnte  bei  der  Beweglichkeit  und  Un- 
bestimmtheit des  frühem  Sprachgebrauchs  zurückgelegt 
werden,  besonders  da  man  in  den  ersten  Zeiten  sich  auf 
ein  lebhafteres  sinnliches  Anschauen  verlassen  durfte. 
Man  bezeichnete  die  Eigenschaften  der  Gegenstände  un- 
bestimmt, weil  sie  jedermann  deutlich  in  der  Imagination 
festhielt. 

608.  Der  reine  Farbenkreis  war  zwar  enge,  er  schien 
aber  an  unzähligen  Gegenständen  spezifiziert  xind  indivi- 


m.  CHEMISCHE  FARBEN  i8i 

dualisiert  und  mit  Nebenbestimmungen  bedingt.  Man 
sehe  die  Mannigfaltigkeit  der  griechischen  und  römi- 
schen Ausdrücke  . . .,  und  man  wird  mit  Vergnügen  dabei 
gewahr  werden,  wie  beweglich  und  läßlich  die  Worte 
beinahe  durch  den  ganzen  Farbenkreis  herum  gebraucht 
worden. 

609.  In  späteren  Zeiten  trat  durch  die  mannigfaltigen 
Operationen  der  Färbekunst  manche  neue  Schattierung 
ein.  Selbst  die  Modefarben  und  ihre  Benennungen  stell- 
ten ein  unendliches  Heer  von  Farbenindividualitäten  dar. 
Auch  die  Farbenterminologie  der  neuern  Sprachen  wer- 
den wir  gelegentlich  aufführen,  wobei  sich  denn  zeigen 
wird,  daß  man  immer  auf  genauere  Bestimmungen  aus- 
gegangen und  ein  Fixiertes,  Spezifiziertes  auch  durch  die 
Sprache  festzuhalten  und  zu  vereinzelnen  gesucht  hat. 

610.  Was  die  deutsche  Terminologie  betrifft,  so  hat  sie 
den  Vorteil,  daß  wir  vier  einsilbige,  an  ihren  Ursprung 
nicht  mehr  erinnernde  Namen  besitzen,  nämlich  Gelb, 
Blau,  Rot,  Grün.  Sie  stellen  nur  das  Allgemeinste  der 
Farbe  der  Einbildungskraft  dar,  ohne  auf  etwas  Spezifi- 
sches hinzudeuten. 

611.  Wollten  wir  in  jeden  Zwischenraum  zwischen  diesen 
vieren  noch  zwei  Bestimmungen  setzen,  als  Rotgelb  und 
Gelbrot,  Rotblau  und  Blaurot,  Gelbgrün  und  Grüngelb, 
Blaugrün  und  Grünblau,  so  würden  wir  die  Schattierun- 
gen des  Farbenkreises  bestimmt  genug  ausdrücken,  und 
wenn  wir  die  Bezeichnungen  von  Hell  und  Dunkel  hin- 
zufügen wollten,  ingleichen  die  Beschmutzungen  einiger- 
maßen andeuten,  wozu  uns  die  gleichfalls  einsilbigen 
Worte  Schwarz,  Weiß,  Grau  und  Braun  zu  Diensten  ste- 
hen, so  würden  wir  ziemlich  auslangen  und  die  vorkom- 
menden Erscheinungen  ausdrücken,  ohne  uns  zu  beküm- 
mern, ob  sie  auf  dynamischem  oder  atomistischem  Wege 
entstanden  sind. 

6x2.  Man  könnte  jedoch  immer  hiebei  die  spezifischen 
und  individuellen  Ausdrücke  vorteilhaft  benutzen,  so  wie 
wir  uns  auch  des  Worts  Orange  und  Violett  bedienten. 
.Ingleichen  haben  wir  das  Wort  Purpur  gebraucht,  um  das 
reine,  in  der  Mitte  stehende  Rot  zu  bezeichnen,  weil  der 


1 8  2     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

Saft  der  Purpurschnecke,  besonders  wenn  er  feine  Lein- 
wand durchdrungen  hat,  vorzüglich  durch  das  Sonnen- 
licht zu  dem  höchsten  Punkte  der  Kulmination  zu  brin- 
gen ist. 

L.  Mineralien 

613.  Die  Farben  der  Mineralien  sind  alle  chemischer 
Natur,  und  so  kann  ihre  Entstehungsweise  aus  dem,  was 
wir  von  den  chemischen  Farben  gesagt  haben,  ziemlich 
entwickelt  werden. 

614.  Die  Farbenbenennungen  stehen  unter  den  äußern 
Kennzeichen  obenan,  und  man  hat  sich  im  Sinne  der 
neuern  Zeit  große  Mühe  gegeben,  jede  vorkommende  Er- 
scheinung genau  zu  bestimmen  und  festzuhalten;  man  hat 
aber  dadurch,  wie  uns  dünkt,  neue  Schwierigkeiten  er- 
regt, welche  beim  Gebrauch  manche  Unbequemlichkeit 
veranlassen. 

615.  Freilich  führt  auch  dieses,  sobald  man  bedenkt,  wie 
die  Sache  entstanden,  seine  Entschuldigung  mit  sich. 
Der  Maler  hatte  von  jeher  das  Vorrecht,  die  Farbe  zu 
handhaben.  Die  wenigen  spezifizierten  Farben  standen 
fest,  und  dennoch  kamen  durch  künstliche  Mischungen 
unzählige  Schattierungen  hervor,  welche  die  Oberfläche 
der  natürlichen  Gegenstände  nachahmten.  War  es  daher 
ein  Wunder,  wenn  man  auch  diesen  Mischungsweg  ein- 
schlug und  den  Künstler  aufrief,  gefärbte  Musterflächen 
aufzustellen,  nach  denen  man  die  natürlichen  Gegenstände 
beurteilen  und  bezeichnen  könnte.*  Man  fragte  nicht:  wie 
geht  die  Natur  zu  Werke,  um  diese  und  jene  Farbe  auf 
ihrem  Innern  lebendigen  Wege  hervorzubringen?  sondern: 
wie  belebt  der  Maler  das  Tote,  um  ein  dem  Lebendigen 
ähnliches  Scheinbild  darzustellen?  Man  ging  also  immer 
von  Mischung  aus  und  kehrte  auf  Mischung  zurück,  so 
daß  man  zuletzt  das  Gemischte  wieder  zu  mischen  vor- 
nahm, um  einige  sonderbare  Spezifikationen  und  Indivi- 
dualisationen  auszudrücken  und  zu  unterscheiden. 

616.  Übrigens  läßt  sich  bei  der  gedachten  eingeführten 
mineralischen  Farbenterminologie  noch  manches  erinnern. . 
Man  hat  nämlich  die  Benennunsfen  nicht,  wie  es  doch 


III.  CHEMISCHE  FARBEN  183 

meistens  möglich  gewesen  wäre,  aus  dem  Mineralreich, 
sondern  von  allerlei  sichtbaren  Gegenständen  genommen, 
da  man  doch  mit  größerem  Vorteil  auf  eigenem  Grund  und 
Boden  hätte  bleiben  können.  Femer  hat  man  zu  viel  ein- 
zelne spezifische  Ausdrücke  aufgenommen  und,  indem 
man  durch  Vermischung  dieser  Spezifikationen  wieder 
neue  Bestimmungen  hervorzubringen  suchte,  nicht  be- 
dacht, daß  man  dadurch  vor  der  Imagination  das  Bild 
und  vor  dem  Verstand  den  Begriff  völlig  aufhebe.  Zu- 
letzt stehen  denn  auch  diese  gewissermaßen  als  Grund- 
bestimmungen gebrauchten  einzelnen  Farbenbenennungen 
nicht  in  der  besten  Ordnung,  wie  sie  etwa  voneinander 
sich  ableiten,  daher  denn  der  Schüler  jede  Bestimmung 
einzeln  lernen  und  sich  ein  beinahe  totes  Positives  ein- 
prägen muß.  Die  weitere  Ausführung  dieses  Angedeu- 
teten stünde  hier  nicht  am  rechten  Orte. 

LI.  Pflanzen 

617.  Man  kann  die  Farben  organischer  Körper  über- 
haupt als  eine  höhere  chemische  Operation  ansehen,  wes- 
wegen sie  auch  die  Alten  durch  das  Wort  "Kochung" 
(^reipig)  ausgedrückt  haben.  Alle  Elementarfarben  sowohl 
als  die  gemischten  und  abgeleiteten  kommen  auf  der  Ober- 
fläche organischer  Naturen  vor,  dahingegen  das  Innere, 
man  kann  nicht  sagen  unfärbig,  doch  eigentlich  mißfärbig 
erscheint,  wenn  es  zutage  gebracht  wird.  Da  wir  bald  an 
einem  andern  Orte  von  unsern  Ansichten  über  organische 
Natur  einiges  mitzuteilen  denken,  so  stehe  nur  dasjenige 
hier,  was  früher  mit  der  Farbenlehre  in  Verbindung  ge- 
bracht war,  indessen  wir  zu  jenen  besondern  Zwecken 
das  Weitere  vorbereiten.  Von  den  Pflanzen  sei  also  zu- 
erst gesprochen. 

618.  Die  Samen,  Bulben,  Wurzeln,  und  was  überhaupt 
vom  Lichte  ausgeschlossen  ist  oder  unmittelbar  von 
der  Erde  sich  umgeben  befindet,  zeigt  sich  meistenteils 
weiß. 

619.  Die  im  Finstern  aus  Samen  erzogenen  Pflanzen 
sind  weiß  oder  ins  Gelbe  ziehend.    Das  Licht  hingegen. 


1 8  4    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

indem  es  auf  ihre  Farben  wirkt,  wirkt  zugleich  auf  ihre 
Form. 

620.  Die  Pflanzen,  die  im  Finstern  wachsen,  setzen  sich 
von  Knoten  zu  Knoten  zwar  lange  fort,  aber  die  Stengel 
zwischen  zwei  Knoten  sind  länger  als  billig;  keine  Seiten- 
zweige werden  erzeugt,  und  die  Metamorphose  der  Pflan- 
zen hat  nicht  statt. 

621.  Das  Licht  versetzt  sie  dagegen  sogleich  in  einen 
tätigen  Zustand:  die  Pflanze  erscheint  grün,  und  der  Gang 
der  Metamorphose  bis  zur  Begattung  geht  unaufhaltsam 
fort. 

622.  Wir  wissen,  daß  die  Stengelblätter  nur  Vorberei- 
tungen und  Vorbedeutungen  auf  die  Blumen-  und  Frucht- 
werkzeuge sind,  und  so  kann  man  in  den  Stengelblättern 
schon  Farben  sehen,  die  von  weiten  auf  die  Blume  hin- 
deuten, wie  bei  den  Amaranten  der  Fall  ist. 

623.  Es  gibt  weiße  Blumen,  deren  Blätter  sich  zur  größ- 
ten Reinheit  durchgearbeitet  haben,  aber  auch  farbige, 
in  denen  die  schöne  Elementarerscheinung  hin-  und  wie- 
derspielt. Es  gibt  deren,  die  sich  nur  teilweise  vom 
Grünen  auf  eine  höhere  Stufe  losgearbeitet  haben. 

624.  Blumen  einerlei  Geschlechts,  ja  einerlei  Art  finden 
sich  von  allen  Farben.  Rosen  und  besonders  Malven 
z.  B.  gehen  einen  großen  Teil  des  Farbenkreises  durch, 
vom  Weißen  ins  Gelbe,  sodann  durch  das  Rotgelbe  in 
den  Purpur  und  von  da  in  das  Dunkelste,  was  der  Pur- 
pur, indem  er  sich  dem  Blauen  nähert,  ergreifen  kann. 

625.  Andere  fangen  schon  auf  einer  höhern  Stufe  an,  wie 
z.  B.  die  Mohne,  welche  von  dem  Gelbroten  ausgehen 
und  sich  in  das  Violette  hinüberziehen. 

626.  Doch  sind  auch  Farben  bei  Arten,  Gattungen,  ja 
Familien  und  Klassen,  wo  nicht  beständig,  doch  herr- 
schend, besonders  die  gelbe  Farbe;  die  blaue  ist  über- 
haupt seltner. 

627.  Bei  den  saftigen  Hüllen  der  Frucht  geht  etwas  Ähn- 
liches vor,  indem  sie  sich  von  der  grünen  Farbe  durch 
das  Gelbliche  und  Gelbe  bis  zu  dem  höchsten  Rot  er- 
höhen, wobei  die  Farbe  der  Schale  die  Stufen  der  Reife 
andeutet.  Einige  sind  ringsum  gefärbt,  einige  nur  an  der 


III.  CHEMISCHE  FARBEN  185 

Sonnenseite,  in  welchem  letzten  Falle  man  die  Steige- 
rung des  Gelben  ins  Rote  durch  größere  An-  und  Über- 
einanderdrängung  sehr  wohl  beobachten  kann. 

628.  Auch  sind  mehrere  Früchte  innerlich  gefärbt,  be- 
sonders sind  purpurrote  Säfte  gewöhnlich. 

629.  Wie  die  Farbe  sowohl  oberflächlich  auf  der  Blume 
als  durchdringend  in  der  Frucht  sich  befindet,  so  ver- 
breitet sie  sich  auch  durch  die  übrigen  Teile,  indem  sie 
die  Wurzeln  und  die  Säfte  der  Stengel  färbt,  und  zwar 
mit  sehr  reicher  und  mächtiger  Farbe. 

630.  So  geht  auch  die  Farbe  des  Holzes  vom  Gelben 
durch  die  verschiedenen  Stufen  des  Roten  bis  ins  Pur- 
purfarbene und  Braune  hinüber.  Blaue  Hölzer  sind  mir 
nicht  bekannt,  und  so  zeigt  sich  schon  auf  dieser  Stufe 
der  Organisation  die  aktive  Seite  mächtig,  wenn  in  dem 
allgemeinen  Grün  der  Pflanzen  beide  Seiten  sich  balan- 
cieren mögen, 

631.  Wir  haben  oben  gesehen,  daß  der  aus  der  Erde 
dringende  Keim  sich  mehrenteils  weiß  und  gelblich  zeigt, 
durch  Einwirkung  von  Licht  und  Luft  aber  in  die  grüne 
Farbe  übergeht.  Ein  Ähnliches  geschieht  bei  jungen  Blät- 
tern der  Bäume,  wie  man  z.  B.  an  den  Birken  sehen  kann, 
deren  junge  Blätter  gelblich  sind  und  beim  Auskochen 
einen  schönen  gelben  Saft  von  sich  geben.  Nachher 
werden  sie  immer  grüner,  so  wie  die  Blätter  von  an- 
dern Bäumen  nach  und  nach  in  das  Blaugrüne  über- 
gehen, 

632.  So  scheint  auch  das  Gelbe  wesentlicher  den  Blät- 
tern anzugehören  als  der  blaue  Anteil:  denn  dieser  ver- 
schwindet im  Herbste,  imd  das  Gelbe  des  Blattes  scheint 
in  eine  braune  Farbe  übergegangen.  Noch  merkwürdiger 
aber  sind  die  besonderen  Fälle,  da  die  Blätter  im  Herbste 
wieder  rein  gelb  werden  und  andre  sich  bis  zu  dem  höch- 
sten Rot  hinaufsteigern. 

633.  Übrigens  haben  einige  Pflanzen  die  Eigenschaft, 
durch  künsthche  Behandlung  fast  durchaus  in  ein  Farbe- 
material verwandelt  zu  werden,  das  so  fein,  wirksam 
und  unendlich  teilbar  ist  als  irgendein  anderes.  Bei- 
spiele sind  der  Indigo  und  Krapp,  mit  denen  so  viel 


1 86    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

geleistet  wird.  Auch  werden  Flechten  zum  Färben  be- 
nutzt. 

634.  Diesem  Phänomen  steht  ein  anderes  unmittelbar 
entgegen,  daß  man  nämlich  den  färbenden  Teil  der  Pflan- 
zen ausziehen  und  gleichsam  besonders  darstellen  kann, 
ohne  daß  ihre  Organisation  dadurch  etwas  zu  leiden 
scheint.  Die  Farben  der  Blumen  lassen  sich  durch  Wein- 
geist ausziehen  und  tingieren  denselben;  die  Blumen- 
blätter dagegen  erscheinen  weiß. 

635.  Es  gibt  verschiedene  Bearbeitungen  der  Blumen 
und  ihrer  Säfte  durch  Reagenzien.  Dieses  hat  Boyle  in 
vielen  Experimenten  geleistet.  Man  bleicht  die  Rosen 
durch  Schwefel  und  stellt  sie  durch  andre  Säuren  wieder 
her.  Durch  Tobaksrauch  werden  die  Rosen  grün. 

LH.  Würmer,  Insekten,  Fische 

636.  Von  den  Tieren,  welche  auf  den  niedern  Stufen 
der  Organisation  verweilen,  sei  hier  vorläufig  folgendes 
gesagt.  Die  Würmer,  welche  sich  in  der  Erde  aufhalten, 
der  Finsternis  und  der  kalten  Feuchtigkeit  gewidmet  sind, 
zeigen  sich  mißfärbig,  die  Eingeweidewürmer,  von  war- 
mer Feuchtigkeit  im  Finstern  ausgebrütet  und  genährt, 
unfärbig;  zu  Bestimmung  der  Farbe  scheint  ausdrücklich 
Licht  zu  gehören. 

637.  Diejenigen  Geschöpfe,  welche  im  Wasser  wohnen, 
welches  als  ein  obgleich  sehr  dichtes  Mittel  dennoch  hin- 
reichendes Licht  hindurchläßt,  erscheinen  mehr  oder 
weniger  gefärbt.  Die  Zoophyten,  welche  die  reinste  Kalk- 
erde zu  beleben  scheinen,  sind  meistenteils  weiß;  doch 
finden  wir  die  Korallen  bis  zum  schönsten  Gelbrot  hin- 
aufgesteigert, welches  in  andern  Wurmgehäusen  sich  bis 
nahe  zum  Purpur  hinanhebt. 

638.  Die  Gehäuse  der  Schaltiere  sind  schön  gezeichnet 
und  gefärbt;  doch  ist  zu  bemerken,  daß  weder  die  Land- 
schnecken noch  die  Schale  der  Muscheln  des  süßen 
Wassers  mit  so  hohen  Farben  geziert  sind  als  die  des 
Meerwassers. 

639.  Bei  Betrachtung  der  Muschelschalen,  besonders  der 


m.  CHEMISCHE  FARBEN  187 

gewundenen,  bemerken  wir,  daß  zu  ihrem  Entstehen  eine 
Versammlung  unter  sich  ähnlicher  tierischer  Organe  sich 
wachsend  vorwärts  bewegte  und,  indem  sie  sich  um  eine 
Achse  drehten,  das  Gehäuse  durch  eine  Folge  von  Rie- 
fen, Rändern,  Rinnen  und  Erhöhungen  nach  einem  im- 
mer sich  vergrößernden  Maßstab  hervorbrachten.  Wir 
bemerken  aber  auch  zugleich,  daß  diesen  Organen  irgend- 
ein mannigfaltig  färbender  Saft  beiwohnen  mußte,  der  die 
Oberfläche  des  Gehäuses,  wahrscheinlich  durch  unmittel- 
bare Einwirkung  des  Meerwassers,  mit  farbigen  Linien, 
Punkten,  Flecken  und  Schattierungen  epochenweis  be- 
zeichnete und  so  die  Spuren  seines  steigenden  Wachs- 
tums auf  der  Außenseite  dauernd  hinterließ,  indes  die 
innere  meistens  weiß  oder  nur  blaß  gefärbt  angetroffen 
wird. 

640.  Daß  in  den  Muscheln  solche  Säfte  sich  befinden, 
zeigt  uns  die  Erfahrung  auch  außerdem  genugsam,  indem 
sie  uns  dieselben  noch  in  ihrem  flüssigen  und  färbenden 
Zustande  darbietet,  wovon  der  Saft  des  Tintenfisches  ein 
Zeugnis  gibt,  ein  weit  stärkeres  aber  derjenige  Purpur- 
saft, welcher  in  mehreren  Schnecken  gefunden  wird,  der 
von  alters  her  so  berühmt  ist  und  in  der  neuern  Zeit  auch 
wohl  benutzt  wird.  Es  gibt  nämlich  unter  den  Eingewei- 
den mancher  Würmer,  welche  sich  in  Schalgehäusen  auf- 
halten, ein  gewisses  Gefäß,  das  mit  einem  roten  Safte 
gefüllt  ist.  Dieser  enthält  ein  sehr  stark  und  dauerhaft 
färbendes  Wesen,  so  daß  man  die  ganzen  Tiere  zerknir- 
schen, kochen  und  aus  dieser  animalischen  Brühe  doch 
noch  eine  hinreichend  färbende  Feuchtigkeit  herausneh- 
men konnte.  Es  läßt  sich  aber  dieses  farbgefüllte  Gefäß 
auch  von  dem  Tiere  absondern,  wodurch  denn  freilich 
ein  konzentrierterer  Saft  gewonnen  wird. 

641.  Dieser  Saft  hat  das  Eigene,  daß  er,  dem  Licht  und 
der  Luft  ausgesetzt,  erst  gelblich,  dann  grünhch  erscheint, 
dann  ins  Blaue,  von  da  ins  Violette  übergeht,  immer  aber 
ein  höheres  Rot  annimmt  und  zuletzt  durch  Einwirkung 
der  Sonne,  besonders  wenn  er  auf  Batist  aufgetragen 
worden,  eine  reine  hohe  rote  Farbe  annimmt. 

642.  Wir  hätten  also  hier  eine  Steigerung  von  der  Minus- 


1 8  8    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

Seite  bis  zur  Kulmination,  die  wir  bei  den  unorganischen 
Fällen  nicht  leicht  gewahr  wurden;  ja  wir  können  diese 
Erscheinung  beinahe  ein  Durchwandern  des  ganzen  Krei- 
ses nennen,  und  wir  sind  überzeugt,  daß  durch  gehörige 
Versuche  wirklich  die  ganze  Durch  Wanderung  des  Krei- 
ses bewirkt  werden  könne:  denn  es  ist  wohl  kein  Zweifel, 
daß  sich  durch  wohl  angewendete  Säuren  der  Purpur 
vom  Kulminationspunkte  herüber  nach  dem  Scharlach 
führen  ließe. 

643.  Diese  Feuchtigkeit  scheint  von  der  einen  Seite  mit 
der  Begattung  zusammenzuhängen,  ja  sogar  finden  sich 
Eier,  die  Anfänge  künftiger  Schaltiere,  welche  ein  solches 
färbendes  Wesen  enthalten.  Von  der  andern  Seite  scheint 
aber  dieser  Saft  auf  das  bei  höher  stehenden  Tieren  sich 
entwickelnde  Blut  zu  deuten.  Denn  das  Blut  läßt  uns 
ähnhche  Eigenschaften  der  Farbe  sehen.  In  seinem  ver- 
dünntesten Zustande  erscheint  es  uns  gelb,  verdichtet, 
wie  es  in  den  Adern  sich  befindet,  rot,  und  zwar  zeigt 
das  arterielle  Blut  ein  höheres  Rot,  wahrscheinlich  wegen 
der  Säurung,  die  ihm  beim  Atemholen  widerfährt;  das 
venöse  Blut  geht  mehr  nach  dem  Violetten  hin  und  zeigt 
durch  diese  Beweglichkeit  auf  jenes  uns  genugsam  be- 
kannte Steigern  und  Wandern. 

644.  Sprechen  wir,  ehe  wir  das  Element  des  Wassers 
verlassen,  noch  einiges  von  den  Fischen,  deren  schup- 
pige Oberfläche  zu  gewissen  Farben  öfters  teils  im  Gan- 
zen, teils  streifig,  teils  fleckenweis  spezifiziert  ist,  noch 
öfter  ein  gewisses  Farbenspiel  zeigt,  das  auf  die  Ver- 
wandtschaft der  Schuppen  mit  den  Gehäusen  der  Schal- 
tiere, dem  Perlemutter,  ja  selbst  der  Perle  hinweist.  Nicht 
zu  übergehen  ist  hierbei,  daß  heißere  Himmelsstriche,  auch 
schon  in  das  Wasser  wirksam,  die  Farben  der  Fische  her- 
vorbringen, verschönern  und  erhöhen. 

645.  Auf  Otahiti  bemerkte  Forster  Fische,  deren  Ober- 
flächen sehr  schön  spielten,  besonders  im  Augenblick, 
da  der  Fisch  starb.  Man  erinnre  sich  hierbei  des  Cha- 
mäleons und  andrer  ähnlichen  Erscheinungen,  welche, 
dereinst  zusammengestellt,  diese  Wirkungen  deutlicher  er- 
kennen lassen. 


IIL  CHEMISCHE  FARBEN  189 

646.  Noch  zuletzt,  obgleich  außer  der  Reihe,  ist  wohl 
noch  das  Farbenspiel  gewisser  Mollusken  zu  erwähnen, 
sowie  die  Phosphoreszenz  einiger  Seegeschöpfe,  welche 
sich  auch  in  Farben  spielend  verlieren  soll, 

647.  Wenden  wir  nunmehr  unsre  Betrachtung  auf  die- 
jenigen Geschöpfe,  welche  dem  Licht  und  der  Luft  und 
der  trocknen  Wärme  angehören,  so  finden  wir  uns  frei- 
lich erst  recht  im  lebendigen  Farbenreiche.  Hier  erschei- 
nen uns  an  trefflich  organisierten  Teilen  die  Elementar- 
farben in  ihrer  größten  Reinheit  und  Schönheit.  Sie 
deuten  uns  aber  doch,  daß  ebendiese  Geschöpfe  noch 
auf  einer  niedern  Stufe  der  Organisation  stehen,  eben 
weil  diese  Elementarfarben  noch  unverarbeitet  bei  ihnen 
hervortreten  können.  Auch  hier  scheint  die  Hitze  viel  zu 
Ausarbeitung  dieser  Erscheinung  beizutragen. 

648.  Wir  finden  Insekten,  welche  als  ganz  konzentrierter 
FarbenstoflF  anzusehen  sind,  worunter  besonders  die  Kok- 
kusarten  berühmt  sind;  wobei  wir  zu  bemerken  nicht 
unterlassen,  daß  ihre  Weise,  sich  an  Vegetabilien  anzu- 
siedeln, ja  in  dieselben  hineinzunisten,  auch  zugleich  jene 
Auswüchse  hervorbringt,  welche  als  Beizen  zu  Befesti- 
gung der  Farben  so  große  Dienste  leisten. 

649.  Am  auffallendsten  aber  zeigt  sich  die  Farbengewalt, 
verbunden  mit  regelmäßiger  Organisation,  an  denjenigen 
Insekten,  welche  eine  vollkommene  Metamorphose  zu 
ihrer  Entwicklung  bedürfen,  an  Käfern,  vorzüglich  aber 
an  Schmetterlingen. 

650.  Diese  letztern,  die  man  wahrhafte  Ausgeburten  des 
Lichtes  und  der  Luft  nennen  könnte,  zeigen  schon  in 
ihrem  Raupenzustand  oft  die  schönsten  Farben,  welche, 
spezifiziert  wie  sie  sind,  auf  die  künftigen  Farben  des 
Schmetterlings  deuten,  eine  Betrachtung,  die,  wenn  sie 
künftig  weiter  verfolgt  wird,  gewiß  in  manches  Geheim- 
nis der  Organisation  eine  erfreuliche  Einsicht  gewähren 
muß. 

651.  Wenn  wir  übrigens  die  Flügel  des  Schmetterlings 
näher  betrachten  und  in  seinem  netzartigen  Gewebe  die 
Spuren  eines  Armes  entdecken  und  ferner  die  Art,  wie 
dieser  gleichsam  verflächte  Arm  durch  zarte  Federn  be- 


1 9  o    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

deckt  und  zum  Organ  des  Fliegens  bestimmt  worden,  so 
glaubt-n  wir  ein  Gesetz  gewahr  zu  werden,  wonach  sich 
die  große  Mannigtaltiglceit  der  Färbung  richtet,  welchej 
künftig  näher  zu  entwickeln  sein  wird. 

652.  Daß  auch  überhaupt  die  Hitze  auf  Größe  des  Ge- 
schöpfes, auf  Ausbildung  der  Form,  auf  mehrere  Herr- 
lichkeit der  Farben  Einfluß  habe,  bedarf  wohl  kaum  er- 
innert zu  werden. 

LIII.  Vögel 

653.  Je  weiter  wir  nun  uns  gegen  die  höhern  Organisa- 
tionen bewegen,  desto  mehr  haben  wir  Ursache,  flüchtig 
und  vorübergehend  nur  einiges  hinzustreuen.  Denn  alles, 
was  solchen  organischen  Wesen  natürlich  begegnet,  ist 
eine  Wirkung  von  so  vielen  Prämissen,  daß,  ohne  die- 
selben wenigstens  angedeutet  zu  haben,  nur  etwas  Unzu- 
längliches und  Gewagtes  ausgesprochen  wird. 

654.  Wie  wir  bei  den  Pflanzen  finden,  daß  ihr  Höheres, 
die  ausgebildeten  Blüten  und  Früchte  auf  dem  Stamme 
gleichsam  gewurzelt  sind  und  sich  von  voUkommneren 
Säften  nähren,  als  ihnen  die  Wurzel  zuerst  zugebracht 
hat,  wie  wir  bemerken,  daß  die  Schmarotzerpflanzen,  die 
das  Organische  als  ihr  Element  behandeln,  an  Kräften 
und  Eigenschaften  sich  ganz  vorzüglich  beweisen:  so  kön- 
nen wir  auch  die  Federn  der  Vögel  in  einem  gewissen 
Sinne  mit  den  Pflanzen  vergleichen.  Die  Federn  ent- 
springen als  ein  Letztes  aus  der  Oberfläche  eines  Kör- 
pers, der  noch  viel  nach  außen  herzugeben  hat,  und  sind 
deswegen  sehr  reich  ausgestattete  Organe. 

655.  Die  Kiele  erwachsen  nicht  allein  verhältnismäßig 
zu  einer  ansehnlichen  Größe,  sondern  sie  sind  durchaus 
geästet,  wodurch  sie  eigentlich  zu  Federn  werden,  und 
manche  dieser  Ausästungen,  Befiederungen  sind  wieder 
subdividiert,  wodurch  sie  abermals  an  die  Pflanzen  er- 
innern. 

656.  Die  Federn  sind  sehr  verschieden  an  Form  und 
Größe,  aber  sie  bleiben  immer  dasselbe  Organ,  das  sich 
nur  nach  Beschaffenheit  des  Körperteiles,  aus  welchem  es 
entspringt,  bildet  und  umbildet. 


III.  CHEMISCHE  FARBEN  191 

657.  Mit  der  Form  verwandelt  sich  auch  die  Farbe,  und 
ein  gewisses  Gesetz  leitet  sowohl  die  allgemeine  Fär- 
bung als  auch  die  besondre,  wie  wir  sie  nennen  möch- 
ten, diejenige  nämlich,  wodurch  die  einzelne  Feder 
scheckig  wird.  Dieses  ist  es,  woraus  alle  Zeichnung  des 
bunten  Gefieders  entspringt  und  woraus  zuletzt  das  Pfauen- 
auge hervorgeht.  Es  ist  ein  Ähnliches  mit  jenem,  das  wir 
bei  Gelegenheit  der  Metamorphose  der  Pflanzen  früher 
entwickelt  und  welches  darzulegen  wir  die  nächste  Ge- 
legenheit ergreifen  werden. 

658.  Nötigen  uns  hier  Zeit  und  Umstände,  über  dieses 
organische  Gesetz  hinauszugehen,  so  ist  doch  hier  unsre 
Pflicht,  der  chemischen  Wirkungen  zu  gedenken,  welche 
sich  bei  Färbung  der  Federn  auf  eine  uns  nun  schon  hin- 
länglich bekannte  Weise  zu  äußern  pflegen. 

659.  Das  Gefieder  ist  allfarbig,  doch  im  ganzen  das 
gelbe,  das  sich  zum  roten  steigert,  häufiger  als  das 
blaue. 

660.  Die  Einwirkung  des  Lichts  auf  die  Federn  und  ihre 
Farben  ist  durchaus  bemerklich.  So  ist  z.  B.  auf  der 
Brust  gewisser  Papageien  die  Feder  eigentlich  gelb. 
Der  schuppenartig  hervortretende  Teil,  den  das  Licht  be- 
scheint, ist  aus  dem  Gelben  ins  Rote  gesteigert.  So  sieht 
die  Brust  eines  solchen  Tiers  hochrot  aus;  wenn  man 
aber  in  die  Federn  bläst,  erscheint  das  Gelbe. 

661.  So  ist  durchaus  der  unbedeckte  Teil  der  Federn 
von  dem  im  ruhigen  Zustand  bedeckten  höchlich  unter- 
schieden, so  daß  sogar  nur  der  unbedeckte  Teil,  z.  B. 
bei  Raben,  bunte  Farben  spielt,  der  bedeckte  aber  nicht, 
nach  welcher  Anleitung  man  die  Schwanzfedern,  wenn 
sie  diurcheinander  geworfen  sind,  sogleich  wieder  zu- 
rechtlegen kann. 

LIV.  Säugetiere  und  Menschen 

662.  Hier  fangen  die  Elementarfarben  an,  uns  ganz  zu 
verlassen.  Wir  sind  auf  der  höchsten  Stufe,  auf  der  wir 
nur  flüchtig  verweilen. 

663.  Das  Säugetier  steht  überhaupt  entschieden  auf  der 


1 9  2     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

Lebensseite.  Alles,  was  sich  an  ihm  äußert,  ist  lebendig. 
Von  dem  Innern  sprechen  wir  nicht,  also  hier  nur  einiges 
von  der  Oberfläche,  Die  Haare  unterscheiden  sich  schon 
dadurch  von  den  Federn,  daß  sie  der  Haut  mehr  ange- 
hören, daß  sie  einfach,  fadenartig,  nicht  geästet  sind.  An 
den  verschiedenen  Teilen  des  Körpers  sind  sie  aber  auch 
nach  Art  der  Federn  kürzer,  länger,  zarter  und  stärker, 
farblos  oder  gefärbt,  und  dies  alles  nach  Gesetzen,  welche 
sich  aussprechen  lassen. 

664.  Weiß  und  Schwarz,  Gelb,  Gelbrot  und  Braun  wech- 
seln auf  mannigfaltige  Weise,  doch  erscheinen  sie  niemals 
auf  eine  solche  Art,  daß  sie  uns  an  die  Elementarfarben  er- 
innerten. Sie  sind  alle  vielmehr  gemischte,  durch  organische 
Kochung  bezwungene  Farben  und  bezeichnen  mehr  oder 
weniger  die  Stufenhöhe  des  Wesens,  dem  sie  angehören. 

665.  Eine  von  den  wichtigsten  Betrachtungen  der  Mor- 
phologie, insofern  sie  Oberflächen  beobachtet,  ist  diese, 
daß  auch  bei  den  vierfüßigen  Tieren  die  Flecken  der 
Haut  auf  die  innern  Teile,  über  welche  sie  gezogen  ist, 
einen  Bezug  haben.  So  willkürlich  übrigens  die  Natur 
dem  flüchtigen  Anblick  hier  zu  wirken  scheint,  so  kon- 
sequent wird  dennoch  ein  tiefes  Gesetz  beobachtet,  dessen 
Entwicklung  und  Anwendung  freilich  nur  einer  genauen 
Sorgfalt  und  treuen  Teilnehmung  vorbehalten  ist. 

666.  Wenn  bei  Affen  gewisse  nackte  Teile  bunt,  mit 
Elementarfarben  erscheinen,  so  zeigt  dies  die  weite  Ent- 
fernung eines  solchen  Geschöpfs  von  der  Vollkommen- 
heit an:  denn  man  kann  sagen,  je  edler  ein  Geschöpf  ist, 
je  mehr  ist  alles  Stoffartige  in  ihm  verarbeitet;  je  wesent- 
licher seine  Oberfläche  mit  dem  Innern  zusammenhängt, 
desto  weniger  können  auf  derselben  Elementarfarben  er- 
scheinen. Denn  da,  wo  alles  ein  vollkommenes  Ganzes 
zusammen  ausmachen  soll,  kann  sich  nicht  hier  und  da 
etwas  Spezifisches  absondern. 

667.  Von  dem  Menschen  haben  wir  wenig  zu  sagen,  denn 
er  trennt  sich  ganz  von  der  allgemeinen  Naturlehre  los, 
in  der  wir  jetzt  eigentHch  wandeln.  Auf  des  Menschen 
Inneres  ist  so  viel  verwandt,  daß  seine  Oberfläche  nur 
sparsamer  begabt  werden  konnte. 


III.  CHEMISCHE  FARBEN  193 

668.  Wenn  man  nimmt,  daß  schon  unter  der  Haut  die 
Tiere  mit  Interkutanmuskeln  mehr  belastet  als  begünstigt 
sind,  wenn  man  sieht,  daß  gar  manches  Überflüssige  nach 
außen  strebt,  wie  z.  B.  die  großen  Ohren  und  Schwänze, 
nicht  weniger  die  Haare,  Mähnen,  Zotten:  so  sieht  man 
wohl,  daß  die  Natur  vieles  abzugeben  und  zu  verschwen- 
den hatte. 

669.  Dagegen  ist  die  Oberfläche  des  Menschen  glatt  und 
rein  imd  läßt  bei  den  vollkommensten  außer  wenigen 
mit  Haar  mehr  gezierten  als  bedeckten  Stellen  die  schöne 
Form  sehen;  denn,  im  Vorbeigehen  sei  es  gesagt:  ein 
Überfluß  der  Haare  an  Brust,  Armen,  Schenkeln  deutet 
eher  auf  Schwäche  als  auf  Stärke;  wie  denn  wahrschein- 
lich nur  die  Poeten,  durch  den  Anlaß  einer  übrigens  star- 
ken Tiematur  verführt,  mitunter  solche  haarige  Helden 
zu  Ehren  gebracht  haben. 

670.  Doch  haben  wir  hauptsächlich  an  diesem  Ort  von 
der  Farbe  zu  reden.  Und  so  ist  die  Farbe  der  mensch- 
lichen Haut  in  allen  ihren  Abweichungen  durchaus  keine 
Elementarfarbe,  sondern  eine  durch  organische  Kochung 
höchst  bearbeitete  Erscheinung. 

671.  Daß  die  Farbe  der  Haut  und  Haare  auf  einen  Unter- 
schied der  Charaktere  deute,  ist  wohl  keine  Frage,  wie 
wir  ja  schon  einen  bedeutenden  Unterschied  an  blonden 
und  braunen  Menschen  gewahr  werden,  wodurch  wir  auf 
die  Vermutung  geleitet  worden,  daß  ein  oder  das  andre 
organische  System  vorwaltend  eine  solche  Verschieden- 
heit hervorbringe.  Ein  gleiches  läßt  sich  wohl  auf  Natio- 
nen anwenden,  wobei  vielleicht  zu  bemerken  wäre,  daß 
auch  gewisse  Farben  mit  gewissen  Bildungen  zusammen- 
treffen, worauf  wir  schon  durch  die  Mohrenphysiognomien 
aufmerksam  geworden. 

672.  Übrigens  wäre  wohl  hier  der  Ort,  der  Zweiflerfrage 
zu  begegnen,  ob  denn  nicht  alle  Menschenbildung  und 
-färbe  gleich  schön  und  nur  durch  Gewohnheit  und  Eigen- 
dünkel eine  der  andern  vorgezogen  werde.  Wir  getrauen 
uns  aber  in  Gefolg  alles  dessen,  was  bisher  vorgekom- 
men, zu  behaupten,  daß  der  weiße  Mensch,  d.  h.  der- 
jenige,  dessen   Oberfläche   vom  Weißen  ins  Gelbliche, 

GOETHE  XVII  13. 


1 94    DKR  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

Bräunliche,  Rötliche  spielt,  kurz  dessen  Oberfläche  am 
gleichgültigsten  erscheint,  am  wenigsten  sich  zu  irgend 
etwas  Besondrem  hinneigt,  der  schönste  sei.  Und  so  wird 
auch  wohl  künftig,  wenn  von  der  Form  die  Rede  sein 
wird,  ein  solcher  Gipfel  menschlicher  Gestalt  sich  vor 
das  Anschauen  bringen  lassen;  nicht  als  ob  diese  alte 
Streitfrage  hierdurch  für  immer  entschieden  sein  sollte 
(denn  es  gibt  Menschen  genug,  welche  Ursache  haben, 
diese  Deutsamkeit  des  Äußern  in  Zweifel  zu  setzen),  son- 
dern daß  dasjenige  ausgesprochen  werde,  was  aus  einer 
Folge  von  Beobachtung  und  Urteil  einem  Sicherheit  und 
Beruhigung  suchenden  Gemüte  hervorspringt.  Und  so  fü- 
gen wir  zum  Schluß  noch  einige  auf  die  elementarchemi- 
sche Farbenlehre  sich  beziehende  Betrachtungen  bei. 

LV.  Physische  und  chemische  Wirkungen  farbiger 
Beleuchtung 

673.  Die  physischen  und  chemischen  Wirkungen  farb- 
loser Beleuchtung  sind  bekannt,  so  daß  es  hier  unnötig 
sein  dürfte,  sie  weitläuftig  auseinanderzusetzen.  Das 
farblose  Licht  zeigt  sich  unter  verschiedenen  Bedingun- 
gen, als  Wärme  erregend,  als  ein  Leuchten  gewissen 
Körpern  mitteilend,  als  auf  Säurung  und  Entsäurung  wir- 
kend. In  der  Art  und  Stärke  dieser  Wirkungen  findet  sich 
wohl  mancher  Unterschied,  aber  keine  solche  Differenz, 
die  auf  einen  Gegensatz  hinwiese,  wie  solche  bei  farbigen 
Beleuchtungen  erscheint,  wovon  wir  nunmehr  kürzlich 
Rechenschaft  zu  geben  gedenken. 

674.  Von  der  Wirkung  farbiger  Beleuchtung  als  wärme- 
erregend wissen  wir  folgendes  zu  sagen.  An  einem  sehr 
sensiblen,  sogenannten  Luftthermometer  beobachte  man 
die  Temperatur  des  dunklen  Zimmers.  Bringt  man  die 
Kugel  darauf  in  das  direkt  hereinscheinende  Sonnenlicht, 
so  ist  nichts  natürlicher,  als  daß  die  Flüssigkeit  einen 
viel  höhern  Grad  der  Wärme  anzeige.  Schiebt  man  als- 
dann farbige  Gläser  vor,  so  folgt  auch  ganz  natürlich,  daß 
sich  der  Wärmegrad  vermindre,  erstlich  weil  die  Wirkung 
des  direkten  Lichts  schon  durch  das  Glas  etwas  gehindert 


III.  CHEMISCHE  FARBEN  195 

ist,  sodann  aber  vorzüglich,  weil  ein  farbiges  Glas,  als  ein 
Dunkles,  ein  wenigeres  Licht  hindurchläßt. 

675.  Hiebei  zeigt  sich  aber  dem  aufmerksamen  Beob- 
achter ein  Unterschied  der  Wärmerregung,  je  nachdem 
diese  oder  jene  Farbe  dem  Glase  eigen  ist.  Das  gelbe 
und  gelbrote  Glas  bringt  eine  höhere  Temperatur  als  das 
blaue  und  blaurote  hervor,  und  zwar  ist  der  Unterschied 
von  Bedeutung. 

676.  Will  man  diesen  Versuch  mit  dem  sogenannten 
prismatischen  Spektrum  anstellen,  so  bemerke  man  am 
Thermometer  erst  die  Temperatur  des  Zimmers,  lasse 
alsdann  das  blaufärbige  Licht  auf  die  Kugel  fallen,  so 
wird  ein  etwas  höherer  Wärmegrad  angezeigt,  welcher 
immer  wächst,  wenn  man  die  übrigen  Farben  nach  und 
nach  auf  die  Kugel  bringt.  In  der  gelbroten  ist  die 
Temperatur  am  stärksten,  noch  stärker  aber  unter  dem 
Gelbroten, 

Macht  man  die  Vorrichtung  mit  dem  Wasserprisma,  so 
daß  man  das  weiße  Licht  in  der  Mitte  vollkommen  haben 
kann,  so  ist  dieses  zwar  gebrochne,  aber  noch  nicht  ge- 
färbte Licht  das  wärmste;  die  übrigen  Farben  verhalten 
sich  hingegen,  wie  vorher  gesagt. 

677.  Da  es  hier  nur  um  Andeutung,  nicht  aber  um  Ab- 
leitung und  Erklärung  dieser  Phänomene  zu  tun  ist,  so 
bemerken  wir  nur  im  Vorbeigehen,  daß  sich  am  Spek- 
trum unter  dem  Roten  keinesweges  das  Licht  vollkommen 
abschneidet,  sondern  daß  immer  noch  ein  gebrochnes, 
von  seinem  Wege  abgelenktes,  sich  hinter  dem  prisma- 
tischen Farbenbilde  gleichsam  herschleichendes  Licht  zu 
bemerken  ist,  so  daß  man  bei  näherer  Betrachtung  wohl 
kaum  nötig  haben  wird,  zu  unsichtbaren  Strahlen  und 
deren  Brechung  seine  Zuflucht  zu  nehmen. 

678.  Die  Mitteilung  des  Lichtes  durch  farbige  Beleuch- 
tung zeigt  dieselbige  Difierenz.  Den  Bononischen  Phos- 
phoren  teilt  sich  das  Licht  mit  durch  blaue  und  violette 
Gläser,  keinesweges  aber  durch  gelbe  und  gelbrote;  ja 
man  will  sogar  bemerkt  haben,  daß  die  Phosphoren,  wel- 
chen man  durch  violette  und  blaue  Gläser  den  Glüh- 
schein  mitgeteilt,  wenn  man  solche  nachher  unter  die 


1 96     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

gelben  und  gelbroten  Scheiben  gebracht,  früher  verlö- 
schen als  die,  welche  man  im  dunklen  Zimmer  ruhig 
liegen  läßt. 

679.  Man  kann  diese  Versuche  wie  die  vorhergehenden 
auch  durch  das  prismatische  Spektrum  machen,  und  es 
zeigen  sich  immer  dieselben  Resultate. 

680.  Von  der  Wirkung  farbiger  Beleuchtung  auf  Säurung 
und  Entsäurung  kann  man  sich  folgendermaßen  unter- 
richten. Man  streiche  feuchtes,  ganz  weißes  Hornsilber 
auf  einen  Papierstreifen,  man  lege  ihn  ins  Licht,  daß  er 
einigermaßen  grau  werde,  und  schneide  ihn  alsdenn  in 
drei  Stücke.  Das  eine  lege  man  in  ein  Buch  als  bleiben- 
des Muster,  das  andre  unter  ein  gelbrotes,  das  dritte  unter 
ein  blaurotes  Glas.  Dieses  letzte  Stück  wird  immer  dun- 
kelgrauer werden  und  eine  Entsäurung  anzeigen.  Das 
unter  dem  gelbroten  befindliche  wird  immer  heller  grau, 
tritt  also  dem  ersten  Zustand  vollkommnerer  Säurung 
wieder  näher.  Von  beiden  kann  man  sich  durch  Verglei- 
chung  mit  dem  Musterstücke  überzeugen. 

681.  Man  hat  auch  eine  schöne  Vorrichtung  gemacht, 
diese  Versuche  mit  dem  prismatischen  Bilde  anzustellen. 
Die  Resultate  sind  denen  bisher  erwähnten  gemäß,  und 
wir  werden  das  Nähere  davon  späterhin  vortragen  und 
dabei  die  Arbeiten  eines  genauen  Beobachters  benutzen, 
der  sich  bisher  mit  diesen  Versuchen  sorgfältig  beschäf- 
tigte. 

LVI.  Chemische  Wirkung  bei  der  dioptrischen  Achromasie 

682.  Zuerst  ersuchen  wir  unsre  Leser,  dasjenige  wieder 
nachzusehen,  was  wir  oben  (285 — 298)  über  diese  Ma- 
terie vorgetragen,  damit  es  hier  keiner  weitem  Wieder- 
holung bedürfe. 

683.  Man  kann  also  einem  Glase  die  Eigenschaft  ge- 
ben, daß  es,  ohne  viel  stärker  zu  refrangieren  als  vor- 
her, d.  h.  ohne  das  Bild  um  ein  sehr  Merkliches  weiter 
zu  verrücken,  dennoch  viel  breitere  Farbensäume  her- 
vorbringt. 

684.  Diese  Eigenschaft  wird  dem  Glase  durch  Metall- 


III.  CHEMISCHE  FARBEN  197 

kalke  mitgeteilt.  Daher  Mennige,  mit  einem  reinen  Glase 
innig  zusammengeschmolzen  und  vereinigt,  diese  Wir- 
kung hervorbringt.  Flintglas  (291)  ist  ein  solches  mit 
Bleikalk  bereitetes  Glas.  Auf  diesem  Wege  ist  man  weiter 
gegangen  und  hat  die  sogenannte  Spießglanzbutter,  die 
sich  nach  einer  neuem  Bereitung  als  reine  Flüssigkeit 
darstellen  läßt,,  in  linsenförmigen  und  prismatischen  Ge- 
fäßen benutzt  und  hat  eine  sehr  starke  Farbenerschei- 
nung bei  mäßiger  Refraktion  hervorgebracht  und  die 
von  uns  sogenannte  Hyperchromasie  sehr  lebhaft  darge- 
stellt. 

685.  Bedenkt  man  nun,  daß  das  gemeine  Glas,  wenig- 
stens überwiegend,  alkahscher  Natur  sei,  indem  es  vor- 
züglich aus  Sand  und  Laugensalzen  zusammengeschmol- 
zen wird,  so  möchte  wohl  eine  Reihe  von  Versuchen 
belehrend  sein,  welche  das  Verhältnis  völlig  alkalischer 
Liquoren  zu  völligen  Säuren  auseinandersetzten. 

686.  Wäre  nun  das  Maximum  und  Minimum  gefunden, 
so  wäre  die  Frage,  ob  nicht  irgendein  brechend  Mittel 
zu  erdenken  sei,  in  welchem  die  von  der  Refraktion  bei- 
nah unabhängig  auf-  und  absteigende  Farbenerscheinung 
bei  Verrückung  des  Bildes  völlig  Null  werden  könnte. 

687.  Wie  sehr  wünschenswert  wäre  es  daher  für  diesen 
letzten  Punkt  sowohl  als  für  unsre  ganze  dritte  Abteilung, 
ja  für  die  Farbenlehre  überhaupt,  daß  die  mit  Bearbei- 
tung der  Chemie  unter  immer  fortschreitenden  neuen 
Ansichten  beschäftigten  Männer  auch  hier  eingreifen  und 
das,  was  wir  beinahe  nur  mit  rohen  Zügen  angedeutet,  in 
das  Feinere  verfolgen  und  in  einem  allgemeinen,  der  gan- 
zen Wissenschaft  zusagenden  Sinne  bearbeiten  möchten. 


VIERTE  ABTEILUNG.  ALLGEMEINE  AN^ 
SICHTEN  NACH  INNEN 

688.  T  '\r    7IR  haben  bisher  die  Phänomene  fast  ge- 

\  A  /  waltsam  auseinander  gehalten,  die  sich 
V  V  teils  ihrer  Natur  nach,  teils  dem  Bedürf- 
nis unsres  Geistes  gemäß  immer  wieder  zu  vereinigen 
strebten.  Wir  haben  sie  nach  einer  gewissen  Methode  in 
drei  Abteilungen  vorgetragen  und  die  Farben  zuerst  be- 
merkt als  flüchtige  Wirkung  und  Gegenwirkung  des  Auges 
selbst,  ferner  als  vorübergehende  Wirkung  farbloser,  durch- 
scheinender, durchsichtiger,  undurchsichtiger  Körper  auf 
das  Licht,  besonders  auf  das  Lichtbild;  endlich  sind  wir 
zu  dem  Punkte  gelangt,  wo  wir  sie  als  dauernd,  als  den 
Körpern  wirklich  einwohnend  zuversichtlich  ansprechen 
konnten. 

689.  In  dieser  stetigen  Reihe  haben  wir,  soviel  es  mög- 
lich sein  wollte,  die  Erscheinungen  zu  bestimmen,  zu  son- 
dern und  zu  ordnen  gesucht.  Jetzt,  da  wir  nicht  mehr 
fürchten,  sie  zu  vermischen  oder  zu  verwirren,  können  wir 
unternehmen,  erstlich  das  Allgemeine,  was  sich  von  die- 
sen Erscheinungen  innerhalb  des  geschlossenen  Kreises 
prädizieren  läßt,  anzugeben,  zweitens  anzudeuten,  wie 
sich  dieser  besondre  Kreis  an  die  übrigen  Glieder  ver- 
wandter Naturerscheinungen  anschließt  imd  sich  mit  ihnen 
verkettet. 

IVü  leicht  die  Farbe  entsteht 

690.  Wir  haben  beobachtet,  daß  die  Farbe  unter  man- 
cherlei Bedingungen  sehr  leicht  und  schnell  entstehe. 
Die  Empfindlichkeit  des  Auges  gegen  das  Licht,  die  ge- 
setzliche Gegenwirkung  der  Retina  gegen  dasselbe  brin- 
gen augenblicklich  ein  leichtes  Farbenspiel  hervor.  Jedes 
gemäßigte  Licht  kann  als  farbig  angesehen  werden,  ja 
wir  dürfen  jedes  Licht,  insofern  es  gesehen  wird,  farbig 
nennen.  Farbloses  Licht,  farblose  Flächen  sind  gewisser- 
maßen Abstraktionen;  in  der  Erfahrung  werden  wir  sie 
kaum  gewahr. 

691.  Wenn  das  Licht  einen  farblosen  Körper  berührt, 
von  ihm  zurückprallt,  an  ihm  her-,  durch  ihn  durchgeht, 


IV.  ALLGEMEINE  ANSICHTEN  199 

so  erscheinen  die  Farben  sogleich;  nur  müssen  wir  hier- 
bei bedenken,  was  so  oft  von  uns  urgiert  worden,  daß 
nicht  jene  Hauptbedingungen  der  Refraktion,  der  Re- 
flexion usw.  hinreichend  sind,  die  Erscheinung  hervor- 
zubringen. Das  Licht  wirkt  zwar  manchmal  dabei  an  und 
für  sich,  öfters  aber  als  ein  bestimmtes,  begrenztes,  als 
ein  Lichtbild.  Die  Trübe  der  Mittel  ist  oft  eine  notwen- 
dige Bedingung,  so  wie  auch  Halb-  und  Doppelschatten 
zu  manchen  farbigen  Erscheinungen  erfordert  werden. 
Durchaus  aber  entsteht  die  Farbe  augenblicklich  und  mit 
der  größten  Leichtigkeit.  So  finden  wir  denn  auch  fer- 
ner, daß  durch  Druck,  Hauch,  Rotation,  Wärme,  durch 
mancherlei  Arten  von  Bewegung  und  Veränderung  an 
glatten  reinen  Körpern  sowie  an  farblosen  Liquoren  die 
Farbe  sogleich  hervorgebracht  werde. 

692.  In  den  Bestandteilen  der  Körper  darf  nur  die  ge- 
ringste Verändenmg  vor  sich  gehen,  es  sei  nun  durch 
Mischung  mit  andern  oder  durch  sonstige  Bestimmungen, 
so  entsteht  die  Farbe  an  den  Körpern  oder  verändert 
sich  an  denselben. 

Wie  energisch  die  Farbe  sei 

693.  Die  physischen  Farben  und  besonders  die  prisma- 
tischen wurden  ehemals  wegen  ihrer  besondem  Herr- 
lichkeit und  Energie  colores  emphatici  gtudiVWit.  Bei  nähe- 
rer Betrachtung  aber  kann  man  allen  Farberscheinungen 
eine  hohe  Emphase  zuschreiben,  vorausgesetzt,  daß  sie 
unter  den  reinsten  und  vollkommensten  Bedingungen  dar- 
gestellt werden. 

694.  Die  dunkle  Natur  der  Farbe,  ihre  hohe  gesättigte 
Qualität  ist  das,  wodurch  sie  den  ernsthaften  und  zu- 
gleich reizenden  Eindruck  hervorbringt,  und  indem  man 
sie  als  eine  Bedingung  des  Lichtes  ansehen  kann,  so  kann 
sie  auch  das  Licht  nicht  entbehren  als  der  mitwirkenden 
Ursache  ihrer  Erscheinung,  als  der  Unterlage  ihres  Er- 
scheinens, als  einer  aufscheinenden  und  die  Farbe  mani- 
festierenden Gewalt. 


2 oo     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

Wie  entschieden  die  Farbe  sei 

695.  Entstehen  der  Farbe  und  Sichentscheiden  ist  eins. 
Wenn  das  Licht  mit  einer  allgemeinen  Gleichgültigkeit 
sich  und  die  Gegenstände  darstellt  und  uns  von  einer  be- 
deutungslosen Gegenwart  gewiß  macht,  so  zeigt  sich  die 
Farbe  jederzeit  spezifisch,  charakteristisch,  bedeutend. 

696.  Im  allgemeinen  betrachtet,  entscheidet  sie  sich 
nach  zwei  Seiten.  Sie  stellt  einen  Gegensatz  dar,  den  wir 
eine  Polarität  nennen  und  durch  ein  +  und  —  recht  gut 
bezeichnen  können. 


Plus. 

Minus. 

Gelb. 

Blau. 

Wirkung. 

Beraubung. 

Licht. 

Schatten. 

Hell. 

Dunkel. 

Kraft. 

Schwäche. 

Wärme. 

Kälte. 

Nähe. 

Feme. 

Abstoßen. 

Anziehen. 

Verwandtschaft 

Verwandtschaft 

mit  Säuren. 

mit  Alkalien. 

Mischung  der  beiden  Seiten 

697.  Wenn  man  diesen  spezifizierten  Gegensatz  in  sich 
vermischt,  so  heben  sich  die  beiderseitigen  Eigenschaften 
nicht  auf;  sind  sie  aber  auf  den  Punkt  des  Gleichge- 
wichts gebracht,  daß  man  keine  der  beiden  besonders 
erkennt,  so  erhält  die  Mischung  wieder  etwas  Spezifi- 
sches fürs  Auge,  sie  erscheint  als  eine  Einheit,  bei  der 
wir  an  die  Zusammensetzung  nicht  denken.  Diese  Ein- 
heit nennen  wir  Grün. 

698.  Wenn  nun  zwei  aus  derselben  Quelle  entspringende 
entgegengesetzte  Phänomene,  indem  man  sie  zusammen- 
bringt, sich  nicht  aufheben,  sondern  sich  zu  einem  dritten 
angenehm  Bemerkbaren  verbinden,  so  ist  dies  schon  ein 
Phänomen,  das  auf  Übereinstimmung  hindeutet.  Das 
Vollkommnere  ist  noch  zurück. 


IV.  ALLGEMEINE  ANSICHTEN  201 

Steigerung  ins  Rote 

699.  Das  Blaue  und  Gelbe  läßt  sich  nicht  verdichten, 
ohne  daß  zugleich  eine  andre  Erscheinung  mit  eintrete. 
Die  Farbe  ist  in  ihrem  lichtesten  Zustand  ein  Dunkles, 
wird  sie  verdichtet,  so  muß  sie  dunkler  werden,  aber  zu- 
gleich erhält  sie  einen  Schein,  den  wir  mit  dem  Worte 
"rötlich"  bezeichnen. 

700.  Dieser  Schein  wächst  immer  fort,  so  daß  er  auf 
der  höchsten  Stufe  der  Steigerung  prävaliert.  Ein  ge- 
waltsamer Lichteindruck  klingt  purpurfarben  ab.  Bei  dem 
Gelbroten  der  prismatischen  Versuche,  das  unmittelbar 
aus  dem  Gelben  entspringt,  denkt  man  kaum  mehr  an 
das  Gelbe. 

701.  Die  Steigerung  entsteht  schon  durch  farblose  trübe 
Mittel,  und  hier  sehen  wir  die  Wirkung  in  ihrer  höch- 
sten Reinheit  und  Allgemeinheit.  Farbige  spezifizierte 
durchsichtige  Liquoren  zeigen  diese  Steigerung  sehr  auf- 
fallend in  den  Stufengefäßen.  Diese  Steigerung  ist  un- 
aufhaltsam schnell  und  stetig;  sie  ist  allgemein  und  kommt 
sowohl  bei  physiologischen  als  physischen  und  chemi- 
schen Farben  vor. 

Verbindung  der  gesteigerten  Enden 

702.  Haben  die  Enden  des  einfachen  Gegensatzes  durch 
Mischung  ein  schönes  und  angenehmes  Phänomen  be- 
wirkt, so  werden  die  gesteigerten  Enden,  wenn  man  sie 
verbindet,  noch  eine  anmutigere  Farbe  hervorbringen;  ja 
es  läßt  sich  denken,  daß  hier  der  höchste  Punkt  der 
ganzen  Erscheinung  sein  werde. 

703.  Und  so  ist  es  auch:  denn  es  entsteht  das  reine  Rot, 
das  wir  oft  um  seiner  hohen  Würde  willen  den  Purpur 
genannt  haben. 

704.  Es  gibt  verschiedene  Arten,  wie  der  Purpur  in  der 
Erscheinung  entsteht:  durch  Übereinanderführung  des 
violetten  Saums  und  gelbroten  Randes  bei  prismatischen 
Versuchen,  durch  fortgesetzte  Steigerung  bei  chemischen, 
durch  den  organischen  Gegensatz  bei  physiologischen 
Versuchen. 


2  o  2     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

705.  Als  Pigment  entsteht  er  nicht  durch  Mischung  oder 
Vereinigung,  sondern  durch  Fixierung  einer  Körperlich- 
keit auf  dem  hohen  kulminierenden  Farbenpunkte.  Da- 
her der  Maler  Ursache  hat,  drei  Grundfarben  anzuneh- 
men, indem  er  aus  diesen  die  übrigen  sämtlich  zu- 
sammensetzt. Der  Physiker  hingegen  nimmt  nur  zwei 
Grundfarben  an,  aus  denen  er  die  übrigen  entwickelt 
und  zusammensetzt. 


Vollständigkeit  der  mannigfaltigen  Erscheinung 

706.  Die  mannigfaltigen  Erscheinungen,  auf  ihren  ver- 
schiedenen Stufen  fixiert  und  nebeneinander  betrachtet, 
bringen  Totalität  hervor.  Diese  Totalität  ist  Harmonie 
fürs  Auge. 

707.  Der  Farbenkreis  ist  vor  unsern  Augen  entstanden, 
die  mannigfaltigen  Verhältnisse  des  Werdens  sind  uns 
deutlich.  Zwei  reine  ursprüngliche  Gegensätze  sind  das 
Fundament  des  Ganzen.  Es  zeigt  sich  sodann  eine  Stei- 
gerung, wodurch  sie  sich  beide  einem  dritten  nähern; 
dadurch  entsteht  auf  jeder  Seite  ein  Tiefstes  und  ein 
Höchstes,  ein  Einfachstes  und  Bedingtestes,  ein  Gemein- 
stes und  ein  Edelstes.  Sodann  kommen  zwei  Vereinungen 
(Vermischungen,  Verbindungen,  wie  man  es  nennen  will) 
zur  Sprache,  einmal  der  einfachen  anfänglichen  und  so- 
dann der  gesteigerten  Gegensätze. 

Übereinstimmung  der  vollständigen  Erscheinung 

708.  Die  Totalität  nebeneinander  zu  sehen,  macht  einen 
harmonischen  Eindruck  aufs  Auge.  Man  hat  hier  den 
Unterschied  zwischen  dem  physischen  Gegensatz  und  der 
harmonischen  Entgegenstellung  zu  bedenken.  Der  erste 
beruht  auf  der  reinen,  nackten,  ursprünglichen  Dualität, 
insofern  sie  als  ein  Getrenntes  angesehen  wird;  die  zweite 
beruht  auf  der  abgeleiteten,  entwickelten  und  dargestellten 
Totalität. 

709.  Jede  einzelne  Gegeneinanderstellung,  die  harmo- 
nisch sein  soll,  muß  Totalität  enthalten.  Hievon  werden 


IV.  ALLGEMEINE  ANSICHTEN  203 

wir  durch  die  physiologischen  Versuche  belehrt.  Eine 
Entwicklung  der  sämtlichen  möglichen  Entgegenstel- 
lungen um  den  ganzen  Farbenkreis  wird  nächstens  ge- 
leistet. 

Wie  leicht  die  Farbe  von  einer  Seite  auf  die  andre  zu 

wenden 

710.  Die  Beweglichkeit  der  Farbe  haben  wir  schon  bei 
der  Steigerung  und  bei  der  Durchwanderung  des  Krei- 
ses zu  bedenken  Ursache  gehabt;  aber  auch  sogar  hin- 
über und  herüber  werfen  sie  sich  notwendig  imd  ge- 
schwind. 

711.  Physiologische  Farben  zeigen  sich  anders  auf  dunk- 
lem als  auf  hellem  Grund.  Bei  den  physikalischen  ist 
die  Verbindung  des  objektiven  und  subjektiven  Versuchs 
höchst  merkwürdig.  Die  epoptischen  Farben  sollen  beim 
durchscheinenden  Licht  und  beim  aufscheinenden  ent- 
gegengesetzt sein.  Wie  die  chemischen  Farben  durch 
Feuer  und  Alkalien  umzuwenden,  ist  seines  Orts  hin- 
länglich gezeigt  worden. 

Wie  leicht  die  Farbe  verschwindet 

712.  Was  seit  der  schnellen  Erregung  imd  ihrer  Ent- 
scheidung bisher  bedacht  worden,  die  Mischung,  die  Stei- 
gerung, die  Verbindung,  die  Trennung  sowie  die  har- 
monische Forderung,  alles  geschieht  mit  der  größten 
Schnelligkeit  und  Bereitwilligkeit;  aber  ebenso  schnell 
verschwindet  auch  die  Farbe  wieder  gänzlich. 

713.  Die  physiologischen  Erscheinungen  sind  auf  keine 
Weise  festzuhalten,  die  physischen  dauern  nur  so  lange, 
als  die  äußre  Bedingung  währt,  die  chemischen  selbst 
haben  eine  große  BewegHchkeit  und  sind  durch  entgegen- 
gesetzte Reagenzien  herüber-  und  hinüberzuwerfen,  ja 
sogar  aufzuheben. 


2  04    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

JVü  fest  die  Farbe  bleibt 

714.  Die  chemischen  Farben  geben  ein  Zeugnis  sehr 
langer  Dauer.  Die  Farben,  durch  Schmelzung  in  Gläsern 
fixiert,  sowie  durch  Natur  in  Edelsteinen,  trotzen  aller 
Zeit  und  Gegenwirkung. 

715.  Die  Färberei  fixiert  von  ihrer  Seite  die  Farben  sehr 
mächtig.  Und  Pigmente,  welche  durch  Reagenzien  sonst 
leicht  herüber-  und  hinübergeführt  werden,  lassen  sich 
durch  Beizen  zur  größten  Beständigkeit  an  und  in  Körper 
übertragen. 


FÜNFTE  ABTEILUNG.  NACHBARLICHE 
VERHÄLTNISSE 


m; 


Verhältnis  zur  Philosophie 

716.  "^        yj" AN  kann  von  dem  Physiker  nicht  fordern, 
daß  er  Philosoph  sei;  aber  man  kann  von 

.ihm  erwarten,  daß  er  so  viel  philosophi- 
sche Bildung  habe,  um  sich  gründlich  von  der  Welt  zu 
unterscheiden  und  mit  ihr  wieder  im  höhern  Sinne  zu- 
sammenzutreten. Er  soll  sich  eine  Methode  bilden,  die 
dem  Anschauen  gemäß  ist;  er  soll  sich  hüten,  das  An- 
schauen in  Begriffe,  den  BegrifiF  in  Worte  zu  verwandeln 
und  mit  diesen  Worten,  als  wärens  Gegenstände,  umzu- 
gehen und  zu  verfahren;  er  soll  von  den  Bemühungen  des 
Philosophen  Kenntnis  haben,  um  die  Phänomene  bis  an 
die  philosophische  Region  hinanzuführen. 

717.  Man  kann  von  dem  Philosophen  nicht  verlangen, 
daß  er  Physiker  sei,  und  dennoch  ist  seine  Einwirkung 
auf  den  physischen  Kreis  so  notwendig  und  so  wün- 
schenswert. Dazu  bedarf  er  nicht  des  Einzelnen,  sondern 
nur  der  Einsicht  in  jene  Endpunkte,  wo  das  Einzelne  zu- 
sammentrifft. 

718.  Wir  haben  früher  (175  ff.)  dieser  wichtigen  Betrach- 
tung im  Vorbeigehen  erwähnt  und  sprechen  sie  hier,  als 
am  schicklichen  Orte,  nochmals  aus.  Das  Schlimmste,  was 
der  Physik  sowie  mancher  andern  Wissenschaft  wider- 
fahren kann,  ist,  daß  man  das  Abgeleitete  für  das  Ur- 
sprüngliche hält  und,  da  man  das  Ursprüngliche  aus  Ab- 
geleitetem nicht  ableiten  kann,  das  Ursprüngliche  aus 
dem  Abgeleiteten  zu  erklären  sucht.  Dadurch  entsteht 
eine  unendliche  Verwirrung,  ein  Wortkram  und  eine  fort- 
dauernde Bemühimg,  Ausflüchte  zu  suchen  und  zu  finden, 
wo  das  Wahre  nur  irgend  hervortritt  und  mächtig  wer- 
den will. 

719.  Indem  sich  der  Beobachter,  der  Naturforscher  auf 
diese  Weise  abquält,  weil  die  Erscheinungen  der  Mei- 
nung jederzeit  widersprechen,  so  kann  der  Philosoph  mit 
einem  falschen  Resultate  in  seiner  Sphäre  noch  immer 
operieren,  indem  kein  Resultat  so  falsch  ist,  daß  es  nicht 


2 o6     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

als  Form  ohne  allen  Gehalt  auf  irgendeine  Weise  gelten 
könnte. 

720.  Kann  dagegen  der  Physiker  zur  Erkenntnis  des- 
jenigen gelangen,  was  wir  ein  Urphänomen  genannt  ha- 
ben, so  ist  er  geborgen  und  der  Philosoph  mit  ihm.  Er: 
denn  er  überzeugt  sich,  daß  er  an  die  Grenze  seiner 
Wissenschaft  gelangt  sei,  daß  er  sich  auf  der  empirischen 
Höhe  befinde,  wo  er  rückwärts  die  Erfahrung  in  allen 
ihren  Stufen  überschauen  und  vorwärts  in  das  Reich  der 
Theorie,  wo  nicht  eintreten,  doch  einblicken  könne.  Der 
Philosoph  ist  geborgen:  denn  er  nimmt  aus  des  Physikers 
Hand  ein  Letztes,  das  bei  ihm  nun  ein  Erstes  wird.  Er 
bekümmert  sich  nun  mit  Recht  nicht  mehr  um  die  Er- 
scheinung, wenn  man  darunter  das  Abgeleitete  versteht, 
wie  man  es  entweder  schon  wissenschaftlich  zusammen- 
gestellt findet  oder  wie  es  gar  in  empirischen  Fällen  zer- 
streut und  verworren  vor  die  Sinne  tritt.  Will  er  ja  auch 
diesen  Weg  durchlaufen  und  einen  Blick  ins  Einzelne 
nicht  verschmähen,  so  tut  er  es  mit  Bequemlichkeit,  an- 
statt daß  er  bei  anderer  Behandlung  sich  entweder  zu  lange 
in  den  Zwischenregionen  aufhält  oder  sie  nur  flüchtig 
durchstreift,  ohne  sie  genau  kennen  zu  lernen. 

721.  In  diesem  Sinne  die  Farbenlehre  dem  Philosophen 
zu  nähern,  war  des  Verfassers  Wunsch,  und  wenn  ihm 
solches  in  der  Ausführung  selbst  aus  mancherlei  Ursachen 
nicht  gelungen  sein  sollte,  so  wird  er  bei  Revision  seiner 
Arbeit,  bei  Rekapitulation  des  Vorgetragenen  sowie  in 
dem  polemischen  und  historischen  Teile  dieses  Ziel  im- 
mer im  Auge  haben  und  später,  wo  manches  deutlicher 
wird  auszusprechen  sein,  auf  diese  Betrachtung  zurück- 
kehren. 

Verhältnis  zur  Mathematik 

722.  Man  kann  von  dem  Physiker,  welcher  die  Natur- 
lehre in  ihrem  ganzen  Umfange  behandeln  will,  ver- 
langen, daß  er  Mathematiker  sei.  In  den  mittleren  Zei- 
ten war  die  Mathematik  das  vorzüglichste  unter  den 
Organen,  durch  welche  man  sich  der  Geheimnisse  der 
Natur  zu  bemächtigen  hofl:te,  und  noch  ist  in  gewissen 


V.  NACHBARLICHE  VERHÄLTNISSE        207 

Teilen  der  Naturlehre  die  Meßkunst,  wie  billig,  herr- 
schend. 

723.  Der  Verfasser  kann  sich  keiner  Kultur  von  dieser 
Seite  rühmen  und  verweilt  auch  deshalb  nur  in  den  von 
der  Meßkunst  unabhängigen  Regionen,  die  sich  in  der 
neuem  Zeit  weit  und  breit  aufgetan  haben. 

724.  Wer  bekennt  nicht,  daß  die  Mathematik  als  eins 
der  herrlichsten  menschlichen  Organe  der  Physik  von 
einer  Seite  sehr  vieles  genutzt!  Daß  sie  aber  durch  fal- 
sche Anwendung  ihrer  Behandlungsweise  dieser  Wissen- 
schaft gar  manches  geschadet,  läßt  sich  auch  nicht  wohl 
leugnen,  und  man  findfets  hier  und  da  notdürftig  einge- 
standen. 

725.  Die  Farbenlehre  besonders  hat  sehr  viel  gelitten, 
und  ihre  Fortschritte  sind  äußerst  gehindert  worden,  daß 
man  sie  mit  der  übrigen  Optik,  weiche  der  Meßkunst 
nicht  entbehren  kann,  vermengte,  da  sie  doch  eigentlich 
von  jener  ganz  abgesondert  betrachtet  werden  kann. 

726.  Dazu  kam  noch  das  Übel,  daß  ein  großer  Mathe- 
matiker über  den  physischen  Ursprung  der  Farben  eine 
ganz  falsche  Vorstellung  bei  sich  festsetzte  und  durch 
seine  großen  Verdienste  als  Meßkünstler  die  Fehler,  die 
er  als  Naturforscher  begangen,  vor  einer  in  Vorurteilen 
stets  befangnen  Welt  auf  lange  Zeit  sanktionierte. 

727.  Der  Verfasser  des  Gegenwärtigen  hat  die  Farben- 
lehre durchaus  von  der  Matliematik  entfernt  zu  halten 
gesucht,  ob  sich  gleich  gewisse  Punkte  deutlich  genug 
ergeben,  wo  die  Beihülfe  der  Meßkunst  wünschenswert 
sein  würde.  Wären  die  vorurteilsfreien  Mathematiker, 
mit  denen  er  umzugehen  das  Glück  hatte  und  hat,  nicht 
durch  andre  Geschäfte  abgehalten  gewesen,  um  mit  ihm 
gemeine  Sache  machen  zu  können,  so  würde  der  Behand- 
lung von  dieser  Seite  einiges  Verdienst  nicht  fehlen. 
Aber  so  mag  denn  auch  dieser  Mangel  zum  Vorteil  ge- 
reichen, indem  es  nunmehr  des  geistreichen  Mathemati- 
kers Geschäft  werden  kann,  selbst  aufzusuchen,  wo  denn 
die  Farbenlehre  seiner  Hülfe  bedarf  und  wie  er  zur  Voll- 
endung dieses  Teils  der  Naturwissenschaft  das  Seinige 
beitragen  kann. 


2  o  8    DER  FA  RBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

728.  Überhaupt  wäre  es  zu  wünschen,  daß  die  Deut- 
schen, die  so  vieles  Gute  leisten,  indem  sie  sich  das 
Gute  fremder  Nationen  aneignen,  sich  nach  und  nach  ge- 
wöhnten, in  Gesellschaft  zu  arbeiten.  Wir  leben  zwar  in 
einer  diesem  Wunsche  gerade  entgegengesetzten  Epoche. 
Jeder  will  nicht  nur  original  in  seinen  Ansichten,  son- 
dern auch  im  Gange  seines  Lebens  imd  Tuns  von  den 
Bemühungen  anderer  unabhängig,  wo  nicht  sein,  doch, 
daß  er  es  sei,  sich  überreden.  Man  bemerkt  sehr  oft,  daß 
Männer,  die  freilich  manches  geleistet,  nur  sich  selbst, 
ihre  eigenen  Schriften,  Journale  und  Kompendien  zitie- 
ren, anstatt  daß  es  für  den  einzelnen  und  für  die  Welt 
viel  vorteilhafter  wäre,  wenn  mehrere  zu  gemeinsamer 
Arbeit  gerufen  würden.  Das  Betragen  unserer  Nachbarn, 
der  Franzosen,  ist  hierin  musterhaft,  wie  man  z.  B.  in 
der  Vorrede  Cuviers  zu  seinem  '^Tableau  iUmentaire  de 
rhistoire  naturelle  des  animaux'^  mit  Vergnügen  sehen 
wird. 

729.  Wer  die  Wissenschaften  imd  ihren  Gang  mit  treuem 
Auge  beobachtet  hat,  wird  sogar  die  Frage  aufwerfen: 
ob  es  denn  vorteilhaft  sei,  so  manche,  obgleich  ver- 
wandte Beschäftigungen  und  Bemühungen  in  einer  Per- 
son zu  vereinigen,  und  ob  es  nicht  bei  der  Beschränkt- 
heit der  menschlichen  Natur  gemäßer  sei,  z.  B.  den  auf- 
suchenden und  findenden  von  dem  behandelnden  und  an- 
wendenden Manne  zu  unterscheiden,  Haben  sich  doch 
die  himmelbeobachtenden  und  stemaufsuchenden  Astro- 
nomen von  den  bahnberechnenden,  das  Ganze  umfassen- 
den und  näher  bestimmenden  in  der  neuern  Zeit  gewis- 
sermaßen getrennt.  Die  Geschichte  der  Farbenlehre  wird 
uns  zu  diesen  Betrachtungen  öfter  zurückführen. 

Verhältnis  zur  Technik  des  Färbers 

730.  Sind  wir  bei  unsern  Arbeiten  dem  Mathematiker 
aus  dem  Wege  gegangen,  so  haben  wir  dagegen  gesucht, 
der  Technik  des  Färbers  zu  begegnen.  Und  obgleich  die- 
jenige Abteilung,  welche  die  Farben  in  chemischer  Rück- 
sicht abhandelt,  nicht  die  vollständigste  und  umstand- 


V.  NACHBARLICHE  VERHÄLTNISSE       209 

iichste  ist,  so  wird  doch  sowohl  darin  als  in  dem,  was 
wir  Allgemeines  von  den  Farben  ausgesprochen,  der 
Färber  weit  mehr  seine  Rechnung  finden  als  bei  der  bis- 
herigen Theorie,  die  ihn  ohne  allen  Trost  ließ. 

731.  Merkwürdig  ist  es,  in  diesem  Sinne  die  Anleitungen 
zur  Färbekunst  zu  betrachten.  Wie  der  katholische  Christ, 
wenn  er  in  seinen  Tempel  tritt,  sich  mit  Weihwasser  be- 
sprengt und  vor  dem  Hochwürdigen  die  Kniee  beugt  und 
vielleicht  alsdann  ohne  sonderliche  Andacht  seine  An- 
gelegenheiten mit  Freunden  bespricht  oder  Liebesaben- 
teuern nachgeht,  so  fangen  die  sämtlichen  Färbelehren 
mit  einer  respektvollen  Erwähnung  der  Theorie  gezie- 
mend an,  ohne  daß  sich  auch  nachher  nur  eine  Spur 
fände,  daß  etwas  aus  dieser  Theorie  herflösse,  daß  diese 
Theorie  irgend  etwas  erleuchte,  erläutere  und  zu  prak- 
tischen Handgriffen  irgendeinen  Vorteil  gewähre. 

732.  Dagegen  finden  sich  Männer,  welche  den  Umfang 
des  praktischen  Färbewesens  wohl  eingesehen,  in  dem 
Falle,  sich  mit  der  herkömmlichen  Theorie  zu  entzweien, 
ihre  Blößen  mehr  oder  weniger  zu  entdecken  und  ein  der 
Natur  und  Erfahrung  gemäßeres  Allgemeines  aufzusuchen. 
Wenn  uns  in  der  Geschichte  die  Namen  Castel  und  Gü- 
lich  begegnen,  so  werden  wir  hierüber  weitläuftiger  zu 
handeln  Ursache  haben;  wobei  sich  zugleich  Gelegenheit 
finden  wird  zu  zeigen,  wie  eine  fortgesetzte  Empirie,  in- 
dem sie  in  allem  Zufälligen  umhergreift,  den  Kreis,  in 
den  sie  gebannt  ist,  wirklich  ausläuft  und  sich  als  ein 
hohes  Vollendetes  dem  Theoretiker,  wenn  er  klare  Augen 
und  ein  redliches  Gemüt  hat,  zu  seiner  großen  Bequem- 
lichkeit überliefert. 

Verhältnis  zur  Physiologie  und  Pathologie 

733.  Wenn  wir  in  der  Abteilung,  welche  die  Farben  in 
physiologischer  und  pathologischer  Rücksicht  betrachtet, 
fast  nur  allgemein  bekannte  Phänomene  überliefert,  so 
werden  dagegen  einige  neue  Ansichten  dem  Physiologen 
nicht  unwillkommen  sein.  Besonders  hoffen  wir  seine  Zu- 
friedenheit dadurch  erreicht  zu  haben,  daß  wir  gewisse 

GOETHE  XVII  14. 


2 1  o    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 
Phänomene,  welche  isoliert  standen,  zu  ihren  ähnlichen 
und  gleichen  gebracht  und  ihm  dadurch  gewissermaßen 
vorgearbeitet  haben. 

734.  Was  den  pathologischen  Anhang  betriflft,  so  ist  er 
freilich  unzulänglich  und  inkohärent.  Wir  besitzen  aber 
die  vortrefflichsten  Männer,  die  nicht  allein  in  diesem 
Fache  höchst  erfahren  und  kenntnisreich  sind,  sondern 
auch  zugleich  wegen  eines  so  gebildeten  Geistes  verehrt 
werden,  daß  es  ihnen  wenig  Mühe  machen  kann,  diese 
Rubriken  umzuschreiben  und  das,  was  ich  angedeutet, 
vollständig  auszuführen  und  zugleich  an  die  höheren  Ein- 
sichten in  den  Organismus  anzuschließen. 

Verhältnis  zur  Naturgeschichte 

735.  Insofern  wir  hoffen  können,  daß  die  Naturgeschichte 
auch  nach  und  nach  sich  in  eine  Ableitung  der  Natur- 
erscheinungen aus  höhern  Phänomenen  umbilden  wird, 
so  glaubt  der  Verfasser  auch  hierzu  einiges  angedeutet 
und  vorbereitet  zu  haben.  Indem  die  Farbe  in  ihrer 
größten  Mannigfaltigkeit  sich  auf  der  Oberfläche  leben- 
diger Wesen  dem  Auge  darstellt,  so  ist  sie  ein  wichtiger 
Teil  der  äußeren  Zeichen,  wodurch  wir  gewahr  werden, 
was  im  Innern  vorgeht. 

736.  Zwar  ist  ihr  von  einer  Seite  wegen  ihrer  Unbe- 
stimmtheit und  Versatilität  nicht  allzuviel  zu  trauen,  doch 
wird  ebendiese  Beweglichkeit,  insofern  sie  sich  uns  als 
eine  konstante  Erscheinung  zeigt,  wieder  ein  Kriterion  des 
beweglichen  Lebens,  und  der  Verfasser  wünscht  nichts 
mehr,  als  daß  ihm  Frist  gegönnt  sei,  das,  was  er  hierüber 
wahrgenommen,  in  einer  Folge,  zu  der  hier  der  Ort  nicht 
war,  weitläuftiger  auseinanderzusetzen. 

Verhältnis  zur  allgemeinen  Physik 

737.  Der  Zustand,  in  welchem  sich  die  allgemeine  Phy- 
sik gegenwärtig  befindet,  scheint  auch  unserer  Arbeit  be- 
sonders günstig,  indem  die  Naturlehre  durch  rastlose, 
mannigfaltige  Behandlung  sich  nach  und  nach  zu  einer 


V.  NACHBARLICHE  VERHÄLTNISSE        2 1 1 

solchen  Höhe  erhoben  hat,  daß  es  nicht  unmöglich  scheint, 
die  grenzenlose  Empirie  an  einen  methodischen  Mittel- 
punkt heranzuziehen, 

738.  Dessen,  was  zu  weit  von  unserm  besondern  Kreise 
abliegt,  nicht  zu  gedenken,  so  finden  sich  die  Formeln, 
durch  die  man  die  elementaren  Naturerscheinungen,  wo 
nicht  dogmatisch,  doch  wenigstens  zum  didaktischen  Be- 
hufe  ausspricht,  durchaus  auf  dem  Wege,  daß  man  sieht, 
man  werde  durch  die  Übereinstimmung  der  Zeichen 
bald  auch  notwendig  zur  Übereinstimmung  im  Sinne  ge- 
langen. 

739.  Treue  Beobachter  der  Natur,  wenn  sie  auch  sonst 
noch  so  verschieden  denken,  werden  doch  darin  mitein- 
ander übereinkommen,  daß  alles,  was  erscheinen,  was 
uns  als  ein  Phänomen  begegnen  solle,  müsse  entweder 
eine  ursprüngliche  Entzweiung,  die  einer  Vereinigung 
fähig  ist,  oder  eine  ursprüngliche  Einheit,  die  zur  Ent- 
zweiung gelangen  könne,  andeuten  und  sich  auf  eine 
solche  Weise  darstellen.  Das  Geeinte  zu  entzweien,  das 
Entzweite  zu  einigen,  ist  das  Leben  der  Natur;  dies  ist 
die  ewige  Systole  und  Diastole,  die  ewige  Synkrisis  und 
Diakrisis,  das  Ein-  und  Ausatmen  der  Welt,  in  der  wir 
leben,  weben  und  sind. 

740.  Daß  dasjenige,  was  wir  hier  als  Zahl,  als  Eins  und 
Zwei  aussprechen,  ein  höheres  Geschäft  sei,  versteht  sich 
von  selbst,  so  wie  die  Erscheinung  eines  Dritten,  Vier- 
ten sich  ferner  Entwickelnden  immer  in  einem  höhern 
Sinne  zunehmen,  besonders  aber  allen  diesen  Ausdrücken 
eine  echte  Anschauung  unterzulegen  ist. 

741.  Das  Eisen  kennen  wir  als  einen  besondern,  von 
andern  unterschiedenen  Körper;  aber  es  ist  ein  gleich- 
gültiges, uns  nur  in  manchem  Bezug  imd  zu  manchem 
Gebrauch  merkwürdiges  Wesen.  Wie  wenig  aber  bedarf 
es,  und  die  Gleichgültigkeit  dieses  Körpers  ist  aufgeho- 
ben! Eine  Entzweiung  geht  vor,  die,  indem  sie  sich  wie- 
der zu  vereinigen  strebt  und  sich  selbst  aufsucht,  einen 
gleichsam  magischen  Bezug  auf  ihresgleichen  gewinnt 
und  diese  Entzweiung,  die  doch  nur  wieder  eine  Ver- 
einigung ist,  durch  ihr  ganzes  Geschlecht  fortsetzt.    Hier 


2 1 2     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

kennen  wir  das  gleichgültige  Wesen,  das  Eisen;  wir  sehen 
die  Entzweiung  an  ihm  entstehen,  sich  fortpflanzen  und 
verschwinden  und  sich  leicht  wieder  aufs  neue  erregen: 
nach  unserer  Meinung  ein  Urphänomen,  das  unmittel- 
bar an  der  Idee  steht  und  nichts  Irdisches  über  sich  er- 
kennt. 

742.  Mit  der  Elektrizität  verhält  es  sich  wieder  auf  eine 
eigne  Weise.  Das  Elektrische,  als  ein  Gleichgültiges, 
kennen  wir  nicht.  Es  ist  für  uns  ein  Nichts,  ein  Null,  ein 
Nullpunkt,  ein  Gleichgültigkeitspunkt,  der  aber  in  allen 
erscheinenden  Wesen  liegt  und  zugleich  der  Quellpunkt 
ist,  aus  dem  bei  dem  geringsten  Anlaß  eine  Doppeler- 
scheinung hervortritt,  welche  nur  insofern  erscheint,  als 
sie  wieder  verschwindet.  Die  Bedingungen,  unter  wel- 
chen jenes  Hervortreten  erregt  wird,  sind  nach  Beschaf- 
fenheit der  besondern  Körper  unendlich  verschieden. 
Von  dem  gröbsten  mechanischen  Reiben  sehr  unterschie- 
dener Körper  aneinander  bis  zu  dem  leisesten  Nebenein- 
andersein zweier  völlig  gleichen,  nur  durch  weniger  als 
einen  Hauch  anders  determinierten  Körper  ist  die  Er- 
scheinung rege  und  gegenwärtig,  ja  auffallend  und  mäch- 
tig, und  zwar  dergestalt  bestimmt  und  geeignet,  daß  wir 
die  Formeln  der  Polarität,  des  Plus  und  Minus,  als  Nord 
und  Süd,  als  Glas  und  Harz  schicklich  und  naturgemäß 
anwenden. 

743.  Diese  Erscheinung,  ob  sie  gleich  der  Oberfläche  be- 
sonders folgt,  ist  doch  keinesweges  oberflächlich.  Sie  wirkt 
aufdieBestimmung  körperlicher  Eigenschaften  und  schUeßt 
sich  an  die  große  Doppelerscheinung,  welche  sich  in  der 
Chemie  so  herrschend  zeigt,  an  Oxydation  und  Desoxy- 
dation, unmittelbar  wirkend  an. 

744.  In  diese  Reihe,  in  diesen  Kreis,  in  diesen  Kranz 
von  Phänomenen  auch  die  Erscheinungen  der  Farbe  her- 
anzubringen und  einzuschließen,  war  das  Ziel  unseres  Be- 
strebens. Was  uns  nicht  gelungen  ist,  werden  andre 
leisten.  Wir  fanden  einen  uranfänglichen  ungeheuren 
Gegensatz  von  Licht  und  Finsternis,  den  man  allgemei- 
ner durch  Licht  und  Nichtlicht  ausdrücken  kann;  wir 
suchten  denselben  zu  vermitteln  und  dadurch  die  sieht- 


V.  NACHBARLICHE  VERHÄLTNISSE        213 

bare  Welt  aus  Licht,  Schatten  und  Farbe  herauszubilden, 
wobei  wir  uns  zu  Entwickelung  der  Phänomene  verschie- 
dener Formeln  bedienten,  wie  sie  uns  in  der  Lehre  des 
Magnetismus,  der  Elektrizität,  des  Chemismus  überliefert 
werden.  Wir  mußten  aber  weiter  gehen,  weil  wir  uns  in 
einer  höhern  Region  befanden  und  mannigfaltigere  Ver- 
hältnisse auszudrücken  hatten. 

745.  Wenn  sich  Elektrizität  und  Galvanität  in  ihrer  All- 
gemeinheit von  dem  Besondern  der  magnetischen  Er- 
scheinungen abtrennt  und  erhebt,  so  kann  man  sagen, 
daß  die  Farbe,  obgleich  unter  eben  den  Gesetzen  stehend, 
sich  doch  viel  höher  erhebe  und,  indem  sie  für  den  edlen 
Sinn  des  Auges  wirksam  ist,  auch  ihre  Natur  zu  ihrem 
Vorteile  dartue.  Man  vergleiche  das  Mannigfaltige,  das 
aus  einer  Steigerung  des  Gelben  und  Blauen  zum  Roten, 
aus  der  Verknüpfung  dieser  beiden  höheren  Enden  zum 
Purpur,  aus  der  Vermischung  der  beiden  niedern  Enden 
zum  Grün  entsteht.  Welch  ein  ungleich  mannigfaltigeres 
Schema  entspringt  hier  nicht,  als  dasjenige  ist,  worin  sich 
Magnetismus  und  Elektrizität  begreifen  lassen!  Auch 
stehen  diese  letzteren  Erscheinungen  auf  einer  niedern 
Stufe,  so  daß  sie  zwar  die  aligemeine  Welt  durchdringen 
und  beleben,  sich  aber  zum  Menschen  im  höheren  Sinne 
nicht  heraufbegeben  können,  um  von  ihm  ästhetisch  be- 
nutzt zu  werden.  Das  allgemeine  einfache  physische 
Schema  muß  erst  in  sich  selbst  erhöht  und  vermannig- 
faltigt  werden,  um  zu  höheren  Zwecken  zu  dienen. 

746.  Man  rufe  in  diesem  Sinne  zurück,  was  durchaus 
von  uns  bisher  sowohl  im  allgemeinen  als  besondern  von 
der  Farbe  prädiziert  worden,  und  man  wird  sich  selbst 
dasjenige,  was  hier  nur  leicht  angedeutet  ist,  ausführen 
und  entwickeln.  Man  wird  dem  Wissen,  der  Wissenschaft, 
dem  Handwerk  und  der  Kunst  Glück  wünschen,  wenn  es 
möglich  wäre,  das  schöne  Kapitel  der  Farbenlehre  aus 
seiner  atomistischen  Beschränktheit  und  Abgesondertheit, 
in  die  es  bisher  verwiesen,  dem  allgemeinen  dynamischen 
Flusse  des  Lebens  und. Wirkens  wiederzugeben,  dessen 
sich  die  jetzige  Zeit  erfreut.  Diese  Empfindungen  wer- 
den bei  uns  noch  lebhafter  werden,  wenn  uns  die  Ge- 


2 1 4    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

schichte  so  manchen  wackern  und  einsichtsvollen  Mann 
vorführen  wird,  dem  es  nicht  gelang,  von  seinen  Über- 
zeugungen seine  Zeitgenossen  zu  durchdringen. 

Verhältnis  zur  Tonlehre 

14'].  Ehe  wir  nunmehr  zu  den  sinnlich- sittlichen  und 
daraus  entspringenden  ästhetischen  Wirkungen  der  Farbe 
übergehen,  ist  es  der  Ort,  auch  von  ihrem  Verhältnisse 
zu  dem  Ton  einiges  zu  sagen. 

Daß  ein  gewisses  Verhältnis  der  Farbe  zum  Ton  statt- 
finde, hat  man  von  jeher  gefühlt,  wie  die  öftern  Ver- 
gleichungen,  welche  teils  vorübergehend,  teils  umständ- 
lich genug  angestellt  worden,  beweisen.  Der  Fehler,  den 
man  hiebei  begangen,  beruhet  nur  auf  Folgendem. 

748.  Vergleichen  lassen  sich  Farbe  und  Ton  unterein- 
ander auf  keine  Weise;  aber  beide  lassen  sich  auf  eine 
höhere  Formel  beziehen,  aus  einer  höhern  Formel  beide, 
jedoch  jedes  für  sich,  ableiten.  Wie  zwei  Flüsse,  die  auf 
einem  Berge  entspringen,  aber  unter  ganz  verschiedenen 
Bedingungen  in  zwei  ganz  entgegengesetzte  Weltgegen- 
den laufen,  so  daß  auf  dem  beiderseitigen  ganzen  Wege 
keine  einzelne  Stelle  der  andern  verglichen  werden  kann, 
so  sind  auch  Farbe  und  Ton.  Beide  sind  allgemeine  ele- 
mentare Wirkungen,  nach  dem  allgemeinen  Gesetz  des 
Trennens  und  Zusammenstrebens,  des  Auf-  imd  Ab- 
schwankens,  des  Hin-  und  Widerwägens  wirkend,  doch 
nach  ganz  verschiedenen  Seiten,  auf  verschiedene  Weise, 
auf  verschiedene  Zwischenelemente,  für  verschiedene 
Sinne. 

749.  Möchte  jemand  die  Art  und  Weise,  wie  wir  die 
Farbenlehre  an  die  allgemeine  Naturlehre  angeknüpft, 
recht  fassen  und  dasjenige,  was  uns  entgangen  und  ab- 
gegangen, durch  Glück  und  Genialität  ersetzen,  so  würde 
die  Tonlehre  nach  tmserer  Überzeugung  an  die  allge- 
meine Physik  vollkommen  anzuschließen  sein,  da  sie  jetzt 
innerhalb  derselben  gleichsam  nur  historisch  abgesondert 
steht. 

750.  Aber  eben  darin  läge  die  größte  Schwierigkeit,  die 


V.  NACHBARLICHE  VERHÄLTNISSE  215 
für  uns  gewordene  positive,  auf  seltsamen  empirischen, 
zufälligen,  mathematischen,  ästhetischen,  geniahschen 
Wegen  entsprungene  Musik  zugunsten  einer  physikali- 
schen Behandlung  zu  zerstören  und  in  ihre  ersten  phy- 
sischen Elemente  aufzulösen.  Vielleicht  wäre  auch  hierzu, 
auf  dem  Punkte,  wo  Wissenschaft  und  Kunst  sich  befin- 
den, nach  so  manchen  schönen  Vorarbeiten  Zeit  und  Ge- 
legenheit. 

Schlußbetrachtung  über  Sprache  und  Terminologie 

751.  Man  bedenkt  niemals  genug,  daß  eine  Sprache  ei- 
gentlich nur  symbolisch,  nur  bildlich  sei  und  die  Gegen- 
stände niemals  unmittelbar,  sondern  nur  im  Widerscheine 
ausdrücke.  Dieses  ist  besonders  der  Fall,  wenn  von  We- 
sen die  Rede  ist,  welche  an  die  Erfahrung  nur  heran- 
treten und  die  m>an  mehr  Tätigkeiten  als  Gegenstände 
nennen  kann,  dergleichen  im  Reiche  der  Naturlehre  im- 
merfort in  Bewegung  sind.  Sie  lassen  sich  nicht  festhalten, 
und  doch  soll  man  von  ihnen  reden;  man  sucht  daher  alle 
Arten  von  Formeln  auf,  um  ihnen  wenigstens  gleichnis- 
weise beizukommen. 

752.  Metaphysische  Formeln  haben  eine  große  Breite 
und  Tiefe;  jedoch  sie  würdig  auszufüllen,  wird  ein  reicher 
Gehalt  erfordert,  sonst  bleiben  sie  hohl.'  Mathematische 
Formeln  lassen  sich  in  vielen  Fällen  sehr  bequem  und 
glücklich  anwenden;  aber  es  bleibt  ihnen  immer  etwas 
Steifes  und  Ungelenkes,  und  wir  fühlen  bald  ihre  Unzu- 
länglichkeit, weil  wir,  selbst  in  Elementarfällen,  sehr  früh 
ein  Inkommensurables  gewahr  werden;  ferner  sind  sie 
auch  nur  innerhalb  eines  gewissen  Kreises  besonders 
hiezu  gebildeter  Geister  verständlich.  Mechanische  For- 
meln sprechen  mehr  zu  dem  gemeinen  Sinn;  aber  sie 
sind  auch  gemeiner  und  behalten  immer  etwas  Rohes. 
Sie  verwandeln  das  Lebendige  in  ein  Totes;  sie  töten 
das  innre  Leben,  um  von  außen  ein  unzulängliches  her- 
anzubringen. Korpuskularformeln  sind  ihnen  nahe  ver- 
wandt; das  Bewegliche  wird  starr  durch  sie,  Vorstellung 
imd   Ausdruck   ungeschlacht.     Dagegen   erscheinen   die 


2 1 6    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

moralischen  Formeln,  welche  freilich  zartere  Verhältnisse 
ausdrücken,  als  bloße  Gleichnisse  und  verlieren  sich  denn 
auch  wohl  zuletzt  in  Spiele  des  Witzes. 

753.  Könnte  man  sich  jedoch  aller  dieser  Arten  der 
Vorstellung  und  des  Ausdrucks  mit  Bewußtsein  bedienen 
und  in  einer  mannigfaltigen  Sprache  seine  Betrachtungen 
über  Natiu-phänoraene  überliefern,  hielte  man  sich  von 
Einseitigkeit  frei  und  faßte  einen  lebendigen  Sinn  in  einen 
lebendigen  Ausdruck,  so  ließe  sich  manches  Erfreuliche 
mitteilen. 

754.  Jedoch  wie  schwer  ist  es,  das  Zeichen  nicht  an  die 
Stelle  der  Sache  zu  setzen,  das  Wesen  immer  lebendig 
vor  sich  zu  haben  und  es  nicht  durch  das  Wort  zu  töten. 
Dabei  sind  wir  in  den  neuern  Zeiten  in  eine  noch  größere 
Gefahr  geraten,  indem  wir  aus  allem  Erkenn-  und  Wiß- 
baren Ausdrücke  und  Terminologien  herübergenommen 
haben,  um  unsre  Anschauungen  der  einfacheren  Natur 
auszudrücken.  Astronomie,  Kosmologie,  Geologie,  Natur- 
geschichte, ja  Religion  und  Mystik  werden  zu  Hülfe  ge- 
rufen, und  wie  oft  wird  nicht  das  Allgemeine  durch  ein 
Besonderes,  das  Elementare  durch  ein  Abgeleitetes  mehr 
zugedeckt  und  verdunkelt  als  aufgehellt  und  näher  ge- 
bracht! Wir  kennen  das  Bedürfnis  recht  gut,  wodurch 
eine  solche  Sprache  entstanden  ist  und  sich  ausbreitet, 
wir  wissen  aucK,  daß  sie  sich  in  einem  gewissen  Sinne 
unentbehrlich  macht:  allein  nur  ein  mäßiger,  anspruchs- 
loser Gebrauch  mit  Überzeugung  und  Bewußtsein  kann 
Vorteil  bringen. 

755.  Am  wünschenswertesten  wäre  jedoch,  daß  man  die 
Sprache,  wodurch  man  die  Einzelnheiten  eines  gewissen 
Kreises  bezeichnen  will,  aus  dem  Kreise  selbst  nähme, 
die  einfachste  Erscheinung  als  Grundformel  behandelte 
und  die  mannigfaltigem  von  daher  ableitete  und  ent- 
wickelte. 

756.-  Die  Notwendigkeit  und  Schicklichkeit  einer  solchen 
Zeichensprache,  wo  das  Grundzeichen  die  Erscheinung 
selbst  ausdrückt,  hat  man  recht  gut  gefühlt,  indem  man 
die  Formel  der  Polarität,  dem  Magneten  abgeborgt,  auf 
Elektrizität  usw.  hinübergeführt  hat.    Das  Plus  und  Minus, 


V.  NACHBARLICHE  VERHÄLTNISSE        217 

was  an  dessen  Stelle  gesetzt  werden  kann,  hat  bei  so 
vielen  Phänomenen  eine  schickliche  Anwendung  gefun- 
den; ja  der  Tonkünstler  ist,  wahrscheinlich  ohne  sich  um 
jene  andern  Fächer  zu  bekümmern,  durch  die  Natur  ver- 
anlaßt worden,  die  Hauptdifferenz  der  Tonarten  durch 
Majeur  und  Mineur  auszudrücken. 

757.  So  haben  auch  wir  seit  langer  Zeit  den  Ausdruck 
der  Polarität  in  die  Farbenlehre  einzuführen  gewünscht; 
mit  welchem  Rechte  und  in  welchem  Sinne,  mag  die 
gegenwärtige  Arbeit  ausweisen.  Vielleicht  finden  wir 
künftig  Raum,  durch  eine  solche  Behandlung  und  Sym- 
bolik, welche  ihr  Anschauen  jederzeit  mit  sich  führen 
müßte,  die  elementaren  Naturphänomene  nach  unsrer 
Weise  aneinander  zu  knüpfen  und  dadurch  dasjenige  deut- 
licher zu  machen,  was  hier  nur  im  allgemeinen  und  viel- 
leicht nicht  bestimmt  genug  ausgesprochen  worden. 


SECHSTE  ABTEILUNG.   SINNLICH^SITT. 
LICHE  WIRKUNG  DER  FARBE 


Di 


758.  "1       \  A  die  Farbe  in  der  Reihe  der  uranfänglichen 
|Naturerscheinungen   einen  so  hohen   Platz 

behauptet,  indem  sie  den  ihr  angewiesenen 
einfachen  Kreis  mit  entschiedener  Mannigfaltigkeit  aus- 
füllt, so  werden  wir  uns  nicht  wundern,  wenn  wir  erfah- 
ren, daß  sie  auf  den  Sinn  des  Auges,  dem  sie  vorzüglich 
zugeeignet  ist,  und  durch  dessen  Vermittelung  auf  das 
Gemüt  in  ihren  allgemeinsten  elementaren  Erscheinun- 
gen, ohne  Bezug  auf  Beschaffenheit  oder  Form  eines 
Materials,  an  dessen  Oberfläche  wir  sie  gewahr  werden, 
einzeln  eine  spezifische,  in  Zusammenstellung  eine  teils 
harmonische,  teils  charakteristische,  oft  auch  unharmo- 
nische, immer  aber  eine  entschiedene  und  bedeutende 
Wirkung  hervorbringe,  die  sich  unmittelbar  an  das  Sitt- 
liche anschließt.  Deshalb  denn  Farbe,  als  ein  Element 
derKimst  betrachtet,  zu  den  höchsten  ästhetischen  Zwecken 
mitwirkend  genutzt  werden  kann. 

759.  Die  Menschen  empfinden  im  allgemeinen  eine  große 
Freude  an  der  Farbe.  Das  Auge  bedarf  ihrer,  wie  es  des 
Lichtes  bedarf.  Man  erinnre  sich  der  Erquickung,  wenn 
an  einem  trüben  Tage  die  Sonne  auf  einen  einzelnen  Teil 
der  Gegend  scheint  und  die  Farben  daselbst  sichtbar 
macht.  Daß  man  den  farbigen  Edelsteinen  Heilkräfte  zu- 
schrieb, mag  aus  dem  tiefen  Gefühl  dieses  unaussprech- 
lichen Behagens  entstanden  sein. 

760.  Die  Farben,  die  wir  an  den  Körpern  erblicken,  sind 
nicht  etwa  dem  Auge  ein  völlig  Fremdes,  wodurch  es 
erst  zu  dieser  Empfindung  gleichsam  gestempelt  würde. 
Nein,  dieses  Organ  ist  immer  in  der  Disposition,  selbst 
Farben  hervorzubringen,  und  genießt  einer  angenehmen 
Empfindung,  wenn  etwas  der  eignen  Natur  Gemäßes  ihm 
von  außen  gebracht  wird,  wenn  seine  Bestimmbarkeit 
nach  einer  gewissen  Seite  hin  bedeutend  bestimmt  wird. 

761.  Aus  der  Idee  des  Gegensatzes  der  Erscheinung, 
aus  der  Kenntnis,  die  wir  von  den  besondern  Bestim- 
mungen desselben  erlangt  haben,  können  wir  schließen, 
daß  die  einzelnen  Farbeindrücke  nicht  verwechselt  wer- 


VI.  SINNLICH- SITTLICHE  WIRKUNG       2 1 9 

den  können,  daß  sie  spezifisch  wirken  und  entschieden 
spezifische  Zustände  in  dem  lebendigen  Organ  hervor- 
bringen müssen. 

762.  Eben  auch  so  in  dem  Gemüt.  Die  Erfahrung  lehrt 
uns,  daß  die  einzelnen  Farben  besondre  Gemütsstim- 
mungen geben.  Von  einem  geistreichen  Franzosen  wird 
erzählt:  il pritendoit  que  son  ton  de  coiiversation  avec  Ma- 
dame itoit  changi.  depuis  qu^elle  avoit  changi  en  cramoisi  le 
tneuble  de  son  cabinet  qtii  itoit  bleu. 

763.  Diese  einzelnen  bedeutenden  Wirkungen  vollkom- 
men zu  empfinden,  muß  man  das  Auge  ganz  mit  einer 
Farbe  umgeben,  z.  B.  in  einem  einfarbigen  Zimmer  sich 
befinden,  durch  ein  farbiges  Glas  sehen.  Man  identifiziert 
sich  alsdann  mit  der  Farbe;  sie  stimmt  Auge  und  Geist 
mit  sich  unisono. 

764.  Die  Farben  von  der  Plusseite  sind  Gelb,  Rotgelb 
(Orange),  Gelbrot  (Mennig,  Zinnober).  Sie  stimmen  reg- 
sam, lebhaft,  strebend. 

Gelb 

765.  Es  ist  die  nächste  Farbe  am  Licht.  Sie  entsteht 
durch  die  gehndeste  Mäßigung  desselben,  es  sei  durch 
trübe  Mittel  oder  durch  schwache  Zurückwerfung  von 
weißen  Flächen.  Bei  den  prismatischen  Versuchen  er- 
streckt sie  sich  allein  breit  in  den  lichten  Raum  und  kann 
dort,  wenn  die  beiden  Pole  noch  abgesondert  vonein- 
ander stehen,  ehe  sie  sich  mit  dem  Blauen  zum  Grünen 
vermischt,  in  ihrer  schönsten  Reinheit  gesehen  werden. 
Wie  das  chemische  Gelb  sich  an  und  über  dem  Weißen 
entwickelt,  ist  gehörigen  Orts  umständlich  vorgetragen 
worden. 

766.  Sie  fuhrt  in  ihrer  höchsten  Reinheit  immer  die  Na- 
tur des  Hellen  mit  sich  und  besitzt  eine  heitere,  muntere, 
sanft  reizende  Eigenschaft. 

767.  In  diesem  Grade  ist  sie  als  Umgebung,  es  sei  als 
Kleid,  Vorhang,  Tapete,  angenehm.  Das  Gold  in  seinem 
ganz  ungemischten  Zustande  gibt  uns,  besonders  wenn 


2  2  o    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

der  Glanz  hinzukommt,  einen  neuen  und  hohen  Begriff 
von  dieser  Farbe;  so  wie  ein  starkes  Gelb,  wenn  es  auf 
glänzender  Seide,  z,  B.  auf  Atlas,  erscheint,  eine  präch- 
tige und  edle  Wirkung  tut. 

768.  So  ist  es  der  Erfahrung  gemäß,  daß  das  Gelbe  einen 
durchaus  warmen  und  behaglichen  Eindruck  mache.  Da- 
her es  auch  in  der  Malerei  der  beleuchteten  und  wirk- 
samen Seite  zukommt. 

769.  Diesen  erwärmenden  Effekt  kann  man  am  lebhaf- 
testen bemerken,  wenn  man  durch  ein  gelbes  Glas,  be- 
sonders in  grauen  Wintertagen,  eine  Landschaft  ansieht. 
Das  Auge  wird  erfreut,  das  Herz  ausgedehnt,  das  Ge- 
müt erheitert;  eine  unmittelbare  Wärme  scheint  uns  an- 
zuwehen. 

770.  Wenn  nun  diese  Farbe,  in  ihrer  Reinheit  und  hel- 
lem Zustande  angenehm  und  erfreulich,  in  ihrer  ganzen 
Kraft  aber  etwas  Heiteres  und  Edles  hat,  so  ist  sie  da- 
gegen äußerst  empfindlich  imd  macht  eine  sehr  unange- 
nehme Wirkung,  wenn  sie  beschmutzt  oder  einigermaßen 
ins  Minus  gezogen  wird.  So  hat  die  Farbe  des  Schwefels, 
die  ins  Grüne  fällt,  etwas  Unangenehmes. 

771.  Wenn  die  gelbe  Farbe  unreinen  und  unedlen  Ober- 
flächen mitgeteilt  wird,  wie  dem  gemeinen  Tuch,  dem 
Filz  und  dergleichen,  worauf  sie  nicht  mit  ganzer  Energie 
erscheint,  entsteht  eine  solche  unangenehme  Wirkung. 
Durch  eine  geringe  und  unmerkliche  Bewegung  wird  der 
schöne  Eindruck  des  Feuers  und  Goldes  in  die  Empfin- 
dung des  Kotigen  verwandelt  und  die  Farbe  der  Ehre 
und  Wonne  zur  Farbe  der  Schande,  des  Absehens  und 
Mißbehagens  umgekehrt.  Daher  mögen  die  gelben  Hüte 
der  Bankerottierer,  die  gelben  Ringe  auf  den  Mänteln 
der  Juden  entstanden  sein;  ja  die  sogenannte  Hahnrei - 
färbe  ist  eigentlich  nur  ein  schmutziges  Gelb. 

Rotgelb 

772.  Da  sich  keine  Farbe  als  stillstehend  betrachten 
läßt,  so  kann  man  das  Gelbe  sehr  leicht  durch  Verdich- 
tung und  Verdunklung  ins  RötHche  steigern  und  erheben. 


VI.  SINNLICH- SITTLICHE  WIRKUNG       2  2 1 

Uie  Farbe  wächst  an  Energie  und  erscheint  im  Rotgelben 
mächtiger  und  herrlicher. 

773.  Alles,  was  wir  vom  Gelben  gesagt  haben,  gilt  auch 
hier,  nur  im  höhern  Grade.  Das  Rotgelbe  gibt  eigentlich 
dem  Auge  das  Gefühl  von  Wärme  und  Wonne,  indem  es 
die  Farbe  der  höhern  Glut  sowie  den  mildern  Abglanz 
der  untergehenden  Sonne  repräsentiert.  Deswegen  ist  sie 
auch  bei  Umgebungen  angenehm  und  als  Kleidung  in 
mehr  oder  minderm  Grade  erfreulich  oder  herrlich.  Ein 
kleiner  Blick  ins  Rote  gibt  dem  Gelben  gleich  ein  ander 
Ansehn,  und  wenn  Engländer  und  Deutsche  sich  noch 
an  blaßgelben  hellen  Lederfarben  genügen  lassen,  so  liebt 
der  Franzose,  wie  Pater  Castel  schon  bemerkt,  das  ins 
Rot  gesteigerte  Gelb;  wie  ihn  überhaupt  an  Farben  alles 
freut,  was  sich  auf  der  aktiven  Seite  befindet. 

Gelbrot 

774.  Wie  das  reine  Gelb  sehr  leicht  in  das  Rotgelbe 
hinübergeht,  so  ist  die  Steigerung  dieses  letzten  ins 
Gelbrote  nicht  aufzuhalten.  Das  angenehme  heitre  Ge- 
fühl, das  uns  das  Rotgelbe  noch  gewährt,  steigert  sich 
bis  zum  unerträglich  Gewaltsamen  im  hohen  Gelb- 
roten. 

775.  Die  aktive  Seite  ist  hier  in  ihrer  höchsten  Energie, 
und  es  ist  kein  Wunder,  daß  energische,  gesunde,  rohe 
Menschen  sich  besonders  an  dieser  Farbe  erfreuen.  Man 
hat  die  Neigung  zu  derselben  bei  wilden  Völkern  durch- 
aus bemerkt.  Und  wenn  Kinder,  sich  selbst  überlassen, 
zu  illuminieren  anfangen,  so  werden  sie  Zinnober  und 
Mennig  nicht  schonen. 

776.  Man  darf  eine  vollkommen  gelbrote  Fläche  stan 
ansehen,  so  scheint  sich  die  F'arbe  wirklich  ins  Organ  zu 
bohren.  Sie  bringt  eine  unglaubliche  Erschütterung  her- 
vor und  behält  diese  Wirkung  bei  einem  ziemlichen  Grade 
von  Dunkelheit. 

Die  Erscheinung  eines  gelbroten  Tuches  beunruhigt  und 
erzürnt  die  Tiere.  Auch  habe  ich  gebildete  Menschen 
gekannt,    denen    es   unerträglich   fiel,    wenn   ihnen  an 


2  2  2     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL        \ 

einem  sonst  grauen  Tage  jemand  im  Scharlachrock  be- 
gegnete. 

777,  Die  Farben  von  der  Minusseite  sind  Blau,  Rotblau 
und  Blaurot.  Sie  stimmen  zu  einer  unruhigen,  weichen 
und  sehnenden  Empfindung. 

Blau 
1l2>.  So  wie  Gelb  immer  ein  Licht  mit  sich  führt,  so 
kann  man  sagen,  daß  Blau  immer  etwas  Dunkles  mit  sich 
führe. 

779.  Diese  Farbe  macht  für  das  Auge  eine  sonderbare 
und  fast  unaussprechliche  Wirkung.  Sie  ist  als  Farbe  eine 
Energie;  allein  sie  steht  auf  der  negativen  Seite  und  ist 
in  ihrer  höchsten  Reinheit  gleichsam  ein  reizendes  Nichts. 
Es  ist  etwas  Widersprechendes  von  Reiz  und  Ruhe  im 
Anblick. 

780.  Wie  wir  den  hohen  Himmel,  die  fernen  Berge  blau 
sehen,  so  scheint  eine  blaue  Fläche  auch  vor  uns  zurück- 
zuweichen. 

781.  Wie  wir  einen  angenehmen  Gegenstand,  der  vor 
uns  flieht,  gern  verfolgen,  so  sehen  wir  das  Blaue  gern 
an,  nicht  weil  es  auf  uns  dringt,  sondern  weil  es  uns  nach 
sich  zieht. 

782.  Das  Blaue  gibt  uns  ein  Gefühl  von  Kälte,  so  wie  es 
uns  auch  an  Schatten  erinnert.  Wie  es  vom  Schwarzen 
abgeleitet  sei,  ist  uns  bekannt. 

783.  Zimmer,  die  rein  blau  austapeziert  sind,  erscheinen 
gewissermaßen  weit,  aber  eigentlich  leer  und  kalt. 

784.  Blaues  Glas  zeigt  die  Gegenstände  im  traurigen 
Licht. 

785.  Es  ist  nicht  unangenehm,  wenn  das  Blau  einiger- 
maßen vom  Plus  partizipiert.  Das  Meergrün  ist  vielmehr 
eine  liebliche  Farbe. 

Rotblau 

786.  Wie  wir  das  Gelbe  sehr  bald  in  einer  Steigerung 
gefunden  haben,  so  bemerken  wir  auch  bei  dem  Blauen 
dieselbe  Eigenschaft. 


VI.  SINNLICH  -  SITFLICHE  W IRKUNG      223 

787.  Das  Blaue  steigert  sich  sehr  sanft  ins  Rote  und  er- 
hält dadurch  etwas  Wirksames,  ob  es  sich  gleich  auf  der 
passiven  Seite  befindet.  Sein  Reiz  ist  aber  von  ganz  an- 
drer Art  als  der  des  Rotgelben:  er  belebt  nicht  sowohl, 
als  daß  er  unruhig  macht. 

788.  So  wie  die  Steigerung  selbst  unaufhaltsam  ist,  so 
wünscht  man  auch  mit  dieser  Farbe  immer  fortzugehen, 
nicht  aber,  wie  beim  Rotgelben,  immer  tätig  vorwärts  zu 
schreiten,  sondern  einen  Punkt  zu  finden,  wo  man  aus- 
ruhen könnte. 

789.  Sehr  verdünnt  kennen  wir  die  Farbe  unter  dem 
Namen  Lila;  aber  auch  so  hat  sie  etwas  Lebhaftes  ohne 
Fröhlichkeit. 

Blaurot 

790.  Jene  Unruhe  nimmt  bei  der  weiterschreitenden  Stei- 
gerung zu,  und  man  kann  wohl  behaupten,  daß  eine  Ta- 
pete von  einem  ganz  reinen  gesättigten  Blaurot  eine  Art 
von  unerträglicher  Gegenwart  sein  müsse.  Deswegen  es 
auch,  wenn  es  als  Kleidung,  Band  oder  sonstiger  Zierat 
vorkommt,  sehr  verdünnt  und  hell  angewendet  wird,  da 
es  denn  seiner  bezeichneten  Natur  nach  einen  ganz  be- 
sondem  Reiz  ausübt. 

791.  Indem  die  hohe  Geistlichkeit  diese  unruhige  Farbe 
sich  angeeignet  hat,  so  dürfte  man  wohl  sagen,  daß  sie 
auf  den  unruhigen  Stafi'eln  einer  immer  vordringenden 
Steigerung  unaufhaltsam  zu  dem  Kardinalpurpur  hinauf- 
strebe. 

Rot 

792.  Man  entferne  bei  dieser  Benennung  alles,  was  im 
Roten  einen  Eindruck  von  Gelb  oder  Blau  machen  könnte. 
Man  denke  sich  ein  ganz  reines  Rot,  einen  vollkomme- 
nen, auf  einer  weißen  Porzellanschale  aufgetrockneten 
Karmin.  Wir  haben  diese  Farbe  ihrer  hohen  Würde 
wegen  manchmal  Purpur  genannt,  ob  wir  gleichwohl 
wissen,  daß  der  Purpur  der  Alten  sich  mehr  nach  der 
blauen  Seite  hinzog. 

793.  Wer  die  prismatische  Entstehung  des  Purpurs  kennt, 


2  2  4     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 
der  wird  nicht  paradox  finden,  wenn  wir  behaupten,  daß 
diese  Farbe  teils  actu,  teils  potentia  alle  andern  Farben 
enthalte. 

794.  Wenn  wir  beim  Gelben  und  Blauen  eine  strebende 
Steigerung  ins  Rote  gesehen  und  dabei  unsre  Gefühle 
bemerkt  haben,  so  läßt  sich  denken,  daß  nun  in  der  Ver- 
einigung der  gesteigerten  Pole  eine  eigentliche  Beruhi- 
gung, die  wir  eine  ideale  Befriedigung  nennen  möchten, 
stattfinden  könne.  Und  so  entsteht  bei  physischen  Phä- 
nomenen diese  höchste  aller  Farbenerscheinungen  aus 
dem  Zusammentreten  zweier  entgegengesetzten  Enden, 
die  sich  zu  einer  Vereinigung  nach  und  nach  selbst  vor- 
bereitet haben. 

795.  Als  Pigment  hingegen  erscheint  sie  uns  als  ein 
Fertiges  und  als  das  vollkommenste  Rot  in  der  Coche- 
nille; welches  Material  jedoch  durch  chemische  Behand- 
lung bald  ins  Plus,  bald  ins  Minus  zu  führen  ist  und  allen- 
falls im  besten  Karmin  als  völlig  im  Gleichgewicht  stehend 
angesehen  werden  kann. 

796.  Die  Wirkung  dieser  Farbe  ist  so  einzig  wie  ihre 
Natur.  Sie  gibt  einen  Eindruck  sowohl  von  Ernst  und 
Würde  als  von  Huld  und  Anmut.  Jenes  leistet  sie  in 
ihrem  dunklen  verdichteten,  dieses  in  ihrem  hellen  ver- 
dünnten Zustande.  Und  so  kann  sich  die  Würde  des  Al- 
ters und  die  Liebenswürdigkeit  der  Jugend  in  eine  Farbe 
kleiden. 

797.  Von  der  Eifersucht  der  Regenten  auf  den  Purpur 
erzählt  uns  die  Geschichte  manches.  Eine  Umgebung  von 
dieser  Farbe  ist  immer  ernst  und  prächtig. 

798.  Das  Purpurglas  zeigt  eine  wohlerleuchtete  Land- 
schaft in  furchtbarem  Lichte.  So  müßte  der  Farbeton 
über  Erd  und  Himmel  am  Tage  des  Gerichts  ausge- 
breitet sein. 

799.  Da  die  beiden  Materialien,  deren  sich  die  Färberei 
zur  Hervorbringimg  dieser  Farbe  vorzüglich  bedient,  der 
Kermes  und  die  Cochenille,  sich  mehr  oder  weniger  zum 
Plus  und  Minus  neigen,  auch  sich  durch  Behandlung  mit 
Säuren  und  Alkalien  herüber-  und  hinüberführen  lassen, 
so  ist  zu  bemerken,  daß  die  Franzosen  sich  auf  der  wirk- 


VI.  SINxNLICH-SITTLICHE  WIRKUNG       223 

samen  Seite  halten,  wie  der  französische  Scharlach  zeigt, 
welcher  ins  Gelbe  zieht,  die  Italiener  hingegen  auf  der 
passiven  Seite  verharren,  so  daß  ihr  Scharlach  eine 
Ahnung  von  Blau  behält. 

800.  Durch  eine  ähnliche  alkalische  Behandlung  ent- 
steht das  Karmesin,  eine  Farbe,  die  den  Franzosen  sehr 
verhaßt  sein  muß,  da  sie  die  Ausdrücke  sot  en  cramoisi^ 
mUhant  efi  cratnoisi  als  das  Äußerste  des  Abgeschmackten 
und  Bösen  bezeichnen. 

Grün 

801.  Wenn  man  Gelb  und  Blau,  welche  wir  als  die  er- 
sten und  einfachsten  Farben  ansehen,  gleich  bei  ihrem 
ersten  Erscheinen  auf  der  ersten  Stufe  ihrer  Wirkung  zu- 
sammenbringt, so  entsteht  diejenige  Farbe,  welche  wir 
Grün  nennen. 

802.  Unser  Auge  findet  in  derselben  eine  reale  Befrie- 
digung. Wenn  beide  Mutterfarben  sich  in  der  Mischung 
genau  das  Gleichgewicht  halten,  dergestalt  daß  keine  vor 
der  andern  bemerklich  ist,  so  ruht  das  Auge  und  das  Ge- 
müt auf  diesem  Gemischten  wie  auf  einem  Einfachen. 
Man  will  nicht  weiter,  und  man  kann  nicht  weiter.  Des- 
wegen für  Zimmer,  in  denen  man  sich  immer  befindet, 
die  grüne  Farbe  zur  Tapete  meist  gewählt  wird, 

Totalität  und  Harmonie 

803.  Wir  haben  bisher  zum  Behuf  unsres  Vortrages  an- 
genommen, daß  das  Auge  genötigt  werden  könne,  sich 
mit  irgendeiner  einzelnen  Farbe  zu  identifizieren;  allein 
dies  möchte  wohl  nur  auf  einen  Augenblick  möglich 
sein. 

804.  Denn  wenn  wir  uns  von  einer  Farbe  umgeben  sehen, 
welche  die  Empfindung  ihrer  Eigenschaft  in  unserm  Auge 
erregt  und  uns  durch  ihre  Gegenwart  nötigt,  mit  ihr  in 
einem  identischen  Zustande  zu  verharren,  so  ist  es  eine 
gezwungene  Lage,  in  welcher  das  Organ  ungern  ver- 
weilt. 

ÜOEXHE  XVa  15. 


2  2  6     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

805.  Wenn  das  Auge  die  Farbe  erblickt,  so  wird  es 
gleich  in  Tätigkeit  gesetzt,  und  es  ist  seiner  Natur  ge- 
mäß, auf  der  Stelle  eine  andre,  so  unbewußt  als  notwen- 
dig, hervorzubringen,  welche  mit  der  gegebenen  die  To- 
talität des  ganzen  Farbenkreises  enthält.  Eine  einzelne 
Farbe  erregt  in  dem  Auge  durch  eine  spezifische  Emp- 
findung das  Streben  nach  Allgemeinheit. 

806.  Um  nun  diese  Totalität  gewahr  zu  werden,  um  sich 
selbst  zu  befriedigen,  sucht  es  neben  jedem  farbigen 
Raum  einen  farblosen,  um  die  geforderte  Farbe  an  dem- 
selben hervorzubringen. 

807.  Hier  liegt  also  das  Grundgesetz  aller  Harmonie 
der  Farben,  wovon  sich  jeder  durch  eigene  Erfahrung 
überzeugen  kann,  indem  er  sich  mit  den  Versuchen,  die 
wir  in  der  Abteilung  der  physiologischen  Farben  ange- 
zeigt, genau  bekannt  macht. 

808.  Wird  nun  die  Farbentotalität  von  außen  dem  Auge 
als  Objekt  gebracht,  so  ist  sie  ihm  erfreulich,  weil  ihm 
die  Summe  seiner  eignen  Tätigkeit  als  Realität  entgegen- 
kommt. Es  sei  also  zuerst  von  diesen  harmonischen  Zu- 
sammenstellungen die  Rede. 

809.  Um  sich  davon  auf  das  leichteste  zu  imterrichten, 
denke  man  sich  in  dem  von  uns  angegebenen  Farbenkreise 
einen  beweglichen  Diameter  und  führe  denselben  im  gan- 
zen Kreise  herum,  so  werden  die  beiden  Enden  nach 
und  nach  die  sich  fordernden  Farben  bezeichnen,  welche 
sich  denn  freilich  zuletzt  auf  drei  einfache  Gegensätze 
zurückfuhren  lassen. 

810.  Gelb  fordert  Rotblau, 
Blau  fordert  Rotgelb, 
Purpur  fordert  Grün 

und  umgekehrt.  * 

811.  Wie  der  von  uns  supponierte  Zeiger  von  der  Mitte  j 
der  von  uns  naturmäßig  geordneten  Farben  wegrückt,  j 
ebenso  rückt  er  mit  dem  andern  Ende  in  der  entgegen- 
gesetzten Abstufung  weiter,  und  es  läßt  sich  durch  eine  j 
solche  Vorrichtung  zu  einer  jeden  fordernden  Farbe  die 
geforderte  bequem  bezeichnen.    Sich  hiezu  einen  Far- 
benkreis zu  bilden,  der  nicht  wie  der  unsre  abgesetzt. 


VI.  SINNLICH- SITTLICHE  WIRKUNG       227 

sondern  in  einem  stetigen  Fortschritte  die  Farben  und 
ihre  Übergänge  zeigte,  würde  nicht  unnütz  sein:  denn  wir 
stehen  hier  auf  einem  sehr  wichtigen  Punkt,  der  alle  unsre 
Aufmerksamkeit  verdient. 

812.  Wurden  wir  vorher  bei  dem  Beschauen  einzelner 
Farben  gewissermaßen  pathologisch  affiziert,  indem  wir, 
zu  einzelnen  Empfindungen  fortgerissen,  uns  bald  lebhaft 
und  strebend,  bald  weich  und  sehnend,  bald  zum  Edlen 
emporgehoben,  bald  zum  Gemeinen  herabgezogen  fühl- 
ten, so  führt  uns  das  Bedürfnis  nach  Totalität,  welches 
unserm  Organ  eingeboren  ist,  aus  dieser  Beschränkung 
heraus;  es  setzt  sich  selbst  in  Freiheit,  indem  es  den  Gegen- 
satz des  ihm  aufgedrungenen  Einzelnen  und  somit  eine 
befriedigende  Ganzheit  hervorbringt. 

813.  So  einfach  also  diese  eigentlich  harmonischen  Gegen- 
sätze sind,  welche  uns  in  dem  engen  Kreise  gegeben  wer- 
den, so  wichtig  ist  der  Wink,  daß  uns  die  Natur  durch 
Totalität  zur  Freiheit  heraufzuheben  angelegt  ist  und  daß 
wir  diesmal  eine  Naturerscheinung  zum  ästhetischen  Ge- 
brauch unmittelbar  überliefert  erhalten. 

814.  Indem  wir  also  aussprechen  können,  daß  der  Far- 
benkreis, wie  wir  ihn  angegeben,  auch  schon  dem  Stoff 
nach  eine  angenehme  Empfindung  hervorbringe,  ist  es  der 
Ort,  zu  gedenken,  daß  man  bisher  den  Regenbogen  mit 
Unrecht  als  ein  Beispiel  der  Farbentotalität  angenommen: 
denn  es  fehlt  demselben  die  Hauptfarbe,  das  reine  Rot, 
der  Purpur,  welcher  nicht  entstehen  kann,  da  sich  bei  die- 
ser Erscheinung  so  wenig  als  bei  dem  hergebrachten  pris- 
matischen Bilde  das  Gelbrot  und  Blaurot  zu  erreichen  ver- 
mögen. 

815.  Überhaupt  zeigt  uns  die  Natur  kein  allgemeines 
Phänomen,  wo  die  Farbentotalität  völlig  beisammen  wäre. 
Durch  Versuche  läßt  sich  eiij  solches  in  seiner  vollkomm- 
nen  Schönheit  hervorbringen.  Wie  sich  aber  die  völlige 
Erscheinung  im  Kreise  zusammenstellt,  machen  wir  uns 
am  besten  durch  Pigmente  auf  Papier  begreiflich,  bis  wir, 
bei  natürlichen  Anlagen  und  nach  mancher  Erfahrung  und 
Übung,  uns  endlich  von  der  Idee  dieser  Harmonie  völlig 
penetriert  und  sie  uns  im  Geiste  gegenwärtig  fühlen. 


2  2  8     1  )1<:R  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TKI I . 

Charakteristische  Zusammeristelhingen 

8 1 6 .  Außer  diesen  rein  harmonischen,  aus  sich  selbst  ent- 
springenden Zusammenstellungen,  welche  immer  Totalität 
mit  sich  führen,  gibt  es  noch  andre,  welche  durch  Willkür 
hervorgebracht  werden  und  die  wir  dadurch  am  leichte- 
sten bezeichnen,  daß  sie  in  unserm  Farbenkreise  nicht 
nach  Diametern,  sondern  nach  Chorden  aufzufinden  sind, 
und  zwar  zuerst  dergestalt,  daß  eine  Mittelfarbe  über- 
sprungen wird. 

817.  Wir  nennen  diese  Zusammenstellungen  charakte- 
ristisch, weil  sie  sämtlich  etwas  Bedeutendes  haben,  das 
sich  uns  mit  einem  gewissen  Ausdruck  aufdringt,  aber  uns 
nicht  befriedigt,  indem  jedes  Charakteristische  nur  da- 
durch entsteht,  daß  es  als  ein  Teil  aus  einem  Ganzen 
heraustritt,  mit  welchem  es  ein  Verhältnis  hat,  ohne  sich 
darin  aufzulösen. 

818.  Da  wir  die  Farben  in  ihrer  Entstehung  sowie  deren 
harmonische  Verhältnisse  kennen,  so  läßt  sich  erwarten, 
daß  auch  die  Charaktere  der  willkürlichen  Zusammen- 
stellungen von  der  verschiedensten  Bedeutung  sein  wer- 
den.   Wir  wollen  sie  einzeln  durchgehen. 

Gelb  und  Blau 

819.  Dieses  ist  die  einfachste  von  solchen  Zusammen- 
stellungen. Man  kann  sagen,  es  sei  zu  wenig  in  ihr:  denn 
da  ihr  jede  Spur  von  Rot  fehlt,  so  geht  ihr  zu  viel  von 
der  Totalität  ab.  In  diesem  Sinne  kann  man  sie  arm  und, 
da  die  beiden  Pole  auf  ihrer  niedrigsten  Stufe  stehn,  ge- 
mein nennen.  Doch  hat  sie  den  Vorteil,  daß  sie  zunächst 
am  Grünen  und  also  an  der  realen  Befriedigung  steht. 

Gelb  und  Purpur 

820.  Hat  etwas  Einseitiges,  aber  Heiteres  und  Prächtiges. 
Man  sieht  die  beiden  Enden  der  tätigen  Seite  nebenein- 
ander, ohne  daß  das  stetige  Werden  ausgedrückt  sei. 
Da  man  aus  ihrer  Mischung  durch  Pigmente  das  Gelbrote 
erwarten  kann,  so  stehn  sie  gewissermaßen  anstatt  dieser 
Farbe. 


VI.  SINNLICH -SITTLICHE  WIRKUNG       229 

Blau  und  Purpur 

821.  Die  beiden  Enden  der  passiven  Seite  mit  dem  Über- 
gewicht des  obern  Endes  nach  dem  aktiven  zu.  Da  durch 
Mischung  beider  das  Blaurote  entsteht,  so  wird  der  Effekt 
dieser  ZusammensteUung  sich  auch  gedachter  Farbe  nähern, 

Gelbrot  und  Blaurot 

822.  Haben,  zusammengestellt,  als  die  gesteigerten  En- 
den der  beiden  Seiten  etwas  Erregendes,  Hohes.  Sie 
geben  uns  die  Vorahnung  des  Purpurs,  der  bei  physikali- 
schen Versuchen  aus  ihrer  Vereinigung  entsteht. 

823.  Diese  vier  Zusammenstellungen  haben  also  das  Ge- 
meinsame, daß  sie,  vermischt,  die  Zwischenfarben  unseres 
Farbenkreises  hervorbringen  würden;  wie  sie  auch  schon 
tun,  wenn  die  Zusammenstellung  aus  kleinen  Teilen  be- 
steht und  aus  der  Ferne  betrachtet  wird.  Eine  Fläche  mit 
schmalen  blau-  imd  gelben  Streifen  erscheint  in  einiger 
Entfernung  grün. 

824.  Wenn  nun  aber  das  Auge  Blau  und  Gelb  neben- 
einander sieht,  so  befindet  es  sich  in  der  sonderbaren  Be- 
mühung, immer  Grün  hervorbringen  zu  wollen,  ohne  da- 
mit zustande  zu  kommen  und  ohne  also  im  Einzelnen 
Ruhe  oder  im  Ganzen  Gefühl  der  Totalität  bewirken  zu 
können, 

825.  Man  sieht  also,  daß  wir  nicht  mit  Unrecht  diese 
Zusammenstellungen  charakteristisch  genannt  haben,  so 
wie  denn  auch  der  Charakter  einer  jeden  sich  auf  den 
Charakter  der  einzelnen  Farben,  woraus  sie  zusammen- 
gestellt ist,  beziehen  muß. 

Charakterlose  Zusammenstellungen 

826.  Wir  wenden  uns  nun  zu  der  letzten  Art  der  Zu- 
sammenstellungen, welche  sich  aus  dem  Kreise  leicht 
herausfinden  lassen.  Es  sind  nämlich  diejenigen,  welche 
durch  kleinere  Chorden  angedeutet  werden,  wenn  man 
nicht  eine  ganze  Mittelfarbe,  sondern  nur  den  Übergang 
aus  einer  in  die  andere  überspringt. 

827.  Man  kann  diese  Zusammenstellungen  wohl  die  cha- 


2  3 o  DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHfi:R  TEIL 
rakterlosen  nennen,  indem  sie  zu  nahe  aneinander  liegen, 
als  daß  ihr  Eindruck  bedeutsam  werden  könnte.  Doch 
behaupten  die  meisten  immer  noch  ein  gewisses  Recht, 
da  sie  ein  Fortschreiten  andeuten,  dessen  Verhältnis  aber 
kaum  fühlbar  werden  kann. 

828.  So  drücken  Gelb  und  Gelbrot,  Gelbrot  und  Purpur, 
Blau  und  Blaurot,  Blaurot  und  Purpur  die  nächsten  Stufen 
der  Steigerung  und  Kulmination  aus  und  können  in  ge- 
wissen Verhältnissen  der  Massen  keine  üble  Wirkung 
tun. 

829.  Gelb  und  Grün  hat  immer  etwas  Gemein-Heiteres, 
Blau  und  Grün  aber  immer  etwas  Gemein-Widerliches; 
deswegen  unsre  guten  Vorfahren  diese  letzte  Zusammen- 
stellung auch  Narrenfarbe  genannt  haben. 

Bezug  der  Zusammenstellungen  zu  Hell  und  Dunkel 

830.  Diese  Zusammenstellungen  können  sehr  vermannig- 
faltigt  werden,  indem  man  beide  Farben  hell,  beide  Far- 
ben dunkel,  eine  Farbe  hell,  die  andre  dunkel  zusammen- 
bringen kann;  wobei  jedoch,  was  im  allgemeinen  gegolten 
hat,  in  jedem  besondern  Falle  gelten  muß.  Von  dem  un- 
endlich Mannigfaltigen,  was  dabei  stattfindet,  erwähnen 
wir  nur  F^olgendes. 

831.  Die  aktive  Seite,  mit  dem  Schwarzen  zusammenge- 
stellt, gewinnt  an  Energie;  die  passive  verliert.  Die  ak- 
tive, mit  dem  Weißen  und  Hellen  zusammengebracht,  ver- 
liert an  Kraft;  die  passive  gewinnt  an  Heiterkeit.  Purpur 
und  Grün  mit  Schwarz  sieht  dunkel  und  düster,  mit  Weiß 
hingegen  erfreulich  aus. 

832.  Hierzu  kommt  nun  noch,  daß  alle  Farben  mehr  oder 
weniger  beschmutzt,  bis  auf  einen  gewissen  Grad  unkennt- 
lich gemacht  und  so  teils  unter  sich  selbst,  teils  mit  rei- 
nen Farben  zusammengestellt  werden  können,  wodurch 
zwar  die  Verhältnisse  unendlich  variiert  werden,  wobei 
aber  doch  alles  gilt,  was  von  den  reinen  gegolten  hat. 

Historische  Betrachtungen 

833.  Wenn  in  dem  Vorhergehenden  die  Grundsätze  der 
Farbenharmonie  vorcretragen  worden,   so  wird  es  nicht 


VI.  SINNLICH- SriTLICHE  WIRKUNG       231 

zweckwidrig  sein,  wenn  wir  das  dort  Ausgesprochene  in 
Verbindung  mit  Erfahrungen  und  Beispielen  nochmals 
wiederholen. 

834.  Jene  Grundsätze  waren  aus  der  menschlichen  Natur 
und  aus  den  anerkannten  Verhältnissen  der  Farbenerschei- 
nungen abgeleitet.  In  der  Erfahrung  begegnet  uns  man- 
ches, was  jenen  Grundsätzen  gemäß,  manches,  was  ihnen 
widersprechend  ist. 

835.  Naturmenschen,  rohe  Völker,  Kinder  haben  große 
Neigung  zur  Farbe  in  ihrer  höchsten  Energie  und  also 
besonders  zu  dem  Gelbroten.  Sie  haben  auch  eine  Nei- 
gung ziun  Bunten.  Das  Bunte  aber  entsteht,  wenn  die  Far- 
ben in  ihrer  höchsten  Energie  ohne  harmonisches  Gleich- 
gewicht zusammengestellt  worden.  Findet  sich  aber  dieses 
Gleichgewicht  durch  Instinkt  oder  zufällig  beobachtet,  so 
entsteht  eine  angenehme  Wirkung.  Ich  erinnere  mich, 
daß  ein  hessischer  Offizier,  der  aus  Amerika  kam,  sein  Ge- 
sicht nach  Art  der  Wilden  mit  reinen  Farben  bemalte, 
wodurch  eine  Art  von  Totalität  entstand,  die  keine  unan- 
genehme Wirkung  tat. 

836.  Die  Völker  des  südlichen  Europas  tragen  zu  Klei- 
dern sehr  lebhafte  Farben.  Die  Seidenwaren,  welche  sie 
leichten  Kaufs  haben,  begünstigen  diese  Neigung.  Auch 
sind  besonders  die  Frauen  mit  ihren  lebhaftesten  Miedern 
und  Bändern  immer  mit  der  Gegend  in  Harmonie,  indem 
sie  nicht  imstande  sind,  den  Glanz  des  Himmels  und  der 
Erde  zu  überscheinen, 

837.  Die  Geschichte  der  Färberei  belehrt  uns,  daß  bei 
den  Trachten  der  Nationen  gewisse  technische  Bequem- 
lichkeiten und  Vorteile  sehr  großen  Einfluß  hatten.  So 
sieht  man  die  Deutschen  viel  in  Blau  gehen,  weil  es  eine 
dauerhafte  Farbe  des  Tuches  ist,  auch  in  manchen  Gegen- 
den alle  Landleute  in  grünem  Zwillich,  weil  dieser  ge- 
dachte Farbe  gut  annimmt.  Möchte  ein  Reisender  hierauf 
achten,  so  würden  ihm  bald  angenehme  und  lehrreiche 
Beobachtungen  gelingen. 

838.  Farben,  wie  sie  Stimmungen  hervorbringen,  fügen 
sich  auch  zu  Stimmungen  und  Zuständen.  Lebhafte  Na- 
tionen, z.  B,  die  Franzosen,  lieben  die  gesteigerten  Farben, 


2  3  2     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

besonders  der  aktiven  Seite;  gemäßigte,  als  Engländer  und 
Deutsche,  das  Stroh-  oder  Ledergelb,  wozu  sie  Dunkel- 
blau tragen.  Nach  Würde  strebende  Nationen,  als  Italiener 
und  Spanier,  ziehen  die  rote  Farbe  ihrer  Mäntel  auf  die 
passive  Seite  hinüber. 

839.  Man  bezieht  bei  Kleidungen  den  Charakter  der  Farbe 
auf  den  Charakter  der  Person.  So  kann  man  das  Verhält- 
nis der  einzelnen  Farben  und  Zusammenstellungen  zu  Ge- 
sichtsfarbe, Alter  und  Stand  beobachten. 

840.  Die  weibliche  Jugend  hält  auf  Rosenfarb  und  Meer- 
grün, das  Alter  auf  Violett  und  Dunkelgrün.  Die  Blondine 
hat  zu  Violett  und  Hellgelb,  die  Brünette  zu  Blau  und 
Gelbrot  Neigung,  und  sämtlich  mit  Recht. 

Die  römischen  Kaiser  waren  auf  den  Purpur  höchst  eifer- 
süchtig. Die  Kleidung  des  chinesischen  Kaisers  ist  Orange, 
mit  Purpur  gestickt.  Zitronengelb  dürfen  auch  seine  Be- 
dienten mid  die  Geistlichen  tragen. 

841.  Gebildete  Menschen  haben  einige  Abneigung  vor 
Farben.  Es  kann  dieses  teils  aus  Schwäche  des  Organs, 
teils  aus  Unsicherheit  des  Geschmacks  geschehen,  die  sich 
gern  in  das  völlige  Nichts  flüchtet.  Die  Frauen  gehen  nun- 
mehr fast  durchgängig  weiß  und  die  Männer  schwarz. 

842.  Überhaupt  aber  steht  hier  eine  Beobachtung  nicht 
am  unrechten  Platze,  daß  der  Mensch,  so  gern  er  sich 
auszeichnet,  sich  auch  ebenso  gern  unter  seinesgleichen 
verlieren  mag. 

843.  Die  schwarze  Farbe  sollte  den  venezianischen  Edel- 
mann an  eine  republikanische  Gleichheit  erinnern. 

844.  Inwiefern  der  trübe  nordische  Himmel  die  Farben 
nach  und  nach  vertrieben  hat,  ließe  sich  vielleicht  auch 
noch  untersuchen. 

845.  Man  ist  freilich  bei  dem  Gebrauch  der  ganzen  Far- 
ben sehr  eingeschränkt,  dahingegen  die  beschmutzten, 
getöteten,  sogenannten  Modefarben  unendlich  viele  ab- 
weichende Grade  imd  Schattierungen  zeigen,  wovon  die 
meisten  nicht  ohne  Anmut  sind. 

846.  Zu  bemerken  ist  noch,  daß  die  Frauenzimmer  bei 
ganzen  Farben  in  Gefahr  kommen,  eine  nicht  ganz  leb- 
hafte Gesichtsfarbe  noch  unscheinbarer  zu  machen;  wie 


VI.  SINNLICH -SriTLICHE  WIRKUNG       233 

sie  denn  überhaupt  genötigt  sind,  sobald  sie  einer  glän- 
zenden Umgebung  das  Gleichgewicht  halten  sollen,  ihre 
Gesichtsfarbe  durch  Schminke  zu  erhöhen. 

847.  Hier  wäre  nun  noch  eine  artige  Arbeit  zu  machen 
übrig,  nämlich  eine  Beurteilung  der  Uniformen,  Livreen, 
Kokarden  und  andrer  Abzeichen  nach  den  oben  aufge- 
stellten Grundsätzen.  Man  könnte  im  allgemeinen  sagen, 
daß  solche  Kleidungen  oder  Abzeichen  keine  harmoni- 
schen Farben  haben  dürfen.  Die  Uniformen  sollten  Cha- 
rakter und  Würde  haben;  die  Livreen  können  gemein  und 
ins  Auge  fallend  sein.  An  Beispielen  von  guter  und  schlech- 
ter Art  würde  es  nicht  fehlen,  da  der  Farbenkreis  eng  und 
schon  oft  genug  durchprobiert  worden  ist. 

Ästhetische  Wirkung 

848.  Aus  der  sinnlichen  und  sittlichen  Wirkung  der  Far- 
ben, sowohl  einzeln  als  in  Zusammenstellung,  wie  wir  sie 
bisher  vorgetragen  haben,  wird  nun  für  den  Künstler  die 
ästhetische  Wirkung  abgeleitet.  Wir  wollen  auch  darüber 
die  nötigsten  Winke  geben,  wenn  wir  vorher  die  allge- 
meine Bedingung  malerischer  Darstellung,  Licht  und  Schat- 
ten, abgehandelt,  woran  sich  die  Farbenerscheinung  un- 
mittelbar anschließt. 

Helldunkel 

849.  Das  Helldunkel,  clair-obscur,  nennen  wir  die  Er- 
scheinung körperlicher  Gegenstände,  wenn  an  denselben 
nur  die  Wirkung  des  Lichtes  und  Schattens  betrachtet 
wird. 

850.  Im  engern  Sinne  wird  auch  manchmal  eine  Schatten- 
partie, welche  durch  Reflexe  beleuchtet  wird,  so  genannt; 
doch  wir  brauchen  hier  das  Wort  in  seinem  ersten,  allge- 
meinern Sinne. 

851.  Die  Trennung  des  Helldunkels  von  aller  Farben- 
erscheinung ist  möglich  und  nötig.  Der  Künstler  wird  das 
Rätsel  der  Darstellung  eher  lösen,  wenn  er  sich  zuerst 
das  Helldunkel  unabhängig  von  Farben  denkt  und  dasselbe 
in  seinem  ganzen  Umfange  kennen  lernt 


2  34    I^ER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

852.  Das  Helldunkel  macht  den  Körper  als  Körper  er- 
scheinen, indem  uns  Licht  und  Schatten  von  der  Dichtig- 
keit belehrt. 

853.  Es  kommt  dabei  in  Betracht  das  höchste  Licht,  die 
Mitteltinte,  der  Schatten,  und  bei  dem  letzten  wieder  der 
eigene  Schatten  des  Körpers,  der  auf  andre  Körper  ge- 
worfene Schatten,  der  erhellte  Schatten  oder  Reflex. 

854.  Zum  natürlichsten  Beispiel  für  das  Helldunkel  wäre 
die  Kugel  günstig,  um  sich  einen  allgemeinen  Begriff  zu 
bilden,  aber  nicht  hinlänglich  zum  ästhetischen  Gebrauch, 
Die  verfließende  Einheit  einer  solchen  Rundung  führt  zum 
Nebulistischen.  Um  Kunstwirkungen  zu  erzwecken,  müs- 
sen an  ihr  Flächen  hervorgebracht  werden,  damit  die  Teile 
der  Schatten-  und  Lichtseite  sich  mehr  in  sich  selbst  ab- 
sondern. 

855.  Die  Italiener  nennen  dieses  il piazzoso;  man  könnte 
es  im  Deutschen  das  Flächenhafte  nennen.  Wenn  nun 
also  die  Kugel  ein  vollkommenes  Beispiel  des  natürlichen 
Helldunkels  wäre,  so  würde  ein  Vieleck  ein  Beispiel  des 
künstlichen  sein,  wo  alle  Arten  von  Lichtern,  Halblich- 
tern, Schatten  und  Reflexen  bemerklich  wären, 

856.  Die  Traube  ist  als  ein  gutes  Beispiel  eines  male- 
rischen Ganzen  im  Helldunkel  anerkannt,  um  so  mehr, 
als  sie  ihrer  Form  nach  eine  vorzügliche  Gruppe  darzu- 
stellen imstande  ist;  aber  sie  ist  bloß  für  den  Meister 
tauglich,  der  das,  was  er  auszuüben  versteht,  in  ihr  zu 
sehen  weiß. 

857.  Um  den  ersten  Begriff  faßlich  zu  machen,  der  selbst 
von  einem  Vieleck  immer  noch  schwer  zu  abstrahieren 
ist,  schlagen  wir  einen  Kubus  vor,  dessen  drei  gesehene 
Seiten  das  Licht,  die  Mitteltinte  und  den  Schatten  abge- 
sondert nebeneinander  vorstellen. 

858.  Jedoch  um  zum  Helldunkel  einer  zusammengesetz- 
tem Figur  überzugehen,  wählen  wir  das  Beispiel  eines 
aufgeschlagenen  Buches,  welches  uns  einer  größern  Man- 
nigfaltigkeit näherbringt. 

859.  Die  antiken  Statuen  aus  der  schönen  Zeit  findet  man 
zu  solchen  Wirkungen  höchst  zweckmäßig  gearbeitet.  Die 
Lichtpartien  sind  einfach  behandelt,  die  Schattenseiten 


VI.  SINNLICH-SITTLICHE  WIRKUNG       235 

desto  mehr  unterbrochen,  damit  sie  für  mannigfaltige  Re- 
flexe empfänglich  würden;  wobei  man  sich  des  Beispiels 
vom  Vieleck  erinnern  kann. 

860.  Beispiele  antiker  Malerei  geben  hierzu  die  Herkü- 
lanischen  Gemälde  und  die  Aldobrandinische  Hochzeit. 

861.  Moderne  Beispiele  finden  sich  in  einzelnen  Figuren 
Raffaels,  an  ganzen  Gemälden  Correggios,  der  nieder- 
ländischen Schule,  besonders  des  Rubens. 

Streben  zur  Farbe 

862.  Ein  Kunstwerk  schwarz  und  weiß  kann  in  der  Ma- 
lerei selten  vorkommen.  Einige  Arbeiten  von  Polydor 
geben  uns  davon  Beispiele,  sowie  unsre  Kupferstiche  und 
geschabten  Blätter.  Diese  Arten,  insofern  sie  sich  mit  For- 
men und  Haltung  beschäftigen,  sind  schätzenswert;  allein 
sie  haben  wenig  Gefälliges  fürs  Auge,  indem  sie  nur  durch 
eine  gewaltsame  Abstraktion  entstehen. 

863.  Wenn  sich  der  Künstler  seinem  Gefühl  überläßt,  so 
meldet  sich  etwas  Farbiges  gleich.  Sobald  das  Schwarze 
ins  Blauliche  fällt,  entsteht  eine  Forderung  des  Gelben, 
das  denn  der  Künstler  instinktmäßig  verteilt  luid,  teils 
rein  in  den  Lichtern,  teils  gerötet  und  beschmutzt  als  Braun 
in  den  Reflexen,  zu  Belebung  des  Ganzen  anbringt,  wie 
es  ihm  am  rätlichsten  zu  sein  scheint. 

864.  Alle  Arten  von  Camai'eu,  oder  Färb  in  Farbe,  laufen 
doch  am  Ende  dahin  hinaus,  daß  ein  geforderter  Gegen- 
satz oder  irgendeine  farbige  Wirkung  angebracht  wird.  So 
hat  Polydor  in  seinen  schwarz-  und  weißen  Freskogemälden 
ein  gelbes  Gefäß  oder  sonst  etwas  derart  eingeführt. 

865.  Überhaupt  strebten  die  Menschen  in  der  Kunst  in- 
stinktmäßig jederzeit  nach  Farbe.  Man  darf  nur  täglich 
beobachten,  wie  Zeichenlustige  von  Tusche  oder  schwar- 
zer Kreide  auf  weiß  Papier  zu  farbigem  Papier  sich  stei- 
gern, dann  verschiedene  Kreiden  anwenden  und  endlich 
ins  Pastell  übergehen.  Man  sah  in  unsern  Zeiten  Gesich- 
ter, mit  Silberstift  gezeichnet,  durch  rote  Bäckchen  belebt 
und  mit  farbigen  Kleidern  angetan,  ja  Silhouetten  in  bun- 
ten Uniformen.  Paolo  Uccello  malte  farbige  Landschafter 
zu  farblosen  Figuren. 


2 3 6     DKR  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

866.  Selbst  die  Bildhauerei  der  Alten  konnte  diesem  Trieb 
nicht  widerstehen.  Die  Ägypter  strichen  ihre  Basreliefs 
an.  Den  Statuen  gab  man  Augen  von  farbigen  Steinen. 
Zu  marmornen  Köpfen  und  Extremitäten  fügte  man  por- 
phyrne  Gewänder,  so  wie  man  bunte  Kalksinter  zum 
Sturze  der  Brustbilder  nahm.  Die  Jesuiten  verfehlten  nicht, 
ihren  heiligen  Aloysius  in  Rom  auf  diese  Weise  zusammen- 
zusetzen, und  die  neuste  Bildhauerei  unterscheidet  das 
Fleisch  durch  eine  Tinktur  von  den  Gewändern. 

Haltung 

867.  Wenn  die  Linearperspektive  die  Ab.stufung  der  Ge- 
genstände in  scheinbarer  Größe  durch  Entfernung  zeigt, 
so  läßt  uns  die  Luftperspektive  die  Abstufung  der  Gegen- 
stände in  mehr  oder  minderer  Deutlichkeit  durch  Entfer- 
nung sehen. 

868.  Ob  wir  zwar  entfernte  Gegenstände  nach  der  Natur 
unsres  Auges  nicht  so  deutlich  sehen  als  nähere,  so  ruht 
doch  die  Laftperspektive  eigentlich  auf  dem  wichtigen 
Satz,  daß  alle  durchsichtigen  Mittel  einigermaßen  trübe 
sind. 

869.  Die  Atmosphäre  ist  also  immer  mehr  oder  weniger 
trüb.  Besonders  zeigt  sie  diese  Eigenschaft  in  den  süd- 
lichen Gegenden  bei  hohem  Barometerstand,  trocknem 
Wetter  und  wolkenlosem  Himmel,  wo  man  eine  sehr  merk- 
hche  Abstufung  wenig  auseinander  stehender  Gegenstände 
beobachten  kann. 

870.  Im  allgemeinen  ist  diese  Erscheinimg  jedermann 
bekannt;  der  Maler  hingegen  sieht  die  Abstufung  bei  den 
geringsten  Abständen  oder  glaubt  sie  zu  sehen.  Er  stellt 
sie  praktisch  dar,  indem  er  die  Teile  eines  Körpers,  z.  B. 
eines  völlig  vorwärts  gekehrten  Gesichtes,  voneinander 
abstuft.  Hiebei  behauptet  Beleuchtung  ihre  Rechte.  Diese 
kommt  von  der  Seite  in  Betracht,  sowie  die  Haltung  von 
vorn  nach  der  Tiefe  zu. 

Kolorit 

871.  Indeuo  wir  nunmehr  zur  Farbengebung  übergehen 
setzen  wir  voraus,  daß  der  Maler  überhaupt  mit  dem  Ent  - 


VI.  SlNiNLlCH-SriTLlCHE  \VlRKüNG       237 

wurf  unserer  Farbenlehre  bekannt  sei  und  sich  gewisse 
Kapitel  und  Rubriken,  die  ihn  vorzüglich  berühren,  wohl 
zu  eigen  gemacht  habe:  denn  so  wird  er  sich  imstande 
befinden,  das  Theoretische  sowohl  als  das  Praktische,  im 
Erkennen  der  Natur  und  im  Anwenden  auf  die  Kunst, 
mit  Leichtigkeit  zu  behandeln. 

Kolorit  des  Orts 

872.  Die  erste  Erscheinung  des  Kolorits  tritt  in  der  Na- 
tur gleich  mit  der  Haltung  ein:  denn  die  Luftperspektive 
beruht  auf  der  Lehre  von  den  trüben  Mitteln.  Wir  sehen 
den  Himmel,  die  entfernten  Gegenstände,  ja  die  nahen 
Schatten  blau.  Zugleich  erscheint  uns  das  Leuchtende  und 
Beleuchtete  stufenweise  gelb  bis  zur  Purpurfarbe.  In  man- 
chen Fällen  tritt  sogleich  die  physiologische  Forderung 
der  Farben  ein,  und  eine  ganz  farblose  Landschaft  wird 
durch  diese  mit-  und  gegeneinander  wirkenden  Bestim- 
mungen vor  unserm  Auge  völlig  farbig  erscheinen. 

Kolorit  der  Gegenstände 

873.  Lokalfarben  sind  die  allgemeinen  Elementarfarben, 
aber  nach  den  Eigenschaften  der  Körper  und  ihrer  Ober- 
flächen, an  denen  wir  sie  gewahr  werden,  spezifiziert. 
Diese  Spezifikation  geht  bis  ins  unendliche. 

874.  Es  ist  ein  großer  Unterschied,  ob  man  gefärbte  Seide 
oder  Wolle  vor  sich  hat.  Jede  Art  des  Bereitens  und  We- 
bens  bringt  schon  Abweichungen  hervor.  Rauhigkeit, 
Glätte,  Glanz  kommen  in  Betrachtung. 

875.  Es  ist  daher  ein  der  Kunst  sehr  schädliches  Vorur- 
teil, daß  der  gute  Maler  keine  Rücksicht  auf  den  Stoff  der 
Gewänder  nehmen,  sondern  nur  immer  gleichsam  ab- 
strakte Falten  malen  müsse.  Wird  nicht  hierdurch  alle 
charakteristische  Abwechslung  aufgehoben,  und  ist  das 
Porträt  von  Leo  X.  deshalb  weniger  trefflich,  weil  auf 
diesem  Bilde  Samt,  Atlas  und  Mohr  nebeneinander  nach- 
geahmt ward.^ 

876.  Bei  Naturprodukten  erscheinen  die  Farben  mehr 
oder  weniger  modifiziert,  spezifiziert,  ja  individualisiert; 


238     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

welches  bei  Steinen  und  Pflanzen,  bei  den  Federn  der 
Vögel  und  den  Haaren  der  Tiere  wohl  zu  beobachten  ist. 

877.  Die  Hauptkunst  des  Malers  bleibt  immer,  daß  er  die 
Gegenwart  des  bestimmten  Stoffes  nachahme  und  das  All- 
gemeine, Elementare  der  Farbenerscheinung  zerstöre.  Die 
höchste  Schwierigkeit  findet  sich  hier  bei  der  Oberfläche 
des  menschlichen  Körpers. 

878.  Das  Fleisch  steht  im  ganzen  auf  der  aktiven  Seite; 
doch  spielt  das  Blauliche  der  passiven  auch  mit  herein. 
Die  Farbe  ist  durchaus  ihrem  elementaren  Zustande  ent- 
rückt und  durch  Organisation  neutralisiert. 

879.  Das  Kolorit  des  Ortesund  das  Kolorit  der  Gegen- 
stände in  Harmonie  zu  bringen,  wird  nach  Betrachtung 
dessen,  was  von  uns  in  der  Farbenlehre  abgehandelt  wor- 
den, dem  geistreichen  Künstler  leichter  werden,  als  bis- 
her der  Fall  war,  und  er  wird  imstande  sein,  unendlich 
schöne,  mannigfaltige  und  zugleich  wahre  Erscheinungen 
darzustellen. 

Charakteristisches  Kolorit 

880.  Die  Zusammenstellung  farbiger  Gegenstände  sowohl 
als  die  Färbung  des  Raums,  in  welchem  sie  enthalten 
sind,  soll  nach  Zwecken  geschehen,  welche  der  Künstler 
sich  vorsetzt.  Hiezu  ist  besonders  die  Kenntnis  der  Wir- 
kung der  Farben  auf  Empfindung,  sowohl  im  einzelnen 
als  in  Zusammenstellung,  nötig.  Deshalb  sich  denn  der 
Maler  von  dem  allgemeinen  Duahsm  sowohl  als  von  den 
besondern  Gegensätzen  penetrieren  soll;  wie  er  denn 
überhaupt  wohl  innehaben  müßte,  was  wir  von  den  Ei- 
genschaften der  Farben  gesagt  haben. 

881.  Das  Charakteristische  kann  unter  drei  Hauptru- 
briken  begriffen  werden,  die  wir  einstweilen  durch  das 
Mächtige,  das  Sanfte  und  das  Glänzende  bezeichnen 
wollen. 

882.  Das  erste  wird  durch  das  Übergewicht  der  aktiven, 
das  zweite  durch  das  Übergewicht  der  passiven  Seite,  das 
dritte  durch  Totalität  und  Darstellung  des  ganzen  Farben - 
kreises  im  Gleichgewicht  hervorgebracht. 

883.  Der  mächtige  Effekt  wird  erreicht  durch  Gelb,  Gelb- 


VI.  SINNLICH-SnrLlCHE  WIRKUNG       239 

rot  und  Purpur,  welche  letzte  Farbe  auch  noch  auf  der 
Plusseite  zu  halten  ist.  Wenig  Violett  und  Blau,  noch 
weniger  Grün  ist  anzubringen.  Der  sanfte  Effekt  wird 
durch  Blau,  Violett  und  Purpur,  welcher  jedoch  auf  die 
Minusseite  zu  führen  ist,  hervorgebracht.  Wenig  Gelb  und 
Gelbrot,  aber  viel  Grün  kann  stattfinden. 

884.  Wenn  man  also  diese  beiden  Effekte  in  ihrer  vollen 
Bedeutung  hervorbringen  will,  so  kann  man  die  geforder- 
ten Farben  bis  auf  ein  Minimum  ausschließen  und  nur  so 
viel  von  ihnen  sehen  lassen,  als  eine  Ahnimg  der  Tota- 
lität unweigerlich  zu  verlangen  scheint. 

Harmonisches  Kolorit 

885.  Obgleich  die  beiden  charakteristischen  Bestimmun- 
gen nach  der  eben  angezeigten  Weise  auch  gewisser- 
maßen harmonisch  genannt  werden  können,  so  entsteht 
doch  die  eigentliche  harmonische  Wirkung  nur  alsdann, 
wenn  alle  Farben  nebeneinander  im  Gleichgewicht  ange- 
bracht sind. 

886.  Man  kann  hiedurch  das  Glänzende  sowohl  als  das 
Angenehme  hervorbringen,  welche  beide  jedoch  immer 
etwas  Allgemeines  und  in  diesem  Sinne  etwas  Charakter- 
loses haben  werden. 

887.  Hierin  liegt  die  Ursache,  warum  das  Kolorit  der 
meisten  Neuern  charakterlos  ist;  denn  indem  sie  nur  ihrem 
Instinkt  folgen,  so  bleibt  das  Letzte,  wohin  er  sie  führen 
kann,  die  Totalität,  die  sie  mehr  oder  weniger  erreichen, 
dadurch  aber  zugleich  den  Charakter  versäumen,  den  das 
Bild  allenfalls  haben  könnte. 

888.  Hat  man  hingegen  jene  Grundsätze  im  Auge,  so 
sieht  man,  wie  sich  für  jeden  Gegenstand  mit  Sicherheit 
eine  andre  Farbenstimmung  wählen  läßt.  Freilich  fordert 
die  Anwendung  unendliche  Modifikationen,  welche  dem 
Genie  allein,  wenn  es  von  diesen  Grundsätzen  durchdrun- 
gen ist,  gelingen  werden. 

Echter  Ton 

889.  Wenn  man  das  Wort  Ton  oder  vielmehr  Tonart  auch 
noch  künftig  von  der  Musik  borgen  und  bei  der  Farben- 


2  40     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

gebung  brauchen  will,  so  wird  es  in  einem  bessern  Sinne 
als  bisher  geschehen  können. 

890.  Man  würde  nicht  mit  Unrecht  ein  Bild  von  mäch- 
tigem Effekt  mit  einem  musikaHschen  Stücke  aus  dem  Dur- 
Ton,  ein  Gemälde  von  sanftem  Effekt  mit  einem  Stücke 
aus  dem  Moll-Ton  vergleichen,  so  wie  man  für  die  Modi- 
fikation dieser  beiden  Haupteflfekte  andre  Vergleichungen 
finden  könnte. 

Falscher  Ton 

891.  Was  man  bisher  Ton  nannte,  war  ein  Schleier  von 
einer  einzigen  Farbe  über  das  ganze  Bild  gezogen.  Man 
nahm  ihn  gewöhnlich  gelb,  indem  man  aus  Instinkt  das 
Bild  auf  die  mächtige  Seite  treiben  wollte. 

892.  Wenn  man  ein  Gemälde  durch  ein  gelbes  Glas  an- 
sieht, so  wird  es  uns  in  diesem  Ton  erscheinen.  Es  ist  der 
Mühe  wert,  diesen  Versuch  zu  machen  und  zu  wieder- 
holen, um  genau  kennen  zu  lernen,  was  bei  einer  solchen 
Operation  eigentlich  vorgeht.  Es  ist  eine  Art  Nachtbe- 
leuchtung, eine  Steigerung,  aber  zugleich  Verdüsterung 
der  Plusseite  und  eine  Beschmutzung  der  Minusseite. 

893.  Dieser  unechte  Ton  ist  durch  Instinkt  aus  Unsicher- 
heit dessen,  was  zu  tun  sei,  entstanden,  so  daß  man  an- 
statt der  Totalität  eine  Uniformität  hervorbrachte. 

Schwaches  Kolorit 

894.  Eben  diese  Unsicherheit  ist  Ursache,  daß  man  die 
Farben  der  Gemälde  so  sehr  gebrochen  hat,  daß  man  aus 
dem  Grauen  heraus  und  in  das  Graue  hinein  malt  und  die 
Farbe  so  leise  behandelt  als  möglich. 

895.  Man  findet  in  solchen  Gemälden  oft  die  harmoni- 
schen Gegenstellungen  recht  glücklich,  aber  ohne  Mut, 
weil  man  sich  vor  dem  Bunten  fürchtet. 

Das  Bunte 

89 6.  Bunt  kann  ein  Gemälde  leicht  werden,  in  welchem 
man  bloß  empirisch,  nach  unsichern  Eindrücken,  die  Far- 
ben in  ihrer  ganzen  Kraft  nebeneinander  stellen  wollte. 


VI.  SINNLICH- SriTLICHE  WIRKUNG       241 

897.  Wenn  man  dagegen  schwache,  obgleich  widrige  Far- 
ben nebeneinander  setzt,  so  ist  freilich  der  Effekt  nicht 
auffallend.  Man  trägt  seine  Unsicherheit  auf  den  Zuschauer 
hinüber,  der  denn  an  seiner  Seite  weder  loben  noch  tadeln 
kann. 

898.  Auch  ist  es  eine  wichtige  Betrachtung,  daß  man 
zwar  die  Farben  unter  sich  in  einem  Bilde  richtig  aufstel- 
len könne,  daß  aber  doch  ein  Bild  bunt  werden  müsse, 
wenn  man  die  Farben  in  bezug  auf  Licht  und  Schatten 
falsch  anwendet. 

899.  Es  kann  dieser  Fall  um  so  leichter  eintreten,  als 
Licht  und  Schatten  schon  durch  die  Zeichnung  gegeben 
und  in  derselben  gleichsam  enthalten  ist,  dahingegen  die 
Farbe  der  Wahl  und  Willkür  noch  unterworfen  bleibt. 

Fufcht  vor  dem  llieoretischen 

900.  Man  fand  bisher  bei  den  Malern  eine  Furcht,  ja  eine 
entschiedene  Abneigung  gegen  alle  theoretische  Betrach- 
tungen über  die  Farbe  und  was  zu  ihr  gehört,  welches 
ihnen  jedoch  nicht  übel  zu  deuten  war.  Denn  das  bisher 
sogenannte  Theoretische  war  grundlos,  schwankend  und 
auf  Empirie  hindeutend.  Wir  wünschen,  daß  unsre  Be- 
mühungen diese  Furcht  einigermaßen  vermindern  und  den 
Künstler  anreizen  mögen,  die  aufgestellten  Grundsätze 
praktisch  zu  prüfen  und  zu  beleben. 

Letzter  Zweck 

901.  Denn  ohne  Übersicht  des  Ganzen  wird  der  letzte 
Zweck  nicht  erreicht.  Von  allem  dem,  was  wir  bisher  vor- 
getragen, durchdringe  sich  der  Künstler.  Nur  durch  die 
Einstimmung  des  Lichtesund  Schattens,  der  Haltung,  der 
wahren  und  charakteristischen  Farbengebung  kann  das 
Gemälde  von  der  Seite,  von  der  wir  es  gegenwärtig  be- 
trachten, als  vollendet  erscheinen. 

Grimde 

902.  Es  war  die  Art  der  altern  Künstler,  auf  hellen  Grund 
zu  malen.  Er  bestand  aus  Kreide  und  wurde  auf  Lein- 
wand oder  Holz  stark  aufgetragen  und  poliert.  Sodann 

GOETHE  XVn  16. 


242     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

wurde  der  Umriß  aufgezeichnet  und  das  Bild  mit  einer 
schwärzlichen  oder  bräunlichen  Farbe  ausgetuscht.  Der- 
gleichen auf  diese  Art  zum  Kolorieren  vorbereitete  Bilder 
sind  noch  übrig  von  Leonardo  da  Vinci,  Fra  Bartolommeo 
und  mehrere  von  Guido. 

903.  Wenn  man  zur  Kolorierung  schritt  und  weiße  Ge- 
wänder darstellen  wollte,  so  ließ  man  zuweilen  diesen 
Grund  stehen.  Tizian  tat  es  in  seiner  spätem  Zeit,  wo 
er  die  große  Sicherheit  hatte  und  mit  wenig  Mühe  viel  zu 
leisten  wußte.  Der  weißliche  Grund  wurde  als  Mitteltinte 
behandelt,  die  Schatten  aufgetragen  und  die  hohen  Lich- 
ter aufgesetzt. 

904.  Beim  Kolorieren  war  das  untergelegte,  gleichsam 
getuschte  Bild  immer  wirksam.  Man  malte  z.  B,  ein  Ge- 
wand mit  einer  Lasurfarbe,  und  das  Weiße  schien  durch 
und  gab  der  Farbe  ein  Leben,  so  wie  der  schon  früher 
zum  Schatten  angelegte  Teil  die  Farbe  gedämpft  zeigte, 
ohne  daß  sie  gemischt  oder  beschmutzt  gewesen  wäre. 

905.  Diese  Methode  hatte  viele  Vorteile.  Denn  an  den 
lichten  Stellen  des  Bildes  hatte  man  einen  hellen,  an  den 
beschatteten  einen  dunkeln  Grund.  Das  ganze  Bild  war 
vorbereitet;  man  konnte  mit  leichten  Farben  malen,  und 
man  war  der  Übereinstimmung  des  Lichtes  mit  den  Far- 
ben gewiß.  Zu  unsern  Zeiten  ruht  die  Aquarellmalerei  auf 
diesen  Grundsätzen. 

906.  Übrigens  wird  in  der  Ölmalerei  gegenwärtig  durch- 
aus ein  heller  Grund  gebraucht,  weil  Mitteltinten  mehr 
oder  weniger  durchsichtig  sind  und  also  durch  einen  hel- 
len Grund  einigermaßen  belebt,  so  wie  die  Schatten  selbst 
nicht  so  leicht  dunkel  werden. 

907.  Auf  dunkle  Gründe  malte  man  auch  eine  Zeitlang. 
Wahrscheinlich  hat  sie  Tintoret  eingeführt;  ob  Giorgione 
sich  derselben  bedient,  ist  nicht  bekannt.  Tizians  beste 
Bilder  sind  nicht  auf  dunkeln  Grund  gemalt. 

908.  Ein  solcher  Grund  war  rotbraun,  und  wenn  auf  den- 
selben das  Bild  aufgezeichnet  war,  so  wurden  die  stärk- 
sten Schatten  aufgetragen,  die  Lichtfarben  impastierte 
man  auf  den  hohen  Stellen  sehr  stark  und  vertrieb  sie 
gegen  den  Schatten  zu;  da  denn  der  dunkle  Grund  durch 


VI.  SINNLICH- SITTLICHE  WIRKUNG       243 

die  verdünnte  Farbe  als  Mitteltinte  durchsah.  Der  Effekt 
wurde  beim  Ausmalen  durch  mehrmaliges  Übergehen  der 
lichten  Partien  und  Aufsetzen  der  hohen  Lichter  erreicht. 

909.  Wenn  diese  Art  sich  besonders  wegen  der  Geschwin- 
digkeit bei  der  Arbeit  empfiehlt,  so  hat  sie  doch  in  der 
Folge  viel  Schädliches.  Der  energische  Grund  wächst  und 
wird  dunkler;  was  die  hellen  Farben  nach  und  nach  an 
Klarheit  verlieren,  gibt  der  Schattenseite  immer  mehr  und 
mehr  Übergewicht.  Die  Mitteltinten  werden  immer  dunk- 
ler und  der  Schatten  zuletzt  ganz  finster.  Die  stark  auf- 
getragenen Lichter  bleiben  allein  hell,  und  man  sieht  nur 
lichte  Flecken  auf  dem  Bilde,  wovon  uns  die  Gemälde 
der  Bolognesischen  Schule  und  des  Caravaggio  genüg- 
same Beispiele  geben, 

910.  Auch  ist  nicht  imschicklich,  hier  noch  zum  Schlüsse 
des  Lasierens  zu  erwähnen.  Dieses  geschieht,  wenn  man 
eine  schon  aufgetragene  Farbe  als  hellen  Grund  betrach- 
tet. Man  kann  eine  Farbe  dadurch  fürs  Auge  mischen,  sie 
steigern,  ihr  einen  sogenannten  Ton  geben;  man  macht 
sie  dabei  aber  immer  dunkler. 

Pigmente 

911.  Wir  empfangen  sie  aus  der  Hand  des  Chemikers 
und  Naturforschers.  Manches  ist  darüber  aufgezeichnet 
und  durch  den  Druck  bekannt  geworden,  doch  verdiente 
dieses  Kapitel  von  Zeit  zu  Zeit  neu  bearbeitet  zu  werden. 
Indessen  teilt  der  Meister  seine  Kenntnisse  hierüber  dem 
Schüler  mit,  der  Künstler  dem  Künstler. 

912.  Diejenigen  Pigmente,  welche  ihrer  Natur  nach  die 
dauerhaftesten  sind,  werden  vorzüglich  ausgesucht,  aber 
auch  die  Behandlungsart  trägt  viel  zur  Dauer  des  Bildes 
bei.  Deswegen  sind  so  wenig  Farbenkörper  als  möglich 
anzuwenden  und  die  simpelste  Methode  des  Auftrags  nicht 
genug  zu  empfehlen. 

913.  Denn  aus  der  Menge  der  Pigmente  ist  manches  Übel 
für  das  Kolorit  entsprungen.  Jedes  Pigment  hat  sein  eigen- 
tümliches Wesen  in  Absicht  seiner  Wirkung  aufs  Auge, 
ferner  etwas  Eigentümliches,  wie  es  technisch  behandelt 
sein  will.  Jenes  ist  Ursache,  daß  die  Harmonie  schwerer 


2  44    DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 
durch  mehrere  als  durch  wenige  Pigmente  zu  erreichen  ist; 
dieses,  daß  chemische  Wirkung  und  Gegenwirkung  unter 
den  Farbekörpern  stattfinden  kann. 

914.  Ferner  gedenken  wir  noch  einiger  falschen  Rich- 
tungen, von  denen  sich  die  Künstler  hinreißen  lassen.  Die 
Maler  begehren  immer  nach  neuen  Farbekörpern  und 
glauben,  wenn  ein  solcher  gefunden  wird,  einen  Vorschritt 
in  der  Kunst  getan  zu  haben.  Sie  tragen  großes  Verlan- 
gen, die  alten  mechanischen  Behandlungsarten  kennen  zu 
lernen,  wodurch  sie  viel  Zeit  verHeren;  wie  wir  uns  denn 
zu  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  mit  der  Wachsmalerei 
viel  zu  lange  gequält  haben.  Andre  gehen  darauf  aus, 
neue  Behandlungsarten  zu  erfinden,  wodurch  denn  auch 
weiter  nichts  gewonnen  wird.  Denn  es  ist  zuletzt  doch  nur 
der  Geist,  der  jede  Technik  lebendig  macht. 

Allegorischer^  symbolischer^  mystischer  Gebrauch  der  Farbe 

915.  Es  ist  oben  umständlich  nachgewiesen  worden,  daß 
eine  jede  Farbe  einen  besondern  Eindruck  auf  den  Men- 
schen mache  und  dadurch  ihr  Wesen  sowohl  dem  Auge 
als  Gemüt  offenbare.  Daraus  folgt  sogleich,  daß  die  Farbe 
sich  zu  gewissen  sinnlichen,  sittlichen,  ästhetischen  Zwek- 
ken  anwenden  lasse. 

916.  Einen  solchen  Gebrauch  also,  der  mit  der  Natur 
völlig  übereinträfe,  könnte  man  den  symbolischen  nennen, 
indem  die  Farbe  ihrer  Wirkung  gemäß  angewendet  würde 
und  das  wahre  Verhältnis  sogleich  die  Bedeutung  aus- 
spräche. Stellt  man  z.  B.  den  Purpur  als  die  Majestät  be- 
zeichnend auf,  so  wird  wohl  kein  Zweifel  sein,  daß  der 
rechte  Ausdruck  gefunden  worden;  wie  sich  alles  dieses 
schon  oben  hinreichend  auseinandergesetzt  findet. 

917.  Hiermit  ist  ein  anderer  Gebrauch  nahe  verwandt, 
den  man  den  allegorischen  nennen  könnte.  Bei  diesem 
ist  mehr  Zufälliges  und  Willkürliches,  ja  man  kann  sagen, 
etwas  Konventionelles,  indem  uns  erst  der  Sinn  des  Zei- 
chens überliefert  werden  muß,  ehe  wir  wissen,  was  es  be- 
deuten soll,  wie  es  sich  z.  B.  mit  der  grünen  Farbe  ver- 
hält, die  man  der  Hoffnung  zugeteilt  hat. 

918.  Daß  zuletzt  auch  die  Farbe  eine  mystische  Deutung 


VI.  SINNLICH -srrrLicHp:  Wirkung     245 

erlaube,  läßt  sich  wohl  ahnen.  Denn  da  jenes  Schema, 
worin  sich  die  Farbenmannigfaltigkeit  darstellen  läßt, 
solche  Urverhältnisse  andeutet,  die  sowohl  der  mensch- 
lichen Anschauung  als  der  Natur  angehören,  so  ist  wohl 
kein  Zweifel,  daß  man  sich  ihrer  Beziige,  gleichsam  als 
einer  Sprache,  auch  da  bedienen  könne,  wenn  man  Ur- 
verhältnisse ausdrücken  will,  die  nicht  ebenso  mächtig 
und  mannigfaltig  in  die  Sinne  fallen.  Der  Mathematiker 
schätzt  den  Wert  und  Gebrauch  des  Triangels;  der  Tri- 
angel steht  bei  dem  Mystiker  in  großer  Verehrung,  gar 
manches  läßt  sich  im  Triangel  schematisieren  und  die 
Farbenerscheinung  gleichfalls,  und  zwar  dergestalt,  daß 
man  durch  Verdopplung  und  Verschränkung  zu  dem  alten 
geheimnisvollen  Sechseck  gelangt. 

919.  Wenn  man  erst  das  Auseinandergehen  des  Gelben 
und  Blauen  wird  recht  gefaßt,  besonders  aber  die  Stei- 
gerung ins  Rote  genugsam  betrachtet  haben,  wodurch  das 
Entgegengesetzte  sich  gegeneinander  neigt  und  sich  in 
einem  Dritten  vereinigt,  dann  wird  gewiß  eine  besondere 
geheimnisvolle  Anschauung  eintreten,  daß  man  diesen 
beiden  getrennten,  einander  entgegengesetzten  Wesen 
eine  geistige  Bedeutung  unterlegen  könne,  und  man  wird 
sich  kaum  enthalten,  wenn  man  sie  imterwärts  das  Grün 
und  oberwärts  das  Rot  hervorbringen  sieht,  dort  an  die 
irdischen,  hier  an  die  himmlischen  Ausgeburten  der  Elo- 
him  zu  gedenken. 

920.  Doch  wir  tun  besser,  uns  nicht  noch  zum  Schlüsse 
dem  Verdacht  der  Schwärmerei  auszusetzen,  um  so  mehr, 
als  es,  wenn  unsre  Farbenlehre  Gunst  gewinnt,  an  alle- 
gorischen, symbolischen  und  mystischen  Anwendungen 
und  Deutungen  dem  Geiste  der  Zeit  gemäß  gewiß  nicht 
fehlen  wird. 

Schlußwort 
Indem  ich  diese  Arbeit,  welche  mich  lange  genug  beschäf- 
tigt, doch  zuletzt  nur  als  Entwurf  gleichsam  aus  dem  Steg- 
reife herauszugeben  im  Falle  bin  und  nun  die  vorstehen- 
den gedruckten  Bogen  durchblättere,  so  erinnere  ich  mich 
des  Wunsches,  den  ein  sorgfältiger  Schriftsteller  vormals 


2  46     DER  FARBENLEHRE  DIDAKTISCHER  TEIL 

geäußert,  daß  er  seine  Werke  lieber  zuerst  ins  Konzept 
gedruckt  sähe,  um  alsdann  aufs  neue  mit  frischem  Blick 
an  das  Geschäft  zu  gehen,  weil  alles  Mangelhafte  uns  im 
Drucke  deutlicher  entgegenkomme  als  selbst  in  der  sau- 
bersten Handschrift. 

Um  wie  lebhafter  mußte  bei  mir  dieser  Wunsch  entstehen, 
da  ich  nicht  einmal  eine  völlig  reinliche  Abschrift  vor 
dem  Druck  durchgehen  konnte,  da  die  sukzessive  Redak- 
tion dieser  Blätter  in  eine  Zeit  fiel,  welche  eine  ruhige 
Sammlung  des  Gemüts  unmöglich  machte. 
Wie  vieles  hätte  ich  daher  meinen  Lesern  zu  sagen,  wo- 
von sich  doch  manches  schon  in  der  Einleitung  findet. 
Femer  wird  man  mir  vergönnen,  in  der  Geschichte  der 
Farbenlehre  auch  meiner  Bemühungen  und  der  Schick- 
sale zu  gedenken,  welche  sie  erduldeten. 
Hier  aber  stehe  wenigstens  eine  Betrachtung  vielleicht 
nicht  am  unrechten  Orte,  die  Beantwortung  der  Frage: 
was  kann  derjenige,  der  nicht  im  Fall  ist,  sein  ganzes 
Leben  den  Wissenschaften  zu  widmen ,  doch  für  die  Wissen- 
schaften leisten  und  wirken?  was  kann  er  als  Gast  in  einer 
fremden  Wohnung  zum  Vorteile  der  Besitzer  ausrichten? 
Wenn  man  die  Kunst  in  einem  höhern  Sinne  betrachtet, 
so  möchte  man  wünschen,  daß  nur  Meister  sich  damit  ab- 
gäben, daß  die  Schüler  auf  das  strengste  geprüft  würden, 
daß  Liebhaber  sich  in  einer  ehrfurchtsvollen  Annäherung 
glücklich  fühlten.  Denn  das  Kunstwerk  soll  aus  dem 
Genie  entspringen,  der  Künstler  soll  Gehalt  und  Form  aus 
der  Tiefe  seines  eigenen  Wesens  hervorrufen,  sich  gegen 
den  Stoff  beherrschend  verhalten  und  sich  der  äußern 
Einflüsse  nur  zu  seiner  Ausbildtmg  bedienen. 
Wie  aber  dennoch  aus  mancherlei  Ursachen  schon  der 
Künstler  den  Dilettanten  zu  ehren  hat,  so  ist  es  bei  wissen- 
schaftlichen Gegenständen  noch  weit  mehr  der  Fall,  daß 
der  Liebhaber  etwas  Erfreuliches  und  Nützliches  zu  lei- 
sten imstande  ist.  Die  Wissenschaften  ruhen  weit  mehr 
auf  der  Erfahrung  als  die  Kunst,  und  zum  Erfahren  ist 
gar  mancher  geschickt.  Das  Wissenschaftliche  wird  von 
vielen  Seiten  zusammengetragen  und  kann  vieler  Hände, 
vieler  Köpfe  nicht  entbehren.  Das  Wissen  läßt  sich  über- 


VI.  SINNLICH- SrnXICHE  WIRKUNG       247 

liefern,  diese  Schätze  können  vererbt  werden,  und  das 
von  eineyn  Erworbene  werden  manche  sich  zueignen.  Es 
ist  daher  niemand,  der  nichtseinen  Beitrag  den  Wissen- 
schaften anbieten  dürfte.  Wie  vieles  sind  wir  nicht  dem 
Zufall,  dem  Handwerk,  einer  augenblicklichen  Aufmerk- 
samkeit schuldig!  Alle  Naturen,  die  mit  einer  glücklichen 
Sinnlichkeit  begabt  sind,  Frauen,  Kinder,  sind  fähig,  uns 
lebhafte  und  wohlgefaßte  Bemerkungen  mitzuteilen. 
In  der  Wissenschaft  kann  also  nicht  verlangt  werden,  daß 
derjenige,  der  etwas  für  sie  zu  leisten  gedenkt,  ihr  das 
ganze  Leben  widme,  sie  ganz  überschaue  und  umgehe, 
welches  überhaupt  auch  für  den  Eingeweihten  eine  hohe 
Forderung  ist.  Durchsucht  man  jedoch  die  Geschichte  der 
Wissenschaften  überhaupt,  besonders  aber  die  Geschichte 
der  Naturwissenschaft,  so  findet  man,  daß  manches  Vor- 
züglichere von  einzelnen  in  einzelnen  Fächern,  sehr  oft  von 
Laien  geleistet  worden. 

Wohin  irgend  die  Neigung,  Zufall  oder  Gelegenheit  den 
Menschen  führt,  welche  Phänomene  besonders  ihm  auf- 
fallen, ihm  einen  Anteil  abgewinnen,  ihn  festhalten,  ihn 
beschäftigen,  immer  wird  es  zum  Vorteil  der  Wissenschaft 
sein.  Denn  jedes  neue  Verhältnis,  das  an  den  Tag  kommt, 
jede  neue  Behandlungsart,  selbst  das  Unzulängliche,  selbst 
der  Irrtum  ist  brauchbar  oder  aufregend  und  für  die  Folge 
nicht  verloren. 

In  diesem  Sinne  mag  der  Verfasser  denn  auch  mit  einiger 
Beruhigung  auf  seine  Arbeit  zurücksehen;  in  dieser  Betrach- 
tung kann  er  wohl  einigen  Mut  schöpfen  zu  dem,  was  zu 
tun  noch  übrig  bleibt  und,  zwar  nicht  mit  sich  selbst  zu- 
frieden, doch  in  sich  selbst  getrost,  das  Geleistete  und  zu 
Leistende  einer  teilnehmenden  Welt  und  Nachwelt  emp- 
fehlen. 

Multi  pertransibunt  tt  augebitur  scientia. 


STATT  DES  VERSPROCHENEN 
SUPPLEMENTAREN  TEILS 

[Zur  Farbenlehre.  Zweiter  Band.   1810] 

IVtr  stammen  unser  sechs  Geschwister 

Von  einem  wunder sa?iien  Paar, 
Die  Mutter  ewig  ernst  und  düster, 

Der  Vater  fröhlich  immerdar; 
Von  beideti  erbten  wir  die  Tugend, 

Von  ihr  die  Milde,  voti  ihm  den  Glanz: 
So  drehn  wir  uns  in  ewiger  Jugend 

Um  dich  herum  im  Zirkeltanz. 
Gern  meiden  wir  die  schwarzen  Höhlen 

Und  lieben  uns  dm  heitern  Tag, 
V/ir  sind  es,  die  die  Welt  beseelen 

Mit  unsers  Lebens  Zauberschlag. 
Wir  sind  des  Frühlings  lustge  Boten 

Und  führen  seinen  munterji  Reihn; 
Drum  fliehen  wir  das  Haus  der  Toten, 

Denn  um  uns  her  muß  Leben  sein. 
Uns  mag  kein  Glücklicher  entbehren, 

Wir  sind  dabei,  wo  fnan  sich  freut. 
Und  läßt  der  Kaiser  sich  verehren, 

Wir  leihen  ihm  die  Herrlichkeit. 

Schiller 

IN  der  Vorrede  des  ersten  Bandes  haben  wir  zu  den  drei 
nunmehr  beendigten  Teilen  unsres  Werkes,  dem  didak- 
tischen, polemischen,  historischen,  noch  einen  vierten, 
supplementären  versprochen,  welcher  sich  bei  einer  sol- 
chen Unternehmung  allerdings  nötig  macht;  und  es  wird 
daher,  in  doppeltem  Sinne,  einer  Entschuldigung  bedür- 
fen, daß  derselbe  nicht  gegenwärtig  mit  den  übrigen  zu- 
gleich erscheint. 

Ohne  zu  gedenken,  wie  lange  diese  Bände,  die  man  hier 
dem  Publikum  übergibt,  vorbereitet  waren,  dürfen  wir 
wohl  bemerken,  daß  schon  vor  vier  Jahren  der  Druck  der- 
selben angefangen  und  durch  so  manche  öfifentliche  und 
häusliche,  durch  geistige  und  körperliche,  wissenschaft- 
hche  und  technische  Hindernisse  verspätet  worden. 
Abermals  nähert  sich  mit  dem  Frühjahr  derjenige  Termin, 
an  welchem  die  stillen  Früchte  gelehrten  Fleißes  durch  den 
Buchhandel  verbreitet  werden,  eben  zu  der  Zeit,  als  die 
drei  ersten  Teile  unserer  chromatischen  Arbeit  die  Presse 
verlassen  und  mit  den  dazu  gehörigen  Tafeln  ausgestattet 


STATT  DES  VERSPROCH.  SUPPLEM.  TEILS   249 

worden.  Der  dritte  Teil  ist  zur  Stärke  eines  ganzen  Ban- 
des herangewachsen,  dessen  größere  Hälfte  er  eigentlich 
nur  ausmachen  sollte,  und  es  scheint  daher  wohl  rätlich, 
die  Herausgabe  des  so  weit  Gediehenen  nicht  aufzuschie- 
ben, indem  die  vorliegende  Masse  groß  genug  ist,  um  als 
eine  nicht  ganz  unwerte  Gabe  der  teilnehmenden  Welt  an- 
geboten zu  werden. 

Was  jedoch  von  einem  supplementären  Teile  zu  erwarten 
stehe,  wollen  wir  hier  mit  wenigem  bemerken.  Eine  Re- 
vision des  Didaktischen  kann  auf  mancherlei  Weise  statt- 
finden. Denn  wir  werden  im  Laufe  einer  solchen  Arbeit 
mit  Phänomenen  bekannt,  die,  wenn  auch  nicht  neu  oder 
von  solcher  Bedeutung,  daß  sie  unerwartete  Aufschlüsse 
geben,  doch  mehr  als  andere  sich  zu  Repräsentanten  von 
vielen  Fällen  qualifizieren  und  sich  daher  gerade  in  ein 
Lehrbuch  aufgenommen  zu  werden  vorzüglich  eignen,  weil 
man  das  Didaktische  von  allen  Einzelnheiten,  allem  Zwei- 
deutigen und  Schwankenden  so  viel  als  möglich  zu  reinigen 
hat,  um  dasselbe  immer  sicherer  und  bedeutender  zu 
machen. 

Hierdurch  wird  auch  dasjenige,  was  allein  Methode  zu 
nennen  ist,  immer  vollkommener.  Denn  je  mehr  die  ein- 
zelnen Teile  an  innerem  Werte  wachsen,  desto  reiner  und 
sicherer  schließen  sie  aneinander,  und  das  Ganze  ist  leichter 
zu  übersehen,  dergestalt  daß  zuletzt  die  höhern  theoreti- 
schen Einsichten  von  selbst  und  unerwartet  hervor-  und 
dem  Betrachter  entgegentreten. 

Die  Beschreibung  des  Apparats  wäre  sodann  das  Not- 
wendigste. Denn  obgleich  die  Haupterfordernisse  bei  den 
Versuchen  selbst  angegeben  sind  und  eigentlich  nichts 
vorkommt,  was  außerhalb  der  Einsicht  eines  geschickten 
Mechanikers  und  Experimentators  läge,  so  würde  es  doch 
gut  sein,  auf  wenigen  Blättern  zu  übersehen,  was  man  denn 
eigentlich  bedürfe,  um  die  sämthchen  Phänomene,  auf 
welche  es  ankommt,  bequem  hervorzubringen.  Und  frei- 
lich sind  hiezu  Hülfsmittel  der  verschiedensten  Art  nötig. 
Auch  hat  man  diesen  Apparat,  wenn  er  sich  einmal  bei- 
sammen befindet,  so  gut  als  jeden  andern,  ja  vielleicht 
noch  mehr,  in  Ordnung  zu  halten,  damit  man  zu  jeder 


2  5  o  ZUR  FARBENLEHRE 

Zeit  die  verlangten  Versuche  anstellen  und  vorlegen  könne. 
Denn  es  wird  künftig  nicht  wie  bisher  die  Ausrede  gelten, 
daß  durch  gewisse  Versuche,  vor  hundert  Jahren  in  Eng- 
land angestellt,  alles  hinlänghch  auch  für  uns  bewiesen 
und  abgetan  sei.  Nicht  weniger  ist  zu  bedenken,  daß,  ob 
wir  gleich  die  Farbenlehre  der  freien  Natur  wiederzugeben  I 
so  viel  als  möglich  bemüht  gewesen,  doch  ein  geräumiges 
Zimmer,  welches  man  nach  Belieben  erhellen  und  ver- 
finstern kann,  nötig  bleibt,  damit  man  für  sich  und  andere, 
sowohl  die  Lehre  als  die  Kontrovers,  befriedigend  durch 
Versuche  und  Beispiele  belegen  könne.  Diese  ganz  un- 
erläßliche Einrichtung  ist  von  der  Art,  daß  sie  einem  Privat- 
manne beschwerlich  werden  müßte;  deswegen  darf  man  sie 
wohl  Universitäten  und  Akademien  der  Wissenschaften  zur 
Pflicht  machen,  damit  statt  des  alten  Wortkrams  die  Er- 
scheinungen selbst  und  ihre  wahren  Verhältnisse  dem  Wiß- 
begierigen anschaulich  werden. 

Was  den  polemischen  Teil  betrifft,  so  ist  demselben  noch 
eine  Abhandlung  hinzuzufügen  über  dasjenige,  was  vor- 
geht, wenn  die  so  nahe  verwandten  Werkzeuge,  Prismen 
und  Linsen,  vereinigt  gebraucht  werden.  Es  ist  zwar  höchst 
einfach  und  wäre  von  einem  jeden  leicht  einzusehen,  wenn 
nicht  Newton  und  seine  Schüler  auch  hier  einen  völlig 
willkürlichen  Gebrauch  der  Werkzeuge  zu  ganz  entgegen- 
gesetzten Zwecken  eingeführt  hätten.  Denn  einmal  sollen 
auf  diesem  Wege  die  farbigen  Lichter  völlig  separiert,  ein 
andermal  wieder  völlig  vereinigt  werden:  welches  denn 
beides  nicht  geleistet  wird  noch  werden  kann. 
An  diese  Betrachtungen  schließt  sich  unmittelbar  eine 
andere.  Es  ist  nämlich  die  Frage,  was  in  einer  Glas-  oder 
Wasserkugel  durch  Refraktion  oder  Reflexion  gewirkt  wer- 
de, damit  wir  das  so  merkwürdige  als  schöne  Phänomen 
des  Regenbogens  erblicken.  Auch  mit  diesem  hat  man, 
wie  mit  so  vielem  andern,  fertig  und  ins  reine  zu  sein 
geglaubt.  Wir  hingegen  sind  überzeugt,  daß  man  den 
Hauptpunkt  vernachlässigt,  welchen  Antonius  de  Do- 
minis  bei  seiner  Behandlung  dieses  Gegenstandes  schon 
sicher  und  entschieden  ausgesprochen. 
Zu  dem  historischen  Teile  Ueßen  sich  auch  mancherlei 


STATT  DES  VERSPROCH.  SUPPLEM.  TEILS  251 

Supplemente  geben.  Zuerst  wären  Zitate  nachzubringen, 
gar  mancherlei  Verbesserungen  in  Namen,  Jahrzahlen  und 
andern  kleinen  Angaben.  Bei  manchem  Artikel  könnte 
sogar  eine  neue  Bearbeitung  stattfinden,  wie  wir  z.  B.  das 
über  Keplern  Gesagte  gegenwärtig  bedeutender  und 
zweckgemäßer  auszuführen  uns  getrauten. 
Auch  mit  Rubriken  und  kurzen  Inhaltsanzeigen  kleinerer 
Schriften  ließen  sich  diese  historisch-literarischen  Mate- 
rialien um  vieles  vermehren,  von  denen  hier  manches  weg- 
geblieben, was  uns  einen  gewissen  Bezug  versteckt  hätte, 
der  aus  einer  Hintereinanderstellung  bedeutender  Schrif- 
ten eines  Zeitraums  von  sich  selbst,  ohne  weiteres  Räso- 
nieren und  Pragmatisieren,  hervorzugehen  schien. 
Soll  jedoch  dereinst  das  Geschichtliche  einen  unmittel- 
baren Einfluß  auf  das  Didaktische  erlangen,  so  wäre  jenes 
einmal  nach  den  Abteilungen,  Rubriken,  Kapiteln  des 
Entwurfs  gedrängt  aufzuführen,  wodurch  die  Zeitenfolge 
zwar  aufgehoben,  die  Folge  und  Übereinstimmung  des 
Sinnes  hingegen  sich  desto  deutlicher  zeigen  würde.  Der 
liberal  Gesinnte,  nicht  auf  seiner  Persönlichkeit  undEigen- 
heit  Verharrende  würde  mit  Vergnügen  auch  hier  bemer- 
ken, daß  nichts  Neues  unter  der  Sonne,  daß  das  Wissen 
und  die  Wissenschaft  ewig  sei,  daß  das  wahrhaft  Bedeu- 
tende darin  von  unsern  Vorfahren,  wo  nicht  immer  er- 
kannt und  ergriffen,  doch  wenigstens  geahndet  und  das 
Ganze  der  Wissenschaft,  so  wie  jeder  Tüchtigkeit  und 
Kunst,  von  ihnen  empfunden,  geschätzt  und  nach  ihrer 
Weise  geübt  worden. 

Doch  wäre  vielleicht  vor  allem  andern  noch  das  Geschicht- 
liche der  letzten  zwanzig  Jahre  nachzubringen,  obgleich 
keine  sonderliche  Ausbeute  davon  zu  hoffen  steht.  Das 
Bedeutende  darunter,  die  Wirkung  farbiger  Beleuchtung 
betreffend,  welche  Herschel  wieder  zur  Sprache  gebracht, 
wird  in  einem  Aufsatze,  den  wir  Herrn  Dr.  Seebeck  in 
Jena  verdanken,  hier  zum  Schlüsse  mitgeteilt.  Das  selt- 
sam Unerfreuhche,  durch  welches  Wünsch  neue  Verwirrung 
in  der  Farbenlehre  angerichtet,  ist  bei  Erklärung  der  Ta- 
feln in  seine  ersten  Elemente  aufgelöst  und  dabei  das  Nö- 
tige erinnert  worden. 


2  52  ZUR  FARBENLEHRE 

Der  andern,  minder  wirksamen  Äußerungen  möchte  ich 
überhaupt  gegenwärtig  nicht  gerne,  so  wenig  als  dessen, 
was  sich  auf  mich  bezieht,  gedenken.  Teils  hat  man  ge- 
sucht, durch  ein  mißwoUendesVerschweigen,  meine  frühem 
Bemühungen  gänzlich  auszulöschen,  welches  um  so  mehr 
tunlich  schien,  als  ich  selbst  seit  vielen  Jahren  nichts  direkt 
deshalb  zur  Sprache  brachte.  Teils  hat  man  von  meinen 
Ansichten,  die  ich  seit  ebenso  langer  Zeit  im  Leben  und 
Gespräch  gern  mitteilte,  in  größern  und  kleineren  Schriften 
eine  Art  von  Halbgebrauch  gemacht,  ohne  mir  die  Ehre 
zu  erzeigen,  meiner  dabei  zu  gedenken.  Dieses  alles  zu 
rügen,  deutlich  zu  machen,  wie  auf  diese  Weise  die  gute 
Sache  retardiert  und  diskreditiert  worden,  würde  zu  un- 
freundlichen Erklärungen  Anlaß  geben,  und  ich  könnte 
denn  doch,  da  ich  mit  meinen  Vorfahren  und  mit  mir  selbst 
streng  genug  umgegangen,  die  Mitlebenden  nicht  wohl 
schonender  behandeln. 

Viel  besser  und  auch  wohl  gelinder  macht  sich  dies  in  der 
folgenden  Zeit,  wenn  sich  erst  ergeben  wird,  ob  dieses 
Werk  sich  Eingang  verschafft  und  was  für  Wirkungen  es 
hervorbringt.  Die  Farbenlehre  scheint  überhaupt  jetzt  an 
die  Tagesordnung  zu  kommen.  Außer  dem,  was  Runge  in 
Hamburg  als  Maler  bereits  gegeben,  verspricht  Klotz  in 
München  gleichfalls  von  der  Kunstseite  her  einen  ansehn- 
lichen Beitrag.  Placidus  Heinrich  zu  Regensburg  läßt  ein 
ausführhches  Werk  erwarten,  und  mit  einem  schönen  Auf- 
satz über  die  Bedeutung  der  Farben  in  der  Natur  hat  uns 
Steffens  beschenkt.  Diesem  möchten  wir  vorzüglich  die 
gute  Sache  empfehlen,  da  er  in  die  Farbenwelt  von  der 
chemischen  Seite  hereintritt  und  also  mit  freiem,  unbe- 
fangenem Mut  sein  Verdienst  hier  betätigen  kann.  Nichts 
von  allem  soll  uns  unbeachtet  bleiben:  wir  bemerken,  was 
für  und  gegen  uns,  was  mit  und  wider  uns  erscheint,  wer 
den  antiquierten  Irrtum  zu  wiederholen  trachtet,  oder  wer 
das  alte  und  vorhandene  Wahre  erneut  und  belebt,  und 
wohl  gar  unerwartete  Ansichten  durch  Genie  oder  Zufall 
eröffnet,  um  eine  Lehre  zu  fördern,  deren  abgeschlossener 
Kreis  sich  vielleicht  vor  vielen  andern  ausfüllen  und  voll- 
enden läßt. 


STAIT  DES  VERSPROCH.  SUPPLEM.  TEILS  253 

Was  diesen  frommen  Wünschen  und  Hoffnungen  entgegen- 
steht, ist  mir  nicht  unbekannt.  Der  Sache  würde  nicht 
dienlich  sein,  es  hier  ausdrückhch  auszusprechen.  Einige 
Jahre  belehren  uns  hierüber  am  besten,  und  man  vergönne 
mir  nur  Zeit,  zu  überlegen,  ob  es  vorteilhafter  sei,  die 
teils  notwendigen,  teils  nutzbaren  Supplemente  zusammen 
in  einem  Bande  oder  heftweise  nach  Gelegenheit  heraus- 
zugeben. 

Wirkung  farbiger  Beleuchtung 

Ob  wir  uns  schon  aus  oben  erwähnten  Ursachen  enthal- 
ten, desjenigen  umständlich  zu  gedenken,  was  seit  den 
letzten  zwanzig  Jahren  in  unserm  Fache  vorgekommen, 
so  dürfen  wir  doch  den  bedeutendsten  Punkt  nicht  über- 
gehen, welchen  Herschel  besonders  wieder  in  Anregung 
gebracht,  wir  meinen  die  Wirkung  farbiger  Beleuchtung 
auf  Leuchtsteine,  Metalloxyde  und  Pflanzen:  ein  Kapitel, 
das,  in  unserm  Entwürfe  nur  skizziert,  in  der  Chemie  immer 
von  größerer  Bedeutung  werden  muß.  Wir  können  unsre 
Pflicht  hierin  nicht  besser  erfüllen,  als  wenn  wir  einen 
ausführlichen  Aufsatz  von  Herrn  Dr.  Seebeck  zu  Jena  ein- 
rücken, der  von  dem  scharfen  und  treuen  Beobachtungs- 
geiste des  Verfassers  sowie  von  dessen  unvergleichlicher 
Gabe  zu  experimentieren  ein  schönes  Zeugnis  ablegt,  und 
bei  Freunden  der  Wissenschaft  den  Wunsch  erregen  wird, 
der  Verfasser  möge  sich  immer  in  dem  Falle  befinden, 
seinem  natürlichen  und  beurkundeten  Forscherberufe  zu 
folgen. 

Wirkung  farbiger  Beleuchtung  auf  verschiedene  Arten  von 

Leuchtsteinen 
Zu  diesen  Versuchen  bediente  ich  mich  folgender  künst- 
licher Leuchtsteine  oder  Phosphoren. 

1 .  Barytphosphoren,  nach  Marggrafs  bekannter  Angabe  be- 
reitet. Die  vollkommensten  von  diesen  leuchteten,  nach- 
dem sie  dem  Sonnen-  oder  auch  bloß  dem  Tageshchte  aus- 
gesetzt worden,  geibrot,  wie  schwach  glühende  Kohlen. 

2.  Phosphoren  aus  künstlichem  schwefelsaurem  Strontian, 


2  54  ZUR  FARBENLEHRE 

ganz  auf  dieselbe  Weise  wie  die  vorigen,  mit  Gummi 
Traganth  im  freien  Feuer  des  Windofens  präpariert. 
Diese  leuchteten  meergrün,  einige  Stücke  schwach  bläu- 
lich. 

3,  Nach  Cantons  Vorschrift  aus  gebrannten  Austerschalen 
zubereitete  Kalkphosphoren,  welche  größtenteils  hellgelb 
leuchteten.  Einige  von  diesen  gaben  reines  Rosenrot,  an- 
dere ein  blasses  Violett. 

Der  Glanz  und  die  Lebhaftigkeit  der  Farbe  der  Phosphoren 
steht  mit  der  Intensität  des  exzitierenden  Lichtes  in  direk- 
tem Verhältnis;  je  schwächer  dieses  ist,  desto  schwächer 
und  blässer  phosphoreszieren  jene  im  Dunkeln;  ja  in  sehr 
schwachem  Lichte,  z.  B.  im  Mondlichte,  werden  sie  fast 
ganz  farblos,  weißlich  leuchtend. 

Diese  Phosphoren  wurden  nach  der  Reihe  den  verschie- 
denen prismatischen  Farben  ausgesetzt.  Im  Blau  und  Violett 
wurden  alle  sogleich  leuchtend,  doch  war  ihr  Licht  auf 
keine  Weise  verändert:  die  Barytphosphoren  erschienen 
im  Dunkeln  gelbrot,  die  neuen  Strontianphosphoren  meer- 
grün, usw.  vollkommen  so,  wie  sie  dem  reinen  Sonnen- 
lichte ausgesetzt  leuchteten.  Im  Blauen  wurden  sie  nur 
wenig  schwächer  leuchtend  als  im  Violett.  Hart  über  dem 
Violett,  wo  kaum  eine  Farbe  zu  erkennen  ist,  nahmen  sie 
einen  ebenso  lebhaften  Glanz  an  als  im  Violett.  Im  Grün 
wurden  sie  beträchtlich  schwächer  leuchtend  als  im  Blau, 
im  Gelben  noch  viel  schwächer  und  im  Rot  am  schwäch- 
sten, und  zwar  wurden  sie  hier  mehrenteils  nur  weißlich 
leuchtend.  Auch  unter  dem  Rot  nahmen  die  Phosphoren 
häufig  einen  Glanz  an. 

So  verhielten  sich  die  Leuchtsteine  und  auch  noch  an- 
dere leuchtende  Körper  in  den  Farbengespenstern  einer 
beträchtlichen  Anzahl  Glasprismen,  unter  denen  einige 
höchst  vollkommen  waren.  Im  Gelb  und  Rot  derselben 
wurden  gute  Leuchtsteine  zwar  leuchtend  (noch  bei  einer 
fünf  bis  sechs  Linien  breiten  Öffnung  im  Laden  und  in  ei- 
nem Abstände  von  neun  bis  zwölf  Fuß  vom  Prisma);  doch 
immer  sehr  viel  schwächer  als  im  Blau  und  Violett.  Wenn 
die  Öffnung  im  Laden  noch  kleiner  war,  etwa  zwei  Linien 
im  Durchmesser  betrug,  so  wurden  mehrere  Leuchtsteine 


STATT  DES  VERSPROCH.  SUPPLEiM.  TEILS  255 

in  dem  eben  erwähnten  Abstände  im  Rot  nicht  mehr  leuch- 
tend, im  Blau  und  Violett  aber  wurden  sie  es. 

Versuche  mit  farbigen  Gläsern 
Ein  dickes  dunkelblaues  Glas,  durch  welches  nur  hell  er- 
leuchtete Gegenstände  eben  zu  erkennen  waren,  wurde 
vor  den  von  der  Sonne  beschienenen  Laden  der  dunkeln 
Kammer  befestigt  und  ein  Bononischer  Leuchtstein  in 
das  einfallende  Licht  gehalten;  er  wurde  im  Augenblick 
leuchtend,  und  zwar  wie  gewöhnlich  gelbrot.  Die  übrigen 
Leuchtsteine  verhielten  sich  ebenso. 
Nun  wurde  ein  gelbrotes  Glas,  wodurch  man  vollkommen 
alle  Gegenstände  erkennen  konnte,  in  den  Laden  gesetzt 
und  die  Leuchtseine  in  dies  helle  gelbrote  Licht  gelegt; 
aber  keiner  von  allen  wurde  leuchtend,  wie  lange  sie  auch 
in  diesem  Lichte  bheben. 

EinLeuchtstein  wurde  durch  reines  Sonnenlicht  zumPhos- 
phoreszieren  gebracht  und  die  Zeit  bemerkt,  welche  bis 
zu  seinem  völligen  Erlöschen  verfloß.  Dies  währte  etwa 
zehn  Minuten.  Er  wurde  hierauf  nochmals  in  der  Sonne 
leuchtend  gemacht  und  dann  sogleich  in  das  durch  das 
gelbrote  Glas  einfallende  Licht  gehalten.  Er  verlosch  hier 
nicht  nur  völlig,  sondern  auch  in  beträchtlich  kürzerer 
Zeit  als  für  sich  im  Dunkeln;  schon  nach  ein  bis  zwei 
Minuten  konnte  man  keinen  Schein  mehr  an  diesem  Phos- 
phor erkennen.  Je  lebhafter  die  Sonne  schien,  desto  schnel- 
ler erfolgte  das  Erlöschen  unter  dem  gelbroten  Glase. 
Wenn  schon  aus  diesen  Versuchen  die  entgegengesetzte 
Wirkung  der  gelbroten  und  blauen  Beleuchtung  unwider- 
sprechlich  hervorging,  so  wurde  sie  noch  glänzender  durch 
folgende  Vorrichtung  bestätigt. 

Ich  stellte  in  das  durch  das  gelbrote  Glas  einfallende 
Sonnenlicht  eine  Linse  von  vier  Zoll  und  brachte  in  den 
Fokus  derselben  einen  auf  das  lebhafteste  glänzenden 
Barytphosphor;  er  erlosch  hier  sogleich,  wie  eine  in  Wasser 
getauchte  Kohle.  Selbst  die  empfindlichsten  und  dauernd- 
sten Leuchtsteine,  z.  B.  die  grünlichen  Strontianphos- 
phoren,  wurden  hier  in  wenigen  Sekunden  lichtlos.  Man 
braucht  die  Leuchtsteine  nicht  einmal  völlig  in  den  Fo- 


256  ZUR  FARBENLEHRE 

kus  zu  bringen,  auch  außer  demselben  erlöschen  sie  schon 
nach  einigen  Sekunden. 

Statt  des  gelbroten  Glases  wurde  hierauf  eine  stärkere 
blaue  Scheibe,  durch  welche  man  noch  alle  Gegenstände 
erkennen  konnte,  in  den  Laden  befestigt,  die  nämliche 
Linse  davor  gestellt  und  in  den  Fokus  derselben  ein 
dunkler,  nicht  leuchtender  Erdphosphor  gehalten;  er  wurde  ! 
hier  sogleich  glühend,  und  wohl  so  stark  als  im  hellesten 
Sonnenschein. 

Auch  das  prismatische  Rot  wirkt,  wie  schon  Wilson  und 
später  Davy  und  Ritter  bemerkt  hatten,  lichtschwächend 
auf  die  Phosphoren.  Nach  meinen  Erfahrungen  erlöschen 
sie  hier  gemeinhin  nicht  völlig,  sondern  kommen  nur  in 
etwas  kürzerer  Zeit  auf  den  schwachen  Lichtzustand  zu- 
rück, den  sie  an  dieser  Stelle  annehmen.  Ist  die  Öffnung 
im  Laden  sehr  klein,  so  werden,  wie  schon  oben  ange- 
führt, die  Phosphoren,  bei  einer  gewissen  Entfernung  vom 
Prisma,  in  dem  Rot  desselben  nicht  mehr  leuchtend,  aber 
dann  wirkt  auch  diese  Beleuchtung  überhaupt  nicht;  die 
Phosphoren  erlöschen  hier  nicht  schneller  als  für  sich  im 
Dunkeln.  Im  Blau  und  Violett  dagegen  werden  die  Leucht- 
steine in  dem  angegebenen  Abstände  noch  leuchtend; 
hieraus  folgt  also,  daß  die  deprimierende  Kraft  des  Roten 
und  Gelben  früher  abnimmt  als  die  exzitierende  des  Blauen 
und  Violetten.  Doch  auch  diese  hört  in  einer  größern  Ent- 
fernung vom  Prisma  auf,  und  dort  existiert  nur  für  das 
Auge  noch  ein  wirksames  Farbenbild. 
Wie  das  Licht  der  Sonne,  so  wirkt  auch  jedes  andere 
Licht  durch  die  genannten  farbigen  Gläser  auf  die  Leucht- 
steine, wenn  es  nur  überhaupt  Intensität  genug  hat,  ein 
Leuchten  in  den  Steinen  zu  erregen.  Es  ist  bekannt,  daß 
die  Bononischen  und  Cantonschen  Phosphoren  durch  den 
Funken  der  Leydener  Flasche  leuchtend  werden.  Man 
läßt,  um  dies  zu  bewirken,  gemeiniglich  den  Schlag 
durch  den  Phosphor  gehen.  Dies  ist  jedoch  nicht  nötig; 
auch  wenn  er  sich  in  hermetisch  verschlossenen  Glas- 
röhren befindet  und  einen  Zoll,  ja  noch  tiefer  unter  den 
Kugeln  des  allgemeinen  Ausladers  liegt,  so  wird  er  wäh- 
rend der  Explosion  der  Flasche  leuchtend. 


STA'l"r  DES  VERSPROCH.  SUPPLEM.  TEILS  257 

Zwei  Leuchtsteine  von  gleicher  Güte  wurden,  einer  in 
gelbroter,  der  andere  in  dunkelblauer  Glasröhre  einen  Zoll 
unter  die  Kugeln  des  allgemeinen  Ausladers  gelegt  und 
eine  Flasche  mittelst  desselben  entladen.  Als  der  Funke 
überschlug,  wurde  der  Leuchtstein  in  der  dunkelblauen 
Röhre  sogleich  leuchtend,  der  in  der  gelbroten  Glasröhre 
dagegen  blieb  dunkel. 

Diese  Versuche,  welche  ich  öfters  wiederholt  habe,  be- 
weisen zugleich,  daß  die  Elektrizität,  indem  sie  die  Phos- 
phoren  leuchtend  macht,  nur  als  Licht  wirkt,  daher  denn 
auch  lichtlose  Elektrizität  keinen  Erdphosphor  oder  ähn- 
lichen leuchtenden  Körper  zum  Phosphoreszieren  bringt. 
Hierüber  und  über  das  Leuchten  als  chemischen  Prozeß 
an  einem  andern  Orte  mehr. 

Die  genannten  Phosphoren  und  überhaupt  alle  Substanzen , 
welche  im  Dunkeln  glühend  erscheinen,  nachdem  sie  dem 
Licht  der  Sonne  oder  einer  andern  starken  Beleuchtung 
ausgesetzt  werden,  leuchten  schon  in  diesem  Lichte  selbst. 
Hiervon  kann  man  sich  am  besten  überzeugen,  wenn  man 
Erdphosphoren,  welche  einzelne  nichtleuchtende  Stellen 
haben,  dem  durch  ein  recht  dunkelblaues  oder  violettes 
Glas  einfallenden  Sonnenlichte  entgegenhält;  die  leuch- 
tenden Stellen,  besonders  die  gelbrot  leuchtenden  der 
Bononischen  Phosphoren,  sieht  man  nun  deutlich  glühen, 
in  dem  Augenblicke  wie  sie  ins  Licht  kommen  (ja  die 
empfindlichem  schon  in  einiger  Entfernung  von  dem  vollen 
Lichte),  die  nichtleuchtenden  Stellen  dagegen  haben  die 
Farbe  des  Glases,  sehen  blau  oder  violett  aus.  Vor  dem 
gelbroten  Glase,  wo  sie  bekanntlich  nicht  leuchtend  wer- 
den, erscheinen  sie  ganz  einfarbig.  Das  Leuchten  im  Dun- 
keln ist  also  nur  ein  Beharren  in  dem  Zustande,  den  der 
fremde  leuchtende  Körper  hervorrief,  ein  Nachklingen, 
Verklingen. 

Vorstehendes  will  Beccaria  anders  gefunden  haben;  nach 
ihm  wurde  der  Bologneser  Phosphor  unter  allen  farbigen 
Gläsern  leuchtend,  und  zwar  glänzte  er  im  Dunkeln  mit 
rotem  Lichte,  wenn  er  unter  roten  Gläsern,  und  mit  blauem 
Lichte,  wenn  er  unter  blauen  Gläsern  dem  Sonnenlicht 

GOETHE  XVII  17. 


2  5  8  ZUR  FARBENLEHRE 

war  ausgesetzt  worden. — Woher  nun  diese  abweichenden, 
ja  ganz  entgegengesetzten  Resultate? — Die  beste  Auf- 
klärung hierüber  gibt  die  Geschichte  dieser  Entdeckung, 
welche  auch  durch  ihren  Zusammenhang  mit  dem  Streit 
über  die  Newtonische  Lehre  interessant  ist. 
Zanotti  stellte  die  ersten  Versuche  über  die  Wirkung  des 
farbigen  Lichtes  auf  den  Bononischen  Phosphor  an  ( 1 7  2  8). 
Erwartend,  daß  er  mit  der  Farbe  des  ihn  trefifenden  Lichtes 
leuchten  werde,  hielt  er  ihn  für  vorzüglich  geschickt,  den 
Streit  der  Cartesianer  und  Newtonianer  über  die  Natur 
des  Lichts  zur  Entscheidung  zu  bringen.  Algarotti,  ein 
eifriger  Anhänger  Newtons,  wohnte  diesen  Versuchen  bei. 
Sie  ließen  die  prismatischen  Farben  auf  ihrebestenLeucht- 
steine  fallen,  allein  sie  konnten,  "wie  auch  der  Strahl  ge- 
färbt war",  keinen  Unterschied  wahrnehmen,  der  Stein 
leuchtete  schwach  und  '■'■nahm  keinesweges  die  Farbe  des 
Lichtes  an,  in  welches  er  gehaltefi  worden''\  woraus  Zanotti 
den  Schluß  zog,  "daß  der  Phosphor  durch  sein  eigentüm- 
liches Licht  glänze,  und  daß  dieses  durch  das  von  außen 
auffallende  Licht  nur  belebt  werde".  Er  fügte  hinzu,  "daß 
aus  diesen  Versuchen  sich  nichts  beweisen  lasse,  und  daß 
sich  beide  Hypothesen  damit  vertrügen".  (Zanottis  Ab- 
handlung steht  in  denComment.Bonon.Vol.VL  p.  205.) 
Hiermit  hatte  man  sich  beruhigt,  bis  1 7  7  o  Joh.  Bapt.  Becca- 
ria  in  Turin  mit  neuen  Versuchen  auftrat.  Er  verfertigte, 
wie  erzählt  wird,  künstliche  Leuchtsteine,  welche  den  Stein 
von  Bologna  weit  übertrafen,  setzte  diese  unter  farbigen 
Gläsern  dem  Sonnenlichte  aus  und  versicherte,  daß  seine 
Phosphoren  unter  blauem  Glase  blau,  unter  rotem  Glase 
rot  geleuchtet  hätten.  (Philos.  Transact.  LXL  p.  112.) 
Diese  Entdeckung  machte  großes  Aufsehen  und  wurde  von 
den  Newtonianern  gut  aufgenommen.  Priestley  (in  seiner 
Geschichte  der  Optik  p.  267)  erklärte:  "durch  diese  Ver- 
suche sei  nun  außer  Streit  gesetzt,  daß  der  Phosphor  eben 
dasselbe  Licht,  welches  er  empfängt,  und  kein  anderes 
von  sich  gebe,  und  hierdurch  sei  auch  bewiesen,  daß  das 
Licht  aus  körperlichen  Teilen  bestehe,  weil  es  eingesogen, 
angehalten  und  wieder  zurückgegeben  werden  könne". 
Mehrere  Physiker  wiederholten  Beccarias  Versuche,  doch 


STATT  DES  VERSPROCH.  SUPPLEM.  TEILS  259 

keinem  gelangen  sie.  Wilson  vor  allen  gab  sich  viele 
Mühe.  Magellan  verschaffte  ihm  von  Beccaria  eine  sehr 
genaue  Beschreibung  der  Versuche  mit  allen  Umständen, 
beide  wiederholten  die  Versuche  nochmals,  "aber  alle 
ihre  Unternehmungen  waren  umsonst",  nie  sahen  sie  die 
Phosphoren  mit  der  Farbe  des  Glases  leuchten.  (Von  Wilsons 
interessanten  Versuchen  findet  man  einen  Auszug  in  Geh- 
lers  Sammlung  zur  Physik  und  Naturgeschichte,  i.  Band.) 
Euler  mischte  sich  auch  in  den  Streit;  er  fand  Wilsons 
Versuche  seiner  Lehre  vom  Licht  günstig  und  behauptete, 
die  Newtonische  Theorie  der  Farben  werde  hierdurch 
gänzlich  über  den  Haufen  geworfen.  Die  Newtonianer 
erwiderten:  Euler  habe  keine  Ursache  zu  triumphieren, 
Beccaria  verdiene  ebensoviel  Glauben  als  Wilson,  und 
dann  wären  ja  auch  unter  Wilsons  Versuchen  mehrere, 
die  nach  der  Eulerschen  Theorie  ebensowenig  erklärt  wer- 
den könnten.  Es  wurden  indessen  mehrere  mißlungene 
Versuche  bekannt,  und  es  blieb  nun  denen,  die  sich  mit 
Beccaria  retten  wollten,  nichts  übrig  als  zu  behaupten, 
die  Gegner  hätten  keine  so  guten  Leuchtsteine  oder  Gläser 
gehabt  als  jener,  und  dies  ist  bis  auf  den  heutigen  Tag 
auch  oft  genug  geschehen.  Späterhin  trat  Beccaria  selbst 
gegen  sich  auf  und  erklärte,  daß  er  sich  geirrt  habe;  doch 
hierauf  wurde  wenig  Rücksicht  genommen.  Man  hatte  be- 
reits neue  Zeugen  für  seine  früheren  Entdeckungen,  und 
diese  sagten  den  mehrstenNewtonianern  besser  zu.  Allent- 
halben findet  man  von  nun  an  einen  Brief  Magellans  an 
Priestley  zitiert,  der  jene  neue  Bestätigung  enthält;  mit 
Stillschweigen  wird  aber  gemeiniglich  der  Widerruf  Bec- 
carias  übergangen,  obwohl  er  in  demselben  Briefe  aus- 
führhch  zu  lesen  ist.  Magellan  erzählt  in  diesem  Briefe 
(s.  Priestleys  Versuche  und  Beobachtungen  über  verschie- 
dene Gattungen  der  Luft,  UJ.  Teil,  Anhang  p.  16):  "er 
habe  (1776)  bei  dem  Prof.  Allamand  in  Leyden  sehr 
schöne  farbige  Gläser  gefunden  und  habe  gegen  diesen 
geäußert:  wie  sehr  es  ihm  aufgefallen  sei,  daß  er  nie  im- 
stande gewesen,  Beccarias  Versuche  mit  Erfolg  zu  wieder- 
holen, welches  er  dem  Umstand  zuschreibe,  daß  er  nicht 
so  gute  Gläser  gehabt  habe  als  Beccaria,  und  als  er  jetzt 


2  6  o  ZUR  FARBENLEHRE 

vor  sich  sehe."  Allamand  antwortete  hierauf:  "es  sei  einer 
von  seinen  Versuchen  beinahe  einerlei  mit  den  Versuchen 
Beccarias  gewesen;  denn  ein  Stück  des  Bononischen  Phos- 
phors habe  die  Farbe  des  durch  ein  Prisma  geteilten  Son- 
nenstrahls gezeigt,  dem  er  ihn  ausgesetzt  hatte."  Hemster- 
huis,  der  bei  den  Versuchen  Allamands  zugegen  gewesen, 
soll  noch  hinzugefügt  haben,  "daß  nach  einiger  Zeit,  wenn 
die  deuthch  an  dem  Phosphorus  gesehene  Farbe  zu  ver- 
gehen anfing,  derselbe  gelblich  geworden  sei,  als  wenn 
der  Phosphorus  bloß  dem  Sonnenlichte,  ohne  Teilung  der 
farbigen  Strahlen  desselben,  wäre  ausgesetzt  worden." 
"Überdies",  sagt  Magellan,  "besitze  ich  das  Original  eines 
in  Italien  geschriebenen  Briefes,  aus  dem  sich  ergibt,  daß 
ein  junger  Herr  vom  ersten  Range,  mit  zween  Cavaliers, 
seinen  Führern,  vor  deren  Augen  dieser  Versuch  von  dem 
P.  Beccaria  wiederholt  worden,  eben  dieses  Phänomen  ge- 
sehen habe,  und  daß  die  Farben  des  Phosphorus  im  dun- 
keln Zimmer  deutlich  genug  gewesen  sind,  um  daraus, 
ohne  vorhergegangene  Nachricht,  die  richtige  Farbe  des 
Glases  erraten  zu  können,  durch  welches  die  Sonne  den- 
selben beschienen  hatte."  —  "Es  ist  mir  unangenehm," 
fährt  hierauf  Magellan  fort,  "aus  einem  gedruckten  Briefe 
des  gedachten  Prof.  Beccaria  gesehen  zu  haben,  daß  er 
fast  die  ganze  Sache  wieder  aufgibt,  indem  er  sich  bei 
seinen  Versuchen  geirrt  und  den  Schatten  oder  die  blasse 
Dunkelheit  des  Phosphorus  für  eine  bestimmte  Farbe  ge- 
nommen habe.  Er  habe  sich  dabei,  sagt  er,  nach  dem  Herrn 
Zanotti,  Präsidenten  der  Akademie  zu  Bologna,  gerichtet; 
denn  er  selbst  und  andere  wären  nie  imstande  gewesen,  das- 
selbe Phänomen  zti.  sehend 

Und  gegen  dies  ofiene  und  entscheidende  Geständnis  Bec- 
carias, gegen  so  viele  und  sorgfältig  angestellte  Versuche 
erfahrner  Physiker  mochte  man  noch  ein  Zeugnis,  wie  das 
jener  vornehmen  Beobachter,  und  ein  halbes,  wie  das  von 
Allamand,  aufführen  und  geltend  zu  machen  suchen!  Wäre 
dies  wohl  geschehen,  wenn  nicht  vorgefaßte  Meinung  und 
der  Wunsch,  einer  beliebten  Lehre  den  Sieg  zu  verschaffen 
und  die  Gegner  auf  jede  Weise  aus  dem  Felde  zu  schlagen, 
sich  eingemengt  hätte: — Die  Aussage  von  Hemsterhuis  ist 


STATT  DES  VERSPROCH.  SUPPLEM.  TEILS  261 

zwar  bestimmter  als  die  von  Allamand,  doch  ist  auch  sie 
von  keinem  Gewicht,  da  die  Art,  wie  der  Versuch  und  das 
Material,  womit  er  angestellt  worden,  nicht  angegeben 
sind.  Denn  auf  die  Beschaffenheit  des  Leuchtsteins  kömmt 
auch  viel  an;  enthielt  der  Barytphosphor  z.  B.  Strontian- 
oder  flußsaure  Kalkerde,  so  konnte  wohl  ein  bläulicher 
Schein  gesehen  werden,  wenn  er  ins  blaue  Licht  gehalten 
wurde.  An  Leuchtsteinen,  die  aus  einer  Mischung  der  ge- 
nannten Erden  bestehen,  läßt  sich  wirklich  etwas  Ähnliches 
zeigen,  doch  nicht  allein  im  blauen,  sondern  auch  im  Tages- 
lichte, weil  jene  Erden  bläulich  und  grünlich  leuchtende 
Phosphoren  geben.  An  Phosphoren,  die  nur  mit  einer  Farbe 
leuchten,  wird  man  nie  etwas  der  Art  wahrnehmen. 
Wo  der  von  Magellan  angeführte  gedruckte  Brief  Beccarias 
steht,  habe  ich  nicht  finden  können. 
Einer  Täuschung  habe  ich  noch  zu  erwähnen,  die  bei  den 
Versuchen  mit  Prismen  und  farbigen  Gläsern  vorkommen 
kann.  Die  Phosphoren  können  wirklich  bisweilen  in  ei- 
ner ganz  entgegengesetzten  als  ihrer  gewöhnlichen  Farbe 
leuchtend  erscheinen.  Dies  ist  dann  der  Fall,  wenn  das 
Auge  des  Beobachtenden  von  irgendeiner  lebhaften  Farbe 
affiziert  war.  So  sah  ich  Bononische  Steine,  welche  im 
prismatischen  Rot  weißhch  leuchtend  werden,  im  Dunkeln 
mit  grünlichem  Lichte  glänzen,  wenn  ich  auch  nur  flüchtig 
vorher  (ja  selbst  eine  Minute  und  länger  vorher)  in  das 
Rot  gesehen  hatte.  Wenn  ich  dies  vermieden  hatte,  so 
erschienen  sie  weiß  oder  höchst  blaßgelb.  Eine  ähnhche 
Veränderung  der  Farbe  bemerkte  ich  auch  einmal  an  den 
rosenroten  Kalkphosphoren,  als  ich  diese  vor  ein  violettes 
von  der  Sonne  erhelltes  Glas  hielt;  sie  leuchteten  mir  nun 
im  Dunkeln  rotgelb.  Mein  Gehülfe  dagegen,  welcher  sich 
ganz  im  Dunkeln  befunden  hatte,  versicherte,  das  schönste 
rosenrote  Licht  zu  sehen.  Als  sich  meine  Augen  von  dem 
vorigen  Eindrucke  erholt  hatten,  erschienen  auch  mir 
diese  Phosphoren  im  Dunkeln  rosenrot,  so  wie  sie  nun 
meinem  Gehülfen,  welcher  in  das  violette  Licht  gesehen 
hatte,  gelbrot  schienen.  Durch  Violett  wird,  nach  bekann- 
ten physiologischen  Gesetzen  (E[ntwurfd.Farbenl.,§]47ff.) 
Gelb  im  Auge  hervorgerufen,  so  wie  durch  Rot  Grün,  durch 


262  ZUR  FARBENLEHRE 

Orange  Blau,  und  umgekehrt;  und  auf  diese  Weise  entsteht 
im  gegenwartigen  Fall,  wie  in  mehreren  andern  eine  Täu- 
schung, vor  der  man  sich  zu  hüten  hat. 

Von  der  chemischen  Aktion  des  Lichts  und  der  farbigen 
Beleuchtung 
Es  ist  eine  der  wichtigsten  Entdeckungen  der  neuem  Zeit, 
daß  mit  der  äußerlichen,  längst  bekannten  Veränderung 
der  Körper  im  Sonnenlichte  häufig  auch  eine  innere,  eine 
Änderung  in  den  chemischen  Bestandteilen  verbunden  sei. 
Scheele  erwies  zuerst,  in  seiner  Abhandlung  von  Luft  und 
Feuer,  daß  die  Metallkalke  im  Lichte  "phlogistisierfoder, 
wie  wir  uns  jetzt  ausdrücken,  desoxydiert  werden.  Sene- 
bier,  Priestley,  Berthollet,  Miß  Fulham,  Rumford,  Ritter 
und  andere  bestätigten  diese  Entdeckung  und  vermehrten 
sie  mit  mancher  neuen. 

Eine  der  empfindlichsten  Substanzen  gegen  die  Aktion 
des  Sonnenlichtes  ist  das  salzsaure  Silber  oder  Hornsilber; 
es  ist  bekanntlich  frisch  gefällt  weiß  und  wird  im  Lichte 
sehr  bald  grau  und  endlich  schwarz,  wobei  es  den  größten 
Teil,  wo  nicht  alle  seine  Säure  verliert.  Schon  Scheele 
bemerkte,  daß  die  prismatischen  Farben  ungleich  auf  das- 
selbe wirkten,  "daß  die  Schwärzung  im  Violett  schneller 
erfolge  als  in  den  andern  Farben"  (a.  a,  O.  §  66).  Sene- 
bier  bestätigte  diese  Erfahrung  und  führt  in  seiner  Ab- 
handlung über  den  Einfluß  des  Sonnenlichtes,  3.  T.  S.  97 
an:  "daß  das  Hornsilber  sich  im  violetten  Strahl  in  15  Se- 
kunden, im  blauen  in  23  Sekunden,  im  grünen  in  35  Se- 
kunden, im  gelben  in  5^/2  Minute,  im  pomeranzenfarbenen 
in  1 2  Minuten  und  im  roten  in  20  Minuten  gefärbt  habe"; 
auch  sagte  er,  "daß  er  nie  vermögend  gewesen  sei,  die 
Farbe  in  den  drei  letzten  prismatischen  Farben  so  stark 
zu  machen,  als  die  vom  violetten  Strahl  hervorgebrachte 
war".  Ritter  (s.  Gilb.  Annalen  der  Physik,  Bd.VIL  S.  527 
und  Bd.  XIL  S.  409)  will  auch  noch  außerhalb  dem  Violett 
"sogenannte  unsichtbare  Strahlen  entdeckt  haben,  welche 
das  Hornsilber  noch  stärker  reduzierten  als  das  violette 
Licht  selbst";  ferner,  "daß  die  Reduktion  an  dem  Orte 
des  Maximums,  außer  dem  Violett,  nach  dem  Blau  hin 


STATT  DES  VERSPROCH.  SUPPLEM.  TEILS  263 

abnehme  und  mehr  hinter  dem  Grün  aufhöre;  und  daß  sie 
im  Orange  und  Rot  in  wahre  Oxydation  des  bereits  Re- 
duzierten übergehe". 

Schon  Senebiers  Versuche  zeigten  deutlich  eine  Hemmung 
der  Wirkung  auf  der  Seite  des  Gelben  und  Roten,  sowohl 
der  Zeit  als  dem  Grade  nach;  doch  fand  nach  ihm  hier 
noch  eine  Reduktion  statt,  wo  Ritter  eine  Oxydation  fand. 
Neue  Versuche  waren  also  nötig.  Hier  sind  die  Resultate 
von  den  meinigen. 

Als  ich  das  Spektrum  eines  fehlerfreien  Prismas,  welches 
die  Lage  hatte,  in  welcher  der  Einfallswinkel  an  der  vor- 
dem Fläche  dem  Brechungswinkel  an  der  hintern  Fläche 
gleich  ist,  bei  einer  Öffnung  von  etwa  5  bis  6  Linien  im  La- 
den, in  einem  Abstände,  wo  eben  Gelb  und  Blau  zusammen  - 
treten,  auf  weißes,  noch  feuchtes  und  auf  Papier  gestriche- 
nes Hornsilber  fallen  ließ  und  15  bis  20  Minuten,  durch 
eine  schickliche  Vorrichtung,  in  unveränderter  Stellung 
erhielt,  so  fand  ich  das  Hornsilber  folgendermaßen  ver- 
ändert. Im  Violett  war  es  rötlichbraun  (bald  mehr  violett, 
bald  mehr  blau)  geworden,  und  auch  noch  über  die  vor- 
her bezeichnete  Grenze  des  Violett  hinaus  erstreckte  sich 
diese  Färbung,  doch  war  sie  nicht  stärker  als  im  Violett; 
im  Blauen  des  Spektrums  war  das  Hornsilber  rein  blau 
geworden,  und  diese  Farbe  erstreckte  sich  abnehmend 
und  heller  werdend  bis  ins  Grün;  im  Gelben  fand  ich  das 
Hornsilber  mehrenteils  unverändert,  bisweilen  kam  es  mir 
etwas  gelblicher  vor  als  vorher;  im  Rot  dagegen,  und 
mehrenteils  noch  etwas  über  das  Rot  hinaus,  hatte  es  meist 
rosenrote  oder  hortensienrote  Farbe  angenommen.  Bei 
einigen  Prismen  fiel  diese  Rötung  ganz  außerhalb  dem 
Rot  des  Spektrums,  es  waren  dies  solche,  bei  welchen 
auch  die  stärkste  Erwärmung  außer  dem  Rot  statthatte. 
Das  prismatische  Farbenbild  hat  jenseits  des  Violett  und 
jenseits  des  Rot  noch  einen  mehr  oder  minder  hellen 
farblosen  Schein;  in  diesem  veränderte  sich  das  Horn- 
silber folgendermaßen:  Über  dem  oben  beschriebenen 
braunen  Streifen  —  der  im  Violett  und  hart  darüber  ent- 
standen war  —  hatte  sich  das  Hornsilber  mehrere  Zoll  hin- 
auf, allmählich  heller  werdend,  bläulichgrau  gefärbt;  jen- 


2  04  ZUR  FARBENLEHRE 

seits  des  roten  Streifen  aber,  der  soeben  beschrieben  wor- 
den, war  es  noch  eine  beträchtliche  Strecke  hinab  schwach 
rötlich  geworden. 

Wenn  am  Lichte  grau  gewordenes,  noch  feuchtes  Horn- 
silber  ebenso  lange  der  Einwirkung  des  prismatischen 
Sonnenbildes  ausgesetzt  wird,  so  verändert  es  sich  im 
Violett  und  Blau  wie  vorhin;  im  Roten  und  Gelben  da- 
gegen wird  man  das  Hornsilber  hellerfinden,  als  es  vor- 
her war,  zwar  nur  wenig  heller,  doch  deutlich  und  un- 
verkennbar. Eine  Rötung  in  oder  hart  unter  dem  prisma- 
tischen Rot  wird  man  auch  hier  gewahr  werden. 
Wurde  das  Spektrum  in  einem  größern  Abstände,  etwa 
12  bis  15  Fuß  vom  Prisma,  aufgefangen,  so  blieb  das 
weiße  Hornsilber  im  Gelben  und  Roten  weiß,  das  schon 
graue  blieb  so  grau  als  vorher,  zumal  wenn  auch  die  Öff- 
nung im  Laden  etwas  verengert  wurde;  im  Blau  und  Vio- 
lett dagegen  schwärzte  es  sich,  obwohl  schwächer  als  näher 
am  Prisma.  In  einem  noch  beträchtlichem  Abstände  hört 
auch  endlich  die  reduzierende  Kraft  des  blauen  und  vio- 
letten Lichtes  auf.  Eine  gleiche  Abnahme  der  Aktion  der 
prismatischenFarben  bemerkten  wir  bereitsandenLeucht- 
steinen,  und  zwar  früher  am  Gelb  und  Rot  als  am  Blau  und 
Violett. 

Läßt  man  Violett  und  Rot  von  zwei  Prismen  zusammen- 
treten, so  erhält  man  bekannthch  ein  Pfirsichblütrot.  In 
diesem  wird  das  Hornsilber  auch  gerötet,  und  zwar  wird 
es  oft  sehr  schön  karmesinrot. 

Wenn  man  das  prismatische  Spektrum  so  nahe  am  Prisma 
auffängt,  daß  nur  die  Ränder  gefärbt,  die  Mitte  aber  weiß 
erscheint,  so  bemerkt  man  hart  unter  dem  Blau  noch  einen 
gelbrötlichen  blassen  Streifen;  dieser  rötet  zwar  das  Horn- 
silber nicht,  aber  er  wirkt  doch  hemmend  auf  die  vom 
Weißen  herrührende  Reduktion  oder  Schwärzung,  wie 
Ritter  schon  vor  mir  bemerkt  hat. 

Noch  kann  man  am  Prisma  ein  Rot  hervorbringen,  näm- 
lich wenn  man  eine  Leiste  mitten  über  das  Prisma  be- 
festigt; es  erscheint  dann  in  dem  nahe  aufgefangenen 
weißen  Felde  des  Spektrums  mitten  Gelb,  Pfirsichblütrot 
und  Blau;  diese  aber  wirken  auf  das  Hornsilber  nicht  oder 


STATT  DES  VERSPROCH.  SUPPLEM.  TEILS  265 

(loch  nur  so  schwach,  daß  es  kaum  zu  bemerken  ist;  ich 
konnte  wenigstens  in  verschiedenen  Abständen  vom  Pris- 
ma keine  recht  deutliche  Wirkung  von  diesen  Farben  er- 
kennen. 

Versuche  mit  farbigen  Gläsern 
Das  salzsaure  Silber  wurde  unter  den  violetten,  blauen 
und  blaugrünen  Gläsern  wie  am  Sonnen-  oder  Tageslichte 
grau,  und  zwar  nach  der  Verschiedenheit  der  Gläser  auch 
verschieden  nuanciert,  bei  der  einen  mehr  ins  Bläuliche, 
bei  der  andern  mehr  ins  Rötliche  ziehend,  oft  auch  fast 
schwarz.  Unter  gelben  und  gelbgrünen  Gläsern  dagegen 
veränderte  sich  das  Hornsilber  wenig;  selbst  unter  nur 
sehr  schwach  gefärbten  Gläsern  blieb  es  im  Tageslicht 
lange  weiß,  nur  die  Wirkung  des  Sonnenlichtes  konnten 
diese  nicht  aufheben,  aber  sie  schwächten  sie  doch  be- 
deutend. Unter  tiefern  orangefarbigen  Gläsern  veränderte 
sich  das  Hornsilber  noch  weniger,  und  erst  nachdem  es 
mehrere  Wochen  gehörig  benetzt,  dem  Sonnenlichte  unter 
diesen  ausgesetzt  war,  färbte  es  sich  schwach  und  zwar 
rötlich.  Hornsilber,  welches  so  tief  als  möglich  geschwärzt 
war,  wurde  unter  dem  gelbroten  Glase  im  Sonnenlichte 
sehr  bald  heller,  nach  sechs  Stunden  war  seine  Farbe 
schmutzig  gelb  oder  rötlich. 

Alle  die  Farben,  welche  wir  das  weiße  salzsaure  Silber 
im  prismatischen  Spektrum  haben  annehmen  sehen,  kom- 
men auch  an  dem,  welches  dem  gemeinen  Tageslichte 
ausgesetzt  ist,  vor;  in  einem  sehr  schwachen  Lichte  wird 
es  gelblich,  in  einem  lebhafteren  läuft  es  blaßrot  an;  doch 
verfliegt  diese  Farbe  sehr  schnell,  das  Hornsilber  wird 
gleich  darauf  grau  und  braun  in  verschiedenen  Schattierun  - 
gen  und  endlich  schwarz.  In  diesem  letzten  Zustande  ist 
es  fast  gänzlich  seiner  Säure  beraubt;  die  gelbe  und  rote 
Farbe  des  Hornsilbers  scheinen  die  niedrigsten  und  Blau 
und  Violett  höhere  Stufen  der  Entsäurung  desselben  zu 
bezeichnen.  Dies  zugegeben,  so  folgt  aus  den  eben  er- 
zählten Beobachtungen,  daß  zwar  im  prismatischen  Rot 
und  noch  über  dasselbe  hinaus  eine  Entsäurung  stattfindet, 
daß  aber  auch  hier  Gelb  und  Rot  hemmend  wirken,  und 


2  66  ZUR  FARBENLEHRE 

daß  die  Entsäurung  durch  gelbrote  Beleuchtung  aut  eine 
niedrigere  Stufe  derselben  zurückgeführt  werden  kann. 
Von  den  verschiedenen  Versuchen,  welche  ich  mit  reinen 
Metalloxyden  angestellt  habe,  will  ich  hier  einen  ausheben, 
welcher  über  das,  was  ihnen  allen  im  Lichte  begegnet, 
keinen  Zweifel  weiter  übriglassen  wird. 
Rotes  Quecksilberoxyd  wurde  in  drei  verschiedenen  Glä- 
sern, in  einem  dunkelblauen,  einem  gelbroten  und  in  einem 
weißen  Glase,  unter  destilliertem  Wasser  der  Einwirkung 
der  Sonne  und  des  Tageslichts  mehrere  Monate  hindurch 
ausgesetzt.  An  dem  Quecksilberoxyd  im  weißen  Glase  er- 
folgte unter  beständiger  Gasentbindung  eine  vollkommene 
Desoxydation,  es  verwandelte  sich  in  graues,  unvoUkomm- 
nes  Oxyd,  und  ein  Teil  wurde  selbst  zu  reinem  regulini- 
schen Quecksilber  hergestellt,  welches  nach  einiger  Zeit 
zu  einer  nicht  unbeträchtlichen  Kugel  zusammenlief.  Das 
Oxyd  im  dunkelblauen  Glase  hatte  dieselbe  Veränderung 
erlitten,  es  hatte  sich  zum  Teil  reduziert,  zum  Teil  war 
es  unvollkommenes  Oxyd  geworden.  Das  Quecksilberoxyd 
im  gelbroten  Glase  dagegen  war  fast  unverändert,  nur  ein 
wenig  heller  schien  es  mir  nach  sechs  Monaten  geworden 
zu  sein. 

Die  blaue  Beleuchtung  wirkt  überhaupt  auf  alle  Substanzen, 
welche  im  Licht  eine  Veränderung  erleiden,  wie  das  reine 
Sonnen-  oder  Tageslicht;  die  rote  Beleuchtung  dagegen 
verhält  sich  immer  entgegengesetzt,  häufig  bloß  wie  gänz- 
liche Abwesenheit  des  Lichtes.  So  wird,  um  noch  einige 
Beispiele  anzuführen,  die  farblose  Salpetersäure  unter 
blauen  und  violetten  Gläsern  gelb,  wie  im  reinen  Sonnen- 
lichte, unter  dem  gelbroten  bleibt  sie  weiß;  Bestuschefis 
Nerventinktur  wird  im  Sonnenlichte  weiß,  unter  dem 
blauen  Glase  gleichfalls,  unter  dem  gelbroten  aber  bleibt 
sie  gelb  usw. 

Wir  haben  oben  bei  den  Versuchen  mit  den  Leuchtsteinen 
bemerkt,  daß  die  Aktion,  welche  einmal  durch  das  Licht 
hervorgerufen  worden,  auch  im  Dunkeln  noch  fortwährt; 
dasselbe  läßt  sich  auch  an  den  Substanzen  nachweisen, 
welche  im  Licht  entschieden  eine  chemische  Veränderung 
erleiden.  Schon  an  jedem  Hornsilberpräparat  kann  man  es 


STATT  DES  VERSPROCH.  SUPPLEM.  TEILS   267 

sehen,  doch  noch  vollkommener  am  Goldsalze.  Von  einer 
Auflösung  des  salzsauren  Goldsalzes  streiche  man  etwas 
auf  zwei  Streifen  Papier;  das  eine,  A,  werde  sogleich  an 
einem  ganz  dunkeln  Orte  aufgehoben,  das  andere,  B,  aber 
einige  Minuten  ins  Sonnen-  oder  Tageslicht  gelegt,  und 
bleibe  darin  nur  so  lange,  bis  sich  eine  schwache  Ver- 
änderung der  Farbe  zeigt,  bis  es  etwas  grau  wird,  und  nun 
werde  es  zu  dem  Präparat  A  getan  und  alles  Licht  so  voll- 
kommen als  möglich  abgehalten.  Nach  einer  halben  Stun- 
de vergleiche  man  die  Präparate;  B  wird  beträchtlich  tiefer 
gefärbt  sein,  als  man  es  hineingelegt  hatte,  A  dagegen 
findet  man  unverändert.  B  färbt  sich  von  Stunde  zu  Stunde 
tiefer  und  wird  endlich  violett,  wie  Goldsalz,  das  längere 
Zeit  im  Lichte  gelegen  hatte,  während  A  noch  unverän- 
dert rein  goldgelb  erscheint. 

Wirkung  der  farbigen  Beleuchtimg  auf  die  Pflanzen 
Die  wichtigsten  Versuche  hierüber  verdanken  wir  Sene- 
bier  und  Tessier.  Nach  Senebier  (s.  dessen  Abhandlung 
über  den  Einfluß  des  Sonnenlichtes,  2.  T.  S.  29.  4)  er- 
reichten die  Pflanzen  unter  gelber  Beleuchtung  eine  grö- 
ßere Höhe  als  unter  der  violetten;  die  Blätter  der  Pflan- 
zen unter  dem  gelben  Glase  kamen  grün  zum  Vorschein 
und  vergilbten  hernach,  die  unter  dem  roten  blieben  grün, 
wie  sie  hervorkamen;  in  der  violetten  Beleuchtung  nalim 
die  grüne  Farbe  der  Blätter  mit  dem  Alter  zu,  sie  wurde 
dunkler. 

Nach  den  Versuchen  von  Tessier  (v.  Mem.  de  l'Academ. 
des  Sc.  de  Paris.  1 7  83.  p.  1 33)  blieben  die  Pflanzen  unter 
dunkelblauem  Glase  am  grünsten,  unter  dunkelgelbem  hin- 
gegen wurden  sie  bleich. 

Die  blaue  Beleuchtung  wirkt  also  auf  die  Pflanzen  voll- 
kommen wie  das  reine  Sonnenlicht,  die  dunkelgelbe  Be- 
leuchtung dagegen  wie  die  Finsternis;  denn  auch  in  die- 
ser werden  die  Pflanzen  bleich,  schießen  stärker;  genug, 
sie  zeigen  sich  mehr  oder  weniger  etioliert. 


ERKLÄRUNG  DER  ZU  GOETHES 
FARBENLEHRE  GEHÖRIGEN  TAFELN 

[Ohne  Orts-  und  Jahresangabe  1810  bei  Cotta  erschienen] 

DIESE  Tafeln*,  ob  sie  gleich  das  Werk  nur  desulto- 
risch  begleiten  und  in  diesem  Sinne  als  fragmen- 
tarisch angesehen  werden  können,  machen  doch 
unter  sich  ein  gewisses  Ganze,  das  seine  eigenen  Bezüge 
hat,  welche  herausgehoben  zu  werden  verdienen.  Nicht 
weniger  ist  es  bequem  und  belehrend,  für  jede  einzelne 
Tafel  einen  kurzen  Kommentar  zu  finden,  in  welchem  das- 
jenige, was  sie  leisten  soll,  auseinandergesetzt  wird.  Hier- 
durch erleichtert  sich  der  Gebrauch  derselben,  und  man 
wird  sie  sodann  sowohl  jenen  Stellen,  wo  sie  angeführt 
sind,  gemäßer,  als  auch  den  ganzen  Vortrag  anschaulicher 
und  zusammenhängender  finden.  Wir  gehen  sie  der  Reihe 
nach  durch  und  bemerken  dabei  teils,  was  uns  darin  ge- 
leistet scheint,  teils  auch,  was  noch  zu  wünschen  wäre. 

Erste  Tafel 
Erste  Figur.  Das  einfache,  aber  doch  zur  Erklärung  des 
allgemeinen  Farbenwesens  völlig  hinreichende  Schema. 
Gelb,  Blau  und  Rot  sind  als  Trias  gegeneinander  über  ge- 
stellt; ebenso  die  intermediären,  gemischten  oder  abge- 
leiteten. Dieses  Schema  hat  den  Vorteil,  daß  alle  gezoge- 
nen Diameter  des  Zirkels  ohne  weiteres  die  physiologisch 
geforderte  Farbe  angeben.  Will  der  Liebhaber  weiter  gehen 
und  einen  solchen  Kreis  stetig  und  sorgfältig  durchnüan- 
cieren,  so  wird  dasjenige,  was  hier  nur  dem  Begriflf,  dem 
Gedanken  überlassen  ist,  noch  besser  vor  die  Sinne  zu 
bringen  sein.  Die  nachfolgenden  Figuren  sind  meistens 
physiologischen  Erscheinungen  gewidmet,  die  wir  nun- 
mehr, nach  der  Ordnung  unsers  Entwurfs  und  nicht  nach 
den  hier  angeschriebenen  Zahlen,  erläutern. 
Zehnte  Figur.  Stellt  vor,  wie  das  abklingende,  blendende 
Bild  (Entwurf  e.  Farbenl.,  Didakt.  Teil,  §  SpfF.),  wenn  das 
Auge  sich  auf  einen  dunklen  oder  hellen  Grund  wendet, 
nach  und  nach  die  Farben  verändert  und  auf  eine  oder 
die  andere  Weise  im  entschiedenen  Gegensatze  abklingt. 

1  Vgl.  am  Schluß  des  Bandes  die  Tafeln  „Zur  Farbenlehre". 


ERKLÄRUNG  DER  TAFELN  269 

Sechste  Figur.  Vorrichtung  und  Phänomen,  wie  die  blauen 
und  gelben  Schatten  bei  der  Morgen-  und  Abenddäm- 
merung zu  beobachten  sind.  (E.  70.) 
Fünfte  Figur.  Bei  erstgedachter  Vorrichtung  stand  der 
schattenwerfende  Körper  in  der  Mitte.  Hier  sind  zwei 
Körper  zu  beiden  Seiten  angebracht.  Diese  Zeichnung  ist 
als  der  Durchschnitt  einer  Vorrichtung  anzusehen,  die  man 
sich  leicht  verschafifen  kann. 

Neunte  Figur.  Phänomen  zu  E.  80.  Ein  schwarzer  Streif 
auf  einer  weißen  Fläche  gegen  ein  mit  blauem  Wasser  ge- 
fülltes Gefäß,  dessen  Boden  spiegelartig  ist,  gehalten,  gibt 
ein  Doppelbild,  wie  es  hier  erscheint,  das  von  der  untern 
Fläche  blau,  das  von  der  obern  gelbrot.  Wo  beide  Bilder 
zusammentreffen,  findet  sich  das  Weiße  und  Schwarze  des 
abgespiegelten  Bildes. 

Dritte  Figur.  Drückt  ohngefähr  die  Wirkung  derE.  88  be- 
schriebenen Erscheinungen  aus. 

Vierte  Figur.  Gibt  Anlaß,  sich  die  subjektiven  Höfe  vor- 
zustellen, obgleich  dieselben  zu  zeichnen  und  zu  illumi- 
nieren mehr  Sorgfalt  erfordern  würde. 
Zweite  Figur.  Ein  doppeltes,  ineinander  gefügtes  Farben - 
Schema.  Das  äußere,  wie  jenes  allgemeine  der  ersten  Figur 
mit  der  Totalität  der  Farben;  das  innere  zeigt  an,  wie  nach 
unserer  Meinung  diejenigen  Menschen,  welche  mit  der 
Akyanoblepsie  behaftet  sind,  die  Farben  sehen.  In  diesem 
Schema  fehlt  das  Blaue  ganz.  Gelb,  Gelbrot  und  Reinrot 
sehen  sie  mit  uns:  Violett  und  Blau  wie  Rosenrot  und  Grün 
wie  Gelbrot. 

Achte  Figur.  Diese  ist  bestimmt,  gedachtes  Verhältnis  auf 
eine  andere  Weise  auszudrücken,  indem  kleine  farbige 
Scheiben  erst  nebeneinander  und  dann  unter  diese  andere 
Scheiben  gesetzt  sind,  welche  den  Akyanoblepen  völlig 
von  der  Farbe  der  oberen  erscheinen.  Die  Freunde  der 
Natur,  wenn  ihnen  solche  Personen  vorkommen  sollten, 
werden  ersucht,  nach  dieser  Anleitung  sich  größere  far- 
bige Papiermuster  zu  verschaffen  und  ihr  Examen  des  Sub- 
jekts darnach  anzustellen.  Da  mehrere,  welche  auf  diese 
Weise  in  Untersuchung  genommen,  in  ihren  Äußerungen 
übereinstimmten,  so  würde  es  auf  alle  Fälle  interessant 


2  7  o  ZUR  FA  RBENLEHRE 

sein,  noch  zu  erfahren,  daß  diese  Abweichung  von  der  ge- 
wöhnlichenNaturdennochaufihreWeisegesetzmäßigsei. 
Eilfte  Figur.  Eine  Landschaft  ohneBlau,  wie  ungefähr,  nach 
unserer  Überzeugung,  der  Akyanobleps  die  Welt  sieht. 
Siebente  Figur.  Eine  Flamme,  bei  welcher  der  obere  Teil 
als  körperlich,  gelb  und  gelbrot,  der  untere  Teil  dunst- 
artig, blau,  ja  schön  violett,  sobald  ein  schwarzer  Grund 
dahinter  steht,  erscheint.  Es  ist  dieser  Versuch  am  eminen- 
testen mit  angezündetem  Weingeist  zu  machen. 

Zweite  Tafel 

Ist  der  Farbenerscheinung  gewidmet,  wie  sie  sich  bei  Ge- 
legenheit der  Refraktion  zeigt.  Da  die  Felder  nicht  nu- 
meriert sind,  so  bezeichnen  wir  sie  nach  ihrer  Lage. 
Oberes  Feld.  A  ein  helles  Rund  auf  schwarzem  Grunde, 
mit  bloßen  Augen  angesehen  durchaus  farblos.  B  dasselbe 
durch  ein  Vergrößerungsglas  betrachtet.  Indem  es  sich  aus- 
dehnt, bewegt  sich  das  Weiße  scheinbar  nach  dem  Schwar- 
zen zu,  und  es  entsteht  der  blaue  und  blaurote  Rand.  Cdie 
Scheibe  A  durch  ein  Verkleinerungsglas  angesehen.  In- 
dem sie  sich  zusammenzieht,  bewegt  sich  scheinbar  der 
dunkle  Grund  gegen  das  Helle  zu,  wodurch  der  gelbe  und 
gelbrote  Rand  entsteht.  Dies  sind  die  reinen  Elemente  aller 
prismatischen  Erscheinungen,  und  wer  sie  faßt,  wird  sich 
durch  alles  das  übrige  durchhelfen.  In  D  ist  zum  Überfluß 
supponiert,  als  wenn  die  weiße  Scheibe,  die  durch  ein 
Vergrößerungsglas  erweitert  wird,  eine  kleinere  schwarze 
Scheibe,  die  sich  zugleich  mit  erweitert,  in  sich  habe;  wo- 
durch also,  wie  in  C,  nur  auf  umgekehrtem  Wege,  das 
Schwarze  scheinbar  über  das  Weiße  bewegt  wird  und  so- 
mit der  gelbe  und  gelbrote  Rand  entsteht.  Beim  Illumi- 
nieren hat  man  das  Rote  weggelassen,  welches  immer  an 
dem  Schwarzen  gedacht  werden  muß. 
Prismen  sind  nur  Teile  von  Linsen  und  bringen,  aus  leicht 
zu  begreifenden  Ursachen,  das  Phänomen  nur  eminenter 
hervor.  Die  vier  folgenden  Felder  sind  prismatischen  Er- 
scheinungen gewidmet. 

Das  erste,  links  des  Beschauers.  Eine  farblose  Scheibe  a 
wird,  es  sei  objektiv  oder  subjektiv,  nach  b  c  J  bewegt. 


ERKLÄRUNG  DER  TAFELN  2  7 1 

Der  helle,  nach  dem  Schwarzen  vorangehende  Rand  wird 
blau  und  blaurot,  der  dunkle,  dem  hellen  Bilde  folgende 
Rand  gelb  und  gelbrot  erscheinen,  vollkommen  nach  dem 
uns  nun  bekannten  Gesetze  von  B  und  C  in  dem  oberen. 
Felde. 

Das  zweite^  rechts  des  Beschauers.  Ein  Viereck  a  wird, 
objektiv  oder  subjektiv,  nach  b  c  d  geführt.  Im  ersten  und 
letzten  Falle  sind  nur  zwei  Seiten  gefärbt,  weil  die  beiden 
andern  dergestalt  fortgerückt  werden,  daß  die  Ränder  sich 
nicht  übereinander  bewegen.  Im  dritten  Falle  ^,  bei  wel- 
chem die  Bewegung  in  der  Diagonale  geschieht,  sind  alle 
vier  Seiten  gefärbt. 

Das  dritte  Feld,  links  des  Beschauers.  Hier  denke  man  sich, 
daß  eine  farblose  Scheibe  ^,  durch  ein  Prisma  hier  mit  a  b 
bezeichnet,  nach /gerückt  werde,  und  durch  ein  anderes 
Prisma  d  c  nach  //,  so  wird,  wenn  man  jedes  Prisma  be- 
sonders nimmt,  die  Erscheinung  nach  der  Angabe  der 
Tafel  sein.  Bringt  man  beide  Prismen  übereinander,  so 
rückt  das  Bild  in  der  Diagonale  nach  g  und  ist  nach  dem 
bekannten  Gesetz  gefärbt.  Nur  ist  hier  in  derTafel  der  Feh- 
ler, daß  das  erscheinende  Bild^g'  nicht  weit  genug  wegge- 
rückt und  nicht  breit  genug  gefärbt  ist.  Welches  man  sich 
denken  oder  auf  einem  besondern  Blatte  leicht  verbessern 
kann.  Es  ist  dies  der  von  Newton  so  oft  urgierte  Versuch 
mit  dem  Spektrum,  das  den  Bückhng  macht. 
Das  vierte  Feld^  rechts  des  Beschauers.  Hier  werden  die 
subjektiven  Färbungen  weißerStreifen  auf  schwarzemGrund 
und  schwarzer  auf  weißem  Grunde  dargestellt.  In  der  ersten 
Reihe  sieht  man  den  schwarzen  und  weißen  Streifen  noch 
mit  schmalen  Farben  gesäumt.  In  der  zweiten  Reihe  treten 
die  Farbensäume  aneinander,  in  der  dritten  übereinander, 
und  in  der  vierten  decken  sich  die  Innern  oder  äußern  Far- 
ben völlig. 

Wer  sich  diese  zweite  Tafel  recht  bekannt  macht,  dem  wird 
es  nicht  schwer  sein,  alle  subjektiven  Versuche  zu  ent- 
wickeln. 


27  2  ZUR  FARBENLEHRE 

Eingeschaltete  Tafel 
IIa  bezeichnet 
Diese  Tafel  ist  sorgfältig  zusammengestellt,  um  auf  einen 
Blick  die  bedeutendsten  subjektiven  prismatischenFarben- 
erscheinungen  übersehen  zu  können.  Auch  in  der  Größe, 
wie  sie  hier  gezeichnet  ist,  belehrt  sie  vollkommen,  wenn 
man  sie  durch  ein  Prisma  von  wenigen  Graden  ansieht.  Nir- 
gends, als  da  wo  Schwarz  und  Weiß  grenzen,  erblickt  man 
Farben.  So  laufen  sie  an  den  wurmförmigen  Zügen  her, 
welche  in  der  obern  Ecke  angebracht  sind.  So  zeigen  sie 
sich  an  jedem  geradlinigen  Rande,  der  mit  der  Achse  des 
Prismas  parallel  bewegt  wird.  So  fehlen  sie  an  jedem,  der 
mit  der  Achse  des  Prismas  vertikal  bewegt  wird.  Die  an- 
gebrachte Fackel  wird  nach  eben  demselben  Gesetz  ge- 
färbt wie  die  Flamme  der  siebenten  Figur  auf  der  ersten 
Tafel.  Die  schwarze  und  die  weiße  Scheibe  können  zu  Ver- 
suchen mit  der  Linse  gebraucht  werden.  Wie  denn  auch 
in  einiger  Entfernung  mit  bloßem  Auge  entscheidend  zu 
beobachten  ist,  daß  die  schwarze  Scheibe  viel  kleiner  als 
die  weiße  erscheint. 

Wenn  man  dieser  Tafel  die  Größe  einer  Elle  gibt,  so  sind 
die  darauf  befindlichen  Bilder  zu  allen  Versuchen  geschickt, 
die  man  auch  mit  Prismen  von  60  Graden  anstellen  mag. 

Dritte  Tafel 
Diese  ist  mit  Sorgfalt  von  einem  jeden  Liebhaber  der  Far- 
benlehre ebenfalls  in  der  Größe  einer  Elle  und  drüber  nach- 
zubilden, weil  hieran  alle  Versuche,  die  wir  in  dem  sieb- 
zehnten und  achtzehnten  Kapitel  unseres  "Entwurfs"  an- 
gegeben haben  (wenn  nämlich  graue  und  sodann  farbige 
Bilder  durch  Brechung  verrückt  werden),  zu  sehen  sind. 
Man  tut  wohl,  sie  auf  eine  Scheibe  zu  bringen,  die  sich 
vertikal  drehen  läßt.  Nur  derjenige,  der  sich  mit  dieser 
Tafel  und  den  Kapiteln,  wodurch  sie  erläutert  ist,  recht 
bekannt  gemacht,  wird  das  Kaptiose  und  Unzulängliche 
des  ersten  Newtonischen  Versuchs  der  Optik  einsehen; 
und  es  war  wohl  der  Mühe  wert,  auf  alle  Weise  jenen  Irr- 
tum bis  in  den  letzten  Winkel  zu  verfolgen,  welchem  an- 
zuhängen nun  niemand  mehr  erlaubt  sein  kann. 


ERKLÄRUNG  DER  TAFELN  273 

Vierte  Tafel 

In  dem  oberen  Felde  sind  die  Mittelbilder  der  vorigen  Tafel 
so  vorgestellt,  wie  sie  durchs  Prisma  gesäumt  erscheinen: 
da  man  die  Säume  aber  nur  nach  dem  Gesetz  und  nicht 
nach  der  Art,  wie  sie  sich  in  der  Erfahrung  mit  der  Farbe 
des  Bildes  vermischen,  illuminieren  konnte,  so  ist  das  hier 
Dargestellte  mehr  als  Wegweiser  denn  als  die  Sache  selbst 
anzusehen;  mehr  als  eine  Versinnlichung  dessen  was  vor- 
geht, denn  als  das  was  durch  dieses  Vorgehen  entspringt; 
mehr  als  eine  Entwickelung,  eine  Analyse  der  Erscheinung 
denn  als  die  Erscheinung  selbst.  Wie  denn  überhaupt  der 
Naturforscher  sich  von  dem  Buch  und  der  Tafel  erst  wie- 
der loszumachen  hat,  wenn  er  wahrhaften  Nutzen  von  bei- 
den ziehen  will. 

Das  untere  Feld  soll  eine  Versinnlichung  desjenigen  sein, 
was  vorgeht,  um  die  Achromasie  durch  zwei  verschiedene 
Mittel  zu  bewirken. 

Man  denke  sich  zwischen  beiden  Linien  a  b  und  f</ meh- 
rere viereckte  weiße  Bilder  auf  einer  schwarzen  Tafel,  wo- 
von hier  nur  eins  unter  Nr.  i  angegeben  ist.  Man  denke 
sich  durch  ein  Prisma  von  Crownglas  g  ein  gleiches  Bild, 
was  neben  i  gestanden  hat,  heruntergerückt,  wie  wir  in 
Nr.  2  sehen.  Es  wird  mit  einem  schmalen  Saume  gefärbt 
erscheinen.  Ein  drittes  Bild  werde  durch  ein  Prisma  von 
Flintglas  gleichfalls  nicht  weitergerückt,  als  wir  es  in  Nr.  3 
erbhcken,  so  wird  dieses  viel  stärker  gesäumt  erscheinen. 
Man  lasse  nun  ein  solches  Bild  durch  ein  aus  beiden  Prismen 
zusammengelegtes  Parallelepipedon  g  h  in  die  Höhe  an 
seine  vorige  Stelle  bringen,  so  wird  die  Brechung  aufge- 
hoben, ein  Überschuß  von  Färbung  aber,  der  sich  vom 
Prisma  //  herschreibt,  übrigbleiben,  wie  in  Nr.  4.  Gibt  man 
nun  dem  Prisma  h  einen  geringern  Winkel,  so  wird  die 
Farbenerscheinung  aufgehoben,  aber  es  bleibt  Brechung 
übrig,  wie  wir  bei  Nr.  5  sehen.  Dieses  ist,  glauben  wir, 
für  jeden  eine  bequeme  Darstellung  sowohl  von  dem  Ver- 
hältnis des  Ganzen  als  besonders  der  Achromasie  in  Nr.  5 
und  der  Hyperchromasie  in  Nr.  4. 


C.OETHF,  XVir  18. 


274  ZUR  FARBENLEHRE 

Fünfte  Tafel 
Wahrhafte  Darstellung,  wie  die  Farbe  erscheint,  wenn  ein 
leuchtendes  Bild  durch  Brechung  objektiv  verrückt  wird. 
Die  Figur  oben  links  in  der  Ecke  stellt  erstlich  ein  Par- 
allelepipedon  von  Glas  vor,  welches  oben  dergestalt  zu- 
gedeckt ist,  daß  das  Sonnenbild  nur  in  der  Mitte  der  Fläche 
durchfallen  kann.  Man  sieht  an  den  punktierten  Linien, 
welchen  Weg  das  Licht  ohne  Brechung  nehmen  würde; 
man  sieht  an  den  ausgezogenen  Linien  die  Brechung  im 
dichteren  Mittel,  sowie  an  den  ins  dünnere  Mittel  über- 
gehenden zwar  eine  schwache,  aber  doch  deuthche  Far- 
benerscheinung. Dieses  ist  der  einfache  Versuch,  der  dem 
prismatischen  zum  Grunde  liegt.  Beurteilt  man  die  Far- 
bensäume ihrer  Bewegung  nach,  so  würde  man  hier  sagen 
können,  der  gelbrote  und  gelbe  sei  der  meist-,  derblaue 
und  blaurote  der  wenigst-refrangible,  weil  dieser  in  das 
Bild  hinein,  jener  aus  dem  Bilde  heraus  zu  streben  scheint. 
Allein  wer  die  Lehre  von  Verrückung  des  Bildes  recht 
innehat,  der  wird  sich  dieses  scheinbare  Rätsel  sehr  leicht 
erklären. 

Nun  denke  man  sich  den  untern,  gezeichneten  Keil  weg- 
genommen, so  daß  der  obere  allein  wirkt,  und  es  wird 
eine  mächtigere  Verrückung  des  Bildes  und  eine  stärkere 
Färbung,  zwar  nach  der  andern  Seite,  aber  doch  nach  den- 
selben Gesetzen,  entstehen. 

Die  größere  Figur,  welche  zu  betrachten  man  das  Blatt 
die  Quere  nehmen  wird,  zeigt  nunmehr  ausführlich,  was 
vorgeht,  wenn  ein  leuchtendes  Bild  objektiv  durchs  Prisma 
verrückt  wird.  Die  beiden  Farbensäume  fangen  in  einem 
Punkte  an,  da  wo  Hell  und  Dunkel  aneinander  grenzt;  sie 
lassen  ein  reines  Weiß  zwischen  sich,  bis  dahin,  wo  sie 
sich  treffen;  da  denn  erst  ein  Grün  entspringt,  welches  sich 
verbreitert,  zuvor  das  Blaue  völlig  und  dann  zuletzt  auch 
das  Gelbe  aufzehrt.  Das  anstoßende  Blaue  und  Blaurote 
können  dieser  grünen  Mitte  beim  weitern  Fortschritte  nichts 
anhaben. 

Nun  betrachte  man  die  unten  gezeichneten  Querdurch- 
schnitte des  obern  Längendurchschnittes  als  die  Spektra, 
welche  erscheinen,  wenn  man  an  diesen  Stellen  eine  Pappe 


ERKLÄRUNG  DER  TAFELN  275 

entgegenhält:  und  man  wird  finden,  daß  sie  sich  schritt- 
weise verändern.  Es  ist  angenommen,  daß  ein  vierecktes 
leuchtendes  Bild  verrückt  werde,  welches  die  Sache  viel 
deutlicher  macht,  weil  die  vertikalen  Grenzen  rein  blei- 
ben und  die  horizontalen  Unterschiede  der  Farben  deut- 
licher werden. 

Der  Durchschnitt,  über  welchen  man  oben  eine  punktierte 
Ellipse  gezeichnet,  ist  ohngefähr  derjenige,  wo  Newton 
und  seine  Schüler  das  Bild  auffassen,  festhalten  und  messen, 
derjenige,  wo  die  Maße  mit  der  Tonskala  zusammentrefifen 
sollen.  Bloß  die  aufmerksame  Betrachtung  dieser  Tafel  muß 
einen  jeden,  der  nur  geraden  Sinn  hat,  auf  einmal  in  den 
Fall  setzen,  sowohl  das  natürliche  alsjenes  bestrittene  Ver- 
hältnis zu  übersehen. 

Sechste  Tafel 

Diese  Einsicht  wird  vermehrt  und  gestärkt,  wenn  man  hier 
vergleicht,  was  mit  Verrückung  eines  völlig  gleichen  dunk- 
len Bildes  vorgeht.  Hier  ist  eben  das  Austreten;  eben  das 
Verbreitern;  hier  bleibt  das  reine  Dunkel,  wie  dort  das 
reine  Helle,  in  der  Mitten.  Die  entgegengesetzten  Säume 
greifen  wieder  übereinander,  und  wie  dort  Grün  so  ent- 
steht hier  ein  vollkommenes  Rot.  Nun  braucht  man  nicht 
erst  diese  vorzügliche  Farbe  zu  verschweigen.  Dieses 
Spektrum,  über  ein  dunkles  Bild  hervorgebracht,  ist  eben- 
sogut ein  Spektrum  als  jenes  über  das  helle  Bild  hervor- 
gebrachte; beide  müssen  immer  nebeneinander  gehalten, 
parallelisiert  und  zusammen  erwähnt  werden,  wenn  man 
sichs  klarmachen  will,  worauf  es  ankommt.  Diese  beiden 
Tafeln,  nebeneinandergestellt,  recht  betrachtet,  recht  be- 
dacht und  die  Formel  des  verrückten  Bildes  dabei  im  rech- 
ten Sinne  ausgesprochen,  müssen  den  einseitigen  Newtoni- 
schen Poltergeist  auf  immerdar  verscheuchen. 

Siebente  Tafel 
Auf  dieser  sind  mehrere  unwahre  und  kaptiose  Figuren 
Newtons  zusammengestellt,  wie  solche  leider  in  allen  Kom- 
pendien, Lexicis  und  andern  Lehrbüchern  seit  einem  Jahr- 
hundert unverantwortlich  wiederholt  werden. 


2  7  6  ZUR  FARBENLEHRE 

Erste  Figur.  Ein  linearer  Lichtstrahl  trifft  auf  ein  Mittel 
und  spaltet  sich  in  fünffarbige  Strahlen.  Wenn  auch  New- 
ton nicht  selbst  diese  Figur  vorbringt,  so  ist  sie  doch  bei 
seinen  Schülern  gäng  und  gäbe,  die  nicht  das  mindeste 
Bedenken  haben,  etwas,  wovon  die  Erfahrung  nichts  weiß, 
in  einer  hypothetischen  Figur  darzustellen.  Man  sehe  nach, 
was  wir  hierüber  zu  der  eilften  Tafel  weiter  ausführen  wer- 
den. 

Zweite  Figur.  Ein  sogenannter  Lichtstrahl,  von  einiger 
Breite,  geht  durchs  Prisma  und  kommt  hinter  demselben 
als  ein  verlängertes  Bild  auf  der  Tafel  an.  Was  aber  eigent- 
lich im  Prisma  und  zwischen  dem  Prisma  und  der  Tafel 
vorgehe,  ist  verschwiegen  und  verheimlicht. 
Dritte  Figur,  der  vorigen  ähnlich;  das,  was  daran  aus- 
führlicher ist,  ganz  hypothetisch.  Schon  vor  dem  Prisma 
wird  der  Strahl  durch  Linien  in  verschiedene  geteilt,  so 
gehn  sie  durchs  Prisma,  so  kommen  sie  hinten  an.  Vor 
dem  Prisma  sind  sie  ganz  hypothetisch,  innerhalb  des- 
selben zum  größten  Teil:  denn  in  demselben  kann  nur 
oben  und  unten  eine  ganz  schmale  Randerscheinung  statt- 
finden. Hinter  dem  Prisma  ist  die  mittlere  Linie  hypo- 
thetisch und  die  nächsten  beiden  falsch  gezogen,  weil  sie 
mit  der  obern  und  untern  aus  einem  Punkt,  oder  wenig- 
stens nahezu  aus  einem  Punkt,  entspringen  müßten. 
Vierte  Figur.  Das  Spektrum  als  eine  Einheit  vorgestellt. 
Fünfte  Figur.  Dasselbe,  in  welchem  die  darin  enthalten 
sein  sollenden  homogenen  Lichter  als  übereinander  grei- 
fende Ringe  gezeichnet  sind.  Wenn  ein  rundes  Bild  ver- 
rückt wird,  so  kann  sich  ein  oberflächlicher  oder  im  Vor- 
urteil befangner  Zuschauer  das  Phänomen  ohngefähr  so 
vorbilden  lassen.  Man  verrücke  ein  vierecktes  Bild,  wie 
wir  auf  der  fünften  und  sechsten  Tafel  getan  haben,  und 
die  Täuschung  ist  nicht  mehr  möglich. 
Sechste  Figur.  Ganz  hypothetisch.  Sie  will  uns  glauben 
machen,  bei  Verlängerung  des  Bildes  sei  es  möglich,  jene 
Strahlenkreischen  weiter  voneinander  abzusondern. 
Siebente  Figur.  Nicht  allein  hypothetisch,  sondern  völlig 
unwahr.  Wenn  die  verschiedenfarbigen  Lichtscheibchen 
sich  absondern  lassen,  warum  hängt  man  sie  denn  hier  mit 


ERKLÄRUNG  DER  TAFELN  277 

Strichelchen  zusammen:  Niemand  hat  auch  nur  den  Schein 
dieser  Figur  mit  Augen  gesehen. 

Achte  Figur.  So  wunderlich  als  falsch,  um  das  zu  bezeich- 
nen, was  bei  der  Verbindung  der  Linse  mit  dem  Prisma  vor- 
geht. 

Neunte  Figur.  Eine  der  letzten  Newtonischen  Figuren,  um 
endlich  die  weiße  Mitte  gleich  hinter  dem  Prisma,  die  lange 
genug  ignoriert  worden,  zu  erklären  und  der  schon  völlig 
fertigen  Hypothese  anzupassen. 

Achte  Tafel 
Hier  hat  man  mit  redlicher  Mühe  und  Anstrengung  eine 
einzige  unwahre  und  kaptiose  Newtonische  Figur,  die  ein- 
undzwanzigste des  ersten  Teiles,  in  mehrere  Figuren  zer- 
legt oder  vielmehr  die  wahre  Genese  des  Phänomens  durch 
mehrere  Figuren  ausgedrückt.  Wir  brauchen  hierüber  nichts 
weiter  zu  sagen,  weil  wir  bei  Entwicklung  des  neunten 
Versuchs  (Polemik  §  196—203)  diese  Tafel  umständlich 
erläutert  und  das  Nötige  deshalb  mitgeteilt  haben. 

Neunte  Tafel 

Bei  dieser  und  der  folgenden  dagegen  müssen  wir  um  desto 
weitläuftiger  sein,  nicht  weil  die  darauf  vorgestellte  theore- 
tische Verkehrtheit  schwer  einzusehen  wäre,  sondern  weil 
wir  denn  doch  einmal  schheßlich  diese  unglaublichen  Tor- 
heiten vor  das  Forum  eines  neuen  Jahrhunderts  bringen 
möchten. 

Wir  mußten  bei  der  ersten  Farbensäule,  über  welcher  das 
Wort  Natur  geschrieben  steht,  mehr  Stufen  vom  Gelben 
bis  zum  Gelbroten,  vom  Blauen  bis  zum  Blauroten  an- 
nehmen, als  eigentlich  nötig  wäre,  um  uns  mit  der  wun- 
derlichen Darstellung  der  Gegner,  die  danebengesetzt  ist, 
einigermaßen  parallel  zu  stellen.  Hier  zeigt  sich  natur- 
gemäß das  unveränderte  Weiß  in  der  Mitte;  von  der  einen 
Seite  steigt  das  Gelbe  bis  ins  Gelbrote,  von  der  andern 
das  Blaue  bis  ins  Blaurote,  und  damit  ist  die  Sache  ab- 
getan. Aber  nun  sehe  man  die  daneben  schachbrettartig 
aufgestellte — Posse  dürfen  wir  sagen:  denn  nur  als  eine 
solche  können  wir  sie  aufführen. 


2  78  ZUR  FARBENLEHRE 

Sobald  meine  Beiträge  zur  Optik  erschienen  waren,  machte 
sichs  die  ganze  Gild  zur  Pflicht,  sogleich  über  mich  her- 
zufallen und  zu  zeigen,  daß  dasjenige,  was  ich  noch  für 
problematisch  hielt,  schon  längst  erklärt  sei.  Gren  in  Halle 
besonders  verwandelte  die  Newtonischen  Äußerungen  in 
ein  Buchstabenschema,  welches  zeigen  sollte,  wie  man 
eigentlich  die  Lichtstrahlen  en  ichelo7i  hintereinander  müsse 
aufmarschieren  lassen,  um  das  belobte  zusammengesetzte 
Weiß  in  der  Mitte  hervorzubringen.  Genau  in  der  Mitte 
nämlich  muß  die  violette  Tete  der  zurückbleibenden  Ko- 
lonne schon  angekommen  sein,  ehe  die  gelbrote  Queue 
der  voreilenden  Kolonne  die  Mitte  verläßt.  Da  nun  alle 
Zwischenkolonnen  verhältnismäßig  vorrücken,  so  treffen 
ihre  verschiedenfarbigen  Teile  auf  der  Mitte  dergestalt 
zusammen,  daß  sie  in  die  Quere  abermals  diese  sieben- 
farbige Folge  bilden  und,  insofern  man  sie  als  überein - 
andergeschoben  sich  deckend  betrachten  kann,  nunmehr 
weiß  erscheinen. 

Man  stelle  sich  diese  Farben  liquid  vor  und  sehe,  was 
herauskommt,  wenn  man  sie  zusammenstreicht. 


Blaurot,  Rotblau,  Hellblau,  Grün, 

machen 

Hinaufwärts: 

Rotblau,  Hellblau,  Grün,  Hellgelb,  Rotgelb,  Gelbrot 

machen  Hellgelb 

Hellblau,  Grün,  Hellgelb,  Rotgelb,  Gelbrot 

machen  dunkler  Gelb 

Grün,  Hellgelb,  Rotgelb,  Gelbrot 

machen  tioch  dunkler  Gelb 
Hellgelb,  Rotgelb,  Gelbrot 

va.2.QhtXi  rötlich  Gelb 
Rotgelb,  Gelbrot 

machen  Rotgelb 
Gelbrot 

steht  seinen  Mann. 


ERKLÄRUNG  DER  TAFELN  279 

Nun  sollte  man  doch  denken,  das  Seltsamste  sei  vorüber, 
aber  ein  weit  Barockeres  steht  uns  noch  bevor.  Denn  wenn 
die  Mitte  auf  gemeldete  Art  weiß  wird,  so  muß  eine  jede 
auf-  und  absteigende  Querreihe,  die  nun  nicht  mehr  sämt- 
liche Farben  enthält,  in  sich  summiert,  diejenige  Farbe 
hervorbringen,  welche  im  prismatischen  Bilde  ihrer  Rich- 
tung korrespondiert. 

Das  erste  also  gesetzt,  daß  die  sieben  Farben  der  mittlem 
Reihe  Weiß  machen,  so  machen  die  sechs  Farben  der  näch- 
sten drüber  Hellgelb  und  der  nächsten  drunter  Hellblau; 
die  fünf  Farben  der  folgenden  sofort  dunkler  Gelb  und 
dunkler  Blau;  vier  Farben  sodann  ein  noch  dunkler  Gelb 
und  ein  noch  dunkler  Blau;  drei  Farben  machen  Rotgelb 
und  Rotblau;  zwei  Farben  endlich  Gelbrot  und  Blaurot; 
und  zuletzt  steht  Blaurot  und  Gelbrot  jedes  für  sich. 
Ob  es  nun  gleich  hiermit  wohl  genug  sein  könnte,  so  wollen 
wir  doch  noch  ein  übriges  tun  und  das,  was  auf  unserer 
Tafel  mit  Farben  ausgedrückt  ist,  auch  noch  tabellarisch 
mit  Worten  ausdrücken. 


Hellgelb,  Rotgelb,  Gelbrot 

Weiß 

Hinabwärts: 

Blaurot,  Rotblau,  Hellblau,  Grün,  Hellgelb,  Rotgelb 

machen  Hellblau 

Blaurot,  Rotblau,  Hellblau,  Grün,  Hellgelb 

machen  dunkler  Blau 

Blaurot,  Rotblau,  Hellblau,  Grün 

machen  noch  dmikler  Blau 
Blaurot,  Rotblau,  Hellblau 

machen  rötlich  Blau 
Blaurot,  Rotblau 

machen  Rotblau 
Blaurot 

steht  seinen  Mann. 


2  8o  ZUR  FARBENLEHRE 

Wir  haben  dieses  Wortschema  vorzüglich  deshalb  so  um- 
ständlich ausgeführt,  damit  demjenigen  vorgearbeitet  sei, 
der  es  als  Theses  aufstellen  möchte,  um  darüber  im  Narren  - 
türme  zu  disputieren  oder  in  der  Hexenküche  zu  kon- 
versieren.  Weil  es  nun  zugleich  rätlich  wäre,  das  Behaup- 
tete durch  Erfahrung  darzustellen,  und  sich  wohl  schwerlich 
ein  newtonisch  gesinnter  Maler  finden  würde,  der  aus  Zu- 
sammenmischung seiner  ganzen  Palette  Weiß  hervorzu- 
bringen unternähme,  so  ließe  sich  vielleicht  dadurch  eine 
Auskunft  treffen,  daß  man  einen  namhaften  Mechanikus  um 
die  Gefälligkeit  ersuchte,  mit  seinem  künstlichen  Schwung- 
rade den  geneigten  Zuschauern  nicht  einen  blauen,  son- 
dern einen  grauen  Dunst  vor  die  Augen  zu  machen. 
Auf  derselbigen  Tafel  haben  wir  gleichfalls  gesucht,  von 
der  Art  und  Weise  Rechenschaft  zu  geben,  wie  der  selt- 
same Wünsch  sich  aus  der  Sache  zu  ziehen  gesucht,  da 
ihm  die  Newtonische  Erklärungsart  nicht  haltbar  vorkam. 
Wir  haben  die  seinige,  insofern  es  möglich  war,  der  Natur 
und  der  Grenischen  parallel  an  die  Seite  zu  stellen  gesucht. 
Daraus  wird  nun  klar,  daß  er  nichts  weiter  getan,  als  jene 
Erklärungs-  und  Vorstellungsweise  zu  abbrevieren.  Erbe- 
hält nämlich  von  sieben  Farben  nur  die  Mitte  und  die  bei- 
den Enden,  Grün,  Blaurot  und  Gelbrot,  in  welchen  dreien 
die  beiden  übrigen  mit  ihren  Stufen  freilich  schon  stecken; 
setzt  dann,  wiewohl  auf  eine  ebenso  närrische  Weise  als 
die  Newtonianer,  aus  Grün,  Gelbrot  und  Blaurot  Weiß 
zusammen.  Hinaufwärts  muß  aus  Grün  und  Gelbrot  Gelb 
mit  seinen  Stufen,  hinunterwärts  aus  Grün  und  Blaurot 
Blau  mit  seinen  Stufen  entspringen.  Gelbrot  und  Blaurot, 
wie  bei  Gren,  bezahlen  für  sich.  Auch  diese  Tollheit  läßt 
sich  auf  unsrer  Tafel,  ohne  darüber  viel  Worte  zu  machen, 
recht  gut  übersehen. 

Auf  dem  untern  Teile  der  Tafel  haben  wir  die  Entstehung 
des  Grünen,  nach  der  Natur  und  nach  Wünsch,  dargestellt. 
Zuerst  zeigt  sich  das  prismatische  Phänomen,  wenn  das 
Grün  aus  dem  Zusammentreten  des  helleren  Gelb  und  Blau 
schon  entstanden  ist.  Wie  dies  geschieht,  ist  daneben  ge- 
zeigt, da  die  von  beiden  Seiten  kommenden  Säume  als 
nebeneinander  stehend  gezeichnet   sind.    Sodann   folgt 


ERKLÄRUNG  DER  TAFELN  281 

Wünsch  mit  seinen  vertrakten  drei  Urfarben.  Sie  sind  so 
auseinandergezerrt,  daß  das  Grün  nun  auf  einmal  eine 
Person  für  sich  spielt  und  sich  zwischen  seinen  gleichfalls 
selbständigen  Brüdern  sehen  lassen  darf.  Hätte  die  mensch- 
liche Natur  nicht  solche  unendliche  Neigung  zum  Irrtum, 
so  müßte  ein  so  abschreckendes  Beispiel,  wie  übrigens 
talentvolle  Männer  sich  verirren  können,  von  größerem 
Nutzen  für  die  Jugend  sein  als  jenes,  wenn  die  Lacedä- 
monier  ihren  Jünglingen  besoffene  Knechte  zur  Warnung 
vorführten. 

Zehnte  Tafel 

Überzeugt  wie  ich  war,  daß  die  prismatische  Farbener- 
scheinung sowohl  dem  Licht  als  dem  angrenzenden  Dunkel 
angehöre,  mußte  ich  freilich  die  subjektiven  Versuche, 
mit  denen  ich  mich  besonders  abgab,  anders  als  ein  New- 
tonianer  ansehen.  Ein  weißes  Bild  oder  Streifen  auf  schwar- 
zem, ein  schwarzes  Bild  oder  Streifen  auf  weißem  Grunde, 
durchs  Prisma  in  der  Nähe  betrachtet,  blieben,  indem  die 
Ränder  sich  färbten,  jenes  in  der  Mitte  weiß,  dieses  in 
der  Mitte  schwarz.  Wie  sich  bei  mehrerer  Entfernung  des 
Beobachters  die  Farbensäume  verbreiterten,  wurde  dort 
das  Weiße,  hier  das  Schwarze  zugedeckt,  und  endlich,  bei 
noch  weiterem  Wegtreten,  zeigte  sich  durch  Vermischung 
dort  ein  Grün,  hier  ein  vollkommenes  Rot,  wie  solches  auf 
unserer  zweiten  Tafel,  unten  in  der  Ecke  rechts,  darge- 
stellt ist. 

Diese  Phänomene  gingen  mir  also  völlig  parallel.  Was  bei 
Erklärung  des  einen  recht  war,  schien  bei  dem  andern 
billig;  und  ich  machte  daher  die  Folgerung,  daß,  wenn  die 
Schule  behaupten  könne,  das  weiße  Bild  auf  schwarzem 
Grunde  werde  durch  die  Brechung  in  Farben  aufgelöst, 
getrennt,  zerstreut,  sie  ebensogut  sagen  könne  und  müsse, 
daß  das  schwarze  Bild  durch  Brechung  gleichfalls  aufgelöst, 
gespalten,  zerstreut  werde. 

Dagegen  hatten  die  Newtonianer  bereits  seit  einem  Jahr- 
hundert eine  fertige  Ausflucht,  deren  sich  Richter  schon 
gegen  Rizzetti  bedient:  daß  nämlich  diese  farbigen  Säume 
nicht  dem  Dunkeln,  sondern  dem  Hellen  zuzuschreiben 


282  ZUR  FARBENLEHRE 

seien,  dem  Lichte,  das  vom  Rande  herstrahle  und  nach 
der  Brechung,  in  Farben  aufgelöst,  farbig  zum  Auge  des 
Beschauenden  gelange. 

Wie  ein  Rezensent  der  Jenaischen  allgemeinen  Literatur- 
zeitung vom  Jahre  1792  in  Nr.  31  diese  Erklärungsart 
gegen  mich  geltend  zu  machen  sucht,  wird  auf  gegen- 
wärtiger Tafel  genau  und  aufrichtig  dargestellt.  Er  behilft 
sich  in  gedachtem  Zeitungsblatt,  wieGren,  mit  Buchstaben. 
Wir  haben  die  Mühe  übernommen,  nicht  allein  sein  Buch- 
stabenschema in  reinliche  und  genaue  Käsen  einzuquar- 
tieren, sondern  wir  haben  daneben  auch  durch  farbige 
Quadrate  die  Sache  augenfäUiger  zu  machen  gesucht. 
Zuerst  steht,  wie  auf  der  vorigen  Tafel,  das  natürliche 
Verhältnis,  wie  nämhch  der  blaue  und  blaurote  Rand  von 
dem  Hellen  nach  dem  Dunklen,  der  gelbe  und  der  gelbrote 
Rand  vom  Dunklen  nach  dem  Hellen  strebt,  und  weil  sie 
sich  eben  berühren,  ein  aneinander  stoßendes,  obgleich 
noch  nicht  übereinander  greifendes  Farbenbild  hervor- 
bringen. Wieviel  Umstände  dagegen  derRezensentbraucht, 
um  seine  beidenFarbendetachements,  nach  der  Grenischen 
Weise,  en  ichelon  gegeneinander  aufmarschieren  und  sich 
endlich  berühren  zu  lassen,  mag,  wer  Geduld  hat,  von  ihm 
selbst  vernehmen. 

"Ein  schwarzer  Streifen  auf  weißem  Grunde  wird  hier 
durch  die  Buchstaben  m  np  q  bezeichnet.  Die  Buchstaben 
r^^r^  &  bedeuten  Rot,  Gelb,  Grün,  Blau,  Violett.  Nun 
schicke  der  nächste  weiße  Punkt  bei  A  über  den  schwar- 
zen Streifen  einen  Lichtstrahl  durchs  Prisma  ins  Auge  des 
Beobachters.  Dieser  wird  in  die  genannten  Farben,  von 
welchen  wir  der  Kürze  wegen  nur  fünf  annehmen,  ge- 
spalten und  auf  die  aus  Newtons  Versuchen  bekannte  Art 
zerstreut  werden.  Ist  nun  der  brechende  Winkel  des  Pris- 
mas nach  unten  gekehrt,  so  wird  der  gelbe  Teil  des  ge- 
spaltenen Lichtstrahles  nicht  mehr  auf  den  weißen  Teil 
des  Papiers,  sondern  herunter  in  den  schwarzen  Streifen 
bei  g  gleich  neben  h  vom  Auge  projiziert  werden,  und  nur 
der  rote  wird  in  r  gleich  neben  A  bleiben,  wo  der  ganze 
weiße  Punkt  liegt,  von  welchem  der  Strahl  kam.  Der  grüne 
wird  noch  weiter  herunter  neben  i,  der  blaue  in  b  neben  k 


ERKLÄRUNG  DER  TAFELN  283 

und  der  violette  in  v  neben  /treffen.  Mit  den  etwas  höher 
liegenden  Lichtpunkten,  bei  B,  C,  D,  E,  geht  es  ebenso. 
Deren  blaue  und  violette  Teile  reichen  aber  nicht  so  weit 
herunter  in  den  schwarzen  Streifen  als  die  des  Licht- 
punktes bei  A;  folglich  sieht  man  auch  bloß  diese  letzteiti 
isoliert  im  schwarzen  Streifen  neben  k  und  /.  In  i  ist  nebst 
dem  Grün  vom  Lichtpunkt  A  auch  noch  Blau  vom  Licht- 
punkt B  unb  Violett  von  C  vorhanden.  Deshalb  erkennt 
man  dieses  Grün  schon  nicht  mehr,  sondern  es  erscheint 
schon  als  ein  weißliches  Licht  oder  als  das  hellste  Blau. 
Das  Gelb  bei  //  ist  ganz  unkenntlich,  weil  ihm  noch  Grün, 
Blau  und  Violett  von  den  Punkten  B,  C,  D  beigemischt 
sind.  Das  gleich  drüber  liegende  Rot  bei  A  aber  erscheint 
völlig  weiß,  weil  ihm  das  Gelb,  Grün,  Blau  und  Violett 
von  den  Lichtpunkten  bei  B^  C,  D,  £  beigemischt  sind. 
Nach  dieser  Vorstellungsart  käme  also  das  Blaue  und  Vio- 
lette im  schwarzen  Streifen  nicht  von  dieser  Schwärze, 
sondern  von  dem  darüber  hegenden  weißen  Licht,  das 
vom  Prisma  gespalten,  zerstreut  und  vom  Auge  herunter 
ins  Schwarze  ist  projiziert  worden. 

Auf  gleiche  Art  ließe  sich  zeigen,  warum  unterhalb  des 
schwarzen  Streifens  bei  a  nichts  weiter  als  Rot  erscheint, 
wenn  anders  der  schwarze  Streifen  nicht  gar  zu  schmal 
ist.  Der  Lichtpunkt  bei  a  erhält  nämlich  von  keinem  Licht- 
punkt bei  A,  B  usw.  eine  Farbe,  indem  sich  keine  der- 
selben über  die  schwarze  Region  hinaus  erstreckt,  noch 
weniger  die  Schwärze  selbst  dergleichen  liefern  kann.  Die 
rote  Farbe  bei  b  aber  hat  auch  noch  die  gelbe  des  drüber- 
liegenden  Lichtpunkts  bei  a  in  sich  und  gibt  also  Orange- 
gelb. Das  Rot  bei  c  hat  Gelb  von  b  und  Grün  von  a,  er- 
scheint also  hellgelb  und  verliert  sich  schon  allmählich 
ins  Weiße.  Bei  d  und  e  erscheinen  die  farbigen  Teile  der 
einzelnen  Lichtpunkte  schon  beinahe  ganz  weiß,  weil  hier 
schon  fast  alle  Farben  wieder  beieinander  sind.  Es  ver- 
steht sich  übrigens,  daß  die  Buchstaben  r  g gr  usw.,  die 
im  Schema  «f^^//einander  gesetzt  sind,  iiber-  oder  viel- 
mehr ///einander  liegend  gedacht  werden  müssen.  Auch 
muß  man  sich  da,  wo  keine  Querstriche  stehen,  ebenfalls 
fiirbige  Teile  von  gespaltenen,  höher  liegenden  Licht- 


2  84  ZUR  FARBENLEHRE 

punkten  vorstellen;  dahingegen  an  den  Stellen,  wo  Punkte 
stehen,  keine  weitere  als  bloß  durch  die  Buchstaben  ange- 
zeigten Farbenteile  angenommen  werden  können. 
Sonach  würde  also  der  Newtonianer,  bei  hinlänglich  schwar- 
zen Streifen,  nicht  Gelb  und  Blau,  sondern  Rot  und  Violett 
am  reinsten  sehen,  indem  das  Gelb  von  Rot  und  Grün  und 
das  Blau  von  Grün  und  Violett  allemal  etwas  gestört  ist:  es 
sei  denn,  daß  man  nicht  mehr  als  einen  einzigen  Strahl  von 
einem  gleich  über  oder  unter  dem  schwarzen  Streifen  lie- 
genden Lichtpunkt  ins  Auge  bekomme.  Denn  alsdann 
müßte  man  alle  einzelnen  Farben  auf  dem  Schwarz  ganz 
rein  sehen;  sie  würden  aber  dann  so  schwach  sein,  daß 
man  sie  schwerlich  erkennen  könnte. 
Wäre  der  schwarze  Streifen  so  schmal  oder  so  weit  vom 
Auge  des  Beobachters  entfernt,  daß  das  Violett  bei  /wie- 
der herunter  auf  den  weißen  Grund,  also  mit  in  das  r  bei 
a  fiele,  so  würde  man  dieses  r  nicht  mehr  rein  Rot,  son- 
dern Pfirsichblüt  sehen,  so  wie  unter  dem  Gelb  bei  c  Grün 
erscheinen  müßte,  wenn  bei  d  schon  wieder  ein  neuer 
schwarzer  Streifen  anfinge,  indem  alsdann  das  nächste  r 
bei  d  hinweggedacht  werden  müßte  und  bloß  die  Mischung 
von  Gelb,  Grün  und  Blau  übrigblieb. 
Wäre  hingegen  der  schwarze  Streifen  sehr  viel  breiter,  als 
er  hier  angenommen  worden,  so  würde  unterhalb  /bis  zur 
Grenze  alles  schwarz  bleiben,  so  wie  unter  e  alles  weiß 
bleibt,  wenn  sich  da  kein  weißer  Streifen  wieder  an- 
fängt." 

Eine  achtzehnjährige  Antikritik  gegen  diese  Rezension  ist 
noch  unter  unsern  Papieren.  Wir  können  aber  dieselbe 
recht  gut  zurückhalten,  weil  sie  schon  vollkommen  in  un- 
serer vollbrachten  Arbeit  liegt.  Die  Nachwelt  wird  mit  Er- 
staunen ein  solches  Musterstück  betrachten,  wie  gegen  das 
Ende  des  achtzehnten  Jahrhunderts  in  den  Naturwissen- 
schaften auf  eine  Weise  verfahren  worden,  deren  sich 
das  dunkelste  Mönchtum  und  eine  sich  selbst  verirrende 
Scholastik  nicht  zu  schämen  hätte. 

Wie  mit  eben  diesen  Erscheinungen  an  einem  schwarzen 
Streifen  der  wunderliche  fF?V/w^/i  sich  abgequält,  weil  seine 
Voraussetzung  nicht  passen  wollte,  soll  nunmehr  auch  von 


ERKLÄRUNG  DER  TAFELN  285 

uns  dargestellt  werden.  Wir  haben  diesem  Zwecke  den 
untern  Raum  der  zehnten  Tafel  gewidmet. 
Erst  sieht  man  abermals  einen  schwarzen  Streifen  durch 
das  Ganze  gehen.  Das  einfache  Verfahren  der  Natur  ist 
dargestellt.  Ins  Schwarze  herein  wirken  Blau  und  Blaurot, 
vom  Schwarzen  ab  Gelbrot  und  Gelb.  Wo  die  beiden  ins 
Rot  gesteigerten  Enden  übereinander  greifen,  erscheint 
ein  vollkommenes  Rot,  und  damit  ist  die  Erfahrung  ab- 
getan. 

Nun  läßt  hingegen  Wünsch  abermals  seine  drei  Grund- 
farben en  Echelon  von  oben  und  unten  in  das  Schwarze 
hineinmarschieren.  Allein  hier  gelingt  ihm  nicht  einmal, 
was  ihm  auf  der  vorigen  Tafel  gelang,  indem  seine  hypo- 
thetischen Wesen,  selbst  nach  seiner  eignen  Auslegung, 
das  Phänomen  nicht  hervorbringen  können.  Mit  aller  Be- 
mühung bringt  er  die  Naturerscheinung  nicht  heraus.  Zwar 
macht  er  aus  Blaurot  und  Gelbrot  das  vollkommene  Rot; 
allein  unten  drunter,  wo  er  das  Gelbrot  haben  soll,  treten 
leider  drei  Grundfarben  übereinander  und  müßten  also 
Weiß  geben;  wie  wir  denn  auch  diese  Käse  unilluminiert 
gelassen.  Ferner  wird  nun  aus  Gelbrot  und  Grün  Hell- 
gelb; und  der  Schwanz  der  grünen  Kolonne  ist  ganz  ohne 
Wirkung.  Hinaufwärts,  über  dem  vollkommenen  Rot,  tritt 
Grün  und  Blaurot  zusammen,  woraus  denn  nach  seiner 
löblichen  Theorie  Blau  entsteht.  Allein  nun  findet  sich 
leider  obendrüber  Grün  und  Gelbrot  nebeneinander,  und 
da  müßte  denn  abermals  Gelb  entstehen,  welches  aber 
niemals  erscheint  noch  erscheinen  kann;  deswegen  haben 
wir  auch  die  Käse  weiß  gelassen.  Die  übrigen  Farben  ins 
Weiße  zu  verfolgen,  möchte  nun  wohl  weiter  nicht  wert 
sein. 

Dieses  sind  die  Resultate  einer  Auslegungsart,  die  bloß 
dadurch  entstanden  ist,  daß  ein  sonst  scharfsinniger  Mann 
die  Newtonische  nicht  wegwarf,  sondern  sich  an  einem 
Paroli  und  Septleva  des  Irrturas  ergötzte.  Fast  möchten 
wir  glauben,  daß  es  im  Gehirn  ganz  besondere  Organe  für 
diese  seltsamen  Geistesoperationen  gebe.  Möge  doch  Gall 
einmal  den  Schädel  eines  rechten  Stock-Newtonianers 
untersuchen  und  uns  darüber  einigen  Aufschluß  erteilen. 


286  ZUR  FARBENLEHRE 

Eilfte  Tafel 
Wenn  es  dem  Dichter,  der  sich  eine  Zeitlang  in  der  Hölle 
aufhalten  müssen,  doch  zuletzt  etwas  bänglich  und  ängst- 
lich wird  und  er  mit  großem  Jubel  die  wieder  erblickte 
Sonne  begrüßt,  so  haben  wir  auch  alle  Ursache,  froh  und 
heiter  aufzuschauen,  wenn  wir  aus  dem  Fegefeuer  der  vier 
letztenTafeln  zu  einer  naturgemäßen  Darstellunggelangen, 
wie  sie  uns  nunmehr  die  eilfte  einfach  und  klar  hinlegt. 
Es  gehört  solche  eigentlich  zum  polemischen  Teile  und 
zwar  zu  §  289  bis  301.  Dort  ist  zwar  das  Nötige  schon 
gesagt  worden,  aber  wir  tragen  die  Sache  lieber  nochmals 
vor,  weil  diesehieraufgezeichnetenFiguren  von  der  größten 
Bedeutung  sind  und  sie  das,  was  bei  der  objektiven  Re- 
fraktion zur  Sprache  kömmt,  sowohl  didaktisch  als  pole- 
misch aufs  deutlichste  ans  Licht  stellen. 
Erste  Figur.  Es  ist  die  in  allen  Lehrbüchern  vorkommende, 
wie  nämlich  das  Verhältnis  des  Sinus  des  Einfallswinkels 
zu  dem  Sinus  des  Brechungswinkels  vorgestellt  wird. 
Zweite  Figur.  Ist  die  hypothetische  Vorstellung,  wie  New- 
ton und  seine  Schule  das  Verhältnis  des  in  farbige  Strahlen 
auseinander  gebrochenen  Strahls  zu  dem  einfallenden  dar- 
stellen. Man  sieht,  daß  hier  nicht  das  einfache  Verhältnis 
eines  Sinus  stattfinden  könnte,  sondern  daß  die  weniger 
oder  mehr  gebrochenen  Strahlen  größere  oder  kleinere 
Sinus  haben  müßten.  Nach  Newtonischer  Vorstellung  ist 
der  Sinus  des  mittelsten  grünen  Strahls  als  Normalsinus 
angenommen:  aber  dieses  ist  falsch;  denn  das  Maß  der 
Refraktion  kann  niemals  in  der  Mitte  des  Bildes,  sondern 
es  muß  am  Ende  desselben  genommen  werden. 
Daß  die  erste  Figur  ein  der  Erfahrung  gemäßes  Verhältnis 
in  abstrakten  Linien  darstellt,  mochte  hingehen.  Wenn 
aber  bei  Nr.  2  ein  Phänomen,  ohne  seine  notwendigen  Be- 
dingungen, auch  auf  eine  so  abgezogene  Weise  vorgetragen 
wird,  so  laufen  wir  Gefahr,  uns  eine  der  Natur  ungemäße 
Theorie  aufheften  zu  lassen. 

Das  Licht  oder  Millionen  Strahlen  desselben  mögen  aus 
dem  dünnern  Mittel,  welches  hier  als  der  obere  halbe  Teil 
des  Zirkels  bezeichnet  ist,  in  das  dichtere,  welches  der 
untere  Halbkreis  vorstellt,  übergehen  und  auf  das  stärkste 


ERKLÄRUiN G  DER  TAFELN  2  8  7 

gebrochen  werden,  so  wird  man  doch  diese  Brechung  nicht 
messen,  noch  viel  weniger  eine  Farbenerscheinung  be- 
merken können.  Bedeckt  man  aber,  wie  in  der 
DrittenF/gur,  die  dem  einfallenden  Licht  entgegenstehende 
Seite  mit  irgendeinem  undurchsichtigenHindernis,  so  folgt, 
weil  dieBrechunggegen  das  volle  Licht  zugeht,  das  Finstere 
dem  Hellen,  und  es  entspringt  der  gelbroteundgelbe  Saum. 
Auf  gleiche  Weise  muß  bei  umgekehrter  Vorrichtung, 
Vierte  Figur,  nach  eben  demselben  Gesetze,  das  Licht  dem 
Finstern  folgen,  und  es  entsteht  der  blaue  und  blaurote 
Rand.  Dies  ist  das  Faktum  der  Farbenerscheinung,  wie  sie 
sich  an  die  Lehre  und  an  die  Gesetze  der  Brechung  an- 
schließt, und  in  beiden  Fällen  gilt  der  Normalsinus  für 
die  entgegengesetzten  Farben. 

Fünfte  Figur.  In  dieser  wird  nun  gezeigt,  wie  sich  das 
Phänomen  und  das  Gesetz  der  Farbenerscheinung  von  der 
Brechung  gleichsam  losmacht  und  mit  ihr  in  Unverhältnis 
steht,  indem  bei  gleicher  Brechung,  wie  in  den  vorigen 
Fällen,  die  Farbenverbreiterung  stärker  ist;  wodurch 
Achromasie   und  Hvperchromasie   hervorgebracht  wird. 

(E.  345 ff-) 

Wir  empfehlen  diese  Tafel  allen  denen,  die  sich  und  an- 
dern das  wahre  Verhältnis  der  Erscheinungen  entwickeln 
wollen.  Gebe  der  Himmel,  daß  diese  einfache  Darstellung 
allen  polemischen  Wust  auf  ewige  Zeiten  von  uns  ent- 
ferne! 

Zwölfte  Tafel 
Der  fromme  Wunsch,  daß  wir  von  der  Newtonischen  vor- 
sätzlichen oder  zufälligen  Verirrung  nicht  weiter  mehr  hören 
möchten,  kann  nur  alsdann  erfüllt  werden,  wenn  die  ganze 
Lehre  vor  dem  Wahrheitsblick  einer  reinen  Erfahrung  und 
tüchtigen  Beurteilung  verschwunden  ist.  Leider  führt  uns 
diese  Tafel,  welche  abermals  zur  Kontrovers  gehört,  wie- 
der zu  den  Sophistereien  zurück,  wodurch  freilich  Unauf- 
merksame getäuscht  werden  können. 
Der  wegen  seiner  Versuche  so  berühmte  Newton  läßt  wäh- 
rend seiner  Untersuchungen  und  Beobachtungen,  welche 
so  scharf  und  genau  sein  sollen,  immer  wieder,  ehe  man 


2  88  ZUR  FARBENLEHRE 

sichs  versieht,  mancherlei  ZufäUigkeiten  obwalten.  Eine 
Fliege,  die  ihm  über  die  Wand  läuft,  die  Lettern  eines  auf- 
geschlagenen Buches,  ein  Knoblauchblatt,  ein  Schächtel- 
chen Zinnober,  und  was  ihm  sonst  in  die  Quere  kommt, 
wird  mit  hereingezogen,  und  die  dabei  eintretenden  Er- 
scheinungen müssen  dann  gelten,  was  sie  können. 
Da  die  einmal  aus  dem  Licht  gesonderten  homogenen 
Lichter  nach  jener  Lehre  nicht  weiter  zu  trennen  sind, 
sondern  bei  neuen  Brechungen  unverändert  bleiben,  so 
läßt  Newton  das  Spektrum  auf  ein  gedrucktes  Buch  fallen, 
betrachtet  dieses  alsdann  mit  einemPrisma  und  behauptet, 
daß  nun  die  Buchstaben  keine  farbigen  Säume  und  Barte 
mehr  zeigen,  wie  sie  es  tun,  wenn  man  das  weiße  gedruckte 
Blatt  durchs  Prisma  ansieht. 

Nur  ein  unaufmerksamer  Beobachter  kann  also  reden.  Wir 
haben  wiederholt  gewiesen  und  behauptet,  daß  aufgefärb- 
ten Flächen  die  Säume  der  Bilder  bloß  darum  unschein- 
bar sind,  weil  sie  einmal  der  farbigen  Fläche  widersprechen 
und  dadurch  mißfärbig  werden,  das  andre  Mal  aber  mit 
derselben  übereinstimmen  und  sich  also  in  ihr  verlieren. 
Doch  dürfen  auch  bei  gefärbten  Flächen  die  Bilder  nur 
genugsam  als  hell  oder  dunkel  abstechen,  so  sieht  man  die 
gedachten  Säume  und  Barte  deuthch  und  überzeugend  ge- 
nug, welche  sich  in  vielen  Fällen  besonders  durch  Mischung 
manifestieren. 

Wir  haben  daher  zur  Fixierung  dieses  Versuchs  die  zwölfte 
Tafel  in  sechs  Felder  eingeteilt,  diese  mit  den  sechs  vor- 
züglichsten Farben  illuminiert  und  auf  denselben  wieder 
einfache  farbige  Bilder  angebracht,  so  daß  außer  einigen 
Mückenflügeln  nichts  Dekomponibles  auf  dieser  Tafel  ge- 
funden wird.  Man  betrachte  sie  aber  durch  ein  Prisma,  und 
man  wird  sogleich  die  Säume  und  Barte  stärker  und  schwä- 
cher, nach  Verhältnis  des  Hellen  und  Dunkeln,  und  sodann 
wunderhch  gefärbt,  nach  Verhältnis  der  Mischung  mit  dem 
Grunde,  ohne  allen  Widerspruch  erblicken. 
Wem  an  dieser  Sache  ernstlich  gelegen  ist,  wird  sich 
größere  Tafeln  mit  helleren  und  satteren  Farben  von  aller- 
lei Schattierungen  verfertigen  und  überall  dasselbige  fin- 
den. 


ERKLÄRUNG  DER  TAFELN  289 

Daß  ein  gefärbtes  Papier  einer  durch  prismatische  Farben 
erleuchteten  Fläche  völlig  gleich  zu  halten  sei,  erhellet 
daraus,  daß  die  beiden  ersten  und  Grundversuche  von 
Newtons  Optik  mit  farbigen  Papieren  angestellt  und  doch 
von  ihnen  als  farbigen  Lichtern  gesprochen  worden.  Man 
mache  diese  Farben  so  satt  als  man  will,  immer  werden 
die  Bildersäume  sich  nach  wie  vor  verhalten,  vorausgesetzt, 
daß  die  Bilder  an  Helligkeit  oder  Dunkelheit  vom  farbigen 
Grunde  genugsam  abstechen. 

Wollen  die  Newtonianer  nach  alter  Weise  ihre  Ausflucht 
dahin  nehmen,  daß  keins  der  homogenen  Lichter  voll- 
kommen homogen,  die  dekomponierten  nicht  völlig  de- 
komponiert  seien,  daß  ihnen  allen  die  Erbsünde  ihrer 
Mutter,  des  Lichts,  heterogen  und  dekomponibel  zu  sein, 
noch  immer  in  einem  gewissen  Grade  anklebe,  weshalb 
denn  die  freilich  unbedingt  ausgesprochenen  Axiome  durch 
die  Ej-fahrung  bis  zu  nichts  bedingt  und  limitiert  werden: 
so  überlassen  wir  gern  die  Schule  ihrem  würdigen  Prä- 
sidenten und  Anführer  der  Kosaken,  dessen  Qualifikation 
zu  dieser  Stelle  wir  in  dem  Werk  selbst  wohlmeinend  dar- 
getan. 

Dreizehnte  Tafel, 
teils  der  Kontrovers,  teils  der  natürlichen  Darstellung  des 

Phänomens  gewidmet 
Die  vierte  Figur,  nach  einer  Newtonischen  kopiert,  der 
ersten  des  zweiten  Teiles,  ist  gehörigen  Orts  in  ihrer  gan- 
zen Unrichtigkeit,  Unreinheit,  Falschheit  und  Betrüglich- 
keit  dargestellt  worden. 

Um  das  Phänomen,  wovon  die  Rede  ist,  in  seiner  Anlei- 
tung kennen  zu  lernen,  sehe  man  unsere  oben  drüber 
stehende  Figuren  und  bemerke  Folgendes: 
Erste  Figur.  Das  Lichtbild  geht  durch  ein  großes  Prisma, 
die  Farbenerscheinung  entsteht  an  beiden  Grenzen,  der 
weißen  Mitte  ist  eine  Tafel  entgegengestellt.  Durch  eine 
Öflfnung  derselben  fällt  dieses  gebrochene  weiße  Licht, 
und  sogleich  entstehn  gesetzmäßig  an  den  Grenzen  die 
Farbenerscheinungen,  sich  verbreitend,  sich  vereinigend 
und  das  Grün  bildend. 

GOETHE  XVII  ig. 


290  ZUR  FARBENLEHRE 

Zweite  Figur.  Dasselbe  Prisma,  derselbe  Lichtdurchgang, 
dieselbe  Farbenentstehung  an  den  Grenzen.  Hier  hat  man 
aber  weder  diesen  entstandenen  Farben  noch  der  weißen 
Mitte  eine  Tafel  entgegengesetzt,  sondern  jene  gehen  ins 
Weite,  in  diese  aber  hat  man  ein  schmales  Hindernis  ein- 
geschoben, an  dessen  Rändern  abermals  die  Farbenerschei- 
nung nach  dem  Gesetz  entsteht.  Jene  ersten  Randerschei- 
nungen hätten  für  sich  bei  weiterem  Fortgang  ein  Grün 
hervorgebracht;  nun  sind  aber  hier,  durch  dies  schmale 
Hindernis,  zwei  neue  Grenzen  entstanden,  deren  äußere 
Seiten  mit  jenen  ersten  Randerscheinungen  Grün,  deren 
innere  hingegen,  nach  dem  Dunkeln  zu,  Purpur  hervor- 
bringen, wodurch  denn  ein  ganz  eignes  und  kompliziertes 
Spektrum  zum  Vorschein  kommt. 

Dritte  Figur.  Hier  hat  man  die  Phänomene  der  beiden 
obern  Figuren  vereinigt.  Man  gab  dem  einfallenden  Licht 
mehr  Breite,  machte  die  Öffnung  der  Tafel  größer  und 
setzte  das  Hindernis  als  einen  durchschnittenen  Stab  vor 
das  Prisma.  Dieses  ist  nun  eigentUch  die  rechte  und  recht- 
liche Darstellung  desjenigen,  was  Newton  durch  seine 
drunter  stehende  Figur  andeuten  will,  wo  das  angebrachte 
Pfötchen  mit  einem  Stäbchen  die  farbigen  Strahlen  da 
wegpariert,  wo  sie  nach  der  Theorie  selbst  noch  nicht 
existieren. 

Bei  unserer  dritten  Figur  sieht  man  nun  freilich  ein  noch 
komplizierteres  Spektrum  am  Ende  anlangen,  allein  es  ist 
und  bleibt  doch  immer  dasselbe.  Wir  finden  hier  eine  drei- 
fache Randerscheinung;  die  erste  oben  und  unten  aus  dem 
Prisma,  welche  nur  bis  zur  Tafel  gelangt;  die  zweite  in  der 
Mitte  aus  dem  Prisma,  an  den  beiden  Rändern,  welche 
das  Stäbchen  verursacht;  die  dritte  an  den  Grenzen  der 
Öffnung,  welche  die  Tafel  läßt  und  wodurch  die  mittlere 
Erscheinung  zugleich  durchgeht. 

Man  begreift  bei  genauer  Betrachtung  dieser  Normalfigur 
recht  gut,  was  für  verschiedenartige  Erscheinungen  vor- 
kommen müssen,  wenn  man  das  Stäbchen  hin  und  wieder 
bewegt,  so  daß  die  dadurch  neu  entstehenden  mit  den 
schon  entstandenen  sich  auf  allerlei  Weise  verbinden,  ver- 
mischen, sich  irren  und  einander  aufheben:  welches  aber 


ERKLÄRUNG  DER  TAFELN  2  9 1 

niemanden  irremachen  wird,  der  unsere  naturgemäße  Ab- 
leitung kennt. 

Vierzehnte  Tafel 

Die  mittlere  Figur  dieserTafel  gehört  zum  dritten  Versuche 
des  zweiten  Teils  der  Newtonischen  Optik  und  ist  von  uns 
schon  als  kaptios  und  falsch  gerügt  worden.  Man  vergleiche 
nunmehr  unsre  naturgemäße  oben  drüber  gestellte,  deren 
Teile  wir  mit  denselben  Buchstaben  bezeichnet  haben. 
A  B  C  ist  hier  auch  das  Prisma,  auf  welches  das  volle 
Sonnenhcht  fällt.  Bei  A  und  C  geht  jedoch  die  farbige 
Randerscheinung  an  und  würde  sich,  wenn  in  F  und  G 
eine  Tafel  stände,  daselbst  abbilden.  £)  und  B  ist  nun- 
mehr die  von  Newton  angegebene  Tafel,  welche  ganz  inner- 
halb des  weißen  Lichtes  stehen  soll.  Von  ihren  beiden 
Enden  Z>  und  £  würden  daher  naturgemäß  abermals  far- 
bige Randerscheinungen  entspringen  und  sich  in  fg  ab- 
bilden. 

Ließe  man  nun  die  Tafel  D  E  unbeweglich  stehen  und 
brächte  zwei  Tafeln  de  und  6  e  wie  Schaufeln  eines  Wasser- 
rades, jedoch  beweglich  an,  so  würden  von  den  Enden  s 
und  e  abermals  farbige  Ränder  verursacht  werden,  die  sich 
auf  der  Tafel  D  Eva.  h  und  i  abbildeten.  Hier  hätten  wir 
also  schon  die  Rändererscheinungen  dreimal  bei  diesem 
Versuche,  die  jedoch  Newton  völlig  verschweigt.  Um  nun 
diejenigen,  welche  er  aufführt,  und  denen  zuliebe  er  seinen 
Versuch  so  wunderlich  anstellt,  vorsAuge  bringen  zu  können, 
haben  wir  in  /und  k  ein  paar  Stifte  supponiert,  von  welchen 
die  Erscheinung  abermals  hervorgebracht  wird,  und  wo- 
durch noch  mehr  auffällt,  daß  es  eigentlich  ein  Rand  ist, 
welcher  die  Farben  verursacht,  ob  ihn  gleich  Newton  ge- 
rade durch  diesen  Versuch  ausschließen  und  beseitigen 
möchte. 

Wer  diese  beiden  Figuren  mit  Aufmerksamkeit  vergleicht, 
die  Newtonische  Auslegung  und  die  unsrige  wohl  be- 
herzigt, der  wird  hier  abermals  das  seltsamste  Beispiel, 
wie  ein  Versuch  entstellt  werden  kann,  mit  Verwunderung 
wahrnehmen. 
Die  untere  Figur  ist  die  Newtonische  zehnte  des  zweiten 


292  ZUR  FARBENLEHRE 

Teils  und  gehört  zu  dessen  dreizehntem  Versuch,  der  bei 
uns  entwickelt  worden. 

Fünfzehnte  Tafel 
Gehört  zum  historischen  Teil  und  stellt  die  Figur  vor, 
welche  Antonius  de  Dominis  zu  Versinnlichung  dessen, 
was  im  Regentropfen  vorgeht,  ausgedacht.  In  der  ange- 
zogenen Stelle  findet  man  seine  eigene  Erklärung.  Wenn 
vom  Regentropfen  die  Rede  sein  wird,  müssen  wir  uns 
abermals  darauf  beziehen.  Hier  bemerken  wir  nur,  daß  er 
nicht,  wie  seine  Nachfolger,  die  Sache  mit  einem  hypo- 
thetischen Strahl  abtut,  sondern  den  Durchschnitt  des  auf 
dem  Grunde  der  Kugel  zusammengezogenen  Sonnenbildes, 
durch  g g  bezeichnet,  naturgemäß  darstellt:  welches  bei 
einer  gründlichen  Erklärung  des  Regenbogens  von  großer 
Bedeutung  ist. 

Sechzehnte  Tafel* 
Das  zusammengesetzte  hohle  Wasserprisma  ist  hier  schwe- 
bend vorgestellt.  Man  kann  seine  zwei  undurchsichtigen 
bleiernen  Seiten  von  den  durchsichtigen  gläsernen  leicht 
unterscheiden  und  sieht,  daß  die  oberste  ni  cht  zugeschlossen 
ist.  Man  erkennt  das  schmale  Fensterblei,  wodurch  das 
ganze  Instrument  verbunden  wird,  indem  die  Bleizainen 
an  den  Rändern  hingeführt  und  wohlverkittet  sind. 
Es  schwebt  das  Prisma  über  seinem  Gestelle.  Dieses  hat 
zwei  Seitenbretter  mit  Leisten  eingefaßt,  um  das  Prisma 
zu  empfangen.  Die  eine  Leiste  ist  kurz  und  einfach,  die 
andere  länger  und  eingeschnitten.  Dieser  Einschnitt  dient, 
wenn  das  Prisma  unmittelbar  an  den  Brettern  niederge- 
lassen ist  und  auf  den  Leisten  ruht,  eine  ausgeschnittene 
Pappe  vor  die  eine  Fläche  des  Prismas  zu  schieben,  um 
dadurch  objektive  Versuche  hervorzubringen,  welche  mit 
den  subjektiven  parallel  gehn. 

Die  erstbeschriebenen  Seitenbretter  sind  durch  beweg- 
liche Zapfen  mit  zwei  Pfosten  verbunden  und  können 
durch  eine  Schraube  an  die  Pfosten  angezogen  oder  von 

*  Diese  von  Goethe  auch  im  zweiten  Stück  der  „Beiträge  zur  Optik" 
gegebene  Tafel  befindet  sich  hier  Seite  330. 


ERKLÄRUNG  DER  TAFELN  293 

denselben  entfernt  und  also  dem  Prisma  genau  angepaßt 
werden. 

Die  beiden  Pfosten  stehen  auf  einem  Boden  von  starkem 
Holz,  das  einwärts  vertieft  ist,  damit  das  aus  dem  prisma- 
tischen Gefäß  allenfalls  auströpfelnde  Wasser  aufgefangen 
werde.  Die  Leisten  der  oben  beschriebenen  Seitenbretter 
gehn  unterwärts  nicht  zusammen,  damit  das  Wasser  un- 
gehindert abträufeln  könne. 

Ob  nun  gleich  dieses  Prisma,  wie  es  hier  vorgestellt  ist, 
leicht  angeschafft  werden  und  guten  Nutzen  gewähren  kann, 
so  ließe  sich  doch  solches  auf  mancherlei  Weise  verbessern. 
Besonders  würde  dasselbe  sehr  gewinnen,  wenn  man  an 
der  einen  untern  Seite,  genau  in  der  Spitze  des  Winkels, 
eine  mit  einem  verschlossenen  Hahn  versehene  Röhre  an- 
brächte, so  daß  man  das  Wasser  bequem  ablassen  und  das 
Gefäß  jederzeit  reinigen  könnte,  welches  jetzt  nur  ge- 
schehen kann,  indem  man  es  aus  dem  Gestelle  hebt.  Wie 
dieses  Erfordernis,  und  was  sonst  noch  zu  wünschen  wäre, 
zu  bewerkstelligen  sei,  wird  ein  geübter  Mechaniker  wohl 
auszudenken  wissen. 


CHROMATIK 


Bringst  du  die  Natur  heran^ 
Daß  sie  jeder  nutzen  kann; 
Falsches  hast  du  nicht  ersonnen^ 
Hast  der  Menschen  Gunst  gewonnen. 


BEITRÄGE  ZUR  OPTIK 

ERSTES  STÜCK.  1791 
MIT  XXVn  TAFELN  1 

Einleitung 

1.  /'  ^EGEN  die  Reize  der  Farben,  welche  über  die 
I  -»ganze  sichtbare  Natur  ausgebreitet  sind,  werden 
^^ — Jnur  wenig  Menschen  unempfindlich  bleiben.  Auch 

ohne  Bezug  auf  Gestalt  sind  diese  Erscheinungen  dem 
Auge  gefäUig  und  machen  an  und  für  sich  einen  ver- 
gnügenden Eindruck.  Wir  sehen  das  einfache  Grün  einer 
frischgemähten  Wiese  mit  Zufriedenheit,  ob  es  gleich  nur 
eine  unbedeutende  Fläche  ist,  und  ein  Wald  tut  in  einiger 
Entfernung  schon  als  große  einförmige  Masse  unserm 
Auge  wohl. 

2.  Reizender  als  dieses  allgemeine  grüne  Gewand,  in 
welches  sich  die  ganze  vegetabilische  Natur  gewöhnlich 
kleidet,  sind  jene  entschiedenem  Farben,  womit  sie  sich 
in  den  Stunden  ihrer  Hochzeitfeier  schmückt.  Sie  tritt  aus 
ihrer  alltäglichen  Gleichgültigkeit  hervor  und  zeigt  end- 
lich, was  sie  lange  vorbereitet,  unserm  Auge.  Sie  wirkt 
auf  einmal,  schnell,  zu  dem  größten  Zwecke.  Die  Dauer 
künftiger  Geschlechter  wird  entschieden,  und  wir  sehen 
in  diesem  Augenblicke  die  schönsten  und  muntersten 
Blumen  und  Blüten. 

3.  Wie  angenehm  beleben  bunte  und  gescheckte  Tiere 
die  Wälder  und  die  Wiesen!  Wie  ziert  der  Schmetterling 
die  Staude,  der  Vogel  den  Baum!  Ein  Schauspiel,  das  wir 
Nordländer  freilich  nur  aus  Erzählungen  kennen.  Wir  stau- 
nen, als  hörten  wir  ein  Märchen,  wenn  der  entzückte  Rei- 
sende uns  von  einem  Palmenwalde  spricht,  auf  den  sich 
ein  Flug  der  größten  und  buntesten  Papageien  niederläßt 
und  zwischen  seinen  dunkeln  Ästen  sich  wiegt. 

4.  Ebenso  wird  es  uns,  wenn  wir  eine  Zeitlang  in  dem 
schönen  Italien  gelebt,  ein  Märchen,  wenn  wir  uns  er- 
innern, wie  harmonisch  dort  der  Himmel  sich  mit  der  Erde 
verbindet  und  seinen  lebhaften  Glanz  über  sie  verbreitet. 
Er  zeigt  uns  meist  ein  reines  tiefes  Blau;  die  auf-  und 

^  Vgl.  am  Schluß  des  Bandes  die  27  Abbildungen  auf  den  nenn 
Tafeln  "Beiträge  zur  Optik", 


2  98  CHROMATIK 

untergehende  Sonne  gibt  uns  einen  Begriff  vom  höchsten 
Rotbis  zum  lichtesten  Gelb;  leichtehin  und  wieder  ziehende 
Wolkenfärben  sich  mannigfaltig,  und  die  Farben  des  himm- 
lischen Gewölbes  teilen  sich  auf  die  angenehmste  Art  dem 
Boden  mit,  auf  dem  wir  stehen.  Eine  blaue  Feme  zeigt 
uns  den  liebhchsten  Übergang  des  Himmels  zur  Erde,  und 
durch  einen  verbreiteten  reinen  Duft  schwebt  ein  lebhafter 
Glanz  in  tausendfachen  Spielungen  über  der  Gegend.  Ein 
angenehmes  Blau  färbt  selbst  die  nächsten  Schatten;  der 
Abglanz  der  Sonne  entzückt  uns  von  Blättern  und  Zwei- 
gen, indes  der  reine  Himmel  sich  im  Wasser  zu  unsern 
Füßen  spiegelt.  Alles  was  unser  Auge  übersieht,  ist  so 
harmonisch  gefärbt,  so  klar,  so  deutlich,  und  wir  ver- 
gessen fast,  daß  auch  Licht  und  Schatten  in  diesem  Bilde 
sei.  Nur  selten  werden  wir  in  unsern  Gegenden  an  jene 
paradiesischen  Augenblicke  erinnert,  und  ich  lasse  einen 
Vorhang  über  dieses  Gemälde  fallen,  damit  es  uns  nicht 
an  ruhiger  Betrachtung  störe,  die  wir  nunmehr  anzustellen 
gedenken. 

5.  Wenn  wir  die  Körper,  aus  denen  die  Welt  besteht,  im 
Bezüge  auf  Farben  betrachten,  so  können  wir  leicht  be- 
merken, daß  diese  zarten  Erscheinungen,  die  bei  gewissen 
Veränderungen  des  Körpers  so  leicht  entstehen  und  ver- 
schwinden, nicht  etwa  zufälhg  sind,  sondern  von  bestän- 
digen Gesetzen  abhangen.  Gewisse  Farben  sind  gewissen 
Geschöpfen  eigen,  und  jede  Veränderung  der  äußerlichen 
Erscheinung  läßt  uns  auf  eine  innere  wesentliche  Ver- 
änderung schließen.  Die  Rose  verbleicht,  indem  sie  ver- 
blüht, und  die  bunte  Farbe  des  Waldes  verkündigt  uns 
die  rauhe  Jahreszeit. 

6.  Von  diesen  Erfahrungen  geleitet,  schließen  wir,  daß  es 
mit  andern  Wirkungen  der  Natur  ebenso  beschaffen  sei. 
Indem  wir  den  Himmel  blau  sehen,  schreiben  wir  der 
Luft  eine  blaue  Eigenschaft  zu  und  nehmen  an,  daß  wir 
diese  alsdann  erst  gewahr  werden,  wann  wir  eine  große 
Luftmasse  vor  uns  haben.  Wir  erklären  auch  die  blaue 
Farbe  der  Berge  auf  diese  Weise,  ob  wir  gleich  bei  näherer 
Aufmerksamkeit  leicht  bemerken,  daß  wir  mit  dieser  Er- 
klärung nicht  auslangen:  denn,  wäre  sie  richtig,  so  müßten 


BEITRÄGE  ZUR  OPTIK  I  299 

die  entferntesten  Berge  am  dunkelblauesten  erscheinen, 
weil  sich  zwischen  uns  und  ihnen  die  größte  Luftmasse 
befindet.  Wir  bemerken  aber  gerade  das  Gegenteih  denn 
nur  in  einer  gewissen  Entfernung  erscheinen  die  Berge 
im  schönen  hohen  Blau,  da  die  entfernteren  immer  heller 
werden  und  sich  zuletzt  ins  Weißhche  verlieren. 

7.  Eine  andere  Lufterscheinung  gibt  uns  noch  mehr  zu 
denken.  Es  verbreitet  ein  Gewitter  über  die  Gegend  einen 
traurigen  Schleier,  die  Sonne  bescheint  ihn,  und  es  bildet 
sich  in  diesem  Augenblick  ein  Kreis  der  angenehmsten 
und  lebhaftesten  Farben.  DieseErscheinung  ist  so  wunder- 
bar erfreulich  an  sich  selbst  und  so  tröstlich  in  dem 
Augenblicke,  daß  jugendlich  empfindende  Völker  eine 
niedersteigende  Botschaft  der  Gottheit,  ein  Zeichen  des 
geschlossenenFriedensbundes  zwischen  Göttern  undMen- 
schen  darin  zu  erkennen  glaubten. 

8.  Die  beständigen  Farben  dieser  Erscheinung  und  ähn- 
licher Phänomene  lassen  uns  ein  sehr  einfaches  und  be- 
ständiges Gesetz  vermuten,  das  auch  zum  Grunde  anderer 
Phänomene  zu  liegen  scheint.  Schon  das  Kind  findet  in 
der  Seifenblase  ein  buntes  Spielwerk,  und  den  Knaben 
blendet  die  glänzende  Farbenerscheinung,  wenn  er  durch 
ein  besonders  geschliffenes  Glas  die  Welt  ansieht.  Der 
Jüngling  beobachtet,  vergleicht,  zählt,  und  findet:  daß  sich 
die  unendliche  Abweichung  der  Farbenharmonie  in  einem 
kleinen  Kreise  nahe  beisammen  übersehen  lasse;  und  da- 
mit es  ja  am  Gegensatze  nicht  fehle,  so  werden  diese 
Farben,  die  bisher  so  angenehm  waren,  so  manche  Er- 
götzlichkeit gewährten,  dem  Manne  in  dem  Augenblicke 
hinderlich  und  verdrießlich,  wenn  er  sich  entfernte  Gegen- 
stände durch  Hülfe  künstlicher  Gläser  näher  bringen  und 
die  leuchtenden  Körper,  die  in  dem  unendlichen  Räume 
geordnet  sind,  genauer  beobachten  will. 

9.  Von  diesen  schönen  und,  wie  gesagt,  unter  gewissen 
Umständen  unbequemen  Erscheinungen  sind  seit  den 
ältesten  Zeiten  nachdenkende  Menschen  gereizt  worden, 
sie  teils  genauer  zu  beobachten,  teils  sie  durch  künstliche 
Versuche  unter  verschiedenen  Umständen  zu  wiederholen, 
ihrer  Ursache  und  ihren  Verhältnissen  näher  zu  bringen. 


300  CHROMATIK 

Die  Geschichte  der  Optik  lehrt  uns,  wie  langsam  es  da- 
mit zuging. 

10.  Jedermann  weiß,  daß  vor  mehr  als  hundert  Jahren 
ein  tiefsinniger  Mann  sich  mit  dieser  Materie  beschäftigte, 
mancherleiErfahrungenanstellte,  einLehrgebäude,  gleich- 
sam als  eine  Feste  mitten  im  Felde  dieser  Wissenschaft, 
errichtete  und  durch  eine  mächtige  Schule  seine  Nach- 
folger nötigte,  sich  an  diese  Partei  anzuschließen,  wenn 
sie  nicht  besorgen  wollten,  ganz  und  gar  verdrängt  zu 
werden. 

11.  Indessen  hat  es  doch  dieser  Lehre  nicht  an  Wider- 
sachern gefehlt,  und  es  steht  von  Zeit  zu  Zeit  einer  und 
der  andere  wieder  auf;  obgleich  die  meisten,  gleich  als 
hätten  sie  verwegen  die  Lade  des  Bundes  angerührt,  aus 
der  Reihe  der  Lebendigen  verschwinden. 

12.  Demungeachtet  kann  man  sich  nicht  leugnen,  daß 
große  und  wichtige  Einwendungen  gegen  das  Newtonsche 
System  gemacht  worden.  Ob  sie  widerlegt  sind,  bleibt 
noch  eine  Frage:  denn  wer  wäre  stolz  genug,  in  einer  so 
verwickelten  Sache  sich  zum  Richter  aufzuwerfen? 

13.  Es  würde  sogar  verwegen  sein,  sich  in  jenen  Streit 
zu  mischen,  wenn  nicht  derjenige,  der  in  dieser  Wissen- 
schaft einige  Vorschritte  machen  will,  zu  seiner  eigenen 
Belehrung  die  angefochtenen  Punkte  untersuchen  müßte. 
Dieses  wird  schwer,  weil  die  Versuche  verwickelt  und  be- 
schwerlich nachzumachen  sind,  weil  die  Theorie  abstrakt 
ist  und  die  Anwendung  derselben  ohne  die  genauste  Ein- 
sicht in  die  höhere  Rechenkunst  nicht  beurteilt  werden 
kann. 

14.  Diese  Schwierigkeiten  würden  mich  mutlos  gemacht 
haben,  wenn  ich  nicht  bedacht  hätte:  daß  reine  Erfahrungen 
zum  Fundament  der  ganzen  Naturwissenschaft  liegen  soll- 
ten, daß  man  eine  Reihe  derselben  aufstellen  könne,  ohne 
auf  irgendeinen  weiteren  Bezug  Rücksicht  zu  nehmen; 
daß  eine  Theorie  nur  erst  alsdann  schätzenswert  sei,  wenn 
sie  alle  Erfahrungen  unter  sich  begreift  und  der  prak- 
tischen Anwendung  derselben  zu  Hülfe  kommt;  daß  end- 
lich die  Berechnung  selbst,  wenn  sie  nicht,  wie  so  oft  ge- 
schehen ist,  vergebene  Bemühung  sein  soll,  auf  sicheren 


BEITRÄGE  ZUR  OPTIK  I  301 

Datis  fortarbeiten  müsse.  In  dieser  Überzeugung  entschloß 
ich  mich,  den  physikalischen  Teil  der  Lehre  des  Lichtes 
und  der  Farben  ohne  jede  andere  Rücksicht  vorzunehmen, 
und  gleichsam  für  einen  Augenblick  zu  supponieren,  als 
wenn  in  demselben  noch  vieles  zweifelhaft,  noch  vieles 
zu  erfinden  wäre. 

15.  Meine  Pflicht  war  daher,  die  bekannten  Versuche 
aufs  genaueste  nochmals  anzustellen,  sie  zu  analysieren, 
zu  vergleichen  und  zu  ordnen,  wodurch  ich  in  den  Fall 
kam,  neue  Versuche  zu  erfinden  und  die  Reihe  derselben 
vollständiger  zu  machen.  Da  ich  dem  lebhaften  Wunsche 
nicht  widerstehen  konnte,  wenigstens  mein  Vaterland  auf 
diese  Wissenschaft  aufmerksamer  zu  sehen,  als  es  bisher 
gewesen,  so  habe  ich  gesorgt,  daß  man  so  leicht  und  be- 
quem als  möglich  die  Erfahrungen  selbst  anstellen  könne, 
von  denen  die  Rede  sein  wird,  und  ich  werde  am  Ende 
dieses  Aufsatzes  noch  besonders  von  dem  Gebrauche 
der  kleinen  Tafeln  sprechen,  welche  zugleich  ausgegeben 
werden. 

16.  Wir  haben  in  diesen  letzten  Jahren  eine  Wissenschaft 
unglaublich  erweitert  gesehen,  und  sie  erweitert  sich  zu 
unsrer  Freude  und  zu  unserm  Nutzen  gleichsam  noch  jeden 
Tag:  ich  meine  die  Chemie.  Aber  welch  ein  allgemeines 
Bestreben  der  scharfsichtigsten  Männer  wirkt  nicht  in  der- 
selben! Welche  Mannigfaltigkeit  von  Erfahrungen!  Welche 
genaue  Untersuchung  der  Körper,  auf  die  man  wirkt;  wel- 
che scharfe  Prüfung  der  Instrumente,  durch  die  man  wirkt; 
welche  methodische  Fortschritte;  welche  glückliche  Be- 
nutzung zufälliger  Erscheinungen;  welche  Kühnheit  in 
Hypothesen;  welche  Lebhaftigkeit  in  Bestreitung  der- 
selben; wie  viele  in  diesem  Konflikt  beiden  Parteien 
gleichsam  abgedrungene  Erfindungen;  welche  unpartei- 
ische Benutzung  desjenigen,  was  durch  allgemeine  Be- 
mühung nicht  einem,  sondern  allen  gehört! 

17.  Es  wird  manchem,  der  den  Fleiß  und  die  Sorgfalt 
kennt,  mit  welchen  die  Optik  schon  durchgearbeitet  wor- 
den, vielleicht  sonderbar  vorkommen,  wenn  ich  dieser 
Wissenschaft  auch  noch  eine  solche  Epoche  zu  wünschen 
mich  unterfange.  Wenn  man  sich  aber  erinnert,  wie  oft 


302  CHROMATIK 

sich  scheinbare  Hypothesen  in  der  Vorstellung  der  Men- 
schen festsetzten,  sich  lange  darin  behaupteten  und  nur 
durch  ein  ungeheures  Übergewicht  von  Erfahrungen  end- 
lich verbannt  werden  konnten;  wenn  man  weiß,  wie  leicht 
eine  flache  bildliche  Vorstellung  von  der  Einbildungs- 
kraft aufgenommen  wird  und  der  Mensch  sich  so  gerne 
überredet,  er  habe  die  wahren  Verhältnisse  mit  dem  Ver- 
stände gefaßt;  wenn  man  bemerkt  hat,  wie  behaglich  er 
oft  das  zu  begreifen  glaubt,  was  er  nur  weiß:  so  wird  man, 
besonders  in  unserm  Jahrzehent,  wo  die  verjährtesten 
Rechte  bezweifelt  und  angegriffen  werden,  verzeihlich  fin- 
den, wenn  jemand  die  Dokumente  untersucht,  aufweiche 
eine  wichtige  Theorie  ihren  Besitz  gegründet  hat. 
i8.  Man  wird  es  mir  um  so  mehr  verzeihen,  da  ich  zu- 
fälligerweise und  durch  andere  Wege  in  den  Kreis  dieser 
Wissenschaft  gelangt  bin,  als  diejenigen  sind,  durch  die 
man  sich  ihr  gewöhnlich  nähert.  Durch  den  Umgang  mit 
Künstlern  von  Jugend  auf  und  durch  eigene  Bemühungen 
wurde  ich  auf  den  wichtigen  Teil  der  Malerkunst,  auf  die 
Farbengebufjg  aufmerksam  gemacht,  besonders  in  den  letz- 
ten Jahren,  da  die  Seele  ein  lebhaftes  freudiges  Bild  der 
harmonisch-farbigen  Welt  unter  einem  reinen  glücklichen 
Himmel  empfing.  Denn  wenn  jemand  Ursach  hat,  sich  um 
die  Wirkungen  und  Verhältnisse  der  Farben  zu  bekümmern, 
so  ist  es  der  Maler,  der  sie  überall  suchen,  überall  finden, 
sie  versetzen,  verändern  und  abstufen  muß;  dahingegen 
der  Optiker  seit  langer  Zeit  beschäftigt  ist,  sie  zu  ver- 
bannen, seine  Gläser  davon  zu  reinigen,  und  nun  seinen 
höchsten  Endzweck  erreicht  hat,  da  das  Meisterwerk  der 
bis  auf  einen  hohen  Grad  farblosen  Sehröhre  in  unsern 
Zeiten  endlich  gelungen  ist. 

19.  Der  bildende  Künstler  konnte  von  jener  Theorie, 
woraus  der  Optiker  bei  seinen  negativen  Bemühungen  die 
vorkommenden  Erscheinungen  noch  allenfalls  erklärte, 
wenig  Vorteil  ziehen.  Denn  ob  er  gleich  die  bunten  Farben 
des  Prisma  mit  den  übrigen  Beobachtern  bewunderte  und 
die  Harmonie  derselben  empfand,  so  blieb  es  ihm  doch 
immer  ein  Rätsel,  wie  er  sie  über  die  Gegenstände  aus- 
teilen sollte,  die  er  nach  gewissen  Verhältnissen  gebildet 


BEITRÄGE  ZUR  OPTIK  I  303 

und  geordnet  hatte.  Ein  großer  Teil  der  Harmonie  eines 
Gemäldes  beruht  auf  Licht  und  Schatten;  aber  das  Ver- 
hältnis der  Farben  zu  Licht  und  Schatten  war  nicht  so 
leicht  entdeckt,  und  doch  konnte  jeder  Maler  bald  ein- 
sehen, daß  bloß  durch  Verbindung  beider  Harmonien 
sein  Gemälde  vollkommen  werden  könne,  und  daß  es 
nicht  genug  sei,  eine  Farbe  mit  Schwarz  oder  Braun  zu 
vermischen,  um  sie  zur  Schattenfarbe  zu  machen.  Man- 
cherlei Versuche  bei  einem  von  der  Natur  glücklich  ge- 
bildeten Auge,  Übung  des  Gefühls,  Überlieferung  und 
Beispiele  großer  Meister  brachten  endlich  die  Künstler 
auf  einen  hohen  Grad  der  Vortrefflichkeit,  ob  sie  gleich 
die  Regeln,  wornach  sie  handelten,  kaum  mitteilen  konn- 
ten; und  man  kann  sich  in  einer  großen  Gemäldesamm- 
lung überzeugen,  daß  fast  jeder  Meister  eine  andere  Art 
die  Farben  zu  behandeln  gehabt  hat. 

20.  Es  ist  hier  der  Ort  nicht,  diese  Materien  weiter  aus- 
zuführen, und  zu  untersuchen,  welchen  allgemeinen  Ge- 
setzen diese  verschiedenen  Behandlungen  unterworfen 
sein  könnten.  Ich  bemerke  hier  nur  ein  Hauptgesetz,  wel- 
ches die  Künstler  entdeckten:  ein  solches,  das  mit  dem 
Gesetze  des  Lichtes  und  des  Schattens  gleichen  Schritt 
hielt  und  sich  an  dasselbe  auf  das  innigste  anschloß,  es 
war  das  Gesetz  der  sogenannten  warmen  und  kalten  Tinten. 
Man  bemerkte,  daß  gewisse  Farben,  nebeneinander  ge- 
stellt, ebenso  einen  großen  Effekt  machten,  als  tiefer 
Schatten  neben  dem  hellsten  Lichte,  und  daß  diese  Farben 
ebensogut  Abstufungen  erlitten  als  der  Schatten  durch 
die  Widerscheine.  Ja  es  fand  sich,  daß  man  bloß  durch 
die  Gegeneinanderstellung  der  Farben  gleichsam  ohne 
Schatten  ein  sehr  vollkommenes  Gemälde  hervorbringen 
könnte,  wie  uns  noch  jetzt  reizende  Bilder  der  größten 
Meister  Beispiele  geben. 

21.  Mit  allen  diesen  Punkten,  deren  hier  nur  im  Vorbei- 
gehen gedacht  wird,  werden  wir  uns  in  der  Folge  mehr 
beschäftigen,  wenn  wir  erst  eine  Reihe  Erfahrungen  durch- 
gegangen sind.  Dieses  erste  gegenwärtige  Stück  wird  die 
einfachsten  prismatischen  Versuche  enthalten,  wenige, 
aber  merkwürdige  Versuche,  die  zwar  nicht  alle  neu,  aber 


304  CHROMATIK 

doch  nicht  so  bekannt  sind,  als  sie  es  zu  sein  verdienten. 
Es  sei  mir  erlaubt,  eh  ich  sie  vortrage,  das  Allgemeinere 
vorauszuschicken. 

2  2 .  Den  Zustand  des  Raums  um  uns,  wenn  wir  mit  ofienen 
gesunden  Augen  keine  Gegenstände  erblicken,  nennen   i 
wir  die  Finsternis.  Wir  denken  sie  abstrakt  ohne  Gegen-    | 
stand  als  eine  Verneinung,  sie  ist,  wie  die  Ruhe,  den   } 
Müden  willkommen,  den  Muntern  unangenehm.  i 

23.  Das  Licht  hingegen  können  wir  uns  niemals  in  ab-   j 
stracto  denken,  sondern  wir  werden  es  gewahr  als  die  j 
Wirkung  eines  bestimmten  Gegenstandes,  der  sich  in  dem   I 
Räume  befindet  und  durch  eben  diese  Wirkung  andere 
Gegenstände  sichtbar  macht. 

24.  Licht  und  Finsternis  führen  einen  beständigen  Streit 
miteinander;  Wirkung  und  Gegenwirkung  beider  ist  nicht  j 
zu  verkennen.  Mit  ungeheurer  Elastiziät  und  Schnelhg-  ! 
keit  eilt  das  Licht  von  der  Sonne  zur  Erde  und  verdrängt  ' 
die  Finsternis;  ebenso  wirkt  ein  jedes  künstliche  Licht  in  i 
einem  proportionierten  Räume.  Aber  sobald  diese  un-  ! 
mittelbare  Wirkung  wieder  aufhört,  zeigt  die  Finsternis  , 
wieder  ihre  Gewalt  und  stellt  sich  in  Schatten,  Dämme- 
rung und  Nacht  sogleich  wieder  her. 

25.  Die  Oberflächen  der  Körper,  die  uns  sichtbar  werden, 
haben  außer  ihren  Eigenschaften,  welche  wir  durchs  Ge- 
fühl erkennen,  noch  eine,  welche  dem  Gefühl  gewöhnlich 
nicht  unterworfen  ist;  wir  nennen  diese  Eigenschaft  ^rtrr^^. 
In  diesem  allgemeinen  Sinne  nennen  wir  Schwarz  und  'i 
Weiß  so  gut  als  Blau,  Gelb  und  Rot  mit  allen  ihren  Mi- 
schungen eine  Farbe.  Wenn  wir  aber  genauer  aufmerken, 
so  werden  wir  leicht  finden,  daß  wir  jene  beiden  ersten 
von  den  letztern  abzusondern  haben. 

26.  Die  Wirkung  des  Lichts  auf  ungefärbte  Wassertropfen, 
welche  sich  vor  einem  dunkeln  Grunde  befinden,  zeigt 
uns  eine  Erscheinung  von  Gelb,  Blau  und  Rot  mit  ver- 
schiedenen Mischungen:  ein  ungefärbtes  prismatisches 
Glas  läßt  uns  ein  ähnliches  Phänomen  an  allen  Gegen- 
ständen erblicken.  Diese  Farben,  welche  an  der  Ober-  i 
fläche  der  Körper  nicht  bleibend  sind,  sondern  nur  unter 
gewissen  Umständen  gesehen  werden,  möchte  ich  absolute 


BEITRÄGE  ZUR  OPTIK  I  305 

Farben  nennen;  die  mit  ihnen  korrespondierenden  Ober- 
flächen/^r^z^^'^  Körper. 

27.  Wir  bemerken,  daß  wir  allen  absoluten  Farben  körper- 
liche Repräsentanten  stellen  können,  welche,  ob  sie  gleich 
nicht  in  dem  Glänze  wie  jene  erscheinen,  dennoch  sich 
ihnen  in  einem  hohen  Grade  nähern  und  eine  gewisse 
Verwandtschaft  anzeigen. 

28.  Sind  diese  farbigen  Körper  von  der  Art,  daß  sie  ihre 
Eigenschaften  ungefärbten  oder  anders  gefärbten  Kör- 
pern leicht  mitteilen,  so  nennen  wir  %\^  färbende  Körper, 
oder  nach  dem  Vorschlage  Herrn  Hofrats  Lichtenberg 
Pigmente. *^ 

29.  Wie  wir  nun  auf  diese  Weise  farbige  Körper  und 
Pigmente  teils  finden,  teils  bereiten  und  mischen  können, 
welche  die  prismatischen  Farben  so  ziemlich  repräsen- 
tieren: so  ist  das  reine  Weiß  dagegen  ein  Repräsentant 
des  Lichts,  das  reine  Schwarz  ein  Repräsentant  der  Fin- 
sternis, und  in  jenem  Sinne,  wie  wir  die  prismatische  Er- 
scheinung farbig  nennen,  ist  Weiß  und  Schwarz  keine 
Farbe;  aber  es  gibt  so  gut  ein  weißes  als  schwarzes  Pig- 
ment, mit  welchem  sich  diese  Erscheinung  auf  andere 
Körper  übertragen  läßt. 

30.  Unter  den  eigentlich  farbigen  Erscheinungen  sind  nur 
zwei,  die  uns  einen  ganz  reinen  Begrifif  geben,  nämlich 
Gelb  und  Blau.  Sie  haben  die  besondere  Eigenschaft,  daß 
sie  zusammen  vermischt  eine  dritte  Farbe  hervorbringen, 
die  wir  Grün  nennen. 

31.  Dagegen  kennen  wir  die  rote  Farbe  nie  in  einem  ganz 
reinen  Zustande:  denn  wir  finden,  daß  sie  sich  entweder 
zum  Gelben  oder  zum  Blauen  hinneigt. 

32.  Von  den  übrigen  Mischungen  und  Abstufungen  wird 
erst  in  der  Folge  die  Rede  sein  können. 

I 

Prismatische   Erscheinungen   im   allgemeinen 

33.  Das  Prisma,  ein  Instrument,  welches  in  den  Morgen- 
ländern so  hoch  geachtet  wird,  daß  sich  der  chinesische 

*  Enclebens  Natnrlehre,  fünfte  Auflage,  S.  315. 
r.OETHE  XVII  20. 


3o6  CHROMATIK 

Kaiser  den  ausschließenden  Besitz  desselben,  gleichsam 
als  ein  Majestätsrecht,  vorbehält,  dessen  wunderbare  Er- 
scheinungen uns  in  der  ersten  Jugend  auffallen  und  in 
jedem  Alter  Verwunderung  erregen,  ein  Instrument,  auf 
dem  beinahe  allein  die  bisher  angenommene  Farbentheorie 
beruht,  ist  der  Gegenstand,  mit  dem  wir  uns  zuerst  be- 
schäftigen werden. 

34.  Das  Prisma  ist  allgemein  bekannt,  und  es  ist  kaum 
nötig  zu  sagen,  daß  solches  ein  länglicher  gläserner  Kör- 
per sei,  dessen  beide  Endflächen  aus  gleichen,  parallel- 
stehenden Triangeln  gebildet  sind.  Parallele  Ränder  gehen 
rechtwinklig  von  den  Winkeln  beider  Endflächen  aus,  ver- 
binden diese  Endflächen  und  bilden  drei  gleiche  Seiten. 

35.  Gewöhnlich  sind  die  Dreiecke,  durch  welche  die  Ge- 
stalt des  Prisma  bestimmt  wird,  gleichseitig,  und  folglich 
auch  alle  Winkel  derselben  gleich  und  jeder  von  sechzig 
Graden.  Es  sind  diese  zum  Gebrauch  ganz  bequem  und 
können  bei  unsern  Versuchen  nicht  entbehrt  werden.  Doch 
wird  es  auch  nötig  sein,  solche  Prismen  anzuwenden,  deren 
Basis  ein  gleichschenkliger  spitzwinkliger  Triangel,  ohn- 
gefähr  von  fünfzehn  bis  zwanzig  Graden  ist.  Rechtwinklige 
und  stumpfwinklige  Prismen  lassen  wir  vorerst  unberührt. 

36.  Wenn  wir  ein  gewöhnhches  gleichseitiges  Prisma  vor 
die  Augen  nehmen,  so  erscheinen  uns  die  Gegenstände 
auf  eine  mannigfaltige  Weise  gefärbt,  die  Erscheinung  ist 
blendend  und  manchen  Augen  schmerzhaft;  ich  muß  da- 
her wünschen,  daß  diejenigen,  welche  an  meinen  Be- 
mühungen Anteil  nehmen  möchten  und  nicht  gewohnt 
sind,  durch  das  Prisma  zu  sehen,  zuerst  ihr  Auge  daran 
üben,  teils  um  sich  an  die  Erscheinung  zu  gewöhnen,  teils 
die  Verwunderung,  welche  die  Neuheit  derselben  erregt, 
einigermaßen  abzustumpfen.  Denn  sollen  Versuche  me- 
thodisch angestellt  und  in  einer  Reihe  vorgetragen  wer- 
den, so  ist  es  nötig,  daß  die  Seele  des  Beobachters  aus 
der  Zerstreuung  sich  sammle  und  von  dem  Staunen  zur 
Betrachtung  übergehe. 

37.  Man  nehme  also  zuerst  das  Prisma  vor,  betrachte 
durch  dasselbe  die  Gegenstände  des  Zimmers  und  der 
Landschaft,  man  halte  den  Winkel,  durch  den  man  sieht. 


BEITRÄGE  ZUR  OPTIK  I  307 

bald  oberwärts  bald  unterwärts,  man  halte  das  Prisma 
horizontal  oder  vertikal,  und  man  wird  immer  dieselbigen 
Erscheinungen  wahrnehmen.  Die  Linien  werden  im  ge- 
wissen Sinne  gebogen  und  gefärbt  sein;  schmale,  kleine 
Körper  werden  ganz  farbig  erscheinen  und  gleichsam  far- 
bige Strahlen  von  ihnen  ausfahren;  man  wird  Gelb,  Rot, 
Grün,  Blau,  Violett  und  Pfirsichblüt  bald  hier  und  da  er- 
blicken; alle  Farben  werden  harmonieren;  man  wird  eine 
gewisse  Ordnung  wahrnehmen,  ohne  sie  genau  bestimmen 
zu  können,  und  ich  wünsche,  daß  man  diese  Erscheinungen 
so  lange  betrachte,  bis  man  selbst  ein  Verlangen  empfindet, 
das  Gesetz  derselben  näher  einzusehen  und  sich  aus  die- 
sem glänzenden  Labyrinthe  herauszufinden.  Alsdann  erst 
wünschte  ich,  daß  man  zu  den  nachstehenden  Versuchen 
überginge  und  sich  gefallen  ließe,  der  Demonstration  mit 
Aufmerksamkeit  zu  folgen  und  das,  was  erst  Spiel  war,  zu 
einer  ernsthaften  Beschäftigung  zu  machen. 

II 
Besondere  prismatische  Versuche 

38.  Ein  durchsichtiger  Körper  kann  im  allgemeinen  Sinne 
prismatisch  heißen,  wenn  zwei  Flächen  desselben  in  einem 
Winkel  zusammenlaufen.  Wir  haben  auch  bei  einem  jeden 
Prisma  nur  auf  diesen  Winkel,  welcher  gewöhnlich  der 
brechende  Winkel  genannt  wird,  zu  sehen,  und  es  kommen 
bei  den  Versuchen,  welche  gegenwärtig  angestellt  werden, 
nur  zwei  Flächen  in  Betracht,  welche  durch  denselben 
verbunden  werden.  Bei  einem  gleichwinkligen  Prisma, 
dessen  drei  Flächen  gleich  sind,  denken  wir  uns  die  eine 
Fläche  weg  oder  bedecken  sie  mit  einem  schwarzen  Pa- 
piere, um  uns  zu  überzeugen,  daß  sie  vorerst  weiter  keinen 
Einfluß  hat.  Wir  kehren  bei  den  folgenden  Versuchen  den 
brechenden  Winkel  unterwärts,  und  wenn  wir  auf  diese 
Weise  die  Erscheinungen  genau  bemerkt  haben,  so  können 
wir  nachher  denselben  hinaufwärts  und  auf  beide  Seiten 
kehren  und  die  Reihe  von  Versuchen  wiederholen. 

39.  Mit  dem  auf  die  angezeigte  Weise  gerichteten  Prisma 
beschaut  der  Beobachter  nochmals  zuerst  alle  Gegen- 


3o8  CHROMATIK 

stände,  die  sich  in  seinem  Gesichtskreise  befinden.  Er 
wird  überall  bunte  Farben  erblicken,  welche  gleichsam 
den  Regenbogen  auf  mannigfaltige  Weise  wiederholen. 

40.  Er  wird  besonders  diese  Farben  an  horizontalen  Rän- 
dern und  kleinen  Gegenständen  am  lebhaftesten  wahr- 
nehmen, indem  von  ihnen  gleichsam  Strahlen  ausfahren 
und  sich  aufwärts  und  niederwärts  erstrecken.  Horizon- 
tale Linien  werden  zugleich  gefärbt  und  gebogen  sein: 
an  vertikalen  läßt  sich  keine  Farbe  bemerken,  und  nur 
bei  genauer  Beobachtung  wird  man  finden,  daß  zwei  ver- 
tikale Parallellinien  unterwärts  sich  ein  wenig  gegenein- 
ander zuneigen. 

41.  Man  betrachte  den  reinen  blauen  Himmel  durch  das 
Prisma,  man  wird  denselben  blau  sehen  und  nicht  die 
mindeste  Farbenspielung  an  demselben  wahrnehmen. 
Ebenso  betrachte  man  reine  einfarbige  oder  schwarze  und 
weiße  Flächen,  und  man  wird  sie,  wenn  das  Prisma  rein 
ist,  kaum  ein  wenig  dunkler  als  mit  bloßen  Augen  sehen, 
übrigensabergleichfalls  keine  Farbenspielungbemerken. 

42.  Sobald  an  dem  reinen  blauen  Himmel  sich  nur  das 
mindeste  Wölkchen  zeigt,  so  wird  man  auch  sogleich 
Farben  erblicken.  Ein  Stern  am  Abendhimmel  wird  sich 
sogleich  als  ein  buntes  Flämmchen,  und  jeder  bemerkliche 
Flecken  auf  irgendeiner  farbigen  Fläche  sogleich  bunte 
Farben  durch  das  Prisma  zeigen.  Eben  deswegen  ist  der 
vorstehende  Versuch  mit  großer  Vorsicht  anzustellen,  weil 
eine  schwarze  und  weiße,  wie  auch  jede  gefärbte  Fläche 
selten  so  rein  ist,  daß  nicht  z.  B.  in  dem  weißen  Papiere 
ein  Knötchen,  oder  eine  Faser,  an  einer  einförmigen  Wand 
irgendeine  Erhobenheit  sich  befinden  sollte,  wodurch  eine 
geringe  Veränderung  von  Licht  und  Schatten  hervor- 
gebracht wird,  bei  der  sogleich  Farben  sichtbar  werden. 

43.  Um  sich  davon  zu  überzeugen,  nehme  man  die  Karte 
Nr.  I  vor  das  Prisma,  und  man  wird  sehen,  wie  die  Farben 
sich  an  die  wurmförmig  gezogenen  Linien  anschmiegen. 
Man  wird  ein  übereinstimmendes,  aber  ein  verworrenes 
und  zum  Teil  undeutliches  Farbenspiel  bemerken. 

44.  Um  sogleich  einen  Schritt  weiterzugehen  und  sich 
zu  überzeugen,  daß  eine  regelmäßige  Abwechselung  von 


BEITRÄGE  ZUR  OPTIK  I  309 

Licht  und  Schatten  auch  regelmäßige  Farben  durchs  Prisma 
hervorbringe,  so  betrachte  man  Nr.  2,  worauf  schwarze 
und  weiße  Vierecke  regelmäßig  abwechseln.  Man  wird  mit 
Vergnügen  ein  Viereck  wie  das  andere  gefärbt  sehen,  und 
es  wird  noch  mehr  Aufmerksamkeit  erregen,  wenn  man 
die  Karte  dergestalt  vor  das  Prisma  hält,  daß  die  Seiten 
der  Vierecke  mit  der  Achse  des  Prisma  parallel  laufen. 
Man  wird  durch  die  bloße  veränderte  Richtung  ein  ver- 
ändertes Farbenspiel  auf  der  Karte  entstehen  sehen. 
Man  halte  ferner  die  Karten  Nr.  20  und  2 1  dergestalt  vor 
das  Prisma,  daß  die  Linien  parallel  mit  der  Achse  laufen; 
man  nehme  Nr.  22  horizontal,  perpendikular,  diagonal 
vor  das  Glas,  und  man  wird  immer  veränderte  Farben 
erblicken,  wenngleich  die  Karten  nur  schwarze  und  weiße 
Flächen  zeigen,  ja  sogar  wenn  nur  die  Richtung  derselben 
gegen  das  Prisma  verändert  wird. 

45.  Um  diese  wunderbare  Erscheinungen  näher  zu  ana- 
lysieren, nehmen  wir  die  Karte  Nr.  3  vor  das  Glas,  und 
zwar  so,  daß  der  weiße  Streifen  derselben  parallel  mit 
der  Achse  gerichtet  sei;  wir  bemerken  alsdann,  wenn  das 
Blatt  ohngefähr  eine  Elle  vom  Prisma  entfernt  steht,  einen 
reinen,  wenig  gebogenen  Regenbogenstreifen,  und  zwar 
die  Farben  völhg  in  der  Ordnung,  wie  wir  sie  am  Himmel 
gewahr  werden,  oben  Rot,  dann  herunterwärts  Gelb,  Grün, 
Blau,  Violett.  Wir  finden  in  gedachter  Entfernung  den 
weißen  Streifen  ganz  aufgehoben,  gebogen,  farbig  und 
verbreitert.  Die  Karte  Nr.  5  zeigt  die  Farbenordnung  und 
Gestalt  dieser  Erscheinung. 

46.  An  die  Stelle  jener  Karte  nehmen  wir  die  folgende 
Nr.  4,  und  es  wird  uns  in  derselben  Lage  der  schwarze 
Streif  eine  ähnliche  farbige  Erscheinung  zeigen;  nur  wer- 
den die  Farben  an  derselben  gewissermaßen  umgekehrt 
sein.  Wir  sehen  zu  unterst  Gelb,  dann  folgt  hinaufwärts 
Rot,  sodann  Violett,  sodann  Blau.  Der  schwarze  Streifen 
ist  ebensogut  wie  der  weiße  gebogen,  verbreitet  und  von 
strahlenden  Farben  völlig  aufgehoben.  Die  Karte  Nr.  6 
zeigt  ohngefähr,  wie  er  sich  dem  Auge  darstellt. 

47.  Wir  haben  bei  den  vorigen  Experimenten  gesehen, 
daß  sich  die  Ordnungen  der  Farben  gewissennaßen  um- 


3IO  CHROMATIK 

kehren:  wir  müssen  diesem  Gesetze  weiter  nachspüren. 
Wir  nehmen  deswegen  die  Karte  Nr.  7  vor  das  Prisma, 
und  zwar  dergestalt,  daß  der  schwarze  Teil  oben,  der 
weiße  Teil  unten  befindhch  ist:  und  wir  werden  sogleich 
an  dem  Rande  zwischen  beiden  einen  roten  und  gelben 
Streifen  erblicken,  ohne  daß  sich  an  diesem  Rande  eine 
Spur  von  Blau,  Grün  oder  Violett  finden  ließe.  Die  Karte 
Nr.  8  zeigt  uns  diesen  farbigen  Rand  gemalt. 

48.  Höchst  merkwürdig  ist  es  nun,  wenn  wir  die  Karte 
Nr.  7  umkehren,  dergestalt,  daß  das  Schwarze  unten  und 
das  Weiße  sich  oben  befindet:  in  diesem  Augenblicke 
zeigt  uns  das  Prisma  an  dem  Rande,  der  uns  vorhin  gelb 
und  rot  erschien,  einen  blau-  und  violetten  Streifen,  wie 
die  Karte  Nr.  9  denselben  zeigt. 

49.  Besonders  auffallend  ist  es,  wenn  wir  die  Karte  Nr.  7 
dergestalt  vor  das  Prisma  bringen,  daß  der  Rand  zwischen 
Schwarz  und  Weiß  vertikal  vor  uns  steht.  Wir  werden 
denselben  alsdann  ungefärbt  erblicken;  wir  dürfen  aber 
nur  mit  der  geringsten  Bewegung  ihn  hin  und  wieder 
neigen,  so  werden  wir  bald  Rot  bald  Blau  in  dem  Augen- 
blicke sehen,  wenn  das  Schwarze  oder  das  Weiße  bald 
oben  bald  unten  sich  befindet.  Diese  Erfahrungen  führen 
uns  natürlich  zu  den  folgenden  Versuchen. 

50.  Auf  der  Karte  Nr.  10  sind  zwei  schwarze  und  zwei 
weiße  Vierecke  kreuzweise  angebracht;  so  daß  sich  Schwarz 
und  Weiß  wechselsweise  übereinander  befindet.  Die  Wir- 
kung des  Prisma  bleibt  auch  hier,  wie  bei  den  vorigen 
Beobachtungen,  sich  gleich,  und  wir  sehen  nunmehr  die 
verschiedenfarbigen  Streifen  nebeneinander  auf  ««^/'Li- 
nie, wie  sie  Nr.  1 1  zeigt,  und  der  Begrifi' von  dem  Gegen- 
satze wird  uns  immer  einleuchtender. 

5 1 .  Um  diesen  völlig  zur  Klarheit  zu  bringen,  nehmen  wir 
die  Karte  Nr.  3  wieder  vor  das  Prisma  und  halten  sie  der- 
gestalt, daß  der  darauf  befindliche  weiße  Streifen  vertikal 
vor  uns  steht.  Wir  werden  sogleich  die  rote  und  gelbe 
Farbe  oben,  die  blaue  und  violette  unten  erblicken,  und 
der  Zwischenraum  des  Streifens  wird  weiß  erscheinen,  so 
wie  es  die  Karte  Nr.  12  angibt. 

52.  Betrachten  wir  auf  eben  die  Weise  die  Karte  Nr.  4, 


BEITRÄGE  ZUR  OPTIK  I  311 

so  sehen  wir  die  Erscheinung  abermals  umgekehrt,  indem 
an  dem  schwarzen  Streifen  das  Blaue  und  Violette  sich 
oben,  das  Rot  und  Gelbe  sich  unten  zeigt,  und  gleichfalls 
das  Schwarze  in  der  Mitte  unverändert  erscheint.  Nr.  13 
zeigt  uns  auch  diese  Farben  in  ihrer  Ordnung  und  Ent- 
fernung, 

III 
Übersicht  und  weitere  Ausführung 

53.  Das  Prisma  zeigt  den  Augen  desjenigen,  der  durch 
dasselbe  sieht,  alle  farbige  oder  unfarbige  Flächen  in  dem- 
selben Zustande,  wie  er  sie  mit  dem  bloßen  Auge  sieht, 
ohne  weitere  Veränderung,  als  daß  sie  wegen  Stärke  und 
Düsternheit  des  Glases  ein  wenig  dunkel  erscheinen,  wel- 
ches aber  auch  schon  der  Fall  bei  gläsernen  Tafeln  ist. 

54.  Das  Prisma  zeigt  nur  Farben  da,  wo  Licht  und  Schat- 
ten horizontal  wechseln;  deswegen  zeigt  es  gewöhnlich 
an  allen  horizontalen  Rändern  Farben,  weil  kaum  ein 
Rand  zu  denken  ist,  wo  nicht  auch  Abweichung  der  Farbe 
oder  des  Lichts  und  des  Schattens  von  einem  Gegenstande 
zum  andern  existiert. 

(Ich  merke  hier  zu  mehrerer  Deutlichkeit  an,  was  erst  in 
der  Folge  weiter  ausgeführt  werden  kann,  daß  an  den 
Rändern,  wo  farbige  Gegenstände  aneinander  stoßen,  das 
Prisma  gleichfalls  die  Farben  nach  dem  bisherigen  Ge- 
setze zeigt,  nämlich  nur  insofern,  als  eine  Farbe,  die  über 
der  andern  steht,  dunkler  oder  heller  ist.) 

55.  Das  Prisma  zeigt  die  Farben  nicht  aufeinander  folgend, 
sondern  einander  entgegengesetzt.  Da  auf  diesem  Grund- 
satze alles  beruht,  so  ist  es  notwendig,  die  Versuche,  die 
wir  schon  gesehen  haben,  in  dieser  Rücksicht  nochmals 
zu  wiederholen. 

56.  Wenn  wir  den  Versuch,  welcher  den  horizontalen 
weißen  Streifen  ganz  gefärbt  und  die  fünf  Farben  in  einer 
Folge  zeigt,  einen  Augenblick  bewundern,  so  hilft  uns 
doch  bald  die  alte  Theorie,  und  wir  können  uns  diesen 
horizontalen  Papierstreifen  als  eine  Öffnung  eines  Fenster- 
ladens, als  die  Wirkung  eines  hereinfallenden,  in  die  fünf 


312  CHROMATIK 

oder  sieben  Farben  gebrochenen  Lichtstreifens  vorstellen. 
Wenn  wir  aber  den  schwarzen  Streifen  auf  weiß  Papier 
vor  uns  nehmen,  so  verwundern  wir  uns  um  desto  mehr, 
da  wir  auch  diesen  schwarzen  Streifen  völlig  aufgehoben 
und  die  Finsternis  sowohl  als  das  Licht  in  Farben  ver- 
wandelt sehen.  Ich  habe  fast  einen  jeden,  der  diese  letzte 
Erfahrung  zum  ersten  Male  machte,  über  diese  beiden 
Versuche  erstaunt  gesehen;  ich  habe  die  vergeblichen 
Bemühungen  gesehen,  das  Phänomen  aus  der  bisherigen 
Theorie  zu  erklären. 

57.  Wir  dürfen  aber  nur  eben  diese  schwarzen  und  weißen 
Streifen  vertikal  halten  und  die  Versuche  des  §51  und  5  2 
wiederholen,  so  wirdsich  uns  gleich  das  Rätsel  aufschließen. 
Wir  sehen  nämlich  alsdann  die  obern  und  untern  Ränder 
völlig  voneinander  getrennt,  wir  sehen  den  schwarzen  und 
weißen  Stab  in  der  Mitte  und  bemerken,  daß  bei  jenen 
ersten  Versuchen  der  horizontale  schwarze  und  weiße  Stab 
nur  deswegen  ganz  gefärbt  war,  weil  er  zu  schmal  ist  und 
die  farbigen  Ausstrahlungen  beider  Ränder  einander  in 
der  Mitte  des  Stabes  erreichen  können. 

58.  Da  diese  Strahlungen,  wie  hier  nur  im  Vorbeigehn 
bemerkt  werden  kann,  in  der  Nähe  des  Prisma  geringer 
sind  als  in  der  Entfernung,  so  bringe  man  nur  den  hori- 
zontalen weißen  Streif  nahe  ans  Prisma,  und  man  wird  die 
getrennten  farbigen  Ränder  so  gut  als  in  dem  vertikalen 
Zustande  und  das  reine  Weiß  und  Schwarz  in  der  Mitte 
des  Streifes  erblicken;  man  entferne  ihn  darauf,  und  man 
wird  bald  in  dem  Weißen  das  Gelbe,  in  dem  Schwarzen 
das  Violette  herunterstrahlen  und  sowohl  Weiß  als  Schwarz 
völlig  aufgehoben  sehen.  Man  entferne  beide  Karten  noch 
weiter,  und  man  wird  in  der  Mitte  des  weißen  Streifes  ein 
schönes  Papageigrün  erblicken,  weil  Gelb  und  Blau  sich 
strahlend  vermischen.  Ebenso  werden  wir  in  der  Mitte  des 
schwarzen  Streifens  in  gedachter  Entfernung  ein  schönes 
Pfirsichblüt  sehen,  weil  die  Strahlungen  des  Violetten  und 
Roten  sich  miteinander  vereinigen.  Ich  füge,  zu  noch 
größerer  Deutlichkeit,  ein  Schema  hier  bei,  wie  an  ge- 
dachten Stellen  die  Farben  stehen  müssen. 

59.  Gesetz  der  farbigen  Ränder,  wie  solche  durchs  Prisma 


BEITRÄGE  ZUR  OPTIK  I  313 

erscheinen,  wenn,  wie  bei  allen  bisherigen  Versuchen 
vorausgesetzt  wird,  der  brechende  Winkel  unterwärts  ge- 
kehrt ist. 


Schema  I 

Schema  2 

Weiß  auf  Schwarz 

Schwarz  auf  Weiß 

Rot 

Blau 

Gelb 

Violett 

ttt 

ttt 

Blau 

Rot 

Violett 

Gelb. 

Ist  der  Körper,  an  dem  die  Ränder  erscheinen,  breit  ge- 
nug, so  kann  der  mit  f  t  t  bezeichnete  Raum  eine  pro- 
portionierliche  Breite  haben;  ist  der  Körper  schmal,  oder 
es  vermehrt  sich  die  Strahlung  durch  Entfernung,  so  ent- 
steht an  dem  Orte,  der  mit  ttt  bezeichnet  ist,  in  dem 
ersten  Falle  Grün,  in  dem  andern  Pfirsichblüt,  und  das 
Schema  sieht  alsdenn  so  aus: 


Schema  3 

Schema  4 

Weiß  auf  Schwarz 

Schwarz  auf  Weiß 

Rot 

Blau 

Gelb 

Violett 

Grün 

Pfirschblüt 

Blau 

Rot 

Violett 

Gelb. 

Nur  ist  in  beiden  Fällen  zu  bemerken,  daß  die  Mischungen 
Grün  und  Pfirsichblüt  bei  starken  Strahlungen  dergestalt 
prädominieren,  daß  sie  die  Farben,  woraus  sie  zusammen- 
gesetzt sind,  gänzlich  aufheben;  doch  wird  dieses  erst  in 
dem  eigenen  Kapitel  von  der  Strahlung  genauer  aus- 
geführt werden. 

60.  Da  die  bisher  allgemein  verbreiteten  Prismen  alle 
gleichseitig  sind  und  sehr  starke  Strahlungen  hervorbrin- 
gen, so  habe  ich  mich  in  meinem  Vortrage  darnach  ge- 
richtet, damit  die  Versuche  sogleich  desto  allgemeiner 


314  CHROMATIK 

angestellt  werden  können;  allein  die  ganze  Demonstration 
zieht  sich  ins  Kürzere  zusammen  und  erhält  sogleich  den 
höchsten  Grad  von  Evidenz,  wenn  man  sehr  spitze  Pris- 
men von  IG  bis  15  Graden  gebraucht.  Es  zeigen  sich  als 
denn  die  Farben  viel  reiner  an  den  Rändern  selbst  einer 
schmalen  horizontalen  Linie. 

61.  So  kann  man  z.  B.  die  beiden  Karten  Nr.  20  und  21 
durch  ein  spitzwinkhges  Prisma  ansehen,  und  man  wird 
den  feinen  blauvioletten  und  gelbroten  Streif  an  allen 
entgegengesetzten  Rändern  erblicken.  Nimmt  man  da- 
gegen ein  gleichseitiges  Prisma,  so  geben  beide  Karten, 
die  sich  nur  durch  die  verschiedenen  Breiten  der  weißen 
und  schwarzen  Streifen  unterschieden,  zwei  ganz  ver- 
schiedene Farbenspiele,  welche  sich  aus  den  Schemen  3 
und  4  und  der  ihnen  beigefügten  Bemerkung  leicht  er- 
klären lassen.  Die  Karte  Nr.  20  erklärt  sich  nach  dem 
Schema  Nr.  3  Weiß  auf  Schwarz,  und  es  zeigt  solche  in 
einer  Entfernung  von  ohngefähr  2  Fuß  Hochrot,  Papagei- 
grün, Violett;  und  es  läßt  sich  ein  Punkt  finden,  wo  man 
ebensowenig  Blau  als  Gelb  bemerkt.  Dagegen  ist  die  Karte 
Nr.  2 1  als  Schwarz  awf  Weiß  anzusehen;  sie  zeigt  in  ge- 
dachter Entfernung  Blau,  Pfirsichblüt  und  Gelb,  und  es  läßt 
sich  gleichfalls  eine  Entfernung  finden,  wo  man  kein  Hoch- 
rot und  kein  Violett  erblickt. 

62.  Die  Karte  19  zeigt  uns,  wenn  wir  sie  nah  genug  an 
das  Prisma  halten,  an  dem  breiten  Streifen  noch  Blau, 
Violett,  Hochrot  und  Gelb,  wenn  an  dem  schmälern 
Streifen  das  Hochrot  schon  durch  das  Violette  überwältigt 
und  zu  einem  hellen  Pfirsichblüt  verändert  ist.  Diese  Er- 
fahrung zeigt  sich  noch  deutlicher,  wenn  man  den  breiten 
Streif  noch  einmal  so  breit  macht,  welches  mit  ein  paar 
Pinselstrichen  geschehen  kann,  als  warum  ich  die  Lieb- 
haber ersuche.  Ein  ähnlicher  sehr  auffallender  Versuch 
findet  bei  den  Fensterrahmen  statt,  vorausgesetzt  daß  man 
den  freien  Himmel  hinter  ihnen  sieht:  der  starke  Quer- 
stab des  Kreuzes  wird  von  obenherein  blau,  violett,  hoch- 
rot und  gelb  erscheinen,  wenn  die  kleinen  Stäbe  nur  blau, 
violett  und  gelb  sind. 

62,.  Diese  Reihe  von  Experimenten,  deren  eins  sich  an  das 


BEITRÄGE  ZUR  OPTIK  I  315 

andere  anschließt,  entwickelt  die  Phänomene  der  Farben, 
wie  sie  uns  durch  das  Prisma  erscheinen,  wenn  die  Rän- 
der, an  denen  sie  gesehen  werden,  entschieden  schwarz 
auf  weiß  sind.  Grau  auf  Schwarz,  Weiß  und  Grau  läßt  uns 
zarte  und  sonderbare  Phänomene  sehen,  ebenso  die  übri- 
gen Farben,  gegen  Schwarz  und  Weiß,  gegeneinander 
selbst  gehalten  und  durchs  Prima  betrachtet.  In  dem  näch- 
sten Stücke  dieser  Beiträge  werden  auch  diese  Wirkungen 
umständlich  ausgeführt  werden,  und  es  sollte  mir  ange- 
nehm sein,  wenn  die  Sagazität  des  größten  Teils  meiner 
Leser  mir  voreilte,  ja  wenn  die  wichtigsten  Punkte,  die 
ich  noch  später  vorzutragen  habe,  von  einigen  entdeckt 
würden,  eh  sie  durch  mich  bekannt  werden:  denn  es  liegt 
in  dem  Wenigen,  was  schon  gesagt  ist,  in  diesen  gerin- 
gen, einem  Spielwerk  ähnlich  sehenden  Tafeln  der  Grund 
mancher  schönen  Folge  und  der  Erklärung  manches  wich- 
tigen Phänomens.  Gegenwärtig  kann  ich  nur  noch  einen 
Schritt  weiter  tun. 

64.  Unsere  bisherigen  Versuche  beschäftigten  sich  nur  mit 
gradlinichten  Rändern,  und  es  war  notwendig,  um  das 
Principium,  wornach  sie  gefärbt  erscheinen,  auf  das  ein- 
fachste und  faßlichste  darzustellen.  Wir  können  nunmehr, 
ohne  Furcht  uns  zu  verwirren,  uns  auch  an  gebogene 
Linien,  an  zirkelrunde  Gegenstände  wagen. 

65.  Man  nehme  die  Karte  Nr.  19  nochmals  zur  Hand  und 
halte  sie  in  der  Diagonale  vor  das  Prisma,  dergestalt  daß 
die  Kreuze  als  Andreaskreuze  erscheinen;  man  wird  die 
Farben  in  der  Folge  des  vierten  Schemas  erblicken,  und 
alle  Linien  werden  gefärbt  erscheinen.  Es  zeigen  sich  also 
hier  abermals  alle  Ränder  farbig,  sobald  sie  nur  im  min- 
desten vom  Perpendikel  abweichen.  Nimmt  man  die  Karte 
Nr.  2  3  nahe  vor  das  Prisma,  so  findet  man  die  Ränder  des 
schwarzen  und  weißen  Zirkels  von  oben  herunter  und  von 
unten  hinauf  halbmondförmig  nach  denen  Schemen  i  und 
2  gefärbt,  und  das  Schwarze  und  Weiße  zeigt  sich  noch  in 
der  Mitte,  wie  die  Karte  Nr.  17  es  angibt.  Der  schwarz- 
und  weiße  Kreis  sind  beide  ringsum  gefärbt,  aus  eben  der 
Ursache,  aus  welcher  ein  Andreaskreuz  oder  ein  weiß- 
oder  schwarzes  Viereck,  dessen  Diagonale  perpendikular 


31 6  CHROMATIK 

vors  Prima  gehalten  würde,  ganz  gefärbt  erscheinen  muß, 
weil  sie  nämhch  aus  Linien  bestehen,  die  alle  vom  Per- 
pendikel abweichen.  Man  wird  dieses  Gesetz  hier  um  so 
deutlicher  erblicken,  als  die  farbigen  Ränder  der  Zirkel 
zu  beiden  Seiten  schmal  sind,  hingegen  der  obere  und 
untere  sehr  verbreitert  erscheinen:  denn  natürlicherweise 
können  die  Seitenränder  als  Perpendikularlinien  ange- 
sehen werden,  die  sich  gradweise  dem  Horizont  zuneigen 
und  insofern  immer  mit  vermehrter  Strahlung  erscheinen. 
Man  versäume  nicht,  auch  diese  Karte  vor  allen  Dingen 
mit  dem  spitzwinklichten  Prisma  zu  betrachten. 

66.  Man  entferne  sich  sodann  von  der  Karte  Nr.  23  ohn- 
gefähr  um  2  Fuß  und  betrachte  sie  durch  das  gleich- 
seitige Prisma:  man  wird,  wie  ehemals  die  schmalen  Strei- 
fen, nunmehro  auch  diese  runde  schwarz-  und  weißen 
Bilder  völlig  gefärbt  sehen,  und  zwar  wie  solches  die  Karte 
Nr.  1 8  zeigt,  nach  dem  Schema  Nr.  3  und  4.  Es  fällt  nun- 
mehr deutlich  in  die  Augen,  daß  der  schwarze  so  gut  als 
der  weiße  Gegenstand  durch  die  farbigen  Ausstrahlungen 
der  Ränder  uns  völlig  gefärbt  erscheint  und  daß  wir  die 
Ursache  dieses  Phänomens  nirgends  anders  zu  suchen 
haben. 

67.  Es  muß  uns  bei  der  weißen,  nach  dem  Schema  Nr.  3 
durchs  Prisma  veränderten  und  zugleich  sehr  in  die  Länge 
gezogenen  runden  Figur  das  Spectrum  Solis  des  Newtons 
einfallen,  und  wir  glauben  einen  Augenblick,  die  Wirkung 
eines  durch  ein  Loch  im  Fensterladen  gespaltenen  Licht- ' 
Strahls  zu  erblicken;  wenn  wir  aber  gleich  darneben  einen 
Strahl  der  Finsternis  annehmen  und  denselben  so  gut  als 
das  Licht  in  fünf  oder  sieben  Farben  spalten  müssen,  so 
sehen  wir  leicht,  daß  wir  auf  dem  Wege  sind,  in  große 
Verwirrungen  zu  geraten. 

68.  Ich  habe  noch  einen  weiten  Weg  zu  machen,  eh  ich 
an  das  Experiment  gelange,  wo  ein  durch  einen  Fenster- 
laden in  eine  dunkle  Kammer  geworfener  Lichtstrahl  ein 
Phänomen  zeigt,  dem  ähnlich,  das  wir  auf  unserer  Karte 
erblicken.  So  viel  aber  leidet  die  Reihe  der  Demonstra- 
tion hier  anzuführen. 

69.  Man  bringe  eine  zirkelrunde  weiße  Fläche,  von  wel- 


BEITRÄGE  ZUR  OPTIK  I  317 

eher  Größe  man  will,  auf  eine  schwarze  Tafel:  man  wird 
in  einer  ihrer  Größe  proportionierten  Entfernung  erst  die 
Ränder  farbig  und  dann  den  Kreis  ganz  gefärbt  sehen. 
Wären  Tafel  und  Kxeis  sehr  groß,  so  sähe  man  dieselben 
erst  in  einer  großen  Ferne  ganz  gefärbt,  teils  weil  sich 
die  Strahlung  durch  Entfernung  vermehrt,  teils  weil  der 
Gegenstand  im  Auge  kleiner  erscheint.  Genauere  Bestim- 
mung von  allen  diesen  und,  ich  kann  hoffen,  sogar  bis  auf 
einen  gewissen  Grad  Maß  und  Berechnung,  wird  das  Ka- 
pitel liefern,  das  eigens  von  der  Strahlung  handeln  soll. 

70.  Man  sehe  nun  also  an  dem  reinen  Himmel  nach  Ster- 
nen, nach  dem  Monde,  ja  nach  der  Sonne,  wenn  man 
vorher  ihre  mächtigen  Strahlen  durch  eine  angerauchte 
Scheibe  gemäßigt  hat,  man  sehe  jedes  Loch  in  einem 
Fensterladen,  in  einem  Schirm,  der  gegen  das  Licht  ge- 
stellt ist,  durch  das  Prisma  an:  man  wird  alle  diese  Ge- 
genstände nach  dem  Schema  Nr.  3  gefärbt  erblicken,  und 
wir  werden  aus  dem  Vorigen  die  Ursache  leicht  angeben 
können,  warum  leuchtende  Körper,  oder  helle  Öffnungen, 
die  entweder  durch  Entfernung  sehr  verkleinert  werden 
oder  an  sich  klein  sind,  ganz  und  gar  gefärbt  erscheinen 
und  die  Strahlungen  an  ihren  Rändern  sich  ineinander 
verlieren  müssen,  da  weiße  Flächen,  die  nur  schwache  Re- 
präsentanten sind,  schon  jene  Wirkung  hervorbringen. 

71.  Da  ich  nunmehr  alles  gesagt  habe,  was  für  den  An- 
fang zu  sagen  war,  so  würde  ich  mich  nur  selbst  wieder- 
holen müssen,  wenn  ich  das  Vorgetragene  weiter  auslegen 
wollte.  Ich  überlasse  daher  dem  Nachdenken  meiner  Leser 
das  hinzuzutun,  was  der  Methode  meines  Vortrags  wider 
meinen  Willen  an  Klarheit  abgehen  mag:  denn  ich  habe 
bemerken  können,  wie  schwer  es  schon  mündlich  und  mit 
allen  Gerätschaften  versehen  sei,  den  Vortrag  dieser  in 
mehr  als  einem  Sinne  befremdenden  Versuche  durchzu- 
führen. So  viel  bin  ich  überzeugt,  daß  es  jedem  denkenden 
Menschen  Freude  machen  wird,  sich  mit  diesen  Anfängen 
bekannt  zu  machen,  besonders  wenn  er  die  Folgerungen, 
die  sich  daraus  ziehen  lassen,  entweder  ahndet  oder  ent- 
deckt. 


3i8  CHROMATIK 

IV 

Rekapitulation 

72.  Ich  wiederhole  nunmehr  kürzHch  teils  die  Erfahrungen 
selbst,  teils  diejenigen  Sätze,  welche  unmittelbar  daraus 
folgen.  Die  Ordnung,  wie  sie  hier  hintereinander  stehen, 
ist  mehr  oder  weniger  willkürhch,  und  es  wird  mir  ange- 
nehm sein,  wenn  meine  Leser  die  Paragraphen  dieses 
Kapitels  genau  prüffen,  sie  mit  dem  Vorhergehenden  ver- 
gleichen und  sie  alsdann  nach  eigner  Methode  aneinander 
reihen.  Erst  künftig,  wenn  wir  diese  Lehre  auf  mehr  als 
eine  Weise  bearbeitet  haben,  können  wir  hoffen,  dieselbe 
rein  und  natürlich  zu  entwickeln. 

1.  Schwarze,  weiße  und  einfarbige  reine  Flächen  zeigen 
durchs  Prisma  keine  Farben.  §  41. 

2.  An  allen  Rändern  zeigen  sich  Farben.  §37,40,42,43. 

3.  Die  Ränder  zeigen  Farben,  weil  Licht  und  Schatten  an 
denselben  aneinander  grenzet.  §  44,  54. 

4.  Wenn  farbige  Flächen  aneinander  stoßen,  unterwerfen 
auch  sie  sich  diesem  Gesetze  und  zeigen  Farben,  inso- 
fern eine  heller  oder  dunkler  ist  als  die  andere.  §  54. 

5.  Die  Farben  erscheinen  uns  strahlend  an  den  Rändern. 

§37,  45>  46. 

6.  Sie  erscheinen  strahlend  nach  dem  Schwarzen  wie  nach 
dem  Weißen,  nach  dem  Dunkeln  wie  nach  dem  Hellen  zu. 

7.  Die  Strahlungen  geschehen  nach  dem  Perpendikel,  der 
auf  die  Achse  des  Prismas  fällt.  §  45,  46,  47,  48. 

8.  Kein  Rand,  der  mit  der  Achse  des  Prismas  perpen- 
dikular  steht,  erscheint  gefärbt,  §  49. 

9.  Alle  Ränder,  die  mit  der  Achse  des  Prismas  parallel 
gehen,  erscheinen  gefärbt. 

IG.  Alle  schmale  Körper,  die  mit  der  Achse  des  Prisma 
eine  parallele  Richtung  haben,  erscheinen  ganz  gefärbt 
und  verbreitert.  §  37. 

11.  Ein  runder  Körper  erscheint  eUiptisch,  dergestalt  daß 
sein  größter  Diameter  auf  der  Achse  des  Prisma  perpen- 
dikular  steht.  §  65,  66,  67. 

12.  Alle  Linien,  die  mit  der  Achse  des  Prisma  parallel 
gehen,  erscheinen  gebogen.  §  40. 


BEITRÄGE  ZUR  OPTIK  I  319 

13.  Alle  Parallellinien,  die  auf  der  Achse  des  Prisma  ver- 
tikal stehen,  scheinen  sich  gegen  den  brechenden  Winkel 
zu  ein  wenig  zusammenzuneigen.  §  40. 

14.  Je  schärfer  und  stärker  Licht  und  Schatten  am  Rande 
miteinander  grenzt,  desto  stärker  erscheinen  die  Farben. 

15.  Die  farbigen  Ränder  zeigen  sich  im  Gegensatz.  Es 
stehen  zwei  Pole  unveränderlich  einander  gegenüber. 
§48,  49,  50,  55. 

1 6 .  Die  beiden  entgegengesetzten  Pole  kommen  darin  mit- 
einander überein,  daß  jeder  aus  zwei  leicht  zu  unterschei- 
denden Farben  besteht,  der  eine  aus  Roth  und  Gelb,  der 
andere  aus  Blau  und  Violett.  §  51,  52. 

17.  Die  Strahlungen  dieser  Farben  entfernen  sich  vom 
Rande,  und  zwar  strahlen  Rot  und  Violett  nach  dem 
Schwarzen,  Gelb  und  Blau  nach  dem  Weißen  zu. 

18.  Man  kann  diese  Pole  unendlich  voneinander  entfernt 
denken.  §  51,  52. 

1.9.  Mankann  sie  einander  unendlichnahe  denken.  §45,46. 

20.  Erscheinen  uns  die  beiden  Pole  an  einem  weißen  Kör- 
per, der  sich  gegen  einen  schwarzen  Grund  befindet,  und 
hat  derselbe  eine  verhältnismäßige  Größe,  daß  die  far- 
bigen Strahlungen  der  Ränder  sich  erreichen  können,  so 
entsteht  in  der  Mitte  ein  Papageigrün.  §  59. 

21.  Erscheinen  sie  uns  an  einem  schwarzen  Körper,  der  auf 
einem  weißen  Grunde  steht  unter  gedachter  Bedingung, 
so  steht  in  der  Mitte  derselben  ein  Pfirsichblüt.  §  59. 

22.  Sowohl  schwarze  als  weiße  Körper  können  unter  die- 
sen Umständen  ganz  farbig  erscheinen.  §  45,  46,  66. 

23.  Sonne,  Mond,  Sterne,  Öffnung  des  Fensterladens  er- 
scheinen durchs  Prisma  nur  farbig,  weil  sie  als  kleine  helle 
Körper  auf  einem  dunkeln  Grunde  anzusehen  sind.  §67. 

24.  Sie  erscheinen  elliptisch,  dergestalt  daß  die  Farben- 
strahlungen und  folglich  auch  der  große  Diameter  der 
Ellipse  auf  der  Achse  des  Prismas  vertikal  steht.  §66,67. 
73.  Ich  sollte  zwar  hier  vielleicht,  noch  ehe  ich  schUeße, 
einige  allgemeine  Betrachtungen  anstellen  und  in  die 
Ferne  hindeuten,  wohin  ich  meine  Leser  zu  führen  ge- 
denke. Es  kann  dieses  aber  wohl  erst  an  dem  Ende  des 
folgenden  Stückes  geschehen,  weil  dasjenige,  was  ich  hier 


32  o  CHROMATIK 

allenfalls  sagen  könnte,  doch  immer  noch  als  unbelegt 
und  unerwiesen  erscheinen  müßte.  So  viel  kann  ich  aber 
denjenigen  Beobachtern,  welche  gern  vorwärts  dringen 
mögen,  sagen:  daß  in  den  wenigen  Erfahrungen,  die  ich 
vorgetragen  habe,  der  Grund  zu  allem  Künftigen  schon 
gelegt  ist,  und  daß  es  beinahe  nur  Entwicklung  sein  wird, 
wenn  wir  in  der  Folge  das  durch  das  Prisma  entdeckte 
Gesetz  in  allen  Linsen,  Glaskugeln  und  andern  mannig- 
faltig geschlififenen  Gläsern,  in  Wassertropfen  und  Dünsten, 
ja  endlich  mit  dem  bloßen  Auge  unter  gewissen  gege- 
benen Bedingungen  entdecken  werden. 

V 
Über  den  zu  diesen  Versuchen  nötigen  Apparat 
und  besonders  über  die  mit  diesem  Stücke  aus- 
gegebenen Karten 

74.  Sobald  ich  mir  vornahm,  die  Erfahrungen  über  die 
Entstehung  der  prismatischen  Farben  dem  Publikum  vor- 
zulegen, empfand  ich  gleich  den  Wunsch,  sie  so  schnell 
als  möghch,  wenigstens  in  meinem  Vaterlande  bekannt 
und  ausgebreitet  zusehen.  Da  hierbei  alles  auf  den  Augen- 
schein ankommt,  so  war  es  nötig  zu  sorgen,  daß  jeder- 
mann mit  der  größten  Leichtigkeit  dazu  gelangen  könne; 
es  wollte  weder  eine  Beschreibung,  noch  ausgemalte 
Kupfertafeln,  die  der  Schrift  angefügt  würden,  zu  diesem 
Zwecke  hinreichen.  Ich  beschloß  also,  die  großen  Tafeln, 
welche  ich  zu  meinen  Versuchen  verfertigt,  im  kleinen 
nachahmen  zu  lassen  und  dadurch  sowohl  einen  jeden  so- 
gleich durch  das  Anschauen  zu  überzeugen,  als  auch  ein 
lebhafteres  Interesse  zu  erregen.  Diejenigen  Liebhaber, 
die  einen  ernsthafteren  Anteil  daran  nehmen,  werden  nun 
leicht  die  Tafeln  i,  2,  3,  4,  7,  10,  14,  19,  20,  21,  22, 
23  in  behebig  großem  Format  nachmachen  lassen  und  die 
Versuche  alsdann  mit  desto  mehr  Bequemlichkeit  und 
größerm  Sukzeß  wiederholen.  Ja  sie  werden  durch  eigenes 
Nachdenken  noch  mehrere  Abwechselungen  erfinden  kön- 
nen, als  ich  für  diesmal  anbringen  konnte.  Denn  jede 
schwarze  Figur  auf  weißem  Grunde  und  jede  weiße  auf 


BEITRÄGE  ZUR  OPTIK  I  321 

schwarzem  Grunde  bringt  neue  Erscheinungen  hervor,  die 
man  ins  Unendhche  vervielfältigen  kann.  Ich  empfehle 
besonders  Andreaskreuze^  Sterne  u.  dgl.,  nicht  weniger  alle 
Arten  von  Mustern,  die  durch  Abwechselung  von  schwarz- 
und  weißen  Vierecken  entstehen,  welche  letztere  oft,  wie 
die  Karte  Nr.  22  zeigt,  von  dreierlei  Seiten  verschiedene 
farbige  Phänomene  darstellen. 

75.  Man  wird,  indem  man  selbst  dergleichen  Versuche 
ersinnt,  immer  mehr  von  der  Konsequenz  desjenigen  über- 
zeugt werden,  was  oben  vorgetragen  worden  ist.  Um  die 
Abwechselung  des  Oben  und  Unten  der  beiden  farbichten 
Pole  recht  deutlich  einzusehen,  verfertige  man  sich  einen 
schwarzen  Stern  auf  weiß-  und  einen  weißen  Stern  auf 
schwarzem  Grunde,  und  durchbohre  ihn  mit  einer  Nadel 
dergestalt,  daß  man  ihn  auf  derselben  wie  auf  einer  Achse 
herumdrehen  kann.  Während  des  Drehens  beobachte  man 
denselben  durchs  Prisma,  und  man  wird  diesen  Versuch 
mit  Vergnügen  und  Nachdenken  wiederholen. 

76.  Ich  habe  meinen  Vortrag  dergestalt  eingerichtet,  daß 
die  Versuche  durch  jedes  gewöhnliche  gleichseitige  Prisma 
angestellt  werden  können,  wenn  es  nur  von  weißem  Glase 
ist;  ja  selbst  mit  einem  Prisma  von  grünlichem  Glase 
lassen  sie  sich  anstellen,  wenn  man  die  geringe  Differenz, 
welche  die  Farbe  verursacht,  bei  der  Beobachtung  in  Ge- 
danken abrechnen  will. 

77.  Zu  der  völligen  Evidenz  der  vorgetragenen  Sätze  ge- 
hört aber,  daß  man  ein  spitzwinkliges  Prisma  von  zehn 
bis  zwanzig  Graden  anwende.  Es  kann  ein  jeder  Glas- 
schleifer solche  leicht  aus  einer  starken  Glastafel  verfer- 
tigen; und  wenn  sie  auch  nur  einen  starken  Zoll  hoch  und 
einige  Zoll  breit  sind,  so  daß  man  nur  mit  einem  Auge 
durchsieht,  indem  man  das  andere  zuschließt:  so  sind  sie 
vorerst  hinreichend.  Ich  werde  aber  dafür  sorgen,  daß 
Prismen  von  reinem  Glase  und  nach  genau  bestimmtem 
Maße  an  Liebhaber  mit  den  folgenden  Stücken  ausge- 
geben werden  können.  Wie  denn  überhaupt  der  nötige 
Apparat  zu  den  anzustellenden  Versuchen  nach  und  nach 
wachsen  wird,  so  genau  ich  auch  zu  Werke  gehen  werde, 
die  Versuche  zu  simplifizieren. 

GOETHE  XVII  ai. 


32  2  CHROMATIK 

78.  Da  sich  aber  doch  der  Fall  oft  ereignen  kann,  daß 
diese  kleine  Schrift  mit  denen  dazu  gehörigen  Tafeln  an 
Orte  gelangt,  wo  keine  Prismen  vorhanden  sind,  so  habe 
ich  farbige  Tafeln  hinzugefügt,  um  dem  Beobachter  we- 
nigstens auf  einige  Weise  zu  Hülfe  zu  kommen  und  ihm, 
bis  er  sich  nach  einem  Prisma  umgesehen,  einstweilen 
verständlich  zu  sein.  Auch  demjenigen,  der  das  nötige 
Instrument  besitzt,  werden  diese  gemalte  Karten  nicht 
unnütz  sein.  Er  kann  seine  Beobachtungen  damit  verglei- 
chen und  überzeugt  sich  eher  von  dem  Gesetz  einer  Er- 
scheinung, welche  er  vor  sich  auf  dem  Papier  schon  fixiert 
sieht. 

79.  Ich  muß  aber  freilich  hier  zum  voraus  bemerken,  daß 
man  die  Farben  dieser  Tafeln  nicht  mit  den  absoluten 
Farben  der  prismatischen  Erscheinungen  in  Absicht  ihrer 
Schönheit  vergleichen  möge:  denn  es  sind  dieselben  nur 
wie  jeder  andere  Holzschnitt  bei  einem  wissenschaftlichen 
Buche  anzusehen,  der  weder  künsthch  noch  gefällig,  son- 
dern bloß  mechanisch  und  nützlich  ist. 

80.  Nur  die  unmittelbare  Nähe  einer  Kartenfabrik  macht 
es  möglich,  die  Tafeln  so  wie  sie  sind  um  einen  Preis  zu 
liefern,  der  niemand  abschrecken  wird,  und  es  war  hier 
nicht  die  Frage,  ein  Werk  für  Bibliotheken  auszuarbeiten, 
sondern  einer  kleinen  Schrift  die  möglichste  Ausbreitung 
zu  verschaffen. 

81.  Man  wird  daher  diesen  Tafeln  manches  nachsehen, 
wenn  man  sie  zur  Deutlichkeit  nützlich  findet.  Ich  werde 
bemüht  sein,  in  der  Folge  diese  Tafeln  vollkommner  zu 
machen,  und  sie  auch  einzeln  ausgeben,  damit  jeder  Lieb- 
haber eine  solche  durch  den  Gebrauch  leicht  zerstörte 
Sammlung  sich  verbessert  wieder  anschafifen  kann.  Ich 
füge  noch  einige  Beobachtungen  hinzu,  damit  man  bei 
diesen  Karten  in  den  anzustellenden  Erfahrungen  nicht 
gestört  werde. 

82.  Es  ist  die  Absicht,  daß  der  Beobachter  das  Prisma, 
dessen  Winkel  unterwärts  gekehrt  ist,  in  der  rechten  Hand 
halte,  bei  den  anzustellenden  Erfahrungen  die  schwarz- 
und  weißen  Karten  zuerst  etwa  einen  halben  Fuß  hinter 
dem  Prisma  entfernt  halte,  indem  er  solche  mit  der  linken 


BEITRÄGE  ZUR  OPTIK  I  323 

Hand  an  der  Seite,  wo  die  Nummern  befindlich  sind,  er- 
greift und  die  Nummern  mit  dem  Daumen  zudeckt. 

83.  Da  einige  Karten  nicht  allein  vertikal,  sondern  auch 
horizontal  gehalten  werden  müssen,  so  versteht  sichs  von 
selbst,  daß  man  sich  gewöhnt,  sie  auf  die  eine  wie  auf  die 
andre  Weise  zu  wenden.  Man  entferne  alsdann  das  Prisma 
nach  und  nach  bis  zur  Weite  von  zwei  Fuß  oder  so  weit, 
bis  die  Zeichnung  der  Karten  undeuthch  wird;  man  bringe 
sie  wieder  herbei  und  gewöhne  sich  von  selbst  nach  und 
nach  an  die  verschiedenen  Phänomene. 

84.  Wer  diese  schwarze  und  weiße  Tafeln  in  größerm  For- 
mat nachahmt,  wird  diese  Erscheinung  in  größerer  Entfer- 
nung und  mit  mehr  Bequemlichkeit  beobachten  können. 

85.  Zum  Verständnis  des  §  65,  66,  67  lege  man  die  drei 
Karten  Nr.  23,  17  und  18  dergestalt  vor  sich,  daß  die 
schwarze  Hälfte  zur  linken  Seite  des  Beobachters  bleibt; 
die  Nummern  an  diesen  Karten  mögen  aufgeklebt  sein 
wie  sie  wollen. 

86.  Die  Tafeln  Nr.  16,  24,  25,  26,  27  werden  erst  in  den 
folgenden  Stücken  nötig  werden. 

87.  So  wie  auch  der  Versuch^jiiit  der  Tafel  Nr.  14  in  der 
Reihe  des  gegenwärtigen  Vortrags  nicht  Platz  nehmen 
konnte;  indessen  kann  man  denselben  einstweilen  zur  Be- 
lustigung anstellen.  Wenn  man  die  Tafel  Nr.  14  durch  das 
Prisma  betrachtet,  so  wird  die  abgebildete  Fackel  einem 
angezündeten  Lichte  ähnhch  erscheinen,  wie  die  i5te Ta- 
fel solches  darstellt.  Sehn  wir  bei  Nachtzeit  ein  angezün- 
detes Licht  auch  nur  mit  bloßen  Augen,  so  werden  wir 
die  Spitze  desselben  rot  und  gelb,  den  untern  Teil  des- 
selben blau  sehen.  Diese  Farben  werden  sich  in  einem 
ungeheuren  Grade  verstärken,  wenn  wir  das  brennende 
Licht  durch  ein  Prisma  betrachten.  Inwiefern  sich  diese 
Erfahrung  an  die  übrigen  von  uns  bisher  beobachteten 
anschließt,  wird  sich  erst  künftig  zeigen. 

88.  Ich  wiederhole  nochmals,  daß  die  Beschreibung  der 
Versuche  besonders  des  zweiten  Kapitels  nur  alsdann 
mit  den  Erfahrungen  übereinstimmen  könne,  wenn  der 
Beobachter  den  sogenannten  brechenden  Winkel  unter- 
wärts gekehrt  hat  und  so  die  Gegenstände  betrachtet.  Wie 


324  CHROMATIK 

sich  die  Farben  alsdann  zeigen,  geben  die  gemalten  Kar- 
ten an;  die  Ausdrücke  eben,  unten,  horizontal^  perpcndiku- 
lar  beziehen  sich  auf  diese  Richtung.  Sie  würden  sich, 
wenn  man  den  gedachten  Winkel  nunmehr  auch  nach 
oben,  nach  der  rechten  oder  linken  Hand  wendete,  fol- 
gendermaßen verändern: 

Der  Winkel  des  Prisma  gekehrt 
nach  unten      nach  oben        n.derrechten    n.  der  linken 
unten  oben  rechts  links 

oben  unten  links  rechts 

horizontal  horizontal  perpendikular  perpendikular 
perpendikular  perpendikular  horizontal  horizontal. 
Man  sieht  leicht,  daß,  wenn  man  sich  diese  Richtung  des 
Prisma  in  einem  Kreise  denkt,  sich  das  Oben  und  Unten, 
Rechts  und  Links  auf  ein  Immi  und  Außen  beziehe,  wel- 
ches sich  deutlicher  ergeben  wird,  wenn  wir  dereinst  Ver- 
suche durch  Linsen  anstellen  werden. 

VI 

Beschreibung^  der  Tafeln 

Da  es  möglich  wäre,  daß  ungeachtet  aller  angewendeten 

Mühe  und  beobachteten  Genauigkeit  eine  falsche  Nummer 

auf  eine  Karte  getragen  würde,  so  füge  ich  hier  nochmals 

eine  Beschreibung  der  Tafeln  hinzu  und  ersuche  jeden 

Beobachter,  sie  hiernach  zu  revidieren. 

Nr.  I.  Schwarze  wurmförmige  Züge  auf  weißem  Grunde. 

Nr.  2.  Schwarze  und  weiße  kleine  Vierecke. 

Wird  horizontal  und  diagonal  vor  das  Prisma  gehalten. 

Nr.  3.  Ein  weißer  Stab  auf  schwarzem  Grunde. 

Nr.  4.  Ein  schwarzer  Stab  auf  weißem  Grunde. 

Diese  beiden  Nummern  braucht  der  Beobachter  sowohl 

horizontal,  als  vertikal. 

Nr.  5.  Ein  Regenbogenstreif  auf  schwarzem  Grunde. 

Nr.  6.  Ein  umgewendeter  Regenbogenstreif  auf  weißem 

Grunde. 

Diese  beiden  Tafeln  legt  man  horizontal  vor  sich,  und  zwar 

so,  daß  der  Rücken  des  Bogens  aufwärts  gekehrt  ist. 


BEITRÄGE  ZUR  OPTIK  I  325 

Nr.  7.  Eine  halb  schwarz,  halb  weiße  Tafel. 
Der  Beobachter  bedient  sich  derselben,    daß   bald   das 
Schwarze,  bald  das  Weiße  unten  steht. 
Nr.  8.  Eine  halb  schwarz,  halb  weiße  Tafel  mit  einem 
rot-  und  gelben  Streif. 

Wir  legen  sie  dergestalt  vor  uns,  daß  sich  das  Schwarze 
oben  befindet. 

Nr.  9.  Eine  halb  schwarz,  halb  weiße  Tafel  mit  einem 
blauen  und  violetten  Streir. 

Wir  legen  sie  dergestalt  vor  uns,  daß  das  Schwarze  sich 
unten  befindet. 

Nr.  10.  Zwei  schwarze  und  zwei  weiße  längliche  Vierecke 
übers  Kreuz  gestellt. 

Wir  können  sie  horizontal,  perpendikular,  diagonal  vors 
Prisma  nehmen, 

Nr.  1 1.  Zwei  schwarze  und  weiße  längliche  Vierecke  übers 
Kreuz  gestellt  mit  einem  roten,  gelben,  blauen  und  violet- 
ten Rande. 

Wir  legen  sie  dergestalt  vor  uns,  daß  der  rote  und  gelbe 
Rand  unter  dem  Schwarzen,  der  blaue  und  gelbe  über  dem 
Schwarzen  sich  befindet. 

Nr.  12.  Ein  weißer  Stab  auf  schwarzem  Grunde  mit  far- 
bigen Enden, 

Wir  halten  ihn  perpendikular  vor  uns,  so  daß  der  rote 
und  gelbe  Rand  oben,  der  blaue  und  violette  unten  sich 
befindet. 

Nr.  13.  Ein  schwarzer  Stab  auf  weißem  Grunde  mit  bunten 
Enden. 

\Vir  betrachten  ilm  dergestalt,  daß  das  blaue  und  violette 
l'",ndesich  oben,  das  rote  und  gelbe  sich  unten  befindet. 
Nr.  14.  Die  Gestalt  einer  Fackel,  Weiß  auf  Schwarz. 
Nr.  15.  Ebendieselbe  Gestalt  mit  Farben,  wie  sie  durchs 
Prisma  erscheinen. 

Nr.  16.  Eine  Tafel  halb  schwarz,  halb  weiß,  auf  dem 
schwarzen  Teile  eine  weiße  Rundung  mit  gelber  Einfas- 
sung, auf  dem  weißen  Teile  eine  schwarze  Rundung  mit 
blauer  Einfassung. 

Diese  Tafel  erklärt  sich  erst  in  dem  folgenden  Stücke. 
-\t.  17.  Eine  halb  weiß,  halb  schwarze  Tafel,  auf  jedem 


326  CHROMATIK 

Teile  eine  elliptische  Figur  mit  abwechselnden  Farben, 
in  deren  Mitte  man  noch  Schwarz  und  Weiß  erkennt. 
Nr,  i8.  Eine  gleichfalls  geteilte  schwarz  und  weiße  Tafel 
mit  völlig  farbigen  elliptischen  Figuren. 
Diese  beiden  letzten  Tafeln  legt  der  Beobachter  horizontal 
vor  sich,  dergestalt  daß  der  schwarze  Teil  sich  zu  seiner 
linken  Hand  befindet. 

Nr.  19.  Zwei  Horizontallinien,  von  einer  Vertikallinie 
durchkreuzt. 

Man  kann  sie  horizontal,  vertikal  und  diagonal  vor  das 
Prisma  halten. 

Nr.  20.  Schmale  weiße  Streifen  auf  schwarzem  Grunde. 
Nr.  2 1.  Schmale  schwarze  Streifen  auf  weißem  Grunde. 
Diese  beiden  Tafeln  werden  vors  Prisma  gebracht,  der- 
gestalt daß  die  Streifen  mit  der  Achse  des  Prisma  par- 
allel laufen. 

Nr.  22.  Gebrochene  schwarze  und  weiße  Linien, 
Man  kann  diese  Karte  sowohl  horizontal  als  vertikal  und 
diagonal  vor  das  Prisma  bringen. 

Nr.  23.  Eine  schwarz  und  weiß  geteilte  Tafel;  auf  dem 
schwarzen  Teile  ein  weißes  Rund,  auf  dem  weißen  ein 
schwarzes  Rund. 

Ich  wünsche,  daß  der  Beobachter,  wenn  die  ganze  Samm- 
lung vor  ihm  liegt,  diese  Nummer  an  die  Stelle  von  Nr.  16 
und  diese  hierher  lege:  denn  das  ist  eigenthch  die  Ord- 
nung wie  sie  gehören.  Es  versteht  sich  aber,  daß  die  Num- 
mern selbst  nicht  verändert  werden,  weil  die  gegenwär- 
tige Tafel  in  meinem  Vortrage  auch  als  Nr.  23  auf- 
geführt ist. 

Nr.  24.  Auf  einer  weißen  Tafel  in  der  Mitte  ein  schwarzer 
Streif;  auf  der  einen  Seite  viele  Punkte  um  ein  Zentrum, 
auf  der  andern  eine  Zirkelfigur  mit  einem  Kreuze  und 
Punkten. 

Nr.  25.  Auf  einer  weißen  Tafel  zwei  Vierecke,  eins  mit 
geraden,  das  andere  mit  gebogenen  Seiten. 
Nr.  26.  Linearzeichnungen  mit  Buchstaben. 
Nr.  27.  Auf  einem  schwarzen  Grunde  zwei  weiße  Triangel,  - 
mit    den   Spitzen    gegeneinander   gekehrt,    mit   bunten 
Rändern, 


BEITRÄGE  ZUR  OPTIK  I  327 

Diese  vier  letztern  Tafeln  sowie  Nr.  x6  werden  erst  in  den 
folgenden  Stücken  erklärt. 

Die  Sorgfalt,  womit  ich  die  Tafeln  hier  abermals  durch- 
gegangen, ist,  wie  ich  überzeugt  bin,  nur  für  den  Anfang 
nötig.  Man  wird  sich  gar  bald  in  diese  Tafeln  auch  ohne 
Nummern  finden  und  sie  ohne  Anweisung  gebrauchen 
lernen,  da  bei  allen  diesen  Versuchen  ein  ganz  einfaches 
Principium  nur  auf  verschiedene  Weise  angewendet  wird. 


BEITRÄGE  ZUR  OPTIK 

ZWEITES  STÜCK.  1792 

MIT  EINER  GROSSEN  KOLORIERTEN  TAFEL 
UND  EINEM  KUPFER  1 

VII 

Beschreibung-  eines  großen  Prisma 

ALS  ich  die  schwarzen  und  weißen  kleinen  Tafeln, 
mit  dem  ersten  Stücke  dieser  Beiträge,  dem  Publice 
vorlegte,  hatte  ich  die  Absicht,  meinen  Lesern  da- 
durch die  anzustellenden  Beobachtungen  bequem  zu  ma- 
chen. Ich  hoffte,  sie  würden  sich  ein  Prisma  leicht  an- 
schaöen  und  alsdann  die  Erfahrungen,  die  ich  beschrieb, 
ohne  weitere  Umstände  wiederholen  können. 
Allein  es  hat  sich  gezeigt,  daß  die  Prismen  beinahe  gänz- 
lich aus  dem  Handel  verschwunden  sind,  und  daß  viele 
Liebhaber  dieses  sonst  so  gemeine  Instrument,  wenigstens 
für  den  Augenblick,  nicht  finden  können. 
Auch  hatte  ich  angezeigt,  daß  die  gleichseitigen  gläsernen 
Prismen,  wegen  der  starken  Strahlung,  welche  sie  besonders 
in  einiger  Entfernung  hervorbringen,  dem  Beobachter  oft 
hinderlich  seien. 

Ich  habe  gewünscht,  daß  man  die  von  mir  angegebenen 
Erfahrungen  mit  sehr  spitzwinkligen  Prismen  von  fünfzehn 
bis  zwanzig  Graden  wiederholen  möge,  als  durch  welche 
die  Ränder  sehr  zart  gefärbt  und  nur  mäßig  strahlend  er- 
scheinen, auch  der  weiße  Raum  zwischen  beiden  seine 
unverfälschte  Reinheit  behält. 

Man  hatte  gehofift,  sowohl  gewöhnliche  gläserne  Prismen 
als  gedachte  gläserne  Keile  mit  dem  gegenwärtigen  zweiten 
Stücke  auszugeben,  aber  es  hat  auch  nicht  glücken  wollen, 
die  gemachten  Bestellungen  zur  rechten  Zeit  abgehefert 
zu  sehen. 

Ich  finde  es  daher  nötig,  meinen  Lesern  eine  andere  ein- 
fache Maschine  zu  empfehlen,  welche  ihnen,  sowohl  bei 
Wiederholung  der  Versuche  des  ersten  Stückes,  als  b( 
Prüfung  derer,  die  ich  erst  in  der  Folge  vorlegen  werde, 

*  Die  kolorierte  Tafel  scheint  schon  1792  nur  wenigen  Lesern  zu- 
gegangen zu  sein  (vgl.  Seite  639  f.)  und  ist  heute  verschollen;  das 
Kupfer  vgl.  hier  Seite  330. 


BEITRÄGE  ZUR  OFHK  II  331 

manche  Dienste  leisten  wird.  Es  ist  diese  Maschine  ein 
aus  zwei  starkengeschliffenen,  reinenGlastafeln  zusammen- 
gesetztes Prisma,  welches  bei  Versuchen  mit  reinem  Was- 
ser angefüllt  wird. 

Die  Größe  der  Tafeln  ist  zwar  willkürlich,  doch  wünschte 
ich,  daß  sie  wenigstens  einen  rheinischen  Fuß  lang  und 
acht  rheinische  Zoll  hoch  sein  möchten.  Diese  länglich 
viereckten  Tafeln  werden  durch  zwei  bleierne  Dreiecke 
in  einem  Winkel  von  60  Graden  verbunden,  der  untere 
Rand  mit  Fensterblei  verwahrt,  und  alle  Fugen  wohl  ver- 
kittet, auch  werden  die  obern  Ränder  der  Gläser  mit 
Fensterblei  eingefaßt,  um  dadurch  das  Ganze  besser  zu- 
sammen zu  halten.  Ein  geschickter  Glaser  wird  ein  sol- 
ches Prisma  und  jeder  Tischler  das  Gestelle  leicht  ver- 
fertigen. Es  ist  diese  Maschine  auf  beistehender  Tafel 
abgebildet,  und  zu  Ende  des  gegenwärtigen  Stücks  eine 
genaue  Beschreibung  angefügt,  welche  diese  Abbildung 
deutlich  erklärt. 

Ein  solches  prismatisches  Gefäß  hat  den  Vorzug,  daß  man 
durch  solches  bequem  nach  großen  und  kleinen  Tafeln 
sehen  und  die  Erscheinung  der  farbigen  Ränder  ohne  An- 
strengung der  Augen  beobachten  kann.  Ferner  erscheinen 
auch,  wegen  der  weniger  refrangierenden  Kraft  des  Was- 
sers, die  Ränder  schmal  gefärbt,  und  es  ist  also  ein  solches 
Prisma  obgleich  von  sechzig  Graden  zu  eben  dem  End- 
zwecke als  ein  spitzer  gläserner  Keil  zu  gebrauchen,  ob- 
gleich dieser  wegen  der  Reinheit  sowohl  der  farbigen 
Ränder  als  des  weißen  Zwischenraums  den  Vorzug  ver- 
dient. 

Man  wird,  so  viel  als  möglich,  reines  Wasser  zu  den  Ver- 
suchen nehmen  und  auch  dieses  nicht  zu  lange  in  dem 
Gefäße  stehen  lassen,  vielmehr  nach  geendigter  Beobach- 
tung das  Wasser  ausschöpfen  und  das  Gefäß  mit  einem 
reinen  Tuche  auswischen  und  abtrocknen,  weil  sonst  das 
Glas  gerne  anlauft,  besonders  die  geschlififenen  Tafeln, 
welche  man  wegen  ihrer  Stärke  und  Reinheit  vorzüglich 
zu  wählen  hat,  leicht  blind  werden. 

Ein  solches  Gefäß  ist  zu  allen  prismatischen  Versuchen 
brauchbar,  zu  einigen  unentbehrlich,  und  ich  wünschte. 


332  CHROM  ATIK 

daß  diejenigen  meiner  Leser,  welche  Neigung  haben  dem 
Faden  meines  Vortrags  zu  folgen,  sich  je  eher  je  lieber 
damit  versehen  möchten. 

VIII 
Von  den  Strahlungen 

89.  Ich  habe  mich  schon  mehrmalen  des  Wortes  Strah- 
lungen bedient,  und  es  ist  nötig,  daß  ich  mich  vorläufig 
über  dasselbe  erkläre,  damit  es  wenigstens  einstweilen 
gelte,  bis  wir  es  vielleicht  in  der  Folge  gegen  ein  schick- 
licheres vertauschen  können. 

Wir  haben  uns  in  dem  ersten  Stücke  überzeugt,  daß  uns 
das  Prisma  keine  Farben  zeigt  als  an  den  Rändern,  wo 
Licht  und  Finsternis  aneinander  grenzen.  Wir  haben  be- 
merkt, daß  durch  sehr  spitzwinklige  Prismen  diese  farbigen 
Ränder  nur  schmal  gesehen  werden,  da  sie  hingegen  so- 
wohl nach  dem  Schwarzen  als  dem  Weißen  zu  sich  sehr 
verbreitern,  wenn  der  brechende  Winkel,  die  refrangie- 
rende  Kraft  des  Mittels  oder  die  Entfernung  des  Beobach- 
ters zunimmt. 

90.  Dieses  Phänomen,  wenn  mir  nämlich  ein  farbiger 
Rand  durchs  Prisma  da  erscheint,  wo  ich  ihn  mit  bloßen 
Augen  nicht  sähe,  und  dieser  farbige  Rand  sich  von  dem 
Schwarzen  nach  dem  W^eißen  und  von  dem  Weißen  nach 
dem  Schwarzen  zu  erstreckt,  nenne  ich  die  Strahlung^ 
und  drücke  dadurch  gleichsam  nur  das  Phänomen  an  sich 
selbst  aus,  ohne  noch  irgend  auf  die  Ursache  desselben 
deuten  zu  wollen. 

91.  Da  die  farbigen  Erscheinungen  an  den  Rändern  die 
Grenze  des  Randes  selbst  ungewiß  machen  und  die  Zei- 
chen, die  man  sich  durch  Nadeln  oder  Punkte  feststellen 
will,  auch  gefärbt  und  verzogen  werden,  so  ist  die  Be- 
obachtung mit  einiger  Schwierigkeit  verknüpft.  Durch 
einen  gläsernen  Keil,  von  ohngefähr  zehn  Graden,  er- 
scheinen beide  farbige  Ränder  sehr  zart,  unmittelbar  am 
Schwarzen  gegen  das  Weiße  zu.  Der  blaue  Saum  ist  sehr 
schön  hochblau  und  scheint  mit  einem  feinen  Pinsel  auf 
den  weißen  Rand  gezeichnet  zu  sein.  Einen  Ausfluß  des 


BEITRÄGE  ZUR  OPTIK  II  333 

Strahls  nach  dem  Schwarzen  zu  bemerkt  man  nicht  ohne 
die  größte  Aufmerksamkeit,  ja  man  muß  gleichsam  über- 
zeugt sein,  daß  man  ihn  sehen  müsse,  um  ihn  zu  finden. 
Dagegen  ist  an  dem  andern  Rande  das  Hochrote  gleich- 
falls sichtbar,  und  das  Gelbe  strahlt  nur  schwach  nach  dem 
Weißen  zu.  Verdoppelt  man  die  Keile,  so  sieht  man  nun 
deutlich  das  Violette  nach  dem  Schwarzen,  das  Gelbe 
nach  dem  Weißen  zu  sich  erstrecken,  und  zwar  beide  in 
gleichem  Maße.  Das  Blaue  und  Rote  wird  auch  breiter, 
aber  es  ist  schon  schwerer  zu  sagen,  ob  sich  jenes  in  das 
Weiße,  dieses  in  das  Schwarze  verbreitet. 

92.  Vielleicht  läßt  sich  in  der  Folge  das,  was  uns  gegen- 
wärtig durch  das  Auge  zu  beobachten  schwerfällt,  auf 
einem  andern  Wege  finden  und  näher  bestimmen.  So  viel 
aber  können  wir  inzwischen  bemerken,  daß  das  Blaue 
wenig  in  das  Weiße,  das  Rote  wenig  in  das  Schwarze, 
das  Violette  viel  in  das  Schwarze,  das  Gelbe  viel  in  das 
Weiße  hereinstrahlet.  Da  nun  unter  der  Bedingung,  wie 
wir  das  Prisma  beständig  halten,  die  beiden  starken  Strah- 
lungen abwärts,  die  beiden  schwächern  hinaufwärts  gehen, 
so  wird  sowohl  ein  schwarzer  Gegenstand  auf  weißem 
Grunde,  als  ein  weißer  auf  schwarzem  Grunde,  oben  wenig 
und  unten  viel  gewinnen. 

Ich  brauche  daher  das  Wort  Rand,  wenn  ich  von  dem 
schmäleren  blauen  und  roten  Farbenstreife,  dagegen  das 
Wort  Strahlung^  wenn  ich  von  dem  breiteren  violetten 
und  gelben  spreche,  obgleich  jene  schmalen  Streifen  auch 
mäßig  strahlen  und  sich  verbreitern,  und  die  breiteren 
Strahlungen  von  den  Rändern  unzertrennlich  sind 
So  viel  wird  vorerst  hinreichen,  um  den  Gebrauch  dieses 
Wortes  einigermaßen  zu  rechtfertigen  und  meinem  Vor- 
trage die  nötige  Deutlichkeit  zu  geben. 

IX 

Graue  Flächen,  durchs  Prisma  betrachtet 

93.  Wir  haben  in  dem  ersten  Stücke  nur  schwarz  und 
weiße  Tafeln  durchs  Prisma  betrachtet,  weil  sich  an  den- 
selben die  farbigen  Ränder  und  Strahlungen  derselben  am 


334  CHROMATIK 

deutlichsten  ausnehmen.  Gegenwärtig  wiederholen  wir  jene 
Versuche  mit  grauen  Flächen  und  finden  abennals  die 
Wirkungen  des  bekannten  Gesetzes. 

94.  Haben  wir  das  Schwarze  als  Repräsentanten  der 
Finsternis,  das  Weiße  als  Repräsentanten  des  Lichtes  an- 
gesehen: so  können  wir  sagen,  daß  das  Graue  den  Schat- 
ten repräsentiere,  welcher  mehr  oder  weniger  von  Licht 
und  Finsternis  partizipiert  und  also  manchmal  zwischen 
beiden  in  der  Mitte  steht. 

95.  Der  Schatten  ist  dunkel,  wenn  wir  ihn  mit  dem  Lichte, 
er  ist  hell,  wenn  wir  ihn  mit  der  Finsternis  vergleichen, 
und  so  wird  sich  auch  eine  graue  Fläche,  gegen  eine 
schwarze  als  hell,  gegen  eine  weiße  als  dunkel  verhalten. 

96.  Grau  auf  Schwarz  wird  uns  also  durchs  Prisma  alle 
die  Phänomene  zeigen,  die  wir  in  dem  ersten  Stücke 
dieser  Beiträge  durch  Weiß  auf  Schwarz  hervorgebracht 
haben.  Die  Ränder  werden  nach  eben  dem  Gesetze  ge- 
färbt und  strahlen  in  eben  der  Breite,  nur  zeigen  sich  die 
Farben  schwächer  und  nicht  in  der  höchsten  Reinheit. 

97.  Ebenso  wird  Grau  auf  Weiß  die  Ränder  sehen  lassen, 
welche  hervorgebracht  wurden,  wenn  wir  Schwarz  auf 
Weiß  durchs  Prisma  betrachteten. 

98.  Verschiedene  Schattierungen  von  Grau,  stufenweise 
aneinander  gesetzt,  je  nachdem  man  das  Dunklere  oben 
oder  unten  hinbringt,  [werden]  entweder  nur  Blau  und 
Violett,  oder  nur  Rot  und  Gelb  an  den  Rändern  zeigen. 
99.'  Eben  diese  grauen  Schattierungen,  wenn  man  sie 
horizontal  nebeneinander  betrachtet  und  dieRänder  durchs 
Prisma  besieht,  wo  sie  oben  und  unten  an  eine  schwarze 
oder  weiße  Fläche  stoßen,  werden  sich  nach  den  uns  be- 
kannten Gesetzen  färben. 

100.  Die  zu  diesem  Stücke  bestimmte  Tafel*  wird  ohne 
weitere  Anleitung  dem  Beobachter  die  Bequemlichkeit 
verschaffen,  diese  Versuche  unter  allen  Umständen  an- 
zustellen. 

*  Vgl.  hierzu  wie  zu  §  104,  ili  usw.  die  Anmerkung  auf  Seite  328. 


BEITRÄGE  ZUR  OPTIK  II  335 

X 

Farblose  Flächen,  durchs  Prisma  betrachtet 

loi.  Eine  farbige  große  Fläche  zeigt  keine  prismatische 
Farben,  eben  wie  schwarze,  weiße  und  graue  Flächen,  es 
müßte  denn  zufällig  oder  vorsätzlich  auch  auf  ihr  Hell 
und  Dunkel  abwechseln.  Es  sind  also  auch  nur  Beobach- 
tungen durchs  Prisma  an  farbigen  Flächen  anzustellen, 
insofern  sie  durch  einen  Rand  von  einer  andern  verschieden 
tingierten  Fläche  abgesondert  werden. 

102.  Es  kommen  alle  Farben,  welcher  Art  sie  auch  sein 
mögen,  darin  überein,  daß  sie  dunkler  als  Weiß  und  heller 
als  Schwarz  erscheinen.  Wenn  wir  also  vorerst  kleine 
farbige  Flächen  gegen  schwarze  und  weiße  Flächen  halten 
und  betrachten,  so  werden  wir  alles,  was  wir  bei  grauen 
Flächen  bemerkt  haben,  hier  abermals  bemerken  können; 
allein  wir  werden  zugleich  durch  neue  und  sonderbare 
Phänomene  in  Verwunderung  gesetzt,  und  angereizt  fol- 
gende genaue  Beobachtungen  anzustellen. 

103.  Da  die  Ränder  und  Strahlungen,  welche  uns  das 
Prisma  zeigt,  farbig  sind,  so  kann  der  Fall  kommen,  daß 
die  Farbe  des  Randes  und  der  Strahlung  mit  der  Farbe 
einer  farbigen  Fläche  homogen  ist;  es  kann  aber  auch  im 
entgegengesetzten  Falle  die  Fläche  mit  dem  Rande  und 
der  Strahlung  heterogen  sein.  In  dem  ersten  identifiiert 
sich  der  Rand  mit  der  Fläche  und  scheint  dieselbe  zu 
vergrößern,  in  dem  andern  verunreiniget  er  sie,  macht  sie 
undeutlich  und  scheint  sie  zu  verkleinern.  Wir  wollen  die 
Fälle  durchgehen,  wo  dieser  Effekt  am  sonderbarsten 
auffällt. 

104.  Man  nehme  die  beiliegende  Tafel  horizontal  vor 
sich  und  betrachte  das  rote  und  blaue  Viereck  auf  schwar- 
zem Grunde  nebeneinander,  auf  die  gewöhnhche  Weise 
durchs  Prisma:  so  werden,  da  beide  Farben  heller  sind  als 
der  Grund,  an  beiden,  sowohl  oben  als  unten,  gleiche 
farbige  Ränder  und  Strahlungen  entstehen;  nur  werden 
sie  dem  Auge  des  Beobachters  nicht  gleich  deutlich  er- 
scheinen. 

105.  Das  Rote  ist  verhältnismäßig  gegen  das  Schwarze 


33^  CHROMATE 

viel  heller  als  das  Blaue,  die  Farben  der  Ränder  werden 
also  an  dem  Roten  stärker  als  an  dem  Blauen  erscheinen, 
welches  wenig  von  dem  Schwarzen  unterschieden  ist. 
io6.  Der  obere  rote  Rand  wird  sich  mit  der  Farbe  des 
Vierecks  identifiieren,  und  so  wird  das  rote  Viereck  ein 
wenig  hinaufwärts  vergrößert  scheinen;  die  gelbe  herab- 
wärts  wirkende  Strahlung  aber  wird  von  der  roten  Fläche 
beinahe  verschlungen  und  nur  bei  der  genauesten  Auf- 
merksamkeit sichtbar.  Dagegen  ist  der  rote  Rand  und  die 
gelbe  Strahlung  mit  dem  blauen  Viereck  heterogen.  Es 
wird  also  an  dem  Rande  eine  schmutzig  rote  und  herein - 
wärts  in  das  Viereck  eine  schmutzig  grüne  Farbe  ent- 
stehen, und  so  wird  beim  ersten  Anbhcke  das  blaue  Vier- 
eck von  dieser  Seite  zu  verlieren  scheinen. 

107.  An  dem  untern  Rande  der  beiden  Vierecke  wird  ein 
blauer  Rand  und  eine  violette  Strahlung  entstehen  und 
die  entgegengesetzte  Wirkung  hervorbringen:  denn  der 
blaue  Rand,  der  mit  der  roten  Fläche  heterogen  ist,  wird 
das  Gelbrote,  denn  ein  solches  muß  zu  diesem  Versuche 
gewählt  werden,  beschmutzen  und  eine  Art  von  Grün 
hervorbringen,  so  daß  das  Rote  von  dieser  Seite  ver- 
kürzter scheint,  und  die  violette  Strahlung  des  Randes 
nach  dem  Schwarzen  zu  wird  kaum  bemerkt  werden. 

108.  Dagegen  wird  der  blaue  Rand  sich  mit  der  blauen 
Fläche  identifiieren,  ihr  nicht  allein  nichts  nehmen,  son- 
dern vielmehr  noch  geben,  und  solche  durch  die  violette 
Strahlung  dem  Anscheine  nach  noch  mehr  verlängern. 

109.  Die  Wirkung  der  homogenen  und  heterogenen  Rän- 
der, wie  ich  sie  gegenwärtig  genau  beschrieben  habe,  ist 
so  mächtig  und  so  sonderbar,  daß  einem  jeden  Beobach- 
ter beim  ersten  Anblicke  die  beiden  Vierecke  aus  der 
horizontalen  Linie  heraus  und  im  entgegengesetzten  Sinne 
auseinandergerückt  scheinen,  das  Rote  hinaufwärts,  das 
Blaue  herabwärts.  Doch  wird  bei  näherer  Betrachtung  diese 
Täuschung  sich  bald  verlieren,  und  man  wird  die  Wir- 
kung der  Ränder,  wie  ich  sie  angezeigt,  bald  genau  be- 
merken lernen. 

110.  Es  sind  überhaupt  nur  wenige  Fälle,  wo  diese  Täu- 
schung statthaben  kann,  sie  ist  sehr  natürlich,  wenn  man 


BEITRÄGE  ZUR  OFFIK  II  337 

zu  dem  roten  Viereck  ein  mit  Zinnober,  zu  dem  blauen 
ein  mit  Indig  gefärbtes  Papier  anwendet.  Dieses  ist  der 
Fall,  wo  der  blaue  und  rote  Rand,  da  wo  er  homogen  ist, 
sich  unmerklich  mit  der  Fläche  verbindet,  da  wo  er  hetero- 
gen ist,  die  Farbe  des  Vierecks  nur  beschmutzt,  ohne 
eine  sehr  deutliche  Mittelfarbe  hervorzubringen.  Das  rote 
Viereck  muß  nicht  so  sehr  ins  Gelbe  fallen,  sonst  wird 
oben  der  dunkelrote  Rand  sichtbar;  es  muß  aber  von  der 
andern  Seite  genug  vom  Gelben  haben,  sonst  wird  die 
gelbe  Strahlung  zu  sichtbar.  Das  blaue  darf  nicht  um  das 
mindeste  heller  sein,  sonst  wird  der  rote  und  gelbe  Rand 
sichtbar,  und  man  kann  die  untere  violette  Strahlung 
nicht  mehr  als  die  verrückte  Gestalt  des  hellblauen  Vier- 
ecks ansehen.  Und  so  mit  den  übrigen  Umständen,  die 
dabei  vorkommen. 

111.  Ich  habe  gesucht  auf  der  beiliegenden  Tafel  die 
Töne  der  Farben  dergestalt  zu  wählen,  daß  die  Täuschung 
in  einem  hohen  Grade  hervorgebracht  werde;  weil  es  aber 
schwer  ist,  ein  Papier  so  dunkelblau,  als  die  Farbe  hier 
erforderlich  ist,  egal  anzustreichen:  so  werden  einzelne 
Liebhaber,  entweder  durch  sorgfältige  Färbung  des  Papiers, 
oder  auch  durch  Muster  von  Scharlach  und  blauem  Tuche 
diesen  Versuch  noch  reiner  anstellen  können. 

Ich  wünsche,  daß  alle  diejenigen,  denen  es  um  diese  Sache 
Ernst  wird,  sich  die  hierbei  anzuwendende  geringe  Mühe 
nicht  möchten  reuen  lassen,  um  sich  fest  zu  überzeugen, 
daß  die  farbigen  Ränder,  selbst  in  diesem  Falle,  einer 
geschärften  Aufmerksamkeit  nie  entgehen  können.  Auch 
findet  man  schon  auf  unserer  Tafel  Gelegenheit,  sich  alle 
Zweifel  zu  benehmen. 

112.  Man  betrachte  das  weiße  neben  dem  blauen  ste- 
hende Viereck  auf  schwarzem  Grunde,  so  werden  an  dem 
weißen,  welches  hier  an  der  Stelle  des  roten  steht,  die 
entgegengesetzten  Ränder  in  ihrer  höchsten  Energie  in 
die  Augen  fallen.  Es  erstreckt  sich  an  demselben  der 
rote  Rand  fast  noch  mehr  als  am  Roten  selbst  über  das 
Blaue  hinauf;  der  untere  blaue  Rand  aber  ist  in  seiner 
ganzen  Schöne  sichtbar,  dagegen  verliert  es  sich  in  dem 
blauen  Viereck  durch  Identifikation.  Die  violette  Strah- 

GOETHE  XVII  22. 


338  CHROM  ATIK 

lung  hinabwärts  ist  viel  deutlicher  an  dem  Weißen  als 
an  dem  Blauen. 

113.  Man  sehe  nun  herauf  und  herab,  vergleiche  das  rote 
mit  dem  weißen,  die  beiden  blauen  Vierecke  miteinander, 
das  blaue  mit  dem  roten,  das  blaue  mit  dem  weißen,  und 
man  wird  die  Verhältnisse  dieser  Flächen  zu  ihren  Rän- 
dern deuthch  einsehen. 

114.  Noch  auffallender  erscheinen  die  Ränder  und  ihre 
Verhältnisse  zu  den  farbigen  Flächen,  wenn  man  die  far- 
bigen Vierecke  und  das  Schwarze  auf  weißem  Grunde 
betrachtet:  denn  hier  fällt  jene  Täuschung  völhg  weg,  und 
die  Wirkungen  der  Ränder  sind  so  sichtbar,  als  wir  sie 
nur  in  irgendeinem  andern  Falle  gesehen  haben.  Man 
sehe  zuerst  das  blaue  und  rote  Viereck  durchs  Prisma  an. 
An  beiden  entsteht  der  blaue  Rand  nunmehr  oben,  dieser, 
homogen  mit  dem  Blauen,  verbindet  sich  mit  demselben 
und  scheint  es  in  die  Höhe  zu  heben,  nur  daß  der  hell- 
blaue Rand  oberwärts  schon  zu  sichtbar  ist.  Das  Violette 
ist  auch  herabwärts  ins  Blaue  deutlich  genug.  Eben  dieser 
obere  blaue  Rand  ist  nun  mit  dem  roten  Viereck  heterogen, 
er  ist  kaum  sichtbar,  und  die  violette  Strahlung  bringt, 
verbunden  mit  dem  Gelbrot,  eine  Pfirschblütfarbe  zu- 
wege. 

115.  Wenn  nun  auch  gleich  in  diesem  Falle  die  obern 
Ränder  dieser  Vierecke  nicht  horizontal  erscheinen,  so 
erscheinen  es  die  untern  desto  mehr:  denn  indem  beide 
Farben  gegen  das  Weiße  gerechnet  dunkler  sind,  als  sie 
gegen  das  Schwarze  hell  waren:  so  entsteht  unter  beiden 
der  rote  Rand  mit  seiner  gelben  Strahlung,  er  erscheint 
unter  dem  gelbroten  Viereck  in  seiner  ganzen  Schönheit 
und  unter  dem  blauen  beinahe  wie  er  unter  dem  Schwar- 
zen erscheint,  wie  man  bemerken  kann,  wenn  man  die 
darunter  gesetzten  Vierecke  und  ihre  Ränder  mit  den 
obern  vergleicht. 

116.  Um  nun  diesen  Versuchen  die  größte  Mannigfaltig- 
keit und  Deutlichkeit  zu  geben,  sind  Vierecke  von  ver- 
schiedenen Farben  in  der  Mitte  der  Tafel,  halb  auf  die 
schwarze,  halb  auf  die  weiße  Seite  geklebt.  Man  wird  sie, 
nach  jenen  uns  nun  bei  farbigen  Flächen  genugsam  be- 


BEITRÄGE  ZUR  OPTIK  II  339 

kannt  gewordenen  Gesetzen,  an  ihren  Rändern  verschie- 
dentlich gefärbt  finden,  und  die  Vierecke  werden  in  sich 
selbst  entzwei  gerissen  und  hinauf-  und  hinunterwärts  ge- 
rückt scheinen.  Da  nun  das  Phänomen,  das  wir  vorhin  an 
einem  roten  und  blauen  Viereck,  auf  schwarzem  Grunde, 
bis  zur  Täuschung  gesehen  haben,  uns  an  zwei  Hälften 
eines  Vierecks  von  gleicher  Farbe  sichtbar  wird,  wie  es 
denn  an  dem  mennigroten  kleinen  Vierecke  am  allerauf- 
tallendsten  ist,  so  werden  wir  dadurch  abermals  auf  die 
farbigen  Ränder,  ihre  Strahlungen  und  auf  die  Wirkungen 
ihrer  homogenen  oder  heterogenen  Natur  zu  den  Flächen, 
an  denen  sie  erscheinen,  aufmerksam  gemacht. 

117.  Ich  überlasse  den  Beobachtern,  die  mannigfaltigen 
Schattierungen  der  halb  auf  Schwarz,  halb  auf  Weiß  be- 
festigten Vierecke  selbst  zu  vergleichen,  und  bemerke  nur 
noch  die  scheinbare  konträre  Verzerrung,  da  Rot  und  Gelb 
auf  Schwarz  hinaufwärts,  auf  Weiß  herunterwärts,  Blau 
auf  Schwarz  herunterwärts  und  auf  Weiß  hinaufwärts  ge- 
zogen scheinen. 

118.  Es  bleibt  mir,  ehe  ich  schließe,  noch  übrig,  die 
schon  bekannten  Versuche  noch  auf  eine  Art  zu  ver- 
mannigfaltigen. Es  stelle  der  Tieobachter  die  Tafel  der- 
gestalt vor  sich,  daß  sich  der  schwarze  Teil  oben  und  der 
weiße  unten  befindet;  er  betrachte  durchs  Prisma  eben 
jene  Vierecke,  welche  halb  auf  schwarzem,  halb  auf  weißem 
Grunde  stehen,  nun  horizontal  nebeneinander;  er  wird 
bemerken,  daß  das  rote  Viereck  durch  einen  Ansatz  zweier 
roten  Ränder  gewinnt,  er  wird  bei  genauer  Aufmerksam- 
keit die  gelbe  Strahlung  von  oben  herein  auf  der  roten 
Fläche  bemerken,  die  untere  gelbe  Strahlung  nach  dem 
Weißen  zu  wird  aber  viel  deutlicher  sein. 

119.  Oben  an  dem  gelben  Viereck  ist  der  rote  Rand  sehr 
merklich,  die  gelbe  Strahlung  identifiiert  sich  mit  der 
gelben  Fläche,  nur  wird  solche  etwas  schöner  dadurch. 
Der  untere  Rand  hat  nur  wenig  Rot,  und  die  gelbe  Strah- 
lung ist  sehr  deuthch.  Das  hellblaue  Viereck  zeigt  oben 
den  dunkelroten  Rand  sehr  deutlich,  die  gelbe  Strahlung 
vermischt  sich  mit  der  blauen  Farbe  der  Fläche  und  bringt 
ein  Grün  hervor,  der  untere  Rand  geht  in  eine  Art  von 


340  CHROM  ATIK 

Violett  über,  die  gelbe  Strahlung  ist  blaß.  An  dem  blauen 
Viereck  ist  der  obere  rote  Rand  kaum  sichtbar,  die  gelbe 
Strahlung  bringt  herunterwärts  ein  schmutziges  Grün  her- 
vor; der  untere  rote  Rand  und  die  gelbe  Strahlung  zeigen 
sehr  lebhafte  Farben. 

I20.  Wenn  man  nun  in  diesen  Fällen  bemerkt,  daß  die 
rote  Fläche  durch  einen  Ansatz  auf  beiden  Seiten  zu  ge- 
winnen, die  dunkelblaue  wenigstens  von  einer  Seite  zu 
verlieren  scheint:  so  wird  man,  wenn  man  die  Pappe  um- 
kehrt, daß  der  weiße  Teil  oben  und  der  schwarze  unten 
sich  befindet,  das  umgekehrte  Phänomen  erblicken. 
12  1.  Denn  da  nunmehr  die  homogenen  Ränder  und  Strah- 
lungen an  den  blauen  Vierecken  entstehen  und  sich  mit 
ihnen  verbinden:  so  scheinen  sie  beide  vergrößert,  ja  ein 
Teil  der  Flächen  selbst  schöner  gefärbt,  und  nur  eine  ge- 
naue Beobachtung  wird  die  Ränder  und  Strahlungen  von 
der  Farbe  der  Fläche  selbst  unterscheiden  lehren.  Das 
Gelbe  und  Rote  dagegen  werden  nunmehr  von  den  hetero- 
genen Rändern  eingeschränkt.  Der  obere  blaue  Rand  ist 
an  beiden  fast  gar  nicht  sichtbar,  die  violette  Strahlung 
zeigt  sich  als  ein  schönes  Pfirschblüt  auf  dem  Roten,  als 
ein  sehr  blasses  auf  dem  Gelben,  die  beiden  untern  Rän- 
der sind  grün,  an  dem  Roten  schmutzig,  lebhaft  an  dem 
Gelben,  die  violette  Strahlung  bemerkt  man  unter  dem 
Roten  sehr  wenig,  mehr  unter  dem  Gelben. 
12  2.  Es  lassen  sich  diese  Versuche  noch  sehr  verviel- 
fältigen, wie  ich  denn  hier  die  farbigen  Ränder  der  dunkel- 
roten, hochgelben,  grünen  und  hellblauen  Vierecke,  die 
sich  auf  der  einen  Seite  der  Tafel  gleichfalls  zwischen 
dem  Schwarzen  und  Weißen  befinden,  nicht  umständlich 
beschreibe  und  hererzähle,  da  sie  sich  jeder  Beobachter 
leicht  selbst  deutlich  machen  und  sich  aufs  neue  über- 
zeugen kann,  daß  die  farbigen  Vierecke  nebeneinander 
deswegen  durchs  Prisma  verschoben  erscheinen,  weil  der 
Ansatz  der  homogenen  und  heterogenen  Ränder  eine 
Täuschung  hervorbringt,  die  wir  nur  durch  eine  sorgfäl- 
tige Reihe  von  Erfahrungen  rektifizieren  können. 


BEITRÄGE  ZUR  OPTIK  II  341 

XI 

Nacherinnerung 

Ich  beschließe  hiermit  vorerst  den  Vortrag  jener  pris- 
matischen Erfahrungen,  welche  ich  die  subjektiven  nennen 
darf,  indem  die  Erscheinungen  in  dem  Auge  des  Beobach- 
ters vorgehen,  wenn  ohne  Prisma  an  den  Objekten,  wel- 
che gesehen  werden,  eine  Spur  des  Phänomens  nicht 
leicht  zu  entdecken  ist. 

Es  leiten  sich  alle  diese  Versuche  von  einer  einzigen  Er- 
fahrung ab,  nämlich:  daß  wir  notwendig  zwei  entgegen- 
gesetzte Ränder  vor  uns  stellen  müssen,  wenn  wir  sämt- 
liche prismatische  Farben  auf  einmal  sehn  wollen,  und 
daß  wir  diese  Ränder  verhältnismäßig  aneinander  rücken 
müssen,  wenn  die  voneinander  getrennten  einander  ent- 
gegengesetzten Erscheinungen  sich  verbinden  und  eine 
Farbenfolge  durch  einen  gemischten  Übergang  darstellen 
sollen. 

Ich  habe  meine  Bemühungen  nur  daraui  gerichtet,  die 
einfachen  Erfahrungen  in  so  viele  Fälle  zu  vermannig- 
faltigen, als  es  mir  jetzt  möglich  war  und  nützlich  schien, 
und  ich  hofie,  daß  man  meine  Arbeit  nicht  deswegen  ge- 
ringer schätzen  wird,  weil  sich  alle  von  mir  vorgetragenen 
Versuche  auf  einen  einzigen  wieder  zurückbringen  lassen. 
Die  unzähligen  Operationen  der  Rechenkunst  lassen  sich 
auf  wenige  Formeln  reduzieren,  und  die  Magnetnadel  zeigt 
uns  eben  darum  den  Weg  von  einem  Ende  des  Meers  zum 
andern,  sie  hilft  uns  aus  den  verworrensten  unterirdischen 
Labyrinthen,  läßt  uns  über  Täler  und  Flüsse  das  Maß 
finden  und  gibt  uns  zu  vielen  ergötzlichen  Kunststücken 
Anlaß,  eben  weil  sie  sich  unveränderlich  nach  einem  ein- 
fachen Gesetze  richtet,  das  auf  unserm  ganzen  Planeten 
gilt  und  also  überall  ein  gewisses  Hier  und  Dort  angibt, 
das  der  menschliche  Geist  in  allen  Fällen  zu  bemerken 
und  auf  unzählige  Art  anzuwenden  und  zu  benutzen  ver- 
steht. 

Ein  solches  Gesetz  kann  gefunden,  deutlich  gemacht  und 
tausendfältig  angewendet  werden,  ohne  daß  man  eine 
theoretische  Erklärungsart  gewählt  oder  gewagt  hat. 


342  CHROMATIK 

Darf  ich  mir  schmeicheln,  in  einer  so  durchgearbeiteten 
Materie,  als  die  Lehre  von  den  Farben  ist,  etwas  Nütz- 
liches und  Zweckdienhches  zu  leisten:  so  kann  ich  es  nur 
alsdann,  wenn  ich  die  vielen  Versuche,  welche  bezüglich 
auf  Entstehung  der  Farben  von  so  vielen  Beobachtern  an- 
gestellt worden  und  die  überall  zerstreut  liegen,  zusammen- 
bringe und  sie  nach  ihrer  natürlichen  Verwandtschaft  ohne 
weitere  Rücksicht  in  Ordnung  stelle. 
Man  wird  mir  verzeihen,  wenn  ich  nicht  gleich  anzeige, 
woher  ich  sie  nehme,  wo  und  wie  sie  bisher  vorgetragen 
worden,  wie  man  sie  zu  erklären  gesucht,  und  ob  sie 
dieser  oder  jener  Theorie  günstig  scheinen.  Was  für  Kenner 
überflüssig  ist,  dürfte  den  Liebhaber  verwirren,  und  leicht 
werden  Streitigkeiten  erregt,  die  man  so  viel  als  möglich 
zu  vermeiden  hat.  Sind  die  Materialien  einmal  beisammen, 
so  ergibt  sich  die  Anwendung  von  selbst. 
Ebenso  wird  man  mir  vergeben,  wenn  ich  langsamer  vor- 
wärts gehe,  als  ich  mir  es  anfangs  vorgesetzt,  und,  um 
keinen  Fehltritt  zu  tun,  meine  Schritte  zusammenziehe. 

Erklärung  der  Kupfertafel' 

Das  zusammengesetzte  hohle  Prisma  ist  hier  schwebend 
vorgestellt.  Man  kann  seine  zwei  undurchsichtigen  bleier- 
nen Seiten  von  den  durchsichtigen  gläsernen  leicht  unter- 
scheiden, und  man  weiß,  daß  die  Oberfläche  nicht  zuge- 
schlossen ist.  Man  sieht  das  schmale  Fensterblei,  durch 
welches  das  ganze  Instrument  verbunden  wird,  indem 
solches  an  allen  Rändern  hingeführt  und  wohlverkittet 
ist.  Es  schwebt  das  Prisma  über  seinem  Gestelle,  dieses 
hat  zwei  Seitenbretter,  welche  mit  Leisten  eingefaßt  sind, 
um  das  Prisma  zu  empfangen.  Die  eine  Leiste  ist  kurz 
und  einfach,  die  andere  länger  und  eingeschnitten.  Dieser 
Einschnitt  dient,  wenn  das  Prisma  unmittelbar  an  den 
Brettern  niedergelassen  ist  und  auf  den  Leisten  ruht,  eine 
ausgeschnittene  Pappe  vor  die  eine  Fläche  des  Prisma  zu 
schieben  und  dadurch  Versuche  hervorzubringen,  welche 
wir  in  den  folgenden  Stücken  vorlegen  werden. 

>•  Vgl.  Seite  330. 


BEITRÄGE  ZUR  OPTIK  II  343 

Die  erstbeschriebenen  Seitenbretter  sind  durch  beweg- 
liche Zapfen  mit  zwei  Pfosten  verbunden  und  können 
durch  eine  Schraube  an  die  Pfosten  angezogen  oder  von 
denselben  entfernt  und  also  dem  Prisma  genau  angepaßt 
v/erden. 

Die  beiden  Pfosten  stehen  auf  einem  Boden  von  starkem 
Holz,  das  einwärts  vertieft  ist,  damit  das  aus  dem  pris- 
matischen Gefäß  allenfalls  auströpfelnde  Wasser  aufge- 
fangen werde.  Die  Leisten  der  obenbeschriebenen  Seiten- 
bretter gehen  unterwärts  nicht  zusammen,  damit  das 
Wasser  ungehindert  abträufeln  könne. 
Ich  empfehle  nochmals  den  Liebhabern  dieses  leicht  zu 
verfertigende  Instrument  und  ersuche  sie,  solches  an 
einem  offenen  Fenster  den  Sonnenstrahlen  auszusetzen. 
Man  wird  zum  voraus  manche  merkwürdige  Erscheinung 
gewahr  werden,  die  ich  erst  später  in  ihrer  Reihe  auf- 
führen kann. 


EINIGE  ALLGEMEINE  CHROMATISCHE 
SÄTZE 

[PlandschriftHch.   1793] 

DIE  Farbe  ist  eine  Eigenschaft,  die  allen  Körpern, 
die  wir  kennen,  unter  gewissen  Bedingungen  zu- 
kommen kann. 
Die  Körper  sind  entweder  farblos,  oder  können  doch  in 
den  farblosen  Zustand  versetzt  werden. 
In  und  an  den  Körpern  kann  durch  bestimmte  Behand- 
lung Farbe  erregt,  sie  kann  ihnen  mitgeteilt,  die  erregte 
oder  mitgeteilte  kann  verändert  werden. 
Das  Licht  kommt  auf  eine  doppelte  Weise  in  Betrachtung, 
erstens  als  Mittel,  durch  welches  wir  die  Farben  erken- 
nen, und  hier  ist  es  in  seinem  höchsten,  absolutesten  Zu- 
stande farblos,  zweitens  als  der  reinste,  feinste  Körper,  der 
teils  mit  allen  übrigen  Körpern  Affinität  hat,  teils  an  wel- 
chem, wie  an  den  übrigen  Körpern,  Farben  erregt  werden, 
welchem  Farben  mitgeteilt  werden  können. 
Wie  das  Licht  sich  an  Reinheit  und  Energie  gegen  die 
übrigen  Körper  verhält,  so  verhalten  sich  auch  seine  Far- 
ben zu  den  Farben  der  übrigen  Körper.  Diese  nennen  wir 
mit  einigen  Alten  einsweilen  eigeneFarhen  (colores pro- 
prios),  jene  nennen  wir  apparente^  die  Alten  nannten  sie 
fürtrefilich  colores  emphaticos. 

Die  Farben  des  Lichts,  sowie  der  übrigen  Körper,  gehen 
manchmal  nur  vorüber,  sie  wechseln,  kehren  sich  um. 


Diese  Sätze  machen,  wie  man  sieht,  keinen  Anspruch, 
irgendeine  Ursache  der  Farbenentstehung  anzuzeigen, 
ebensowenig  wagen  sie  es,  auch  nur  die  näheren  Gesetze 
bezeichnen  zu  wollen,  deren  Bedingungen  wir  erst  noch 
aufzusuchen  haben,  sie  sprechen  gewissermaßen  nur  die 
Erfahrungen  aus,  die  wir  beinahe  so  oft  machen,  als  wir 
die  Augen  eröffnen. 

Es  fragt  sich,  ob  ich  mich  hierin  nicht  irre?  ob  sie  zulässig 
und  insofern  zweckmäßig  sind:  daß  wir  den  Punkt,  von 
dem  wir  ausgehen  und  zu  dem  wir  oft  zurückkehren  wer- 
den, dadurch  deutlich  bezeichnen. 


EINIGE  ALLGEMEINE  SÄTZE  345 

Vorschläge 
wie  man  sich  in  die  vorzunehmenden  Arbeiten  teilen  könne. 

Der  größte  Vorteil,  der  aus  einer  gemeinsamen  Bearbei- 
tung einer  so  weit  verbreiteten  Wissenschaft  entspringen 
könne,  ist  außer  der  Vollständigkeit  auch  der,  daß  keine 
einseitige  Behandlungsart  das  Übergewicht  gewinnen  und 
die  übrigen,  die  ebensoviel  recht  haben,  wo  nicht  aus- 
schließen, doch  wenigstens  genieren  dürfe. 
Wir  wollen  hier  nur  die  allgemeinste  Übersicht  geben. 

Der  Chemiker 
behandelt  gleichsam  privative 

die  unorganischen  Körper^ 
insofern  sie  farblos  sind,  insofern  Farben  an  ihnen  erregt^ 
sie  ihnen  mitgeteilt^  an  ihnen  verändert  und  abgewechselt 
werden  können,  und  wie  sie  aus  dem  farbigen  Zustande 
in  den  farblosen  wieder  zu  versetzen  sind. 
Er  beobachtet  gleichfalls  die  sogenannten  Elemente,  d.  i. 
die  unzerlegbaren,  oder  wenigstens  bis  jetzt  unzerlegten 
Körper.  Hier  trifi"t  er  mit  dem  Physiker  zusammen,  dem 
er  die  Bearbeitung  der  Bedingungen  überläßt,  unter  wel- 
chen das  Licht  farblos  oder  gefärbt  erscheint.  Dagegen 
untersucht  er  die  Affinität  des  Lichtes  zu  andern  Körpern 
(er  untersucht,  inwiefern  das  Licht  zur  Färbung  der  Pflan- 
zen beitrage?  usw.),  besonders  zu  solchen,  die  fast  ganz  aus 
Farbeteilen  bestehen  und  unter  dem  Namen  Pigmente  zu 
bezeichnen  sind.  Ferner  die  Affinität  dieser  farbigen  Stofl:e 
zu  andern  Körpern,  den  Metallkalken,  Erden,  zu  den  ob- 
stringenten  Stoffen  und  durch  diese  zu  den  organischen 
Körpern;  so  würde  teils  die  reine  chemische  Farbenlehre, 
teils  die  angewendete,  die  Färbekunst  bearbeitet.  In  beiden 
ist  schon  so  viel  getan,  daß  man  sich  beinahe  nur  über  die 
Ordnung  verstehen  dürfte,  in  welcher  man  die  Phänomene 
und  Erfahrungen  aufzustellen  der  Natur  gemäß  fände.  Vor- 
schläge dazu  werde  ich  zur  Prüfung  darlegen. 

Der  Physiker 
beschäftigt  sich  mit  den  Bedingungen,  unter  welchen  das 
Licht /(7/7;/(3X,  vorzüglich  aber  ^(?/är^/ erscheint. 


346  CHROMATIK 

Es  ist  und  bleibt  unter  mancherlei  Umständen  fard/os,  und 
immer  wird  es  sich  rein,  einfach,  gewaltig,  schnell  und 
empfindlich  zeigen. 

Gefärbt  erscheint  es  sehr  oft  unter  verschiedenen  Bedin- 
gungen, welche  so  genau  als  möglich  voneinander  zu  son- 
dern sind,  ob  man  gleich  am  Ende  findet,  daß  eine  in  die 
andere  eingreift.  Es  ist  mir  davon  folgendes  bekannt: 
In  und  an  dem  Lichte  werden  Farben  erregt 

1.  durch  Mäßigung  des  Lichtes, 

2.  durch  Wechselwirkung  des  Lichtes  auf  die  Schatten. 
Diese  beiden  Bedingungen  bringen  jederzeit  Farben  her- 
vor, und  kann  die  Art,  wie  sie  wirken,  leicht  erkannt  wer- 
den. Bei  den  folgenden  ist  es  nicht  so,  wir  sagen  daher: 
Ferner  werden  in  und  an  dem  Lichte  Farben  erregt^ 
bei  Gelegenheit,  3.  der  Beugung,  Inflexion, 

4.  des  Widerscheins,  Reflexion, 

5.  der  Brechung,  Refraktion. 

Diese  drei  bringen  nicht  immer  Farben  hervor,  sondern 
sie  müssen  noch  besonders  bedingt  werden. 
Dem  Lichte  werden  Farben  7nitgeteilt 
6.  durch  farbige  durchsichtige  Körper. 
Dieses  sind  die  mir  bekannten  sechs  Bedingungen,  unter 
die  sich  der  größte  Teil  der  Erfahrungen,  die  apparenten 
Farben  betreffend,  ordnen  läßt.  Ob  sie  hinreichend  sind, 
wird  die  Folge  der  Arbeit  zeigen. 

Von  der  dabei  anzudeutenden  Methode  rede  ich  in  einem 
besondern  Abschnitt. 

Es  gibt  mehrere  Erfahrungen,  die  man  nicht  gewiß  zu  ord- 
nen weiß,  diese  werden  einsweilen  besonders  gestellt. 

Der  Mathematiker 
wird  dem  Physiker  beistehen,  er  wird  die  Methode  prüfen, 
nach  welcher  die  Versuche  geordnet  sind,  er  wird  die- 
ses nach  den  allgemeinen  Grundsätzen  des  Denkens  tun 
und  scharf  bemerken,  ob  von  dem  Einfachen  zu  dem  Zu- 
sammengesetzteren fortgeschritten  worden,  ob  in  dem 
Vortrag  keine  Lücken  zu  bemerken,  und  ob  das,  was  als 
Resultat  angegeben  wird,  auch  wirklich  aus  dem  Erfah- 
renen folgt. 


EINIGE  ALLGEMEINE  SÄTZE  347 

Er  wird  sodann  in  die  Sache  hineingehen  und  alles,  was 
Zahl  und  Maß  unterworfen  ist,  so  rein  und  einfach  als 
inöglich  durcharbeiten. 

Der  Mechaniker 
wird  die  kürzesten  Wege  und  Mittel  überlegen,  wie  zu  den 
angegebenen  Versuchen  der  Apparat  beizuschaffen  und 
herzustellen  sei.  Er  wird  Gelegenheithaben,  seinen  Scharf- 
sinn zu  üben  und  Maschinen  zu  ersinnen,  an  denen  und 
durch  welche  mehrere  Versuche  gemacht  werden  können, 
teils  um  Kosten,  teils  um  Platz  zu  sparen.  Denn  oflfenbar 
wird  nach  diesen  Arbeiten  der  Vorrat  eines  physikalischen 
Kabinetts  sehr  vermehrt  werden.  Die  beste  Einrichtung 
einer  dunklen  Kammer,  die  Bequemlichkeit  des  Apparats 
verdienen  alles  Nachdenken,  um  jeden  Physiker  in  den 
Stand  zu  setzen,  nicht  allein  alle  nach  einer  reinen  Me- 
thode aufzustellenden  Versuche  mit  Leichtigkeit  zu  wie- 
derholen, sondern  auch,  wenn  es  erfordert  wird,  selbst  die 
komplizierten  falschen  Experimente,  von  welchen  ihm  der 
Kritiker  ein  Verzeichnis  liefert,  darzustellen. 
Die  gefälligsten  und  wunderbarsten  wird  man  in  die  natür- 
liche Magie  aufnehmen,  um  sie  bekannt  zu  machen  auch 
unter  Personen,  die  kein  wissenschaftliches  Interesse  an 
diesen  Erscheinungen  nehmen. 

Der  Naturhistoriker 
wird  die  organischen  Naturen  durchgehen,  inwiefern  sie 
'  farblos  oder  farbig  sind.  Er  wird  die  verschiedenen  Reiche 
und  Klassen  bearbeiten,  und  sehen,  ob  sich  nicht  Gesetze 
entdecken  lassen,  nach  denen  die  organischen  Körper  farb- 
los oder  gefärbt  sind.  Was  Element,  Klima,  Gestalt  dazu 
beiträgt.  Er  wird  die  Vorarbeiten  des  Chemikers  und  Phy- 
sikers zu  Rate  ziehen. 

Um  nur  etwas  zu  sagen,  wie  er  seine  Untersuchungen  an- 
schließen könne,  so  bemerke  man,  daß  reine  ganze  Farben 
nur  an  unvollkommenen  organischen  Naturen  stattfinden: 
an  Blumen,  Raupen,  Schmetterlingen,  Schalen  der  Wür- 
mer, Fischen,  Vögeln.    An  Säugetieren  finden  sich  meist 


34  S  CHROM  ATI  K 

nur  gemischte  Farben.    Reine  Farben  an  der  Gestalt  d 
Menschen  würden  unerträglich  sein. 

Der  Maler 
braucht  die  Farbe  teils  mechanisch ,  worinne  ihm  der  Clie- 
miker  vorgeht,  mit  welchem  er  sich,  was  diesen  Teil  be- 
trifft, verbinden  wird.  Teils  zu  ästhetischen  Zwecken.,  und 
hier  steht  er  höher  als  alle,  die  sich  mit  Farben  beschäf- 
tigen. Er  muß  ihre  Natur,  ihre  Wirkung  tief  und  genau 
kennen,  weil  er  die  zartesten  und  doch  verschiedensten 
Effekte  hervorbringen  will.  Wir  können  hoffen,  daß  er  uns 
die  wichtigsten  Aufschlüsse  geben  wird,  wenn  er  von  seiner 
Erfahrung  ausgeht  und  durch  Beispiel  zeigt,  wo,  wie  und 
warum  er  die  verschiedenen  Farben  benutzt. 
Hoffentlich  wird  er  sich  von  dieser  Seite  mit  dem  Phy- 
siker vereinigen  können,  von  dem  er  bisher  sich  gänzlich 
verlassen  sah. 

Vorläufig  merke  ich  an,  daß  er  folgendes  unterscheidet: 
I.  Licht  und  Schatten.,  Hell  und  Dunkel. 
2. Lokalfarbe,  Farbe  des  Gegenstandes  ohne  Zusammen- 
hang. 

3.  Apparcnte  Farbe.  Die  Lehre  von  der  Mäßigung  des 
Lichts  und  den  farbigen  Schatten  studiert  er  aufs  ge- 
nauste. 

4.  L^arben gebung.  Harmonische  Verbindung  der  Farben 
durch  Zusammenstellung  und  Vereinigung  der  Lokal-  und 
apparenten  Farben. 

5.  Ton.  Allgemeine  Farbe,  die  über  ein  ganzes  Bild  herrscht. 

Der  Historiker 
wird  die  Geschichte  der  Farbenlehre  aus  der  Geschichte 
der  Optik  und  der  übrigen  Naturlehre  aussondern.  Er  wird 
die  Meinungen  der  Alten,  die  Hypothesen  und  Theorien 
der  mittlem  und  neuern  Zeit,  die  Streitigkeiten  so  un- 
parteiisch als  möglich  erzählen,  er  wird  die  obwaltenden 
moralisch-politischen  Ursachen  des  Übergewichts  dieser 
oder  jener  Lehre  aufzufinden  suchen  und  die  Modifika- 
tion der  herrschenden  Theorien  bis  auf  die  neuesten  Zeiten 
verfolgen. 


EINIGE  AI.LGlCxMEINE  SÄTZE  349 

Der  Kritiker 
findet  durch  den  Historiker  seinen  Weg  gebahnt  und  durch 
die  x'\rbeiten  besonders  des  Physikers  und  Chemikers  die 
r)ase  seines  Urteils  befestigt.  Er  untersucht  alle  Versuche, 
von  welchen  jene  zu  reden  sich  enthalten,  alle  falsch  ver- 
wickelte, falsch  verknüpfte,  falsch  erklärte  Versuche,  und 
zeigt,  wie  sie  einfacher  anzustellen  und  wohin  sie  zu  ord- 
nen sind.  Er  entdeckt  alle  Übereilungen  des  Urteils,  die 
Unrichtigkeiten  der  Methode,  die  Lücken  der  Hypothesen, 
setzt  die  Punkte  des  Streites  fest,  und  kommt  dergestalt 
denen,  die  ihm  vorgearbeitet  haben,  von  seiner  Seite  zu 
Hülfe. 

Er  erfreut  sich  an  den  Bemühungen  derer,  die  ihren  Geist 
an  diesen  Gegenständen  geübt  und  scharfsinnige  hypothe- 
tische Verbindungen  ohne  Anmaßung  gemacht;  er  zieht 
aus  der  Geschichte  einzelne  aufgestellte  Versuche  und 
Meinungen  hervor,  die  nicht  die  Aufmerksamkeit  erregt, 
nicht  das  Glück  gehabt,  das  sie  verdient,  und  bringt  ver- 
kanntes Verdienst  zu  Ehren. 

Er  nimmt  die  polemischen  Bemühungen  über  sich,  damit 
die  reine  aufzustellende  Lehre  nicht  getrübt  werde. 
Ferner  wird  er  die  von  uns  eingegangene  Methode  recht- 
fertigen und,  was  sich  in  der  Folge  an  ihr  zu  tadeln  finden 
sollte,  gleichfalls  anzeigen. 


Haben  wir  nun  von  gedachten  Männern  die  vorzüglichste 
Beihülfe  zu  erwarten,  so  werden  wir  doch  in  dem  Falle 
sein,  uns  den  Anteil  mehrerer  zu  wünschen  und  zu  er- 
bitten. 

So  wird  der  Physiker  dem  Anatomen  verschiedene  Fragen 
über  den  Bau  des  Auges  vorzulegen  haben. 
So  wird  CiQi  spekulative  Philosoph  eingeladen,  den  Erschei- 
nungen, mit  denen  wir  uns  beschäftigen,  einen  Blick  zu 
gönnen;  als  Logiker  unsere  Methode  zu  beurteilen  und  zu 
reinigen;  als  Ästhetiker  zu  prüfen,  ob  er  bei  Betrachtung 
der  Werke  der  Kunst  und  ihrer  Schätzung  einen  sicherern 
Maßstab  erhält,  als  der  war,  dessen  er  sich  bisher  bedient, 
usw. 


350  CHROMATIK 

Jeder  aufmerksame  Mensch  wird  uns  an  Phänomene  er- 
innern, über  die  wir  hinwegsahen.  Sehr  viel  bin  ich  schon 
teilnehmenden  Freunden  schuldig  geworden. 
Wie  viel  eine  Wissenschaft  durch  allgemeineren  Anteil  ge- 
winnt, braucht  nicht  ausgeführt  zu  werden,  und  wie  wohl- 
tätig sie  besonders  in  unsern  Zeiten  werden  kann,  wenn 
sie  das  Gemüt  von  andern  zudrängenden  Gedanken  ab- 
leitet, erfahre  ich  an  mir  selber. 

Lager  bei  Marienborn 
d.  2  1  Jul.  1793. 


ÜBER  DIE  EINTEILUNG  DER  FARBEN 
UND  IHR  VERHÄLTNIS  GEGEN- 
EINANDER 

[Handschriftlich.  Wohl  1793] 

WENN  der  billige  Wunsch,  die  Farbenlehre  durch 
mehrere  Naturfreunde  gemeinschaftlich  behan- 
delt zu  sehen,  in  Erfüllung  gehen  sollte,  so  ist 
vorauszusetzen,  daß  man  suche,  von  eitiem  Standorte  aus- 
zugehen, sich  über  einige  Punkte  zur  Leitung  der  Arbeit 
zu  vereinigen. 

Man  kann  keine  völlig  ausgearbeitete  unwidersprechliche 
Sätze  zum  Grunde  legen,  denn  wir  arbeiten  ja,  erst  diese 
zu  finden.  Wir  wollen  suchen,  nicht  beweisen,  und  der 
Leitfaden,  an  dem  wir  ausgehen,  möchte  so  hypothetisch 
sein  als  er  will,  wenn  er  uns  nur  dient,  unsern  Weg,  wo- 
hin wir  ihn  auch  nehmen,  zu  verfolgen  und  zurückzu- 
finden. 

Nachstehende  Resultate  habe  ich  aus  vielen  Arbeiten  ge- 
zögen und  finde  im  Fortarbeiten  bequem,  sie  vor  Augen 
zu  haben;  ich  wünsche,  daß  sie  andern  auch  nützlich  sein 
mögen. 

Wir  kennen  nur  zwei  ganz  reine  Farben,  welche,  ohne  uns 
einen  Nebeneindruck  zu  geben,  ohne  an  etwas  anders  zu 
erinnern,  von  uns  wahrgenommen  werden.  Es  sind 

Gelb  und  Blau. 

Sie  stehen  einander  entgegen,  so  wie  nur  ein  irgend  uns 
bekannter  Gegensatz.  Die  reine  Existenz  der  einen  schließt 
die  reine  Existenz  der  andern  völlig  aus,  sie  haben  aber 
eine  Neigung  gegeneinander,  als  zwar  entgegengesetzte 
aber  nicht  widersprechende  Wesen;  jede  einzeln  betrachtet 
macht  einen  bestimmten  und  höchst  verschiedenen  Eflfekt, 
nebeneinander  gestellt  machen  sie  einen  angenehmen 
Eindruck  aufs  Auge,  miteinander  vermischt  befriedigen 
sie  den  Blick.  Diese  gemischte  Farbe  nennen  wir 

Grün. 

Dieses  Grün  ist  die  Wirkung  der  beiden  vermischten,  aber 
nicht  vereinigten  Farben,  in  den  meisten  Fällen  lassen  sie 
sich  sondern  und  wieder  zusammensetzen. 


352  CHROM  ATI  K 

Wir  kehren  zurück  und  betrachten  die  beiden  Farben 
Gelb  und  Blau  abermals  in  ihrem  reinen  Zustande  und 
finden,  daß  sie  auch  heller  und  dunkler  ohne  Veränderung 
ihrer  P^igenheit  dargestellt  werden  können. 
Wir  nehmen  z.  B.  rein  aufgelöstes  Gummi  Gutti  und  strei- 
chen davon  auf  ein  Papier;  sobald  es  getrocknet,  über- 
streichen wir  einen  Teil  zum  zweitenmal  und  so  fort,  und 
wir  finden,  daß,  je  mehr  Farbenteilchen  das  Papier  be- 
decken, je  dunkler  die  Farbe  wird.  Eben  diesen  Versuch 
machen  wir  mit  fein  geriebenem  Berliner  Blau. 
Wir  können  zwar  auch  die  hellere  Farbe  dunkler  erschei- 
nen machen,  wenn  wir  das  Papier  vorher  mit  einer  leich- 
tern oder  stärkern  Tusche  überziehen  und  dann  die  Farbe 
darüber  ziehen.  Allein  von  der  Vermischung  mit  Schwarz 
und  Weiß  darf  bei  uns  nicht  die  Rede  sein.  Bei  uns  fragt 
sichs  nur:  sind  die  Farbenteile  näher  oder  entfernter  bei- 
sammen? jedoch  in  völliger  Reinheit. 
Auf  obgemeldete  Weise  verstärken  wir  die  Farbe  nicht 
lange,  so  finden  wir,  daß  sie  sich  noch  auf  eine  andere 
W^eise  verändert,  die  wir  nicht  bloß  durch  dunkler  aus- 
drücken können.  Das  Blaue  nämlich  sowohl  als  Gelbe 
nehmen  einen  gewissen  Schein  an,  der,  ohne  daß  die 
Farbe  heller  werde  als  vorher,  sie  lebhafter  macht,  ja 
man  möchte  beinahe  sagen,  sie  ist  wirksamer  und  doch 
dunkel.  Wir  nennen  diesen  Efiekt 

Rot. 

So  ist  ein  reines  trocknes  Stück  Gummi  Gutta  auf  dem 
Bruche  schon  orangengelb.  Man  lege  es  gegen  ein  Stück 
schön  rot  Siegellack,  und  man  wird  wenig  Unterschied 
sehen.  Ebenso  schimmert  das  gute  Berliner  Blau,  der 
echte  Indig  auf  dem  Bruche  ins  Violette.  Der  Chemiker 
wird  uns  durch  Verdickung  der  Liquore  die  schönsten 
Beispiele  liefern. 

Rot  nehmen  wir  also  vorerst  als  keine  eigene  Farbe  an, 
sondern  kennen  es  als  Eigenschaft,  welche  dem  Gelben 
und  Blauen  zukommen  kann.  Rot  steht  weder  dem  Blauen 
noch  dem  Gelben  entgegen,  es  entsteht  vielmehr  aus 
ihnen,  es  ist  ein  Zustand,  in  den  sie  versetzt  werden  können, 


ÜBER  DIE  EINTEILUNG  DER  FARBEN      353 

und  zwar  durch  Verdichtung,  durch  Aneinanderdrängung 
ihrer  Teile;  geteilte  rote  Blutkügelchen  legen  ihre  rote 
Farbe  ab  und  nehmen  eine  gelbe  an.  Man  nehme  nun  das 
Gelbrote  und  das  Blaurote^  beides  auf  seiner  höchsten 
Stufe  und  Reinheit,  man  vermische  beide,  so  wird  eine 
Farbe  entstehen,  welche  alle  übrigen  an  Pracht,  besonders 
wenn  die  Farben  emphatisch  sind,  übertrifft,  es  ist  der 

Purpur^ 

der  so  viel  Nuancen  haben  kann,  als  es  Übergänge  vom 
Gelbroten  zum  Blauroten  geben  kann.  Diese  Vermischung 
geschieht  am  reinsten  und  vollkommensten  bei  den  pris- 
matischen Versuchen.  Die  Chemie  wird  uns  die  Übergänge 
sehr  interessant  zeigen.  Wie  es  mit  Pigmenten  geschehen 
könne,  wird  der  Maler  angeben. 
Wir  kennen  also  nur  folgende  Farben  und  Verbindungen: 

Purpur 


Gelbrot  Blaurot 

Gelb  Blau 

Grün 

\    Es  läßt  sich  auch  dieses  Schema  in  einem  Farbenkreise 

bequem  darstellen.* 
1     Wir  kennen,  wie  oben  schon  gesagt,  keine  Verdunklung 
\    derselben  durch  Schwarz^  welches  immer  zugleich  eine 
Beschmutzung  mit  sich  führt  und  unnötig  die  Zahl  der 
Farbenabstufungen  vermehrt. 

Wir  enthalten  uns  gleichfalls  der  Vermischung  mit  Weiß^ 
obgleich  dieses  unschuldiger  ist  und  bei  trocknen  Pig- 
menten ohngefähr  eben  das  wäre,  was  das  Zugießen  des 
Wassers  bei  farbigen  Liquoren  ist. 

Das  Schwarze  bleibt  uns  wie  das  Weiße  farblos,  und  wird 
uns  in  der  Kunst  nur  Licht  und  Dunkel  und  farblosen 
Schatten  durch  Mischung  vorstellen.  Wir  vermischen  auch 
nicht  die  im  Schema  verschränkt  stehenden  Farben  als 
Purpur  und  Grün,  Blaurot  und  Gelb,  Gelbrot  und  Blau, 

^  Vgl.  Anmerkung  auf  Seite  378. 
GOETHE  XVII  23. 


354  CHROMATIK 

als  wodurch  nur  schmutzige  Farben  entstehen  können. 
Über  diese  und  deren  Gebrauch  wird  uns  der  Maler  bei 
Nachahmung  natürlicher  Gegenstände,  der  Färber  bei 
Hervorbringung  der  Modefarben  belehren. 
Da  wir  uns  hier  bemühen,  das  Reinste,  Abstrakteste,  was 
auf  alle  Fälle  anwendbar  sein  sollte,  darzustellen,  so  haben 
wir  uns  alles  desjenigen  zu  enthalten,  was  unser  Schema 
verunreinigen,  es  komphzieren  und  unsicher  machen 
könnte. 

Der  Erfolg  mag  das  Vorgetragene  rechtfertigen  oder  ver- 
bessern. 

DerKritikerwirdkünftigdie  Farben-Pyramide,  dasFarben- 
Lexikon,  das  Farben-Dreieck  und  sonstige  Bemühungen 
beurteilen  und  jedem  seinen  Platz  in  der  Wissenschaft 
und  der  Benutzung  anweisen. 


VON  DEN  FARBIGEN  SCHATTEN 

[Handschriftlich.  1792] 

ES  erscheinen  uns  die  Schatten,  welche  die  Sonne  bei 
Tag  oder  eine  Flamme  bei  Nacht  hinter  undurch- 
sichtigenKörpern  verursacht,  gewöhnhch  schwarz  oder 
grau,  allein  sie  werden  unter  gewissen  Bedingungen  farbig, 
und  zwar  nehmen  sie  verschiedne  Farben  an.  Diese  Be- 
dingungen zu  erforschen  habe  ich  viele  Versuche  ange- 
stellt, wovon  ich  gegenwärtig  die  merkwürdigsten  vor- 
trage, mit  der  Hoffnung,  daß  sie  einander  selbst  erklären 
und  uns  den  Ursachen  und  Gesetzen  dieser  schönen  und 
sonderbaren  Erscheinungen  näher  führen  werden. 
Die  Erfahrung,  daß  morgens  und  abends  bei  einem  ge- 
wissen Grade  der  Dämmerung  der  Schatten  eines  Körpers 
von  einer  Kerze  auf  einem  weißen  Papier  hervorgebracht 
und  von  dem  schwachen  Tageslicht  beschienen  blau  aus- 
sieht, ist  wohl  vielen  bekannt,  doch  wünsche  ich,  daß 
man  solche  sogleich  wiederholen  möge.  Wie  ich  denn 
diejenigen,  die  gedachtes  Phänomen  nicht  gesehen,  er- 
suche, sich  mit  demselben  bekannt  zu  machen. 
Es  kann  solches  sehr  leicht  bei  der  Morgen-  und  Abend- 
dämmerung geschehen,  wenn  man  nur  den  Schatten  irgend- 
eines Körpers  mittelst  eines  Kerzenlichtes  dergestalt  auf 
ein  weiß  Papier  wirft,  daß  das  zum  Fenster  hereinfallende 
schwache  Tageslicht  das  Papier  einigermaßen  beleuchte. 
Je  mehr  das  Himmelslicht  abnimmt,  desto  dunkelblauer 
wird  der  Schatten  und  wird  zuletzt,  wie  jeder  andre  Kerzen- 
schatten bei  Nacht,  schwarz  oder  schwarzgrau. 
Da  man  nun  den  Himmel  blau  zu  sehen  gewohnt  ist,  da 
man  der  Atmosphäre  eine  gewisse,  die  blauen  Strahlen 
absondernde  und  reflektierende  Qualität  zuschreibt,  so 
leitet  man  die  blaue  Schattenerscheinung  gewöhnhch  von 
einem  Widerschein  des  blauen  Himmels  oder  von  einer 
Wirkung  der  geheimen  Eigenschaft  der  Atmosphäre  her. 
Um  gegen  diese  Erklärung  einigen  Zweifel  zu  erregen, 
stelle  man  folgenden  Versuch  an:  An  einem  grauen  Tage, 
wenn  der  ganze  Himmel  keine  Spur  von  Blau  zeigt,  mache 
man  ein  Zimmer  durch  vorgezogne  weiße  Vorhänge  düster, 
man  entferne  sich  so  weit  von  den  Fenstern,  daß  auch  kein 


356  CHROMATIK 

Licht  von  den  grauen  Wolken  unmittelbar  auf  das  Papiei 
fallen  könne,  man  beobachte  das  Zimmer  selbst,  worin 
man  sich  befindet,  und  entferne  aus  demselben  alles,  was 
nur  einigermaßen  blau  ist,  man  beobachte  alsdann  die 
gegen  das  Fenster  gekehrte  Schatten,  welche  eine  Kerze 
auf  das  weiße  Papier  wirft,  und  man  wird  sie  noch  ebenso 
schön  blau  als  gewöhnlich  finden,  vorausgesetzt,  daß  das 
gedämpfte  Tageshcht  mit  dem  Kerzenlichte  in  einer  ge- 
wissen Proportion  stehe,  welche  man  durch  Vor-  und 
Zurückrücken  der  Fläche  leicht  entdeckt.  Unter  diesen 
Umständen  wird  uns  die  Einwirkung  einer  Atmosphäre, 
die  sich  im  Zimmer  nicht  denken  läßt,  und  ihrer  blau- 
färbenden Qualität  unbegreiflich  bleiben.  Auch  sieht  man 
nichts  vor  noch  neben  sich,  woher  ein  blauer  Reflex  ent- 
stehen könne. 

Hat  man  sich  geübt,  diese  blauen  Schatten  unter  mehreren 
Umständen  hervorzubringen  und  zu  beobachten,  so  wird 
man  eine  andere  Erscheinung  leicht  bemerken,  die  mit 
dieser  verwandt,  ja  gewöhnlich  verbunden  ist.  Sobald 
nämlich  das  Tageslicht  Stärke  genug  hat,  daß  es  gleich- 
falls den  Schatten  eines  Körpers  auf  ein  weißes  Papier 
werfen  kann,  so  wird  dieser  Schatten,  wenn  er  vom  Kerzen- 
lichte beleuchtet  wird,  gelb  oder  auch  gelbrot,  ja  fast  gelb- 
braun werden,  und  wird  jenem  blauen  Schatten  gegen- 
überstehen. 

Man  nehme  z.  B.  ein  starkes  Bleistift  und  stelle  es  der- 
gestalt zwischen  Fenster  und  Kerzenhcht  auf  ein  weißes 
Papier,  daß  die  Schatten  von  beiden  Seiten  sichtbar  wer- 
den, so  wird  man  die  gelben  und  blauen  entgegengesetzten 
Schatten  deutlich  sehen.  Nur  ist  folgendes  dabei  zu  be- 
merken: das  zum  Fenster  hereinfallende  Tageslicht  hat 
eine  große  Breite  und  macht  also  Doppelschatten,  dahin- 
gegen das  Kerzenlicht  einen  bestimmten  und  deswegen 
sichtbareren  Schatten  hervorbringt.  Auch  wird  man  das 
Auge  ruhig  auf  beide  Schatten  richten  und  bald  die  beiden 
Farben  rein  und  deutlich  erkennen. 
Sind  wir  nun  vorher  gegen  die  Einwirkung  der  Atmo- 
sphäre auf  die  blauen  Schatten  einigermaßen  mißtrauisch 
geworden,  so  werden  wir  doch  hier  den  gelben  Schatten 


VON  DEN  FARBIGEN  SCHAITEN  357 

leichter  aus  einem  Widerschein  des  Lichts  zu  erklären 
denken,  da  wirklich  der  gelbe  Schatten  mit  der  Farbe 
der  Lichtflamme  ziemlich  übereinkommt,  und  wir  können 
erst  nach  mannigfaltigen  Versuchen  eines  andern  Sinnes 
werden. 

So  viel  gleichsam  als  Einleitung;  wobei  ich  wünschte,  daß 
meine  Leser,  ehe  sie  weitergehen,  selbst  diese  Erfahrungen 
anstellen,  wozu  die  Mittel  einem  jeden  gleich  zur  Hand 
sind.  Der  Augenschein  wird  ihnen  den  Gegenstand  ge- 
wiß interessant  machen,  mit  dem  wir  uns  beschäftigen, 
und  man  wird  nachstehenden  Versuchen  und  ihrer  Be- 
schreibung, die  sich  auf  beiliegende  Figuren  [Seite  371] 
bezieht,  desto  eher  folgen  können,  wenn  man  auch  gleich 
den  nötigen  Apparat  nicht  bei  der  Hand  haben  sollte,  sie 
sogleich  selbst  anzustellen. 


Erster  Versuch.  Erste  Figur 

Es  stehe  in  einer  verfinsterten  Kammer  eine  Kerze  in  a 
und  scheine  an  der  Kante  des  Körpers  c  vorbei,  so  wird 
auf  der  weißen  Fläche  <?/ein  schwarzer  oder  schwarz- 
grauer Schatten  eg  entstehen,  der  übrige  Raum  ^/ wird 
von  dem  Lichte  beleuchtet  hell  sein.  Man  eröfifne  einen 
Fensterladen,  so  daß  ein  gemäßigtes  Tageslicht  von  b 
herein  und  an  der  Kante  des  Körpers  d  vorbeifalle,  so 
wird  ein  Schatten  hf  entstehen,  und  das  Tageslicht  wird 
den  übrigen  Raum  eh  beleuchten.  Zugleich  wird  der 
Schatten  eg  blau,  der  Schatten  hf  gelb  erscheinen  und 
der  von  beiden  Lichtern  beleuchtete  Raum  gh  hell  blei- 
ben und  die  natürliche  Farbe  des  Papiers  ohne  großen 
Unterschied  daselbst  erscheinen.* 

Zweiter  Versuch.  Zweite  Figur 

Es  stehe  in  a  eine  weiße  Mauer,  welche  das  Sonnenlicht 
nach  einer  gegenüber  errichteten  dunklen  Kammer  hinauf- 
wirft, und  bringe  auf  einem  hinter  der  Öffnung  gehaltnen 
Papier  den  Schatten  eg  hervor;  der  heitere  Himmel  in  b 

*  Von  diesem  Unterschiede  siehe  unten  [Seite  369]. 


358  CHROMATIK 

mache  auf  ebendemselben  Papier  den  Schatten  hf,  so 
wird  der  durch  den  Widerschein  der  Mauer  verursachte, 
vom  Himmelslicht  beschienene  Schatten  blau,  der  ent- 
gegengesetzte gelb  sein,  wie  das  innerhalb  der  dunklen 
Kammer  hinter  dem  Papier  befindliche  Auge  an  den 
Rändern  deutlich  erkennen  wird. 

Dritter  Versuch.  Zweite  Figur 
Eben  dieses  Phänomen  wird  sich  zeigen,  wenn  die  unter- 
gehende Sonne  sich  in  a  befindet.  Der  Schatten  eg  ist 
lange  blau,  ehe  in  >^/ein  Schatten  erscheinen  kann,  Ist 
die  Luft  voll  Dünste,  so  wird  schon  einige  Zeit  vor  Sonnen- 
untergang das  Sonnenlicht  dergestalt  geschwächt  und  das 
Licht  der  Atmosphäre  so  mächtig,  daß  letzteres  den  Schat- 
ten hf  hervorbringen  kann,  welcher  sogleich  gelb  er- 
scheint. Bei  heiterem  Himmel  konnte  ich  aber  dieses 
Phänomen  nur  dann  erst  gewahr  werden,  wenn  die  halbe 
Scheibe  der  Sonne  schon  unter  dem  Horizonte  war. 

Vierter  Versuch 
Man  lege  bei  Sonnenschein  und  heiterm  Himmel  eine 
weiße  Fläche  horizontal  auf  den  Boden  und  irgendeinen 
Körper  darauf,  so  wird  der  Schatten  durch  den  Einfluß 
des  atmosphärischen  Lichtes  blau  erscheinen,  der  Himmel 
mag  selbst  blau  oder  mit  weißhchen  Dünsten  überzogen 
sein;  vielmehr  werden  in  dem  letzten  Falle,  weil  die  Ener- 
gie der  Sonne  gemäßigter,  das  Licht  des  Himmels  stär- 
ker wirkt,  die  Schatten  hellblauer  erscheinen.  Daß  der 
entgegengesetzte  gelbe  Schatten  in  diesem  Falle  nicht 
existieren  kann,  versteht  sich  von  selbst. 

Fünfter  Versuch 
Man  lasse  an  einem  heitern  Tage,  wenn  der  Himmel  rein 
blau  ist,  den  Widerschein  desselben  durch  eine  sechs  Zoll 
weite  Öffnung  in  eine  dunkle  Kammer  fallen  und  bringe 
durch  Zwischenstellung  eines  Körpers  auf  einer  weißen 
horizontalen  Fläche  einen  Schatten  hervor,  so  wird  er 
grau  sein;  man  nähere  demselben  ein  Kerzenlicht,  und  er 
wird  nach  und  nach  gelb  werden,  so  wie  der  durch  das 


VON  DEN  FARBIGEN  SCHATTEN  359 

Kerzenlicht  nach  der  Öffnung  zu  geworfne  Schatten  blau 
erscheinen  wird. 

Alle  diese  Versuche  lassen  uns  noch  einigermaßen  in 
Ungewißheit,  ob  nicht  hier  sich  irgendeine  Reflexion  eines 
blauen  oder  gelben  Gegenstandes  mit  einmische?  Wir 
werden  daher,  um  einzusehen,  wie  es  sich  damit  verhalte, 
unsre  Versuche  vermannigfaltigen. 

SecJister  Versuch.  Erste  Figur 
Es  befinde  sich  eine  Kerze  in  a  und  das  Mondhcht  scheine 
von  b  her,  so  wird  der  Schatten  hf^  den  das  Mondlicht 
wirft  und  der  vom  Kerzenlichte  beschienen  wird,  gelb  er- 
scheinen, der  Schatten  eg  aber,  den  die  Kerze  wirft  und 
das  Mondlicht  bescheint,  blau  sein.  Wir  werden  hier  auf 
den  Gedanken  geführt:  daß  kein  Widerschein  eines  ge- 
färbten Körpers,  kein  gefärbtes  Licht  auf  die  Schatten  zu 
wirken  brauche,  um  ihnen  eine  Farbe  mitzuteilen.  Denn 
der  Mond,  dem  man  einen  gelblichen  Schein  nicht  ab- 
sprechen kann,  bringt  hier  gleichfalls  einen  reinen  blauen 
Schatten  hervor.  Ich  bitte  jeden  aufmerksamen  Freund 
der  Natur,  beim  klaren  Vollmond  diesen  leicht  anzustel- 
lenden Versuch  nicht  zu  verabsäumen. 

Siebenter  Versuch,  Dritte  Figur 
Es  komme  von  a  der  Widerschein  des  Sonnenhchts  von 
einer  Mauer,  wie  bei  dem  zweiten  Versuche;  man  bringe 
aber  den  Apparat  innerhalb  der  dunklen  Kammer  an  und 
setze  in  b  ein  brennendes  Licht,  so  wird  der  Schatten  eg 
gelb  und  der  Schatten  hf  blau  erscheinen.  Es  zeigt  uns 
also  der  Widerschein  vOn  der  Mauer,  der  vorher  beim 
zweiten  Versuch  dem  Tageslicht  entgegengesetzt  stärker 
war,  nunmehr,  da  er  gegen  das  Kerzenhcht  der  schwächere 
wird,  grade  die  entgegengesetzte  Wirkung  als  vorher, 
macht  den  Schatten,  den  er  beleuchtet,  blau,  ungeachtet 
die  Mauer  wie  vorher  einen  gelbhchen  Schein  von  sich 
wirft. 

Wir  kommen  also  durch  diesen  Versuch  um  so  viel  weiter, 
indem  wir  sehen,  daß  es  hier  nicht  auf  die  Farbe  des 


36o  CHROM  ATIK 

Lichts,  sondern  auf  Energie  desselben  ankomme;  wir  er- 
fahren, daß  diese  Energie  umgewendet,  sogleich  sub- 
ordiniert und  eine  entgegengesetzte  Wirkung  hervorzu- 
bringen determiniert  werden  kann.  So  haben  wir  bisher 
das  Kerzenlicht  immer  triumphierend  gesehen,  es  gibt 
aber  auch  Mittel,  es  zu  subordinieren. 

Achter  Versuch.  Erste  Figur 
Man  setze  in  a  eine  Glutpfanne  mit  heftig  brennenden 
Kohlen,  man  rücke  eine  brennende  Kerze  b  so  lange  hin 
und  wieder,  bis  die  beiderseitigen  Schatten  sichtbar  sind, 
so  wird  der  Schatten  hf  gelbrot,  der  Schatten  eg  blau 
sein,  ob  er  gleich  von  einer  brennenden  Kerze  beleuchtet 
wird. 

Wir  können  nunmehr  wagen,  folgende  Resultate  zur  Prü- 
fung aufzustellen. 

1.  Der  Schatten,  den  ein  einziges,  starkes,  von  keinem 
andern  Lichte  oder  Widerschein  balanciertes  Licht  her- 
vorbringt, ist  schwarz.  In  einer  wohlbehängten  dunklen 
Kammer  läßt  sich  diese  Erfahrung  mit  dem  Sonn-  und 
Kerzenlicht  am  sichersten  anstellen.  Die  schwärzesten, 
reinsten  Schatten,  die  ich  kenne,  sind  die:  wenn  man  durch 
das  Vorderglas  des  Sonnenmikroskops  auf  einer  weißen 
Fläche  Schattenbilder  hervorbringt. 

2.  Selten  wird  man  einen  Schatten  so  isolieren  können, 
daß  nicht  irgendein  reflektiertes  Licht  auf  ihn  wirke;  einen 
solchen  Schatten,  auf  den  ein  mehr  oder  weniger  starkes 
benachbartes  Licht  einigen  Einfluß  hat,  halten  wir  ge- 
wöhnhch  für  grau.  Da  wir  aber  erfahren  haben,  daß  unter 
solchen  Umständen  die  Schatten  farbig  werden,  so  fragt 
sich,  in  welchem  Grade  die  beiden  Lichtenergien  von- 
einander unterschieden  sein  müssen,  um  diese  Wirkung 
hervorzubringen.  Der  Analogie  der  Naturgesetze  nach 
scheint,  wie  bei  allen  entgegengesetzten  Wirkungen,  kein 
Grad  in  Betrachtung  zu  kommen.  Denn  jedes  aufgehobne 
Gleichgewicht  und  ein  hier-  oder  dorthin  sich  neigendes 
Übergewicht  ist  in  dem  ersten  Augenblicke  entschieden, 
ob  es  gleich  nur  durch  mehrere  Grade  merklicher  wird. 
Ich  wage  aber  hierüber  nichts  festzusetzen,  vielleicht  finden 


VON  DEN  FARBIGEN  SCHATTEN  361 

sich  in  der  Folge  Versuche,  die  uns  hierüber  weitern  Auf- 
schluß geben.  So  viel  aber  wird  ein  aufmerksamer  Be- 
obachter bemerken,  daß  die  Schatten,  die  wir  gewöhnlich 
für  grau  halten,  meist  gefärbt  sind.  Selten  werden  sie  auf 
eine  ganz  reine  weiße  Fläche  geworfen,  selten  genau  be- 
trachtet. 

Könnte  man  durch  zwei  völlig  gleiche  Lichter  zwei  ent- 
gegengesetzte Schatten  hervorbringen,  so  würden  beide 
grau  sein. 

3.  Von  zwei  entgegengesetzten  Lichtem  kann  das  eine  so 
stark  sein,  daß  es  den  Schatten,  den  das  andre  werfen 
könnte,  völlig  ausschließt,  der  Schatten  aber,  den  er  selbst 
wirft,  kann  doch  durch  das  schwächere  Licht  farbig  dar- 
gestellt werden. 

S.  dritter  und  vierter  Versuch. 

4.  Zwei  entgegengesetzte  Lichter  von  differenter  Energie 
bringen  wechselsweise  farbige  Schatten  hervor,  und  zwar 
dergestalt,  daß  der  Schatten,  den  das  stärkere  Licht  wirft 
und  der  vom  schwächern  beschienen  wird,  blau  ist,  der 
Schatten,  den  das  schwächere  wirft  und  den  das  stärkere 
bescheint,  gelb,  gelbrot,  gelbbraun  wird. 

Diese  Farbe  der  Schatten  ist  ursprünglich^  nicht  abgeleitet, 
sie  wird  unmittelbar  nach  einem  unwandelbaren  Natur- 
gesetze hervorgebracht.  Hier  bedarf  es  keiner  Reflexion, 
noch  irgendeiner  andern  Einwirkung  eines  etwa  schon  zu 
dieser  oder  jener  Farbe  determinierten  Körpers. 
Was  aber  gefärbte  Körper,  indem  sie  das  Licht  entweder 
durchlassen  oder  zurückwerfen,  auf  die  Schatten  für  Ein- 
fluß haben,  wollen  wir  nunmehr  untersuchen,  und  zwar 
nehmen  wir  zuerst  gefärbte  Glasscheiben  vor. 

Neunter  Versuch.  Erste  Figur 
Es  mögen  in  a  und  b  bei  Nachtzeit  zwei  so  viel  möglich 
gleichbrennende  Kerzen  stehen,  und  die  Schatten  eg  und 
hf  werden  grau  erscheinen.  Man  halte  vor  das  Licht  b 
ein  hellblaues  Glas,  sogleich  wird  der  Schatten  eg  blau 
erscheinen,  der  Schatten  h/ ahev  gelb  sein.  Man  hat  zu 
diesem  Versuche  ein  hellblaues  Glas  zu  nehmen,  weil  die 
dunkelblauen   besonders  in  einiger  Entfernung  von  der 


302  CHROM  ATIK 

Kerze  kaum  so  viel  Licht  durchlassen  als  nötig  ist,  einen 
Schatten  zu  bilden. 

Dieser  Versuch,  wenn  er  allein  stünde,  würde  uns  wie 
jene  ersten  auch  im  Zweifel  lassen,  ob  die  blaue  Farbe 
des  einen  Schattens  sich  nicht  von  dem  blauen  Glase,  die 
gelbe  Farbe  des  andern  sich  nicht  von  dem  gelben  Scheine 
des  Lichts  herschreibe;  allein  man  wende  den  Versuch 
um,  und  man  wird  dasjenige,  was  man  oben  schon  er- 
fahren, hier  abermals  bemerken. 

Zehnter  Versuch.  Erste  Figur 
Man  stelle  in  a  und  b  abermals  zwei  gleichbrennende 
Kerzen,  und  die  Schatten  eg  und  hf  werden  grau  sein. 
Man  halte  vor  das  Licht  a  ein  hellgelbes  Glas,  sogleich 
wird  der  Schatten  hf  gelb,  der  Schatten  e  g  blau  er- 
scheinen, wenn  dieser  gleich  wie  bei  dem  vorigen  Ver- 
suche, wo  er  gelb  erschien,  durch  das  unveränderte 
Kerzenlicht  erhellt  wird. 

Eilfter  Versuch.  Erste  Figur 
Man  wiederhole  den  ersten  Versuch,  wo  eine  Kerze  in  a 
dem  gemäßigten  Tageslichte  b  entgegengesetzt  wird,  und 
beobachte  die  gelb  und  blau  farbigen  Schatten.  Es  ist 
natürhch,  daß  der  Schatten  -^/gelb  bleibe  und  nur  noch 
gelber  werde,  wenn  wir  vor  das  Licht  a  ein  gelbes  Glas 
stellen.  Halten  wir  aber 

Zwölfter  Versuch.  Erste  Figur 
vor  das  Licht  a  ein  hellblaues  Glas,  so  bleibt  der  Schat- 
ten /;/noch  immer  gelb.  Ein  Phänomen,  das  uns  unbegreif- 
lich wäre,  wenn  wir  uns  nicht  schon  überzeugt  hätten: 
daß  es  nicht  sowohl  auf  die  Farbe  des  durch  die  Scheibe 
fallenden  Lichtes  als  auf  die  Energie  desselben  ankomme. 
Und  wir  können  aus  diesem  Versuche  schließen,  daß 
Kerzenlicht  durch  hellblaues  G!as  noch  immer,  unter  den 
gegebnen  Umständen,  energischer  sei  als  gemäßigtes 
Tagshcht. 

Wie  sehr  man  diese  Versuche  noch  vermannigfaltigen 
könne,  läßt  sich  leicht  denken,  wir  bleiben  diesmal  nur 


VON  DEN  FARBIGEN  SCHATTEN  363 

bei  diesen  wenigen,  weil  sie  uns  hier  schon  genug  ge- 
leistet haben.  Wir  gehen  zu  den  Wirkungen  des  Lichts 
über,  das  von  gefärbten  Papieren  zurückstrahlt,  und  finden 
unsre  obigen  Erfahrungen  abermals  bestätigt. 

DreizeJmter  Versuch.  Vierte  Figur 
Durch  die  sechs  Zoll  weite  Öfinung^  einer  dunklen  Kam- 
mer lasse  man  einen  Sonnenstrahl  xa  auf  eine  horizon- 
tale Fläche  fallen  und  richte  die  schattenwerfenden  Ränder 
und  die  mit  denselben  verbundene  weiße  Fläche  inner- 
halb der  dunklen  Kammer  dergestalt,  daß  das  von  dem 
Punkte  a  zurückprallende  Licht  in  eg  einen  Schatten 
mache,  den  übrigen  Raum  ^y  aber  erleuchte.  Es  wird  so- 
dann das  einfallende  Tageslicht  b  in  /;_/ gleichfalls  einen 
Schatten  machen  und  den  Raum  eh  erleuchten.  Liegt  in 
a  ein  weißes  Papier,  so  wird  der  Versuch  dem  zweiten 
Versuche  ähnlich  werden,  der  Schatten  ^^  wird  blau,  der 
Schatten  ^/wird  gelb  sein. 

Es  ist  bei  diesem  und  den  folgenden  Versuchen  zu  merken: 
daß  man  durch  Übung  die  rechte  Entfernung  des  schatten- 
werfenden Körpers  von  dem  Punkte  a  zu  erlernen  habe. 
Sie  ist  nicht  bei  allen  Versuchen  gleich,  sondern  die  größte, 
wenn  in  a  ein  weiß  Papier  liegt,  und  kann  immer  geringer 
werden,  je  unenergischer  die  Farbe  des  Papiers  ist,  welches 
wir  an  diese  Stelle  legen. 

Vierzehnter  Versuch.  Vierte  Figur 
Man  lege  in  a  ein  gelbes  Papier,  sogleich  wird  die  gelbe 
Farbe  des  Schattens  hf  sich  verstärken  und  der  Schatten 
eg  gleichfalls  blauer  werden.  Man  verstärke  die  gelbe 
Farbe  der  Fläche  in  0,  so  wird  hf  immer  gelber,  ja 
eigentlich  rotgelb  werden,  der  Schatten  eg  wird  blau  er- 
scheinen. 

Fünfzehnter  Versuch.  Vierte  Figur 
Man  lege  in  a  ein  hellblau  Papier,  so  wird  der  davon 
reflektierte  Sonnenstrahl,  solang  er  energischer  ist  als  das 
einfallende  Tageslicht,  die  Schatten  ///noch  gelb  deter- 
minieren, und  der  Schatten  eg  wird  blau  bleiben.  Man 


364  CHROMATIK 

sieht,  daß  dieser  Versuch  mit  dem  zwölften  übereinstimme. 
Er  gerät  aber  nicht  immer,  aus  Ursachen,  die  hier  aus- 
zuführen zu  weitläufig  wäre. 

Sechzehnter  Versuch.  Vierte  Figur 
Man  verstärke  die  blaue  Farbe  in  a,  so  wird  der  Schatten 
hf  blau,  der  Schatten  eg  gelb  werden,  obgleich  letzterer 
von  dem  blauen  heitern  Himmel  beschienen  wird.  Wir 
sehen  also  hier  abermals,  daß  zweierlei  Blau,  davon  eins 
stärker  als  das  andre  ist,  die  entgegengesetzten  farbigen 
Schatten  hervorbringen  könne. 

Es  lassen  sich  diese  Versuche  nach  Belieben  vermannig- 
faltigen und  an  die  Stelle  in  a  Papiere  von  allerlei  Farben 
und  Schattierungen  legen,  und  man  wird  immer  zweierlei 
Arten  von  farbigen  Schatten  entgegengesetzt  sehen. 
Unter  allen  gemischten  Farben  werden  aber  Grün  und 
Rosenfarb  die  merkwürdigsten  Phänomene  darstellen,  in- 
dem sie,  wie  wir  oben  von  Gelb  und  Blau  gesehen  haben, 
einander  wechselsweise  in  dem  Schatten  hervorbringen. 

Siebenzehnter  Versuch.  Vierte  Figur 
Man  lege  an  die  Stelle  a  ein  schön  grünes  Papier,  das 
zwischen  dem  Blau  und  Gelbgrünen  die  rechte  Mitte  hält, 
so  wird  der  Schatten  fh  grün,  der  Schatten  ge  dagegen 
rosenfarb,  pfirschblüt  oder  mehr  ins  Purpur  fallend  er- 
scheinen. 

Achtzehnter  V erstich.  Vierte  Figur 
Man  lege  in  a  ein  Stück  rosenfarbnen  Taft  oder  Atlas  (in 
Papier  läßt  sich  die  Farbe  selten  rein  finden),  so  wird  um- 
gekehrt der  Schatten  fh  rosenfarb,  der  Schatten  ge  grün 
erscheinen. 

Hierbei  kann  uns  die  Übereinstimmung  mit  jenen  pris- 
matischen Versuchen  nicht  entgehen,  welche  ich  ander- 
wärts vorgetragen.  Dort  fanden  wir  Blau  und  Gelb  als 
einfache  Farben  einander  entgegengesetzt,  ebenso  Grün 
und  Pfirschblüt  (besser  Purpur)  als  zusammengesetzte  Far- 
ben, hier  finden  wir  diese  Gegensätze  produktiv  realisiert, 
indem  sich  gedachte  Farben  wechselsweise  erzeugen;  und 


VON  DEN  FARBIGEN  SCHATTEN  365 

wir  dürfen  hoffen,  daß,  wenn  wir  einmal  die  große  Masse 
der  Versuche,  die  uns  Farben  bei  Gelegenheit  der  Beu- 
gung, Zurückstrahlung  und  Brechung  zeigen,  geordnet  vor 
uns  sehen,  die  Lehre  von  den  farbigen  Schatten  sich  an 
jene  unmittelbar  anschließen  und  zu  ihrer  Erläuterung  und 
Aufklärung  vieles  beitragen  werde. 

Denn  unter  den  apparenten  Farben  sind  die  farbigen 
Schatten  deshalb  äußerst  merkwürdig,  weil  wir  sie  un- 
mittelbar vor  uns  sehen,  weil  hier  die  Wirkung  geschieht, 
ohne  daß  die  dazwischengestellten  Körper  von  dem  min- 
desten Einfluß  seien.  Deswegen  ist  das  Gesetz,  das  wir 
gefunden  haben,  auch  nur  allgemein  ausgesprochne  Er- 
fahrung. So  ziehen  wir  denn  auch  noch  aus  den  letzten 
Versuchen  folgendes  Resultat. 

5.  Auch  beim  Wider-  und  Durchscheinen  wirken  die 
Farben  nicht  als  Farben,  sondern  als  Energien,  ebenso 
wie  wir  oben  gesehen  haben,  daß  das  unmittelbare  Licht 
seine  Kraft  äußert  unabhängig  von  der  Farbe,  die  man 
ihm  allenfalls  zuschreiben  könnte. 

Wir  sehen  in  diesen  Wirkungen  eine  auffallend  schöne 
Konsequenz.  Denn  wenn  oben  die  farbigen  Schatten  durch 
eine  vermehrte  oder  verminderte  Energie  des  Lichts  her- 
vorgebracht wurden,  so  haben  wir  gegenwärtig  farbige, 
jenen  Schatten  korrespondierende  Gläser  und  Flächen, 
durch  welche  das  Licht  zwar  gefärbt  durchgeht,  von  wel- 
chen es  gefärbt  widerstrahlt  und,  auch  so  determiniert 
nicht  als  Farbe  sondern  als  Kraft,  verhältnismäßig  gegen 
ein  andres  ihm  entgegengesetztes  Licht  wirkt. 
Erregt,  wie  ich  hoffe,  dieser  Aufsatz  bei  Liebhabern  der 
Xaturlehre  einiges  Interesse,  wird  das  Vorgetragne  be- 
stätigt oder  bestritten,  so  wird  künftig  diese  Materie  be- 
stimmter, umständlicher,  methodischer  und  sichrer  ab- 
gehandelt werden  können.  Ohne  Vorzeigung  der  Experi- 
mente, ohne  mündlichen  Vortrag  ist  es  schwer,  eine  so 
zarte  und  komplizierte  Lehre  deuthch  zu  machen. 
Zu  leichterer  Übersicht  füge  ich  das  Schema  der  ange- 
stellten Versuche  noch  bei;  man  sieht,  wie  sehr  sie  zu 
vermannigfaltigen  sind. 


366 


CHROMATIK 


Schema  der  vorgetragnen  Versuche* 

Herrschendes  Licht  Subordiniertes  Licht 

A  B 

wechselsweise  auf  die  entgegengesetzten  Schatten 
wirkend,  machen  sie  farbig. 

Schatten  von  B  geworfen,      Schatten  von  A  geworfen, 


von  A  erleuchtet  sind  gelb, 
gelbrot,  braunrot. 

1.  Kerzenlicht. 

2.  Mauerwiderschein. 

3 .  Auf-  oder  untergehende 
Sonne. 

4.  Hohe  Sonne. 


5.  Kerzenlicht. 

6.  Kerzenhcht. 

7.  Kerzenlicht. 

8.  Glühende  Kohlen. 

9.  Kerzenlicht  durch  gelb 
Glas. 

10.  Kerzenlicht. 

11.  Kerzenlicht  durch  gelb 
Glas. 

12.  Kerzenlicht  durch  hell- 
blau Glas. 

13.  Widerschein  von  weiß 
Papier. 

14.  Widerschein    von  gelb 
Papier. 

15.  Widerschein  von  hell- 
blau Papier. 

16.  Himmelslicht. 


von  B  erleuchtet  sind  blau, 
unter  Umständen  grünlich. 
Gemäßigtes  Tagslicht. 
Gemäßigtes  Tagslicht. 

Heitrer  Himmel. 
Duftiger  Himmel, 
erscheint  der  blaue  Schat- 
ten allein. 
Heitrer  Himmel. 
Vollmondschein. 
Mauerwiderschein. 
Kerzenlicht. 

Kerzenlicht. 

Kerzenlicht  durch  hellblau 

Glas. 

Gemäßigtes  Tageslicht. 

Gemäßigtes  Tageslicht. 

Himmelslicht. 

Himmelslicht. 


Himmelslicht. 
Widerschein    von 
blau  Papier. 


dunkel - 


1  Der  17.  und  18.  Versuch  sind  von  Goethe  nicht  mit  aufgenommen. 


VON  DEN  FARBIGEN  SCHATTEN  367 

Von  den  Meinungen  der  Naturforscher  über  die  Ent- 
stehung der  farbigen  Schatten  sind  mir  folgende  bekannt, 
die  ich  nur  kürzHch  anführe,  und  wünsche,  daß  ein  Lieb- 
haber der  Naturlehre  sie  umständlicher  auseinandersetzte 
und  meinen  Vortrag  in  Vergleichung  damit  brächte.  Es 
würde  sich  alsdann  zeigen,  ob  sich  nunmehr  die  öfters 
beobachteten  Phänomene  besser  ordnen,  die  von  jenen 
Beobachtern  angegebnen  Umstände  beurteilen  oder  sup- 
pheren,  die  notwendigen  Bedingungen  von  zufälligen  Ne- 
benereignissen absondern  lassen. 

Von  der  Reflexion  der  Farbe  des  reinen  Himmels  schreibt 
die  blauen  Schatten  Leonard  da  Vinci  her.*  Nach  ihm 
mehrere.  J/^ra;/**  nimmt  als  ungezweifelt  an,  daß  die  ge- 
färbten Schatten  durch  den  Widerschein  der  Wolken  oder 
Dünste  bewirkt  werden. 

Aus  €\x\tx  gewissen  Beschaffenheit  der  Luft  und  der  atmo- 
sphärischen Dünste  erklären  die  blauen  Schatten  Melville 
und  Bouguer.*** 

Dem  Winkel ^ts  einfallenden  Lichts,  der  Länge  des  Schat- 
tens, der  i^zV/^/«»^  der  beschatteten  Fläche  gegen  die  Sonne 
scheint  Beguelin  einigen  Einfluß  zuzuschreiben.**** 
Eine  Vermutung,  daß  die  Eigenschaften  der  umgebenden 
Körper  Ursache  an  der  verschiednen  Schattenfarbe  sein 
können,  hegte  Wilkens.\ 

Von  einer  Verminderung  des  Lichts  und  der  mehr  oder 
wenigem  Lebhaftigkeit,  womit  die  Lichtstrahlen  aufs  Auge 
wirken,  glaubt  Mazhis  die  gelb-  und  blauen  Schatten  her- 
leiten zu  können. ff 

Für  eine  Mischung  von  Licht  und  Schatten  hält  Otto  von 
Guericke  den  blauen  Schatten,  wie  auch  die  blaue  Farbe 
des  Himmels. f ff 

Bei  dieser  letzten  Meinung  merke  ich  nur  an,  wie  sehr 
die  würdigen  älteren  Beobachter  sich  der  richtigen  Er- 
klärung dieser  Phänomene  genähert.  Sie  hielten  die  Far- 

*  In  seinem  Traktat  über  die  Malerkunst.  —  **  In  seinen  Ent- 
deckungen über  das  Licht.  Weigels  Übersetzung  p.  134.  — 
***  Pricstlcy,  Geschichte  der  Optik.  Klügels  Übersetzung  p.  329. 
-  ****  Ebendaselbst  p.  330.  —  +  Journal  der  Physik  7,  Bandes 
I.  Heft  p.  21.  —  ff  Mim.  de  fAcad.  de  Berlin  des  Jahrs  1752 
;.;weiter  Band  p.  260.  —  fff  Pritstley,  p.  328. 


368  CHROMATIK 

ben*,  besonders  die  blaue,  für  eine  Mischung  von  Licht 
und  Finsternis;  auch  nach  unsern  Versuchen  entsteht  die 
Farbe  aus  einer  Wirkung  des  Lichts  auf  den  Schatten, 
aus  einer  Wechselwirkung,  die  Leben  und  Reiz  auch  dahin 
verbreitet,  wo  wir  sonst  nur  Negation,  Abwesenheit  des 
erfreulichen  Lichts  zu  sehen  glaubten. 
Kircher  ssigi  im  allgemeinen  color,  lumen  opacatum.  Könnte 
man  einen  angemeßnern  Ausdruck  für  die  farbigen  Schat- 
ten finden?  Ja,  wollte  man  die  Benennung  lumen  opcuatum 
dem  gelben  Schatten  zueignen,  so  würden  wir  den  ent- 
gegengesetzten blauen  Schatten  gar  wohl  mit  umbra  illu- 
minata  bezeichnen  können,  weil  in  jenem  das  Wirkende, 
in  diesem  das  Leidende  prävaliert  und  der  wechselwir- 
kende Gegensatz  sich  durch  eine  solche  Terminologie  ge- 
wissermaßen ausdrücken  heße.** 

Doch  was  sind  Worte  gegen  die  großen  und  herrlichen 
Wirkungen  der  Natur?  Diese  wollen  wir  so  viel  uns  mög- 
lich ist  getreu  beobachten,  genau  beschreiben  und  natür- 
lich ordnen,  so  werden  wir  Nahrung  genug  für  unsern 
Geist  finden.  Worte  entzweien,  der  Sinn  vereinigt  die 
Gemüter. 

Zum  Schlüsse  noch  einige  Anmerkungen  und  Anwen- 
dungen der  vorgelegten  Resultate  auf  besondere  Fälle. 
Wir  bedienen  uns  zu  unsern  Versuchen  am  bequemsten 
einer  starken  Pappe  von  der  Größe  einer  gewöhnlichen 
Spielkarte,  wir  schneiden  in  selbige  ein  zirkelrundes  oder 
vierecktes  Loch  und  bringen  ein  weißes  Papier  unter  das- 
selbige,  wir  richten  die  Ränder  des  Ausschnitts  gegen  die 
verschiednen  Lichter,  wie  die  beigefügten  Figuren  an- 
zeigen, und  rücken  so  lange,  bis  wir  die  farbigen  Schatten 
auf  dem  weißen  Papier  entstehen  sehen.  Sie  zeichnen  sich 
besonders  schön  aus,  wenn  das  Auge  sich  hinter  dem 
Papiere  befindet. 

Wir  können  uns  auch  eines  länglichen  Körpers,  z.  B.  eines 
starken  Bleistifts  bedienen  und  solchen  zwischen  die  bei- 
den Lichter  aufstellen,  da  sich  denn  zu  beiden  Seiten  die 

*  Joh.  Casp.  Funccii  Über  de  coloribus  codi.  Ulmae  17 16.  —  **  Der 
sehr  verschrieene  Gauthier  war  auf  diesem  Wege.  Wir  wollen  auf 
jede  Vorstellungs-Art  aufmerksam  sein. 


VON  DEN  FARBIGEN  SCHATTEN  369 

farbigen  Schatten  sehr  gut  zeigen.  Bei  allen  gedachten 
Versuchen,  besonders  aber  bei  den  zarteren,  nehme  man 
das  reinste  weiße  Papier,  das  womöghch  weder  ins  Gelbe 
noch  ins  Blaue  fällt.  Denn  es  ist  schon  oben  bemerkt,  daß 
wir  weit  mehr  farbige  Schatten  sehen  würden,  wenn  sie 
jederzeit  auf  eine  weiße  Fläche  fielen.  Denn  nicht  ge- 
rechnet, daß  jeder  auf  eine  weiße  Fläche  fallender  Schat- 
ten schon  an  und  für  sich  heller  ist  und  also  der  entgegen- 
gesetzten Lichtenergie  ihre  Wirkung  früher  zu  äußern 
erlaubt,  so  zeichnet  er  sich  auch  auf  derselben  am  rein^ 
sten  und  ist  von  aller  Beimischung  irgendeiner  Lokalfarbe 
völhg  befreit.  Eine  weiße  Fläche  als  völlig  rein  und  farb- 
los kann  für  den  Probierstein  aller  Farben  gelten. 
Deswegen  werden  wir  in  der  Natur  mehrgedachte  Phä- 
nomene an  weißen  Gebäuden  und  auf  dem  Schnee  gewahr. 
Auf  dem  Schnee  sind  die  Schatten,  welche  die  Sonne 
verursacht  jederzeit  blau,  nur  in  dem  Falle,  wenn  die 
Sonne  purpurfarb  untergeht,  sind  sie  grün.  Es  entstehen 
auch  in  diesem  letzten  Falle  purpurfarbene  Schatten  an 
der  Sonnenseite,  wenn  die  entgegengesetzte  Himmels- 
seite so  rein  und  wirksam  ist  wie  bei  dem  dritten  Ver- 
suche, daß  sie  die  Schatten  der  Körper  dem  geschwächten 
Sonnenlichte  entgegenwerfen  kann.  Sie  sind  aber  selten 
und  werden  noch  seltner  bemerkt,  weilmansie  dem  Wider- 
schein der  Sonnenfarbe  zuschreibt. 

Ich  führe  noch  eine  Erfahrung  eines  aufmerksamen  Natur- 
forschers an  und  suche  sie  aus  dem  Vorhergehenden  zu 
erklären. 

Es  ist  erst  gesagt  worden,  daß  sich  die  blauen  Schatten 
nirgends  lebhafter  zeigen  als  auf  dem  Schnee,  und  doch 
beobachtete  de  Saussure,  als  er  von  dem  Mont-Blanc 
herabstieg,  die  ?)ch2i\.iex\  färb  los.  Es  war  mir  diese  Beobach- 
tung, als  ich  sie  zum  erstenmal  las,  um  desto  auffallender, 
als  ich  die  farbigen  Schatten  auf  dem  Schnee  der  hohen 
Berge  selbst  beobachtet  hatte.  An  der  Richtigkeit  der  Be- 
obachtung konnte  bei  so  einem  Manne  nicht  gezweifelt 
werden,  dessen  Scharfbhck  sich  soeben  an  den  Schat- 
tierungen des  blauen  Himmels  geübt  hatte.  Wäre  der 
Schatten  nur  im  mindesten  farbig  gewesen,  so  würde  er 

I  lOETHE  XVII  24. 


37°  CHROMATIK 

es  entdeckt  und  verglichen  haben.  Diesen  anscheinenden 
Widerspruch  glaub  ich  durch  die  Betrachtung  der  ob- 
waltenden Umstände  erklären  zu  können. 
Es  ist  bekannt,  daß  der  Himmel  immer  dunkler  blau  er- 
scheint, je  höher  wir  uns  über  den  niedern  Dunstkreis  er- 
heben. De  Saussure  hatte  die  Farbe  des  Himmels  auf  dem 
Mont-Blanc  genau  zu  bestimmen  einige  Schattierungen 
blau  Papier  mitgenommen.  Er  fand  den  Himmel  hoch 
königsblau.  Daraus  folgt,  daß  er  kein  Licht  auf  den  Berg 
herabschickte,  welches  dem  Sonnenhchte  das  Gegenge- 
wicht gehalten  und  die  blaue  Farbe  im  Schatten  erzeugt 
hätte.  Da  wir  nun  oben  gesehen  haben,  daß  der  Himmel 
in  den  Schatten  die  blaue  Farbe  nicht  erzeugt,  insofern  er 
blau  ist,  sondern  insofern  er  Licht  ausstrahlt,  das  einem 
andern  Lichte  das  Gegengewicht  hält,  so  werden  wir  auch 
dieses  Phänomen  uns  zu  erklären  und  an  seinen  rechten 
Ort  zu  stellen  wissen. 

Wie  sehr  übrigens  diese  theoretische  Bemühungen  dem 
Landschaftsmaler  zu  Hülfe  kommen,  welcher  nur  dann 
einen  hohen  Grad  seiner  Kunst  erreicht,  wenn  er  durch 
Verbindung  dieser  himmhschen  Phänomene  mit  den  Ge- 
stalten und  Farben  der  irdischen  Gegenstände  eine  Zau- 
berwelt erschafft,  welcher  niemand  die  Wahrheit  ableug- 
nen kann,  wird  sich  in  der  Folge  näher  ergeben,  wenn  wir 
einen  größern  Umfang  bearbeitet  haben  und  alsdann  das- 
jenige sich  aussondern  läßt,  was  für  den  Künstler  beson- 
ders brauchbar  ist. 


VON  DEN  FARBIGEN  SCHATTEN  37 1 


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VERSUCH,  DIE  ELEMENTE 
DER  FARBENLEHRE  ZU  ENTDECKEN 

[Handschriftlich.  Wahrscheinlich  Ende  1793] 

Arduum  sane  est  hoc  negotium,  in  quo  plura 
esse  existimo,quae  sub  occultioribus  caussis 
latent, quam  quae  sciuntur;  pluraque  quae 
dubitationem  quam  quae  cognitionem  pa- 
riant.  Agiiilonius. 

Von  weißen,  schwarzen,  grauen  Körpern 
und  Flächen 

1.  T"^  S  scheint  nichts  leichter  zu  sein,  als  sich  deutlich 
|-H  zu  machen,  was  man  eigentlich  untei  JVeiß  verstehe, 
X /und  sich  darüber  mit  andern  zu  vereinigen,  und 

doch  ist  es  außerordenthch  schwer,  aus  Ursachen,  welche 
nur  nach  und  nach  entwickelt  und  erst  am  Ende  dieser 
kleinen  Abhandlung  völlig  ins  klare  gesetzt  werden  kön- 
nen. Ich  erbitte  mir  eine  parteilose  Aufmerksamkeit  für 
die  Methode  und  den  Gang  meines  Vortrags. 

2.  Wir  nehmen  zuerst  einen  durchsichtigen^  farblosen  Kör- 
per, z.  B.  das  Wasser,  vor  uns,  und  wir  bemerken  (die  Re- 
fraktion abgerechnet),  daß  wir  durch  eine  gewisse  Masse 
desselben  die  Gegenstände  ihrer  Gestalt  und  Farbe  nach 
deutlich  erkennen,  so  daß  ein  Körper  auf  seinem  höchsten 
Grade  der  Durchsichtigkeit  für  das  Auge  gleichsam  kein 
Körper  mehr  ist  und  nur  durch  das  Gefühl  entdeckt  wer- 
den kann. 

3.  Es  gehe  nun  das  reinste  Wasser  in  seinen  kleinsten  Tei- 
len in  Festigkeit  und  zugleich  Undurchsichtigkeit  über,  und 
wir  werden  sodann  den  Schnee  haben,  dessen  Anhäufung 
uns  die  reinste  Fläche  darstellt,  welche  uns  nunmehr  einen 
vollkommenen  und  unzerstörlichenBegriflfdes  Weißen  gibt. 
Ebenso  verwandeln  sich  durchsichtige  Kristalle,  z.  B.  des 
Glauberischen  Wundersalzes,  wenn  ihnen  ihr  Kristalli- 
sationswasser entgeht,  in  ein  blendend  weißes  Pulver. 

4.  Diese  Körper  gehen  nun  unter  veränderten  Umständen 
aus  dem  weißen  undurchsichtigen  Zustande  in  den  Zustand 
der  farblosen  Durchsichtigkeit  wieder  zurück.  So  leiten  wir 
die  weißen  Körper  von  den  durchsichtigen  farblosen  ab,  wir 
führen  sie  zur  Durchsichtigkeit  wieder  zurück,  und  diese  un- 
mittelbare Verwandtschaft,  diese  Rückkehr  in  den  durch- 
sichtigen Zustand  ist  aller  unserer  Aufmerksamkeit  wert. 


DIE  ELEMENTE  DER  FARBENLEHRE      373 

5.  Außer  denen  weißen  Körpern,  welche  wir  aus  durch- 
sichtigen entstehen  und  wieder  in  solche  übergehen  sehen, 
gibt  es  ihrer  viele,  welche  in  den  weißen  Zustand  versetzt 
werden  können,  teils  durch  Wasser,  Licht  und  Luft,  welche 
Operation  \v'\x  Bleie he?i  nennen,  wodurch  alle  Teile,  die  wir 
nur  einigermaßen  farbig  nennen  können,  aus  ihnen  aus- 
gezogen und  abgesondert  werden,  teils  durch  heftig  wir- 
kende Mittel,  wodurch  eine  ähnliche  Operation  vor  sich 
geht. 

6.  Alle  diese  Wirkungen,  wovon  der  Chemiker  nähere 
Rechenschaft  zu  geben  hat,  bringen  einen  Effekt  hervor, 
der  uns  zugleich  mit  dem  Begriff  vom  Weißen  den  Begriff 
von  unbedingter  Reinheit  und  Einfachheit  eindrückt,  so  daß 
wir  auch  im  Sittlichen  den  Begriff  von  Weiß  mit  dem  Be- 
griff von  Einfalt,  Unschuld,  Reinheit  verbunden  haben. 

7.  Das  Weiße  hat  die  größte  Empfindlichkeit  gegen  das  Licht  ^ 
eine  Eigenschaft,  welche  von  den  Naturforschern  genugsam 
bemerkt  und  auf  verschiedene  Art  bestimmt  und  ausge- 
druckt worden  ist.  Uns  sei  genug,  hier  anzuführen,  daß 
eine  weiße  Fläche  (worunter  wir  künftig  diejenige  ver- 
stehen, welche  dem  frischgefallenen  Schnee  am  nächsten 
kommt)  unter  allen  andern  Flächen,  sie  mögen  grau,  schwarz 
oder  farbig  sein,  wenn  solche  neben  ihr  einem  gleichen  Lichte 
ausgesetzt  sind,  die  hellste  ist,  dergestalt  daß  ihr  Eindruck 
auf  das  Auge  in  der  finstersten  Nacht  noch  sichtbar  bleibt 
oder  doch  am  letzten  verschwindet. 

8.  Eine  gleiche  Empfindlichkeit  hat  das  Weiße  gegen  alle 
Berührung  anderer  abfärbefiderKöx^&x,  sie  mögen  schwarz, 
grau  oder  sonst  farbig  sein.  Der  mindeste  Strich,  der  min- 
deste Flecken  wird  auf  dem  Weißen  bemerkt.  Alles,  was 
nicht  weiß  ist,  zeigt  sich  im  Augenblicke  auf  dem  Weißen, 
und  es  bleibt  also  der  Probierstein  für  alle  übrigen  Farben 
und  Schattierungen. 

9.  Wenn  wir  nun  dagegen  das  Schwarze  aufsuchen,  so 
können  wir  solches  nicht  wie  das  Weiße  herleiten.  Wir 
suchen  und  finden  es  als  einen  festen  Körper,  und  zwar 
am  häufigsten  als  einen  solchen,  mit  dem  eine  Halbver- 
brennung vorgegangen.  Die  Kohle  ist  dieser  merkwürdige 
Körper,  der  uns  diesen  I^egrift'  am  strengsten  gewährt. 


374  CHROMATIK 

10.  Versetzen  wir  nun  durch  irgendeine  chemische  Ope- 
ration einen  erst  durchsichtigen  Liquor  in  den  Zustand, 
daß  wir  ihn  schwarz  nennen,  so  finden  wir,  statt  daß  das 
Weiße  in  Durchsichtigkeit  überging,  gerade  die  entgegen- 
gesetzte Eigenschaft.  Man  kann  einen  schwarzen  Liquor 
verfertigen,  der  nicht  trüb,  sondern  in  kleinen  Massen 
durchsichtig  genug  ist,  aber  er  wird  einen  weißen  Gegen- 
stand, den  wir  durch  ihn  anblicken,  verdunkeln.  Sobald 
die  Masse  einigermaßen  verstärkt  wird,  läßt  er  kein  Bild, 
kein  Licht  mehr  hindurch. 

1 1 .  So  ist  auch  die  Eigenschaft  einer  schwarzen  Fläche  eine 
gänzliche  Unempfindlichkeit  gegen  das  Licht. 

Ein  schwarzer  Körper  macht  zwar,  um  mit  den  Alten  zu 
reden,  so  gut  die  Grenze  des  Lichts  als  ein  anderer  {ter- 
7ninat  lucem).  Die  Lichtstrahlen  kehren  auch  von  dem- 
selbigen  in  unser  Auge  zurück:  denn  wir  sehen  einen  schwar- 
zenKörper  so  gut  als  einen  andern.  Wenn  sieaber  von  einem 
weißen  Körper  in  der  größten  Energie  zurückkehren,  so 
kehren  sie  von  einem  schwarzen  mit  der  geringsten  Energie 
zurück.  So  ist  denn  auch  ein  schwarzer  Körper  unter  allen 
denjenigen,  die  neben  ihm  einem  gleichen  Lichte  ausgesetzt 
werden,  diGX  dunkelste,  und  der  Eindruckdesselben  aufs  Auge 
verschwindet  bei  sukzessiver  Verminderung  des  Lichtes  am 
geschwindesten. 

1 2 .  Nehmen  wir  nun  irgend  zwei  Körper,  die  wir  für  schwarz 
und  weiß  erkennen,  und  mischen  sie  aufs  feinste  gerieben 
untereinander,  so  nennen  wir  das  daraus  entstehende  Pul- 
ver grau.  Haben  wir  nun  vorher  gesehen,  daß  Schwarz  und 
Weiß  die  strengsten  Gegensätze  sind,  die  wir  vielleicht 
kennen,  daß  Schwarz  und  Weiß  in  ihrem  höchsten  und 
reinsten  Zustande  gedacht  und  dargestellt  werden  können, 
so  ist  offenbar,  da  wir  nun  den  Zustand  eines  Körpers, 
der  aus  beiden  gemischt  ist,  Grau  nennen,  daß  das  Schwarze 
und  das  Weiße  aus  dem  Grauen  gesondert  werden,  niemals 
aber  aus  dem  Grauen  entstehen  könne.  Denn  wenn  z.  B. 
die  Kreide  von  dem  Magnet  angezogen  würde,  so  könnte 
man  sie  mit  leichter  Mühe  von  der  Kohle  separieren,  und 
beidePulver  würden  nunmehr  nebeneinanderinihrer höch- 
sten Reinheit  sich  befinden.  Wenn  ich  eine  graue  Leinwand 


DIE  ELEMENTE  DER  FARBENLEHRE      375 

auf  die  Bleiche  bringe,  so  entsteht  nicht  das  Weiße  aus  dem 
Grauen,  sondern  die  Leinwand  wird  weiß,  w^enn  alle  die 
fremden,  feinen,  dem  Pfianzenstoff  anhängenden  f?j:bigen 
oder  graulichen  Teile  durch  Wasser,  Licht  und  Luft  hin- 
weggenommen und  die  leinenen  Fäden  in  der  höchsten 
Reinheit  dargestellt  werden. 

13.  Das  Graue  muß  also  die  notwendige  Eigenschaft  haben, 
daß  ^%  heller  als  Schwarz  und  dunkler  als  ^ifz/^  sei.  Weiß  und 
Schwarz  sind  nicht  die  äußersten  Enden  eines  Zustandes, 
den  wir  grau  nennen,  sondern  Grau  entsteht  aus  Ver- 
mischung oder  Verbindung  jener  beiden  Gegensätze. 

14.  Man  vergleicht  also  billig  das  Weiße  mit  dem  Lichte, 
weil  es  das  Hellste  ist,  was  wir  kennen,  und  das  Schwarze 
mit  der  Finsternis,  weil  uns  nichts  Dunkleres  bekannt  ist, 
das  Graue  mit  dem  Schatten,  der,  solange  keine  völlige  Be- 
raubung des  Lichts  vorgeht,  gewöhnlich  grau  erscheint. 

15.  Es  ist  hier  der  Ort,  zu  bemerken:  daß  eine  Vermin- 
derung des  Lichtes,  welchem  eine  Fläche  ausgesetzt  ist, 
oder  eine  Beschattung  derselben,  anzusehen  ist  als  würde 
die  Fläche  mehr  oder  weniger  mit  einer  schwarzen  durch- 
sichtigen Tusche  überstrichen,  daraus  denn  ein  Grau  ent- 
steht, wie  wir  es  auch  bei  Zeichnungen  nachahmen.  Ein 
weißes  Papier,  das  im  Schatten  liegt,  könnte  gegen  alles, 
was  neben  ihm  liegt,  noch  für  weiß  gelten;  es  ist  aber  in 
diesem  Zustande  eigentlich  grau  und  zeigt  sich  besonders 
als  ein  solches  gegen  ein  weißes  Papier,  das  dem  vollen 
Lichte  ausgesetzt  ist.  Ein  schwarzer  Körper,  den  man  dem 
vollen  Lichte  aussetzt,  wird  eigentlich  grau,  weil  es  einerlei 
ist,  ob  man  ihm  mehr  Licht  gibt  oder  ihn  mit  einem  weißen 
Körper  vermischt.  DasWeiße  kann  ni  e  Schwarz,  dasSchwar- 
ze  nie  Weiß  werden;  sind  sie  im  Grauen  vermischt,  so  muß 
dem  Weißen  erst  der  schwarze  Teil,  dem  Schwarzen  der 
weiße  Teil  genommen  werden,  alsdann  sind  beide  wieder 
in  ihrem  reinen  Zustande,  und  das  Graue  hört  auf  zu  sein, 
so  wie  der  Knoten  aufhört  zu  sein,  wenn  man  die  beiden 
Enden  des  Bandes,  aus  denen  er  geknüpft  war,  wieder  von- 
einander löst. 

16.  Schließlich  bemerke  ich,  daß  wir  alle  Körper  undPig- 
mente,  welche  entweder  weiß,  schwarz  oder  grau  sind, 


376  CHROMATIK 

farblos  nennen,  weil  sie  uns  nur  das  Helle  und  Dunkle, 
gleichsam  in  abstracto  durch  Anstrengen  und  Abspannen 
des  Auges  ohne  Nebenbegrifif,  ohne  ein  Verhältnis  gegen- 
einander als  das  Verhältnis  des  strengsten  Gegensatzes  und 
dtx gleic/igültigsten  Vermtsc/iung darstellen.  Weder  Schwarz 
noch  Weiß  für  sich,  noch  nebeneinander,  noch  in  Ver- 
mischung lassen  dem  Auge  die  mindeste  Spur  jenes  Reizes 
empfinden,  welchen  uns  farbige  Flächen  gewähren,  so  daß 
vielmehr  eine  Fläche,  auf  welcher  wir  Schwarz,  Weiß  und 
Grau  verbunden  sehen,  das  Traurigste  ist,  was  wir  nur  er- 
bhcken  können.  Wir  gehen  nun  zu  den  Körpern  und  Flächen 
über,  welche  wir  eigentlich  farbig  nennen. 

Von  farbigen  Flächen 

17.  Wir  kennen  nur  zwei  ganz  reine  Farben,  welche,  ohne 
einen  Nebeneindruck  zu  geben,  ohne  an  etwas  anders  zu 
erinnern,  von  uns  wahrgenommen  werden.  Es  sind 

Gelb  und  Blau. 

Sie  stehen  einander  entgegen  wie  alle  uns  bekannte  ent- 
gegengesetzte Dinge  oder  Eigenschaften.  Die  reine  Existenz 
der  einen  schließt  die  reine  Existenz  der  andern  völlig  aus. 
Dennoch  haben  sie  eine  Neigung  gegeneinander,  als  zwei 
entgegengesetzte,  aber  nicht  widersprechende  Wesen.  Jede 
einzeln  betrachtet  macht  einen  bestimmten  und  höchst  ver- 
schiedenen Effekt,  nebeneinander  gestellt  machen  sie  einen 
angenehmen  Eindruck  aufs  Auge,  miteinander  vermischt 
befriedigen  sie  denBlick.  Diese  gemischte  Farbe  nennen  wir 

Grün. 
Dieses  Grün  ist  die  Wirkung  der  beiden  vermischten,  aber 
nicht  vereinigten  Farben,  in  vielen  Fällen  lassen  sie  sich 
sondern  und  wieder  zusammensetzen. 

18.  Wir  kehren  zurück  und  betrachten  die  beiden  Farben 
Gelb  und  Blau  abermals  in  ihrem  reinen  Zustande  und 
finden,  daß  sie  uns  heller  und  dunkler  ohne  Veränderung 
ihrer  Eigenheit  dargestellt  werden  können.  Wir  nehmen 
z.  B.  rein  aufgelöstes  Gummi  Gutta  und  streichen  davon 
auf  ein  Papier.  Sobald  es  getrocknet,  überstreichen  wir 


DIE  ELEMENTE  DER  FARBENLEHRE   3  7  7 

einen  Teil  zum  zweitenmal  usf.,  und  wir  finden,  daß  je 
mehr  Farbeteile  das  Papier  bedecken,  je  dunkler  die  Farbe 
wird.  Eben  diesen  Versuch  machen  wir  mit  feingeriebe- 
nem und  deluiertem  Berlinerblau. 

19.  Wir  können  zwar  auch  die  helle  Farbe  dunkler  er- 
scheinen machen,  wenn  wir  das  Papier  vorher  mit  einer 
leichtern  oder  stärkern  Tusche  überziehen  und  dann  die 
Farbe  darüber  tragen;  allein  von  der  Vermischung  der 
Farben  mit  Schwarz  und  Weiß  darf  bei  uns  nicht  die  Rede 
sein.  Hier  fragt  sichs  nur:  sind  die  Farbenteile  näher  oder 
entfernter  beisammen,  jedoch  in  völliger  Reinheit?  Die 
schönsten  Beispiele  wird  uns  der  Chemiker  durch  mehr 
oder  weniger  gesättigte  Tinkturen  liefern. 

20.  Auf  obgemeldete  Weise  verstärken  wir  aber  die  Farbe 
nicht  lange,  so  finden  wir,  daß  sie  sich  noch  auf  eine  andre 
Art  verändert,  die  wir  nicht  bloß  durch  dunkler  ausdrücken 
können.  Das  Blaue  nämlich  sowohl  als  das  Gelbe  nehmen 
einen  gewissen  Schein  an,  der,  ohne  daß  die  Farbe  heller 
werde  als  vorher,  sie  lebhafter  macht,  ja  man  möchte  bei- 
nah sagen:  sie  ist  wirksamer  und  doch  dunkler.  Wir  nennen 
diesen  Effekt 

Rot. 

So  ist  ein  reines  trocknes  Stück  Gummi  Gutta  auf  dem 
frischen  Bruch  orangenfarb.  Man  lege  es  gegen  ein  Stück 
Siegellack,  das  wir  für  schön  Rot  erkennen,  und  man  wird 
wenig  Unterschied  sehen.  Blut  mit  Wasser  vermischt  er- 
scheint uns  gelb.  Die  Piatinaauflösung  in  Königswasser, 
welche  sehr  verdünnt  gelb  erscheint,  wird  bei  mehrerer 
Sättigung  mennigfarb.  So  schimmert  das  Berlinerblau,  der 
echte  Indig  auf  dem  Bruch  ins  Violette.  Ich  besitze  einen 
sehr  konzentrierten  Indig,  dessen  Bereitung  mir  unbekannt 
ist,  der  in  seinem  trocknen  Zustande  beinah  ins  Kupfer- 
rote fällt  und  das  Wasser  mit  dem  schönsten  reinsten  Blau 
färbt. 

2 1 .  Rot  nehmen  wir  also  vorerst  als  keine  eigene  Farbe 
an,  sondern  kennen  es  als  eine  Eigenschaft,  welche  dem 
Gelben  und  Blauen  zukommen  kann.  Rot  steht  weder  dem 
Blauen  noch  dem  Gelben  entgegen;  es  entsteht  vielmehr 
aus  ihnen;  es  ist  ein  Zustand,  in  den  sie  versetzt  werden 


378  CHROMATIK 

können,  und  zwar,  wie  wir  hier  vorläufig  sehen,  durch  Ver- 
dichtung und  durch  Aneinanderdrängung  ihrer  Teile. 
2  2.  Man  nehme  nun  das  Gelbrote  und  das  Blaurote,  bei- 
des auf  seiner  höchsten  Stufe  und  Reinheit,  man  vermische 
beide,  so  wird  eine  Farbe  entstehen,  welche  alle  andern 
an  Pracht  und  zugleich  an  Lieblichkeit  übertrifft;  es  ist  der 

Purpur, 
der  so  viele  Nuancen  haben  kann,  als  es  Übergänge  vom 
Gelbroten  zum  Blauroten  gibt.  Die  Vermischung  geschieht 
am  reinsten  und  vollkommensten  bei  prismatischen  Ver- 
suchen, die  Chemie  wird  uns  die  Übergänge  sehr  interessant 
zeigen. 

23.  Wir  kennen  also  nur  folgende  Farben  und  Verbin- 
dungen: 

Purpur 

Gelbrot  Blaurot 

Gelb  Blau 


Grün 

und  stellen  dieses  Schema  in  einem  Farbenkreise  hier 
neben  vor.^ 

24.  Wir  kennen,  wie  oben  schon  gesagt,  keine  Verdunke- 
lung dieser  Farben  durch  Schwarz,  welche  immer  zugleich 
eine  Beschmutzung  mit  sich  führt  und  unnötig  die  Zahl 
der  Abstufungen  vermehrt. 

25.  Wir  enthalten  uns  gleichfalls  der  Vermischung  mit 
Weiß,  obgleich  diese  unschuldiger  ist  und  bei  trockenen 
Pigmenten  ohngefähr  das  wäre,  was  das  Zugießen  des 
Wassers  bei  farbigen  Tinkturen  ist. 

26.  Jene  oben  angezeigte,  in  unserm  Schema  aufgestellte 
Farben  erkennen  wir  für  die  einzigen  reinen,  welche  exi- 
stieren können.  Sobald  man  verschränkte  Vermischungen, 
z.  B.  Purpur  und  Grün,  Blaurot  und  Gelb,  Gelbrot  und  Blau 
vermischt,  entstehen  alsobald  schmutzige  Farben.  DerMaler 
bedient  sich  ihrer  bei  Nachahmung  natürlicherGegenstände, 
der  Färber  bei  Hervorbringung  der  Modefarben. 

27.  Wir  haben  aber  noch  auf  einen  merkwürdigen  Um- 

^  Die  Zeichnung  fehlt. 


DIE  ELEMENTE  DER  FARBENLEHRE       379 

stand  achtzugeben.  Sobald  wir  alle  Farben  des  Schemas  in 
einer  gewissen  Proportion  zusammenmischen,  so  entsteht 
eine  Unfarbe  daraus.  Man  könnte  dieses  sich  a priori  S2igQn: 
denn  da  die  Farben  eben  dadurch  Farben  sind,  daß  sie  be- 
sondere Kriteria  haben,  die  unser  Auge  unterscheidet,  so 
folgt,  daß  sie  in  einer  solchen  Vermischung,  wo  keines 
dieser  Kriterien  hervorsticht,  eine  Unfarbe  hervorbringen, 
welche  auf  ein  weißes  Papier  gestrichen  uns  völhg  den 
Begrifif  von  Grau  gibt,  wie  uns  ein  darneben  gestrichener 
Fleck  von  Tusche  überzeugen  kann. 

28.  Alle  Körper  und  Flächen  nun,  welche  dergestalt  mit 
einfachen  oder  gemischten  Farben  erscheinen,  haben  die 
Eigenschaft  gemein,  welche  alle  unsre  Aufmerksamkeit 
verdient:  daß  sie  dunkler  als  Weiß  und  heller  als  Schwarz 
sind  und  sich  also  von  dieser  Seite  mit  dem  Grauen  ver- 
gleichen lassen. 

29.  Dieses  zeigt  sich  aufs  deutlichste,  wenn  wir  abermals 
zu  den  durchsichtigen  Körpern  zurückkehren.  Man  nehme 
jedes  reine  Wasser  in  einer  gläsernen  Flasche  oder  in  einem 
Gefäße  mit  gläsernem  Boden;  man  vermische  mit  dem 
Wasser  irgendeinen  leicht  aufzulösenden  farbigen  Körper, 
so  wird  das  daruntergelegte  weiße  Papier  uns  zwar  einen 
höchst  anmutigen  Eindruck  machen,  dabei  aber  schon  bei 
der  geringsten  Farberscheinung  iiogleich  dunkler  als  vor- 
her aussehen.  Wir  können  dieses  Dunkle  so  weit  treiben, 
daß  nach  und  nach  durch  mehrere  Beimischung  eines  sol- 
chen auf  löslichen  Farbenstofifes  die  Tinktur  endlich  völlig 
undurchsichtig  wird  und  kaum  einen  Schein  der  unter- 
liegenden weißen  Fläche  oder  eines  andern  Lichts  durch- 
läßt. 

30.  Diese  Annäherung  an  das  Schwarze,  an  das  Undurch- 
sichtige folgt  natürhch  aus  der  Eigenschaft  der  Farbe,  daß 
sie  dunkler  als  Weiß  ist,  und  daß  sie  durch  Anhäufung 
ihrer  Masse  zur  Undurchsichtigkeit  und  zur  Annäherung 
an  das  Schwarze  kann  gebracht  werden,  obgleich  eine 
Farbe  als  solche,  wie  sich  aus  Begrififen  derselben  schon 
herleiten  und  durch  Versuche  dartun  läßt,  so  wenig  Schwarz 
als  Weiß  werden  kann. 

31.  Da  es  von  der  höchsten  Wichtigkeit  ist,  daß  wir  die 


38o  CHROMATIK 

Erfahrung,  alle  farbige  Flächen  seien  dunkleralsdie  weißen, 
die  mit  ihnen  einem  gleichen  Licht  ausgesetzt  sind,  recht 
fassen,  so  bemerken  wir  nur,  was  an  einem  andern  Orte 
umständlicher  auszuführen  ist:  daß  die  reizende  Energie^ 
womit  farbige  Körper  auf  unsre  Augen  wirken,  mit  der 
Helligkeit^  womit  das  Weiße  auf  das  Auge  wirkt,  nicht  zu 
verwechseln  sei.  Eine  orangefarbige  Fläche  neben  einer 
weißen  wirkt  gewaltsamer  auf  das  Auge  als  jene,  nicht  weil 
sie  heller  ist,  sondern  weil  sie  einen  eignen  Reiz  besitzt, 
da  das  Weiße  uns  heller,  aber  nur  gleichgültig  erscheint. 
Von  verschiedenen  Wirkungen  der  Farben  auf  die  Augen 
und  das  Gemüt  wird  besonders  zu  handeln  sein. 
32.  Man  nehme  zwei  Flaschen  von  dem  reinsten  Glase, 
man  gieße  in  beide  reines  destilliertes  Wasser,  man  bereite 
sich  nach  dem  oben  angegebenen  Schema  farbige  Tink- 
turen, die  sich  chemisch  nicht  dekomponieren,  sondern 
sich  friedlich  vermischen,  man  tröpfle  in  eine  von  den 
Flaschen  gleich  viel  von  jeder  hinein,  und  man  beobachte 
das  Phänomen,  das  entstehen  wird.  Das  durchsichtige  Wasser 
wird  gefärbt  werden,  wie  die  Liquoren  hineinkommen,  nach 
den  verschiedenen  Mischungen  wird  die  gemischte  Farbe 
erscheinen,  ja  man  wird  zuletzt  ein  unfärbiges  Wasser  un- 
ter verschiedenenProportionenderLiquorenhervorbringen 
können.  Allein  niemand  wl^rd  behaupten,  daß  dieses  Wasser 
nun  so  hell  sei  als  das  in  der  Flasche,  in  welche  keine  far- 
bige Liquoren  eingetröpfelt  worden.  Was  hat  man  also 
getan?  Solange  man  harmonische  Tinkturen  hineingoß, 
hat  man  das  Wasser  gefärbt^  und  da  man  widersprechende 
Farben  hineinbrachte,  hat  man  das  Wasser  beschmutzt;  man 
hat  ihm  eine  Unfarbe  mitgeteilt,  man  hat  ihm  aber  von 
seiner  Hellung  und,  wenn  ich  so  sagen  darf,  von  seiner 
spezifischen  Durchsichtigkeit  genommen.  Dieses  wird  um 
so  deutlicher,  wenn  die  Dose  der  Farben,  welche  man  in 
das  Wasser  eintröpfelt,  verstärkt  wird,  wo  man  bald  eine 
dunkelgraue  oder  bräunliche,  in  geringer  Masse  schon  un- 
durchsichtige Tinktur  erhalten  wird.  Man  denke  sich  nun 
dieses  dergestalt  gefärbte  Wasser  in  Schnee  verwandelt;  so 
wird  man  schwerlich  behaupten,  daß  er  so  weiß  als  der 
natürliche  werden  könne. 


DIE  ELEMENTE  DER  FARBENLEHRE       381 

33.  Wir  haben  oben  schon  dieWirkung  derFarbenmischung 
gesehen  und  können  auch  nun  hier  daraus  folgern  und 
weitergehen.  Alle  Farben  zusammengemischt  bringen  eine 
Unfarbe  hervor,  die  so  temperiert  werden  kann,  daß  sie  uns 
den  Eindruck  von  Grau,  den  Eindruck  eines  farblosen 
Schattens  macht,  welchernur  immer  dunkler  wird,  \&  reiner 
man  farbige  Pigmente  und  in  je  verstärkterm  Grade  man 
sie  genommen. 

34.  Diese  Unfarbe  aber  muß  jederzeit  dunkler  als  Weiß 
und  heller  als  Schwarz  sein:  denn  da  jede  einzelne  Farbe 
eben  diese  Eigenschaft  mit  dem  Grauen  gemein  hat,  so 
können  sie  solche,  untereinander  gemischt,  nicht  verlieren, 
sondern  sämtliche  Farben,  welche  die  Eigenschaft  eines 
Schattens  haben,  müssen,  wenn  durch  Vermischung  die 
Kriterien  aufgehoben  werden,  die  Eigenschaft  eines  farb- 
losen Schattens  annehmen.  Dieses  zeigt  sich  uns  unter  jeder 
Bedingung,  unter  allen  Umständen  wahr. 

35.  Man  mag  die  Farben  unsres  Schemas  als  Pulver  oder 
naß  durcheinander  mischen,  so  werden  sie,  auf  ein  weißes 
Papier  gebracht,  unter  jedem  Lichte  dunkler  erscheinen  als 
das  Papier;  man  mag  unser  Si^hema  auf  ein  Schwungrad 
anbringen  und  die  Scheibe  nunmehr  mit  Gewalt  umdrehen, 
so  wird  der  vorher  durch  verschiedene  Farben  sich  aus- 
zeichnende Ring  grau,  dunkler  als  das  Weiße  und  heller 
als  das  Schwarze  erscheinen.  (Welches  man  am  deuthch- 
sten  sehen  kann,  wenn  man  die  Mitte  weiß  läßt  und  einen 
schwarzen  Kranz  außen  um  das  Schema  zieht.)  So  viele 
tausend  Maler  haben  ihre  Paletten  so  oft  geputzt,  und  kei- 
nem ist  es  je  gelungen,  noch  wird  ihm  gelingen,  durch 
die  Vermischung  aller  Farben  ein  reines  Weiß  hervorzu- 
bringen; viele  tausend  Färber  haben  oft  alle  Arten  von 
Farbenbrühen  zusammengegossen,  und  niemals  ist  das  hin- 
eingetauchte Tuch  weiß  hervorgezogen  worden.  Ja  ich  darf 
dreist  sagen,  man  erdenke  sich  Versuche  von  welcher  Art 
man  wolle,  so  wird  man  niemals  imstande  sein,  aus  farbigen 
Pigmenten  ein  weißes  Pigment  zusammenzusetzen,  das 
neben  oder  auf  vollkommen  reinem  Schnee  oder  Puder 
nicht  grau  oder  bräunlich  erschiene. 


382  CHROMATIK 

Übergang  zur  Streitfrage 

36.  Hier  könnten  wir  die  gegenwärtige  Abhandlung  schlie- 
ßen, weil  uns  nichts  übrig  zu  sein  scheint,  was  in  der 
Reihe  dieser  Darstellungen  noch  weiter  abginge,  wenn 
uns  nicht  die  Frage  aufgeworfen  werden  könnte:  woher 
denn  nur  die  Idee,  ein  weißes  Pigment  aus  farbigen  Pig- 
menten zusammenzusetzen,  ihren  Ursprung  genommen 
habe?  Wir  geben  davon  folgende  Rechenschaft. 

37.  Newton  glaubte  aus  den  farbigen  Phänomenen,  welche 
wir  bei  der  Refraktion  unter  gewissen  Bedingungen  gewahr 
werden,  folgern  zu  müssen,  daß  das  farblose  Licht  aus 
mehreren  farbigen  Lichtern  zusammengesetzt  sei;  er  glaubte 
es  beweisen  zu  können.  Seinem  Scharfsinn  blieb  nicht  ver- 
borgen, daß,  wenn  dieses  wahr  sei,  auch  wahr  sein  müsse, 
daß  Weiß  aus  farbigen  Pigmenten  zusammengesetzt  wer- 
den könnte.  Er  sagt  daher*:  '■'^ Die  weiße  und  alle  graue 
Farben  zwischen  Weiß  und  Schwarz  können  aus  Farben  zu- 
sammengesetzt werdend 

38.  Wer  meiner  obigen  Ausführung  mit  Aufmerksamkeit 
gefolgt  ist,  wird  sogleich  einsehen,  daß  diese  Proposition 
nicht  rein  und  richtig  ausgesprochen  ist.  Denn  es  ist  zwar 
der  Erfahrung  gemäß,  es  kann  durch  viele  Versuche  dar- 
gestellt werden,  daß  aus  Vermischung  aller  Farben  ein 
Grau  hervorgebracht  werden  könne.  Es  ist  auch  nichts 
natürlicher,  als  daß  es  von  uns  abhänge,  dieses  Grau  so 
hell  zu  machen,  als  es  uns  behebt.  Allein  es  folgt  aus  dem 
Begriff  des  Grauen  selbst,  daß  Grau  niemals  Weiß  werden, 
daß  Grau  nicht  mit  dem  Weißen  auf  diese  Art  verglichen 
werden  könne.  Analysiert  man  jene  Proposition,  so  heißt 
sie:  Das  Weiße  in  seinem  ganz  reinen  Zustande,  sowie  im 
Zustande,  wenn  es  mit  Schwarz  gemischt  ist,  kann  aus 
allen  Farben  zusammengesetzt  werden.  Das  letzte  leugnet 
niemand,  das  erste  ist  unmöglich.  Wir  wollen  nun  sehen, 
was  sein  Experiment  beweist. 

39.  Ehe  Newton  dasselbe  vorträgt,  präludiert  er  schon: 
daß  alle  farbige  Pulver  einen  großen  Teil  des  Lichtes, 
von  dem  sie  erleuchtet  werden,  in  sich  schlucken  und  aus- 

*  Opt.  prop.  V.  Theorem.  IV.  Libr.  I.  Part.  II, 


DTE  ELEMENTE  DER  FARBENLEHRE       383 

löschen,  er  gibt  davon  eine  Ursache  an,  die  er  aus  pris- 
matischen Versuchen  herleitet.  Was  er  daraus  folgert,  setze 
ich  mit  seinen  eigenen  Worten  hierher.  "Deswegen  ist  nicht 
zu  erwarten,  daß  aus  der  Vermischung  solcher  Pulver  eine 
helle  und  leuchtende  Weiße  entstehen  könne,  wie  die  Weiße 
des  Papiers  ist,  sondern  eine  dunkle  und  trübe  Weiße ^  wie  aus 
der  Vermischung  des  Lichts  und  der  Finsternis  oder  aus 
Schwarz  und  Weiß  entstehen  mag:  nämlich  eine  graue  oder 
dunkle  Mittelfarbe  wie  die  Farbe  der  Nägel,  dex  Asche,  der 
Steine,  des  Mörtels,  des  Kotes  und  dergleichen,  und  eine 
solche  weißlich- dunkle  Farbe  habe  ich  aus  farbigen  unter- 
einandergemischten Pulvern  öfters  hervorgebracht."* 

40.  Man  sieht  aus  diesen  Worten  ganz  deuthch,  daß  er 
nichts  anders  beweist,  als  was  wir  schon  zugegeben  haben, 
daß  nämlich  Grau  aus  Mischung  aller  Farben  entstehen 
könne.  Denn  wer  sieht  nicht,  daß  das  Wort  Weiß  hier 
ganz  willkürlich  gebraucht  wird  und  eigentlich  ganz  un- 
nütz und  überflüssig  dasteht.  Ja,  ich  darf  kühnlich  fragen, 
welchem  Beobachter  und  Theoristen  unsrer  Zeit  man  er- 
lauben würde  zu  sagen:  weiß  wie  Asche,  Mörtelund  Kot'i 

41.  Ich  übergehe  daher  die  Erzählung,  wie  Newton  aus 
Mennige,  Grünspan,  Bergblau  und  Karmin  ein  Kotweiß 
zusammengemischt  hat.  Ich  bemerke  nur:  daß  die  meisten 
dieser  Pigmente,  besonders  trocken  gerieben,  eine  grau- 
liche mehlige  Eigenschaft  an  sich  haben.  Jeder,  der  Lust 
hat,  dergleichen  Pigmente  durcheinander  zu  reiben,  wird 
es  gar  leicht  dahinbringen,  sich  ein  Pulver  zu  verschaffen, 
das  er  mit  der  Asche  vergleichen  kann. 

42.  Da  er  nun  also  bis  dahin  nur  den  einen  Teil  seiner 
Proposition  bewiesen,  daß  nämlich  Grau  aus  allen  Farben 
zusammengesetzt  werden  könne,  welches  aber  in  der  Reihe 
seiner  Demonstration  von  keiner  Bedeutung,  von  keinem 
Gewicht  gewesen  wäre,  so  muß  er,  da  er  Weiß  nicht  aus 
den  Farben  zusammensetzen  kann,  wenigstens  das  zu- 

*  Hoc  certum  est,  quicquid  in  contrariam  sententiam  afterat  New- 
tonus,  colorum  rubri,  flavi  et  coerulei  mixtione  nee  lucem  nee  co- 
lorem  generari  album,  sed  omnis  generis  fuscos,  badios,  rufos,  glau- 
coä,  cinereos;  prout  plus  ex  uno  quam  ex  altero  simplicium  parti- 
cipant.  Mayer,  de  affinitate  colorum  §  8. 


384  CHROMATIK 

sammengesetzte  Grau  weiß  zu  machen  suchen.  Dieses  zu 
erreichen  nimmt  er  folgende  Wendung.  "Es  können  auch", 
fährt  er  fort,  "diese  dunklen  oder  graulichen  Mittelfarben 
(hier  ist  das  Wort  weiß  weggelassen,  da  es  doch  in  der 
Proposition  steht,  auch  bisher  immer  gebraucht  worden; 
allein  der  Widerspruch  wäre  zu  ofienbar)  aus  Weiß  und 
Schwarz  in  verschiedenen  Mischungen  hervorgebracht  wer- 
den, und  folglich  sind  sie  von  den  wirklichen  weißen  nicht 
der  Art  der  Farbe  nach,  sondern  nur  im  Grade  der  Hellung 
verschieden,  und  damit  sie  gänzlich  weiß  werden,  wird 
nichts  weiter  erfordert,  als  daß  ihr  Licht  vermehrt  werde. 
Wenn  nun  also  diese  Farben  nur  durch  Vermehrung  des 
Lichts  zu  einer  vollkommenen  Weiße  gebracht  werden 
können,  so  folgt  daraus,  daß  sie  von  derselben  Art  seien 
wie  die  besten  Weißen^  und  von  ihnen  in  nichts  unter- 
schieden sind  als  bloß  in  der  Menge  des  Lichts." 

43.  Ich  rufe  eine  unparteiische  Kritik  zur  Beurteilung 
dieser  Wendung  auf,  hier  ist  Newton  selbst  genötiget, 
Schwarz  und  Weiß  als  zwei  entgegengesetzte  Körper  an- 
zunehmen. Aus  diesen  mischt  er  ein  Grau  zusammen,  und 
dieses  Grau  will  er  wieder  nur  durch  ein  verstärktes  Licht 
zu  Weiß  machen.  Wird  er  denn  jemals  auch  durch  das 
verstärkteste  Licht  das  Weiße,  z.  B.  die  Kreide,  wieder 
so  weiß  machen  als  sie  war,  ehe  sie  mit  dem  Schwarzen, 
z.  B.  mit  der  Kohle,  gemischt  war,  und  fällt  das  Falsche 
dieser  Behauptung  nicht  gleich  in  die  Augen,  sobald  das 
Grau  aus  mehr  Schwarz  als  Weiß  gemischt  ist?  Wir  wollen 
nun  sehen,  wie  er  auch  diese  Assertion  zu  beweisen  ge- 
denkt. 

44.  Er  nimmt  ein  hellgraues  Pulver  und  legt  es  in  die 
Sonne,  legt  nicht  weit  davon  ein  weißes  Papier  in  den 
Schatten,  vergleicht  beide  miteinander,  und  da,  besonders 
wenn  man  sie  von  ferne  betrachtet,  beide  einen  gleichen 
Eindruck  auf  das  Auge  machen,  so  folgert  er  daraus,  das 
graue  Pulver  sei  nun  durch  das  vermehrte  Licht  weiß  ge- 
worden. Auch  hier  wird  man  ohne  scharfsinnige  Unter- 
suchung leicht  bemerken,  daß  das  hellgraue  Pulver  nicht 
dadurch  weiß  geworden,  daß  man  es  dem  Sonnenlichte 
ausgesetzt,  sondern  daß  das  weiße  Papier  grau  geworden. 


DIE  ELEMENTE  DER  FARBENLEHRE      385 

weil  man  es  in  den  Schatten  gelegt,  und  daß  man  also  hier 
eigentlich  nur  Grau  und  Grau  vergleiche.  Ich  habe  oben 
jederzeit  bemerkt  und  drauf  bestanden,  daß  farbige  und 
farblose  Körper,  wenn  man  sie  in  Absicht  auf  Hell  und 
Dunkel  vergleichen  will,  beide  einem  gleichen  Grade  von 
He /iung  ausgesetzt  werden  müssen.  Und  folgt  nicht  dieses 
aus  der  Natur  der  Vergleichung  selbst?  ja  wo  würde  jemals 
etwas  vergleichbar  oder  meßbar  sein,  wenn  man  so  ver- 
fahren wollte:  Wenn  ein  Mann  sich  gegen  ein  Kind  bückt 
oder  das  Kind  auf  den  Tisch  hebt,  wird  nun  gesagt  werden 
können:  eins  sei  so  groß  als  das  andrer  Heißt  das  messen, 
wenn  man  die  Kriterien  des  Unterschieds  gegeneinander 
aufhebt? 

45.  Ich  artikuHere  also  hier  wiederholt,  daß  die  Newto- 
nische Proposition  falsch  und  kaptiös  gestellt,  auch  von 
ihm  keinesweges  durch  Experimente  erwiesen  worden, 
ja  daß  vielmehr  seine  Experimente  sowohl  als  seine  dür- 
ren Worte  beweisen:  daß  aus  farbigen  Pigmenten  ebenso 
wie  aus  Weiß  und  Schwarz  nur  ein  Grau  zusammengesetzt 
werden  könne,  das  mit  dem  reinen  Weißen,  wie  es  uns 
sehr  viele  Körper  darstellen,  unter  einerlei  Hellung  ver- 
glichen, jeder  Zeit  dunkler  als  dasselbe  erscheint,  wie  es 
unter  eben  dieser  Bedingung  gegen  Schwarz  jederzeit  hel- 
ler erscheinen  muß.  Es  gründet  sich  diese  Behauptung 
auf  die  Begriffe  der  Dinge  selbst,  mit  denen  wir  umgehen, 
auf  mehrere  übereinstimmende  Erfahrungen.  Sie  fließt 
aus  einem,  wie  mir  dünkt,  ganz  natürlichen  Räsonnement 
her,  und  mir  bleibt  weiter  nichts  übrig,  als  sie  einer  schar- 
fen Prüfung  zu  überlassen. 

Rekapitulation 

Von  weißen^  schwarzen^  grauen  Körpern  und  Flächen 

1.  Schwierigkeit,  sich  zu  erklären  und  zu  vereinigen,  was 
man  unter  Weiß  verstehe. 

2.  Der  Vortrag  fängt  mit  Betrachtung  einiger  Eigenschaf- 
ten der  durchsichtigen  farblosen  Körper  an. 

3.  Ein  solcher  Körper,  der  in  seinen  kleinsten  Teilen  in 
Undurchsichtigkeit  übergeht,  wird  weiß. 

COETHE  XVII  25. 


386  CHROMATIK 

4.  Ein  solcher  Körper  kann  wieder  in  den  Zustand  der 
farblosen  Durchsichtigkeit  zurückgeführt  werden. 

5.  Viele  Körper  werden  weiß,  indem  man  sie  bleicht. 

6.  Alle  weiße  Körper  geben  uns  einen  Begriff  von  Rein- 
heit und  Einfachheit. 

7.  Das  Weiße  hat  die  größte  Empfindlichkeit  gegen  das 
Licht.  Eine  weiße  Fläche  ist  die  hellste  unter  allen,  die 
mit  ihr  einem  gleichen  Lichte  ausgesetzt  sind. 

8.  Das  Weiße  ist  gegen  alle  Berührung  anderer  abfärben- 
der Körper  sehr  empfindlich. 

9.  Das  Schwarze  kann  nicht  wie  das  Weiße  hergeleitet 
werden.  Es  wird  uns  als  ein  fester  undurchsichtiger  Kör- 
per bekannt. 

I  o.  Ein  schwarzer  klarer  Liquor  ist  in  geringer  Masse  un- 
durchsichtig. 

1 1 .  Eine  schwarze  Fläche  ist  die  unempfindlichste  gegen 
das  Licht  und  die  dunkelste  aller,  die  neben  ihr  einer 
gleichen  Hellung  ausgesetzt  werden. 

1 2 .  Aus  dem  Schwarzen  und  Weißen  entsteht  das  Graue. 

13.  Das  Graue  hat  die  Eigenschaft,  heller  als  Schwarz  und 
dunkler  als  Weiß  zu  sein. 

14.  Man  vergleicht  das  Weiße  mitdemZ/V>^/(?,  das  Schwarze 
mit  der  Finsternis  und  das  Graue  mit  dem  Schatten. 

15.  Wenn  man  eine  weiße  Fläche  in  den  Schatten  legt 
oder  sie  mehr  oder  weniger  mit  Tusche  überstreicht,  bringt 
man  einerlei  Effekt  hervor;  sie  scheint  oder  wird  dadurch 
grau. 

i6.  Alle  Körper  und  Pigmente,  welche  schwarz,  weiß  oder 
grau  sind,  werden  färb  los  genannt. 

Von  farbigen  Flächen 

17.  Wir  kennen  nur  zwei  Grundfarben,  Gelb  und  Blau, 
aus  ihrer  Mischung  entsteht  Grün. 

18.  Jene  beiden  Farben  können  durch  Aneinanderdrängen 
ihrer  Teile  dunkler  gemacht  werden. 

19.  Von  Vermischung  mit  Schwarz  oder  Weiß  darf  hier 
die  Rede  nicht  sein. 

20.  Blau  und  Gelb  verstärkt,  werden  beide  Rot. 


DIE  ELEMENTE  DER  FARBENLEHRE      387 

2 1 .  Rot  wird  vorerst  als  keine  eigne  Farbe  angenommen. 

22.  Das  Gelbrote  und  Blaurote  vermischt,  bringt  Purpur 
hervor. 

23.  Schema  A^xY2iX\)t.xi,  ihrer  Abstufungen,  Übergänge  und 
Verbindungen. 

24.  Verdunkelung  der  Farben  durch  Schwarz  wird  aber- 
mals widerraten. 

2  5 .  Gleichfalls  Vermischung  derselben  mit  Weiß. 

26.  Verschränkte  Vermischungen  bringen  schnulzige  Far- 
ben hervor. 

27.  Alle  Farben  in  einer  gewissen  Proportion  vermischt, 
bringen  eine  Unfarbe  hervor. 

28.  Alle  Farben  haben  die  Eigenschaft,  daß  sie  dunkler 
als  Weiß  und  heller  als  Schwarz  sind. 

29.  Durchsichtige  farbige  Liquoren  machen  ein  farbloses 
Wasser  immer  dunkler. 

30.  Nähern  sich  bei  mehrerer  Sättigung  der  Undurch- 
sichtigkeit,  daher  dem  Schtvarzen. 

31.  Die  reizende  Energie,  womit  die  Farben  auf  unsere 
Augen  wirken,  ist  wohl  von  der  gleichgültigen  Helligkeit 
des  Weißen  zu  unterscheiden. 

32.  Die  Eigenschaft  der  Farben,  dunkler  als  Weiß  und 
heller  als  Schwarz  zu  sein,  kommt  natürlich  auch  der  Un- 
farbe zu,  welche  aus  Mischung  aller  Farben  entsteht. 

33.  Sie  macht  daher  den  Eindruck  von  Grau. 

34.  Dieses  zeigt  sich  uns  unter  jeder  Bedingung  wahr. 

35.  Verschiedene  Beispiele. 

Übergang  zur  Streitfrage 

36.  Frage,  woher  die  Idee,  ein  weißes  Pigment  aus  far- 
bigen Pigmenten  zusammenzusetzen,  ihren  Ursprung  ge- 
nommen habe? 

37.  Newton  bemerkt,  daß,  wenn  ein  weißes  Licht  aus  far- 
bigen Lichtern  zusammengesetzt  sein  sollte,  auch  ein 
weißes  Pigment  aus  farbigen  Pigmenten  entstehen  müsse. 
Kr  bejaht  diese  Proposition  in  dem  Gang  seiner  Demon- 
strationen. 

38.  Das  Unreine  und  Unrichtige  dieser  Proposition  folgt 


388  CHROMATIK 

aus  der  umständlichen  Ausführung,  die  wir  bisher  gelie- 
fert. 

39.  Wie  Newton  bei  seinem  Versuche  präludiert.  Er  ge- 
steht selbst,  nur  ein  Kotweiß  hervorgebracht  zu  haben. 

40.  Das  Wort  Weiß  ist  also  ganz  willkürlich  gebraucht 
und  steht  unmlz  sowohl  in  der  Proposition  als  in  der  Aus- 
führung. 

41.  Bemerkung  der  Pigmente,  aus  welchen  Newton  ein 
aschgraues  Pulver  hervorbringt. 

42.  Er  nimmt  nun  die  Wendung,  durch  vermehrtes  Licht 
ein  hellgraues  Pulver  heller  erscheinen  zu  machen,  und 
behauptet:  das  beste  Weiß  sei  vom  Grauen  nicht  der  Art 
nach  unterschieden. 

43.  Eine  unparteiische  Kritik  wird  zu  Beurteilung  dieser 
Wendung  aufgefordert  und  der  Hauptpunkt,  worauf  die 
Entscheidung  beruht,  nochmals  eingeschärft. 

44.  Er  sucht  seine  Assertion  dadurch  zu  beweisen,  indem 
er  ein  hellgraues  Pulver  in  die  Sonne  legt  und  solches  mit 
einem  weißen,  aber  im  Schatten  gelegenen  Papier  vergleicht. 
Heißt  das  messen,  wenn  man  die  Kriterien  des  Unterschieds 
gegeneinander  aufhebt": 

45.  Artikulierte  Wiederholung  der  diesseitigen  Behaup- 
tungen. 


iÜBER  NEWTONS  HYPOTHESE  DER 
DIVERSEN  REFRANGIBILITÄT] 

[Handschriftlich.  Wohl  1793] 

WIE  sehr  zu  jener  Zeit,  als  Scholastiker  noch 
die  Lehrstühle  besetzten,  der  Philosoph  sich 
nur  eine  Welt  in  sich  selbst  zu  erbauen  trach- 
tete, seine  Schüler  nur  in  dem  Kunststück  unterrichtete, 
mit  willkürlichen  Ideen  auf  eine  feine  und  seltsame  Art 
zu  spielen,  ist  jedem  bekannt,  der  in  die  Geschichte  der 
Philosophie  nur  einige  Blicke  getan.  Sie  erzählt  uns,  wie 
lange  die  Menschen  sich  mit  diesen  unfruchtbaren  Be- 
mühungen gequält  und  dennoch  immer  dabei  auch  für 
Naturforscher  gelten  wollen,  wie  endlich  treflfliche  Köpfe 
eingesehen,  daß  ein  Weltweiser,  eh  er  über  die  Natur  der 
Dinge  zu  reden  sich  vermißt,  erst  die  Gegenstände  selbst 
zu  kennen  habe,  mit  denen  sie  uns  so  mannigfaltig  und 
übereinstimmend  umgibt.  Wir  erfahren,  daß  treffliche 
Männer  einiger  Jahrhunderte  aus  den  düstern  Gewölben 
hervorzusteigen  bemüht  gewesen,  aber  doch  nur  zu  einem 
Schimmer  des  Lichtes  gelangen  können,  indem  ihr  eigner 
Geist  und  der  Geist  ihrer  Zeit  sie  noch  zu  heftig  zurück- 
hielt. 

Nun  sehen  wir  endlich  Baco  von  Verulam  auftreten.  Er 
zeigt  zuerst,  daß  selbst  der  gute  Wille,  die  Natur  und  ihre 
Kräfte  kennen  zu  lernen,  nicht  hinreiche,  sondern  daß  der 
Forscher  sich  zu  diesem  wichtigen  Geschäfte  besonders 
auszubilden  habe.  Er  zeigt  uns  die  Macht  gewisser  Vor- 
stellungsarten, gewisser  Vorurteile,  die  uns  hindern,  die 
Gegenstände,  welche  die  Natur  uns  darbietet,  genau  zu 
kennen  und  den  Zusammenhang,  in  dem  sie  untereinander 
stehen,  zu  begreifen.  Wir  erschrecken  über  die  Forderun- 
gen, die  er  an  den  Beobachter  macht,  und  erstaunen  über 
die  Hülfsmittel,  die  er  ihm  reicht,  über  die  neuen  Organe, 
mit  denen  er  ihn  ausrüstet. 

Von  diesem  Augenblick  an  scheint  Beobachtung  über  Gril- 
lenfängerei  zu  siegen,  an  die  Stelle  des  Wortes  die  Sache 
zu  treten,  indem  das  Wort  eine  wohlbeobachtete  Sache 
bezeichnet.  Hier  scheint  eine  neue  Epoche  anzugehen, 
eine  neue  Bahn  sich  zu  öffnen.  Jeder  Beobachter  scheint 


390  CHROMATIK 

gezwungen,  auf  die  Willkür  seines  eigenen  Geistes  Ver- 
zicht zu  tun  und  sich  den  bestimmten  Sachen  zu  unter- 
werfen. Aber  leider,  es  scheint  nur!  Wenige  Männer  haben 
Gewalt  genug  über  sich  selbst,  einen  Teil  dieses  Weges 
zurückzulegen,  und  der  fürtreffliche Descartes  überlebt  den 
Baco  um  fünfundzwanzig  Jahre  und  hinterläßt  bei  einer 
großen  Wahrheitsliebe,  bei  aller  eignen  Überzeugung,  daß 
ein  Beobachter  der  reinen  und  bedächtigen  Methode  der 
Mathematiker  zu  folgen  habe,  seinen  Schülern  nur  ein  Luft- 
gebäude von  Träumen  und  Meinungen,  das  vor  einer  fort- 
gesetzten Erfahrung,  vor  einem  freieren  Bhck  der  Nach- 
folger bald  verschwinden  mußte. 

Daß  Bacons  Bemühungen  und  die  früheren  Beispiele  der 
Mathematiker  weniger  gefruchtet,  als  man  hätte  hofifen 
sollen,  gestehtdie  Geschichte  der  Philosophie  ungern.  Doch 
erfahren  wir  bei  genauer  Untersuchung  auch  hier,  was  wir 
so  oft  im  Leben  bemerkten,  daß  Erkennen  und  Tun,  Über- 
zeugung und  Handlung  durch  eine  ungeheure  Kluft  ge- 
trennt sein  können. 

Es  mag  sein,  daß  die  dunkle  Schreibart  Bacons,  in  wel- 
cher dieser  außerordentliche  Mann  die  geheimnisvollen 
Wirkungen  unsrer  Seele  oft  in  geheimnisvollen  und  selt- 
samen Worten  darlegt,  Ursache  gewesen  sei,  daß  seine 
Schriften  nicht  so  viel,  wie  man  hoffen  und  wünschen 
mußte,  gewirkt  haben;  aber  mehr  noch  möchte  in  der  Na- 
tur der  menschhchen  Köpfe,  und  zwar  eben  in  der  Natur 
der  Vortrefflichsten  die  Ursache  zu  suchen  sein,  warum 
so  schwer  auf  dem  Wege  der  reinen  Erfahrung  Fortschritte 
gemacht  werden. 

Das  Genie,  das  vorzüghch  berufen  ist,  auf  jede  Weise  große 
Wirkung  hervorzubringen,  hat  seiner  Natur  nach  den  Trieb, 
über  die  Gegenstände  zu  gebieten,  sie  sich  zuzueignen,  sie 
seiner  Art  zu  denken  und  zu  sein  zu  unterwerfen.  Viel 
schwerer  und  leider  oft  nur  zu  spät  entschließt  es  sich, 
auch  den  Gegenständen  ihre  Würde  einzuräumen;  und  wenn 
es  durch  seine  produktive  Kraft  eine  kleine  Welt  aus  sich 
hervorzubringen  vermag,  so  tut  es  der  großen  Welt  meist 
unrecht,  indem  es  lieber  wenige  Erfahrungen  in  einen  Zu- 
sammenhang dichtet,  der  ihm  angemessen  ist,  als  daß  es 


ÜBER  NEWTONS  HYPOTHESE  3  9 1 

bescheiden  viele  Erfahrungen  nebeneinander  stellen  sollte, 
um  womöglich  ihren  natürlichen  Zusammenhang  endlich 
zu  entdecken.  So  ungeduldig  es  sich  nun  bei  der  Beobach- 
tung zeigt,  so  fest  finden  wir  es,  auf  einer  einmal  gefaßten 
Idee  zu  beharren  und  so  tätig  sie  auszubilden.  Sehr  leicht 
findet  es  Gründe,  die  Blößen  seines  Systems  zu  decken,  und 
zeigt  einen  neuen  Zweig  seiner  Fähigkeiten,  indem  es  das- 
jenige hartnäckig  verteidigt,  was  es  niemals  bei  sich  hätte 
begründen  sollen.  Prägt  sich  nun  gar  eine  solche  Vorstel- 
lungsart, eine  solche  Ideenreihe  in  die  Köpfe  leicht  ein- 
genommener gleichzeitiger  Jünglinge,  so  geht  ein  halbes, 
ja  ein  ganzes  Jahrhundert  darüber  hin,  bis  ein  Irrtum  ent- 
deckt, und  wenn  er  entdeckt  ist,  bis  er  endHch  wirklich 
anerkannt  und  ausgestoßen  wird. 

Jede  Schule  scheint  von  den  Grundsätzen  der  römischen 
Kirche  etwas  geerbt  zu  haben.  Wer  von  dem  einmal  fest- 
gestellten Glaubensbekenntnisse  abweicht,  wird  als  Ketzer 
ohne  weiteres  verdammt,  und  wenn  ja  zuletzt  die  Wahr- 
heit siegt,  so  darf  man  nur  in  der  Geschichte  zurücksehen, 
und  man  findet  gewöhnhch,  daß  sie  schon  früher  bekannt, 
öffentlich  dargestellt,  aber  leider  mit  Gewalt  oder  Kunst 
wieder  auf  eine  Zeit  unterdrückt  worden. 
Freilich  ist  die  Menge  immer  auf  der  Seite  der  herrschen- 
den Schule;  es  ist  so  bequem,  für  das,  was  man  nicht  be- 
greift, wenigstens  Formeln  zu  haben  und,  durch  sie  ge- 
schützt, alle  mühsame  Erfahrung,  alle  beschwerliche  Über- 
sicht, alle  sorgfältige  Zusammenstellung  für  überflüssig  zu 
erklären,  und  so  bleibt  dem  Beobachter,  der,  auf  dem  freien 
Wegeder  Natur,  die  unendlichen  Phänomene  verfolgt,  wel- 
che die  Schule  schon  in  ihren  engen  Kreis  gebannt  zu  haben 
glaubt,  nichts  übrig,  als  entweder  einsam  und  in  sich  ver- 
schlossen seinen  Weg  fortzugehen,  oder  bei  einem  öffent- 
lichen Bekenntnis  sich  auf  die  heftigen  Anfälle  einer  ganzen 
Partei  vorzubereiten. 

Und  so  ist  mir  recht  wohl  bekannt,  was  mich  erwartet,  in- 
dem ich  gegenwärtig  auftrete,  um  zu  zeigen,  daß  ein  gro- 
ßer und  berühmter  Beobachter  als  Mensch  seinen  Tribut 
abtragen  müsse,  daß  selbst  das  große  Genie  Newtons  sich 
bei  Erfahrungen  übereilte  und  mit  Folgerungen  zu  früh- 


392  CHROMATIK 

zeitig  vorschritt,  daß  er  unsägliche  Mühe  auf  die  Behaup- 
tung seines  einmal  festgestellten  Irrtums  verwendete,  daß 
sein  durch  diese  Bemühungen  errichtetes  Gebäude  die 
Menschen  dergestalt  verblendete,  daß  sie  nach  dessen 
Grund  zu  forschen  zum  Teil  versäumten,  zum  Teil,  durch 
Gewohnheit  und  Vorurteil  beherrscht,  es  nicht  nur  für 
einzig  ewig  erklärten,  sondern  auch  jeden,  der  den  Grund 
zu  untersuchen,  die  Maße  und  Verhältnisse  zu  beurteilen 
wagte,  als  einen  verwegnen  Toren  abzuweisen  und  zu  ver- 
schreien wußten. 

Wohlbekannt  mit  diesen  Gefahren  wage  ich  dennoch  mit 
dem  Geständnisse  meiner  Überzeugung  öfifentlich  hervor- 
zutreten und  zu  behaupten:  Newton  habe  keineswegs  er- 
wiesen, daß  das  farblose  Licht  aus  mehreren  andern  Lich- 
tern, die  zugleich  an  Farbe  und  an  Brechbarkeit  verschie- 
den sind,  zusammengesetzt  sei;  ich  erkläre  vielmehr  die 
diverse  Refrangibilität  nur  für  eine  künstliche  Hypothese, 
die  vor  genauer  Beobachtung  und  scharfer  Beurteilung 
verschwinden  muß.  Nach  dieser  kühnen  Erklärung  habe 
ich  alle  Ursache,  in  meinem  Vortrage  bedächtig  zu  Werke 
zu  gehen,  um  eine  so  schwere  und  verwickelte  Sache  zu 
einer  abermaligen  Revision  vorzubereiten.  Ich  bin  daher 
genötigt,  ehe  ich  zur  Abhandlung  selbst  schreite,  einiges 
vorauszuschicken,  um  die  Standpunkte  anzugeben,  woraus 
die  Lehre  sowohl  als  mein  Widerspruch  zu  betrachten  ist. 
Vor  allen  Dingen  muß  ich  auf  das  dringendste  einschärfen, 
daß  diverse  Refrangibilität  keine  Tatsache,  kein  Faktum 
sei.  Newton  erzählt  uns  selbst  den  Gang  seiner  Beobach- 
tungen und  seiner  Schlüsse,  der  aufmerksame  Kritiker  ist 
also  imstande,  ihm  auf  dem  Fuße  zu  folgen.  Hier  ziehe 
ich  nur  die  ersten  Linien  der  ausführlichen  Darstellung, 
die  das  Werk  selbst  enthalten  wird.  Newton  findet,  indem 
er  einen  Sonnenstrahl  durch  ein  Prisma  unter  bestimmten 
Umständen  durchgehen  läßt,  das  aufgefangene  Bild  des- 
selben nach  der  Brechung  viel  länger  als  breit  und,  was 
noch  mehr  ist,  mit  verschiedenen  Farben  gefärbt. 
Hierauf  gibt  er  sich  Mühe,  sowohl  durch  Veränderung  der 
Versuche  als  durch  mathematische  Prüfung  die  Ursache 
dieser  Verlängerung  des  Bildes  zu  erforschen,  und  da  er 


ÜBER  NEWTONS  HYPOTHESE  393 

sie  immer  größer  findet,  als  sie  nach  allen  äußern  Um- 
ständen und  Einwirkungen,  die  er  bemerken  kann,  sein 
sollte,  so  schließt  er:  die  Ursache  derselben  müsse  inner- 
halb des  Lichtes  liegen;  die  Ausdehnung  des  Bildes  in  die 
Länge  entstehe  durch  eine  Teilung  des  Lichtes,  diese  Tei- 
lung werde  durch  Refraktion  möglich,  weil  die  verschied- 
nen  Strahlen,  woraus  das  zusammengesetzte  Licht  bestehe, 
nicht  nach  einem  allgemeinen  Gesetze,  sondern  nach  eig- 
nen Gesetzen  gebrochen  werden,  da  man  sie  denn  nach- 
her an  ihren  verschiedenen  Farben  gar  bequem  erkenne. 
Diese  Meinung  setzt  sich  sogleich  bei  ihm  fest;  er  stellt 
verschiedene  Versuche  an,  die  ihn  nur  noch  mehr  darin 
bestärken,  und  ob  er  gleich  anfangs  seine  Überzeugung 
nur  als  Theorie  vorträgt,  so  befestigt  sie  sich  doch  nach 
und  nach  dergestalt  in  seinem  Geiste,  daß  er  die  diverse 
Refrangibilität  wirklich  als  ein  Faktum  aufstellt.  (Opusc.  II, 

P-37I-) 

Auf  eben  diese  Weise  fahren  seine  Schüler  fort,  die  di- 
verse Refrangibilität  teils  als  eine  festbegründete  und  un- 
widerlegliche Theorie,  teils  gelegentlich  als  ein  Faktum 
darzulegen. 

Diese  erste  und  größte  Verirrung  muß  vor  allen  Dingen 
bemerkt  werden.  Denn  wie  sollte  man  noch  in  Wissen- 
schaften Vorschritte  hoffen  können,  wenn  dasjenige,  was 
nur  geschlossen,  gemeint  oder  geglaubt  wird,  uns  als  ein 
Faktum  aufgedrungen  werden  dürfte. 
Es  ist  ein  Faktum,  daß  unter  denen  Umständen,  welche 
Newton  genau  angibt,  das  Sonnenbild  fünfmal  länger  als 
breit  ist  und  daß  dieses  verlängerte  Bild  vollkommen  far- 
big erscheint.  Dieses  Phänomen  kann  jeder  Beobachter 
ohne  große  Bemühung  wiederholt  sehn. 
Newton  erzählt  uns  selbst,  wie  er  zu  Werke  gegangen,  um 
sich  zu  überzeugen,  daß  keine  äußere  Ursache  diese  Ver- 
längerung und  Färbung  des  Bildes  hervorbringen  könne. 
Diese  seine  Behandlung  ist,  wie  schon  oben  gesagt,  der 
Kritik  unterworfen:  denn  wir  können  viele  Fragen  auf- 
werfen, wir  können  mit  Genauigkeit  untersuchen:  ob  er 
denn  auch  recht  verfahren?  und  inwiefern  sein  Beweis  in 
jedem  Sinne  vollständig  sei.^ 


394  CHROMATIK 

Setzt  man  seine  Gründe  auseinander,  so  werden  sie  fol- 
gende Gestalt  haben: 

Das  Bild  ist,  wenn  der  Strahl  die  Refraktion  erlitten,  län- 
ger, als  es  nach  den  Gesetzen  der  Refraktion  sein  sollte. 
Nun  habe  ich  alles  versucht  und  mich  dadurch  überzeugt,  daß 
keine  äußere  Ursache  an  dieser  Verlängerung  schuld  sei. 
Also  ist  es  eine  innere  Ursache,  und  diese  finden  wir  in 
der  Teilbarkeit  des  Lichtes.  Denn  da  es  einen  großem 
Raum  einnimmt  als  vorher,  muß  es  geteilt,  muß  es  aus- 
einandergeworfen werden,  und  da  wir  das  auseinander- 
geworfene Licht  farbig  sehen,  so  müssen  die  verschiede- 
nen Teile  desselben  farbig  sein. 

Wieviel  ist  nicht  sogleich  gegen  dieses  Räsonnement  auch 
einzuwenden! 

Beim  ersten  Satze  sei  uns  erlaubt  zu  fragen,  wie  hat  man 
denn  die  Gesetze  der  Refraktion  festgestellt? — Aus  der  Er- 
fahrung.—Gut!  Und  der  die  Erfahrung  machte,  um  die  Ge- 
setze festzustellen,  hat  er  die  Ausnahme,  von  der  die  Rede 
ist,  beobachtet  oder  nicht.* — Ob  er  sie  beobachtet  hat,  wis- 
sen wir  nicht;  aber  er  hat  sie  nicht  in  Betrachtung  gezo- 
gen.— So  dürfen  wir  also  an  der  Allgemeinheit  dieses  Na- 
turgesetzes zweifeln  und  fragen:  Sollt  es  nicht  möglich 
sein,  dieses  Gesetz  allgemeiner  auszusprechen,  und  zwar 
so,  daß  die  hier  angeführte  Ausnahme  mit  darunter  be- 
griffen wäre? 

Was  gegen  die  Überzeugung  aus  einer  vollständigen  Erfah- 
rung einzuwenden  sei,  fällt  in  die  Augen.  Hier  fragt  sich, 
ist  denn  auch  alles  beobachtet  worden,  was  beobachtet 
werden  mußte?  Wer  kann  beweisen,  daß  eine  Erfahrung 
vollständig  sei?  Und  gilt  nicht  gegen  ihn  jede  Darlegung 
neuer  Erfahrungen,  die  in  diesen  KLreis  gehören? 
Gesetzt  aber  auch,  gegen  beides  wäre  nichts  einzuwenden, 
und  man  nähme  den  Schluß:  hier  wirkt  eine  innere  Ur- 
sache, als  gültig  an,  so  ist  doch  die  Folgerung  übereilt:  diese 
Ursache  liege  in  irgendeiner  Eigenschaft  des  Lichts;  denn 
wir  haben  ja  in  diesem  Falle  gebrochnes  Licht  und  bre- 
chendes Mittel,  und  warum  sollte  das  Mittel  nicht  durch 
eine  uns  unbekannte  Ursache  Doppelbilder  hervorbringen 
können,  oder  durch  eine  unerklärte,  vielleicht  mit  der  Re- 


ÜBER  NEWTONS  HYPOTHESE  395 

fraktion  und  Reflektion  nur  verwandte  Kraft  das  Bild  in 
die  Länge  zu  dehnen  imstande  sein.  Ist  es  denn,  ausschließ- 
lich, die  letzte  Notwendigkeit,  dem  Licht  die  geheimnis- 
volle Eigenschaft  zuzuschreiben,  sich  durch  ein  Mittel,  wo- 
durch es  hindurchgeht,  spalten  und  in  Elemente  teilen  zu 
lassen? 

Doch  sei  dies  alles  hier  nicht  etwa,  um  irgend  etwas  fest- 
zusetzen oder  zu  einer  Disputation  einen  Grund  zu  legen, 
beigebracht,  sondern  nur  um  zu  zeigen,  wie  wenig  diverse 
Refrangibilität  als  Faktum  gelten  könne. 
Die  künftigen  Revisoren  werden  also  ersucht,  darauf  zu 
sehen,  daß  niemand,  er  sei  wer  er  wolle,  sich  unterfange, 
eine  Erklärung,  Theorie  oder  Hypothese  für  eine  Tatsache 
auszugeben.  Daß  der  Stein  fällt,  ist  Faktum,  daß  es  durch 
Attraktion  geschehe,  ist  Theorie,  von  der  man  sich  innigst 
überzeugen,  die  man  aber  nie  erfahren,  nie  sehen,  nie 
wissen  kann. 

Sollte  denn  aber,  wird  man  mir  einwerfen,  wenn  auch  jener 
außerordentliche  Mann  in  seinen  Erfahrungen  nicht  ge- 
nau genug  und  in  seinen  Schlüssen  voreilig  gewesen  wäre, 
wenn  seine  Theorie  wirklich  nur  Hypothese  wäre,  sollte 
ein  solcher  Irrtum  in  hundert  Jahren  durch  so  viele  Ge- 
lehrte, Akademien  und  Sozietäten,  welche  die  Versuche 
wiederholt  und  die  Lehre  geprüft,  nicht  schon  entdeckt 
worden  sein? 

Ich  antworte  hierauf:  Wäre  es  wirklich  geschehen,  daß  man 
die  Newtonischen  Versuche  oft  genug  mit  scharfem  Be- 
obachtungsgeist wiederholt,  daß  man  seinen  Gang  verfolgt 
hätte,  so  würde  man  früher  die  Verbesserung  der  dioptri- 
schen  Fernröhre  erfunden  haben;  man  würde  schon  früher 
den  Irrtum  entdeckt  haben,  in  den  Newton  verfiel,  als  er 
behauptete,  ja  nach  seiner  Theorie  behaupten  mußte,  daß 
die  Stärke  der  Farbenerscheinung  nach  der  Stärke  der  Re- 
fraktion gerechnet  werden  könne. 

Hat  man  nun,  fahre  ich  fort  zu  fragen,  da  die  Entdeckung 
gemacht  war,  daß  die  Farbenerscheinung  ganz  für  sich, 
auf  eine  unerklärbare  Weise,  vermehrt  oder  vermindert 
werde,  ohne  daß  die  Refraktion  mit  ihr  gleichen  Schritt 
halte,  hat  man  denn  untersucht,  wie  tief  dieser  Irrtum  in 


396  CHROMATIK 

der  Newtoni  sehen  Lehre  verborgen  gewesen?  hat  man  denn 
gefragt,  ob  dieser  entdeckte  Irrtum  nicht  sogleich  gegen 
die  ganze  Theorie  mißtrauisch  machen  müsser  Hier  und 
da  finde  ich  es  leise  angegeben;  aber  hervorgehoben,  ans 
Licht  gestellt  ward  es,  soviel  ich  weiß,  niemals. 
Wenn  sich  Newton  durch  seine  Erfahrungen  und  seine 
Hypothese,  denn  für  weiteres  kann  ich  seine  Meinung  künf- 
tig nicht  gelten  lassen,  völlig  überzeugt  fand,  daß  sich  die 
dioptrischen  Fernröhre  auf  keine  Weise  verbessern  ließen, 
wenn  er  dadurch  auf  die  Erfindung  seines  Spiegelteleskops 
geführt  wurde,  wenn  er  auf  die  Verbesserung  desselben 
lebhaft  drang,  wenn  er  als  Resultat  am  Ende  des  ersten 
Teils  des  ersten  Buchs  der  Optik  jene  Überzeugung  auf- 
stellt, daß  die  dioptrischen  Fernröhre  nicht  verbessert  wer- 
den können,  so  muß  ja  wohl,  da  nun  dieses  Resultat  falsch 
befunden  worden,  der  Irrtum  tiefer  als  nur  auf  der  Ober- 
fläche liegen,  so  müssen  ja  wohl  die  Erfahrungen  weder 
genau  noch  vollständig,  oder  die  Schlüsse  daraus  nicht 
durch  richtige  Operationen  des  Geistes  gezogen  sein. 
Hat  man  hierauf,  wie  doch  natürlich  gewesen  wäre,  ge- 
merkt.^ Hat  man  bei  diesem  eintretenden  wichtigen  Fall 
die  Sache  nochmals  in  Untersuchung  genommen?  Keines- 
wegs! Manleugnete  lieber  dieMöglichkeit  der  Erfahrungen, 
die  schon  gemacht  waren,  und  anstatt  zu  gestehen,  daß 
durch  diese  Entdeckung  jene  Theorie  selbst  auf  der  Stelle 
vernichtet  werde,  so  suchte  man  lieber  durch  Akkomoda- 
tionen ihr  wenigstens  einen  Schein  des  Lebens  zu  erhal- 
ten, und  so  spukt  das  Gespenst  der  diversen  Refrangibiji- 
tät  noch  immer  in  den  Schulen  der  Physik,  und  man  glaubt 
einen  treuen  aufmerksamen  Beobachter  noch  immer  durch 
die  Autorität  eines  großen  Mannes  zu  schrecken,  dessen 
Irrtum  in  der  Sache,  wovon  die  Rede  ist,  schon  seit  meh- 
reren Jahren  nicht  geleugnet  werden  kann. 
Es  sei  denn,  höre  ich  mir  hierauf  antworten,   wir  wollen 
uns  einen  Augenblick  als  möglich  denken,  daß  in  jener 
Lehre  wirklich  ein  Irrtum  verborgen  liege,  daß  er  auch 
sogar  schon  halb  entdeckt  sei;  aber  wer  will  es  mit  dem 
größten  Geometer  aufnehmen,  dem  die  Hülfsmittel  der 
höheren  Rechenkunst  alle  zu  Gebote  standen  und  dessen 


ÜBER  NEWTONS  HYPOTHESE  397 

Fehlschlüsse,  wenn  er  ihrer  begangen  haben  sollte,  nur 
durch  seinesgleichen  entdeckt  werden  können. 
Diesen  Einwurf  erwarte  ich  von  niemand,  der  Kenntnis 
in  der  Sache  hat,  von  der  die  Rede  ist.  Newton  erscheint 
hier  nicht  als  Mathematiker  auf  dem  Platze,  wir  haben  es 
nur  mit  Newton  dem  Physiker  zu  tun.  Seine  Erfahrungen 
kannjedermitgesundenSinnenwiederholen,  seine  Schlüsse 
kann  jeder  ruhige  Denker  prüfen.  Was  von  Messungen, 
mathematischen  Beweisen  und  Formeln  vorkommt,  ist  kei- 
neswegs von  der  höheren  Art  und  läßt  sich  mit  einiger 
Kenntnis  recht  gut  übersehen,  und  unglücklicherweise  ist 
dieses  selbst  die  schwächste  Seite  seiner  Arbeit;  seine  For- 
meln sind  falsch  befunden  worden,  und  seine  Messungen, 
seine  darauf  gegründete  Berechnungen  gelten  nur  von  ein- 
zelnen Fällen,  und  vergebens  sucht  er  sie  zu  allgemeinen 
Verhältnissen,  zu  durchaus  gültigen  Naturgesetzen  zu  er- 
heben. 

Der  vortrefflichste  Rechenmeister  kann  eine  Rechnung 
fertigen,  an  deren  Kalkül  nichts  auszusetzen  ist,  und  doch 
kann  sie  falsch  sein,  doch  mit  der  Kasse  nicht  übereintreffen. 
Es  durften  ihm  nur  einige  Belege  fehlen,  deren  Mangel  er 
übersah  oder  nicht  bemerken  konnte;  sobald  sich  diese  fin- 
den, fällt  das  ganze  Zahlengebäude  zusammen,  und  die  an 
sich  lobenswerte,  bis  auf  den  kleinsten  Bruch  der  Pfennige, 
richtige  Arbeit  ist  verloren  und  muß  von  neuem  unter- 
nommen werden.  Wie  viele  Fälle  dieser  Art  zeigt  uns  die 
Geschichte  der  mathematischen  Wissenschaften.  Wie  man- 
cher Geometer  war  als  Beobachter  weniger  glücklich,  wel- 
cher hat  nicht  mehr  als  einmal  in  seinem  Leben  nach  fal- 
schen Datis  richtig,  aber  vergebens  gerechnet. 
Daß  dieses  Newtons  Fall  in  seiner  Optik  sei,  hoffe  ich  in 
meiner  Schrift  ausführlich  zu  zeigen.  Es  war  nicht  schwer, 
seinen  Irrtum  zu  entdecken,  denn  schon  mehrere  vor  mir 
haben  ihn  eingesehen;  aber  es  ist  schwer,  ihn  zu  entwickeln, 
denn  dieses  ist  noch  keinem  seiner  Gegner  gelungen,  viel- 
leicht gelingt  es  auch  mir  nicht;  indessen  werde  ich  mein 
möglichstes  tun,  daß,  wenn  auch  ich  noch  als  Ketzer  ver- 
dammt werden  sollte,  wenigstens  ein  glücklicherer  Nach- 
folger eine  brauchbare  Vorarbeit  finde. 


L 


398  CHROMATIK 

Ich  werde  es  an  nichts  fehlen  lassen,  seine  Versuche  aufs 
genauste  durchzugehen,  und  zeigen,  wiefern  sie  an  sich 
selbst  richtig  oder  wiefern  an  ihnen  etwas  auszusetzen; 
ob  der  Beobachter  einen  unleugbaren  Versuch  richtig  ge- 
sehen, oder  ob  er  sich  durch  einen  Schein  habe  blenden 
lassen;  ob  er  alle  Nebenumstände  bemerkt;  ob  die  Ver- 
suche vollständig,  ob  sie  gut  geordnet  sind,  und  ob  die 
Schlüsse,  die  er  daraus  zieht,  notwendig  erfolgen. 
Die  größte  Aufmerksamkeit  haben  wir  ferner  auf  seinen 
Vortrag  zu  wenden.  Man  hat  schon  lange  anerkannt,  daß 
weder  seine  optischen  Vorlesungen  noch  die  Optik  selbst 
in  mathematischer  Ordnung  geschrieben  sei.  Dieses  kann 
bei  einer  physikalischen  Materie  nur  so  viel  heißen:  der 
Verfasser  habe  nicht  von  den  einfachsten  Versuchen  an- 
gefangen, um  von  da  zu  den  zusammengesetzten  fortzu- 
gehen, als  wodurch  allein  eine  reine  Ableitung  und  eine 
Darstellung  des  innern  Zusammenhangs  möglich  wird,  wo- 
durch eine  theoretische  Erklärung  allein  vorbereitet  wer- 
den kann.  Und  so  ist  es  auch  wirklich,  wie  jeder,  der  diese 
beiden  Schriften  zur  Hand  nimmt,  bei  dem  ersten  Blick 
erkennen  kann.  In  den  optischen  Lektionen  geht  er  natür- 
licher zu  Werke.  Er  spricht  als  ein  überzeugter  Mann  und 
legt  uns  offen  dar,  wie  er  sich  überzeugt  hat.  In  der  Optik 
ist  er  künstlicher  Sachwalter,  der  uns  zu  überzeugen  sucht; 
man  sieht,  er  hat  schon  Widerspruch  erlitten,  und  diesem 
Widerspruch  soll  vorgebaut  werden,  und  wenn  die  Optik 
ein  unsterbliches  Werk  genannt  zu  werden  verdient,  so 
wird  sie  es  deswegen  bleiben,  weil  sie  uns  ein  Zeugnis  gibt, 
das  zwar  in  der  Geschichte  der  Wissenschaften  oft  genug 
wiederholt  ist,  welche  Mühe  sich  ein  scharfsinniger  Geist 
geben  kann,  um  sich  und  andern  den  Irrtum  zu  verbergen, 
den  er  einmal  festzusetzen  beliebt  hat.  Wie  die  Menschen 
überhaupt  meist  nur  den  Gebrauch  des  Verstandes  schätzen 
und  bewundern,  er  mag  übrigens  gebraucht  werden  zu  was 
er  wolle. 

Verblendet  von  einigen  in  die  Augen  fallenden  Versuchen, 
hingerissen  von  der  künstlichen  Darstellung  der  Argumente, 
blieb  man  auf  dem  Punkte  stehen,  auf  den  sich  Newton 
gestellt  hatte  und  auf  den  jeder  seiner  Schüler  sich  stellen 


ÜBER  NEWTONS  HYPOTHESE  399 

mußte,  um  in  der  Theorie  ein  scheinbares  Ganze  zu  er- 
blicken. So  sieht  der  Zuschauer,  der  vorm  Theater  auf  dem 
Punkte  steht,  von  welchem  und  zu  welchem  der  geschickte 
Maler  die  Linien  seiner  Dekoration  gezogen,  ein  völlig 
verschlossenes  Zimmer  vor  sich,  indem  die  Zwischenräume 
der  Seitenwände  ihm  nicht  bemerkbar  sein  können.  Alles 
paßt  so  genau,  daß  diese  Linien  nicht  gerade  zu  laufen 
scheinen,  sondern  im  Auge  wirklich  gerade  laufen.  Aber 
er  trete  nur  einen  Schritt  zur  Seite,  so  wird  die  Illusion 
sogleich  verschwinden;  er  wird  die  Kunst  mehr  als  im 
ersten  Augenblicke  bewundern,  da  er  getäuscht  war,  aber 
die  Täuschung  wird  aufhören. 

Es  wird  jedem  auffallen,  wenn  wir  in  der  Folge  zeigen, 
daß  die  ganze  Stärke  der  Newtonischen  Theorie  darin  be- 
stand, daß  ihr  Erfinder  sowohl  als  seine  Schüler  ausdrück- 
lichverlangten, daß  man  von  ihrem  Standort,  auf  ihre  Weise 
die  Gegenstände  betrachten  und  sich  von  dem  scheinbaren 
Zusammenhang  als  von  einem  wirkhchen  überzeugen  sollte. 
Wer  mit  reinem  unbefangenen  Blick  die  Versuche,  wie  sie 
in  Newtons  Optik  und  in  mehreren  Kompendien  durch- 
einandergestellt sind,  betrachtet,  glaubt  seinen  Augen 
kaum;  die  Verblendung  ist  so  groß,  daß  sie  Sophistereien 
zuläßt,  die  ganz  nahe  an  Unredlichkeit  grenzen. 
Da  man  einmal  bei  der  Refraktion  eine  so  wichtige  Er- 
scheinung gesehen  hatte,  da  eine  ganz  neue  und  beim 
ersten  Anblick  Mißtrauen  erregende  Theorie  der  ganzen 
Licht-  und  Farbenlehre  darauf  erbauet  war,  hätte  man  nicht 
sorgen  sollen,  alle  Fälle  zu  sammlen  und  in  einer  gewissen 
Ordnung  aufzustellen.'  Allein  die  Schüler  hatten  nicht  Ur- 
sache es  zu  tun,  weil  bei  dem  schon  vollendeten  Bau  die 
neuen  Materialien  ihnen  nur  im  Wege  gelegen  hätten, 
und  die  Gegner  konnten  es  nicht  tun,  weil  ihnen  noch 
manches  zur  Vollständigkeit  fehlte,  das  uns  glücklicher- 
weise die  Zeit  entdeckt  hat,  und  außerdem  hatten  die 
letzten  meistenteils  auch  nur  im  Sinne,  aus  den  bekannten 
Materialien  gleichfalls  ein  hypothetisches  Ganze  zusam- 
menzusetzen und  ihre  Schöpfungen  der  Newtonischen  ent- 
gegenzustellen. 
Da  ich  nun  die  ganze  Angelegenheit  zur  Revision  vorbe- 


400  CHROMATIK 

reite  und,  wenn  ich  die  anders  beschäftigte  Aufmerksam- 
keit meiner  Zeitgenossen  nicht  erregen  sollte,  meine  Ar- 
beit dem  folgenden  Jahrhundert  empfehle,  so  werde  ich 
vor  allen  Dingen  die  bedeutenden  Phänomene  und  Ver- 
suche, welche  uns  bei  Gelegenheit  der  Refraktion  Farben 
zeigen,  in  derjenigen  Ordnung  vortragen,  die  mir  nach 
vieler  Überlegung  die  natürlichste  scheint,  und  zwar  werde 
ich  dabei  folgendergestalt  zu  Werke  gehn,  daß  ich  zuerst 
die  Fälle  zeige,  in  welchen  die  Refraktion  vollkommen 
wirkt,  ohne  daß  eine  Farbenerscheinung  entstehe.  Ferner 
werde  ich  die  Bedingungen  ausführen,  welche  zur  Refrak- 
tion hinzukommen  müssen,  damit  eine  Farbenerscheinung 
sichtbar  werde,  und  nach  welchen  Gesetzen  sie  alsdann 
erscheine.  Sodann  werde  ich  zeigen,  unter  welchen  Um- 
ständen sich  diese  Farbenerscheinung  vermehre,  vermin- 
dere und  endlich  gar  wieder  verschwinde,  wobei  die  Kraft 
der  Strahlenbrechung  dabei  in  ihrem  vollen  Maße  wirken 
kann.  Ob  es  alsdann  zu  kühn  ist,  hieraus  zu  folgern,  daß 
diese  Farbenerscheinungen  von  der  Brechung  unabhängig 
seien,  daß  die  Refraktion  keineswegs  die  Ursache  sei,  durch 
welche,  sondern  nur  eine  Gelegenheit,  bei  welcher  die 
Farbenerscheinung  sich  sehen  läßt,  wird  sich  am  Schlüsse 
zeigen.  Ich  wenigstens  hoffe,  die  diverse  Refrangibilität 
werde  vor  der  bloßen  Darstellung  der  sämtlichen  Versuche 
verschwinden. 

Ich  werde  sodann  in  einem  zweiten  Abschnitt  historisch 
und  kritisch  zu  Werke  gehn  und  das,  was  die  frühern  Philo- 
sophen von  den  vorgelegten  Versuchen  gekannt  und  was 
sie  daraus  geschlossen,  vortragen;  ferner  auf  die  Geschichte 
der  Newtonischen  Erfahrungen  und  seiner  Theorie  über- 
gehen, den  Gang  seines  Geistes,  seiner  Beobachtungen 
und  seiner  Schlüsse  in  diesem  Falle  verfolgen.  Sodann 
werde  ich  die  Lehrart  seiner  älteren  Schüler  vor  Erfindung 
der  achromatischen  Gläser  und  darauf  die  Wendung  der 
neueren  nach  gedachter  Entdeckung  darlegen.  Darauf  die 
Bemühungen  der  älteren  und  neueren  Gegner  der  Theorie 
auf  ebendiese  Weise  ans  Licht  stellen  und  die  Ursachen 
anzeigen,  warum  ihr  Bestreben  so  wenig  gewirkt  hat.  End- 
lich werde  ich  suchen,  den  Punkt  deutlich  zu  machen,  wo 


ÜBER  NEWTONS  HYPOTHESE  401 

wir  gegenwärtig  stehen,  und  nach  dem  Ziele  deuten,  das 
mir  selbst  noch  in  der  Ferne  liegt.  Niemand  kann  lebhafter 
wünschen  als  ich,  daß  dieses  Feld  bald  auch  von  andern, 
es  sei  durch  Teilnahme  oder  durch  Widerspruch,  emsig 
bebaut  werde. 


GOETHE  XVII  26. 


ÜBER  DIE  FARBENERSCHEINUNGEN, 

DIE  WIR  BEI  GELEGENHEIT 
DER  REFRAKTION  GEWAHR  WERDEN 

[Handschriftlich.   1793] 

Einleitung 

i.l      \-^^  Wirkung  der  Refraktion,  wodurch  die  Licht- 

I  1  strahlen  von  ihrem  Wege  abgelenkt  werden,  wo- 
.1 — y  durch  uns  das  Bild  eines  Gegenstandes  an  einem 
andern  Orte  erscheint,  als  es  sich  wirklich  befindet,  ist 
ein  sehr  merkwürdiges  Phänomen.  Die  Erfahrungen  und 
Versuche,  unter  welchen  Umständen  sie  bemerkt  wird,  die 
Gesetze,  nach  welchen  sie  sich  äußert,  sind  von  den  Natur- 
forschern beobachtet,  geordnet  und  berechnet  worden. 
Ich  setze  voraus,  daß  man  wenigstens  im  allgemeinen  mit 
dieser  Lehre  bekannt  sei,  indem  ich  nur  von  den  appa- 
renten  Farben  zu  handeln  gedenke,  welche  uns  bei  dieser 
Gelegenheit  erscheinen. 

2.  Diese  Farbenerscheinungen  sind  unter  gewissen  Um- 
ständen so  lebhaft,  schön  und  überraschend,  daß  sie  die 
Aufmerksamkeit  der  Naturforscher  von  jeher  billig  auf  sich 
gezogen  haben.  Einige  dieser  Phänomene  haben  zu  der 
fast  allgemein  angenommenen  Theorie  Anlaß  gegeben, 
und  doch  ist  mir  unbekannt,  daß  die  Erfahrungen  und  Ver- 
suche jemals  vollständig  gesammlet  und  in  ihrer  natürlichen 
Ordnung  aufgestellt  worden.  Wir  wollen  versuchen,  ob 
wir  diese  Erscheinungen  bis  zu  ihren  ersten  Spuren  ver- 
folgen können;  wir  wollen  sie  von  da  bis  auf  den  höchsten 
Grad  ihrer  Schönheit  begleiten  und  ihnen  alsdann  bis  da- 
hin folgen,  wo  sie  wieder  verschwinden,  und  durch  diesen 
Zirkel  die  Gesezte  dieser  Erscheinung  an  den  Tag  zu 
bringen  bemüht  sein. 

3.  Vorher  aber  ist  es  nötig,  daß  wir  die  verschiedenen 
Versuche,  welche  wir  bei  dieser  Gelegenheit  anstellen, 
im  allgemeinen  betrachten  und,  was  wir  dabei  zu  be- 
merken finden,  festsetzen.  Alle  Versuche,  welche  bei  dieser 
Gelegenheit  vorkommen,  lassen  sich  einteilen  in 

objektive 
subjektive 


FARBENERSCHEINUNGEN  BEI  REFRAKTION   403 

verbundene  und 
gemischte  Versuche. 

4.  Objektive  nenne  ich  diejenigen,  wo  das  brechende  Mittel 
sich  nicht  zwischen  der  Erscheinung  und  dem  Beobachter 
findet,  z.  B.  wenn  wir  das  SonnenUcht  durch  das  Prisma 
fallen  lassen  und  das  farbige  Bild  an  der  Wand  erblicken. 

5.  Subjektive  nenne  ich,  wenn  das  brechende  Mittel  zwi- 
schen der  Erscheinung  und  dem  Auge  des  Beobachters 
sich  befindet,  z.  B.  wenn  wir  ein  Prisma  vor  die  Augen 
halten  und  schwarze  und  weiße  Tafeln  dadurch  betrach- 
ten und  die  Ordnung  der  Farbenerscheinung  an  selbigen 
wahrnehmen. 

6.  Wir  werden  genau  zu  bestimmen  suchen,  worin  diese 
beiderlei  Arten  von  Versuchen  miteinander  übereinkom- 
men, und  worin  sie  voneinander  verschieden  sind.  Wir 
werden  sie  nebeneinander  stellen  und  sehen,  inwiefern 
sie  miteinander  gleichen  Schritt  halten  oder  voneinander 
abweichen.  Auf  diese  genaue  Absonderung  kommt  sehr 
viel  an,  da  man  sie  gewöhnlich  vi\xx  promiscue  zu  gebrau- 
chen pflegt. 

7.  Kennen  wir  diese  Versuche  genau,  so  werden  wir  sie 
desto  eher  beurteilen  können,  wenn  wir  sie  in  Verbindung 
untereinander  zu  betrachten  haben.  Es  werden  uns  sehr 
merkwürdige  und  sehr  komplizierte  Phänomene  nicht  irre- 
machen, welche  uns  durch  diese  verbundene  Versuche  dar- 
gestellt werden. 

8.  Gemischte  Versuche  nenne  ich  zum  Unterschied  unreine, 
ohne  Methode  und  Zweck  vereinigte  Versuche  der  objek- 
tiven und  subjektiven  Phänomene,  welche  nur  alsdann 
vorkommen  werden,  wenn  wir  imstande  sind,  die  Bemü- 
hungen unserer  Vorgänger  kritisch  zu  beurteilen. 


404  CHROMATIK 

ERSTER  ABSCHNITT 

Refraktion  an  und  für  sich  selbst  bringt 

keine  Farbenerscheinung  hervor 

Subjektive  Versuche 

Erster  Versuch  {Fig.  ly 

9.  Man  nehme  ein  Gefäß,  das  breiter  als  hoch  ist,  und  stelle 
es  vor  sich  in  die  Hellung  des  Tageslichts,  und  die  innern 
Flächen  desselben  werden  uns  ihre  eigne  Farbe  zeigen; 
es  sei  das  Gefäß  holzfarb,  man  streiche  es  weiß,  schwarz, 
gelb  oder  blau  an,  so  wird  man,  wie  bei  jedem  andern 
Körper,  den  Anstrich  der  Oberfläche  rein  erkennen.  Man 
gieße  hierauf  reines  Wasser  hinein;  der  Boden  wird  uns 
nach  den  Gesetzen  der  Refraktion  erhöht,  die  Wände  so 
viel  verkürzt  erscheinen.  Man  schaue  durch  das  Wasser 
von  allen  Seiten,  und  es  wird  keine  apparente  Farbe  in 
dem  Gefäße  erscheinen.  Die  Oberfläche  des  Bodens  und 
der  Wände  wird  uns  ihren  Anstrich  wie  vorher  sehen  lassen, 
obgleich  die  Refraktion  schon  vollkommen  wirket  und  uns 
alle  Stellen  des  Gefäßes  an  einem  andern  Platze  zeigt. 

Zweiter  Versuch  {.Fig.  2) 

10.  Man  halte  sodann  das  Gefäß  schief,  so  daß  der  Boden 
mit  dem  Horizonte  einen  spitzen  Winkel  macht.  Man  stelle 
sich  auf  die  Seite  des  spitzen  Winkels,  sehe  abermals  durch 
das  Wasser  in  das  Gefäß,  man  wird  ebensowenig  appa- 
rente Farben  und  nur  die  Farbe  des  Gefäßes  wie  vorher 
erblicken. 

Dritter  Versuch  (Fig.  3) 

1 1.  Man  gehe  um  das  Gefäß  herum  und  stelle  sich  auf  die 
Seite,  wo  das  brechende  Mittel  am  dicksten  ist,  auch  da 
wird  man  keine  Farbenerscheinungen  sehen  und  in  diesen 
drei  Fällen  völlig  gleiche  Erfahrungen  machen. 

Vierter  Versuch  (Fig.  4) 

12.  Man  nehme  hierauf  ein  Gefäß  mit  einem  Glasboden, 
richte  es  dergestalt,  daß  der  Boden  mit  der  Wasserwage 

1  Die  Figuren  zu  den  Versuchen  stehen  am  Schluß  des  Bandes  auf 
den  Tafeln  „Farbenerscheinungen  bei  der  Refraktion". 


FARBENERSCHEINUNGEN  BEI  REFRAKTION    405 

parallel  sei,  und  stelle  es  erhöht  über  ein  weißes  Papier; 
man  sehe  nun  durch  das  Mittel  auf  das  weiße  Papier,  man 
lege  statt  desselben  ein  schwarzes  oder  ein  farbiges  hin, 
und  man  wird  niemals  apparente  Farben  sehen,  ob  man 
gleich  die  Fläche  und  ihre  Teile  nach  dem  Gesetz  der 
Refraktion  an  einem  ganz  andern  Orte  erblickt,  als  wo  sie 
sich  wirklich  befindet. 

Fünfter  Versuch  {Fig.  5) 

13.  Man  hebe  nun  die  eine  Seite  des  Bodens  dergestalt  in 
die  Höhe,  daß  der  Glasboden  einen  spitzen  Winkel  mit 
der  Wasserwage  macht,  stelle  sich  an  die  Seite  des  Win- 
kels und  schaue  dadurch  auf  die  weiße  oder  farbige  Fläche. 
Auch  in  diesem  Falle  zeigen  sie  sich  vor  wie  nach,  und 
keine  apparente  Farben  erscheinen. 

Sechster  Versuch  [Fig.  6) 

14.  Man  gehe  nun  abermals  um  das  Gefäß  herum,  so  daß 
man  auf  der  dicken  Seite  des  Mittels  stehe,  und  dieser 
Versuch  wird  den  vorigen  gleich  sein. 

15.  Wir  sprechen  also  das  Resultat  dieser  Erfahrungen 
dergestalt  aus:  Das  Auge  sieht  durch  ein  brechendes  Mittel^ 
es  ?nag  dasselbe  parallel  oder  im  Winkel  sein,  es  mag  die 
Brechung  einfach  oder  doppelt  geschehen,  auf  jeder  Fläche, 
die  nur  mit  eine?7i  reinen,  gleichen  Pigmente  angestrichen  ist, 
oder,  welches  ebensoviel  heißt,  auf  allen  Flächen  von  einer 
gleichen  Schattierung  oder  Farbe,  keine  apparente  Farben, 
sondern  die  Fläche  und  ihre  Teile  erscheinen  uns,  obgleich 
durch  die  Refraktion  an  einem  andern  Orte,  doch  völlig  un- 
verändert, als  7venn  wir  sie  durch  kein  Mittel  sähen;  es 
müßte  denn  sein,  daß  sie  etwas  dunkler  oder  trüber  er- 
schienen. 

Objektive  Versuche 

16.  Daß  man  den  drei  ersten  subjektiven  Versuchen  keine 
objektiven  an  die  Seite  setzen  könne,  folgt  aus  ihrer  Natur, 
indem  das  brechende  Mittel  unmittelbar  den  Boden  und 
die  Wände  berührt  und  also  immer  zwischen  dem  Auge 
und  dem  Gegenstande  bleibt;  den  drei  letztern  Versuchen 
aber  können  wir  folgende  objektive  an  die  Seite  setzen. 


4o6  CHROMATIK 

Siebenter  Versuch  {Fig./') 

17.  Man  richte  und  stelle  das  Gefäß,  wie  in  dem  vierten 
Versuche,  den  gläsernen  Boden  mit  der  Wage  des  Wassers 
parallel  und  lasse  die  Sonnenstrahlen  frei  durch  dasselbe 
auf  eine  weiße  oder  gefärbte  Fläche  fallen;  auch  da  wird 
das  Auge,  das  nunmehr  unmittelbar  auf  die  Fläche  sieht, 
dieselbe  erhellt  sehen,  aber  darauf  keine  apparente  Far- 
ben erblicken. 

Achter  Versuch  {Fig. 8) 

18.  Ebenso  wird  es  geschehen,  wenn  wir  das  Gefäß,  wie 
bei  dem  fünften  Versuche,  zu  einem  spitzwinkhgen  Mittel 
umändern  und  diesen  Winkel  gegen  die  Sonne  kehren. 

Neunter  Versuch  {Fig.g) 

19.  Gleichfalls  wenn  wir  die  starke  Seite  des  Mittels  gegen 
die  Sonne  richten,  wird  das  Auge  des  Beobachters  auf 
der  Fläche,  sie  mag  eine  Farbe  haben  welche  sie  will, 
das  Sonnenlicht  zwar  von  seinem  Wege  abgelenkt,  doch 
unverändert  und  farblos  erblicken. 

20.  Aus  diesen  objektiven  Versuchen  ziehen  wir  folgendes 
Resultat:  Das  Sonnenlicht  kann  durch  ein  brechendes  Mittel 
hindurchscheinen,  es  kann  darin  gebrochen,  von  seinem  Wege 
abgelenkt  werden,  und  es  bleibt  demohngeachtet  bei  der  stärk- 
sten wie  bei  der  geringsten  Ablenkung  noch  farblos  tvie  vor 
seinem  Eintritte. 

21.  Halten  wir  nun  diese  Resultate  der  objektiven  Erfah- 
rungen mit  jenen  zusammen,  welche  wir  aus  den  subjek-. 
tiven  (§  1 5)  gezogen,  so  dürfen  wir  wohl  ohne  Anstand  als 
Axiom  festsetzen:  Refraktion  an  und  für  sich  bringt  keine 
Farbe7ierscheimmg  hervor. 


FARBENERSCHEINUNGEN  BEI  REFRAKTION    407 
ZWEITER  ABSCHNrn^ 

Zur  Refraktion  müssen  sich  noch  andere 
Bedingungen  hinzugesellen,  wenn  die  Farben- 
erscheinung stattfinden  soll 

22.  Wer  die  in  dem  vorigen  Abschnitt  vorgelegten  Ver- 
suche aufmerksam  betrachtet  und  die  daraus  natürlich  ge- 
zogenen Folgen  anerkannt  hat,  wird  nunmehr  billig  die 
Frage  aufwerfen:  Auf  welchem  Wege  es  uns  denn  gelingen 
könne,  die  Farberscheinung  verbunden  mit  der  Refrak- 
tion darzustellen,  da  wir  bisher  Refraktion  ganz  rein  von 
aller  Farberscheinung  gefunden  haben?  Wir  antworten 
hierauf,  daß  uns  der  Zufall  dahin  führen  und  daß  wir  bei 
genauer  Wiederholung  der  im  vorigen  Abschnitt  ange- 
zeigten Versuche,  besonders  der  objektiven,  gelegentlich 
bemerken  können,  unter  welchen  Umständen  apparente 
Farben  erschienen.  So  wird  man  z.B.  beim  siebenten  Ver- 
suche §  17,  wenn  das  Glas  Knötchen  oder  Streifen  hat, 
sogleich  auf  dem  unterliegenden  Papiere  apparente  Farben 
erblicken. 

23.  Wir  werden  dadurch  auf  den  Weg  geleitet,  bei  sub- 
jektiven Versuchen  das  Bild  zu  begrenzen,  bei  objektiven 
dem  Licht  undurchsichtige  Hindernisse  in  den  Weg  zu 
setzen.  Daraus  entstehen  nachfolgende  Versuche,  welche 
abermals  in  subjektive  und  objektive  zerfallen.  Ich  werde 
jede  Art  abermals  allein  behandeln,  doch  beide  in  gleicher 
Ordnung  und  Folge,  so  daß  sie  zuletzt  bequem  gegenein- 
ander gehalten  und  miteinander  verglichen  werden  können. 


Subjektive  Versuche 

ERSTES  KAPITEL 

Unter  welchen  Bedingungen 

die  Farbenerscheinung  sichtbar  wird 

Zehnter  Versuch  {Fig.  lö) 
24.  Wir  legen  in  das  oben  beschriebene  Gefäß  mit  Wasser 
ein  schwarz  angestrichnes  Blech,  in  dessen  Mitte  eine 
zirkelrunde  weiße  Fläche  im  Durchschnitt  ungefähr  einige 


4o8  CHROMATIK 

Zoll  gemalt  ist,  wir  richten  unser  Auge  so  viel  als  mög- 
lich senkrecht  auf  den  Mittelpunkt  der  Fläche,  und  wir 
werden  keine  Farbenerscheinung  erbhcken, 

Eilfter  Versuch 

25.  Wir  bewegen  uns  dergestalt  von  dem  Gefäße  hinweg, 
daß  wir  in  einer  schiefen  Richtung  nach  der  Fläche  sehen, 
so  erblicken  wir  bald  eine  Farbenerscheinung,  und  zwar 
so,  daß  der  nächste  Rand  der  weißen  Fläche  uns  gelb  und 
gelbrot  erscheint,  der  entgegengesetzte  Rand  aber  mit 
einer  blauen  Farbe  eingefaßt  ist. 

26.  Wir  erkennen  also  hier  sogleich  zwei  notwendige  Be- 
dingungen, welche  zur  Refraktion  hinzukommen  müssen, 
um  eine  Farbenerscheinung  hervorzubringen. 

1.  Begrenzung  des  Bildes,  (a) 

2.  Bestimmte  Richtung  des  Auges  gegen  die  Grenze 
des  Bildes,  (b) 

2  7 .  Wir  gehen  nun  weiter  und  bemerken  zuerst,  daß,  wie 
wir  uns  um  das  Gefäß  herum  bewegen,  die  Farbe  uns  be- 
ständig nachfolgt,  daß  der  uns  nächste  Rand  der  gelbe, 
der  entgegengesetzte  der  blaue  ist. 

Zwölfter  Versuch  {Fig.  12) 

28.  Verändern  wir  den  Versuch  dergestalt,  daß  wir  eine 
schwarze  Kreisfläche  auf  weißem  Grunde  unter  Wasser 
beschauen,  so  finden  wir,  daß  sich  die  Farbenerscheinung 
nicht  nach  der  Nähe  und  Entfernung  des  Randes  richte, 
sondern  nach  dem  Verhältnisse  der  schwarzen  oder  weißen 
Fläche  zu  unserm  Auge. 

29.  Denn  wenn  uns  das  Schwarze  zunächst  und  das  Weiße 
hinter  ihm  liegt,  sehen  wir  jederzeit  einen  gelben  Rand; 
der  Rand  hingegen  am  Schwarzen,  wenn  das  Weiße  uns 
zunächst  liegt,  erscheint  uns  immer  blau,  und  auch  diese 
Erscheinung  folgt  uns,  wenn  wir  um  das  Gefäß  herum- 
gehen. 

Dreizehnter  Versuch  {Fig.  13) 

30.  Um  diesen  Versuch  zu  vermannigfaltigen,  machen  wir 
uns  nunmehr  zum  Mittelpunkte  und  bewegen  das  Gefäß 


FARBENERSCHEINUNGEN  BEI  REFRAKTION    409 

um  uns  herum,  anstatt  daß  wir  uns  bisher  um  das  Gefäß 
bewegt  haben.  Die  Erfahrung  bleibt  sich  gleich,  zeigt  sich 
aber  reiner  in  bezug  auf  den  Beobachter,  und  wir  werden 
zu  dem  einfachsten  aller  Versuche  geführt,  uns  in  die  Mitte 
einer  schwarzen  oder  weißen  runden  Fläche  zu  stellen, 
die  mit  dem  Gegensatze  begrenzt  ist,  ein  brechendes 
Mittel  zwischen  die  Fläche  und  unser  Auge  zu  bringen 
und  die  oben  angezeigten  Versuche  nunmehr  im  ganzen 
zu  sehen.  In  einem  großen  reinen  Gartenbassin,  dessen 
Boden  man  mit  Ölfarbe  anstreicht,  läßt  sich  dieser  Ver- 
such am  schönsten  darstellen,  (c) 

Vierzehnter  Versuch  {Fig.  14) 

3 1 .  Er  läßt  sich  aber  auch,  jedoch  unvollkommen,  im  klei- 
nen denken,  wenn  wir  nämlich  einen  größeren  weißen 
Kreis,  z.  B.  von  zwei  Fußen,  auf  schwarzem  Grunde  in  ein 
Gefäß  mit  Wasser  bringen,  unser  Auge  perpendikular  auf 
den  Mittelpunkt  des  Kreises  richten  und  dasselbe  dem 
Wasser  so  lange  nähern,  bis  wir  die  Farbenerscheinung 
nach  obiger  Ordnung  erblicken,  (d) 

32.  Man  sieht  leicht,  daß  alle  diese  Versuche  im  Grunde 
nur  Variationen  eines  einzigen  sind;  allein  es  wird  bei 
dieser  Abhandlung  die  Vollständigkeitkeinesweges  gleich- 
gültig: denn  nur  jetzt,  nach  der  mannigfaltigen  Anwendung 
dieser  Erfahrungen,  dürfen  wir  Folgendes  aussprechen:  In 
unserm  Auge  liegt  das  Gesetz,  bei  Gelegenheit  der  Re- 
fraktion an  dem  Rande  einer  schwarzen  Fläche  auf  weißem 
Grunde,  in  deren  Mittelpunkte  wir  stehen,  einen  gelben 
Rand,  an  dem  Rande  einer  weißen  Fläche  auf  schwarzem 
Grunde  einen  blauen  Rand  zu  sehen,  vorausgesetzt,  daß 
dieser  Rand  unter  einem  gewissen  Winkel  gesehen  wird. 

33.  Diese  Erscheinung,  welche  wir  bisher  nur  bei  einer 
einfachen  Refraktion  bemerkt  haben,  verändert  sich  auch 
nicht  bei  der  doppelten,  vorausgesetzt,  daß  das  Mittel 
parallel  bleibt. 

Fünfzehnter  Versuch  {Fig.  /j) 
Man  bringe  die  oben  gebrauchte  Tafel  unter  ein  durch- 
sichtiges paralleles  Mittel,  richte  das  Auge  schief  gegen 


4IO  CHROMATIK 

das  Gefäß,  um  jene  Erscheinung  entstehen  zu  sehen,  sie 
wird  dieselbe  sein,  welche  wir  oben  erblickten,  man  kann 
um  das  Gefäß  herumgehen,  und  sie  wird  sich  gleichmäßig 
verhalten. 

34.  Wir  gehen,  nachdem  wir  durch  diese  einfachen  Ver- 
suche ein  subjektives  Gesetz  des  Auges  mit  seinen  Be- 
stimmungen festgesetzt,  zu  Mitteln  über,  welche  nicht 
parallel  sind,  und  bemerken  auch  durch  solche  die  Er- 
scheinung. 

Sechzehnter  Versuch  {Fig.  16) 

35.  Nehmen  wir  ein  konvexes  Glas  vors  Auge  und  sehen 
damit  auf  ein  weißes  Papier,  so  werden  wir  keine  Farben- 
erscheinung erblicken,  wenn  das  Papier  ganz  glatt  und 
eben  ist;  an  dem  Rande  hingegen  eines  jeden  dunkeln 
Fleckens  wird  uns  sogleich  die  Farbenerscheinung  be- 
gegnen. 

Siebzehnter  Versuch  {Fig.  I/) 

36.  Man  nehme  eine  weiße  Karte,  worauf  ein  proportio- 
nierter schwarzer  Kreis,  ein  solcher  nämlich,  der  durch  das 
Vergrößrungsglas  auf  einmal  übersehen  werden  kann,  ge- 
malt ist,  man  betrachte  selbigen  durch  das  Glas,  und  er 
wird,  sobald  er  uns  deutlich  vergrößert  erscheint,  mit 
einem  schönen  gelb-  und  gelbroten  Rande  eingefaßt  sein. 

Achtzehnter  Versuch  {Fig.  18) 
3  7 .  Ingleichen  wird  ein  weißer  Kreis  auf  schwarzem  Grunde 
unter  diesen  Umständen  blau  eingefaßt  erscheinen. 

38.  Man  kann  also  sagen,  daß  das  Auge  durch  ein  Ver- 
größrungsglas die  Farben erscheinung  nach  eben  dem  Ge- 
setze wie  durch  parallele  Mittel  erblickt.  (§31.) 

Neunzehnter  Versuch  {Fig.  IQ) 

39.  Nimmt  man  dagegen  ein  konkaves  Glas  und  betrachtet 
jene  Karten  dadurch,  so  wird  die  Erscheinung  umgekehrt 
sein,  der  weiße  Kreis  ist  gelb,  der  schwarze  blau  einge- 
faßt. 

40.  Wir  sehen  aus  diesen  Erfahrungen,  daß  die  Erschei- 
nung der  Farben  sich  immer  in  einem  Gegensatze  zeigt, 


FARBENERSCHEINÜNGEN  BEI  REFRAKTION    411 

daß  sie  sehr  beweglich  ist,  ja  daß  sie  völlig  umgewendet 
werden  kann.  Wir  fragen  jetzt  noch  nicht  nach  nähern  Ur- 
sachen, ob  wir  gleichwohl  künftig,  wenn  wir  alle  Erschei- 
nungen vor  uns  haben  und  die  Berechnung  uns  zur  Hülfe 
kommt,  erwünschte  Aufschlüsse  hoffen  dürfen. 

41.  Wir  schreiten  nun  zu  denen  vorzüglich  so  genannten 
prismatischen  Erfahrungen  und  Versuchen,  welche  mit 
denen  erst  erzählten  vöUig  übereinstimmend  sind. 

42.  [Fig. 20.)  Man  kann  ein  Prisma  als  ein  Stück  einer 
konkaven  oder  konvexen  Linse  ansehen,  und  wir  werden 
also  durch  die  Prismen  nur  diejenigen  Erscheinungen  se- 
hen, die  uns  schon  bekannt  sind,  nur  müssen  wir  uns,  wenn 
wir  ein  Prisma  vor  die  Augen  nehmen,  in  die  Mitte  einer 
großen  auf  die  Erde  gemalten  schwarzen  oder  weißen 
Fläche  denken,  und  alsdann  werden  wir  uns  die  Identität 
der  prismatischen  Versuche  mit  denjenigen,  welche  wir 
schon  kennen,  leicht  anschaulich  machen. 

43.  Es  ist  nötig,  daß  man  diese  ersten  Versuche  durch 
spitzwinklichte  Prismen  anstelle,  welche  kein  Beobachter 
künftig  entbehren  kann,  wenn  er  meiner  vorzutragenden 
Lehre  mit  Überzeugung  beitreten  oder  sie  mit  Gewicht 
bestreiten  will. 

Zwanzigster  Versuch  {Fig.  21^ 

44.  Man  stelle  sich  also  in  die  Mitte  einer  runden  schwarzen 
Fläche,  die  auf  der  Erde  gemalt  und  von  Weiß  begrenzt 
ist  (e),  und  nehme  das  spitzwinklichte  Prisma  dergestalt 
vor  die  Augen,  daß  der  spitze  Winkel  nach  außen  zuge- 
kehrt ist,  so  wird  der  schwarze  Kreis  gelb  umgrenzt  er- 
scheinen, und  zwar  deswegen,  weil  er  nach  dem  Gesetz  des 
konvexen  Glases  erscheint:  denn  indem  die  Schärfe  des 
Prismas  nach  außen  gewendet  ist,  so  sieht  mein  Auge  die 
Farben  eben  so,  als  wenn  ich  in  der  Mitte  einer  Ungeheuern 
Linse  stehen  könnte  und  durch  den  Rand  derselben  die 
Grenze  des  Schwarzen  und  Weißen  anschaute.  Stelle  ich 
mich  in  die  Mitte  eines  weißen  Zirkels,  so  seh  ich  den 
mit  Schwarz  abwechselnden  Rand  alsdenn  nach  den  Ge- 
setzen blau  gefärbt.  {Einundzzvamigster  Versuch.  Fig.  2 2.) 


412  CHROM  ATIK 

Zweiundzwanzigster  Versuch  {^Fig.  23) 

45.  Wende  ich  nun  mein  spitzwinkUges  Prisma  nach  innen 
und  stelle  mich  wieder  in  den  Mittelpunkt  des  schwarzen 
oder  weißen  Kreises,  so  werde  ich  die  Erscheinung  nach 
den  Gesetzen  des  konkaven  Glases  sehen:  denn  es  ist  nun- 
mehr eben  der  Fall,  als  wenn  ich  in  der  Mitte  eines  Unge- 
heuern konkaven  Glases  stehen  könnte  und  die  Grenzen  der 
Kreisbilder  durch  den  Rand  desselben  beschaute.  {Drei- 
undzwanzigster  Versuch.  Fig.  24.^ 

46.  Hiermit  wären  nun  die  subjektiven  Versuche,  die  uns 
bei  Gelegenheit  der  Refraktion  Farbenerscheinungen  zei- 
gen, so  sehr  simplifiziert  und  untereinander  verbunden, 
als  es  mir  vorerst  möglich  scheinen  wollte.  Wie  notwendig 
diese  Methode  sei,  wird  demjenigen  am  besten  einleuch- 
ten, der  einsieht,  daß  man  sich  nicht  eher  an  die  Erklä- 
rung eines  Phänomens  wagen  dürfe,  bis  man  solches  auf 
seine  einfachsten  Elemente  zurückgeführt  hat. 

Vierundzwanzigster  Versuch  (^Fig.25) 

47.  Wir  können  nunmehr  nicht  irre  werden,  wenn  wir  künf- 
tighin schwarz  und  weiße  Tafeln  an  der  Wand  aufhängen: 
denn  wir  dürfen  den  schwarzen  Kreis,  in  dem  wir  stehen, 
nur  in  Gedanken  in  eine  ausgehöhlte  Halbkugel  verwan- 
deln und  supponieren,  daß  dieselbe  weiß  eingefaßt  sei,  so 
werden  wir  zwischen  Schwarz  und  Weiß  durchs  Prisma 
den  farbigen  Rand  nach  obigen  Gesetzen  so  gut  in  der 
Höhe  als  vorher  auf  dem  Boden  erblicken. 

48.  So  sind  also  folgende  Ausdrücke  synonym: 

Schwarz  unten  nach  innen 

— ,,  oben.  nach  außen. 

Weiß  unten  nach  innen 

— ,,     oben.  nach  außen. 

Der  brechende  gegen  den 

Winkel  des  Beobachter  zu. 
Prisma  nach 
unten. 

Derselbe  Von  dem 

nach  oben.  Beobachter  ab. 


farbenerschf:inungen  bei  Refraktion  413 

49.  Die  Zweckmäßigkeit  und  Konsequenz  des  bisherigen 
Vortrags  wird  hoffentlich  allen  Liebhabern  einleuchten, 
welche  die  nötigen  Werkzeuge  zur  Hand  nehmen  und  die 
Versuche  genau  wiederholen  wollen.  Sie  werden  sich  mit 
mir  über  folgende  übereinstimmende  Erfahrungen  ver- 
einigen: 

1.  Die  Farbenerscheinung  läßt  sich  nur  an  Rändern  se- 
hen; auf  den  Flächen,  sie  seien  schwarz  oder  weiß,  sehen 
wir  nicht  die  mindeste  apparente  Farbe,  sondern  sie  er- 
scheinen uns  nach  der  Refraktion  wie  vorher. 

2.  Der  eine  Rand  erscheint  jederzeit  gelb  und  gelbrot, 
der  andere  blau. 

3.  Wir  bemerken  an  dem  gelben  Rand,  daß  das  Gelbe 
nach  dem  Weißen  zu  und  das  Gelbrote  nach  dem  Schwar- 
zen zu  strahlt.  An  dem  blauen  Rande  bemerken  wir  bei 
den  ersten  Versuchen  nur  ein  reines  Blau,  das  nach  dem 
Weißen  strahlt,  die  letzteren  Versuche  durch  die  Prismen 
aber,  bei  welchen  die  Erscheinung  sich  stärker  zeigt,  zei- 
gen uns  mit  den  übrigen  Farben  ein  Violett,  das  nach  dem 
Schwarzen  strahlt. 

ZWEITES  KAPITEL 

Unter  welchen  Bedingungen  der  Grad  der 
Farbenerscheinung  vermehrt  wird 

50.  Nachdem  wir  nun  die  einfachsten  Erscheinungen  und 
ihre  Bedingungen  beobachtet  haben,  so  dürfen  wir  wagen, 
zu  komplizierteren  Phänomenen  überzugehen,  und  zwar 
nehmen  wir  zuerst  die  Vermehrung  des  Grades  der  Er- 
scheinung vor. 

Fünfundzwanzigster  Versuch  {Fig.  26) 

5 1 .  Wi  r  haben  oben  bemerkt,  daß  bei  parallelen  Mitteln  eine 
gewisse  schiefe  Richtung  gegen  das  Mittel  und  das  Bild 
erfordert  werde,  wenn  die  Farbenerscheinung  sich  zeigen 
soll.  Vermehrt  man  nun  die  schiefe  Richtung  des  Auges 
gegen  die  Oberfläche  des  brechenden  Mittels,  so  wird 
auch  die  Farbenerscheinung  vermehrt.  Es  sehe  z.  B.  ein 
Auge  in  A  durch  das  Mittel  ab  nach  den  Rändern  cd,  so 


414  CHROMATIK 

wird  es  daran  Farben  erblicken,  wenn  die  Ränder  ^/noch 
farblos  erscheinen.  Dagegen  wird  ein  Auge  in  B  die  Rän- 
der ^/farbig,  die  Ränder  cd  aber  breiter  gefärbt  erblicken. 
Die  erste  Bedingung  der  verstärkten  Farbenerscheinung 
ist  also:  schiefere  Richtung  des  Auges  gegen  die  Oberfläche 
paralleler  Mittel,  in  welchen  wir  bei  einfacher  oder 
durch  welche  wir  bei  doppelter  Brechung  die  Objekte 
erblicken. 

Sechsundzwanzigster  Versuch  {Fig.  2y) 
5  2 .  Ferner  bemerken  wir  bei  einer  doppelten  Brechung,  so- 
bald das  Mittel  aufhört  parallel  zu  sein,  daß  die  Farben- 
erscheinung sich  gleichfalls  verstärkt,  z.  B.  wenn  das  Auge 
in  A  durch  das  Mittel  ab  den  Gegenstand  cd  betrachtet 
und  die  farbigen  Ränder  desselben  wahrgenommen  hat, 
so  hebe  man  das  Gefäß  dergestalt  in  die  Höhe,  daß  der 
Boden  mit  der  Wasserfläche  einen  spitzen  Winkel  macht, 
und  halte  übrigens  die  Entfernung  des  Bildes  so  viel  als 
möglich  gleich,  so  wird  man  alsbald  die  Ränder  zwar  nach 
demselben  Gesetze  wie  vorher,  jedoch  viel  stärker  gefärbt 
sehen.  Es  wird  sich  künftig,  wenn  Maß  und  Berechnung 
uns  zu  Hülfe  kommen,  zeigen,  was  eigentlich  hier  vorgeht, 
ob  auch  hier  eine  größere  Schiefe  bewirkt  wird?  oder  ob 
sich  etwas  anderes  darein  mischt? 

Die  zweite  Bedingung  der  Farbenvermehrung  ist  also  die 
Winkelgestalt  des  Mittels. 

Siebenundzwanzigster  Versuch 
53.  Die  dritte  Art  den  Grad  der  Erscheinung  zu  vermehren 
ist:  wenn  das  Mittel  verdickt  wird,  es  sei  nun  parallel  oder 
im  Winkel.  Man  sehe  auf  die  unter  dem  Wasser  liegenden 
Ränder  unter  einer  gewissen  Richtung.  Man  behalte  seinen 
Platz  und  gieße  mehr  Wasser  ins  Gefäß,  so  wird  die  Er- 
scheinung, wenn  sie  vorher  nicht  da  war,  entstehen  oder, 
wenn  sie  schon  bemerklich  war,  sich  verstärken.  Ingleichen 
wird  ein  Prisma,  dessen  brechender  Winkel  mehrere  Grade 
hat,  in  eben  der  Entfernung  von  dem  Gegenstand  breitere 
Farben  zeigen  als  ein  spitzwinkliges.  Ob  man  nun  sagen 
könne,  daß  bei  dieser  dritten  Bedingung  auch  die  Brechung 


FARBENERSCHEINUNGEN  BEI  REFRAKTION    415 

vermehrt  werde,  indem  das  Phänomen  an  Stärke  zunimmt, 
oder  ob  ein  ander  Verhältnis  des  Gegenstands  oder  des 
Mittels  daran  Ursache  sind,  wird  künftiger  Untersuchung 
überlassen. 

54.  Der  vierte  Fall,  in  welchem  die  Farbenerscheinung 
sich  in  einem  hohen  Grade  vermehrt,  ist,  wenn  man  das 
winklige  Mittel,  durch  welches  wir  schauen,  von  dem  Ge- 
genstande, den  man  beobachtet,  nach  und  nach  entfernt, 
und  hier  treten  eigentlich  erst  diejenigen  Versuche  ein, 
welche  man  sonst  per  excellentiam  prismatische  Versuche 
zu  nennen  pflegt. 

55.  Man  nehme  ein  spitzwinkliges  Prisma  vor  die  Augen 
und  beschaue  dadurch  einen  kleinen  weißen  Kreis  auf 
schwarzem  Grunde,  so  wird  man  die  Ränder  nach  obigen 
Gesetzen  gefärbt  sehen.  {Achtundzwanzigster  Versuch. 
Fig.  28.)  Man  entferne  sich  von  dem  Gegenstande,  so 
werden  die  Ränder  breiter  werden  und  mehr  in  das 
Schwarze  und  Weiße  hineinstrahlen.  [N eunmidzwanzigster 
Versuch.  Fig.  2g.)  Weil  man  aber,  um  die  Erscheinung  zu 
vermehren,  sich  allzuweit  von  dem  Gegenstande  entfernen 
müßte,  wodurch  derselbe,  so  wie  die  Ränder,  besonders 
bei  nicht  ganz  reinen  Gläsern,  einigermaßen  trübe  wird, 
so  nehme  man  gleich  ein  gewöhnliches  gleichseitiges 
Prisma,  trete  ganz  nahe  zu  dem  Gegenstand,  und  man  wird 
nur  die  Ränder  wie  durch  das  spitzwinklige  gefärbt  er- 
blicken. [Dreißigster  Versuch.)  Entfernt  man  sich,  so  ver- 
mehren sich  die  Strahlen  der  Ränder,  und  diese  Strahlen 
reichen  endlich  zusammen  und  fangen  an,  einander  der- 
gestalt zu  decken,  daß  auf  der  weißen  Fläche  durch  die 
Mischung  von  Gelb  und  Blau  Grün  entsteht,  auf  einer 
schwarzen  durch  die  Mischung  von  Gelbrot  und  Blaurot 
ein  Purpur  erscheint.  {EinunddreißigsterVersuch.  Fig. 30.) 
Bei  noch  weiterer  Entfernung  und  sehr  schmalen  Gegen- 
ständen decken  sich  die  innern  entgegengesetzten  Farben 
vollkommen,  und  die  Erscheinung[en]  dieser  drei  Fälle 
sind  folgende,  vorausgesetzt,  daß  der  brechende  Winkel 
des  Prismas  unter  sich  gekehrt  ist.  {Zweiunddreißigster 
Versuch.  Fig.31.) 


41 6  CHROMATIK 

Erster  Fall 
Die  Ränder  stehen  gegeneinander  über: 

Phänomen  a  und  c  Phänomen  b  und  d 

Fig.  28  und  29  Fig.  28  und  29 

Gelbrot  Blau 

Gelb  Blaurot 

Weiß  Schwarz 

Blau  Gelbrot 

Blaurot  Gelb. 

Zweiter  Fall 

Die  Strahlungen  der  Ränder  fangen  an  sich  zu  decken: 

Phänomen  e  Phänomen/ 

Fig.  30  Fig.  30 

Gelbrot  Blau 

Gelb  Blaurot 

Grün  Purpur 

Blau  Gelbrot 

Blaurot  Gelb. 

Dritter  Fall 
Die  Strahlungen  der  Ränder  haben  sich  vollkommen  ge- 
deckt: 

Phänomen  g  Phänomen  // 

Fig.  31  Fig.  31 

Gelbrot  Blau 

Grün  Purpur 

Blaurot  Gelb. 

Was  die  beiden  ersten  Fälle  betrifft,  so  habe  ich  solche 
in  ihrem  ganzen  Umfange  und  mit  allen  ihren  Abwechse- 
lungen in  meinen  optischen  Beiträgen  ausgeführt  und  darf 
also  wohl  dorthin  verweisen.  Der  dritte  Fall  aber  ist  delikat 
zu  beobachten.  Es  sollen  die  Umstände  und  Vorrichtungen 
bei  und  zu  diesem  zarten  Versuche  und  die  zu  beobachten- 
den Kautelen  von  mir  besonders  vorgetragen  werden. 
56.  Entfernung  vom  Gegenstande  bei  nicht  parallelen  Mitteln 
ist  also  die  vierte  Bedingung,  unter  der  sich  das  Phäno- 
men mächtiger  sehen  läßt.  Hier  scheint  nun  die  Verstär- 
kung nicht  aus  einer  vermehrten  Refraktion  herzukommen: 


FARBENERSCHEINUNGEN  BEI  REFRAKTION    417 

denn  man  stelle  zwei  Gegenstände  dergestalt  hinterein- 
ander, daß  sie  sich  beinahe  im  Auge  decken,  und  betrachte 
sie  durchs  Prisma,  so  wird  die  Brechung  beide  in  gleichem 
Grade  von  der  Stelle  rücken,  der  entfernte  hingegen  wird 
proportionierlich  farbiger  erscheinen  als  der  erste. 

57.  Die  nähern  Umstände  und  die  nächste  Ursache  dieser 
Erscheinung  werden  uns  bei  den  objektiven  Versuchen 
durch  den  Augenschein  deutlicher  werden,  anstatt  daß 
wir  bei  subjektiven  nur  die  Wirkung  bemerken.  Ich  be- 
ziehe mich  also,  was  diesen  Punkt  betrifft,  auf  eine  dort 
vorzutragende  Ausführung.  Haben  wir  nun  bei  diesen  vier 
Bedingungen,  welche  ich  samt  und  sonders  der  Aufmerk- 
samkeit der  Beobachter  empfehle,  mehr  oder  weniger  zu 
zweifeln  Ursache  gehabt,  ob  die  Refraktion  in  demselben 
Grade  vermehrt  werde,  als  die  Farbenerscheinung  zunimmt, 
so  finden  wir  dagegen  eine  fünfte  Bedingung,  welche  ganz 
unabhängig  von  stärkerer  oder  schwächerer  Refraktion 
uns  eine  vermehrte  oder  verminderte  Farbenerscheinung 
zeigt. 

58.  Es  ist  diese  merkwürdige  Bedingung  erst  in  unsern 
Zeiten  entdeckt  und  nach  mancherlei  Widerspruch  end- 
hch  durch  Versuche  unumstößlich  dargetan  worden.  Ich 
sehe  mich  genötigt,  die  Geschichte  zu  Hülfe  zu  nehmen, 
um  für  weniger  unterrichtete  Liebhaber  der  Naturlehre 
deutlich  werden  zu  können. 

59.  Es  hatte  Newton  festgestellt,  daß  das  weiße  farblose 
Licht  zusammengesetzt  und  teilbar  sei,  und  zwar  daß  sol- 
ches besonders  durch  Refraktion  geteilt,  gespalten,  zer- 
streut werde.  Aus  dieser  Lehre,  welche  er  durch  mehrere 
Versuche  darzutun  glaubte,  folgte  natürlich,  daß  Stärke 
und  Schwäche  der  Farbenerscheinung  mit  der  Stärke  und 
Schwäche  der  Refraktionskraft  gleichen  Schrittes  gehe: 
denn  warum  sollte  die  Wirkung  der  Ursache  nicht  pro- 
portioniert sein?  Auch  waren  mehrere  Versuche  dieser 
Meinung  günstig,  wie  denn  z.  B.  Wasser  eine  geringere 
Refraktionskraft  und  geringere  Farbenerscheinung  als  das 
Glas  bemerken  läßt. 

60.  Newton  bestärkte  sich  in  dieser  Idee,  welche  aus  sei- 
ner Theorie  unmittelbar  folgte,  durch  einen  Versuch,  wel- 

GOETHE  XVII  27. 


41 8  CHROMATIK 

eher  beweisen  sollte:  daß  die  Farbenerscheinung  niemals 
anders  aufgehoben  werden  könne,  als  wenn  durch  eine  ent- 
gegengesetzte Refraktion  zugleich  die  Wirkung  der  ersten 
Brechung  aufgehoben  würde. 

6i.  Es  dauerte  achtzig  Jahre,  bis  man  den  Irrtum  und  die 
Unzulänglichkeit  desVersuches  entdeckte,  obgleich  so  viele 
Gelehrte  und  gelehrte  Gesellschaften  in  diesem  Zeiträume 
behaupteten:  die  Newtonischen  Versuche  wiederholt,  rich- 
tig befunden  und  so  sich  von  der  Wahrheit  seiner  Sätze 
überzeugt  zu  haben.  Endlich  kam  man  auf  einem  sehr 
sonderbaren  Wege  zur  Entdeckung:  daß  die  Refraktions- 
kraft mit  der  Kraft,  die  Farbenerscheinung  darzustellen, 
in  keinem  Verhältnis  stehe,  so  daß  ein  paar  Mittel  ein- 
ander an  Refraktionskraft  gleich,  an  Kraft  die  Farben - 
erscheinung  zu  bewirken  ungleich  sein  könnten,  daß  der 
umgekehrte  Fall  ebensogut  stattfinden  könne,  daß  man 
die  Farbenerscheinung  in  einem  Mittel  vermehren  und 
vermindern  könne,  ohne  daß  die  Refraktionskraft  in  glei- 
chem Grade  verändert  werde,  daß  man  also  nicht,  wie  man 
bisher  geglaubt,  sobald  man  die  Refraktionskraft  eines 
Mittels  wisse,  auch  nun  die  Stärke  der  Farbenerscheinung 
nach  der  bekannten  Formel  ausrechnen  könne,  sondern 
daß  man  erst,  wenn  man  durch  Versuche  sich  mit  der 
Refraktionskraft  eines  Mittels  bekannt  gemacht,  neue  Ver- 
suche anzustellen  habe,  um  zu  erforschen,  welche  Kraft 
die  Farbenerscheinung  mehr  oder  weniger  darzustellen 
das  Mittel  besitze,  genug,  daß  die  farbendarstellende  Kraft 
als  von  der  Refraktionskraft  unabhängig  angesehen  werden 
könne. 

62.  Hier  wird  uns  nun  unsere  gewohnte  Art,  Ränder  durch 
Prismen  zu  betrachten,  sehr  zustatten  kommen:  denn  man 
beschaue  z.  B.  durch  ein  Prisma  von  Flintglas,  als  welches 
die  Farbenerscheinung  am  heftigsten  hervorbringt,  einen 
weißen  Kreis  auf  schwarzem  Grunde,  und  denselben  gleich! 
darauf,  ohne  den  Ort  zu  verändern,  durch  ein  Prisma  von 
gemeinem  Glase  von  gleichen  Graden:  so  wird  er  im  ersten 
Falle  schon  ganz  mit  Farben  überdeckt  sein,  da  in  dem 
zweiten  die  weiße  Mitte  noch  deutlich  zu  erkennen  ist. 
Die  fünfte  Bedingung  der  Farbenverbreiterung  ist  also  ob- 


FARBENERSCHEINUNGEN  BEI  REFRAKTION    419 

erwähnte  Eigenschaft  der  brechenden  Mittel^  welche  von 
der  Refraktion  wo  nicht  unabhängig,  doch  außer  allem 
Verhältnisse  mit  ihr  wirkt,  eine  Eigenschaft,  die  wir  üb- 
rigens noch  nicht  näher  kennen, 

63.  Diese  fünf  Bedingungen,  wodurch  die  Farbenerschei- 
nung bei  Gelegenheit  der  Refraktion  vermehrt  wird,  sind 
mir  bisher  bekannt  geworden.  Wie  wichtig  es  sei,  sie  ge- 
nau zu  kennen  und  zu  beobachten,  wird  uns  erst  bei  der 
Anwendung  recht  deutlich  werden. 

Ich  gehe  nunmehr  zu  den  Bedingungen  über,  unter  wel- 
chen die  Farbenerscheinung  vermindert  wird. 

Unter  welchen  Bedingungen,  bei  fortdauernder 

Begrenzung  des  Gegenstandes,  der  Grad  der 

Farbenerscheinungen  vermindert  wird 

64.  Zuerst  ist  offenbar,  daß  man  die  fünf  in  dem  vorigen 
Abschnitte  angezeigten  Bedingungen  der  Vermehrung  un- 
serer Farbenerscheinung  nur  stufenweise  aufheben  oder 
rückgängig  machen  dürfe,  um  auch  die  Farbenerschei- 
nungen auf  eben  dem  Wege  wieder  zu  vermindern,  wie 
wir  sie  vermehrt  haben.  So  darf  man  also  nur  auf  das 
brechende  parallele  Mittel  unter  einem  Winkel  von  mehre- 
ren Graden  sehen,  man  darf  den  Winkel  des  Prismas  ver- 
mindern, man  darf  von  der  Dicke  des  parallelen  Mittels 
etwas  hinwegnehmen,  sich  mit  dem  Prisma  vorm  Auge 
dem  Gegenstande  nähern  oder  durch  chemische  Ver- 
mischung die  Kraft  der  Farbenerscheinung  in  dem  Mittel 
schwächen,  so  wird  jederzeit  unter  übrigens  gleichen  Um- 
ständen der  Grad  der  Farbenerscheinung  verringert  zu  be- 
merken sein.  Es  sind  aber  noch  einige  Mittel  übrig,  den 
Grad  der  Farbenerscheinung  zu  verringern,  welche  ich  je- 
doch, um  des  Zusammenhangs  willen  und  um  mich  nicht 
zu  wiederholen,  erst  in  dem  folgenden  Abschnitt,  zu  wel- 
chem ich  sogleich  übergehe,  vorzutragen  für  rätlich  finde. 


420  CHROMATIK 

Unter  welchen  Bedingungen,  bei  fortdauernder 
Begrenzung  des  Gegenstandes,  die  Farben- 
erscheinung gänzlich  aufgehoben  wird 

65.  Wir  hatten  uns  in  dem  ersten  Abschnitte  überzeugt,  daß 
Refraktion  an  und  für  sich  keine  Farbenerscheinung  her- 
vorbringe, wir  hatten  zu  Anfange  des  zweiten  Abschnitts 
dem  Bilde,  das  wir  durch  Refraktion  betrachteten,  schon 
entschiedene  Grenzen  gesetzt  und  fanden  die  Grenzen 
des  weißen  Kreises  auf  schwarzem  Grunde  noch  immer 
farblos,  wenn  wir  das  Auge  senkrecht  auf  dessen  Mittel- 
punkt richteten.  Wir  werden  uns  also  um  so  weniger  ver- 
wundern, wenn  uns  noch  unter  verschiedenen  Umständen 
gelingt,  die  Farbenerscheinung  aufzuheben,  ohne  daß  die 
Refraktion  zugleich  zessiere. 

Dreiunddreißigster  Versuch  (Fig.  32) 

66.  Man  lege  zwei  spitzwinklige  Prismen  aufeinander  und 
verschaffe  sich  dadurch  ein  paralleles  Mittel,  man  sehe 
durch  solches  nach  dem  eingeschränkten  Gegenstande, 
dergestalt  daß  das  Auge  senkrecht  auf  dem  Diameter  des 
Kreises  stehe,  und  man  wird  die  Ränder  des  Kreises  farb- 
los erblicken. 

67.  {Fig. 33  u.  34.)  Man  ziehe  nun  die  beiden  Keile  aus- 
einander und  schaue  durch  jeglichen  besonders,  so  wer- 
den die  Ränder  nach  den  oben  angeführten  Gesetzen  ge- 
färbt erscheinen. 

Vierunddreißigster  Versuch  (Fig.  35) 

68.  Schöbe  man  beide  gleiche  Keile  abermals  voreinander, 
so  würde  die  Farbenerscheinung  wieder  ganz  aufgehoben 
werden;  brächte  man  aber  einen  Keil  von  gleicher  Glas- 
art,  aber  von  geringerem  Winkel  hinter  den  ersten,  so 
würde  die  Wirkung  des  ersten  Keiles  durch  die  Wirkung 
des  zweiten  geschwächt,  aber  nicht  aufgehoben.  Die  Far- 
benerscheinung würde  also  nach  dem  Gesetze  des  stär- 
keren Prismas  sich  zeigen,  abgezogen  die  Wirkung,  welche 
das  schwächere  Prisma  ausüben  würde,  wenn  man  allein 
durchschaute. 


FARBENERSCHEINUNGEN  BEI  REFRAKTION    421 

69.  {Fig.  36.)  Dieses  Phänomen  ließe  sich  auch,  wenn  die 
Refraktionskraft  und  Farbenerscheinung  gleichen  Schrittes 
ginge,  begreifen:  denn  wenn  ichdemPrismaü!/^^ein  anderes 
Prisma  von  einem  geringeren  Winkel  ac e  entgegensetzte, 
so  ist  es  ebenso  viel,  als  wenn  ich  nachher  durch  ein  spitz- 
winkligeres Prisma  hindurchsähe,  wie  die  verlängerten  Li- 
nien acd\xr\A  <^<:^  ausweisen,  indem  eine  stärkere  Refrak- 
tion in  dem  ersten  als  in  dem  andern  Falle  stattfindet. 

70.  Allein  hier  kann  nun  der  Fall  der  fünften  Bedingung 
eintreten,  daß  z.  B.  die  Glasart  des  kleineren  Prisma  ä!<r^ 
eine  stärkere  Kraft  hat,  die  Farbenerscheinungen  zu  zeigen, 
als  die  Glasart  des  großen  ab  c,  beide  Mittel  aber  an  Re- 
fraktionskraft gleich  sind.  Hier  bleibt  also  eine  doppelte, 
nicht  parallele  Refraktion  übrig,  welche  wir  sonst  mit  einer 
sehr  lebhaften  Farbenerscheinung  verbunden  fanden;  allein 
wir  sehen  diesmal,  wenn  wir  durch  diese  in  gehöriger  Pro- 
portion zusammengesetzte  Mittel  hindurch  nach  unserm ge - 
wohnlichen  Objekte  blicken,  nicht  die  mindeste  Farben- 
erscheinung an  den  Rändern,  ob  wir  gleich  das  Bild  sehr 
stark  von  seinem  Platze  geruckt  sehen.  So  hilft  uns  also 
die  fünfte  Bedingung,  die  Farbenerscheinung  zu  vermehren, 
welche  wir  oben  kennen  lernten,  hier  die  Farbenerschei- 
nung gänzlich  aufheben,  bei  Fällen,  wo  die  Refraktion  noch 
ihre  völlige  Wirkung  äußert. 

7 1 .  Es  bleibt  uns  noch  ein  wichtiger  Fall  zu  bemerken 
übrig,  wo  wir  die  Entfernung  des  Prismas  vom  Gegenstande, 
welche  uns  oben  als  ein  vorzügliches  Mittel,  die  Farben- 
erscheinung zu  vermehren,  bekanntgeworden,  gebrauchen 
können,  um  die  Farbenerscheinung  bei  bestehender  Re- 
fraktion gleichfalls  völlig  aufzuheben.  Ich  muß,  um  auch 
hier  deutlich  zu  werden,  einiges  schon  mehrmals  Beob- 
achtete abermals  wiederholen. 

72.  {Fig.  32.)  Es  schaue  ein  Auge  durch  ein  aus  zwei  Pris- 
men zusammengesetztes  Parallelepipedum  in  a  nach  dena 
begrenzten  Gegenstande  in  d,  so  werden  die  Ränder  farb- 
los erscheinen,  ein  gleiches  wird  sich  zeigen,  wenn  Auge 
und  Parallelepipedum  sich  nach  b  und  c  bewegen. 

73.  {Fig. 33.)  Es  schaue  das  Auge  durch  das  spitzwinklige 
Prisma  in  a  nach  dem  Gegenstande  in  d,  so  wird  derselbe 


42  2  CHROMATIK 

nach  dem  bekannten  Gesetz  gefärbt  erscheinen.  Die  gleiche 
Erscheinung,  jedoch  proportionierhch  schwächer,  wird 
fortdauern,  wenn  Aug  und  Prisma  sich  dem  Gegenstande 
nähern  und  nach  b  und  c  hinrücken,  wie  oben  umständ- 
lich ausgeführt  worden  ist. 

74.  [Fig. 34.)  Sieht  das  Auge  durch  ein  spitzwinklichtes 
Prisma,  das  in  entgegengesetzter  Richtung  aufgestellt  ist, 
nach  demselben  Gegenstande,  so  wird  die  Erscheinung 
umgekehrt  und  gleichfalls  in  ab  und  c  in  einer  der  Ent- 
fernung proportionierten  Breite  gesehen  werden. 

Fünfunddreißigster  Versuch  {Fig.  sy) 

75.  Setzt  man  nun  also  zwischen  das  Prisma  in  a,  wodurch 
das  Auge  hindurchsieht,  und  den  Gegenstand  d  ein  Prisma 
von  gleichen  Graden,  aber  in  umgekehrter  Richtung  an 
den  Ort  b,  so  daß  das  Auge  nunmehr  durch  beide  nach 
dem  Gegenstande  d  sieht,  so  wird  das  Auge  die  Ränder 
des  Gegenstandes  d  nach  dem  Gesetz  des  ihm  nächsten 
Prismas,  nur  nicht  verhältnismäßig  stark  zu  seiner  Ent- 
fernung erbhcken:  denn  das  widersprechende  Prisma  in  b 
vermindert  die  Wirkung  des  Prisma  in  a  um  die  Hälfte, 
weil  die  Entfernung  bd  die  Hälfte  der  Entfernung  ad  ist. 
Das  Auge  sieht  also  durch  die  Prismen  in  a  und  b  die 
Farbenerscheinung  nicht  stärker,  als  wenn  das  Prisma  a 
allein  in  b  stünde  oder  wenn  sein  Winkel  nur  die  Hälfte 
Grade  enthielte. 

Sechsunddreißigster  Versuch  {Fig.  38) 

76.  Von  diesem  merkwürdigenVerhältnis  der  Entfernungen 
und  der  Winkel  untereinander  überzeugen  wir  uns  aufs 
vollkommenste,  wenn  wir  in  b  ein  entgegengesetztes  Pris- 
ma stellen,  das  den  doppelten  Winkel  des  Prisma  in  a  hat, 
und  alsdann  durch  beide  nach  dem  Gegenstande  schauen, 
man  wird  alsdenn  die  Ränder  desselben  völlig  farblos  er- 
blicken. 

77.  Wird  nun  bei  dem  ersten  und  dritten  Fall  wo  nicht 
ganz,  doch  zum  größten  Teil  in  der  Maße,  wie  die  Far- 
benerscheinung verschwindet,  auch  die  Refraktion  auf- 
gehoben, so  bleibt  doch  in  dem  fünften  Falle  die  Refrak- 


FARBENERSCHEINUNGEN  BEI  REFRAKTION    423 

tion  wenigstens  um  die  ganze  Hälfte  des  Prismas  in  b 
übrig,  wenn  auch  die  andere  Hälfte  durch  die  entgegen- 
gesetzte Wirkung  des  Prismas  in  a  aufgehoben  würde,  und 
der  Gegenstand  in  d  wird  von  seinem  Orte  gerückt  und 
doch  farblos  erscheinen. 

78.  Wir  haben  hier  also  den  merkwürdigen  Fall,  daß  wir 
durch  zwei  Prismen  von  ei7ierlei  Glasart,  wenn  wir  nur 
ihreWinkel  und  ihre EntfernungvomBildeproportionieren, 
eine  starke  Refraktion  beibehalten  und  die  Farbenerschei- 
nung doch  aufheben  können. 

Siebenunddreißigster  Versuch  {Fig.  3g) 

79.  Daß  man  nun  zu  diesen  einander  in  verschiedenen  Ent- 
fernungen entgegengesetztenPrismen  von  großen  oder  klei  - 
nen  Winkeln  auch  verschiedene  Glasarten  nehmen  könne,  um 
dieselbigen  Effekte  hervorzubringen,  sieht  man  deuthch 
ein.  Gesetzt  also,  man  hätte  eine  Glasart,  deren  farben- 
zeigende Kraft  noch  einmal  so  groß  wäre  als  die  einer 
andern  Glasart:  so  könnte  man  in  b  ein  Prisma  von  glei- 
chen Graden  wie  das  in  a  umgekehrt  hinstellen,  und  der 
Gegenstand  in  d  würde  farblos  erscheinen,  es  möchte  von 
Refraktion  was  da  wolle  übrigbleiben. 

80.  {Fig.  3g.)  Es  folgt  hieraus,  daß  man  auf  diesem  Wege 
eine  sehr  bequeme  Art  finde,  zwei  Glasarten  gegeneinander 
zu  messen,  inwiefern  ihre  Gewalt,  die  Farbenerscheinung 
zu  verstärken,  gegeneinander  proportioniert  sei:  denn  man 
darf  nur  ein  spitzwinkliges  Prisma  in  a  stellen  und  ein  an- 
deres von  gleichem  Winkel  entgegengesetzt  zwischen  a  und 
d  hin  und  her  bewegen  und  auf  der  Linie  cd,  die  in  sehr 
genaue  Maße  eingeteilt  sein  kann,  den  Punkt  bemerken, 
wo  die  Farbenerscheinung  gänzlich  zessiert,  so  wird  sich 
alsdenn  die  Berechnung  leicht  anstellen  lassen,  welchen 
Winkel  das  Prisma  von  der  stärkern  Glasart  haben  müsse, 
um  unmittelbar  mit  dem  Prisma  von  der  schwächern  Glas- 
art verbunden  den  Gegenstand  farblos  darzustellen. 

81.  Hat  man  sich  nun  einmal  diese  Erscheinungen  und 
ihre  Bedingungen  in  ihrer  natürlichen  Folge  vorzustellen 
gewöhnt,  so  wird  man  die  nutzbare  Anwendung  derselben 
in  vielen  Fällen  nach  und  nach  zu  entwickeln  wissen,  uns 


424  CHROMATIK 

sei  tür  diesmal  genug,  nur  einen  flüchtigen  Rückblick  zu 
tun.  Wir  haben  zuerst  durch  Erfahrungen  dargetan,  daß 
Refraktion  an  und  für  sich  keine  Farbenerscheinung,  und 
zwar  in  subjektiven  sowohl  als  objektiven  Fällen  hervor- 
bringe. Wir  haben  sodann  gefunden,  daß  eine  Begrenzung 
des  Bildes  nötig  sei,  um  unter  gewissen  Umständen  die 
Farbenerscheinung  darzustellen.  Wir  haben  ferner  die  Be- 
dingung aufgesucht,  unter  welcher  sich  die  Farbenerschei- 
nung vermehrt,  wir  haben  sie  auf  ihrem  höchsten  Grade 
gesehen,  wir  sind  ebenso  wieder  zurückgeschritten  und 
haben  sie  zuletzt  völlig  verschwinden  sehen,  ohne  daß  die 
Beschränkung  des  Bildes  aufgehoben  oder  die  Refraktions- 
kraft vernichtet  worden  wäre. 

82.  Nimmt  man  alles  zusammen,  so  finden  sich  weit  we- 
niger Fälle,  wo  Refraktion  und  Farbenerscheinung  ver- 
bunden sind,  als  Fälle,  in  welchen  die  Refraktion  wirkt, 
ohne  Farbenerscheinung  zu  zeigen. 

83.  Von  diesen  subjektiven  Versuchen,  welche  jeder  Be- 
obachter ohne  große  Umstände  wiederholen  kann,  gehen 
wir  zu  den  objektiven  über,  welche,  ob  sie  gleich  nichts 
weiter  aussprechen,  als  was  uns  schon  bekannt  ist,  dennoch 
sorgfältig  von  uns  durchzugehen  sind.  Wir  werden  so  viel 
als  möglich  die  Vorrichtungen  dazu  gleichfalls  simpli- 
fizieren, um  jeden  Liebhaber  instand  zu  setzen,  sich  durch 
den  Augenschein  von  der  Wahrheit  unseres  Vortrags  über- 
zeugen zu  können. 


[DIE  ENTOPTISCHEN  FARBEN] 

VORWORT 

[Zur  Naturwissenschaft  überhaupt.  Ersten  Bandes  erstes  Heft.  1817] 

INDEM  ich  die  auf  Bildung  und  Umbildung  organischer 
Naturen  sich  beziehenden  älteren  Papiere  aneinander  zu 
reihen  und  einigermaßen  brauchbar  zu  machen  gedenke, 
kommt  gar  manches  andere  zur  Hand,  welches  abzulehnen 
nicht  rätlich  scheint.  Denn  mich  belehrte  die  Erfahrung, 
daß  der  eifrigste  Liebhaber  im  wissenschaftlichen  Felde 
gerade  so  wenig  vollbringt,  weil  er  erst  ein  Fach  durch- 
zuarbeiten und  abzuschließen  gedenkt,  um  das  Geleistete 
dem  Publikum  mit  Zutrauen  vorlegen  zu  können.  Gar  man- 
ches andere  Verwandte  jedoch  drängt  sich  unterdessen 
heran,  auch  das  ist  nicht  zu  entbehren,  es  wird  aufgefaßt, 
behandelt,  bearbeitet,  aber  zuletzt  auch  wieder  beseitigt, 
das  Interesse  wendet  sich  wo  anders  hin,  und  jeder  ein- 
zelne Teil  des  Kreises  kommt  erst  nach  Jahren  ernstlich 
wieder  an  die  Reihe. 

Jährliche  Sommerreisen  erneuerten  die  Neigung  zur  Geo- 
logie, manche  Bemerkung,  die  im  Reiche  des  Wissens  hätte 
fruchten  können,  liegt  unbenutzt  seit  langer  Zeit  bei  mir. 
Zur  Kenntnis  der  böhmischen  Gebirge  habe  manches  zu- 
sammengetragen, und  besonders  die  Zinnformation  be- 
achtet, ich  lasse  dahermanchen  früheren  Aufsatz  abdrucken, 
um  spätere  daran  zu  schließen. 

Das  vielleicht  nie  zu  lösende  Rätsel:  die  Entstehung  der 
Gänge,  liegt  mir  immer  im  Sinne,  und  ich  kann  mich  nicht 
enthalten,  lieber  nur  eine  Annäherung  an  das  Verständnis 
zu  versuchen,  als  mich  mit  faßhch  scheinenden  Erklärungen 
einzuschläfern.  Hievon  wünsche  gleichfalls  Rechenschaft 
zu  geben. 

Die  Farbenlehre  ward  bisher  im  stillen  immer  eifrig  be- 
trieben; die  Richtigkeit  meiner  Ansichten  kenne  ich  zu 
gut,  als  daß  mich  die  Unfreundlichkeit  der  Schule  im  min- 
desten irremachen  sollte,  mein  Vortrag  wirkt  in  verwandten 
Geistern  fort,  wenige  Jahre  werden  es  ausweisen,  und  ich 
denke  zunächst  auch  ein  Wort  mitzusprechen. 
Die  Farbenerscheinungen,  von  meinem  vieljährigen  Freun- 
de und  Mitarbeiter  Doktor  Seebeck  entdeckt  und  von  ihm 


42  6  CHROMATIK 

entoptisch  genannt,  beschäftigen  mich  gegenwärtig  aufs  leb- 
hafteste. Die  Bedingungen  immer  genauer  zu  erforschen, 
unter  welchen  sie  erscheinen,  sie  als  Komplement  meiner 
zweiten,  den  physischenFarben  gewidmeten  Abteilungauf- 
zuführen, ist  meine  gewissenhafte  Sorgfalt.  Denn  wie  sollte 
das  aufgeklärte  Jahrhundert  nicht  bald  einsehen,  daß  man 
mit  Lichtkügelchen,  denen  Pol  und  Äquator  angedichtet 
ward,  sich  nur  selbst  und  andere  zum  besten  hat. 
Da  nun  aber  in  der  Naturwissenschaft  das  Historische  dem 
Didaktischen,  so  wie  dieses  dem  Dogmatischen  vorangehen 
soll,  so  habe  ich  meinen  verdienten  Freund  ersucht,  selbst 
Nachricht  und  Kenntnis  zu  geben,  wie  er  zu  jener  Ent- 
deckung gelangt,  und  unter  welcher  Rücksicht  ihm  der 
Preis  von  dem  Institut  zugeteilt  worden.  Dieser  Aufsatz 
geht  voran,  hernach  folgen  noch  zwei,  deren  erster  die 
Phänomene  des  Doppelspats,  der  andere  die  bei  Gelegen- 
heit der  Untersuchung  jener  merkwürdigen  Bilderverdop- 
pelung erst  uns  bekannt  wordenen  entoptischen  Farben 
nach  meiner  Überzeugung  und  nach  den  Maximen  meiner 
Farbenlehre  auszusprechen  bemüht  sein  wird. 


DIE  ENTOPT.  FARBEN:  EIN  AUSW.  FREUND    427 

EINEM  AUSWÄRTIGEN  FREUND 

[Zur  Naturwissenschaft  überhaupt.  Ersten  Bandes  erstes  Heft.  18 17] 

IN  dem  Zeitraum  zwischen  Ostern  und  Pfingsten,  den  ich 
hier  zubringe,  ward  ich  von  allen  Seiten  wissenschaftlich 
angeregt,  und  habe,  mit  Heiterkeit,  meine  alten  Papiere 
wieder  vorgenommen,  welche  zu  benutzen  ich  einige 
Schwierigkeit  jetzt  wie  sonst  finde.  Man  fühlt  wohl  das 
frühere  Bestreben,  ernst  und  tüchtig  zu  sein,  man  lernt 
Vorzüge  an  sich  selbst  kennen,  die  man  jetzt  vermißt,  dann 
aber  sind  doch  reifere  Resultate  in  uns  aufgegangen,  jene 
Mittelglieder  können  uns  kein  rechtes  Interesse  mehr  ab- 
gewinnen. Dazu  kommt  noch,  daß  das  Jahrhundert,  auf 
rechten  und  falschen  Wegen,  nach  allen  Seiten  in  die  Breite 
geht,  so  daß  eine  unschuldige.  Schritt  vor  Schritt  sich  be- 
wegende Naivität,  wie  die  meinige,  vor  mir  selbst  eine 
wundersame  Rolle  spielt.  Wie  ich  mich  bei  diesen  Bemü- 
hungen verhalte,  sehen  Sie  am  besten  aus  einigen  gedruck- 
ten Bogen,  durch  die  ich  das,  was  Sie  schon  kennen,  zu- 
sammenknüpfe. Möge  das  Ganze  Ihnen  und  andern  so 
treuen  Freunden  angenehm  und  nützlich  sein. 
Jena,  den  27.  Mai  18 17. 


42  8  CHROMATIK 

Möget  ihr  das  Licht  zerstückeln, 
Färb  um  Farbe  draus  entwickeln, 
Oder  andre  Schwanke  führen, 
Kügelchen  polarisieren. 
Daß  der  Hörer  ganz  erschrocken, 
Fühlet  Sinn  und  Sinne  stocken. 
Nein!   Es  soll  euch  nicht  gelingen. 
Sollt  uns  nicht  beiseite  bringen. 
Kräftig  wie  wirs  angefangen. 
Wollen  wir  zum  Ziel  gelangen. 

GESCHICHTE  DER  ENTOPTISCHEN  FARBEN 
[Zur  Naturwissenschaft  überhaupt.  Ersten  Bandes  erstes  Heft.  1817] 

DIE  erste  Nachricht  von  den  interessanten  Entdeckungen 
des  Herrn  Malus  über  Spiegelung  und  doppelte  Strah- 
lenbrechung erhielten  wir  durch  das  Bulletin  de  la  Soc. 
Fhilomatique  l8og  Janvier ^  ein  Auszug  aus  einer  Abhand- 
lung des  Herrn  Malus,  welche  am  i2ten  Dezember  1808  im 
Institut  de  France  war  vorgelesen  worden.  18 10  erschien 
dessen  TMorie  de  la  double  Rifraction,  und  1 8 1 1  im  Mo- 
niteurNr.  72,  73,  243,  247  Auszüge  aus  mehreren  neuern 
Abhandlungen  der  Herren  Malus,  Biot  und  Arago  über 
denselben  Gegenstand.  Diese  waren  mir  bekannt,  als  ich 
in  der  Mitte  des  Augusts  181 2  die  ersten  Versuche  über 
jene  merkwürdigen  Erscheinungen  anzustellen  begann.  Es 
war  von  den  französischen  Physikern  bereits  entdeckt,  daß 
die  verdoppelnden  Kristalle  die  Eigenschaft  besitzen,  die 
in  Malus'  Apparat  bei  sich  kreuzender  Lage  der  Spiegel 
aufgehobene  Spiegelung,  oder  aufgehobene  Doppelbilder 
der  Kalkspate  wiederherzustellen,  wobei  von  Herrn  Arago 
zuerst  an  Glimmer,  Gips  und  Bergkristall  ein  Farbenwechsel 
in  den  beiden  Bildern  eines  Doppelspat-  oder  Bergkristall- 
prisma bemerkt  worden  war.  Dieselbe  Wirkung  hatte  Malus 
an  mehreren  organischen  Körpern  wahrgenommen.  Den 
einfach  brechenden  Körpern  hingegen,  fand  er,  fehle  diese 
Eigenschaft  der  kristallisierten,  so  wie  rekristallisierten. 
Doch  an  einemKörper  aus  dieser  letztern  Klasse,  am  Glase, 
und  zwar  an  einem  etwas  prismatischen  Flintglase,  hatte 
Herr  Arago  eine  ähnliche  Wirkung  wahrgenommen  wie 
am  Glimmer  und  Bergkristall.  Dieses,  sagt  er  im  Moni- 
teur  181 1  Nr.  2 43,  depolarisierte  in  allen  Stellen  dieLicht- 
strahlen,  und  auch  hier  erschienen  die  beiden  Bilder  des 
Kalkspates  bisweilen  in  entgegengesetzten  Farben,  doch 


DIE  ENTOPT.  FARBEN:  GESCHICHTE       429 

mehrenteils  farblos.  Dasselbe  hatte  ich  Gelegenheit  an 
einigen  dicken  Gläsern  zu  bemerken;  ich  fand  aber  auch, 
daß  nicht  alle  Stellen  derselben  gleich  wirkten,  daß  einige 
die  Spiegelung  und  die  Doppelbilder  herstellten,  andere 
nicht,  und  daß,  wenn  eine  Stelle  bei  veränderter  Rich- 
tung des  Glases  das  Vermögen  der  Wiederherstellung  ver- 
lor, ein  anderer  Punkt  dasselbe  erhielt,  welcher  vorher 
unwirksam  gewesen  war.  Ja  was  noch  merkwürdiger:  bei 
unveränderter  Richtung  des  Glases  gegen  die  übrigen  Teile 
des  Apparates  stellten  einzelne  Punkte  das  ordinäre  Bild 
des  Doppelspates,  andere  das  extraordinäre  und  mehrere 
das  Doppelbild  wieder  her.  Die  Neuheit  dieser  Erfahrung 
und  die  Aussicht,  welche  sich  hier  zu  näheren  Aufschlüssen 
über  die  Bedingungen  und  Gesetze  der  doppelten  Strah- 
lenbrechung überhaupt,  oder  doch  mindestens  über  die 
Wirkung  der  verdoppelnden  Kristalle  im  Spiegelungs- 
apparat zu  eröffnen  schienen,  forderten  zur  genausten 
Untersuchung  dieser  Erscheinungen  auf.  An  einem  Glas- 
würfel  entdeckte  ich  zuerst  eine  gesetzmäßige  Folge  in 
Wiederherstellung  und  Aufhebung  der  Bilder  des  Kalk- 
spates, der  einzelnen  sowohl  als  der  doppelten,  und  be- 
stimmte genau  die  Punkte,  an  welchen  die  eine  oder  die 
andere  Wirkung  eintritt,  und  zwar  für  jede  Hauptrichtung 
des  Würfels.  Welchen  Einfluß  die  äußere  Gestalt  der  Kör- 
per auf  die  Erscheinungen  habe,  war  der  nächste  Gegen- 
stand der  Untersuchung,  und  ich  fand,  daß,  wie  die  äußere 
Form  der  Glaskörper  verändert  werde,  auch  die  Lage  der 
herstellenden  Punkte  sich  verändere.  An  mehreren  Wür- 
feln, Zylindern,  drei-  und  vierseitigen  Prismen,  Kegeln 
und  Halbkugeln  wurden  nun  die  verschieden  wirkenden 
Punkte  bezeichnet.  Diese  und  alle  übrigen,  §  6  bis  16 
meiner  ersten  Abhandlung  in  Schweiggers  Journal  für  Che- 
mie und  Physik  B.  VII,  Heft  3  angeführten  Beobachtungen 
wurden  gemacht,  ehe  ich  noch  die  Figuren^  welche  ich 
später  entoptische  genannt  habe,  gesehen  hatte.  Mein  erster 
Spiegelungsapparat  hatte  nämlich  die  unbequeme  Ein- 
richtung, daß  das  Licht  durch  eine  kleine  Öffnung  eines 
nahe  vor  den  ersten  Spiegel  befestigten  Schirmes  fiel,  wel- 
cher nicht  zurückgeschlagen  werden  konnte;  es  war  daher 


L 


43°  CHROMATIK 

immer  nur  ein  kleiner  Raum  der  Glaskörper,  kaum  zwei 
Linien  im  Durchmesser,  erleuchtet,  und  so  entdeckte  ich 
denn  alle  einzelne  Teile  der  entoptischen  Figuren,  ohne 
daß  mir  die  ganzen  Figuren  zu  Gesichte  kamen.  Schon 
am  14.  September  181 2  hatte  ich  in  mein  Tagebuch  alle 
die  Erscheinungen,  welche  §  8  und  9  der  angeführten  Ab- 
handlung beschrieben  worden,  nebst  der  dazu  gehörenden 
zweiten  Figur  Taf.  I  eingetragen.  Erst  nachdem  andere 
Untersuchungen  mich  auf  den  §  23  jener  Abhandlung  be- 
schriebenen Brechungsapparat  geführt  hatten,  erblickte  ich 
in  diesem  am  21.  Februar  18 13  zum  erstenmal  die  voll- 
ständigen entoptischen  Figuren,  welche  auf  der  zweiten 
Tafel  u.  a.  O.  abgebildet  worden  sind.  Und  nun  zeigte 
sich,  daß  die  Herstellung  der  aufgehobenen  Spiegelung 
sowohl  als  der  Doppelbilder  des  Kalkspates  nur  an  den 
hellen  Stellen  der  Figuren  erfolge,  an  den  dunkeln  aber 
wieder  verschwinde,  daß  die  Farbensäume  an  den  Rän- 
dern der  dunkeln  Teile,  oder  wo  ein  Helleres  an  ein  Trü- 
beres grenzt,  entstehen,  usw. 

Deutlich  wurde  nun  erkannt,  daß  es  bei  diesen  Farben- 
bildungen nicht  auf  die  Dicke  oder  Dünnheit  der  Körper 
ankomme,  wie  man  früher  aus  den  Erscheinungen  vom 
Glimmer  und  Gips  geschlossen  hatte,  auch  nicht  auf  die 
prismatische  Form  der  Gläser,  sondern  daß  sie  sich  in  ganz 
parallelen  Glaskörpern  bei  perpendikulär  einfallendem 
Lichte  bilden.  Ich  zeigte,  daß  nicht  alle  Gläser  gleiche 
Farbenfiguren  erzeugen,  wenn  sie  auch  in  Form  und  Dicke 
einander  gleich  sind,  und  daß  die  mehresten,  wie  z.  B.  ge- 
wöhnliches Tafelglas  und  Scheiben  von  Spiegelglas  keine 
Figuren  hervorbringen,  auch  nicht  wenn  mehrere  über- 
einander geschichtet  werden.  Es  wurde  ferner  bemerkt, 
daß  die  entoptischen  Figuren  sich  verändern,  wenn  die 
Glaskörper  in  andere  Richtungen  gegen  die  übrigen  un- 
veränderten Teile  des  Apparates  gebracht  werden,  ja  daß 
ganz  entgegengesetzte  Figuren  erscheinen,  je  nachdem  die 
beiden  Spiegel  des  Apparates  oder  die  beiden  Scheiben- 
säulen eine  sich  kreuzende  oder  €vnt  gleichnamige  Richtung 
erhalten.  Auch  machte  ich  auf  den  Gegensatz  aufmerksam, 
welcher  sich  noch  besonders  zwischen  Spiegelung  und  Bre- 


DIR  ENTOPT.  FARBEN:  GESCHICHTE       431 

chung  an  den  entoptischen  Figuren  zeigt,  so  daß  ein  Spiegel 
und  eine  Scheibensäule,  in  gleichnamiger  Richtung  ver- 
bunden, dieselbe  Figur  in  dem  zwischen  ihnen  befindlichen 
Glaskörper  hervorruft,  wie  zwei  sich  ^r^«2^«d?'^  Spiegel  oder 
Scheibensäulen;  daß  hingegen  ein  Spiegel  und  eine  Schei- 
bensäule, in  sich  kreuzenäerhsige  verbunden,  die  entgegen- 
gesetzte Figur,  und  zwar  wie  zwei  gleichnamig  gerichtete 
Spiegel  oder  Scheibensäulen  erzeuge.  Später  fand  ich,  daß 
auch  durch  einfache  Spiegel  die  entoptischen  Figuren  der 
Glaskörper  dargestellt  werden  können,  daß  aber  immer 
eine  doppelte  Beleuchtung  dazu  erforderlich  sei.  Wird  z.  B. 
ein  Spiegel  gegen  den  klaren  Himmel  gekehrt  und  ein 
Glaskörper  davor  gehalten,  so  vertritt  der  Himmel  die 
Stelle  des  zweiten  Spiegels,  und  es  entstehen  in  dem  Glas- 
körper entgegengesetzte  Figuren,  je  nachdem  die  Sonne 
dem  Beobachter  im  Rücken  oder  zur  Seite  steht.  Bei  ganz 
gleichförmig  bedecktem  Himmel  erscheint  auch  in  den 
besten  entoptischen  Gläsern  keine  Figur,  wenn  nicht  irgend 
woher  sonst  ein  reflektiertes  Licht  auf  dieselben  fällt,  oder 
vielmehr,  wenn  sie  nicht  irgendeinen  spiegelnden  Hinter- 
grund haben,  aufweichen  ein  lebhafteres  Licht  fallen  muß. 
Diese  Beobachtungen  und  Versuche  habe  ich  im  dritten 
Heft  des  Schweiggerschen  Journals  für  Chemie  und  Physik 
18 13  bekanntgemacht. 

Mancherlei  Störungen  und  andere  Arbeiten  unterbrachen 
diese  Untersuchungen.  Lange  bheb  es  unentschieden,  von 
welchen  Bedingungen  es  abhänge,  daß  einige  Gläser  das 
Vermögen  der  entoptischen  Figurenbildung  besitzen,  an- 
dere nicht,  bis  ich  durch  das  plötzliche  Zerspringen  eines 
schönen  entoptischen  Glases  in  mehrere  Stücke,  als  davon 
etwas  mit  der  Scheibe  heruntergeschnitten  werden  sollte, 
und  durch  die  wiederholten  Klagen  meiner  Glasschleifer 
über  die  Härte  einiger  Gläser,  welche  dazu  als  die  vor- 
züglichsten in  Darstellung  der  entoptischen  Figuren  be- 
funden wurden,  auf  die  Vermutung  kam,  daß  wohl  nur 
schnell  abgekühlte  und  deshalb  härtere  und  zerbrechlichere 
Gläser  ausschließend  die  Eigenschaft  besitzen  möchten, 
entoptische  Figuren  zu  bilden.  Folgende  Versuche  wurden 
nun  angestellt. 


ft 


432  CHROM  ATIK 

Scheiben  von  Spiegelglas,  welche  keine  Spur  einer  entop- 
tischen Figur  zeigten,  wurden  im  Tiegel  bis  zum  Rotglühen 
erhitzt  und  ein  Teil  derselben  an  freier  Luft  abgekühlt, 
ein  anderer  in  bedeckten  Tiegeln  und  in  erwärmtem  Ofen. 
Es  bestätigte  sich,  was  ich  erwartet  hatte:  die  ersteren 
bildeten  entoptische  Figuren,  die  letztern  keine.  Gläser, 
welche  vortreffliche  entoptische  Figuren  erzeugten,  wur- 
den geglüht  und  langsam  abgekühlt,  sie  hatten  nun  diese 
Eigenschaft  verloren.  Gläser  im  glühenden  Zustand  zwi- 
schen die  Spiegel  gebracht,  zeigten  keine  Figuren;  erst 
im  Abkühlen  fingen  sie  an  sich  zu  bilden.  So  war  denn 
der  obenstehende  Satz  bestätigt.  Von  diesen  Versuchen, 
welche  im  Oktober  i8 14  unternommen  wurden,  sowie  von 
mehreren  andern,  habeich  in  Schweiggers  Journal  für  Che- 
mie und  Physik  B.  XII,  S.  i  bis  17  Nachricht  gegeben. 
Von  den  letztern  will  ich  hier  nur  noch  einen  ausheben, 
welcher  besonders  beachtet  zu  werden  verdient.  Wenn  ent- 
optische Figurenscheiben  von  gleicher  Art  übereinander 
geschichtet  werden,  so  erscheinen  neue  und  zusammen- 
gesetztere Figuren,  als  jede  Scheibe  einzeln  gezeigt  hatte, 
d.  h.  die  entoptischen  Farbenfiguren  bilden  sich  durch  das 
Übereinanderschichten  gleichartiger  Scheiben  immer  wei- 
ter aus.  Späterhin  fand  ich,  daß  dies  seine  Grenze  hat,  und 
daß  über  eine  gewisse  Zahl  hinaus  die  Figur  wieder  schwä- 
cher wird  und  endlich  ganz  verschwindet.  Z.  B.  dreißig 
bis  vi  erzig  der  vortrefiflichsten  entoptischen  Scheiben  geben 
keine  Figur  mehr,  sie  erscheinen  im  Spiegelungsapparat 
so  gleichförmig  trüb  als  gutgekühlte  Gläser. 
Diese  Entdeckungen  sind  es,  für  welche  mir  von  dem  In- 
stitut de  France  die  Hälfte  des  für  1 8 1 6  ausgesetzten  Preises 
zuerkannt  wurde.  Ich  hatte  mich  um  diesen  Preis  nicht 
beworben;  es  war  mir  die  Aufgabe  sogar  unbekannt  ge- 
blieben. Herr  Arago  hat  das  Institut  zuerst  auf  meine  Unter- 
suchungen aufmerksam  gemacht,  wie  ich  vom  Herrn  Mi- 
nister von  Altenstein  und  Hrn.  Prof.  Schweigger  erfahre, 
denen  er  es  selbst  gesagt  hat.  Die  erste  Nachricht  erhielt 
ich  von  Herrn  Biot,  welcher  mir  im  Dezember  18 15  an- 
zeigte, daß  eine  Kommission  des  Instituts,  zu  welcher  er 
gleichfalls  gehöre,  eben  im  Begriff  sei,  über  einen  Preis 


DIE  ENTOPT.  FARBEN:  GESCHICHTE       433 

für  die  besten  zur  allgemeinen  Physik  gehörigen  Versuche 
zu  entscheiden,  welche  vor  dem  ersten  Oktober  181 5  zur 
Kenntnis  des  Instituts  gelangt  und  nicht  vor  dem  i.  Ok- 
tober 18 13  bekannt  waren.  Man  habe  meiner  hierbei 
gedacht;  er  forderte  mich  zugleich  auf,  ihm  ein  Exemplar 
der  Abhandlung  zu  senden,  in  welcher  ich  das  Verfahren 
beschrieben  hätte,  wie  den  Gläsern  die  Eigenschaft,  ent- 
optische Figuren  zu  erzeugen,  nach  Willkür  erteilt  und  ge- 
nommen werden  könne.  Noch  ehe  er  meine  Antwort  er- 
hielt, zeigte  er  mir  an,  daß  er  diese  Abhandlung  auf  der 
Königl.  Bibhothek  gefunden  habe.  Bald  nachher  erfolgte 
die  Erteilung  des  Preises,  worüber  das  im  Moniteur  1816 
Nr.  10  eingerückte  Programm  des  Institut  de  France  fol- 
gende nähere  Angabe  enthält. 

La  classe,  aprls  avoir  entendu  la  cominission  chargie  d!exa- 
miner  les  pieces  qui  pouvaient  concourir,  ajugi,  d apres  son 
rapport,  quHl  convenait  de  par tager  ce  prix  entre  M.  Seebeck 
et  M.  Brewster.  —  M.  Seebeck  a  dicouvert  que  toutes  les 
masses  de  verre,  chauffies  et  ensuite  rejroidies  rapidement^ 
produisent  des  figures  regulüres  diversement  colories,  lors- 
qu'elles  sont  interposies  entre  des  piles  de  glace  ou  entre  des 
miroirs  rißecteurs,  combinis  suivant  la  Methode  de  Malus. 
II  a  vu  en  outre  que  les  figures  qui  se  produisent  dans  un 
mime  morceau  devenaient  diffirentes  quand  on  en  changeait 
la  forme.  M.  Seebeck  a  publii  sa  dlcouverte  dans  le  Journal 
de  Physique  de  Schweigger,  en  1813  et  1814,  il  a  montri 
que  ces  phinomlnes  dlpendent  de  la  rapiditi  du  refroidisse- 
niejit,  de  sorte  que  Ion  peut  ainsi,  par  des  rlchauffemens  et 
des  refroidissemens  convenables,  donner  ou  oter  au  verre  la 
propriiti  de  produire  des  couleurs. — M.  Brewster  est  auteur 
dun  grand  nombre  de  mimoires  insiris  dans  les  Transactions 
philosophiques,  et  qui  sont  compris  dans  les  limites  du  con- 
cours.  II  en  a  envoyi  plusieurs  autres  en  manuscrit.  Parmi 
les  faits  importans  contenus  dans  ces  mimoires,  il  en  est  beau^ 
coup  qui  ont  Iti  antirieurement  ddcouverts  et  imprimis  en 
France;  mais  dans  le  nombre  des  risultats  qui  appartiennent 
ä  M.  Brewster,  les  ccmmissaires  ont  splcialement  distingui 
le  tratisport  des  couleurs  de  la  nacre  de  perle,  la  formation 
des  couleurs  compUmentaires  par  des  riflexions  successives 

GOETHE  XVII  38. 


434  CHROMATIK 

entre  des  surfacesmitalliques,  et  de  diveloppement  des  plUno- 
menes  qiie  M.  Seebeck  avait  dicouverts. — Der  ganze  Preis 
betrug  3000  Fr.  Jeder  von  uns  erhielt  eine  goldene  Me- 
daille mit  seinem  Namen,  von  317  Fr.  innerem  Wert,  und 
II 83  Fr.  in  Silber. 

Seebeck. 


D.ENTOPT.  FARBEN:  WIRKG.D.  DOPPELSPATS  435 

DOPPELBILDER  DES  RHOMBISCHEN  KALKSPATS 
[Zur  Naturwissenschaft  überhaupt.  Ersten  Bandes  erstes  Heft.  1 8 1 7] 

DA  die  entoptischen  Farben  in  Gefolg  der  Untersuchung 
der  merkwürdigen  optischen  Phänomene  des  genann- 
ten Minerals  entdeckt  worden,  so  möchte  man  es  wohl  dem 
Vortrag  angemessen  halten,  von  diesen  Erscheinungen  und 
von  denen  dabei  bemerkbaren  Farbensäumen  einiges  vor- 
auszuschicken. 

Die  Doppelbilder  des  bekaimten  durchsichtigen  rhombi- 
schen Kalkspats  sind  hauptsächlich  deswegen  merkwürdig, 
weil  sie  Halb-  und  Schattenbilder  genannt  werden  können, 
und  mit  denjenigen  völlig  übereinkommen,  welche  von 
zwei  Flächen  durchsichtiger  Körper  reflektiert  werden. 
Halbbilder  hießen  sie,  weil  sie  das  Objekt,  in  Absicht  auf 
die  Stärke  seiner  Gegenwart,  nur  halb  ausdrücken,  Schat- 
tenbilder, weil  sie  den  Grund,  den  dahinter  liegenden  Ge- 
genstand durchscheinen  lassen. 

Aus  diesen  Eigenschaften  fließt,  daß  jedes  durch  den  ge- 
dachten Kalkspat  verdoppelte  Bild  von  dem  Grunde  par- 
tizipiert, über  den  es  scheinbar  hingeführt  wird.  Ein  weißes 
Bildchen  auf  schwarzem  Grunde  wird  als  ein  doppeltes 
graues,  ein  schwarzes  Bildchen  auf  weißem  Grunde  eben- 
mäßig als  ein  doppeltes  graues  erscheinen;  nur  da  wo  beide 
Bilder  sich  decken,  zeigt  sich  das  volle  Bild,  zeigt  sich  das 
wahre,  dem  Auge  undurchdringliche  Objekt,  es  sei  dieses 
von  welcher  Art  es  wolle. 

Um  die  Versuche  zu  vermannigfaltigen,  schneide  man  eine 
kleine  viereckige  Öffnung  in  ein  weißes  Papier,  eine  gleiche 
in  ein  schwarzes,  man  lege  beide  nach  und  nach  auf  die 
verschiedensten  Gründe,  so  wird  das  Bildchen  unter  dem 
Doppelspat  halbiert,  schwach,  schattenhaft  erscheinen,  es 
sei  von  welcher  Farbe  es  wolle,  nur  wo  die  beiden  Bild- 
chen zusammentreffen,  wird  die  kräftige  volle  Farbe  des 
Grundes  sichtbar  werden. 

Hieraus  erhellet  also,  daß  man  nicht  sagen  kann,  das  Weiße 
bestehe  aus  einem  doppelten  Grau,  sondern  das  reine  ob- 
jektive Weiß  des  Bildchens  erscheint  da,  wo  die  Bildchen 
zusammentreffen.  Die  beiden  grauen  Bilder  entstehen  nicht 


436  CHROMATIK 

aus  dem  zerlegten  Weiß,  sondern  sie  sind  Schattenbilder 
des  Weißen,  durch  welche  der  schwarze  Grund  hindurch- 
blickt und  sie  grau  erscheinen  läßt.  Es  gilt  von  allen  Bil- 
dern auf  schwarzem,  weißem  und  farbigem  Grunde. 
In  diesem  letzten  Falle  zeigt  sich  bei  den  Schattenbildern 
die  Mischung  ganz  deutlich.  Verrückt  man  ein  gelbes  Bild- 
chen auf  blauem  Grund,  so  zeigen  sich  die  Schattenbilder 
grünlich;  Violett  und  Orange  bringen  ein  purpurähnliches 
Bildchen  hervor;  Blau  und  Purpur  ein  schönes  Violett  usw. 
Die  Gesetze  der  Mischung  gelten  auch  hier,  wie  auf  dem 
Schwungrad  und  überall,  und  wer  möchte  nun  sagen,  daß 
Gelb  aus  doppeltem  Grün,  Purpur  aus  doppeltem  Orange 
bestünde.  Doch  hat  man  dergleichen  Redensarten  wohl 
auch  schon  früher  gehört. 

Das  Unzulässige  einer  solchen  Erklärungsart  aber  noch 
mehr  an  den  Tag  zu  bringen,  mache  man  die  Grundbilder 
von  Glanzgold,  Glanzsilber,  pohertem  Stahl,  man  verrücke 
sie  durch  den  Doppelspat;  der  Fall  ist  wie  bei  allen  übrigen. 
Man  würde  sagen  müssen:  das  Glanzgold  bestehe  aus  dop- 
peltem Mattgold,  das  Glanzsilber  aus  doppeltem  Matt- 
silber und  der  blanke  Stahl  aus  doppeltem  angelaufenen. 
So  viel  von  den  Zwillingsbildern  des  Doppelspats,  nun  zu 
der  Randfärbung  derselben!  Hiezu  eine  Tafel.  ^ 
Man  lege  den  Doppelspat  auf  das  Viereck  A,  so  wird  das- 
selbe dem  Betrachter  entgegengehoben  werden,  und  zwar 
wie  es  auf  der  Tafel  unmittelbar  darunter  gezeichnet  ist. 
Das  helle  Bild  A  ist  in  zwei  Schattenbilder  a  und  b  ge- 
trennt. Nur  die  Stelle  c,  wo  sie  sich  decken,  ist  weiß  wie 
das  Grundbild  A.  Das  Schattenbild  a  erscheint  ohne  far- 
bige Ränder,  dagegen  das  Schattenbild  b  damit  begrenzt 
ist,  wie  die  Zeichnung  darstellt.  Dieses  ist  folgendermaßen 
abzuleiten  und  zu  erklären.  Man  setze  einen  gläsernen 
Kubus  auf  das  Grundbild  A  und  schaue  perpendikulär 
darauf,  so  wird  es  uns  nach  den  Gesetzen  der  Brechung 
und  Hebung  ohngefähr  um  ein  Dritteil  der  Kubusstärke 
entgegengehoben  sein.  Hier  hat  also  Brechung  und  He- 
bung schon  vollkommen  ihre  Wirkung  getan;  allein  wir 
sehen  an  dem  gehobenen  Bild  keine  Ränder  und  zwar  des- 

^  Vgl.  die  erste  Figur  auf  Seite  440. 


D.  ENTOPT.  FARBEN:  WIRKG.D. DOPPELSPATS  437 

wegen,  weil  es  weder  vergrößert,  noch  verkleinert,  noch 
an  die  Seite  gerückt  ist.  (Entwurf  einer  Farbenlehre  §  196 
[Seite  88].)  Eben  dies  ist  der  Fall  mit  dem  Bilde  a  des 
Doppelspats,  Dieses  wird  uns,  wie  man  sich  durch  eine 
Vorrichtung  überzeugen  kann,  rein  entgegengehoben  und 
erscheint  an  der  Stelle  des  Grundbildes.  Das  Schatten- 
bild b  hingegen  ist  von  demselben  weg  und  zur  Seite  ge- 
rückt, und  zwar  hier  nach  unserer  Rechten,  dies  zeigen  die 
Ränder  an,  da  die  Bewegung  von  Hell  über  Dunkel  blaue, 
und  von  Dunkel  über  Hell  gelbe  Ränder  hervorbringt. 
Daß  aber  beide  Schattenbilder,  wenn  man  sie  genugsam 
von  der  Stelle  rückt,  an  ihren  Rändern  gefärbt  werden 
können,  dies  läßt  sich  durch  das  höchst  interessante  See- 
beckische  Doppelspatprisma  aufs  deutlichste  zeigen,  in- 
dem man  dadurch  Bilder  von  ziemUcher  Größe  völlig  tren- 
nen kann.  Beide  erscheinen  gefärbt.  Weil  aber  das  eine 
sich  geschwinder  entfernt,  als  das  andere  vom  Platze  rückt, 
so  hat  jenes  stärkere  Ränder,  die  auch,  bei  weiterer  Ent- 
fernung des  Beobachters,  sich  immer  proportionierhch  ver- 
breitern. Genug,  alles  geschieht  bei  der  Doppelrefraktion 
nach  den  Gesetzen  der  einfachen,  und  wer  hier  nach  be- 
sonderen Eigenschaften  des  Lichts  forscht,  möchte  wohl 
schwerlich  großen  Vorteil  gewinnen. 
Insofern  man  Brechung  und  Spieglung  mechanisch  be- 
trachten kann,  so  läßt  sich  auch  gar  wohl  das  Phänomen 
desDoppelspatesmechanischbehandeln:  denn  es  entspringt 
aus  einer  mit  Spieglung  verbundenen  Brechung.  Hievon 
gibt  ein  Stück  Doppelspat,  welches  ich  besitze,  den  schön- 
sten Beweis;  wie  es  denn  auch  alles  Vorige  bestätigt. 
Wenn  man  den  gewöhnlichen  Doppelspat  unmittelbar  vors 
Auge  hält  und  sich  von  dem  Bilde  entfernt,  so  sieht  man 
das  Doppelbild  ohngefähr  wie  mans  gesehn,  als  der  Kalk- 
spat unmittelbar  darauf  lag,  nur  lassen  sich  die  farbigen 
Ränder  schwerer  erkennen.  Entfernt  man  sich  weiter,  so 
tritt  hinter  jenem  Doppelbild  noch  ein  Doppelbild  hervor. 
Dies  gilt  aber  nur,  wenn  man  durch  gewisse  Stellen  des 
Doppelspats  hindurchsieht. 

Ein  besonderes  Stück  aber  dieses  Minerals  besitze  ich, 
welches  ganz  vorzügliche  Eigenschaften  hat.  Legt  man 


438  CHROMATIK 

nämlich  das  Auge  unmittelbar  auf  den  Doppelspat  und 
entfernt  sich  von  dem  Grundbilde,  so  treten  gleich,  wie 
es  auf  der  Tafel  vorgestellt  ist,  zwei  Seitenbilder  rechts 
und  links  hervor,  welche,  nach  verschiedener  Richtung 
des  Auges  und  des  durchsichtigen  Rhomben,  bald  einfach 
wie  in  d^  bald  doppelt  wie  in  e  und /erscheinen.  Sie  sind 
noch  schattenhafter,  grauer  als  die  Bilder  ö,  b^  sind  aber, 
weil  Grau  gegen  Schwarz  immer  für  hell  gilt,  nach  dem 
bekannten  Gesetz  der  Bewegung  eines  hellen  Bildes  über 
ein  dunkles  gefärbt,  und  zwar  das  zu  unserer  rechten  Seite 
nach  der  Norm  von  b  (wodurch  die  Bewegung  dieses  letz- 
tern Bildes  nach  der  Rechten  gleichfalls  betätigt  wird)  und 
das  auf  der  linken  Seite  umgekehrt. 
Der  Beobachter  kann,  wenn  er  immer  mehr  von  dem  Ge- 
genstandsbilde zurücktritt,  die  beiden  Seitenbilder  sehr 
weit  voneinander  entfernen.  Nehme  ich  bei  Nacht  ein  bren- 
nendesLichtundbetrachte  dasselbe  durch  gedachtes  Exem- 
plar, so  erscheint  es  gedoppelt,  aber  nicht  merklich  farbig. 
Die  beiden  Seitenbilder  sind  auch  sogleich  da,  und  ich 
habe  sie  bis  auf  fünf  Fuß  auseinander  gebracht,  beide  stark 
gefärbt  nach  dem  Gesetze  wie  d  und  e,  f. 
Daß  aber  diese  Seitenbilder  nicht  aus  einer  abgeleiteten 
Spieglung  des  in  dem  Doppelspat  erscheinenden  ersten 
Doppelbildes,  sondern  aus  einer  direkten  Spieglung  des 
Grundbildes  in  die  (wahrscheinlich  diagonalen)  Lamellen 
des  Doppelspats  entstehen,  läßt  sich  aus  Folgendem  ab- 
nehmen. 

Man  bringe  das  Hauptbild  und  die  beiden  Seitenbilder 
scheinbar  weit  genug  auseinander,  dann  fahre  man  mit 
einem  Stückchen  Pappe  sachte  an  der  untern  Fläche  herein, 
so  wird  man  erst  das  eine  Seitenbild  zudecken,  dann  wird 
das  mittlere  und  erst  spät  das  letzte  verschwinden,  wor- 
aus hervorzugehn  scheint,  daß  die  Seitenbilder  unmittel- 
bar von  dem  Grundbilde  entspringen. 
Sind  diese  Seitenbilder  schon  beobachtet.'  Von  meinen 
Doppelspat- Exemplaren  bringt  sie  nur  eins  hervor.  Ich 
erinnere  mich  nicht,  woher  ich  es  erhalten.  Es  hat  aber 
ein  viel  zarteres  und  feineres  Ansehn  als  die  übrigen;  auch 
ist  ein  vierter  Durchgang  der  Blätter  sehr  deutlich  zu  sehn, 


D.ENTOPT.  FARBEN:  WIRKG.D.  DOPPELSPATS  439 

welchen  die  Mineralogen  den  verstecktblättrigen  nennen 
(Lenz,  Erkenntnislehre  Bd.  II,  S.  748).  Die  zarten  epopti- 
schen  Farben  spielen  wie  ein  Hauch  durch  die  ganze  Masse 
und  zeugen  von  der  feinsten  Trennung  der  Lamellen.  Durch 
ein  Prisma  von  einem  so  gearteten  Exemplar  würde  man  die 
bewundernswürdigste  Fata  Morgana  vorstellen  können. 
Objektive  Versuche  damit  anzustellen  fehlte  mir  der  Son- 
nenschein. 

Weimar,  den  12,  Januar  1813. 
s.  m. 

G. 


k. 


440 


CHROMATIK 


Flg. 


^%  mJ 


.^o^i/ieMva^     C>?<<u;A.ec^tu^na^_ 


Ö^i/i>fi^  cne/  a>Ce/?7ze7t/i/ 


Fiö^   3. 


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DIE  ENTOPT.  FARBEN:  ELEMENTE    441 

ELEMENTE  DER  ENTOPTISCHEN  FARBEN 

[Zur  Naturwissenschaft  überhaupt.  Ersten  Bandes  erstes  Heft.  181 7] 

Apparat.  Zweite  Figur^ 

EINE  Fläche  a — zwei  Spiegel,  auf  der  Rückseite  ge- 
schwärzt, b^  c,  gegen  die  Fläche  in  etwa  45  Graden 
gerichtet. — Ein  Glaswiirfel  d,  die  entoptischen  Farben  dar- 
zustellen geeignet.  Und,  in  Ermanglung  desselben,  meh- 
rere aufeinander  geschichtete  Glasplatten,  durch  eine 
Hülse  verbunden. 

Versuche  ohne  den  Würfel 
Man  stelle  den  Apparat  so,  daß  das  Licht  in  der  Rich- 
tung des  Pfeils  f  auf  die  Tafel  falle,  so  wird  man  den 
Widerschein  derselben  in  beiden  Spiegeln  gleich  hell  er- 
blicken. Sodann  bewege  man  den  Apparat,  damit  das  Licht 
in  der  Richtung  des  Pfeils  e  hereinfalle,  so  wird  der  Wider- 
schein der  Tafel  im  Spiegel  c  merkhch  heller  als  im  Spie- 
gel b  sein.  Fiele  das  Licht  in  der  Richtung  des  Pfeils  g 
her,  so  würde  das  Umgekehrte  stattfinden. 

Versuche  mit  dem  Würfel 
Man  setze  nunmehr  den  Würfel  ein,  wie  die  Figur  aus- 
weist, so  werden  im  ersten  Fall  völhg  gleiche  entoptische 
Bilder,  und  zwar  die  weißen  Kreuze  zum  Vorschein  kom- 
men, in  den  beiden  andern  aber  die  entgegengesetzten, 
und  zwar  das  weiße  Kjreuz  jederzeit  in  dem  Spiegel,  der 
dem  einfallenden  Licht  zugewendet  ist  und  den  unmittel- 
baren Reflex  des  Hauptlichtes,  des  direkten  Lichtes  auf- 
nimmt, in  dem  andern  Spiegel  aber  das  schwarze  Kreuz, 
weil  zu  diesem  nur  ein  Seitenschein,  eine  oblique,  ge- 
schwächtere Reflexion  gelangt. 

Aus  diesen  reinen  Elementen  kann  sich  ein  jeder  alle  ein- 
zelne Vorkommenheiten  der  entoptischen  Farben  ent- 
wickeln; doch  sei  eine  erleichternde  Auslegunghinzugefügt. 
Wir  setzen  voraus,  daß  die  Beobachtungen  an  einem  ofiiien 
Fenster  einer  sonst  nicht  weiter  beleuchteten  Stube  ge- 
schehen. 

*  Vgl.  die  zweite  Figur  auf  Seite  440. 


442  CHROMATIK 

Überzeuge  man  sich  nun  vor  allen  Dingen,  daß  hier  nur 
das  von  der  Tafel  reflektierte  Licht  allein  wirke,  deshalb 
verdecke  man  die  Spiegel,  sowie  die  Oberseite  des  Kubus 
vor  jedem  andern  heranscheinenden  Lichte. 
Man  wechsle  die  Fläche  der  Tafel  a  nach  Belieben  ab  und 
nehme  vorerst  einen  mit  Quecksilber  belegten  Spiegel. 
Hier  wird  nun  auffallen,  was  jedermann  weiß  und  zugibt: 
daß  das  Licht  nur  dann  bei  der  Reflexion  verhältnismäßig 
am  stärksten  wirke,  wenn  es  immer  in  derselben  Ebene 
fortschreitet  und,  obgleichmehrmals  reflektiert,  dochimmer 
der  ursprünglichen  Richtung  treu  bleibt  und  so  vom  Him- 
mel zur  Fläche,  dann  zum  Spiegel,  und  zuletzt  ins  Auge 
gelangt.  Das  Seitenlicht  hingegen  ist,  in  dem  gegebenen 
Falle,  wegen  der  glatten  Oberfläche  ganz  null,  wir  sehen 
nur  ein  Finsteres. 

Man  bediene  sich  eines  geglätteten  schwarzen  Papiers, 
das  direkte  Licht,  von  der  glänzenden  Oberfläche  dem 
Spiegel  mitgeteilt,  erhellt  ihn,  die  Seitenfläche  hingegen 
kann  nur  Finsternis  bewirken. 

Man  nehme  nun  blendend  weißes  Papier,  grauliches,  blau- 
liches, und  vergleiche  die  beiden  Widerscheine  der  Spie- 
gel: in  dem  einen  wird  die  Fläche  a  dunkeler  als  in  dem 
andern  erscheinen. 

Nun  setze  man  den  Würfel  an  seinen  Platz,  der  helle  Wider- 
schein wird  die  helle  Figur,  der  dunkele  die  dunklere  her- 
vorbringen. Hieraus  folgt  nun,  daß  ein  gemäßigtes  Licht 
zu  der  Erscheinung  nötig  sei,  und  zwar  ein  mehr  oder 
weniger,  in  einem  gewissen  Gegensatze,  gemäßigtes,  um 
die  Doppelerscheinung  zu  bilden.  Hier  geschieht  die  Mäßi- 
gung durch  Reflexion. 

Wir  schreiten  nun  zu  dem  Apparat,  der  uns  in  den  Stand 
setzt,  die  Umkehrung  jederzeit  auffallend  darzustellen, 
wenn  uns  auch  nur  das  mindeste  Tageslicht  zu  Gebote 
steht.  Ein  unterer  Spiegel  nehme  das  Himmelslicht  direkt 
auf,  man  vergleiche  dieses  reflektierte  Licht  mit  dem  grauen 
Himmel,  so  wird  es  dunkeler  als  derselbe  erscheinen;  rich- 
tet man  nun  den  obern  Spiegel  parallel  mit  dem  untern, 
so  erscheint  das  Himmelslicht  in  demselben  abermals  ge- 
dämpfter. Wendet  man  aber  den  obern  Spiegel  übers  Kreuz, 


DIE  ENTOPT.  FARBEN:  ELEMENTE         443 

so  wirkt  diese,  obgleich  auch  nur  zweite  Reflexion  viel 
schwächer  als  in  jenem  Falle,  und  es  wird  eine  bedeutende 
Verdunkelung  zu  bemerken  sein:  denn  der  Spiegel  obli- 
quiert  das  Licht,  und  es  hat  nicht  mehr  Energie  als  in 
jenen  Grundversuchen,  wo  es  von  der  Seite  her  schien. 
Ein  zwischen  beide  Spiegel  gestellter  Kubus  zeigt  nun 
deshalb  das  schwarze  Kreuz;  richtet  man  den  zweiten  obern 
Spiegel  wieder  parallel,  so  ist  das  weiße  Kreuz  zu  sehen. 
Die  Umkehrung  durch  Glimmerblättchen  bewirkt,  ist  ganz 
dieselbe.  Fig.  3  [auf  Seite  440]. 

Man  stelle  bei  Nachtzeit  eine  brennende  Kerze  so,  daß 
das  Bild  der  Flamme  von  dem  untern  Spiegel  in  den  oberen 
reflektiert  wird,  welcher  parallel  mit  dem  untern  gestellt 
ist,  so  wird  man  die  Flamme  aufrecht  abgespiegelt  sehen, 
um  nur  weniges  verdunkelt;  wendet  man  den  obern  Spie- 
gel zur  Seite,  so  legt  sich  die  Flamme  horizontal  und, 
wie  aus  dem  Vorhergehenden  folgt,  noch  mehr  verdüstert. 
Führt  man  den  obern  Spiegel  rundum,  so  steht  die  Flamme 
bei  der  Richtung  von  neunzig  Graden  auf  dem  Kopfe,  bei 
der  Seitenrichtung  liegt  sie  horizontal,  und  bei  der  paral- 
lelen ist  sie  wiederaufgerichtet,  wechselsweise  erhellt  und 
verdüstert;  verschwinden  aber  wird  sie  nie.  Hiervon  kann 
man  sich  völlig  überzeugen,  wenn  man  als  untern  Spiegel 
einen  mit  Quecksilber  belegten  anwendet. 
Diese  Erscheinungen  jedoch  auf  ihre  Elemente  zurück- 
zuführen, war  deshalb  schwierig,  weil  in  der  Empirie  man- 
che Fälle  eintreten,  welche  diese  zart  sich  hin  und  her 
bewegendenPhänomene  schwankend  und  ungewißmachen. 
Sie  jedoch  aus  dem  uns  ofienbarten  Grundgesetz  abzu- 
leiten und  zu  erklären,  unternehme  man,  durch  einen  hellen 
klaren  Tag  begünstigt,  folgende  Versuche. 
An  ein  von  der  Sonne  nicht  beschienenes  Fenster  lege 
man  den  geschwärzten  Spiegel  horizontal,  und  gegen  die 
Fläche  desselben  neige  man  die  eine  Seite  des  Kubus,  in 
einem  Winkel  von  etwa  90  Graden,  die  Außenseite  da- 
gegen werde  nach  einem  reinen  blauen  Himmel  gerichtet, 
und  sogleich  wird  das  schwarze  oder  weiße  Kreuz  mit 
farbigen  Umgebungen  sich  sehen  lassen. 
Bei  unveränderter  Lage  dieses  einfachen  Apparats  setze 


444  CHROMATIK 

man  die  Beobachtungen  mehrere  Stunden  fort,  und  man 
wird  bemerken,  daß,  indem  sich  die  Sonne  am  Himmel 
hinbewegt,  ohne  jedoch  weder  Kubus  noch  Spiegel  zu 
bescheinen,  das  Kreuz  zu  schwanken  anfängt,  sich  ver- 
ändert und  zuletzt  in  das  entgegengesetzte  mit  umgekehrten 
Farben  sich  verwandelt.  Dieses  Rätsel  wird  nur  bei  völlig 
heiterm  Himmel  im  Freien  gelöst. 

Man  wende,  bei  Sonnenaufgang,  den  Apparat  gegen 
Westen,  das  schönste  weiße  Kreuz  wird  erscheinen;  man 
wende  den  Kubus  gegen  Süden  und  Norden,  und  das 
schwarze  Kreuz  wird  sich  vollkommen  abspiegeln.  Und 
so  richtet  sich  nun  dieser  Wechsel  den  ganzen  Tag  über 
nach  jeder  Sonnenstellung;  die  der  Sonne  entgegengesetzte 
Himmelsgegend  gibt  immer  das  weiße  Kreuz,  weil  sie  das 
direkte  Licht  reflektiert,  die  an  der  Seite  hegenden  Him- 
melsgegenden geben  das  schwarze  Kreuz,  weil  sie  das 
oblique  Licht  zurückwerfen.  Zwischen  den  Hauptgegenden 
ist  die  Erscheinung  als  Übergang  schwankend. 
Je  höher  die  Sonne  steigt,  desto  zweifelhafter  wird  das 
schwarze  Kreuz,  weil  bei  hohem  Sonnenstande  der  Seiten- 
himmel beinahe  direktes  Licht  reflektiert.  Stünde  die  Sonne 
im  Zenit,  im  reinen  blauen  Äther,  so  müßte  von  allen 
Seiten  das  weiße  Kreuz  erscheinen,  weil  das  Himmels- 
gewölbe von  allen  Seiten  direktes  Licht  zurückwürfe. 
Unser  meist  getrübter  Atmosphärenzustand  wird  aber  den 
entscheidenden  Hauptversuch  seltenbegünstigen,  mit  desto 
größerem  Eifer  fasse  der  Naturfreund  die  glücklichen  Mo- 
mente und  belehre  sich  an  hinderhchen  und  störenden 
Zufälligkeiten, 

Wie  wir  diese  Erscheinungen,  wenn  sie  sich  bestätigen, 
zugunsten  unserer  Farbenlehre  deuten,  kann  Freunden 
derselben  nicht  verborgen  sein;  was  der  Physik  im  ganzen 
hieraus  Gutes  zuwüchse,  werden  wir  uns  mit  Freuden  an- 
eignen. 

Mit  Dank  haben  wir  jedoch  sogleich  zu  erkennen,  wie  sehr 
wir  durch  belehrende  Unterhaltung,  vorgezeigte  Versuche, 
mitgeteilten  Apparat  durch  Herrn  Geheimen  Hofrat  Voigt, 
bei  unserm  Bemühen,  in  diesen  Tagen  gefördert  worden. 
Jena,  den  8.  Juni  1817. 


DIE  ENTOPTISCHEN  FARBEN  445 

ENTOPTISCHE  FARBEN 
[Zur  Naturwissenschaft  überhaupt.  Ersten  Bandes  drittes  Heft.  1820] 

Ansprache 

BEI  diesem  Geschäft  erfuhr  ich,  wie  mehrmals  im  Leben, 
günstiges  und  ungünstiges  Geschick,  fördernd  und  hin- 
dernd. Nun  aber  gelange,  nach  zwei  Jahren,  an  demselben 
Tage  zu  eben  demselben  Ort,  wo  ich,  bei  gleich  heiterer 
Atmosphäre,  die  entscheidenden  Versuche  nochmals  wie- 
derholen kann.  Möge  mir  eine  hinreichende  Darstellung 
gelingen,  wozu  ich  mich  wenigstens  wohl  zubereitet  fühle. 
Ich  war  indessen  nicht  müßig  und  habe  immerfort  versucht, 
erprobt  und  eine  Bedingung  nach  der  andern  ausgeforscht, 
unter  welchen  die  Erscheinung  sich  ofifenbaren  möchte. 
Hiebei  muß  ich  aber  jener  Beihülfe  dankbar  anerkennend 
gedenken,  die  mir  von  vorzüglichen  wissenschaftlichen 
Freunden  bisher  gegönnt  worden.  Ich  erfreute  mich  des 
besondern  Anteils  der  Herren  Döbereiner,  Hegel,  Körner, 
Lenz,  Roux,  Schultz,  Seebeck,  Schweigger,  Voigt.  Durch 
gründlich  motivierten  Beifall,  warnende  Bemerkungen, 
Beitrag  eingreifender  Erfahrung,  Mitteilung  natürlicher, 
Bereitung  künstlicher  Körper,  durch  Verbesserung  und  Be- 
reicherung des  Apparats  und  genauste  Nachbildung  der 
Phänomene,  wie  sie  sich  steigern  und  Schritt  vor  Schritt 
vermannigfaltigen,  ward  ich  von  ihrer  Seite  höchlich  ge- 
fördert. Von  der  meinen  verfehlte  ich  nicht  die  Versuche 
fleißig  zu  wiederholen,  zu  vereinfachen,  zu  vermannig- 
falten,  zu  vergleichen,  zu  ordnen  und  zu  verknüpfen.  Und 
nun  wende  ich  mich  zur  Darstellung  selbst,  die  auf  viel- 
fache Weise  möglich  wäre,  sie  aber  gegenwärtig  unter- 
nehme, wie  sie  mir  gerade  zum  Sinne  paßt,  früher  oder 
später  wäre  sie  anders  ausgefallen. 

Freilich  müßte  sie  mündlich  geschehen  bei  Vorzeigung 
aller  Versuche,  wovon  die  Rede  ist,  denn  Wort  und  Zei- 
chen sind  nichts  gegen  sicheres,  lebendiges  Anschauen. 
Möchte  sich  der  Apparat,  diese  wichtigen  Phänomene  zu 
vergegenwärtigen,  einfach  und  zusammengesetzt  durch 
Tätigkeit  geschickter  Mechaniker  von  Tag  zu  Tag  ver- 
mehren. 


446  CHROMATIK 

Übrigens  hoff  ich,  daß  man  meine  Ansicht  der  Farben  über- 
haupt, besonders  aber  der  physischen  kenne:  denn  ich 
schreibe  Gegenwärtiges  als  einen  meiner  Farbenlehre  sich 
unmittelbar  anschließenden  Aufsatz,  und  zwar  am  Ende 
der  zweiten  Abteilung,  hinter  dem  485.  Paragraphen 
[Seite  156  f.]. 
Tena,  den  20.  Tuli  1820. 

G. 


I 

Woher  benannt? 
Die  entoptischen  Farben  haben  bei  ihrer  Entdeckung  diesen 
Namen  erhalten  nach  Analogie  der  übrigen,  mehr  oder  we- 
niger bekannten  und  anerkannten  physischen  Farben,  wie 
wir  solche  in  dem  Entwurf  zu  einer  allgemeinen  Chroma- 
tologie  sorgfältig  aufgeführt.  Wir  zeigten  nämhch  daselbst 
zuerst  dioptnscheY?it\iQW  ohne  Refraktion,  die  aus  der  reinen 
Trübe  entspringen;  dioptrische  mit  Refraktion,  die  pris- 
matischen nämlich,  bei  welchen  zur  Brechung  sich  noch 
die  Begrenzung  eines  Bildes  nötig  macht;  kaioptrische,  die 
auf  der  Oberfläche  der  Körper  durch  Spiegelung  sich  zei- 
gen; paroptische,  welche  sich  zu  dem  Schatten  der  Körper 
gesellen;  epoptische,  d